On Air - Der Blasmusik Podcast
Podcast rund um das Thema Blasmusik. Andy Schreck, selbst u.a. Dirigent und Lehrer für Musik an einem Gymnasium trifft sich mit Musikern, Dirigenten, Komponisten und Visionären um über Musik und das Leben zu sprechen und andere für neue Ideen zu begeistern.
On Air - Der Blasmusik Podcast
Matthias Schorn - Musik ist für mich nichts anderes als Energieaustausch
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Er ist nicht nur Solo-Klarinettist der Wiener Philharmoniker, sondern auch Festivalgründer, Kolumnist, Kulturschaffender, Gastgeber, Labelgründer, Kammermusiker und Pädagoge. Matthias spricht voller Leidenschaft über Musik. Nicht ohne Grund hat er vor ein paar Jahren erst einen alten Bahnhof gekauft, um ihn als Kulturstätte umzubauen.
Wir sprachen über Energie und das Scheitern nicht nur dazu gehört, sondern zum Wachsen auch wichtig ist.
www.matthias-schorn.at
www.andyschreck.de
Diese Folge wird euch präsentiert von Buffet Grandport, Europas größtem Hersteller für Blasinstrumente mit Sitz in Markneukirchen und Gerritz Ried. Viele der Instrumente werden dort gebaut und wer auf der Suche nach einem neuen Blasinstrument ist, sollte auf jeden Fall einen Blick in den Showroom nach Gerritz Reed werfen. Dort stehen über 300 Instrumente zum Testen bereit. Von der Klarinette bis hin zu Tuba ist dort alles vorhanden, was das Musikerherz begehrt. Und deshalb lohnt sich auf jeden Fall ein Besuch. Ihr könnt telefonisch oder via E-Mail einen Termin ausmachen und das Team vor Ort kümmert sich mit vollem Einsatz und großartigem Fachwissen um seine Besucher.
SPEAKER_00Letzten Endes ist das Geilste für mich, wenn ich Gänsehaut kriege, wenn ich lachen muss, wenn ich weinen muss oder wenn mein Fuß zu zucken beginnt, weil ich am liebsten aufhupfen würde, um zu tanzen oder zu springen oder laut zu schreien. Und das ist das, was mich nicht mehr loslässt am Musik machen. Und wenn das aufhört, dann muss ich es lassen.
SPEAKER_02Wir sind on Air in 3, 2, 1.
SPEAKER_03Herzlich willkommen bei Onair, dem Blasmusik-Podcast. Mein Name ist Sandy Schreck und ich treffe mich mit Dirigenten, Komponisten, Musikern und Visionären aus der Welt der Blasmusik. Wir sprechen über Ansichten, neue Ideen, das Leben und natürlich Musik. Für meinen heutigen Gast sind Begriffe gepachtet wie Energiespender oder Ideendlieferant. Er ist nicht nur Solo-Klientist bei den Wiener Philharmonikern, sondern auch Festivalgründer, Kolumnist, Kulturschaffender, Gastgeber, Labelgründer, Kammermusiker und Pädagoge. Ich freue mich, dass er sich heute Zeit genommen hat und sage herzlich willkommen und Servus. Matthias Schorn.
SPEAKER_00Hallo, danke für die Erinnerung. Freue mich.
SPEAKER_03Matthias, meine erste Frage, die ich jetzt seit einem Jahr, seitdem ich den Podcast mache, immer stelle, ist, welches Stück hast du dir bewusst als letztes angehört, bevor wir dieses Interview machen?
SPEAKER_00Muss ich nachdenken. Bewusst angehört. Also nicht Radio oder so irgendwas, was im Hintergrund läuft.
SPEAKER_03Genau, sondern mal bewusst zugehört. Kann ja auch am Radio sein, aber halt wirklich mal bewusst wahrgenommen.
SPEAKER_00Ja, ja, ja, ja. Ich habe heute den ganzen Tag geprobt, mein Kopf ist voll. Welches Stück habe ich mir bewusst angehört? Ich glaube, das letzte Mal so bewusst zugehört, war heute Morgen, als ich in die Probe gefahren bin im Auto, da habe ich Radio Österreich 1 laufen gehabt und da war ein Klarinettentrio. Und ich habe mir gedacht, das habe ich schon gespielt und ich habe mir die ganze Zeit gedacht, welches Stück ist das? Und ich glaube, das war das letzte Mal, als ich so richtig bewusst zugehört habe. Der Rest war ein bisschen, glaube ich, einfach nur Berieselung.
SPEAKER_03Weißt du jetzt mittlerweile, was es war? Ja, ein Stück von Josef Suck war das.
unknownOkay.
SPEAKER_00Ganz unbekanntes Stück. Und deswegen war es mir auch nicht, also ich wusste, ich habe das mal gespielt, aber es war mir einfach nicht geläufig und der nette Moderator von Ö1 hat es dann aufgelöst.
SPEAKER_03Gott sei Dank. Matthias, du bist musikalischer Leiter der Woodstock Academy, die jetzt startet. Und mal für die Zuhörer, was ist das genau und was hat dich dazu bewegt, federführend dabei zu sein?
SPEAKER_00Also die Woodstock Academy ist einfach der Versuch, die Idee des Woodstock der Blasmusik konsequent irgendwie weiter zu spinnen oder zu vertiefen und vor allem auch in Zeiten wie diesen, wo es pandemiebedingt einfach, wie wir alle wissen, nicht so einfach ist, das, was meiner Meinung nach uns zum Menschen macht oder uns Musiker und Musikanten auch so ausmacht und uns momentan auch sehr oft bleiben lässt, nämlich das Zusammensein, das Miteinander sein, das Miteinander musizieren, das Miteinander leben. Ja, einfach das ist Energie, Musik machen ist für mich nichts anderes als Energieaustausch. Und das kann einfach nur alle Streaming-Sachen, alle Podcasts in Ehren, das ist großartig und danke, dass es das gibt. Aber das analoge Musikerleben direkt von der Bühne ins Publikum und auch umgekehrt vom Publikum zurück auf die Bühne, dieser Energieaustausch kann nur analog passieren. Und ich glaube, da sind wir uns auch alle einig. Und so ist die Idee entstanden, dass Simon Ertl, mit dem ich gemeinsam vor über zehn Jahren, auch die ersten Ideen hatte zum Woodstock, der Blasmusik, zum Gedanken kann Blasmusik oder das große Universum der Musik, Menschen zusammenbringen, verschiedene Altersschichten. Wir wissen alle, beim Woodstock sind Menschen zwischen 8 und 80 da. Das politische Spektrum würde man das erfassen, würde wahrscheinlich von links außen bis nach rechts außen reichen. Und trotzdem, auch die Religionen würden sich wahrscheinlich nicht ganz so extrem aufteilen, aber auch da wird es Unterschiede geben. Manche vielleicht, die von sich behaupten, an keinem Gott zu glauben oder keiner Kirche zugehörig zu sein, bis hin zu Menschen mit jüdischem Glauben vielleicht. Also das, was uns interessiert hat, war, kann Musik der kleinste gemeinsame Nenner sein für so heterogene Gruppen an Menschen? Und ich glaube, die letzten zehn Jahre haben bewiesen, dass das funktioniert. Und Simon kam dann im Laufe dieser letzten eineinhalb Jahre, wo einfach so viel anders wurde, auf mich zu mit einer Idee, die wir beide schon länger mal hatten, aber wo wir, und das ist vielleicht ja die schöne Seite dieser Corona-Zeit, man kann manche Ideen, die man länger hatte, vielleicht auch in die Tat umsetzen. Und so kam eben Simon zu mir and fragte mich, ob wir nicht diese etwas ältere Idee eines Kurses, einer gemeinsamen Woche, wo man sich auch fortbilden kann for the Woodstock Community, ob wir nicht die jetzt, ob wir es nicht angehen sollten. Und das haben wir gemacht. Die Website is seit mittlerweile zehn Tagen, glaube ich, online und ab 19. Mai kann man sich auch anmelden und Kurse buchen. Ich habe ihm das zugesagt, einfach weil ich mittlerweile sein Team und ihn natürlich sehr gut kenne und weil ich der Meinung war, er verfügt über die organischen und administrativen Möglichkeiten, eine doch wie ich finde, revolutionäre Idee eines Kurses umzusetzen. Mir war sehr wichtig bei dieser Woodstock Academy, dass meine positiven und negativen Erfahrungen als Leiter oder Dozent vieler Kurse, aber auch als Schüler und Teilnehmer vieler Kurse, auch wenn das schon ein paar Jahre her ist, dass ich die mit da reinbringe. Das heißt, ich wollte, dass man einfach sehr individuell wählen kann, dass man nicht mit der Gießkanne über alle drüber schüttet und vielleicht 20 prominente Namen auf ein Plakat schreibt und das war es dann, sondern ich wollte wirklich, dass sich jeder für sich seinen Kurs bauen kann. Und das ist ein Riesenaufwand, diese Website und den Organizer und alles zu erstellen. Aber ich bin der Meinung, es wird sich jetzt herausstellen, ob es auch klappt und funktioniert, aber ich bin der Meinung, das, was jetzt da online ist, diese Website und auch ab 19. die Buchung, das Buchungstool, ist wirklich revolutionär für Teilnehmerseite, genauso wie für mich und meine Kollegen, weil auch von den Dozenten jeder vorab genau einen Plan bekommt, wann welcher Schüler kommt, welches Level der hat, was den interessiert und so weiter. Und es soll auch ein ganzheitliches Angebot sein. Man kann dort Rad fahren, wandern. Es gibt Workshops, angefangen von wie bastel ich richtig bis hin zu Kurse für Finale und Notenschreibprogramme. Ich selber mache einen Workshop, wo ich drei der abgedroschensten Märsche gerne ausputzen möchte und zeigen möchte, welche Edelsteine das eigentlich sind. Also es soll einfach Musik in seiner Blasmusik, in seiner ganzen Bandbreite und in diesem riesigen Universum gezeigt werden und auch eine Möglichkeit geschaffen werden, unter Einhaltung aller Corona-Regeln, die denn dann eben auch gelten werden, zusammen zu sein und vielleicht Abstand zu halten, aber über die Musik und über diese Energie, an die wir alle gemeinsam glauben, darüber uns näher zu kommen. Das glaube ich, das steckt dahinter.
SPEAKER_03Darf ich fragen, welche Märsche du dir da ausgesucht hast?
SPEAKER_00Ja, ich habe, man könnte viele wählen, ja, aber ich habe drei gewählt, die mir persönlich am Herzen liegen, gerade weil sie so inflationär verwendet werden und gerade weil ich glaube, dass aber wirkliche Meisterwerke dahinter stecken. Das ist einerseits dem Land Tirol die Troy von Florian Botanik, andererseits der Rainer Marsch von Hans Schmidt und der dritte ist Mein Heimatland von Sepp Neumeier.
SPEAKER_03Okay.
SPEAKER_00Ja, ich bin selber sehr neugierig, was passieren wird. Ich glaube einfach, dass es sich lohnt, da ein bisschen genauer hinzuschauen. Und schauen wir mal, bin selber gespannt.
SPEAKER_03Was ich, also ich habe Fragen vorher noch über Instagram an meine Zuhörer geschickt und was ganz oft kam, und das hätte ich sowieso gefragt, aber es ist total spannend, dass das so viele wissen wollen. Wie kam überhaupt Musik in dein Leben?
SPEAKER_00Das ist relativ einfach, Erklärt. Ich bin in Salzburg geboren, Salzburger Land im Täningau, 20 Kilometer südlich der Stadt, in einem kleinen Dorf mit knapp 2000 Einwohnern. Und meine Familie hatte nichts zu tun mit professioneller Musik, schon gar nichts mit professioneller, klassischer Musik. Aber es gab viele Anknüpfungspunkte, weil einfach meine Familie bestand mehr oder weniger aus vielen Laienmusikern und begeisterten Amateuren. Also mein Großvater war der Kulturmensch im Dorf. Also er war 40 Jahre lang Chorleiter und Organist. Das klingt jetzt nach was Großem, ist aber sehr dörflich gemeint. Also die haben dort keine Mozart-Messen gemacht, sondern wirklich im Rahmen ihrer Möglichkeiten versucht, die Gottesdienste mit Musik zu gestalten. Da war sicher auch mal eine Schubert-Messe dabei, im besten Fall, aber ansonsten waren das sehr, ging es da um Volkslieder, um eine sehr schöne, einfache, im besten Sinn des Wortes, einfache Art und Weise, Gottesdienste zu gestalten. Er hat daneben Zittern gespielt, hatte bis zu seinem 80. Lebensjahr eine Stubenmusik, die auch immer, ich wohnte mit meinen Großeltern unter einem Dach, also meine Eltern, meine Großeltern und wir, Enkelkinder, die haben zu Hause musiziert, Stubenmusik, Zitter, Hackbrett, Gitarre, Kontrabass, Ziharmonika. Mein Großvater hat tausend Gedichte geschrieben, alles Mundart Gedichte, hat zwei Theaterstücke geschrieben. Er war wirklich so im Dorf, der Kulturmann. Er hat bei der Blasmusikkapelle natürlich auch mitgewirkt, als Flügelhornist über viele Jahrzehnte. Der war ganz ein wichtiger Anknüpfungspunkt. Es gab auch permanent, meine Großeltern haben Zimmer vermietet, das heißt, es gab permanent Gäste aus Deutschland, aus Dänemark. Das war auch so in den 80ern, als ich Kind war, noch sehr einfaches Wohnen oder einfaches Urlauben, aber auf eine sehr schöne persönliche Art und Weise. Und da wurden am Abend dann auch für die Gäste, wurde musiziert und ich war da als Kind einfach immer mit dabei. Ich saß auch als Kind neben meinem Opa auf der Orgel während der Gottesdienste, was viel spannender war für mich, als den Gottesdienst einfach sozusagen unter allen anderen Menschen beizuwohnen. Und so habe ich das einfach gesehen, wie der Chor singt und habe da immer sehr interessiert gelauscht, eben auch wenn zu Hause musiziert wurde. Und meine Eltern natürlich auch beide in der Blasmusikkapelle. Meine Mutter war Querflötistin und mein Vater Klarinettist und Saxophonist. Mein Großvater väterlicherseits hat ein bisschen Zihharmoniker gespielt, ist aber früh verstorben, habe ich leider kaum mehr kennengelernt, das wurde mir nur erzählt. Und so in diesem sozusagen musikalischen Humus wurde ich sozialisiert, also mit Volksmusik, mit Blasmusik, mit einfachster Art von Kirchenmusik, Volksliedern. Aber es war einfach permanent da. Also es war völlig selbstverständlich, dass Musik irgendwie dazugehört, dass meine Eltern, vor allem mein Vater, fast jeden Sonntag irgendwie mit der Musikkapelle unterwegs waren. Und wie so ein kleiner Junge, dann hat irgendwann möchte man so wie der Papa am Sonntag da auch mit der, die hatten eine schöne Tracht, Lederhose und ich wollte das einfach auch haben und wollte da auch mitmachen. Und so kam es, dass ich zuerst als Trommelbub zur Musikkapelle gekommen bin. Also ich habe die große Trommel gezogen und habe dort sicher auch, im Nachhinein, denke ich mir halt, wahrscheinlich als Kind schon irgendwie ein bisschen so, ja, ich hatte halt den großen Rhythmusmacher hinter mir dran und habe versucht, mit meinen kleinen Füßen im Takt mitzumarschieren. Und als ich acht Jahre war, lag eine Klarette unterm Christbaum und so kam es dann, dass ich einfach dasselbe Instrument wie der Vater eben erlernen wollte. Und alles andere hat sich dann durch Glück, Zufall und manchmal auch durch mein eigenes Zutun einfach so gefügt. Und ich bin sehr dankbar, dass mir diese große Welt der Musik in all den Facetten jetzt so offen steht. Und das ist ein großes Privileg und ein großes Glück.
SPEAKER_03Weil du gerade sagst, vielleicht Zufall oder Zutun, du hast in einem Interview mal gesagt, ein Leben ohne Bühne wäre keines für mich. Wann kam für dich die Entscheidung, Musik zum Beruf zu machen?
SPEAKER_00Die kam nicht so, so von heute auf morgen. Das war ein bisschen, dass mir dann, also ich meine, als ich Klarette lernen begonnen habe, mit acht Jahren kam der Lehrer zu uns ins Haus und ich habe in der Küche und den Unterricht gehabt, das war Privatunterricht, lustigerweise dasselbe Lehrer, bei dem mein Vater schon Klarette gelernt hat. Also es war der damalige Kapellmeister im Dorf, der hat mich unterrichtet, ein sehr guter Lehrer, mit dem ich nach wie vor sehr gut befreundet bin. Und der hat dann halt irgendwann gesagt, dass ich zu meinen Eltern auch, dass ich ganz schickt bin und talentiert und so. Und dass ich doch auch mit anderen zusammenspielen soll. Dann bin ich in die Musikschule gewechselt. Dann habe ich da auch wieder das, darum spreche ich auch von Glück, weil man einfach zur richtigen Zeit an die richtigen Menschen geraten muss. Dann habe ich da das Glück gehabt, einen tollen Musikschullehrer auch zu haben, der dann auch wieder irgendwann zu meinen Eltern gesagt hat, dass er findet, dass ich sehr talentiert bin und ob ich nicht da das irgendwie professioneller verfolgen will. Und ich habe das eher, glaube ich, als Kind, auch weil ich nicht wusste, was das heißt. Ich habe das abgeblockt. Nein, nein, ich war bei zwei Musikkapellen, ich spiele immer eine Musikapelle, es macht Spaß und aber so professionell, das wusste ich nicht, was das heißt und habe ich mich eher immer ein bisschen gewehrt. Ich wurde dann fast ein bisschen überredet, dann das Mozarteum in den Vorbereitungslehrgang zu wechseln. Das hat dann auch nicht sehr gut geklappt. Ich war da sehr jung, ich war da 14, als ich da begonnen habe, ein Vorbereitungsstudium als außerordentlicher Hörer, so hieß das damals, zu inskribieren. Aber es war nichts für mich. Also ich war einfach ein Kind, ich konnte mit diesen Studenten, Kollegen und so, das war nichts für mich. Ich habe das auch dann wieder nach einem halben Jahr beendet. Und erst über Umwege, dann zwei Jahre später mit 16, als ich wieder auf Kursen andere Lehrer kennengelernt habe, die mir auch gesagt haben, ach, möchtest du nicht, das wäre doch schade und wir finden, du bist irgendwie vielleicht besonders talentiert, wir nehmen dich mit nach Wien zu einem Lehrer. Und so kam es dann irgendwie schleichend eigentlich, dass ich in dieses Fahrwasser kam, wo ich mir gedacht habe, das wäre doch wahnsinnig schön, wenn ich das ganz oft machen könnte. Und also ein Wunsch, in Wiener Philharmoniker zu werden, das war nie da, weil das war so weit weg wie der Mond, das habe ich mir nicht, das war sozusagen schon zum Wünschen zu weit weg. Also, und das hat mich irgendwie im Nachhinein, also ich versuche ja auch ja nur im Nachhinein mir zu überlegen, wie vieles passiert ist, aber ich glaube, es hat mir einfach sehr viel Spielerisches behalten lassen. Weil ich einfach mir selber wahrscheinlich gar nicht gedacht habe, dass ich dafür geeignet wäre. Ich habe einfach, mir hat das Üben dann auch Spaß gemacht und ich habe dann, also es kam einfach so, wie es kam. Und ich habe, wie gesagt, das Glück gehabt, erstens einmal Eltern zu haben, die mich aus meiner Sicht mich fantastisch gefördert haben, ohne mich zu drängen, und dann zur richtigen Zeit am richtigen Ort an die richtigen Lehrer zu geraten und ein bisschen selber beizutragen. Das war irgendwie eine Mischung, die, wo ich das Glück hatte, dass das, wenn man so will, zu einer, zu einem, zumindest sehe ich so, für mich zu einem glücklichen Berufsleben und ander hinausgeführt hat.
SPEAKER_03Ja. Wenn du, also du sagst, als du 14 warst, konntest du damit noch nicht so viel anfangen. Dann mit 16 ging es dann los. Wie waren deine Studienjahre am Anfang geprägt und konntest du dich in dem Studium auch so vielseitig ausleben, wie du jetzt Musik machst?
SPEAKER_00Nein, weil ich hatte dann auch in Wien das Glück, den besten Lehrer der Welt zu haben, Hans Hindler, halte ich immer noch für den Best, für mich, den ich mir wünschen konnte. Aber, und dafür kann ja er nichts, auch er ist, er ist aus der Steiermark, auch er ist mit Blasmusik, mit Volksmusik groß geworden. Aber es ist einfach so, dass das System, das Musikerziehungssystem, zumindest hier in Österreich, es ist ein großartiges System. Es gibt ein unglaublich ausgeprägtes Musikschulwesen, tolle Universitäten, aber es ist eben ein System, wie jedes, auch das Schulsystem, das wäre ein eigener Podcast wert, aber wie jedes System auch sozusagen ein bisschen vielleicht zu wenig individuell und es geht das Kind, es klingt jetzt esoterisch, wenn ich das sage, aber ich bin davon überzeugt, dass es das am besten trifft. Das Kindsein geht verloren. Also ich wurde grandios ausgeprägt für die Herausforderungen, die ich tagtäglich, wenn von der Corona-Zeit ab sieht, tagtäglich sonst bewältigen muss. Nämlich, wenn ich einen heiklen Einsatz mit drei ORF-Mikrofonen vor mir live im Fernsehen zehnmal spielen muss, dann schaffe ich es, glaube ich, dass neun von zehnmal klappt, weil ich so ausgebildet wurde, dass ich ziemlich genau weiß, wenn ich so mache, dann bin ich irgendwann draufgekommen, dann klappt es. Das ist fantastisch. Und das macht den Beruf für mich auch sozusagen unter Anführungszeichen nervlich und was die Herausforderungen mental betrifft, erträglich. Nämlich ich gehe nicht zugrunde dran, weil ich das Gefühl habe, ich bin gewappnet. Das hat mein Lehrer großartig geschafft. Aber was in diesem Ausbildungssystem verloren geht, ist eben das Kindsein, einfach spielen zu dürfen, einfach ausprobieren zu dürfen. Man wird darauf getrimmt, alles richtig zu machen. Das ist, verstehe ich auch, auch ich selber bin ja mittlerweile Unterrichtender. Und auch ich, glaube ich, tappe in diese Falle. Man möchte die Menschen, die einem sich anvertrauen, bestmöglich wappnen und sie vor Fehlern bewahren. Aber ich denke mir im Nachhinein, dass es schön gewesen wäre, und vielleicht ist das auch ein Grund dafür, dass ich mich jetzt manchmal ein bisschen über die Maßen austobe, dass ich einfach zu mehr auch noch scheitern möchte und mehr einfach probieren, try and error, mehr improvisieren, ohne mir dabei Gedanken zu machen, ist der Klang schön? Is the Intonation vielleicht ein halbes Herz zu hoch oder zu tief? Oder bin ich jetzt wirklich hundertprozentig rhythmisch? Also sozusagen einfach über das Spielen, wie es ein Kind eben macht, was rauszufinden. Und das, um deine Frage zu beantworten, glaube ich, geht in dem Ausbildungssystem, in dem wir uns befinden, zwangsläufig ein bisschen verloren. Ich versuche selber, wenn ich unterrichte, das mit einfließen zu lassen. Es gelingt mir wahrscheinlich auch, ganz sicher auch nicht immer. Aber ich finde es wichtig und ich glaube, es ist auch ein Grund dafür, warum ich mich jetzt als nicht mehr ganz junger Mensch, aber doch noch lernhungriger und gieriger Mensch darum bemühe, auch einfach, klingt jetzt blöder, auf einfach mal zu scheitern und Fehler zu machen und dann drauf zu kommen, wie das ist. Und dann daraus zu lernen. Also so glaube ich, komme ich weiter. Und wenn ich nur in meinem eigenen Saft koche, ich kann durch die Welt fahren und immer Mozart-Klanettenkonzert spielen. Das kann ich ganz gut. Ich kann auch mit meinem Orchester, ich habe alle großen Symphonien gespielt und ich bin dankbar dafür und ich möchte sie auch alle nochmal spielen, weil sie für mich nichts verlieren an dem Zauber und an der Herausforderung. Aber ich möchte auch einmal mit einem großartigen Jazzmusiker auf der Bühne stehen und merken, dass ich diese Waffen und Werkzeuge überhaupt noch nicht beherrsche. Aber ich möchte es ausprobieren und ich möchte es mir zeigen lassen. Oder ich möchte, wie ich es gemacht habe, mit dem fantastischen Rudy Pits und den Tanzgeigern auf der Bühne stehen und einfach sagen dürfen, auch als Wiener Philharmoniker, zeig mir das jetzt mal. Und wenn es um mein einfaches slowakisches Stück geht, das nehme ich mir raus. Wenn mich dann jemand auslacht, ist das für mich okay. Aber ich möchte auch als Wiener Philharmoniker sagen dürfen, zeig mir das doch bitte mal. Weil ich einfach nicht alles kann. Im Gegenteil, ich kann so vieles noch nicht. Und mich interessieren eben gerade die Sachen, die ich noch nicht kann am meisten.
SPEAKER_03Woher nimmst du dieses Selbstbewusstsein? Also, wenn ich jetzt an meine Studienzeit zurückdenke, bei uns war das ähnlich. Also, ich hatte Gott sei Dank einen Lehrer, der relativ offen war, dass ich am Wochenende auch Blasmusik gemacht habe, aber ich weiß, dass wir auch andere hatten, die das sehr rigoros davor gegangen sind. Was mir zum Beispiel einfällt, bei uns gab es jetzt dann in den letzten Jahren, da war ich nicht mehr da, ich habe das nur mitbekommen, Blasorchesterleitung, und die ganze Klarinettenklasse hat verboten bekommen, da zu spielen. Schwachsinn, völliger Schwachsinn. Aus meiner Sicht. Ja, finde ich auch. Aber ich merke es selber jetzt, wie du schon sagst, wenn man älter wird, dann denkt man nochmal anders darüber nach. Aber wie kann man jetzt einem jungen Menschen so viel Selbstbewusstsein mitgeben, zu sagen, okay, ich probiere mal was aus und darf scheitern? Weil in dem System, wo wir drin sind oder drin waren, darf man das ja nicht.
SPEAKER_00Also ich bin guter Dinge, dass dieses System schon auch sich öffnet. Also das beobachten wir schon sehr langsam und sehr rege, ja, weil das ist natürlich, ja, das geht nicht von heute auf morgen. Aber ich merke schon, also als ich studiert habe, und vielleicht kennst du das, war es schon noch ein bisschen so, in Österreich heißt es Konzertfachstudium, in Deutschland glaube ich, wie heißt das? Künstlerisch einfach. Ja, genau. Und dann gab es das IGP-Studium, also das pädagogische Studium. Und wenn man als Konzertfachstudent keine Orchesterstelle gewonnen hat, dann war man sozusagen einer von denen, die gescheitert sind. Und als Notlösung wurde man dann vielleicht Musikschullehrer. Und das finde ich, das finde ich, also da kriege ich heute noch irgendwie einen Magenkrampf, weil ich einfach wirklich glaube, ich bin auch mit einer Musikschullehrerin verheiratet. Ich glaube, dass die, und auch wenn ich selber an meinen Werdegang denke, ich glaube, das sind die wichtigsten. Also wenn sozusagen da nur gefühlt jetzt, wenn man denen das Gefühl gibt, ihr macht halt das, was übrig bleibt, dann ist das völlig falsch. Weil hätte mir nie jemand gezeigt, wie ich meine Lippen über die Zähne lege, um ein leeres G aus einer Klarinette rauszublasen, dann könnte ich heute nichts machen. Also ich glaube, und das beobachte ich Gott sei Dank, dass sich das einfach ändert. Dass es nicht mehr heißt, entweder du gewinnst eine Stelle oder du bist gescheitert und nimmst das, was halt irgendwo übrig bleibt, sondern dass es möglich ist, erstens, dass man sich von vornherein, dass es Menschen gibt, die von vornherein sagen, zu unterrichten, das würde mir Spaß machen. Das ist meine Berufung. Das finde ich großartig. Solche Menschen soll man auf junge Leute loslassen und keine Notnagel, die, weil sie es nicht geschafft haben, das Gefühl haben, dass das Einzige, was übrig bleibt. Also es gibt Menschen, die grundsätzlich, gab es auch früher, aber ich habe das Gefühl, es werden mehr, die sagen und es nicht als Scheitern erleben, weil es ist kein Scheitern oder es ist kein Plan B, zu sagen, ich unterrichte gerne und ich würde das gerne machen, auch Kinder, auch an einer Musikschule, auch sozusagen weniger beachtet oder mit weniger Prestige beladen, ja, aber ein unglaublich wichtiger Job. Und dann beobachte ich auch, dass es Studentinnen und Studenten gibt, die sagen, okay, ist das auch mal ein Probespiel machen? Ja, gerne. Vielleicht auch eins gewinnen, wenn es passt, ja, das finde ich einen schönen Ansatz, ja. Nicht so versteift darauf zu sein, sondern vielleicht nehme ich das mit, ja. Aber auch zu sehen, okay, ein Student von mir, Frederic Avarado Dupi, der jetzt auch bei uns bei den Woodstock-Musikanten spielt, ist der Klaretist von Federspiel, ja. Also wer würde denn behaupten, dass ein Klarettist eines Ensembles wie Federspiel, nur weil er keine Orchesterstelle gewonnen hat, er wollte das in der gescheitert ist. Also der hat doch einen unglaublichen Beruf jetzt als freischaffender Musiker bei Federspiel. Er unterrichtet nebenher, er macht das, was er gerne tut. Und das ist ein Beispiel, und es tut mir leid, dass ich ihn jetzt namentlich genannt habe, I wanna mir verzeihen. Aber es ist einfach so, dass es die Möglichkeiten mehr und mehr gibt und dass junge Menschen auch mehr und mehr diese Möglichkeiten sehen, einfach auch selbst was zu tun und Ensembles zu gründen, Ideen zu haben. Das wird ja auch in vielerlei Hinsicht einfacher. Früher, wenn man eine Platte aufnehmen wollte, das war ein Riesenprojekt. Heute kann das beinahe jeder selber im Home Studio machen. Dasselbe gilt für Festivals gründen, Websites erstellen und so weiter. Also da ist ja viel passiert und das bringt Möglichkeiten mit sich, die Gott sei Dank jetzt auch junge Menschen und Studenten auch im Musik- und Kunstbereich sehen und ausleben. Und das finde ich ja eine wahnsinnig schöne Entwicklung. Lange Rede, kurze Sinn, um auf deine Frage zurückzuholen. Ich glaube, da tut sich einfach einiges, wo es davon weggeht, dass man einfach. Also ich glaube, das System öffnet sich hier. Und das ist schön.
SPEAKER_03Du hast vorhin schon gesagt, du hast dir so ein bisschen dieses innerliche Kind noch bewahrt, dieses Spielen, aber ich habe auch ein Interview gesehen. Ich würde eher sagen, ich versuche es wieder auszugraben. Ah, okay. Ich habe ein Interview gesehen, da sagst du nämlich, das Spielen ist mir abhanden gekommen zu einem gewissen Zeitpunkt.
SPEAKER_00Ja, genau. Deswegen würde ich eher vom, es wird so im Sofort, ich versuche, dieses Kind wieder freizulegen.
SPEAKER_03Das ist der Ansatz. Okay, dann zwei Fragen. Erstens, wie waren die Anfangsjahre überhaupt im Orchester? Und wie schaffst du es jetzt, dann dein innerliches Kind wieder freizulegen?
SPEAKER_00Zur ersten Frage, die Anfangsjahre im Orchester, also die Wiener Philharmonik, die Position bei den Wiener Philharmonikern war ja nicht meine erste Position. Ich habe im OFF Radio Symphonieorchester angefangen, dann einige Jahre in Deutschland verbracht, im Deutschen Symphonieorchester Berlin und dann bei den Münchner Philharmonikern und bin dann wieder zurück nach Wien zu den Wiener Philharmonikern. Das heißt, ich konnte mich da auch, was die Position betrifft, ein bisschen entwickeln. Ich habe als zweiter Klarinettist mit Verpflichtung zur Bastlanette, die im Radiosymphonieorchester angefangen wurde, dann erst Solo-Klarinettist und konnte mich auch ins Repertoire einarbeiten, sodass ich zum Beispiel in Berlin im Deutschen Symphonieorchester ganz viele Symphonien zum ersten Mal spielen konnte und mich da auch in Ruhe vorbereiten konnte, weil da einfach das Dienstaufkommen in einem reinen Symphonieorchester, wie es damals war, nicht dasselbe ist, wie es jetzt bei uns hier in Wien ist, wo wir Opernorchester und Symphonieorchester gleichzeitig sind und einfach wahnsinnig viel reisen und so weiter. Die stressigste Zeit war sicherlich dann in Wien, das erste Jahr vor allem, ich habe mir mal ausgerechnet, ich glaube, ich habe 48 Opern im ersten Jahr gespielt, davon kannte ich drei oder vier. Also das muss man sich einfach mal auf die Festplatten machen, diese ganzen Sachen. Und die größte Herausforderung für mich bestand darin, nicht die Noten zu spielen, die da on papier staan. Das kann man ja irgendwie bis zu einem gewissen. Für mich war eher das Wann die große Herausforderung. Also weil ich einfach diesen Apparat des Orchesters, des Opernorchesters, noch nicht so gut kannte. And auch die Reaktionen auf die Sänger, die wirklich oftmalige improvisieren müssen, was Timing betrifft und so weiter, das stellte mich vor große Herausforderungen. Da hatte ich dann das große Glück, dass einfach viele Kollegen erinnert haben, dass es ihnen ähnlich ging am Anfang und mir auch geholfen haben. Und auch hier wieder, da komme ich aufs Scheitern zurück, also ich habe wahnsinnig oft falsch gespielt. Das ist einfach so. Also ich glaube, mir ist es auch manchmal gelungen, vielleicht ein Acht-Taktes Solo besonders schön zu spielen. Das hoffe ich zumindest und wurde mir auch manchmal gesagt, aber ich habe auch wahnsinnig oft falsch gespielt. Ich habe falsch eingesetzt, ich habe einen falschen Ton gespielt und ich habe auch gekickst und alles, was man halt so falsch machen kann beim Klarettespielen. Das ist aber okay. Und das haben auch die Kollegen dann mit einem Lächeln quittiert und auch heute passiert das noch. Also das ist so und da bin ich wieder beim Scheitern und das sage ich auch ganz offen. Ich habe auch die Erfahrung gemacht, und vielleicht kann ich das auch hier preisgeben, dass man sich doch auch selbst Druck nimmt, wenn man nicht permanent vorgibt, der Weltmeister zu sein. Also das war mir immer sehr fremd, weil ich dann, erstens, weil ich nicht glaube, dass ich der Weltmeister bin, und zweitens, weil ich sozusagen vielleicht auch in einer Art von Understatement für mich ein System gefunden habe, wo ich mich nicht noch zusätzlich im Druck aussetzen muss. Also wenn ich versuche von der Richtung zu kommen, dass ich gerne mein Bestes gebe und wenn es nicht reicht, dann ist es zu wenig. Tue ich mich leichter, als wenn ich die ganze Zeit herumlaufe und behaupte, ich bin Gott, das ist schwer zu sozusagen, das wäre nichts für mich. Also das war nie eine Haltung, mit der ich umgehen konnte. Ich habe natürlich erlebt, ist vielleicht auch ganz interessant, nur als Fußnote, dass man, wenn man als Wiener Philharmoniker irgendwo hinkommt anderer Haltung hinkommt and fragt, ob man mitmachen darf, vielleicht auch in Bereich in durchaus auch in Amateur oder Volksmusikreisen, dass man da schon auch besonders beobachtet wird. Und sozusagen von vornherein schon mal so mit dem confrontiert, na dann zeig halt mal, was du kannst, oder so. Darum ging es mir aber weniger. Mir ging es immer darum, dass ich gezeigt bekomme, was ich noch nicht kann. And da muss ich schon auch sagen, dass ich manchmal, also the klassische professionelle Musikwelt ist ja schon auch ein Bereich, wo man sich in der einen oder anderen Drucksituation ausgesetzt sieht anders with the einen oder anderen mentalen schwierigen Situation confrontiert sieht, aber im Amateurbereich habe ich es fast manchmal noch schlimmer erlebt. Also wo ich dann erlebt habe, dass puristische Volksmusikanten der Meinung waren, es wäre mir nicht gestattet, diese Volksweise zu spielen, weil das könnte ich ja nicht. Und wenn aber der gleiche Volksmusikant zu mir kommen würde und mich fragen würde, ob ich ihm das erste Thema vom zweiten Satz Mozart-Klarinettenkonzert beibringen würde, dann würde ich mich darüber freuen. Also das ist sozusagen vielleicht nochmal sozusagen die Haltung, mit der ich mich einfach wohl gefühlt habe. Und das war eben auch in diesen Orchestanfängen der Fall. Und dadurch bin ich da ganz gut durchgekommen mit allen Fehlern und Scheitern und so weiter.
SPEAKER_03Aber wie gehst du dann mit jemandem um, also mit so einem Purist? Weil ich kenne das aus meiner Warte so ein bisschen. Ich bin ja, also ich habe Musik studiert, bin aber Lehrer. Also aber, klingt jetzt schon wieder abwerten, aber ich bin Lehrer. Also ich bin Musiklehrer an einem Gymnasium und komme einfach auch nicht mehr so viel zum Üben wie im Studium. Also ich weiß einfach, ich könnte besser, kann aber nicht. Aber wenn ich irgendwo hinkomme, begegnet mir so was Ähnliches. Also klar, ich bin kein Wiener Philharmoniker, aber ich bin studierter Musiker. Und das heißt, die Erwartungen sind schon wieder um. Und da tue ich mir auch manchmal schwer, einfach dann, also dann wird man beäugt und dann versucht man noch besser zu spielen und so. Und woher nimmst du dann diese Gelassenheit zu sagen, ja, dann ist das halt so.
SPEAKER_00Naja, wie soll ich das sagen? Also ich weiß einfach, oder nein, ich weiß es nicht. Ich glaube einfach, weil ich versuche mich auf mein Bauchgefühl zu verlassen. Ich habe einfach die Möglichkeit, auch bei uns im Orchester, wenn ich so eine Opernvorstellung verkacke, ja, weil ich einfach falsch eingesetzt habe. Ich weiß, ich habe in zwei Tagen beim gleichen Stück die Möglichkeit, ein paar schönsten Töne der Welt zu spielen. Und manchmal gelingt mir das. Das habe ich einfach auch schon gespürt, dass mir das manchmal gelingt. Weil Menschen mir das gesagt haben oder weil ich es, was mir viel wichtiger ist, weil ich mir selber mir gedacht habe, das hat mich jetzt irgendwie mitgenommen. Und in diesem Wissen, dass ich das halt auch kann, nehme ich mir heraus, dass ich dann halt auch mal Scheiße spiele. Also es ist einfach so. Es ist einfach so. Und ich glaube, man kann auch, man kann auch, ich weiß es nicht, Lewis Hamilton fragen und er wird wahrscheinlich auch, okay, momentan nicht, aber er wird vielleicht auch verstehen, dass er manchmal eine Runde fährt, die einfach kacke war. Und vielleicht weiß er manchmal auch nicht warum. Ich weiß es ja manchmal auch nicht warum. Musik machen ist halt auch schon ein sehr ganzheitliches Ding für mich. Also wenn ich vorher zu Hause mit meiner Frau gestritten habe, dann gehe ich anders in eine Vorstellung, die vielleicht lustig ist. Oder wenn ich, wenn jemand gestorben ist, jetzt nehme ich drastische Beispiele, aber wenn jemand gestorben ist, kann ich vielleicht eine Todesszene in einer Oper in dem Moment besser erspüren und vielleicht besser spielen. Also für mich ist das Musikmachen eine sehr ganzheitliche Sache, ja. Und ich kann das nie ganz loslösen, auch von meinem, ich versuche das professionell zu machen, klar, aber ich kann es nie ganz loslösen, auch von mir als von dem Menschen, Matthias, schon. Ich versuche das professionell zu machen, aber ganz trennen kann ich das nicht.
SPEAKER_03Okay. Du trittst auch immer öfter als Dirigent in Erscheinung, habe ich gesehen, wobei du selber ja sagst, Dirigent ist der falsche Begriff, sondern eher Energiespender, Ideenlieferant. Woher kommt das? Also ist da was bei dir, was raus muss, was jetzt anders dann nicht mehr geht, dass du was leiten musst?
SPEAKER_00Ja. Es klingt jetzt, wie soll ich das sagen? Ja, ich glaube schon, dass einfach. Also ich habe. Ich glaube, ich habe irgendwie. Vielleicht, ich weiß es ja auch, es ist immer schwierig, über sich selber zu reden, aber vielleicht habe ich die Fähigkeiten, Menschen anzustecken. Ich habe mir manchmal eingebildet, dass ich die Fähigkeit haben könnte. Und auch das gelingt nicht immer gleich gut. Aber ich hatte manchmal das Gefühl, dass ich in einem positiven Sinne Menschen anstecken kann und sie und Feuer entfachen kann. Und danach bin ich, glaube ich, auch ein bisschen süchtig, dass ich das immer wieder erlebe, dass man eben lebt. Erleben, erleben, dass man lebt. Also das ist einfach eben, auch gerade jetzt ist es so irgendwie so wenig geworden, das Zusammensein, dieses Leben, was halt alles dazugehört. Und ich möchte gerne diese, ich schrei auch manchmal total viel. Also das haben ja auch Studenten und auch meine Musikanten, bei den Wurzel-Musikanten, sagen die das manchmal. Also ich in Proben, ich bin so ein, ich habe so ein körperliche Art und Weise irgendwie, dass mir fällt das oft gar nicht auf. Aber die haben mir es nicht gesagt, weil es stört, sondern meistens wird es mir gesagt, dass es sehr hilfreich ist, dass ich einfach so mit dem ganzen Körper und mit allem, was ich habe, und das passiert mir eher. Also ich habe mich auch noch nie angeschaut, also wie in einem vorm Spiegel oder so, weil ich glaube, ich würde sozusagen rein schulmeisterlich alles falsch machen, was jetzt irgendwie man als Dirigent vielleicht gelernt bekommt. Aber ich versuche halt, ich wünsche mir ja auch als Musiker, wenn ich dirigiert werde oder geleitet werde, wünsche ich mir ja auch nichts anderes. Ich brauche ja niemanden und die Original-Woodstock-Musikanten brauchen niemanden, der ihnen den Takt schlägt. Auch ich brauche den nicht als Wiener Philharmoniker. Aber warum ist dennoch ein und dasselbe Stück bei zwei Dirigenten mit den Wiener Philharmonikern oft ganz, ganz anders und einmal vielleicht wahnsinnig mitreißend und einmal vielleicht langweilig? Weil dieser Mensch dort vorne was auslösen kann. Und zwar nicht indem er 1, 2, 1, 2 and runter schlägt, sondern indem man Ideen hat, die entweder vorher in Proben mündlich kommuniziert, but nothing besser, indem man durch seine Gestik, durch seine Energie, durch sein Sein im Moment anstiftet, was zu tun. Ich mag Dirigenten besonders gerne, wo ich das Gefühl habe, ich spiele jetzt in dem Moment auch für den so schön ich kann. Nicht nur für meine Eltern und meine Frau, die vielleicht im Publikum sitzen, und natürlich auch für alle anderen, aber ich suche mir dann schon so Bestimmte raus, sondern auch für den, weil ich möchte dem jetzt das auch zurückgeben. Und das ist auch lustig, das Simon hat mir, ich bin auf keinen sozialen Medien, was ich sehr positiv empfinde, für mich persönlich. Also kein Facebook, kein Instagram, ich habe eine Website, das ist alles, was ich betreue und im Internet für mich oder wo ich mich darstelle, unter Anführungszeichen. Aber das Simon hat mir erzählt, dass manche Videos von den Woodstock-Musikanten kommentiert werden mit dem Dirigenten nicht bräuchte. Und ich glaube, das stimmt. Insofern, dass die ja nicht wissen, was wir getan haben, wenn wir zwei oder drei Tage in Salzburg waren und geprobt haben. Dass die nicht wissen, dass ich Wochen und Monatelang Stücke gesucht habe, auch in Tschechien oder in der Slowakei mit Leuten, die, glaube ich, wirklich da sich tausendmal mehr auskennen wie ich, dass ich einfach gefragt habe bei Menschen, denen ich vertraue, Musikethnologen oder einfach Freaks, Blasmusikfreaks, die mir dann irgendwas irgendwo wieder erzählt haben und so weiter. Dass ich mit den Aaron Schöden, mit dem Franz Gaspein und mit dem Matthias Haslinger und mit den Komponisten, mit dem Thomas Kleiner und so weiter, mit denen einfach kommuniziere, telefoniere, Mails schreibe, um Dinge herauszufinden und eben neu zu erfinden. Das klingt jetzt sehr groß, aber ich meine das in einem Nikolaus Hannon-Kurschen-Sinne, nämlich dass wir nicht versuchen, diese schwarzen Punkte auf weißem Papier zum hunderttausendsten Mal wieder zu geben, sondern dass wir versuchen, dass sie im Moment neu erfunden klingen. Und dafür braucht es eben schon einen, nicht Dirigenten in meinem Fall, sondern einen Leiter, einen Anstifter, einen Steuer, einen Fakträger. Und als solchen sehe ich mich. Im Moment selber dann auf der Woodstock-Bühne, da wäre ich wahrscheinlich sogar in vielen Momenten entbehrlich. Und ich gehe ja dann auch, wenn man sich die Videos anschaut, ich gehe ja dann auch oft zur Seite und lasse die einfach spielen und höre einfach zu, weil ich es genieße, wie die spielen. Aber wir wissen, was wir einander haben. Also ich, ich sowieso, was ich an denen habe, wenn ich da vor denen stehe, und sie haben ja auch mehrmals gesagt, dass sie wissen, was sie an mir haben. Ich bin ja auch nicht deren Chef, sondern wir sind einfach auf Augenhöhe ein paar ein Haufen Gleichgesinnter, die das wahnsinnig gerne tun, was sie da tun.
SPEAKER_03Weil wir gerade bei Dirigenten sind, du kennst ja jetzt, also du kannst ja beide Seiten jetzt davor stehen und dirigiert zu werden. Was sind für dich dirigentische No Go?
SPEAKER_00Im Kleinen. Im klassischen Bereich ist es für mich immer relativ störend, wenn Dirigenten in die Knie gehen beim Takt, also im Takt mit den Knien auch noch mitbewegen. Das finde ich irgendwie, das hat für mich irgendwas, das ist eine Kleinigkeit, aber das fällt mir immer mehr auf. Ich wusste lange nicht, dass mich genau das stört, aber jemand, also ein Kollege hat mich mal darauf hingewiesen, dass ihn das stört. Und ich habe dann gemerkt, dass das genau das ist, was mich auch manchmal verwirrt, wenn man sozusagen auch noch zusätzlich zu den Händen im Takt die Giehe bewegt. Also das ist eine rein technische Sache. Ansonsten ist es ein No-Go schlichtweg, wenn ich einen Ferrari zur Verfügung habe und nicht weiß, wie ich den bediene. Also ich meine damit, ein Ferrari sind für mich, also jetzt auf mich bezogen, die Original Wurztock-Musikanten, das ist für mich ein Ferrari mit 430 PS. Wenn ich aber mich reinsetze und diesem Auto permanent Vollgas gebe, dann fahre ich das Auto nicht gut. Sondern ich muss wissen, sozusagen ich muss damit, ich muss dieses Fahrzeug, um bei dem Bild zu bleiben, bedienen können. Sonst fahre ich gegen einen Baum oder ich habe einen Motorschaden oder so und es hat niemand Freude damit. Und ich habe manchmal das Gefühl, auch bei uns, bei den Wiener Philharmonikern, dass da vielleicht ganz gut ausgebildete Handwerker vorne stehen, die aber einfach diesen Ferrari nicht bedienen können. Und das kann mehrere Ursachen haben. Manchmal, weil sie, weil vielleicht der Mut fehlt, einfach die eigene Überzeugung versuchen umzusetzen. Und manchmal, ehrlich gesagt, einfach aus meiner Sicht, also ich mag einfach, ich mag einfach angestiftet werden. Das ist verdammt nochmal der Job von dem da vorne. Ich brauche keinen Fahrtdienstleiter, der mir da irgendwie, sondern ich möchte Ideen, Vorschläge, ich versuche auch alles umzusetzen erstmal. Bei Han und Kur war es oft wirklich, der hat mich Sachen gefragt, ich soll da atmen und Dinge, die ich nicht verstanden habe, aber ich habe es erstmal probiert und bin dann drauf gekommen, dass er oftmals, nicht immer, aber oftmals recht hatte. Und dann ist da was Neues passiert mit einem Stück that I've been spent. And ich möchte that with ideas and Vorschläge and me that zeigt, and that they all schreot and said, Danke, yeah, genau so, genau so. That it's like Leidenschaft, this muss a mensch and kein Roboter. And there was the gear given, when I the Gänsey kommt, that it is anfällignist vielleicht für eine verdrückte Trainer im richtigen Moment oder was auch immer. And keine einstudierten Sachen, das mag ich auch nicht. Also sozusagen, wenn ich schon drei Tage vorher weiß, was jetzt dann kommen wird, oder wenn er immer an derselleben Stelle abbricht, und wenn ich vorher schon weiß, jetzt wird er sagen, zweite Klanette zu laut, oder so vorhersehbare Dirigenten finde ich auch völlig entbehrlich, weil ich das Gefühl habe, der macht halt vor dem Spiegel zu Hause mit der CD-Anlage das durch und jedes Mal dasselbe. Also auch hier die Improvisation oder das im Moment entstehen lassen, auch im richtigen Moment loslassen können. Das ist auch, was so wichtig ist, dass ich manchmal das Gefühl habe, die können jetzt einfach nicht sagen und jetzt bitte. Ja, jetzt gebe ich es euch in die Hand. Und dann die Zügel im Moment, wo man es braucht, wieder in die Hand nehmen und durch eine Stromschnelle durchnavigieren und dann im richtigen Moment einfach auch mal aufs Takt schlagen, im wahrsten Sinne des Wortes vergessen und einfach eine Geste machen, die sagt, weiß ich nicht, majestätisch groß und die Hände das sozusagen auch modulieren im besten Sinne des Wortes. Das finde ich halt einfach schön. Das hat alles zu tun mit Energie, mit Leidenschaft, mit Leben, auch mit einer guten Dosis von sehr extrovertiert und outgoing einerseits und im richtigen Moment demütig und zurücklehnend und genießend und loslassend andererseits.
SPEAKER_03Also ich finde gerade total spannend, weil man von außen natürlich den Eindruck haben könnte, dass ihr eigentlich nur mit solchen Dirigenten zu tun habt und weniger mit den.
SPEAKER_00Ich nenne auch keine Namen und ich.
SPEAKER_03Nee, sollst du ja auch gar nicht.
SPEAKER_00Dass es eine Wahrheit gibt, sozusagen, dass ich mit meiner Einschätzung recht habe. Ich merke oft, dass es bei Konzerten so ist, dass ich der Meinung war, es war ein besonders tolles Konzert und der Dirigent besonders toll gewesen und der Kollegen findet es genau andersrum oder umgekehrt. Ich glaube, da gibt es auch nicht eine Wahrheit, wie ich generell glaube, dass es nicht eine Wahrheit gibt. Luciano Berrero hat gesagt, es wäre interessant, wie der Mond ausschaut, wenn man ihn von der anderen Seite anschaut. Und ich glaube, das ist der Punkt. Also es gibt einfach in der Mitte etwas und dann gibt es, wenn man es in Grad rechnet, 360 Grad Möglichkeiten, wie man auf dieses etwas hinschaut. Es schaut halt von da ganz anders aus wie von da und von da ganz anders wie von da. Aber die Mühe muss man sich schon machen, das von mehreren Blickwinkeln anzuschauen, das Ding. Und deswegen glaube ich nicht, dass meine Einschätzung die richtige ist, aber ich darf sagen, was ich im Moment fühle. Und da gibt es halt welche, und da rede ich, wie du richtig sagst, wir haben das Glück, bei den Wiener Philharmonikern von den Top 30 Dirigenten der Welt dirigiert zu werden. Aber da gibt es trotzdem unter diesen Top 30 auch welche, wo ich manchmal das Gefühl habe, der schafft es jetzt einfach unglaublich seine Ideen und seine Leidenschaft zu übertragen oder seine Demut oder was auch immer. Und bei anderen habe ich das Gefühl, da geht es jetzt darum, wie gut die Frisur sitzt und dass das Geld dann auch überwiesen wird oder die CDs tausendfach verkauft werden. Das ist mir relativ wurscht. Darüber freue ich mich. Ich verdiene gern Geld. Ich freue mich, wenn CDs verkauft werden, keine Frage. Aber letzten Endes ist das Geilste für mich, wenn ich Gänsehaut kriege, wenn ich lachen muss, wenn ich weinen muss oder wenn mein Fuß zu zucken beginnt, weil ich am liebsten aufhupfen würde, um zu tanzen oder zu springen oder laut zu schreien. Und das ist das, was mich nicht mehr loslässt am Musik machen. Und wenn das aufhört, dann muss ich es lassen. Und da sind die Dirigenten einfach schon auch mit dafür verantwortlich, das zu wecken. Darauf bestehe ich.
SPEAKER_03Ich habe ja am Anfang gesagt, du bist nicht nur Solo-Klanetist, du hast ein eigenes Ensemble, sondern auch Festivalgründer, Pädagoge und hast sogar einen eigenen Bahnhof gekauft, umgebaut zu so einem Kulturbahnhof. Die Frage, die ich mir jetzt stelle, ist: woher kommt deine Rastlosigkeit und wie muss ich mir einen Tag in deinem Kopf vorstellen?
SPEAKER_00Also ich fühle mich ganz wohl in meinem Kopf. Es ist manchmal viel, ja, aber ich frage immer dazu, und das vergessen die Menschen, ich mache das freiwillig. Also es ist nicht so, dass mich irgendjemand mal irgendwo hingezwungen und gekarrt hätte und gesagt, jetzt blas in deine Klarette rein. Also es ist einfach so, ich stelle mir das so vor, wenn ein Artist im Zirkus sieben Bälle gleichzeitig jonglieren muss, dann hat er das wahrscheinlich irgendwann begonnen, weil es ihm mit zwei als Kind Spaß gemacht hat. Irgendwann ist er drauf gekommen, mit drei schafft das auch, und irgendwann hat er Spaß daran gefunden, dass es auch mit sieben möglich ist, weil ihn das auch noch interessiert hat. Und ich bin halt einfach jemand, der vielleicht gerne fünf Bälle gleichzeitig in der Luft hat, eben deswegen, weil es mir Spaß macht und weil es mich interessiert und weil ich lernen möchte. Also das ist schon ein großer Punkt. Ich habe auch Momente, wo ich in eine Ballettvorstellung in die Oper gehe und wo ich keine Lust habe. Ganz ehrlich, das habe ich, das kommt vor, ist nicht cool für die Leute, die genauso an dem Abend das Ticket bezahlt haben. Ich bemühe mich auch, mir das nicht anmerken zu lassen, aber es gelingt vielleicht nicht immer. Die Abende gibt es. Es gibt auch Tage, wo es mir zu viel wird, wo ich einfach das Gefühl habe, ich bewältige es nicht mehr oder nicht mehr gut genug, weil das ist auch was, wo ich dann für mich selber den Schranken einziehe, wo ich, wenn ich das Gefühl habe, jetzt ist es so viel, dass ich irgendwas nicht mehr so machen kann. Ich habe zum Beispiel auch meine Unterrichtsstelle deswegen aufgegeben vor einigen Jahren und unterrichte nur noch projektweise, weil ich das Gefühl hatte, ich kann diese Studentinnen und Studenten nicht mehr so betreuen, wie ich es mir vorstelle. Oder ich kann es, aber habe dann Herzinfarkt in fünf Jahren oder so. Auch mein Privatleben leidet sicherlich manchmal darunter und meine Frau ist da sicher auch sehr belastbar, Gott sei Dank. Vielleicht belaste ich sie manchmal über die Massen. Das sind alles auch hier ausprobieren und scheitern, ja, und dann hoffentlich die richtigen Schlüsse daraus ziehen. Und auch mal Stop sagen, auch mal Nein sagen, das musste ich lernen. Also, oder lerne ich immer noch. Also, ja. Aber grundsätzlich mache ich es deswegen, weil es mich interessiert, weil das meine Welt ist, weil das mich infiziert hat, weil der Zauber mich nicht mehr loslässt, weil ich auch vielleicht süchtig bin, ich habe großes Suchtpotenzial. Grundsätzlich in mir, das merke ich nach eben nicht nur nach Musik, auch nach anderen Dingen, ich bin einfach ein sehr, ich habe Sucht nach Leben in all seinen Facetten und Zutaten. Und das ist sicherlich auch manchmal nicht ganz ungefährlich, aber grundsätzlich treibt es mich an und wie hat Kurt Cobain gesagt, irgendwie nicht, also lieber mit Vollgas, übertreibe jetzt und ich hoffe, ich fahre nicht mit Vollgas gegen die Wand, aber ja, glaube ich, hat sowas ähnlich gesagt, wie lieber mit Vollgas gegen die Wand als irgendwie ausfaden und also ich möchte nicht mit Vollgas gegen die Wand fahren, aber ich möchte auch nicht der Wand entlang schleichen. Das interessiert mich nicht.
SPEAKER_03Okay. Ich mache am Schluss immer, also wir kommen jetzt zu Richtung Schluss, wir haben die Stunde jetzt, glaube ich, ganz gut genutzt. Über eine Schnellfragerunde noch.
SPEAKER_00Da bin ich ganz schlecht. Das hast du am Anfang schon gemerkt, dass du mich nach dem gefragt hast, dass ich als letztes.
SPEAKER_03Ja, ich gebe dir auch manchmal Antwortmöglichkeiten vor.
SPEAKER_00Okay.
SPEAKER_03Okay. Du bist auf Tour und verhindert, wieder rechtzeitig nach Hause zu kommen. Wer sollte, und das habe ich hoffentlich richtig recherchiert, auf deine Bienen achten?
SPEAKER_00Mein Nachbar.
SPEAKER_03Ah, ich wollte dir drei Menschen vorgeben. A, Thomas Gantz. B, Simon Ertl. Oder C, Daniel Ottensammer?
SPEAKER_00Wir haben alle keine Zeit. Daniel Ottensammer, weil der wohnt am nächsten zu mir und der wäre wahrscheinlich am schnellsten da. Simon ist relativ weit weg und Thomas ist mit Nozil auf Tour.
SPEAKER_03Okay. Du dürftest nur noch eine Sache machen bis ans Ende deiner Karriere oder deines Lebens. Was wäre es? Klarinetten spielen, Pädagoge sein oder Imkern? Klarinette spielen. Okay. Wie findest du Ruhe?
SPEAKER_00Gibt es Antwortmöglichkeiten? Nein. Nein. Das ist ganz einfach. Draußen in der Natur. Also ich habe jetzt auch die Corona, ich habe diese Saison knapp 60 Skitouren gemacht, also Skibergsteigen. Ich im Sommer bin gern am Wasser, ich habe einen Segelschein, bin gerne auch im Sommer am Berg. Also ich bin einfach draußen. Das ist mein Ausgleich und meine Meditationsform.
SPEAKER_03Okay. Dein Tipp für ein gutes Zeitmanagement.
SPEAKER_00Oh, da bin ich der Falsche. Was mir hilft, ist Dinge sofort zu erledigen. Also nichts aufzuschieben. Alles, jedes E-Mail, das ich beantwortet habe, ist weg aus meinem Kopf und belastet mich nicht mehr.
SPEAKER_03Okay. Was wärst du geworden, wenn du nicht Musiker geworden wärst? Lkw-Fahrer. Oh, wieso das?
SPEAKER_00Weil mein Vater ein Transportunternehmen hat und ich schon als Zwölfjähriger, also wir haben drei Lkws und ich schon als Zwölfjähriger mit dem LKW fahren durfte, also unerlaubterweise natürlich. Aber wenn ich das anvertraut hat, auch so kleinere Strecken zu fahren und das war total meine Welt und ich habe, ja, ich habe mich da sehr wohl gefühlt und ich glaube, ich hätte auch den Beruf des Vaters dann gemacht.
SPEAKER_03Okay. Deine sinnloseste App auf dem Handy. So ein Fußball-Hero-Ding. Okay. Welches Buch bzw. welchen Film sollte man mal gelesen oder geschaut haben?
SPEAKER_00Also Film würde ich sagen, wie im Himmel. Das ist ein schwedischer Film über einem Chorsänger. Ja, ich will nicht zu viel verraten. Ein Film, der gerade für Musiker, der für alle unglaublich berührend und mitreißend und schön ist. Aber gerade für Musiker, glaube ich, einfach wird ganz, ganz schön zeigt, woran die alle so fest glauben und was Musik einfach kann. Und beim Buch vielleicht Das Kaffee am Rande der Welt.
SPEAKER_03Sehr schön.
SPEAKER_00Es ist ein, es ist schon längere Zeit her, dass ich es gelesen habe, aber es geht um gewissermaßen um die Suche, warum wir da sind, was wir machen. Ich habe sogar den Autor vergessen, sorry, aber das fällt mir jetzt momentan so ein als schönes, weil es ein. Ich bin nicht keine Leseratte, leider. Meine Frau liest viel und erzählt mir dann davon. Aber dieses Buch habe ich verschlungen, auch deshalb, weil es ein ganz kurzes, kleines, dünnes Buch ist und da tue ich mich einfacher. Und es hat mich irgendwie, es hat mir gefallen.
SPEAKER_03Okay. Welche Aufnahme sollte man sich mal anhören? Oh, da gibt es tausende. Eine muss ich da jetzt nennen. Ja, ich weiß, das ist immer so die schwere Frage. Nimm die, die dir als erstes einfällt.
SPEAKER_00Ja, ich habe schon tausende im Kopf und tue mich so schwer auszuwählen. Ich weiß es nicht.
SPEAKER_03Dann nehme einfach das Klarinetten-Trio vom Anfang.
SPEAKER_00Das wäre nicht dabei gewesen, aber ja.
SPEAKER_03Ich wollte es jetzt nur leicht machen.
SPEAKER_00Oh Gott, ich habe keine Ahnung. Was höre ich denn? Was muss man fühlen? Ach ja, ich sag was. Ich sag was. Gib mir Musik von Reinhard May. Das passt überhaupt nicht in die Blasmusikszene und überhaupt nicht auch mein. Aber das ist ein unglaubliches Lied. Gib mir Musik von Reinhard May.
SPEAKER_03Kenne ich nicht, werde ich mir gleich anhören. Okay, was sind deine persönlichen Wünsche und die Wünsche für die Blasmusik-Szene?
SPEAKER_00Meine persönlichen Wünsche klingt jetzt abgedroschen, aber ich hoffe, dass ich gesund bleibe und so lange wie möglich das tun darf, was ich jetzt tun darf. Nämlich einfach in dem Universum, in der Kunstform, an die ich so fest glaube, mich auszutoben und scheitern und trotzdem nicht verbannt zu werden und manchmal schöne und berührende und mitreißende Dinge zu erleben und dankbar dafür zu sein. Das wünsche ich mir für mich, dass mir das erhalten bleibt. Und für die Blasmusik-Szene würde ich mir wünschen, dass wir es schaffen, weil ich bin ja immer dort noch verwurzelt und auch mit vielen Kapellmeistern und auch mit meiner ehemaligen Musikkapellen in Kontakt. Und ich merke einfach, dass diese Zeit, diese Corona-Zeit, eine große Herausforderung mit sich gebracht hat, auch im Amateurbereich, weil einfach viele unserer Mitmusikanten und Mitmusikantinnen nicht neben dem Beruf die Zeit haben, permanent zu üben und sich fit zu halten und einfach die wöchentliche Musikprobe der Ort und die Möglichkeit war, sein Hobby auszuleben und damit auch am Instrument fit zu bleiben. Und das ist jetzt einfach ganz, ganz lang nicht möglich gewesen. Und da höre ich von vielen, dass sie sich schwer tun jetzt beim Wiedereinstieg oder dass manche auch aufhören wollen. Und ich würde mir wünschen, dass diese Szene, die wirklich dafür verantwortlich ist, dass eben erstens, dass es überhaupt Bläser in Spitzenorchestern gibt. Also 95% der Bläser, zumindest in Österreichs Orchestern, ich glaube in Deutschland is it, kommen aus Blasmusikkapellen. Und jedes Fest, jeder Gottesdienst, jedes kleinste dörfliche Zusammensein were ohne Musik, ohne Musikkapelle, nicht dasselbe, daran glaube ich ganz fest. And deswegen wünsche ich dieser Szene, dass sie sich from this Corona-Zeit nicht unterkriegen lässt, dass auch das Woodstock, the Blasie, wieder so wie weiter kannten, stattfinden kann. Und dass wir diesen Abstand, der jetzt uns da ein bisschen passiert ist, oder der uns das Leben irgendwie die letzten eineinhalb Jahre mitgebracht hat, dass wir den wieder überwinden, zusammenrücken, das gemeinsam erleben, vielleicht auch schon bei der Woodstock Academy dieses Jahr. Weil ich glaube, das macht uns eben erst zu Menschen und darauf möchte ich nicht verzichten. Und das wünsche ich einfach der ganzen Szene, dass wir wieder lebendige Töne in unsere Instrumente reinblasen können, weil ich glaube, eben Luft braucht man nicht nur, um Töne zu produzieren, sondern Luft braucht man zum Leben, wenn wir aufhören zu atmen und dann fallen wir um uns sterben. Und es wäre nicht gut.
SPEAKER_03Vielen Dank für die schönen Worte und dass du dir Zeit genommen hast. Total gern, hat Spaß gemacht. Das war die 28. Folge und vielen Dank an Matthias Schorn. Ihr habt gemerkt, wir hatten nur eine Stunde Zeit, aber in dieser Stunde unfassbar, wie viel Matthias zu erzählen hat und ich hätte ihm noch so gern zugehört, mit wie viel Leidenschaft und Energie er über das Musik machen, über die Musik an sich spricht. Ich fände es schön, bei Matthias einfach zu sehen, dass es für ihn kein Schubladendenken gibt, das für ihn einfach wichtig ist, Musik zu machen, auch wenn Fehler passieren. Und das ist auch wieder, was ich aus der Folge für mich mitnehme. Einfach mal Fehler machen. Es geht nicht um Perfektion, es geht darum, welche Energie und welche Leidenschaft dabei entsteht. Denkt dran, den Podcast zu abonnieren und vielleicht sogar eine Review bei Apple Podcasts dazulassen. Sagt es weiter, bleibt gesund und ich wünsche euch eine gute Zeit.