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Mark Twain - 27 Hucks Erzählung (Tom Sawyer)

December 28, 2020 HofnarrGiaccomo Season 2020 Episode 104
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Mark Twain - 27 Hucks Erzählung (Tom Sawyer)
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Mark Twain - 27 Hucks Erzählung (Tom Sawyer)
Dec 28, 2020 Season 2020 Episode 104
HofnarrGiaccomo

HofnarrGiaccomo liest den urheberrechtsfreien Klassiker
Eine Tom Saywer Geschichte von MARK TWAIN - "27 Hucks Erzählung"

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Show Notes Transcript

HofnarrGiaccomo liest den urheberrechtsfreien Klassiker
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Mark Twain - Tom Sawyer
„27 Hucks Erzählung“

Als am Morgen des folgenden Tages, eines Sonntags, die ersten leisen Spuren der Dämmerung erschienen, tastete sich Huck durch das Halbdunkel den Berg hinauf und klopfte mit schüchterner Hand leise an die Türe des alten Wallisers. Die Hausbewohner schliefen noch, aber ihr Schlaf war infolge der aufregenden nächtlichen Abenteuer ein äußerst leiser und so ertönte alsbald eine Stimme vom Fenster:

»Wer ist da?«

Hucks ängstliche Stimme antwortete leise:

»Laßt mich, bitte, ein – ich bin's nur, Huck Finn!«

»Ist 'n Name, dem sich diese Tür bei Nacht und bei Tag öffnet. Mein Junge, sei willkommen!«

Das waren seltsamklingende Worte in den Ohren des kleinen Vagabunden, die angenehmsten, die er je gehört. Er konnte sich nicht erinnern, daß das Schlußwort des alten Mannes je zuvor in bezug auf ihn angewandt worden wäre.

Schnell wurde nun die Türe geöffnet und er trat ein. Man bot Huck einen Stuhl und der Alte mit seinen Riesensöhnen kleideten sich in Eile an.

»Und jetzt, mein Junge, hoff ich, daß du einen ordentlichen Hunger mitgebracht hast, denn das Frühstück soll noch vor der Sonne auf dem Tisch stehen, und zwar ein gehöriges, das laß meine Sorge sein. Haben immer gedacht, ich und meine Jungens, du zeigtest dich gestern abend nochmal, hättest die Nacht bei uns bleiben müssen.«

»Ich kriegte solche Angst,« sagte Huck, »daß ich den Berg hinunterstürzte. Ich fing an zu rennen, als die Schüsse krachten und rannte drei Meilen so weiter. Jetzt bin ich nur gekommen, weil ich gern was darüber gehört hätte, und vor Tag komm ich, weil ich nicht gern den Teufeln in den Weg laufen möchte, – selbst wenn sie tot wären.«

»Armer Kerl, man sieht dir's weiß Gott an, was das für 'ne Nacht für dich war, aber wart nur, du sollst 'n Bett haben, wenn du gefrühstückt hast. Nee, tot sind die Halunken leider nicht, mein Junge, und leid genug tut's uns. Deiner Beschreibung nach wußten wir den Ort ziemlich genau, an dem sie zu finden waren, wir schleichen also auf den Zehenspitzen 'ran, bis vielleicht auf fünfzehn Fuß Entfernung, und dunkel wie 'n Loch war's in den Büschen drin, da, auf einmal merk ich, daß mich das Niesen ankommt. Ob das nicht Pech war! Will's natürlich zurückhalten, aber nee, keine Möglichkeit, 's wollt kommen und 's kam auch mit Macht. So pust ich denn los mit aller Gewalt. Ich war der Vorderste von uns, mit meiner Pistole in der Hand, und als nun das Niesen losging, entstand ein Rascheln vor uns im Gebüsch. Ich schrei: Feuer, Jungens, und wir drei feuern denn auch nach der Richtung hin. Ja, prost die Mahlzeit! Die Kerle waren flinker als der Wind, wir aber hinterher wie die wilde Jagd, in die Wälder hinein. Gekriegt aber haben wir sie nicht. Ehe sie auskniffen, hat jeder von ihnen noch mal seine blaue Bohne abgeknallt, aber die sausten an uns vorbei und taten keinen Schaden. Als sich das Geräusch ihrer Schritte verlor, gaben wir die Jagd auf und gingen hinunter ins Städtchen, um die Konstabler zu wecken. Die machten sich denn auch gleich auf und wollten am Ufer rekognoszieren, und sobald es Tag ist, sollen die Wälder abgesucht werden. Meine Jungens werden auch dabei sein. Wollt, einer könnt uns die Keile beschreiben, 's wär dann viel leichter für uns. Du wirst wohl nicht viel von den Schuften gesehen haben, dort oben in der Dunkelheit, was?«

»Nee, aber unten in der Stadt hab ich sie schon gesehen und bin ihnen von dort nachgegangen.«

»Kapital! Na, dann los, mein Junge, wie sehen sie aus? Beschreib sie mal so'n bißchen genau!«

»Ei, einer davon ist der taubstumme Spanier, der seit 'n paar Tagen hier herumstreicht, und der andere ist 'n gemein aussehender, zerlumpter –«

»Schon genug, Junge, kenn die Kerle! Hab sie neulich mal da oben im Wald hinter der Witwe Douglas ihrem Haus gesehen, schoben ab, als ich in Sicht kam. Nun aber schnell fort mit euch, Jungens, sagt's fein dem Scherif, was ihr da vom Huck gehört habt, könnt morgen früh frühstücken!«

Beide Söhne machten sich ohne Widerrede alsbald marschfertig. Als sie eben das Zimmer verlassen wollten, sprang Huck auf und rief flehend:

»O, bitte, bitte, sagt's aber niemand, daß ich die Kerle angegeben, bitte, bitte!«

»Gut, wenn du's nicht willst, Huck, aber eigentlich solltest du die Ehre haben von dem, was du getan hast.«

»O, nein, nein. Bitte, verratet mich nicht!«

Als die jungen Leute weg waren, sagte der Alte:

»Sie verraten's nicht und ich tu's auch nicht. Aber sag mal, warum willst du denn nicht, daß man's weiß?«

Huck ließ sich auf keine weitere Erklärung ein, sondern sagte nur, er wisse schon mehr als zuviel von dem einen der Kerle und wolle um keinen Preis, daß der dahinterkomme, sonst sei er, Huck, keinen Moment seines Lebens sicher.

Noch einmal gelobte der alte Mann Verschwiegenheit und fragte dann:

»Wie kamst du drauf, den Kerlen nachzuschleichen, Junge? Sahen sie dir verdächtig aus?«

Einen Moment war Huck still und überlegte sich die Antwort, dann sagte er:

»Ja, seht ihr, ich bin so 'ne Art Landstreicher, wenigstens sagen die Leute so, und da muß es wohl wahr sein. Na, da simulier ich denn manchmal drüber nach in der Nacht und das läßt mich nicht schlafen, und ich denk und denk, wie ich wohl anders werden könnt. So war's wieder mal gestern nacht. Schlafen konnt ich nicht und so bummel ich denn in den Straßen herum, und als ich da in der Nähe von der Herberge an den alten Schuppen komm, lehn ich mich mit dem Rücken dran, um nochmal besser nachzudenken. Na, da streichen denn plötzlich die zwei Kerls an mir vorbei, tragen etwas unterm Arm. Halt, denk ich, die haben gestohlen. Einer rauchte und der andere wollte Feuer haben, so blieben sie nicht weit von mir stehen, und die Zigarren warfen einen Strahl auf die Gesichter, und ich sah, daß der eine der taubstumme Spanier ist und der andere ein ruppiger, zerlumpter –«

»Was, die Lumpen hast du auch gesehen beim Schein der Zigarren?«

Das machte Huck für einen Moment unsicher, dann aber sagte er:

»Nun, ich weiß nicht – aber es kommt mir vor, als ob ich sie gesehen hätte,« –

»Dann liefen sie also weiter und du –«

»Ich hinterher, ja, so macht ich's. Wollt mal sehen, was los sei, sie schlichen so verdächtig an den Häusern hin. Oben bei der Witwe Garten standen sie dann still, ich auch, und da hört ich denn, wie der eine für die Frau bat und der andere, der Spanier, schwor, er wolle ihr schon die Fratze verderben, grad wie ich's Euch und Euren Söhnen gestern abend –«

»Was, der Taubstumme hat das gesagt?«

Da! Nun saß Huck von neuem in der Patsche! Er hatte sein Bestes tun wollen, um den alten Mann abzulenken von der Spur, wer eigentlich der Taubstumme sei, und trotz aller Mühe und Vorsicht schien seine Zunge entschlossen, ihn wieder und wieder in Verlegenheit zu bringen. Umsonst versuchte er, sich aus der Klemme zu ziehen. Des Alten Auge ruhte so durchdringend auf ihm, daß er Versehen über Versehen machte. Da nahm der Alte das Wort:

»Mein Junge,« sagte er, »vor mir brauchst du dich nicht zu fürchten, mit meinem Willen soll dir keiner was zuleide tun; ich will dir schon helfen, kannst dich darauf verlassen! Der Spanier ist nicht taubstumm, soviel hast du nun schon verraten, ohne es zu wollen, das kannst du nicht mehr zurücknehmen. Du weißt aber noch mehr über den Kerl, was du nicht sagen willst. Komm mal her, Junge, vertrau mir, sag's, hab keine Angst, du kannst mir trauen, ich verrat dich keinem!«

Huck starrte einen Moment in die ehrlichen Augen des alten Mannes, dann beugte er sich über den Tisch und flüsterte ihm ins Ohr:

»'s ist ja gar kein Spanier, – 's ist der Indianer-Joe !«

Der Walliser sprang fast von seinem Stuhl auf vor Erstaunen, dann sagte er:

»Jetzt ist mir alles klar. Als du gestern abend von Nasenschlitzen und Ohrenabschneiden sprachst, dacht ich, 's sei 'ne Erfindung von dir, ein Weißer rächt sich nicht auf solche Art. Ein Indianer aber! Das ändert die ganze Sache!«

Während des Frühstücks wurde die Unterhaltung fortgesetzt und im Verlauf derselben erzählte der alte Mann, er und seine Söhne hätten, ehe sie zu Bett gingen, eine Laterne angezündet und die Stelle dort oben am Zaun gründlich nach Blutspuren untersucht. Die hätten sie zwar nicht gefunden, aber dafür ein dickes Bündel –

»Ein Bündel?«

Wenn diese Worte Blitze gewesen wären, sie hätten nicht mit größerer Plötzlichkeit Hucks erblaßten Lippen entfahren können. Seine Augen starrten weit geöffnet, sein Atem kam stoßweise, während er mit Zittern der weiteren Rede des alten Mannes harrte. Dieser stockte, starrte hinwiederum Huck an, drei, fünf, zehn Sekunden lang und sagte dann:

»Ja, ein Bündel Einbrecherwerkzeuge! Na, nu sag aber mal, was mit dir los ist, Junge!«

Huck war in seinen Stuhl zurückgesunken, erleichtert und dankbar aufatmend. Der Walliser sah ihn lange aufmerksam an, dann bestätigte er nochmals:

»Ja, Diebswerkzeuge. Dir scheint ein Stein dabei vom Herzen zu fallen. Was hat dich denn aber so in Aufregung gebracht? Was hätten wir denn sonst finden sollen?«

Wieder saß Huck in der Klemme! Das forschende Auge ruhte auf ihm, – er hätte irgend etwas um eine annehmbare Ausrede gegeben. Nichts wollte ihm einfallen; der forschende Blick drang tiefer und tiefer, – eine sinnlose Antwort stieg in ihm auf – und da keine Zeit zum Überlegen war, so stieß er denn schwach hervor:

»Sonntagsschulbücher, – vielleicht.«

Der arme Huck war zu befangen, um auch nur lächeln zu können, der alte Mann aber lachte, lachte aus vollem Halse, laut und herzlich, so daß alles an ihm, vom Kopf bis zu den Füßen wackelte, und als er wieder zu Atem kam, meinte er, solch ein Lachen sei wie bares Geld in der Tasche, denn es erspare einem lange Doktorsrechnungen. Dann fügte er bei:

»Armer, kleiner Kerl, siehst ganz blaß und angegriffen aus, 's scheint dir gar nicht wohl zu sein. Kein Wunder, daß du ein wenig faselig geworden und aus dem Gleichgewicht geraten bist. Wird schon wieder besser werden. Ruhe und Schlaf sollen dich schon auskurieren, denk ich.«

Huck ärgerte sich schwer bei dem Gedanken, solch verräterische Erregung gezeigt zu haben, denn es waren ihm schon damals, als er die Schurken bei dem Zaun der Witwe belauschte, Zweifel gekommen, ob das mitgebrachte Paket der Schatz sei. Doch war dies immerhin nur Vermutung gewesen, die jetzt erst zur Gewißheit wurde. Die Kiste war also noch an ihrem alten Platz, und nun war's eine Kleinigkeit für Tom, wenn die beiden Halunken unter Tags eingefangen wurden, am Abend nach jener bewußten »Nummer Zwei« zu gehen und sich des Schatzes zu versichern. Alles schien herrlich im Zuge!

Gerade, als das Frühstück beendet war, klopfte es an die Türe. Huck versteckte sich geschwind, denn es lag ihm gar nichts daran, mit dem letzten Ereignis in Zusammenhang gebracht zu werden. Der Walliser öffnete und ließ mehrere Herren und Damen herein, unter denen sich auch die Witwe Douglas befand. Dabei bemerkte er, daß noch andere Einwohner des Ortes truppweise den Hügel erstiegen, um sich den Schauplatz der nächtlichen Ereignisse zu besehen. Die Kunde von dem Vorgefallenen hatte sich also schon verbreitet.

Nun mußte der Alte den Besuchern die Geschichte der Nacht bis ins kleinste berichten. Die Dankbarkeit der Witwe Douglas für ihre Rettung machte sich in warmen Worten Luft.

»Verlieren Sie kein Wort weiter, Madame,« wehrte der Alte ab, »'s gibt einen, dem Sie zu viel größerem Danke verpflichtet sind, als mir und meinen Jungens, der will aber seinen Namen nicht genannt haben. Ohne den, sag ich Ihnen, wären wir niemals dazu gekommen, die Halunken zu verjagen.«

Dies erregte natürlich die allgemeine Neugierde in so hohem Grade, daß man darüber beinahe die Hauptsache vergaß. Der Walliser aber ließ sich durch die brennende Neugierde seiner Zuhörer, die sich durch deren Vermittlung nach und nach dem ganzen Städtchen mitteilte, nicht irremachen, sondern behielt sein Geheimnis wohlverwahrt bei sich. Als die Leute alles übrige in Erfahrung gebracht hatten, sagte die Witwe:

»Gestern abend las ich noch im Bett und schlief ein, so fest, daß ich von dem ganzen Spektakel gar nichts hörte. Warum haben Sie mich denn nicht aufgeweckt?«

»Na, das hielten wir für unnötig. Die Kerls kamen schwerlich wieder, das war so gut wie gewiß. Weshalb also Lärm schlagen und Sie unnötigerweise zu Tod erschrecken? Außerdem hab ich meine drei Nigger für den Rest der Nacht als Wächter um Ihr Haus gestellt, Madame, die sind eben zurückgekommen.«

Immer mehr Leute kamen, und die Geschichte mußte nochmals erzählt und wieder erzählt werden, und immer so weiter, einige Stunden lang.

Wie gewöhnlich an ereignisvollen Tagen war die Kirche – es war gerade Sonntag – frühzeitig und stark besucht. Das aufregende Ereignis wurde gehörig besprochen. Man erzählte sich, daß bis jetzt noch nicht die geringste Spur der Schurken aufgefunden worden sei.

Nach dem Gottesdienst ging Frau Kreisrichter Thatcher auf Frau Harper zu, als diese mit der Menge den Hauptgang der Kirche hinabschritt, und fragte:

»Meine Becky will heute wohl den ganzen Tag durchschlafen? Habe mir's doch gedacht, daß sie todmüde sein würde!«

»Ihre Becky?«

»Nun ja,« bestätigte die Frau Kreisrichter mit erschrockenem Blick. »Die ist doch diese Nacht bei Ihnen geblieben?«

»Bewahre – nein.«

Frau Thatcher wurde blaß und sank in den nächststehenden Stuhl, gerade als eben Tante Polly, mit einer Freundin sich lebhaft unterhaltend, daherschritt.

»Guten Morgen, Frau Kreisrichter, Morgen Sally Harper, hab da wieder mal 'nen Schlingel, der nicht heimgekommen ist. Denk mir, er wird über Nacht bei Ihnen geblieben sein, bei der einen oder der anderen. Fürchtet sich drum wohl in die Kirche zu kommen, hat ohnedies noch was bei mir im Salz liegen – ha, ha!«

Frau Thatcher, blasser als je, konnte nur leise verneinend den Kopf bewegen.

»Bei uns ist er nicht,« sagte Frau Harper zögernd, sie fing auch an ängstlich zu werden. Eine plötzliche Furcht malte sich in Tante Pollys Antlitz. »Joe Harper, hast du meinen Tom heute morgen schon gesehen?«

»Nein.«

»Wann hast du ihn zuletzt gesehen?«

Joe versuchte sich zu besinnen, konnte aber nicht ganz klar darüber werden.

Man war allmählich auf die bestürzte Gruppe aufmerksam geworden. Die Leute blieben stehen, ein Flüstern ging durch die Menge, Unruhe und Sorge zeigte sich in jedem Gesichte. Kinder und junge Leute wurden ängstlich ausgefragt. Alle stimmten darin überein, daß niemand acht gegeben hätte, ob Tom und Becky bei der Heimfahrt dabeigewesen. Es sei dunkel geworden und man habe nicht nachgesehen, ob irgend jemand fehle. Ein junger Mann platzte endlich mit der Vermutung heraus, sie seien am Ende noch in der Höhle.

Die Frau Kreisrichter wurde daraufhin ohnmächtig, Tante Polly weinte und rang die Hände.

Die Schreckenskunde flog von Lippe zu Lippe, von Gruppe zu Gruppe, von Straße zu Straße, und innerhalb fünf Minuten tönte wildes Glockenläuten vom Turme und die ganze Stadt war in Bewegung. Die nächtlichen Ereignisse verloren jegliches Interesse, Räuber und Mörder waren vergessen, Pferde wurden gesattelt, Boote bemannt, die Fähre flottgemacht, und ehe die Schreckensmäre eine halbe Stunde alt war, befanden sich zweihundert Mann zu Wasser und zu Lande auf dem Weg nach der Höhle.

Den ganzen langen Nachmittag hindurch schien das Städtchen wie ausgestorben. Viele Frauen besuchten Frau Thatcher und Tante Polly, um sie zu trösten oder mit ihnen zu weinen, was besser war als alle Worte.

Die ganze lange Nacht hindurch wartete man im Städtchen auf Nachrichten, und als endlich der Morgen tagte, war nur zu hören: Schickt mehr Kerzen und schickt Lebensmittel!

Frau Thatcher war fast von Sinnen, Tante Polly desgleichen. Der Kreisrichter sandte von Zeit zu Zeit ein Wort der Hoffnung und Ermutigung aus der Höhle, Trost aber brachte das nicht.

Der alte Walliser kam gegen Morgen heim, mit Kerzentalg bespritzt, mit Lehm beschmiert, zu Tode erschöpft. Er fand Huck noch immer auf dem Lager, das er ihm angewiesen; dessen Geist erging sich in wilden Fieberphantasien. Da die Ärzte mit in der Höhle waren, so wußte er keinen besseren Rat, als die Witwe Douglas zu holen, die denn auch sofort kam und sich des Patienten liebreich annahm.

Im Laufe des Vormittags begannen sich allmählich truppweise die erschöpften Männer im Städtchen wieder einzufinden, während die Stärkeren draußen blieben, um weiter zu suchen. Alles, was man erfahren konnte, war, daß die entlegensten Strecken der Höhle, die bis jetzt noch kein menschlicher Fuß betreten, abgesucht worden waren, daß jeder Winkel, jeder Spalt durchforscht werde, daß man überall, wohin der Fuß sich auch wende, im Gewirr der Gänge, Lichter hin und her huschen sehe, und daß fortwährend Rufe und Pistolenschüsse in dumpfem Widerhall gegen die düsteren Felsenwände anschlügen. An einer Stelle, weit von dem gewöhnlich begangenen Teil der Höhle entfernt, hatte man die Namen »Becky« und »Tom« mit Kerzenrauch auf der Felswand eingeschwärzt gefunden und dicht dabei ein mit Talg beschmutztes Stückchen Band, Frau Thatcher erkannte das letztere als ihrem Kinde gehörig und weinte heiße Tränen darauf. Sie sagte, es sei dies das letzte Zeichen, das sie jemals von ihrem Kinde erhalten werde, daß kein Andenken ihr so kostbar und teuer sein könne, als dies kleine Stückchen Band, denn dies sei das letzte, was sich von dem geliebten, lebendigen Körper gelöst, ehe der grausame Tod gekommen. Man erzählte, wie einzelne hier und da in der Höhle ein fernes Lichtfünkchen entdeckten, um mit Jubel und Hallo und voller Hoffnungsfreudigkeit darauf loszustürzen, aber stets folgte bittere Enttäuschung: es waren nicht die vermißten Kinder, sondern nur das Licht irgendeines anderen Mitsuchenden.

Drei schreckliche Tage und Nächte schleppten ihre endlosen Stunden über das Städtchen hin, und dieses versank in hoffnungslose, starre Betäubung, Niemand hatte Lust zu irgend etwas. Die eben erfolgte zufällige Entdeckung, daß der Besitzer der Mäßigkeitsvereinsherberge Spirituosen hielt, machte kaum Eindruck, so furchtbar diese Tatsache auch sein mochte. In einem lichten Moment suchte Huck die Rede auf Gasthöfe im allgemeinen und diese Mäßigkeitsvereinsherberge im besonderen zu lenken, und fragte zuletzt zaghaft, das Schlimmste befürchtend, ob irgend etwas dort entdeckt worden sei, während er krank gewesen.

»Ja,« bestätigte die Witwe.

Mit wild starrenden Augen fuhr Huck im Bett in die Höhe:

»Was – was denn?«

»Branntwein! – Man hat die Herberge geschlossen. Leg dich doch, Kind, – wie hast du mich erschreckt!«

»Sagen Sie mir nur noch eins, – nur noch eins, bitte, hat's Tom Sawyer gefunden?«

Die Witwe brach in Tränen aus.

»Still, still, Kind, still. Ich habe dir's doch schon gesagt, du darfst nicht reden. Du bist sehr, sehr krank.« –

Also nur Branntwein war gefunden worden; hätte man das Gold entdeckt, wäre ein anderes Hallo entstanden. Der Schatz war also verloren, – verloren für immer. Warum aber weinte die Frau? Sonderbar, was hatte sie zu weinen?

Dunkel bahnten sich solche Gedanken ihren Weg durch Hucks mattes Gehirn und machten ihn so müde, daß er darüber in Schlaf sank. Die treue Pflegerin beobachtete ihn und flüsterte leise:

»Da – nun schläft er wieder, armer, kleiner Kerl. Ob Tom Sawyer den Branntwein gefunden hat! Großer Gott, wenn doch nur einer den Tom Sawyer selber finden wollte! Viele gibt's nicht mehr, die noch Kraft genug oder auch Hoffnung genug haben, um weiter zu suchen.«