DerNarrLiest

Der Ruf des Cthulhu von H.P. Lovecraft

December 30, 2020 HofnarrGiaccomo Season 2020 Episode 105
DerNarrLiest
Der Ruf des Cthulhu von H.P. Lovecraft
Chapters
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Der Schrecken im Lehm
23:20
Der Bericht des Inspektor Legrasse
56:40
Der Schrecken aus dem Meer
DerNarrLiest
Der Ruf des Cthulhu von H.P. Lovecraft
Dec 30, 2020 Season 2020 Episode 105
HofnarrGiaccomo

HofnarrGiaccomo liest den urheberrechtsfreien Klassiker
Eine gruselige Geschichte um Magie, Irrsinn und Tod
von  H.P. LOVECRAFT - "Der Ruf des Cthulhu"

00:00:00 Der Schrecken im Lehm
00:23:20 Der Bericht des Inspektor Legrasse
00:56:40 Der Schrecken aus dem Meer

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H.P. Lovecraft

„Der Ruf des Cthulhu

Dass jene großen Mächte oder Wesen überlebt haben, ist vorstellbar ... ein Überleben aus einer ungeheuer fernen Zeit, als ... Bewusstsein sich bildete, vielleicht in Formen, die lange vor dem Heraufdämmern der Menschheit wieder verschwanden ... Formen, von denen einzig Dichtung und Sage eine nebulöse Erinnerung bewahrt haben und die Götter, Monstren, mythische Wesen aller Art genannt wurden. Algernon Blackwood 

I. Der Schrecken im Lehm Ich glaube, die größte Barmherzigkeit dieser Welt ist die Unfähigkeit des menschlichen Verstandes, alles sinnvoll zueinander in Beziehung zu setzen. Wir leben auf einer friedlichen Insel der Ahnungslosigkeit inmitten schwarzer Meere der Unendlichkeit, und es war nicht vorgesehen, dass wir diese Gewässer weit befahren sollen. Die Wissenschaften steuern alle in völlig verschiedene Richtungen und sie haben uns bislang nur wenig Schaden zugefügt, doch eines Tages wird uns das Aneinanderfügen einzelner Erkenntnisse so erschreckende Perspektiven der Wirklichkeit und unserer furchtbaren Aufgabe darin eröffnen, dass diese Offenbarung uns entweder in den Wahnsinn treibt oder uns aus der tödlichen Erkenntnis in den Frieden und den Schutz eines neuen dunklen Zeitalters flüchten lässt. Die Theosophen erahnten die schreckliche Größe des kosmischen Zyklus, in dem unsere Welt und das Menschengeschlecht nur flüchtige Zufälle darstellen. Sie haben das Überleben von etwas Fremdem in Worten angedeutet, die das Blut gefrieren 7 ließen, wären sie nicht hinter milderndem Optimismus verborgen. Doch nicht aus jenen Worten kam der flüchtige Blick auf verbotene Äonen, der mich frösteln lässt, wenn ich daran denke, und der mich wahnsinnig macht, wenn ich davon träume. Jener Blick, wie jeder furchtbare Blick auf die Wirklichkeit, blitzte aus einem zufälligen Zusammenspiel verschiedener Dinge auf – in diesem Fall ein alter Zeitungsbericht und die Aufzeichnungen eines verstorbenen Professors. Ich hoffe, dass niemand sonst dieses Zusammenspiel vollenden wird; jedenfalls werde ich, so ich denn überlebe, niemals wissentlich ein Glied zu einer so entsetzlichen Kette liefern. Ich glaube, dass auch der Professor die Absicht hatte, hinsichtlich seines Wissens Schweigen zu bewahren, und dass er seine Aufzeichnungen vernichtet hätte, wäre er nicht unvermittelt verstorben. Ich nahm zum ersten Mal Kenntnis von diesem Ding im Winter 1926/27, als mein Großonkel George Gammell Angell, emeritierter Professor für semitische Sprachen an der Brown University in Providence, Rhode Island, starb. Professor Angell war weithin als Autorität auf dem Gebiet alter Inschriften bekannt und häufig von den Leitern berühmter Museen zu Rate gezogen worden; daher werden sich wohl viele an sein Verscheiden im Alter von zweiundneunzig Jahren erinnern. Die unklaren Umstände seines Todes verstärkten in der Umgebung das Interesse. Es geschah, als der Professor von einer Reise nach Hause zurückkehrte und gerade von der Newport-Fähre an Land gestiegen war; wie Zeugen berichteten, sei er plötzlich hingefallen, nachdem ihn ein Neger in Matrosenkleidung angerempelt hatte – der Mann sei aus einem der finsteren Höfe an der abfallenden Seite des Hangs gekommen, der eine Abkürzung vom Hafenviertel zur Wohnung des Verstorbenen in der Williams Street bildete. Die Ärzte konnten keinerlei Verletzungen feststellen und kamen nach einer verwirrten Diskussion zu dem Schluss, dass ein versteckter Herzfehler, ausgelöst durch die rasche Besteigung des steilen Hügels durch den so alten Mann, für sein Ende verantwortlich sei. Zu jener Zeit sah ich keinen Grund, 8 diesem Urteil nicht zuzustimmen, doch inzwischen neige ich dazu, es anzuzweifeln – und mehr als das. Als Erbe und Testamentsvollstrecker meines Großonkels – denn er starb als kinderloser Witwer – wurde von mir erwartet, mit einiger Sorgfalt seine Unterlagen durchzusehen, und zu diesem Zweck brachte ich seine gesamten Akten und Kästen in meine Wohnung nach Boston. Ein Großteil des von mir überprüften Materials wird später von der Amerikanischen Archäologischen Gesellschaft veröffentlicht werden, doch es war ein Kästchen darunter, das ich äußerst mysteriös fand und das ich nur mit größtem Widerwillen anderen gezeigt hätte. Es war verschlossen, und ich konnte den Schlüssel dafür nicht finden, bis mir der Gedanke kam, den persönlichen Schlüsselbund zu untersuchen, den der Professor in der Tasche getragen hatte. So gelang es mir tatsächlich, die Schatulle zu öffnen, doch anschließend schien ich lediglich einer größeren und besser versiegelten Barriere gegenüberzustehen. Denn was konnten das sonderbare tönerne Flachrelief und die zusammenhangslosen Skizzen, wirren Notizen und Ausschnitte nur bedeuten, die ich darin fand? War mein Onkel in seinen letzten Lebensjahren einem dummen Schwindel aufgesessen? Ich entschloss mich, den exzentrischen Bildhauer ausfindig zu machen, der offensichtlich für diese Störung des Geisteszustandes eines alten Mannes verantwortlich war. Bei dem Flachrelief handelte es sich um ein grobes Rechteck von fast drei Zentimetern Tiefe und ungefähr fünfzehn mal achtzehn Zentimetern Durchmesser, und es war offensichtlich modernen Ursprungs. Die Darstellungen darauf waren jedoch von Stimmung und Sinngehalt her alles andere als modern, denn obschon die Extravaganzen des Kubismus und Futurismus vielfältig und heftig sind, so geben sie doch nur selten jene geheimnisvolle Gleichmäßigkeit wieder, die in vorgeschichtlichen Schriftzeichen verborgen liegt. Und die Mehrzahl dieser Figuren schien mit Gewissheit eine Art Schrift darzustellen, wenngleich meine Erinnerung mir trotz der vielen Unterlagen und der Sammlung meines Onkels in keiner Weise dabei half, 9 diese besondere Art zu bestimmen oder auch nur ihre entfernteste Zugehörigkeit zu erahnen. Über diesen augenscheinlichen Hieroglyphen befand sich eine Figur, die offenbar etwas darstellen sollte, obgleich ihre impressionistische Ausführung ein wirklich klares Erkennen unmöglich machte. Es schien eine Art Ungeheuer zu sein, oder ein Sinnbild für ein Ungeheuer, mit einer Gestalt, wie sie sich nur eine kranke Einbildungskraft einfallen lassen kann. Wenn ich sage, dass meine ausschweifende Fantasie gleichzeitig Bilder eines Tintenfisches, eines Drachen und das Zerrbild eines Menschen hervorbrachte, so komme ich dem Geist des Dings nahe. Ein aufgeschwemmter Kopf mit Fangarmen krönte einen grotesken und schuppigen Leib, der Ansätze von Schwingen zeigte; doch es war der allgemeine Umriss des Ganzen, der es so bestürzend scheußlich erscheinen ließ. Hinter der Gestalt war die vage Andeutung eines architektonischen Hintergrundes von zyklopischem Ausmaß zu sehen. Die Schreiben, die diese Merkwürdigkeit begleiteten, waren, mit Ausnahme eines Haufens Presseberichte, in Professor Angells jüngster Handschrift verfasst und erhoben keinen Anspruch auf literarischen Stil. Das scheinbar wichtigste Dokument trug die Überschrift ›DER KULT DES CTHULHU‹ in sorgfältigen Buchstaben, um eine falsche Lesart des so fremdartigen Wortes zu vermeiden. Dieses Manuskript war in zwei Abschnitte geteilt, deren erster die Überschrift ›1925 – Traum und Traumbewältigung von H. A. Wilcox, 7 Thomas St., Providence, R. I.‹ und der zweite ›Bericht von Inspektor John R. Legrasse, 121 Bienville St., New Orleans, La., 1908 A. A. S. Mtg. – Aufzeichnungen darüber & Prof. Webbs Bericht‹ trug. Bei den restlichen Manuskripten handelte es sich um kurze Notizen, manche davon Berichte über sonderbare Träume verschiedener Personen, andere Zitate aus theosophischen Büchern und Zeitschriften (vor allem aus W. Scott-Elliots Atlantis und das verlorene Lemuria), und der Rest von ihnen Anmerkungen über uralte Geheimgesellschaften und verborgene 10 Kulte mit Hinweisen auf Abschnitte in mythologischen und anthropologischen Nachschlagewerken wie Frazers Der Goldene Zweig und Miss Murrays Der Hexenkult in Westeuropa. Die Zeitungsausschnitte bezogen sich hauptsächlich auf Fälle von schlimmer Geisteskrankheit und Ausbrüche von Massenhysterie und Manie im Frühjahr 1925. Die erste Hälfte des Hauptmanuskriptes erzählte eine sehr sonderbare Geschichte. Es scheint, dass am ersten März des Jahres 1925 ein dünner dunkler Mann von neurotischem und erregtem Aussehen Professor Angell einen Besuch abstattete und dabei das eigenartige tönerne Flachrelief mitbrachte, das zu diesem Zeitpunkt noch äußerst feucht und frisch war. Seine Visitenkarte wies ihn als Henry Anthony Wilcox aus, und mein Onkel erkannte in ihm den jüngsten Sohn einer vornehmen ihm entfernt bekannten Familie, der seit kurzem an der Rhode Island School Of Design Bildhauerei studierte und im Fleur-deLys-Gebäude in der Nähe dieser Einrichtung allein lebte. Wilcox war ein frühreifer Jüngling von bekanntem Genie, aber großer Extravaganz, und er hatte von Kindheit an durch die merkwürdigen Geschichten und sonderbaren Träume, die er zu erzählen pflegte, Aufmerksamkeit erregt. Er bezeichnete sich selbst als ›psychisch überempfindlich‹, doch die bodenständigen Menschen der alten Handelsstadt taten ihn lediglich als wunderlich ab. Er hatte sich nie viel mit seinesgleichen umgeben, sich nach und nach aus dem gesellschaftlichen Leben zurückgezogen und war nun einzig einem kleinen Kreis von Ästheten aus anderen Städten bekannt. Selbst der auf seine konservativen Werte bedachte Künstlerclub von Providence hatte ihn als völlig hoffnungslos abgestempelt. Angelegentlich seines Besuches, so berichtet das Manuskript des Professors, habe der Bildhauer plötzlich um die Hilfe der archäologischen Kenntnisse des Gastgebers gebeten, um die Hieroglyphen auf dem Flachrelief zu entziffern. Er sprach auf träumerische, geschraubte Weise, die ihn als Poseur auswies und Missfallen erregte; und mein Onkel antwortete ihm ein wenig streng, denn die verdächtige Frische der Relieftafel wies 11 auf eine Verwandtschaft zu allem Möglichen hin, nur nicht zur Archäologie. Die Erwiderung des jungen Wilcox, die meinen Onkel derart beeindruckte, dass er sich an den Wortlaut erinnerte und diesen festhielt, war von einer überaus dichterischen Art, die wohl seine ganze Konversation auszeichnete und die ich nun als höchst charakteristisch für ihn erkenne. Er sagte: »Es ist neu, in der Tat, denn ich schuf es letzte Nacht in einem Traum, der von sonderbaren Städten handelte – und Träume sind älter als das brütende Tyros oder die nachdenkliche Sphinx oder das von Gärten umrankte Babel.« Dann begann er mit jener weitschweifigen Erzählung, die auf einer Traumerinnerung aufbaute und fieberhaftes Interesse seitens meines Onkels erregte. In der Nacht zuvor hatte es ein leichtes Erdbeben gegeben, das bedeutendste, das man seit Jahren in Neuengland erlebt hatte, und das hatte Wilcox’ Fantasie stark erregt. Nach dem Zubettgehen überkam ihn ein noch nie geträumter Traum von zyklopisch-großen Städten aus titanischen Blöcken und vom Himmel gefallenen Monolithen, die allesamt vor grünem Schleim troffen und finster waren von verborgenen Schrecken. Wände und Säulen seien mit Hieroglyphen bedeckt gewesen, und von einer unbestimmten Stelle aus der Tiefe sei eine Stimme gedrungen, die keine Stimme gewesen sei, eher eine wirre Empfindung, die einzig die Einbildung in einen Klang übertragen konnte, die er jedoch mit einem fast unaussprechlichen Wirrwarr von Buchstaben wiederzugeben versuchte: »Cthulhu fhtagn.« Dieses Gestammel wirkte wie ein Schlüssel zum Interesse des Professors Angell, der immer erregter und verstörter wurde. Er fragte den Bildhauer mit wissenschaftlicher Genauigkeit aus und untersuchte mit geradezu panischer Gründlichkeit das Flachrelief, an dem der Jüngling beim Erwachen gearbeitet hatte – verkühlt und nur mit einem Nachthemd bekleidet, nachdem die Realität sich verwirrend über ihn geschlichen hatte. Mein Onkel schob es auf sein Alter, wie Wilcox mir nachher sagte, dass er nicht sofort die Hieroglyphen und die 12 bildliche Darstellung erkannte. Viele seiner Fragen schienen dem Besucher völlig fehl am Platze zu sein, insbesonders jene, welche die Figur mit sonderbaren Kulten oder Gesellschaften in Verbindung zu bringen suchten. Wilcox verstand auch nicht die wiederholten Versprechen der Verschwiegenheit, die mein Onkel anbot, wenn er im Gegenzug eine Mitgliedschaft in einer weitverbreiteten mystischen oder heidnischen Glaubensgemeinschaft erhielte. Als Professor Angell zur Überzeugung gelangte, dass der Bildhauer wirklich keinerlei Wissen über einen Kult oder eine Geheimlehre besaß, bedrängte er seinen Besucher mit der Forderung, ihm künftig über seine Träume Bericht zu erstatten. Dies trug bald regelmäßige Frucht, denn nach dem ersten Gespräch verzeichnet das Manuskript tägliche Besuche des jungen Mannes, während derer er verwirrende Bruchstücke nächtlicher Fantasien wiedergab, die stets schreckliche zyklopische Visionen dunkler und triefender Steine zum Inhalt hatten, mit einer unterirdischen Stimme oder Wesenheit, deren Rufe monoton und rätselhaft auf die Sinne wirkten und die man wohl als Geschnatter bezeichnen konnte. Die beiden Laute, welche wiederholt vorkamen, sind mit den Begriffen ›Cthulhu‹ und ›R’lyeh‹ wiedergegeben worden. Am 23. März, so fuhr das Manuskript fort, erschien Wilcox nicht, und Nachfragen in seiner Unterkunft ergaben, dass er an einem sonderbaren Fieber erkrankt und in sein Elternhaus in der Waterman Street gebracht worden war. Er hatte des Nachts geschrien und mehrere andere Künstler im Gebäude geweckt, und seit diesem Zeitpunkt vegetiere er zwischen Bewusstlosigkeit und Delirium vor sich hin. Mein Onkel verständigte sogleich die Familie und wachte von da ab streng über den Fall; oft rief er Dr. Tobey, der mit dem Fall betraut war, in seiner Praxis in der Thayer Street an. Des jungen Mannes fieberkranker Geist drehte sich offensichtlich einzig um sonderbare Dinge, und der Arzt erschauderte zuweilen, wenn der Patient davon sprach. Es handelte sich dabei nicht bloß um eine Wiederholung der alten Träume, er sprach 13 vor allem von etwas Gigantischem, »viele Meilen hoch«, das umherschritt oder -trampelte. Zu keinem Zeitpunkt beschrieb er das Objekt näher, doch gelegentlich stieß er panische Worte hervor, die Dr. Tobey wiederholte und die den Professor davon überzeugten, es müsse mit der namenlosen Scheußlichkeit identisch sein, die Wilcox mit seiner Traumskulptur darzustellen versucht hatte. Nach Erwähnung dieses Objektes, so fügte der Arzt hinzu, versinke der junge Mann ausnahmslos in einen lethargischen Zustand. Seine Temperatur sei merkwürdigerweise nicht sonderlich erhöht, doch stelle sein gesamter Zustand sich im Übrigen so dar, als leide er an echtem Fieber und nicht an einer Geistesverwirrung. Am zweiten April gegen drei Uhr nachmittags verschwand auf einen Schlag jedes Anzeichen von Wilcox’ Krankheit. Er saß aufrecht im Bett, war erstaunt darüber, sich im Elternhaus zu befinden, und hatte keine Ahnung, was seit der Nacht des 22. März im Traum oder in der Wirklichkeit geschehen war. Von seinem Arzt für gesund erklärt, kehrte er drei Tage später in seine Unterkunft zurück. Für Professor Angell bot er von nun an keine Unterstützung mehr; alle Spuren der sonderbaren Träume waren mit seiner Genesung verschwunden, und nachdem mein Onkel eine Woche lang seine nächtlichen und sinnlosen Berichte über völlig gewöhnliche Visionen aufgezeichnet hatte, hörte er damit auf. Hier schloss der erste Teil des Manuskriptes, doch Verweise auf gewisse der verstreuten Notizen gaben mir weit mehr Stoff zum Nachdenken – in der Tat so viel, dass einzig meine eingefleischte Skepsis, die damals mein Weltbild bestimmte, mein beständiges Misstrauen gegenüber dem Künstler erklären kann. Die fraglichen Notizen waren jene, welche die Träume verschiedener Personen im gleichen Zeitraum behandelten, als der junge Wilcox seine sonderbaren Heimsuchungen erlebte. Mein Onkel, so hat es den Anschein, hatte rasch einen umfangreichen Fragenkatalog an fast alle Freunde gerichtet, die er, ohne unverschämt zu erscheinen, befragen konnte, und bat sie um Berichte über ihre nächtlichen Träume und die Zeitpunkte 14 irgendwelcher bemerkenswerter Visionen in jüngster Vergangenheit. Die Reaktionen auf seine Bitte scheinen unterschiedlich ausgefallen zu sein; doch zumindest muss er mehr Antworten erhalten haben, als ein Mann ohne Hilfe eines Sekretärs hätte bearbeiten können. Die Originalkorrespondenzen sind nicht erhalten, doch seine Notizen stellen einen gründlichen und wahrhaft bedeutsamen Überblick dar. Durchschnittliche Menschen aus Gesellschaft und Handelswesen – Neuenglands traditionelles »Salz der Erde« – gaben einen fast durchweg negativen Bescheid, wenngleich hie und da einzelne Fälle von beunruhigenden, aber gestaltlosen nächtlichen Eindrücken auftauchen, stets zwischen dem 23. März und dem 2. April – also dem Zeitraum des Deliriums des jungen Wilcox. Wissenschaftler waren nur wenig mehr betroffen, wenngleich vier Fälle in vagen Beschreibungen flüchtige Blicke auf merkwürdige Landschaften lieferten, und in einem Fall wurde die Furcht vor etwas Abnormem erwähnt. Die nützlichsten Antworten kamen von Künstlern und Dichtern, und es wäre wohl Panik ausgebrochen, hätten sie Gelegenheit gehabt, ihre Aufzeichnungen zu vergleichen. Da mir die Originalbriefe fehlten, vermutete ich irgendwie, dass der Bearbeiter Suggestivfragen gestellt oder die Korrespondenzen editiert hatte, um das bestätigt zu sehen, was er insgeheim zu finden erwartete. Das ist der Grund, warum ich weiterhin Wilcox, der irgendwie von den alten Aufzeichnungen meines Onkels wusste, im Verdacht hatte, den betagten Wissenschaftler betrogen zu haben. Die Antworten der Ästheten fügten sich zu einer verstörenden Geschichte. Vom 28. Februar bis zum 2. April hatte ein Großteil von ihnen von äußerst bizarren Dingen geträumt, wobei die Intensität der Träume im Zeitraum des Deliriums des Bildhauers viel stärker gewesen sei. Über ein Viertel derer, die überhaupt etwas berichteten, sprachen von Szenen und Halbklängen, nicht unähnlich denen, die Wilcox beschrieben hatte – und einige der Träumer gestanden, heftige Angst empfunden 15 zu haben vor dem riesenhaften namenlosen Ding, das sie letztlich erblickt hatten. Ein Fall, der in den Aufzeichnungen mit Nachdruck wiedergegeben ist, war sehr traurig. Ein weithin bekannter Architekt mit theosophischen und okkulten Neigungen wurde am gleichen Tag, an dem der junge Wilcox erkrankte, von heftigem Wahnsinn befallen und starb einige Monate darauf, nachdem er unaufhörlich nach Rettung vor einem entflohenen Bewohner der Hölle geschrien hatte. Hätte mein Onkel sich in diesen Fällen auf Namen und nicht nur auf Nummern bezogen, so hätte ich versucht, selbst einige Nachforschungen anzustellen, doch es gelang mir lediglich, einige wenige Personen aufzuspüren. All diese bestätigten die Aufzeichnungen jedoch voll und ganz. Ich habe mich oft gefragt, ob alle Personen, die vom Professor befragt wurden, sich dadurch so verwirrt fühlten wie diese Menschen. Es ist gut, dass sie dafür nie eine Erklärung erhalten werden. Die Zeitungsausschnitte bezogen sich, wie ich bereits andeutete, auf Fälle von Panik, Manie und außergewöhnlichem Verhalten während des fraglichen Zeitraumes. Professor Angell muss ein ganzes Büro voller Mitarbeiter beschäftigt haben, denn die Anzahl der ausgeschnittenen Berichte war gewaltig, und ihre Quellen über den ganzen Erdball verstreut. Hier ein nächtlicher Selbstmord in London, wo ein einsamer Schläfer, nachdem er einen entsetzlichen Schrei ausstößt, aus dem Fenster springt; da ein wirrer Leserbrief an eine Zeitung in Südamerika, in dem ein religiöser Fanatiker aus seinen Visionen ein grässliches Zukunftsbild heraufbeschwört. Ein Meldung aus Kalifornien beschreibt, wie die Mitglieder einer theosophischen Gemeinde weiße Gewänder anlegen, für eine »glorreiche Erfüllung«, die nie kommt, während Artikel aus Indien zwischen den Zeilen gegen Ende März ernsthafte Unruhen unter den Eingeborenen schildern. In Haiti häufen sich die Voodoo-Orgien, und afrikanische Vorposten melden rätselhafte Vorgänge im Busch. Auf den Philippinen stationierte amerikanische Offiziere beobachten gewisse Dschungelstämme, die sich aufrührerisch 16 verhalten, und die New Yorker Polizei muss in der Nacht vom 22. zum 23. März mit hysterischen Levantinern fertig werden. Auch der Westen Irlands ist voller wilder Gerüchte und Legenden, und ein fantastischer Maler namens Ardois-Bonnot stellt im Pariser Salon im Frühjahr 1926 eine gotteslästerliche Traumlandschaft aus. Die Berichte über Aufstände in Irrenhäusern sind so zahlreich, dass wohl nur ein Wunder die Ärzteschaft davon abgehalten hat, sonderbare Parallelen und verwirrende Schlussfolgerungen zu ziehen. Ein beklemmender Haufen von Ausschnitten – und heute kann ich mir kaum mehr den abgestumpften Rationalismus erklären, mit dem ich sie beiseite legte. Doch ich war davon überzeugt, dass der junge Wilcox von den älteren Fällen, die der Professor erwähnt hatte, gewusst haben musste. II. Der Bericht des Inspektors Legrasse Die älteren Fälle, die den Albtraum und das Flachrelief des Bildhauers für meinen Onkel so bedeutsam machten, waren Gegenstand der zweiten Hälfte seines langen Manuskriptes. Bereits zuvor, so scheint es, hatte Professor Angell die höllischen Umrisse der namenlosen Scheußlichkeit gesehen, hatte er über den fremden Hieroglyphen gegrübelt und die ominösen Silben gehört, die man nur als ›Cthulhu‹ wiedergeben kann, und all das in einem so aufwühlenden und schrecklichen Zusammenhang, dass es nicht sonderlich verwundert, wie sehr er den jungen Wilcox damit bedrängte, ihm Berichte zu liefern. Dieses frühere Erlebnis hatte 1908 stattgefunden, siebzehn Jahre zuvor, als die Amerikanische Archäologische Gesellschaft ihr alljährliches Treffen in St. Louis abgehalten hatte. Professor Angell, wie es jemandem von seiner Autorität und Kenntnis zukam, nahm in allen Beratungen eine wichtige Rolle ein und war einer der Ersten, dem sich mehrere Außenstehende näherten, welche die Versammlung dazu nutzten, ihre Fragen und Probleme der Meinung eines Experten zu unterbreiten. 17 Zu den Wortführern dieser Leute, und in kurzer Zeit der Brennpunkt des Interesses der gesamten Versammlung, zählte ein gewöhnlich aussehender Mann mittleren Alters, der die lange Reise von New Orleans angetreten hatte, um spezielle Informationen zu erhalten, die er sonst nirgendwo erwarten konnte. Sein Name war John Raymond Legrasse; ein Polizeiinspektor. Er trug den Grund seines Besuches bei sich, eine groteske, abstoßende und allem Anschein nach sehr alte steinerne Statuette, deren Ursprung er nicht zu bestimmen vermochte. Man vermute nun nicht, Inspektor Legrasse hätte sich auch nur im Geringsten für Archäologie interessiert. Im Gegenteil war sein Wunsch nach Aufklärung von rein beruflichen Erwägungen getragen. Die Statuette, Götzenbild, Fetisch oder was es auch sein mochte, war vor einigen Monaten in den dicht bewaldeten Sümpfen von New Orleans während einer Razzia bei einem mutmaßlichen Voodoo-Treffen sichergestellt worden – und so eigenartig und scheußlich waren die damit zusammenhängenden Riten, dass die Polizei vermutete, auf einen ihnen unbekannten finsteren Kult gestoßen zu sein, unendlich teuflischer als selbst der schwärzeste Voodoo-Zirkel Afrikas. Über den Ursprung der Figur war, abgesehen von den wirren und unglaubwürdigen Geschichten der festgenommenen Mitglieder, nichts in Erfahrung zu bringen, und daher rührte der Wunsch der Polizei nach einer Erklärung der Altertumsforscher, die ihnen dabei helfen mochte, das entsetzliche Gebilde einzuordnen und auf diese Weise gegen den Kult vorzugehen. Inspektor Legrasse war wohl kaum auf das Aufsehen vorbereitet gewesen, das sein Mitbringsel auslöste. Allein der Anblick des Dings hatte genügt, um die hier versammelten Männer der Wissenschaft in einen Zustand angespannter Erregung zu versetzen, und sie scharten sich sogleich um ihn und betrachteten die winzige Figur, deren völlige Fremdartigkeit und Ausstrahlung uralter Herkunft den Blick auf unentdeckte und prähistorische Zeiten eröffnete. Keine bekannte Schule der Bildhauerei hatte dieses schreckliche Objekt hervorgebracht, 18 und doch schienen Jahrhunderte oder gar Jahrtausende auf der matten und grünlichen Oberfläche des undefinierbaren Gesteins verzeichnet zu sein. Die Figur, die schließlich langsam von Mann zu Mann gereicht wurde, um näher und sorgfältiger untersucht zu werden, war zwischen einundzwanzig und vierundzwanzig Zentimeter hoch und von ausgezeichneter künstlerischer Verarbeitung. Sie stellte ein Ungeheuer von annähernd menschlicher Gestalt dar, das jedoch einen tintenfischähnlichen Kopf besaß und ein Gesicht aus einer Menge Fühler sowie einen schuppigen, gummiartigen Leib, erstaunliche Klauen an Vorder- und Hinterbeinen und lange, schmale Schwingen auf dem Rücken. Dieses Ding, das Unterbewusstes mit einer fürchterlichen und unnatürlichen Verderbtheit zu paaren schien, war von einer irgendwie aufgeblähten Dickleibigkeit, und es hockte böse auf einem rechteckigen Block oder Sockel, der mit unentzifferbaren Schriftzeichen bedeckt war. Die Spitzen der Schwingen berührten den hinteren Rand des Blocks, das Ding selbst saß im Mittelteil, während die langen, gebogenen Klauen der gekrümmten, kauernden Hinterbeine den vorderen Rand umklammerten und sich über ein Viertel des Sockels erstreckten. Das Kopffüßerhaupt war nach vorn gebeugt, sodass die Enden der Gesichtsfühler über die Rücken der gewaltigen Vorderpfoten strichen, die um die erhöhten Knie der hockenden Gestalt geschlossen waren. Der Eindruck des Ganzen war abnormerweise lebensecht und umso schrecklicher, da man nichts über den Ursprung dieser Figur wusste. Das hohe, erstaunliche und unermessliche Alter der Figur war unverkennbar; doch keinerlei Hinweis ließ ihre Zugehörigkeit zu irgendeiner bekannten Kunstrichtung aus der Morgenröte der Zivilisation erkennen – oder aus irgendeinem anderen Zeitalter. Ein Rätsel für sich war schon das völlig einzigartige Material, denn der seifenartige grünlich-schwarze Stein mit seinen goldfarbenen oder irisierenden Flecken und Streifen hatte mit nichts Ähnlichkeit, was den Geologen oder Mineralogen bekannt war. Die Schriftzeichen am Sockel waren gleichermaßen 19 verwirrend; und keiner der Anwesenden konnte trotz der Tatsache, dass sie die Hälfte der Experten auf diesem Gebiet weltweit repräsentierten, auch nur im Entferntesten irgendeine sprachliche Zugehörigkeit feststellen. Die Zeichen gehörten, wie die Figur und das Material, etwas der uns bekannten Menschheit entsetzlich weit Entferntem an; etwas, das auf fürchterliche Weise alte und unheilige Lebenszyklen andeutete, an denen unsere Welt und unsere Auffassungen keinen Anteil haben. Und doch, als die Mitglieder nach und nach die Köpfe schüttelten und zugaben, das Problem des Inspektors nicht lösen zu können, gab es einen Mann in jener Versammlung, der eine Art bizarrer Verwandtschaft in der ungeheuerlichen Gestalt und den Schriftzeichen zu erkennen glaubte und mit einiger Schüchternheit die sonderbare Kleinigkeit erzählte, die er wusste. Bei diesem Mann handelte es sich um den mittlerweile verstorbenen William Channing Webb, Professor für Anthropologie an der Universität von Princeton, einen Gelehrten von nicht geringer Bedeutung. Professor Webb war 48 Jahre zuvor an einer Expedition nach Grönland und Island beteiligt gewesen, auf der Suche nach Runeninschriften, die er jedoch nicht fand. Hoch oben an der Küste Westgrönlands war er einem einsamen Stamm oder einer Kultgemeinde degenerierter Eskimos begegnet, deren Glauben – eine sonderbare Form der Teufelsanbetung – ihm aufgrund ihrer gefühllosen Blutdürstigkeit und Widerlichkeit das Blut hatte gefrieren lassen. Es war dies ein Glaube, von dem andere Eskimos nur wenig wussten und von dem sie nur mit Schaudern sagten, er sei viele Äonen vor Erschaffung der Welt entstanden. Neben unsäglichen Riten und Menschenopfern gab es einen merkwürdigen überlieferten Gesang, der sich an einen höchsten älteren Teufel oder tornasuk richtete; und von diesem Gesang besaß Professor Webb eine sorgfältige phonetische Niederschrift, angefertigt von einem alten angekok oder Zauberpriester, der die Laute, so gut er konnte, in römischen Buchstaben wiedergegeben hatte. Doch für den jetzigen Fall 20 sei der Fetisch von höchster Bedeutung, den dieser Kult anbetete und umtanzte, wenn das Nordlicht hoch über die Eisklippen kroch. Es war, so berichtete der Professor, ein sehr grob ausgeführtes steinernes Flachrelief, das eine scheußliche Darstellung und rätselhafte Schriftzeichen zeigte. Und soweit er sagen konnte, gab es eine gewisse Verwandtschaft zu den wesentlichen Merkmalen des ungeheuren Dings, das jetzt vor der Versammlung lag. Diese Information, die von den anwesenden Mitgliedern mit Spannung und Erstaunen aufgenommen wurde, schien für Inspektor Legrasse besonders aufregend zu sein, und er fing sogleich an, seinen Informanten mit Fragen zu bestürmen. Da er ein mündliches Ritual der von seinen Männern im Sumpf festgenommenen Kultteilnehmer niedergeschrieben hatte, ersuchte er den Professor, sich so gut er vermochte, die Silben ins Gedächtnis zu rufen, die bei den teufelsanbetenden Eskimos schriftlich festgehalten worden waren. Daraufhin folgte ein gründliches Vergleichen der Einzelheiten und ein Augenblick wahrhaft erstaunten Schweigens, als der Polizist und der Wissenschaftler den Gleichlaut der Formel erkannten, die zwei höllischen Ritualen gemein war, obwohl zwischen ihnen nahezu eine Welt lag. Was sowohl die Eskimozauberer als auch die Sumpfpriester Louisianas vor den Götzen ihres Stammes gesungen hatten, lautete ungefähr wie folgt, wobei die Worte so getrennt sind, wie es den traditionellen Pausen beim Gesang entspricht: ›Ph’nglui mglw’nafh Cthulhu R’lyeh wgah’nagl fhtagn.‹ Legrasse war Professor Webb in einer Hinsicht voraus, denn mehrere der gefangenen Mischlinge hatten ihm wiederholt, was ältere Zelebranten ihnen als die Bedeutung der Worte offenbart hätten. Dieser Text lautete ihnen zufolge ungefähr so: ›In seinem Haus in R’lyeh wartet träumend der tote Cthulhu.‹ Und nun erzählte Inspektor Legrasse in Erwiderung auf die eindringlichen Bitten so genau wie möglich von seinen Erfahrungen mit dem Kult aus dem Sumpf – eine Geschichte, der mein Onkel, wie ich bemerkte, eine tiefe Bedeutung beimaß. 21 Sie erfüllte die wildesten Träume von Mythenschöpfern und Theosophen und enthüllte ein erstaunliches Maß an kosmischer Vorstellungskraft, die man von solchen Mischlingen und Parias wohl kaum erwartet hätte. Am 1. November 1907 war zur Polizei von New Orleans ein panischer Hilferuf aus der Sumpf- und Lagunenlandschaft im Süden gedrungen. Die dortigen Siedler, zumeist primitive, aber gutmütige Abkömmlinge der Männer Lafittes, waren von heftiger Angst ergriffen – Angst vor etwas Unbekanntem, das des Nachts über sie gekommen war. Es hatte allem Anschein nach etwas mit Voodoo zu tun, doch von einer so schrecklichen Art, wie sie es nie zuvor erlebt hatten. Einige ihrer Frauen und Kinder waren verschwunden, seitdem die bösartige Trommel ihr unaufhörliches Schlagen tief in den schwarzen verfluchten Wäldern begonnen hatte, in die keiner der Siedler sich wagte. Irre Rufe und qualvolle Schreie seien zu hören, seelenraubende Gesänge und zuckende Teufelsflammen; und die Menschen, so fügte der verängstigte Bote hinzu, könnten all dies nicht länger ertragen. Und so setzte sich am späten Nachmittag eine Mannschaft von zwanzig Polizisten in zwei Kutschen und einem Automobil mit dem zitternden Siedler als Führer in Bewegung. Am Ende der befahrbaren Straße stiegen sie aus und marschierten schweigend meilenweit durch den schrecklichen Zypressenwald, wo es niemals tagt. Widerliche Wurzeln und ekelhaft herabhängende Schlingen Spanischen Mooses bedrängten sie, und hie und da verstärkten ein Haufen feuchter Steine oder Überreste verfallenen Mauerwerks durch ihre Andeutung morbider Bewohntheit eine triste Stimmung, die jeder missgestaltete Baum und jedes Pilznest nur noch mehrte. Endlich erreichten sie die Siedlung, eine elende Ansammlung von Hütten, und die hysterischen Siedler rannten heraus, um sich um die Gruppe von schwankenden Laternen zu scharen. Der gedämpfte Rhythmus von Trommeln war nun weit, weit entfernt schwach hörbar, und ein schauerlicher Schrei drang in unregelmäßigen Abständen zu ihnen, sobald der 22 Wind sich drehte. Auch schien ein rötliches Funkeln durch das fahle Unterholz jenseits des endlosen nächtlichen Waldes zu leuchten. Wenngleich sie sich fürchteten, wieder allein gelassen zu werden, weigerte sich jeder Einzelne der erschreckten Siedler ganz entschieden, auch nur einen Schritt in Richtung des Gebietes zu machen, wo die unheiligen Verehrungsrituale stattfanden. Also tauchten Inspektor Legrasse und seine neunzehn Männer ohne Führer in die schwarzen Arkaden des Schreckens, die keiner von ihnen je zuvor betreten hatte. Das Gebiet, das die Polizisten nun durchschritten, hatte seit alters her einen unheilvollen Ruf und war für Weiße größtenteils unbekannt und unerforscht. Es gab Legenden über einen verborgenen See, den kein Sterblicher je erblickt habe, in welchem ein gewaltiges gestaltloses Ding mit Tintenfischarmen und leuchtenden Augen wohne; und die Siedler flüsterten von Teufeln mit Fledermausschwingen, die aus unterirdischen Höhlen fliegen, um dieses Ding zur Mitternachtsstunde zu verehren. Sie sagten, es hause hier bereits vor d’Iberville, vor La Salle, vor den Indianern, sogar noch vor den gewöhnlichen Tieren und Vögeln des Waldes. Es sei die Verkörperung eines Albtraums, und wer es erblicke, müsse sterben. Doch es bringe den Menschen Träume von sich, sodass sie genug von ihm wüssten, um ihm fernzubleiben. Die gegenwärtige Voodoo-Orgie fand in der Tat am äußersten Rand dieser verabscheuungswürdigen Gegend statt, und es war wohl der Ort der Anbetung, der die Siedler weit mehr verängstigte als die entsetzlichen Geräusche und Vorfälle. Nur die Dichtung oder der Wahnsinn könnten den Geräuschen gerecht werden, die Legrasses Männer hörten, als sie sich durch den schwarzen Morast pflügten, hin zu dem roten Funkeln und dem gedämpften Lärmen der Trommeln. Es gibt stimmliche Merkmale, die dem Menschen zu eigen sind, und solche, die dem Tier zu eigen sind; und es ist fürchterlich, wenn man das eine hört, wenngleich die Quelle das andere sein müsste. Tierische Raserei und orgiastische Zügellosigkeit peitschten sich hier durch Geheul und kreischende Ekstasen 23 zu dämonischen Höhen empor, und sie hallten durch diese nächtlichen Wälder und zerrissen sie wie Peststürme aus den Tiefen der Hölle. Dann und wann verstummte das schrille Heulen und ein wohlgeordneter Chor rauer Stimmen erhob sich zu einem Singsang jener scheußlichen rituellen Formel: ›Ph’nglui mglw’nafh Cthulhu R’lyeh wgah’nagl fhtagn.‹ Die Männer gelangten nun zu einer Stelle, wo die Bäume spärlicher standen, und plötzlich sahen sie das Spektakel vor sich. Vier von ihnen schwankten, einer verlor das Bewusstsein und zwei brachen in panische Schreie aus, die von der irren Kakofonie der Orgie glücklicherweise übertönt wurden. Legrasse spritzte Sumpfwasser ins Gesicht des ohnmächtigen Mannes und alle starrten sie zitternd und gebannt vor Entsetzen auf die Szenerie. In einer natürlichen Lichtung des Sumpfes ruhte eine grasbewachsene Insel von vielleicht vier Quadratkilometern Durchmesser, auf der keine Bäume standen und die einigermaßen trocken war. Auf diesem Eiland sprang und wirbelte nun eine unbeschreibliche Rotte von menschlichem Abschaum, wie ihn nur ein Sime oder Angarola hätte malen können. Bar jeder Kleidung kreischte, bellte und krümmte sich diese Mischlingsbrut um ein monströses ringförmiges Fegefeuer, in dessen Mitte sich, wie gelegentliche Risse im Flammenvorhang enthüllten, ein großer Granitmonolith von über zwei Metern Höhe erhob. Auf dessen Spitze ruhte in widersinniger Winzigkeit die scheußliche gemeißelte Statuette. In einem weiten Kreis standen zehn Gerüste in regelmäßigen Abständen um den flammenumkränzten Monolithen, und an ihnen herab hingen kopfüber die grässlich verkohlten Leiber der hilflosen Siedler, die verschwunden waren. Innerhalb dieses Kreises sprang und brüllte der Zirkel der Verehrer, wobei sich die Bewegung der Menge von links nach rechts in einem endlosen Bacchanal zwischen dem Ring der Leichen und dem Ring aus Feuer vollzog. Es mochte nur Einbildung oder ein Echo gewesen sein, das einem der Männer, einem leicht erregbaren Spanier, die Vorstellung eingab, antifonale Antworten auf das Ritual aus 24 einer weit entfernten und finsteren Stelle des schrecklichen Waldes zu hören. Diesen Mann, Joseph D. Galvez, lernte ich später kennen, um ihn zu befragen, und er stellte sich als verwirrend fantasievoll heraus. Er ging sogar so weit, schwaches Schlagen großer Schwingen, ein Funkeln feuchter Augen und eine gewaltige weiße Masse weit hinter den entferntesten Bäumen anzudeuten – doch ich vermute, er hatte wohl zu viel vom Aberglauben der Einheimischen gehört. Ziemlich schnell hatten sich die Männer wieder gefangen. Zuerst kam die Pflicht ... Obwohl sich die Menge wohl aus fast einhundert Mischlingspriestern zusammensetzte, vertrauten die Polizisten auf ihre Feuerwaffen und stürzten sich entschlossen in die widerliche Meute. Das nun folgende Getöse und Chaos entzieht sich jeder Beschreibung. Man schlug und man schoss, und es gelang einigen zu fliehen; doch am Ende zählte Legrasse ungefähr siebenundvierzig störrische Gefangene, die er dazu antrieb, sich eilends anzukleiden und zwischen zwei Reihen von Polizisten aufzustellen. Fünf der Götzendiener lagen tot am Boden, und zwei Schwerverletzte wurden von ihren Mitgefangenen auf behelfsmäßigen Bahren fortgetragen. Und natürlich wurde das Götzenbild auf dem Monolithen von Legrasse vorsichtig entfernt und mitgenommen. Nach einer äußerst anstrengenden und erschöpfenden Reise wurden die Gefangenen im Hauptquartier vernommen, wobei sie sich alle als Menschen eines sehr minderwertigen, gemischtrassigen und geistig niedrigen Typus herausstellten. Die meisten waren Matrosen und eine Mischung aus Negern und Mulatten, hauptsächlich Westinder oder Bravaportugiesen von den Kapverdischen Inseln, die dem Kult eine Spur von Voodoo beifügten. Doch noch bevor man viele Fragen gestellt hatte, wurde schon deutlich, dass etwas weitaus Tieferes und Älteres als ein negrider Fetischkult mit hineinspielte. So entartet und dumm diese Kreaturen auch waren, sie hielten mit überraschender Beharrlichkeit an der Grundidee ihres widerlichen Glaubens fest. Sie verehrten, so sagten sie, die Großen Alten, die schon 25 lange vor den Menschen gelebt hätten und die vom Himmel auf die junge Welt gekommen seien. Diese Großen Alten seien nun gegangen, ins Innere der Erde und unter das Meer; doch ihre toten Leiber hätten den ersten Menschen im Traum ihre Geheimnisse mitgeteilt, die daraufhin einen Kult bildeten, der nie ausgestorben sei. Dies sei der Kult, und die Gefangenen sagten, es habe ihn schon immer gegeben und es werde ihn immer geben, verborgen in fernen Wüsten und finsteren Orten auf der ganzen Welt, bis zu der Zeit, da der große Priester Cthulhu aus seinem dunklen Haus in der mächtigen Stadt R’lyeh unter den Wassern auferstehe und den Erdball wieder unter seine Gewalt bringe. Eines Tages, wenn die Sterne günstig stünden, werde er rufen, und der geheime Kult warte immerzu darauf, ihn zu befreien. Mehr könne man nicht offenbaren. Es gab ein Geheimnis, das ihnen nicht einmal die Folter entreißen konnte. Die Menschheit war nicht völlig allein unter den bewussten Geschöpfen der Erde, denn Schemen kamen aus der Dunkelheit, um die wenigen Gläubigen heimzusuchen. Doch waren dies nicht die Großen Alten. Kein Mensch hatte je die Alten erblickt. Das gemeißelte Götzenbild stellte den großen Cthulhu dar, doch vermochte niemand zu sagen, ob die anderen so waren wie er. Niemand konnte mehr die alten Schriftzeichen entziffern, doch gab man gewisse Dinge mündlich weiter. Das gesungene Ritual war nicht das Geheimnis – davon sprach man niemals laut, nur im Flüsterton. Die Litanei bedeute lediglich: »In seinem Haus in R’lyeh wartet träumend der tote Cthulhu.« Nur zwei der Gefangenen wurden für geistesgegenwärtig genug befunden, um gehängt zu werden, den Rest wies man in verschiedene Anstalten ein. Alle leugneten sie die Beteiligung an den Ritualmorden und behaupteten, die Opfer seien von den Schwarzgeflügelten getötet worden, die von ihren uralten Versammlungsorten im verfluchten Wald zu ihnen gekommen seien. Doch über diese geheimnisvollen Gehilfen war keine zusammenhängende Aussage zu bekommen. Was die Polizei in Erfahrung brachte, stammte hauptsächlich von einem 26 unglaublich alten Mestizen namens Castro, der behauptete, er sei in fremde Häfen gesegelt und habe mit den unsterblichen Führern des Kultes in Chinas Bergen gesprochen. Der alte Castro erinnerte sich an Teile einer scheußlichen Legende, welche die Theosophen erbleichen und die Menschheit und den Erdball unglaublich jung und hinfällig erscheinen ließ. Es habe Äonen gegeben, während derer andere Wesen die Welt beherrschten, und Sie hätten in großen Städten gehaust. Deren Überreste, so habe der todlose Chinese ihm gesagt, könne man noch als zyklopische Steine auf Inseln im Pazifik finden. Sie alle seien viele Zeitalter vor der Ankunft des Menschen gestorben, doch es gebe Künste, mit denen man Sie wiedererwecken könne, sobald die Sterne erneut am richtigen Platz im Kreis der Ewigkeit stünden. Sie seien nämlich selbst von den Sternen gekommen und hätten Ihre Abbilder mit sich gebracht. Diese Großen Alten, fuhr Castro fort, seien allesamt nicht aus Fleisch und Blut. Sie hätten eine Gestalt – war nicht dieses Bildnis aus dem Sternenraum der Beweis dafür? –, doch diese Gestalt war nicht stofflich. Wenn die Sterne an der richtigen Stelle standen, konnten Sie durch das All von Welt zu Welt tauchen; standen die Sterne aber nicht günstig, konnten Sie nicht leben. Doch wenngleich Sie nicht lebten, so starben Sie doch nie wirklich. Sie alle ruhten in Steinhäusern in Ihrer großen Stadt R’lyeh, geschützt vom Bann des mächtigen Cthulhu, bis zur glorreichen Auferstehung, wenn die Sterne und die Erde wieder für Sie bereit seien. Doch zu dieser Zeit müsse eine Kraft von außen dabei helfen, Ihre Leiber zu befreien. Der Bann, der Sie unversehrt bleiben ließ, hinderte Sie gleichzeitig daran, sich zu bewegen, und so konnten Sie nur wach in der Finsternis liegen und sinnen, während unzählige Jahrmillionen vorbeizogen. Sie wussten auch weiterhin, was im Weltall vor sich ging, denn Ihre Art zu sprechen sei Gedankenübertragung. Auch jetzt sprechen Sie in Ihren Gräbern. Als nach einer Ewigkeit des Chaos die ersten Menschen sich erhoben, sprachen die Großen Alten zu den Empfänglichen unter ihnen, 27 indem Sie ihre Träume formten; denn nur auf diese Weise konnte Ihre Sprache den fleischlichen Verstand eines Säugetiers erreichen. Dann, flüsterte Castro, bildeten jene ersten Menschen den Kult um die kleinen Götzenbilder, welche die Großen Alten ihnen gezeigt hatten, Götzenbilder, die in finstrer Zeit von den dunklen Sternen gekommen seien. Jener Kult würde nie aussterben, bis die Gestirne wieder günstig stünden, und die geheimen Priester würden den großen Cthulhu aus dem Grabe rufen, um seine Untertanen wiederzuerwecken und seine Herrschaft über die Erde zu erneuern. Dieser Zeitpunkt sei leicht zu bestimmen, denn dann sei die Menschheit wie die Großen Alten geworden; frei und ungezähmt und jenseits von Gut und Böse, und jedes Gesetz und jede Moral sei zur Seite gefegt, und alle Menschen würden schreien und töten und sich in Lust ergehen. Dann würden die befreiten Alten sie neue Wege lehren, wie man schreit und tötet und sich in Lust ergeht, und der ganze Erdball würde durch eine Fackel aus Ekstase und Freiheit in Flammen gesetzt. Solange müsse der Kult durch angemessene Riten die Erinnerung an jene uralten Wesen aufrechterhalten und ihre Rückkehr verkünden. In früheren Zeiten hätten Auserwählte mit den ruhenden Alten in ihren Träumen gesprochen, doch dann sei etwas geschehen. Die große steinerne Stadt R’lyeh sei mit all ihren Monolithen und Grabmälern in den Wellen versunken; und die tiefen Wasser, erfüllt von dem einen uranfänglichen Geheimnis, welches nicht einmal Gedanken durchdringen könnten, hätten den geistigen Umgang abgeschnitten. Doch die Erinnerung stirbt nie, und die Hohepriester sagten, dass die Stadt wieder erscheinen werde, wenn die Sterne günstig stünden. Dann stiegen aus dem Erdboden die schwarzen Geister der Erde, modrig und schemenhaft und voller finstrer Andeutungen, die sie in den Höhlen unter dem vergessenen Meeresgrund aufgeschnappt hätten. Doch von ihnen wagte der alte Castro nicht zu sprechen. Er beendete hastig seinen Redefluss, und weder Überredungskunst noch List konnten ihm 28 mehr darüber entlocken. Auch die Größe der Großen Alten weigerte er sich merkwürdigerweise zu benennen. Vom Kult selbst sagte er noch, er glaube, sein Zentrum liege inmitten der unzugänglichen Wüsten Arabiens, wo Irem, die Stadt der Säulen, verborgen und unberührt träume. Der Kult sei nicht mit dem Hexenkult Europas verbunden und sei unter dessen Anhängern so gut wie unbekannt. Kein Buch habe je davon gesprochen, obwohl der todlose Chinese sagte, es gäbe Doppeldeutigkeiten im Necronomicon des verrückten Arabers Abdul Alhazred, welche der Eingeweihte nach Belieben deuten könne, insbesondere den viel erwähnten Vers: Es ist nicht tot, was ewig liegt, Und in fremder Zeit wird selbst der Tod besiegt. Legrasse, tief beeindruckt und nicht wenig verwirrt, hatte umsonst nach den geschichtlichen Ursprüngen des Kultes gefragt. Castro hatte allem Anschein nach die Wahrheit gesagt, als er geäußert hatte, diese seien absolut geheim. Die Experten der Tulane-Universität konnten sich weder den Kult noch das Abbild erklären, und nun war der Inspektor zu den größten Autoritäten des Landes gekommen und bekam nichts anderes zu hören als die Grönlandgeschichte des Professors Webb. Das fieberhafte Interesse, das Legrasses Bericht, bestärkt durch die Figur, bei der Versammlung erregt hatte, findet seinen Widerhall in den späteren Korrespondenzen der Teilnehmer – in den offiziellen Mitteilungen der Gesellschaft wird die Sache allerdings nur knapp erwähnt. Vorsicht ist die erste Sorge jener, die gelegentliche Scharlatanerie und Betrug gewöhnt sind. Legrasse überließ Professor Webb das Abbild für einige Zeit, doch nach dessen Tod erhielt er es zurück, und es verblieb in seinem Besitz, wo ich es vor kurzem in Augenschein nahm. Es ist wahrlich ein entsetzliches Ding und eindeutig mit der Traumskulptur des jungen Wilcox verwandt. Dass mein Onkel von der Geschichte des Bildhauers so 29 aufgewühlt worden war, fand ich nun nicht verwunderlich – denn welche Gedanken müssen einem in den Sinn kommen, wenn man nach allem, was Legrasse über den Kult erfahren hatte, von einem hypersensiblen jungen Mann hört, der nicht nur die Abbildung und die genauen Hieroglyphen des im Sumpf gefundenen Bildwerks und des grönländischen Teufelsreliefs geträumt hatte, sondern der in seinen Träumen auch auf mindestens drei der Wörter der Formel gestoßen war, die gleichermaßen von den teufelsanbetenden Eskimos und den Mischlingen in Louisiana gemurmelt worden waren? Es war mehr als natürlich, dass Professor Angell sogleich eine äußerst gründliche Untersuchung begann, wenngleich ich den jungen Wilcox verdächtigte, auf indirektem Wege von dem Kult gehört und eine Reihe von Träumen erfunden zu haben, um auf Kosten meines Onkels das Geheimnis noch interessanter zu machen. Die vom Professor gesammelten Traumberichte und Zeitungsausschnitte waren natürlich eine starke Untermauerung; doch mein rationalistischer Verstand und die Überspanntheit der ganzen Sache brachten mich zu der meiner Auffassung nach logischsten Schlussfolgerung. Nachdem ich also das Manuskript wieder und wieder gründlich studiert und die Aufzeichnungen theosophischer und anthropologischer Natur mit Legrasses Bericht über den Kult verglichen hatte, reiste ich nach Providence, um den Bildhauer aufzusuchen und ihn zur Rede zu stellen, weil er einen gelehrten alten Mann derart dreist getäuscht hatte. Wilcox lebte noch immer allein im Fleur-de-Lys-Gebäude in der Thomas Street, einer scheußlichen viktorianischen Nachahmung der bretonischen Architektur des siebzehnten Jahrhunderts, die inmitten der hübschen Häuser im Kolonialstil auf dem alten Hügel mit ihrer Stuckfront protzte. Im Schatten des schönsten georgianischen Kirchturms Amerikas fand ich Wilcox bei der Arbeit in seinem Zimmer. Sogleich erkannte ich an den im Raum verstreuten Werken, dass sein Genie tatsächlich bedeutsam und authentisch ist. Er wird, so glaube ich, in einiger Zeit als einer der großen décadents bekannt werden, 30 denn in seinen Werken aus Ton – und eines Tages wohl auch aus Marmor – spiegeln sich kristallen jene Nachtmahre und Fantasien, die Arthur Machens Prosa beschwört und Clark Ashton Smith in Vers und Bild sichtbar macht. Dunkelhaarig, zerbrechlich und irgendwie ungepflegt anzusehen, wandte er sich bei meinem Anklopfen träge um und fragte mich nach meinem Anliegen, ohne sich zu erheben. Als ich ihm dann erzählte, wer ich bin, zeigte er ein gewisses Interesse, denn mein Onkel hatte durch die Untersuchung seiner merkwürdigen Träume seine Neugier erregt, ohne je den Grund für diese Studien zu erklären. Ich vergrößerte sein Wissen in dieser Hinsicht nicht, sondern versuchte, ihn mit einiger Spitzfindigkeit aus der Reserve zu locken. Nach kurzer Zeit war ich von seiner vollkommenen Aufrichtigkeit überzeugt, denn er sprach in einer Weise von den Träumen, die man nicht missdeuten konnte. Diese Träume und ihr Rückhall in seinem Unterbewusstsein hatten seine Kunst stark beeinflusst, und er zeigte mir ein morbides Standbild, dessen Umrisse mich aufgrund der Macht ihrer schwarzen Andeutungen fast erbeben ließen. Er konnte sich nicht daran erinnern, das Vorbild für dieses Ding, außer auf seinem eigenen Traumrelief, irgendwo gesehen zu haben, aber die Umrisse hätten sich unmerklich unter seinen Händen von selbst geformt. Es war dies zweifelsohne die gigantische Gestalt, von der er im Delirium fantasiert hatte. Dass er wirklich nichts von dem verborgenen Kult wusste, außer dem, was meines Onkels schonungslose Fragen hervorgelockt hatten, wurde bald deutlich; und wieder suchte ich in Gedanken nach einer Möglichkeit, wie er denn die unheimlichen Eindrücke erhalten haben könne. Er sprach von seinen Träumen auf sonderbar poetische Weise; er schilderte mit schrecklicher Lebendigkeit die feuchte zyklopische Stadt aus schleimig grünem Gestein – deren Geometrie, wie er seltsamerweise sagte, völlig falsch sei – und ich vernahm mit ängstlicher Erwartung das unaufhörliche halbgeistige Rufen aus dem Untergrund: »Cthulhu fhtagn, Cthulhu fhtagn.« 31 Diese Worte waren Teil jenes schrecklichen Rituals, das von der Traumwacht des toten Cthulhu in seiner Steingruft in R’lyeh erzählt, und ungeachtet meiner rationalen Auffassung war ich zutiefst bewegt. Wilcox, so war ich mir sicher, hatte von dem Kult auf beiläufige Weise gehört und ihn bald wieder unter der Menge seiner gleichermaßen sonderbaren Lektüre und Fantasie vergessen. Später hatte dieses Wissen aufgrund seiner schieren Eindrücklichkeit in Träumen, im Flachrelief und der schrecklichen Statue, die ich nun anblickte, unterschwelligen Ausdruck gefunden. Er hatte also meinen Onkel völlig unschuldig getäuscht. Der junge Mann war von einem Charakter, die ich nicht besonders mag, zugleich ein wenig affektiert und etwas arrogant; doch ich war durchaus bereit, ihm sowohl Genie als auch Aufrichtigkeit zuzugestehen. Ich verabschiedete mich freundlich von ihm und wünschte ihm all den Erfolg, den seine Begabung versprach. Die Sache mit dem Kult faszinierte mich noch immer, und zuweilen überkamen mich Visionen, dass ich als Erster seinen Ursprung und seine Verbindungen erforschen würde und zu Ruhm gelangte. Ich reiste nach New Orleans, sprach mit Legrasse und anderen aus seiner damaligen Mannschaft, sah das fürchterliche Abbild und befragte sogar einige der gefangenen Mischlinge, die noch am Leben waren. Der alte Castro war unglücklicherweise schon vor einigen Jahren verstorben. Was ich nun so anschaulich aus erster Hand hörte, erregte mich von Neuem, wenngleich es in Wirklichkeit nicht mehr als eine detaillierte Bestätigung dessen war, was mein Onkel aufgeschrieben hatte; ich war mir sicher, einer sehr wirklichen, sehr geheimen und sehr alten Religion auf der Spur zu sein, deren Entdeckung mich zu einem Anthropologen hohen Ranges machen würde. Meine Haltung war noch immer völlig materialistisch geprägt – wie ich mir wünsche, dass sie es heute noch sei –, und mit fast unerklärlicher Halsstarrigkeit schenkte ich der Übereinstimmung zwischen den von Professor Angell gesammelten Traumberichten und den merkwürdigen Zeitungsausschnitten wenig Beachtung. 32 Eine Sache fand ich immer verdächtiger, derer ich mir nun gewiss bin: dass der Tod meines Onkels alles andere als natürlich war. Er fiel auf einem schmalen Hügelweg hin, nachdem ein schwarzer Matrose ihn unachtsam angerempelt hatte – der Weg führte vom alten Hafenviertel herauf, in dem es von ausländischen Mischlingen wimmelt. Ich habe die gemischtrassigen und seemännischen Teilnehmer des Kultes in Louisiana nicht vergessen, und ich wäre über geheime Methoden und Riten und Glaubensvorstellungen nicht überrascht gewesen. Legrasse und seine Männer hat man in Frieden gelassen, das stimmt; doch ein Seemann aus Norwegen, der ihre Riten beobachtete, ist jetzt tot. Könnten die Nachforschungen meines Onkels nach der Begegnung mit dem Bildhauer finsteren Kräften zu Ohren gelangt sein? Ich glaube, Professor Angell starb, weil er zu viel wusste oder weil er auf dem Weg war, zu viel zu erfahren. Ob es mir so ergehen wird wie ihm, wird sich zeigen, denn auch ich weiß nun schon viel. III. Der Schrecken aus dem Meer Sollte der Himmel mir je eine Gunst erweisen, so soll es das völlige Vergessen jener losen Zeitungsseite sein, auf die mein zufälliger Blick fiel. Sie schien nicht von Bedeutung für meine täglichen Nachforschungen, denn sie stammte nur aus einer alten Ausgabe einer australischen Zeitschrift, des Sydney Bulletin vom 18. April 1925. Sie war sogar dem Pressebüro entgangen, das während des Zeitpunkts ihres Erscheinens eifrig Material für die Nachforschungen meines Onkels sammelte. Ich hatte meine Untersuchungen über das, was Professor Angell den ›Cthulhu-Kult‹ nannte, schon so gut wie aufgegeben und besuchte einen gelehrten Freund in Paterson, New Jersey, Kurator eines örtlichen Museums und Mineraloge von Rang. Als ich eines Tages die nicht ausgestellten Stücke ansah, die in einem Hinterzimmer des Museums auf einem Depotregal lagen, fiel mein Blick auf ein sonderbares Bild auf einem 33 der alten Zeitungsblätter, die unter den Steinen ausgelegt waren. Es handelte sich um das bereits erwähnte Sydney Bulletin, denn mein Freund hatte weitreichende Verbindungen in allen erdenklichen Teilen der Welt. Auf dem Bild sah man ein scheußliches Steinbildnis, das mit dem von Legrasse im Sumpf gefundenen fast identisch war. Rasch befreite ich die Seite von ihrer kostbaren Last und überflog den Artikel, war dann aber enttäuscht zu entdecken, dass er nur wenig Informationen lieferte. Was er jedoch andeutete, war von verhängnisvoller Bedeutung für meine erlahmende Suche, und ich riss ihn vorsichtig heraus. Der Inhalt lautete wie folgt: MYSTERIÖSES WRACK AUF SEE GEFUNDEN Die Vigilant läuft mit seeuntüchtiger Yacht aus Neuseeland im Schlepptau ein. An Bord fand man einen Überlebenden und einen Toten. Bericht über einen verzweifelten Kampf und Tod auf See. Geretteter Seemann weigert sich, Einzelheiten über sonderbare Geschehnisse mitzuteilen. Eigenartiges Götzenbild in seinem Besitz. Untersuchungen folgen. Die Vigilant, ein Frachter der Morrison Co., lief heute Morgen auf dem Rückweg von Valparaiso im Hafen von Darling ein, im Schlepptau die seeuntüchtig gewordene, aber schwer bewaffnete Dampfyacht Alert aus Dunedin, Neuseeland, die am 12. April 34°21’ südlicher Breite und 152°17’ westlicher Länge gesichtet wurde, mit einem Lebenden und einem Toten an Bord. Die Vigilant hatte Valparaiso am 25. März verlassen und war am 2. April von außergewöhnlich heftigen Stürmen und gigantischen Brechern beträchtlich von ihrem Kurs in südliche Richtung abgetrieben worden. Am 12. April sichtete man das Wrack, das erst verlassen aussah, wie man jedoch bald feststellte, aber einen Überlebenden in halb wahnsinnigem Zustand beherbergte. Zudem fand man eine männliche Leiche, offenbar 34 schon seit mehr als einer Woche tot. Der Überlebende hielt ein schreckliches Götzenbild aus Stein umklammert, dessen Ursprung unbekannt ist und das ungefähr dreißig Zentimeter misst und über dessen Zweck Experten der Universität von Sydney, der Royal Society und des Museums in der College Street sich völlig im Unklaren sind. Der Überlebende sagte, er habe es in einer Kabine der Yacht gefunden, in einem kleinen geschnitzten Kästchen. Dieser Mann erzählte, nachdem er wieder zur Vernunft gekommen war, eine äußerst sonderbare Geschichte von Seeräuberei und Totschlag. Es handelt sich bei dem Mann um Gustaf Johansen, einen Norweger von einiger Intelligenz, zweiter Maat des Zweimastschoners Emma aus Auckland, der am 20. Februar mit einer Besatzung von elf Mann nach Callao gesegelt war. Die Emma, sagte er, sei am 1. März vom großen Sturm aufgehalten und beträchtlich nach Süden abgetrieben worden. Am 22. März stieß sie bei 49°51’ südlicher Breite und 128°34’ westlicher Länge auf die Alert, die von einer merkwürdigen und boshaft aussehenden Besatzung von Kanaken und Mischlingen bemannt war. Deren entschiedene Aufforderung zur Umkehr lehnte Kapitän Collins ab, woraufhin die sonderbare Besatzung ohne Warnung sofort mit einem merkwürdig schweren Geschütz zu schießen begann. Die Männer der Emma wehrten sich, und obwohl der Schoner durch Treffer unterhalb der Wasserlinie zu sinken begann, gelang es ihnen, das feindliche Schiff zu entern. Auf Deck der Yacht kämpften sie gegen die tierische Mannschaft und waren dazu gezwungen, alle zu töten – diese waren zwar in der Überzahl, kämpften aber auf abstoßende und ziemlich unbeholfene Weise. Drei Mann von der Emma, einschließlich Kapitän Collins und dem 1. Maat Green, wurden getötet, und die überlebenden acht unter Befehl des 2. Maats Johansen segelten mit der geenterten Yacht weiter auf dem ursprünglichen Kurs, um herauszufinden, welchen Grund es gab, dass man sie an der Weiterfahrt hatte hindern wollen. Am nächsten Tag landeten sie allem Anschein nach auf einer 35 kleinen Insel, obwohl in diesem Teil des Meeres keine solche bekannt ist, und sechs Mann starben dort. Johansen ist merkwürdig zurückhaltend mit diesem Teil der Geschichte und sagt, sie seien in eine Felsspalte gestürzt. Später, so scheint es, kehrten er und ein Gefährte zur Yacht zurück und versuchten, sie zu steuern, wobei sie jedoch von dem Sturm am 2. April abgeschlagen wurden. Von diesem Zeitpunkt an bis zu seiner Rettung am 12. erinnert sich der Mann nur an wenig; er weiß nicht einmal mehr, wann sein Gefährte William Briden starb. Bridens Todesursache war nicht festzustellen und ist vermutlich auf Erregung oder Entkräftung zurückzuführen. Telegrafische Meldungen aus Dunedin berichten, dass die Alert dort als Inselfrachter wohlbekannt ist und einen üblen Ruf hat. Sie gehörte einer sonderbaren Gruppe von Mischlingen, deren regelmäßige Treffen und nächtliche Ausflüge in die Wälder nicht wenig Aufmerksamkeit erregten. Das Schiff war nach dem Sturm und Erdbeben vom 1. März in großer Eile in See gestochen. Unser Korrespondent in Auckland bestätigt der Emma und ihrer Besatzung einen ausgezeichneten Ruf, und Johansen wird als besonnener und achtbarer Mann beschrieben. Die Admiralität wird morgen mit einer Untersuchung der ganzen Angelegenheit beginnen, wobei man jeden Versuch unternehmen wird, Johansen zu einer ausführlicheren Aussage als bislang zu bewegen. Dies war, abgesehen von der Abbildung des höllischen Götzenbildes, alles, doch welche Gedankengänge löste es in meinem Verstand aus! Hier waren neue Informationen über den Cthulhu-Kult, mitsamt dem Beweis, dass es sowohl auf See als auch auf dem Festland sonderbare Interessierte gab. Welches Motiv hatte die Hybridenbesatzung, während sie mit ihrem scheußlichen Götzenbild umhersegelte, dazu bewogen, die Emma zurückzuhalten? Was war das für eine unbekannte Insel, auf der sechs Mann von der Emma gestorben waren und über die 36 der Maat Johansen sich in Schweigen hüllte? Was hatte die Untersuchung der Vizeadmiralität ans Licht gebracht und was war in Dunedin über den widerlichen Kult bekannt? Und, am verwunderlichsten: Was war dies für eine tiefsinnige und mehr als natürliche Verkettung von Daten, die den verschiedenen, von meinem Onkel so sorgfältig aufgezeichneten Begebenheiten eine so unheilvolle und mittlerweile unbestreitbare Bedeutsamkeit verlieh? Am 1. März – oder dem 28. Februar, je nach der Internationalen Datumslinie – hatten das Erdbeben und der Sturm stattgefunden. Aus Dunedin war die Alert mit ihrer widerlichen Besatzung eifrig losgesegelt, als habe ein gebieterischer Ruf es ihr befohlen, und auf der anderen Seite der Erdkugel träumten Dichter und Künstler von einer merkwürdigen feuchten, zyklopischen Stadt, und ein junger Bildhauer hatte im Schlaf die Gestalt des gefürchteten Cthulhu geformt. Am 23. März war die Mannschaft der Emma auf einer unbekannten Insel gelandet, auf der sechs Mann umkamen; genau zu diesem Zeitpunkt nahmen die Träume empfindlicher Menschen eine erhöhte Lebhaftigkeit an und wurden finster unter der Furcht vor einem gewaltigen Ungeheuer, während ein Architekt dem Wahnsinn anheim fiel und ein Bildhauer plötzlich im Delirium versank! Und was war mit jenem Sturm am 2. April – dem Tag, da alle Träume von der feuchten Stadt abbrachen und Wilcox unbeschadet aus den Fängen eines fremdartigen Fiebers hervorging? Was war mit all dem – und mit den Andeutungen des alten Castro über die versunkenen, von den Sternen gekommenen Alten und ihre künftige Herrschaft, ihre treuen Anbeter und ihre Gewalt über die Träume? Wankte ich am Abgrund kosmischer Schrecken, die der Mensch nicht zu ertragen vermag? Falls ja, dann mussten es allein Schrecken des Bewusstseins sein, denn auf irgendeine Weise war am 2. April jedwede monströse Bedrohung zum Erliegen gekommen, die begonnen hatte, die Seelen der Menschen zu zermürben. An jenem Abend verabschiedete ich mich nach einem Tag voller Telegramme und hastiger Vorkehrungen von meinem 37 Gastgeber und nahm einen Zug nach San Francisco. In weniger als einem Monat war ich in Dunedin, wo ich jedoch herausfand, dass man wenig über die sonderbaren Kultanhänger wusste, die in den alten Hafenkaschemmen herumgelungert hatten – menschlicher Abschaum ist in Küstennähe ein viel zu häufiges Phänomen, als dass er besonderer Erwähnung bedarf. Es gab dennoch vages Gerede über einen Ausflug dieser Mischlinge ins Binnenland, während dessen man schwaches Getrommel und rote Flammen auf den fernen Hügeln bemerkt habe. In Auckland erfuhr ich, dass Johansen mit vormals blondem und nun weißem Haar nach einer ergebnislosen Befragung nach Sydney zurückgekehrt sei, dort sein Häuschen in der West Street verkauft habe, um anschließend mit seiner Frau in seine alte Heimat nach Oslo zu segeln. Von seinem aufwühlenden Erlebnis erzählte er auch seinen Freunden nicht mehr als den Beamten der Admiralität, und diese Herren konnten für mich nicht mehr tun, als mir seine Osloer Anschrift zu geben. Danach reiste ich nach Sydney und unterhielt mich, ohne brauchbare Informationen zu erhalten, mit Seemännern und Mitgliedern des Vizeadmiralsgerichtes. Ich besichtigte die Alert, die mittlerweile verkauft worden war und nun dem Seehandel diente, im Circular Quay in Sydney Cove, brachte aber nichts in Erfahrung. Das hockende Götzenbild mit seinem Tintenfischhaupt, seinem Drachenleib, Schuppenschwingen und hieroglyphenbedeckten Sockel befand sich im Museum im Hyde Park, und ich betrachtete es lange und genau, dieses Stück unheilvoller, doch vorzüglicher Handarbeit, das ebenso rätselhaft und unergründlich alt war und aus dem gleichen unirdisch fremden Material wie das kleinere Exemplar von Legrasse. Den Geologen, so erzählte der Museumsleiter mir, habe dies ein gewaltiges Rätsel aufgegeben, denn sie beteuerten, es gebe auf der ganzen Welt kein derartiges Gestein. Ich dachte mit Schaudern daran, was der alte Castro Legrasse über die Alten erzählt hatte: »Sie kamen von den Sternen, und Sie brachten Ihre Abbilder mit sich.« Von einer nie zuvor gekannten geistigen Erschütterung er38 fasst, traf ich den Entschluss, den Maat Johansen in Oslo aufzusuchen. Ich segelte nach London und schiffte mich dort sogleich wieder nach der Hauptstadt Norwegens ein, und eines Tages im Herbst betrat ich einen hübschen Kai im Schatten des Egebergs. Johansens Unterkunft befand sich, wie ich entdeckte, in der Altstadt von König Harald Schönhaar, die den Namen Oslo während all der Jahrhunderte beibehalten hatte, in denen die größere Stadt sich als ›Christiania‹ ausgegeben hatte. Ich legte die kurze Strecke in einer Droschke zurück und klopfte mit pochendem Herzen an die Tür eines schönen und alten Gebäudes mit Stuckfront. Eine schwarz gekleidete Frau mit traurigem Gesicht öffnete mir, und ich wurde von der Enttäuschung fast zerrissen, als sie mir in stockendem Englisch mitteilte, dass Gustaf Johansen nicht mehr unter den Lebenden weile. Er hatte seine Heimkehr nicht lange überlebt, berichtete seine Frau, denn die Geschehnisse auf See im Jahre 1925 hätten ihn gebrochen. Er habe auch ihr nicht mehr als der Öffentlichkeit berichtet, doch habe er ein langes Manuskript hinterlassen – über »technische Angelegenheiten«, wie er sich ausdrückte –, auf Englisch geschrieben, allem Anschein nach, um sie, die diese Sprache kaum verstand, vor der Gefahr eines zufälligen Lesens zu bewahren. Während eines Spazierganges durch eine schmale Gasse nahe dem Göteborg-Hafenbecken habe ihn ein aus einem Dachfenster fallender Ballen Papier zu Boden gerissen. Zwei Laskarmatrosen hatten ihm sofort aufgeholfen, doch noch ehe der Notarzt ihn erreichte, war er tot. Die Ärzte fanden keinen triftigen Grund für sein Ende und erklärten es mit einem Herzfehler und geschwächter Konstitution. Ich fühlte nun an meinen Lebenskräften jenes dunkle Entsetzen saugen, das mich nicht mehr verlassen wird, bis auch ich ruhe – sei es durch ›Zufall‹ oder eine andere Ursache. Ich überzeugte die Witwe davon, dass meine Beziehung zu den »technischen Angelegenheiten« ihres toten Gatten mich zum Besitz seines Manuskriptes berechtigte, nahm das Doku39 ment mit mir und las es auf dem Schiff nach London. Es waren einfache, geschwätzige Worte – das Bemühen eines naiven Matrosen, ein nachträgliches Tagebuch zu führen –, die jeden einzelnen Tag jener schrecklichen letzten Seefahrt zu beschreiben versuchten. Ich kann es aufgrund seiner Undeutlichkeit und Langatmigkeit nicht wortwörtlich wiedergeben, doch ich werde das Wesentliche daraus berichten, um zu erklären, warum das klatschende Geräusch des Wassers gegen die Seiten des Schiffes mir so unerträglich wurde, dass ich mir Watte in die Ohren stecken musste. Johansen wusste Gott sei Dank nicht alles, wenngleich er die Stadt und das Ding gesehen hatte, doch ich werde nie wieder ruhig schlafen beim Gedanken an das Grauen, das unablässig jenseits des Lebens in Zeit und Raum lauert ... an jene unheilige Blasphemie von den uralten Gestirnen, die unter dem Meer träumt, angebetet und verehrt von einem albtraumhaften Kult, der jederzeit bereit ist, sie wieder auf die Welt loszulassen, sobald ein neuerliches Erdbeben ihre ungeheuerliche steinerne Stadt abermals zu Luft und Licht emporhebt. Johansens Fahrt hatte so begonnen, wie er es der Vizeadmiralität berichtet hatte. Am 20. Februar hatte die Emma, mit Fracht beladen, Auckland verlassen und die volle Macht des Erdbebens und Sturms zu spüren bekommen, das wohl vom Meeresgrund jene Schrecken aufgewirbelt hatte, die in die Träume der Menschen eindrangen. Als das Schiff wieder unter Kontrolle gebracht war, bewegte es sich schnell vorwärts, bis es am 22. März von der Alert aufgehalten wurde, und ich spürte deutlich das Bedauern des Maats, als er die Bombardierung und den Untergang beschrieb. Von den schwarzhäutigen Kultanhängern an Bord der Alert sprach er mit großem Grauen. Sie umgab etwas besonders Verabscheuungswürdiges, das ihre Ausrottung fast wie eine Pflicht erscheinen ließ – Johansen zeigte sich wirklich erstaunt über den Vorwurf der Unbarmherzigkeit, den man deshalb während der gerichtlichen Befragung gegenüber seiner Mannschaft erhob. Dann, angetrieben von Neugier, segelten die Männer unter 40 Johansens Kommando mit der gekaperten Yacht weiter. Bald erblickten sie eine große Steinsäule, die sich aus dem Meer erhob, und stießen auf 47°9’ südlicher Breite und 123°42’ westlicher Länge auf einen Küstenstreifen aus Schlamm, Schleim und zyklopischem Mauerwerk. Dabei muss es sich um nichts Geringeres als die greifbare Substanz des größten Entsetzens der Welt handeln – die nachtmahrische Leichenstadt R’lyeh, vor unermesslichen Äonen erbaut von den gewaltigen, widerwärtigen Gestalten, die von den finsteren Sternen herabgedrungen waren. Dort lagen der große Cthulhu und seine Horden, verborgen in grünschleimigen Gewölben, und von hier aus sandten sie nach endloser Zeit jene Gedanken aus, die in den Träumen der Empfänglichen Furcht verbreiteten und den Gläubigen geboten, sich auf eine Pilgerfahrt der Befreiung und Wiederherstellung zu begeben. All dies war Johansen völlig unbekannt, doch Gott weiß, er sah schon bald genug! Ich vermute, dass nur eine einzige Bergspitze, die scheußliche monolithgekrönte Zitadelle, auf welcher der große Cthulhu begraben worden war, sich aus den Fluten erhob. Denke ich an das Ausmaß all dessen, was dort unten noch brüten mag, möchte ich mich am liebsten sofort umbringen. Johansen und seine Männer standen in stummem Entsetzen vor der kosmischen Erhabenheit dieses triefenden Babels uralter Dämonen, und sie errieten wohl, dass es nicht von dieser oder irgendeiner normalen Welt stammen konnte. Entsetzen über die unglaubliche Größe der grünlichen Steinblöcke, über die schwindelerregende Höhe des großen gemeißelten Monolithen und die verblüffende Ähnlichkeit der kolossalen Statuen und Flachreliefs mit dem sonderbaren Götzenbild, das man in einem Schrein auf der Alert gefunden hatte – all das wird in jeder Zeile der Schilderung des Maats auf ergreifende Weise deutlich. Ohne zu wissen, was der Futurismus ist, beschrieb Johansen in seinem Bericht über die Stadt etwas ganz Ähnliches, denn anstatt irgendwelche festen Strukturen oder Gebäude zu beschreiben, gibt er lediglich unklare Eindrücke gewaltiger 41 Winkel und steinerner Flächen wieder – Flächen, die zu groß waren, um zu dieser Welt zu gehören, bedeckt mit gottlosen, schrecklichen Abbildern und Hieroglyphen. Ich erwähne sein Gerede über die Winkel aus dem Grund, weil es auf etwas hinweist, das Wilcox mir über seine scheußlichen Träume berichtet hatte. Er hatte gesagt, die Geometrie des im Traum geschauten Ortes sei abnorm gewesen, nicht euklidisch und auf ekelerregende Weise an Sphären und Dimensionen fern der unseren gemahnend. Nun verspürte ein einfacher Seemann das Gleiche, als er die fürchterliche Wirklichkeit erblickte. Johansen und seine Mannschaft gelangten über eine abfallende Schlammbank auf diese ungeheuerliche Akropolis und kletterten glitschige Blöcke hinauf, die für Menschen keine Stufen darstellen. Die Sonne am Himmel schien verzerrt zu sein, wenn man sie durch das polarisierende Miasma erblickte, das aus dieser von Meerwasser durchtränkten Widernatürlichkeit hervorquoll, und verschlagene Bedrohungen und Ungewissheiten lauerten lüstern in jenen auf wahnsinnige Weise trügerischen Winkeln behauenen Steins, wo ein erster Blick eine Aushöhlung entdeckte, doch ein zweiter Blick eine Wölbung. Furcht hatte sich über alle Mitglieder der Mannschaft gelegt, noch bevor man etwas Deutlicheres als Fels und Schleim und Tang sah. Jeder Einzelne von ihnen wäre am liebsten geflohen, hätte er nicht die Verachtung der andern gefürchtet, und sie suchten nur halbherzig nach einem tragbaren Gegenstand, den sie hätten mitnehmen können – umsonst, wie sich herausstellte. Es war der Portugiese Rodriguez, der den Sockel des Monoliths hinaufstieg und den anderen zurief, was er gefunden hatte. Der Rest folgte ihm und betrachtete neugierig das gewaltige gemeißelte Tor mit dem mittlerweile bekannten Tintenfischdrachen als Flachrelief. Es sah, laut Johansen, wie ein großes Scheunentor aus; und sie alle hielten es für ein Tor wegen des verzierten Türsturzes, der Schwelle und der Pfosten 42 an den Seiten, wenngleich sie nicht zu sagen vermochten, ob es flach wie eine Falltür oder schräg wie eine nach außen führende Kellertür lag. Wie Wilcox gesagt hatte, war die Geometrie dieses Ortes völlig falsch. Man konnte nicht sicher sein, dass das Meer und der Boden horizontal lagen, weshalb die mutmaßliche Lage von allem anderen auf fantastische Weise unbeständig schien. Briden tastete das Gestein an mehreren Stellen ab, doch ohne Ergebnis. Donovan befühlte sorgfältig die Ränder und drückte dabei auf jede einzelne Stelle. Er kletterte das groteske Steingebilde unendlich weit hoch – das heißt, man hätte es Klettern nennen können, hätte das Ding tatsächlich senkrecht in die Höhe geführt –, und die Männer stellten sich die Frage, wie irgendeine Tür im Universum so gewaltig sein konnte. Dann gab der viele Quadratmeter messende Türsturz am oberen Ende sanft und langsam nach innen nach; und sie sahen, dass er ausbalanciert war. Donovan glitt oder stürzte irgendwie den Pfosten hinab oder entlang und stieß wieder zu seinen Gefährten, und alle sahen sie zu, wie sich das ungeheuerliche gemeißelte Portal so sonderbar öffnete. In diesem Wahntraum prismatischer Verzerrung bewegte es sich abnormal auf diagonale Weise, sodass alle Gesetze der Materie und Perspektive auf den Kopf gestellt schienen. Die Öffnung war von einer derart schwarzen Finsternis, dass diese fast stofflich zu sein schien. Diese Dunkelheit war tatsächlich von materieller Beschaffenheit, denn sie verdeckte jene Teile der Wände im Innern, die eigentlich hätten sichtbar sein müssen, und sie drängte aus ihrer seit Urzeiten währenden Gefangenschaft hervor wie Rauch, wobei sie die Sonne verfinsterte, als sie sich mit flatternden Membranschwingen in den zurückweichenden und gewölbten Himmel schlich. Der aus dem nun geöffneten Abgrund aufsteigende Geruch war unerträglich. Bald glaubte der feinhörige Hawkins dort unten ein ekelhaftes schlurfendes Geräusch vernommen zu haben. Alle lauschten, und sie lauschten noch immer, als ES geifernd in ihr Blickfeld 43 kroch und tastend seine gallertartige grüne Ungeheuerlichkeit durch die schwarze Pforte zwängte, hinaus in die besudelte Luft jener giftigen Stadt des Wahnsinns. Die Handschrift des armen Johansen versagte beinahe, als er dies beschrieb. Von den sechs Männern, die nicht mehr zum Schiff zurückkehrten, sind seiner Meinung nach zwei in jenem verfluchten Augenblick an schierer Angst gestorben. Das Ding kann nicht beschrieben werden – es gibt keine Worte für solche Abgründe kreischenden und uralten Wahnsinns, solch grausigen Widerspruch zu aller Materie, Energie und kosmischer Ordnung. Ein Berg, der ging oder wankte. Großer Gott! War es da noch ein Wunder, dass auf der anderen Seite des Erdballs in diesem telepathischen Augenblick ein talentierter Architekt dem Wahnsinn erlag und der arme Wilcox im Fieber raste? Das Ding von den Götzenbildern, die grüne ekelhafte Brut von den Sternen war erwacht, um ihr Recht zu fordern. Die Sterne standen wieder günstig, und was ein uralter Kult nicht zu leisten vermocht hatte, hatte nun eine Gruppe nichts ahnender Matrosen versehentlich getan. Nach Vigintillionen von Jahren war der große Cthulhu wieder frei und raste vor Lust. Drei Männer wurden von den schwammigen Klauen ergriffen, bevor jemand sich regte. Gott schenke ihnen die ewige Ruhe – sollte es im Universum so etwas wie Ruhe geben. Es handelte sich um Donovan, Guerrera und Angstrom. Parker glitt aus, während die anderen drei in panischer Hast über die endlosen Reihen grün verkrusteter Felsen zum Boot hinrannten, und Johansen schwört, dass er von einem Mauerwinkel verschluckt wurde, der nicht hätte da sein sollen; ein spitzer Winkel, der sichtbar ein stumpfer war. Und so erreichten nur Briden und Johansen das Boot, und sie ruderten verzweifelt zur Alert, als die riesige Monstrosität die schleimigen Steine hinabglitt und zögernd zum Wasser zappelte. Der Dampf in den Kesseln war noch nicht völlig versiegt, auch wenn die Besatzung komplett von Bord gegangen war, und die beiden Männer brauchten nur wenige Momente 44 fieberhaften Hin und Hers, um die Alert in Fahrt zu setzen. Langsam begann sie inmitten der verzerrten Schrecken jener unbeschreiblichen Szenerie das todbringende Gewässer aufzuwühlen, während auf dem Mauerwerk jener Leichenküste, die nicht von dieser Welt war, das Titanending von den Sternen geiferte und greinte wie Polyphemos, als er die fliehenden Schiffe des Odysseus verfluchte. Doch der große Cthulhu war kühner als der legendäre Zyklop, glitt schleimig ins Wasser und nahm mit gewaltigen, Wellen erzeugenden Schlägen kosmischer Urkraft die Verfolgung auf. Briden sah zurück und wurde irre, und er lachte in regelmäßigen Abständen schrill, bis er eines Nachts in seiner Kabine den Tod fand, während Johansen fantasierend umherwanderte. Doch Johansen hatte noch nicht aufgegeben. Er wusste, dass das Ding die Alert mit Sicherheit einholen würde, und er griff zu einer verzweifelten Möglichkeit: Er stellte den Motor auf Höchstgeschwindigkeit, rannte wie der Blitz an Deck und riss das Steuer herum. Es gab ein gewaltiges Wirbeln und Schäumen im widerlichen Meereswasser, der Dampfdruck stieg höher und höher, und der tapfere Norweger steuerte sein Schiff geradewegs auf das ihm nachsetzende Gallertwesen zu, das sich über dem unreinen Schaum wie das Heck einer dämonischen Galeone erhob. Der schreckliche Tintenfischkopf mit den zuckenden Fühlern reichte schon fast bis zum Bugspriet der Yacht, doch Johansen fuhr unbeirrt weiter. Es folgte ein Bersten wie das einer explodierenden Blase, eine weiche Widerwärtigkeit wie von einem aufgerissenen Mondfisch, ein Gestank wie aus tausend geöffneten Gräbern und ein Geräusch, das der Chronist nicht auf Papier wiedergeben konnte. Einen Augenblick lang war das Schiff besudelt von einer ätzenden und blendenden grünen Wolke, und dann gab es nur noch ein giftiges Brodeln achtern, wo sich – Gott im Himmel! – die zerfetzte Gestalt jener namenlosen Sternenbrut wieder zusammensetzte zu ihrer entsetzlichen ursprünglichen Form, während die Alert an Beschleunigung gewann und sich mit jeder Sekunde weiter entfernte. 45 Das war alles. Danach brütete Johansen nur noch in seiner Kabine über dem Götzenbild und kümmerte sich dann und wann um Nahrung für sich und den lachenden Irren an seiner Seite. Er versuchte nicht mehr, das Schiff zu navigieren, denn das Geschehene hatte etwas aus seiner Seele gerissen. Dann setzte am 2. April der Sturm ein, und barmherzige Wolken legten sich über sein Bewusstsein. Da war ein Gefühl von geisterhaftem Wirbeln durch Strudel der Unendlichkeit, von schwindelerregenden Flügen durch taumelnde Welten auf Kometen und von hysterischen Sprüngen aus Abgründen hoch zum Mond und vom Mond zurück in den Abgrund, und das alles wurde untermalt vom schnatternden Chor der irren, ausgelassenen alten Götter und der höhnenden Fledermausteufel des Tartarus. Die Rettung aus diesem Traum kam durch die Vigilant, das Gericht der Vizeadmiralität, die Straßen von Dunedin und die lange Heimreise zum alten Haus am Egeberg. Er konnte nichts darüber berichten – man würde ihn für verrückt halten. Er wollte alles niederschreiben, was er wusste, bevor der Tod ihn ereilte, doch seine Frau durfte nichts davon auch nur erahnen. Der Tod würde eine Gnade sein, wenn er nur diese Erinnerungen auslöschte. Dies schilderte das Dokument, das ich las, und nun liegt es in der Blechkiste neben dem Flachrelief und Professor Angells Unterlagen. Dazu kommt diese Aufzeichnung aus meiner Feder – diese Prüfung meiner eigenen Vernunft, worin all das zusammengefügt ist, was, wie ich hoffe, nie wieder jemand zusammenfügen wird. Ich habe all das erblickt, was der Kosmos an Schrecken bereithält, und selbst der Himmel im Frühjahr und die Blumen des Sommers sind hernach nur noch wie Gift für mich. Doch ich glaube, dass mein Leben nicht mehr lange währt. Wie mein Onkel und wie der arme Johansen, so werde auch ich gehen. Ich weiß zu viel, und der Kult ist noch immer lebendig. Auch Cthulhu, so vermute ich, ist noch lebendig in jenem Abgrund aus Stein, der ihn geschützt hat, seit die Sonne jung 46 war. Seine verfluchte Stadt ist wieder versunken, denn die Vigilant ist nach dem Sturm im April über die Stelle hinweggesegelt; aber seine Botschafter auf Erden brüllen und toben und morden noch immer vor mit Götzen gekrönten Monolithen an einsamen Orten. Er muss beim Versinken wohl in seinem schwarzen Abgrund gefangen gewesen sein, denn sonst würde die Welt jetzt vor Angst und Wahnsinn schreien. Wer weiß, wie es enden wird? Was aufsteigt, mag wieder versinken, und was versunken ist, mag wieder auftauchen. Grässliches wartet und träumt in der Tiefe, und der Zerfall breitet sich aus in den unbeständigen Städten der Menschen. Eine Zeit wird kommen ... aber ich darf und kann nicht daran denken! Ich bete, dass – sollte ich die Fertigstellung dieses Manuskriptes überleben – meine Testamentsvollstrecker Vorsicht walten lassen und dafür Sorge tragen werden, dass kein Auge diese Zeilen je erblickt. 

Der Schrecken im Lehm
Der Bericht des Inspektor Legrasse
Der Schrecken aus dem Meer