DerNarrLiest

Sherlock Holmes & Drei Giebel (Fall 52)

May 28, 2021 HofnarrGiaccomo Season 2021 Episode 169
DerNarrLiest
Sherlock Holmes & Drei Giebel (Fall 52)
Show Notes Transcript

HofnarrGiaccomo liest den urheberrechtsfreien Klassiker
Eine spannende Sherlock Holmes Kriminalgeschichte
von  ARTHUR CONAN DOYLE - "Drei Giebel"  (Fall 52)

Der Fall erschien in Deutschland auch unter dem Titel

  • Das Haus zu den drei Giebeln

Inhalt:
Eigentlich führt Mrs. Maberley ein friedliches, zurückgezogenes Leben, doch dann ereignen sich in ihrem Haus seltsame Dinge. Zuerst versucht ein dubioser Makler, es für einen völlig überteuerten Preis zu kaufen und dann wird die alte Dame des nachts Überfallen. Die Diebe aber stehlen keine Wertgegenstände, sondern nur ein Romanmanuskript ihres verstorbenen Sohnes. Ein Fall für Sherlock Holmes.

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 Arthur Conan Doyle - Sherlock Holmes
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„Drei Giebel“ (Fall 52)
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Ich glaube, keines meiner Abenteuer mit Mr. Sherlock Holmes begann so abrupt und dramatisch wie jenes, das sich für mich an Die Drei Giebel knüpft. Ich hatte Holmes seit einigen Tagen nicht gesehen und wußte nicht, in welche neuen Bahnen seine Aktivitäten unterdessen gelenkt worden waren. An jenem Morgen war er jedoch in Plauderlaune und hatte mir eben den abgewetzten tiefen Sessel neben dem Kamin angewiesen (dieweil er sich mit der Pfeife im Mund in den Stuhl gegenüber schmiegte), als unser Besucher erschien. Hätte ich statt »Besucher« »rasender Stier« gesagt, so würde das einen deutlicheren Eindruck des Ereignisses vermitteln.

Die Tür war aufgeflogen, und herein stürzte ein riesiger Neger. Wäre er nicht so furchterregend gewesen, so hätte er eine komische Figur abgegeben, denn er trug einen überaus knalligen graukarierten Anzug mit einer wallenden lachsfarbenen Krawatte. Sein breites Gesicht mit der abgeplatteten Nase schob sich vor, während die düsteren Augen, in denen es feindselig schwelte, zwischen uns hin und her schweiften.

»Wer von den Genelmen is Masser Holmes?« fragte er.

Holmes hob matt lächelnd die Pfeife in die Höhe.

»Aha! Sie sin das, ja?« sagte unser Besucher, wobei er ungemütlich schleichenden Schrittes die Tischkante umrundete. »Hören Sie, Masser Holmes, Sie halten sich raus aus Angelegenheiten von andere Leut. Lassen Leut ihre Sache selber erledigen. Kapiert, Masser Holmes?«

»Sprechen Sie weiter«, sagte Holmes. »Das klingt gut.«

»Oh! Klingt gut, ja?« knurrte der Wilde. »Klingt nicht mehr so verdammt gut, wenn ich Sie n bissel vertrimmen muß. Ich hab schon früher mit Leut wie Sie zu tun gehabt, und die ham nicht so gut ausgesehn, wie ich mit ihnen fertig war. Da sehn Sie her, Masser Holmes!«

Er schwang einen riesigen knorrigen Klumpen von einer Faust unter die Nase meines Freundes. Holmes betrachtete sie eingehend mit höchst interessierter Miene. »Ist die angeboren?« fragte er. »Oder ist sie erst allmählich so geworden?«

Ob es mit der eisigen Gelassenheit meines Freundes zusammenhing oder mit dem leisen Geklapper, das ich verursachte als ich den Schürhaken zur Hand nahm: die Hitzigkeit unseres Besuchers mäßigte sich jedenfalls.

»Also, ich hab Sie rechtzeitig gewarnt«, sagte er. »Ich hab n Freund, der is interessiert von wegen Harrow38 – Sie wissen, was ich mein – und der will keine Einmische von Ihnen nicht. Kapiert? Sie sin nich das Gesetz, und ich bin nich das Gesetz, und wenn Sie die Nase reinstecken, dann bin ich auch zur Stelle. Vergessen Sie das nich.«

»Ich wollte Sie schon lange einmal kennenlernen«, sagte Holmes. »Ich kann Sie nicht bitten, Platz zu nehmen, weil mir Ihr Geruch mißfällt39; aber sind Sie nicht Steve Dixie, der Schläger?«

»Das is mein Name, und den kriegen Sie sicherlich eingebleut, wenn Sie ne Lippe riskieren.«

»Was Lippen betrifft, kann sich bestimmt keiner mit Ihnen messen«, sagte Holmes; er starrte auf den abscheulichen Mund unseres Besuchers. »Aber da wäre noch die Ermordung des jungen Perkins vor der Holborn-Bar … Was! Sie wollen doch nicht etwa schon wieder gehen?«

Der Neger hatte einen Satz nach hinten gemacht, und sein Gesicht war bleigrau. »So ein Geschwätz will ich nich hören«, sagte er. »Was hab ich zu tun mit diesem Perkins, Masser Holmes? Ich hab doch gerade am Bull Ring in Birmingham trainiert, als dieser Junge in Schlamassel gekommen is.«

»Ja, davon können Sie dann dem Richter erzählen, Steve«, sagte Holmes. »Ich habe Sie und Barney Stockdale schon eine Weile im Auge …«

»So wahr mir Gott helfe! Masser Holmes …«

»Das reicht jetzt. Lassen Sie die Finger davon. Ich hol Sie mir schon, wenn ich Sie brauche.«

»Gu’n Morgen, Masser Holmes. Sie nehm doch hoffentlich mein Besuch nich krumm?«

»Doch – es sei denn, Sie verraten mir, wer Sie geschickt hat.«

»Och, das is kein Geheimnis nich, Masser Holmes. Das war der Genelman, den Sie grad erwähnt ham.«

»Und wer hat ihm den Auftrag dazu erteilt?«

»Weiß Gott. Ich weiß nich, Masser Holmes. Er hat nur gesagt, ›Steve, geh du zu Masser Holmes und richte aus, er ist sein Leben nich mehr sicher, wenn er inne Gegend von Harrow kommt.‹ Das is die ganze Wahrheit.«

Ohne irgendeine weitere Frage abzuwarten, sauste unser Besucher aus dem Zimmer – ebenso überstürzt, wie er gekommen war. Leise kichernd klopfte Holmes die Asche aus seiner Pfeife.

»Ich bin froh, daß Sie nicht gezwungen waren, ihm den wolligen Schädel einzuschlagen, Watson. Ich habe Ihr Manöver mit dem Schürhaken bemerkt. Aber eigentlich ist er ein ziemlich harmloser Bursche, ein großes, muskulöses, törichtes, polterndes Baby – und leicht ins Bockshorn zu jagen, wie Sie gesehen haben. Er gehört zur Spencer-John-Bande und war unlängst an einer schmutzigen Sache beteiligt, die ich noch aufklären könnte, falls ich mal Zeit habe. Sein unmittelbarer Chef, Barney, ist etwas gewitzter. Ihre Spezialität sind Überfalle, Einschüchterungen und dergleichen. Was ich freilich wissen möchte, ist: Wer ist diesmal der Hintermann?«

»Aber warum wollen die Leute denn Sie einschüchtern?«

»Es geht um diesen Harrow-Weald-Fall. Der Vorfall veranlaßt mich, der Sache auf den Grund zu gehen; denn wenn sich jemand der Mühe unterzieht, davon so viel Aufhebens zu machen, dann muß etwas dran sein.«

»Aber worum handelt es sich denn?«

»Ich war just im Begriff, Ihnen das zu erzählen, als sich dieses possierliche Intermezzo ereignete. Hier ist der Brief von Mrs. Maberley. Wenn Sie Lust haben, mich zu begleiten, geben wir ihr telegraphisch Nachricht und brechen sofort auf.«

 

LIEBER MR. SHERLOCK HOLMES, (las ich) –

Bei mir hat sich, im Zusammenhang mit diesem Haus, eine Reihe seltsamer Vorfälle ereignet, und ich würde großen Wert auf Ihren Rat legen. Sie können mich morgen zu jeder beliebigen Zeit zu Hause antreffen. Das Haus liegt nur eine kurze Wegstrecke von der Weald-Station entfernt. Ich glaube, mein seliger Gatte, Mortimer Maberley, war einer Ihrer früheren Klienten.

Ihre sehr ergebene

MARY MABERLEY.

 

Die Adresse lautete »Die Drei Giebel, Harrow Weald«.

»So, das wär’s«, sagte Holmes. »Und nun wollen wir uns, wenn Sie Zeit haben, Watson, auf den Weg machen.«

Eine kurze Eisenbahn-und eine noch kürzere Wagenfahrt brachten uns zu dem Holz-und-Backstein-Landhaus; das dazugehörige Grundstück bestand aus brachliegendem Weideland. Drei schmale Vorsprünge über den oberen Fenstern stellten einen schwachen Versuch dar, seinen Namen zu rechtfertigen. Dahinter befand sich eine Gruppe melancholischer, halberwachsener Kiefern; das Ganze wirkte armselig und deprimierend. Nichtsdestoweniger fanden wir das Haus wohleingerichtet vor, und die Lady, die uns in Empfang nahm, war eine äußerst einnehmende ältere Person, mit allen Anzeichen von Bildung und Kultur.

»Ich kann mich an Ihren Gatten gut erinnern, Madame«, sagte Holmes, »obwohl es schon einige Jahre her ist, daß er meine Dienste wegen einer Kleinigkeit in Anspruch nahm.«

»Vermutlich sagt Ihnen der Name meines Sohnes Douglas mehr.«

Holmes sah sie mit großem Interesse an.

»Meine Güte! Sind Sie etwa die Mutter von Douglas Maberley? Ich kannte ihn zwar nur flüchtig, aber er war ja ohnehin in ganz London bekannt. Was für ein großartiger Mensch! Wo hält er sich denn inzwischen auf?«

»Er ist tot, Mr. Holmes, tot! Er war Attaché in Rom und ist dort letzten Monat an Lungenentzündung gestorben.«

»Das tut mir leid. In Verbindung mit einem solchen Mann kann man sich den Tod gar nicht vorstellen. Noch nie habe ich jemanden kennengelernt, der so sprühte vor Lebenslust. Er lebte intensiv – mit jeder Faser seines Wesens!«

»Zu intensiv, Mr. Holmes. Und das war sein Verderben. Sie erinnern sich daran, wie er war – strahlend und liebenswert. Sie haben das schwermütige, verdrießliche, vor sich hin brütende Geschöpf nicht mehr erlebt, zu dem er sich entwickelte. Sein Herz war gebrochen. Mir war, als hätte sich mein prächtiger Junge in einem einzigen Monat in einen ausgelaugten und zynischen Menschen verwandelt.«

»Eine Liebesaffäre – eine Frau?«

»Oder eine Teufelin. Nun ja, ich habe Sie nicht hierhergebeten, um von meinem armen Jungen zu reden, Mr. Holmes.«

»Dr. Watson und ich stehen zu Ihrer Verfügung.«

»Es haben sich einige sehr seltsame Dinge ereignet. Ich wohne nun schon seit über einem Jahr in diesem Haus, und da ich ein zurückgezogenes Leben führen wollte, habe ich meine Nachbarn bislang nur selten zu Gesicht bekommen. Vor drei Tagen rief mich ein Mann an, der sich als Häusermakler ausgab. Er sagte, daß dieses Haus genau den Wünschen eines seiner Klienten entspreche und daß, falls ich verkaufen wolle, Geld keine Rolle spiele. Das kam mir sehr merkwürdig vor, weil mehrere leerstehende Häuser auf dem Markt sind, die wahrscheinlich ebenso geeignet wären; aber was er sagte, hat mich natürlich interessiert. Ich nannte daher einen Preis, der fünfhundert Pfund über dem lag, den ich selbst bezahlt hatte. Er nahm sofort an, fügte jedoch hinzu, daß sein Klient auch das Mobiliar zu kaufen wünsche; ich möge den Preis entsprechend erhöhen. Einige dieser Möbel stammen noch aus meiner alten Wohnung, und sie sind, wie Sie sehen, in sehr gutem Zustand, so daß ich eine hübsche runde Summe nannte. Auch in diese willigte er sofort ein. Ich hatte schon immer den Wunsch zu reisen, und das Angebot war derartig günstig, daß es wirklich so aussah, als könnte ich für den Rest meines Lebens mein eigener Herr sein.

Gestern traf der Mann mit dem schon vollständig aufgesetzten Vertrag ein. Glücklicherweise habe ich ihn Mr. Sutro gezeigt, meinem in Harrow wohnenden Rechtsanwalt. Er sagte mir: ›Das ist ein sehr sonderbares Dokument. Ist Ihnen bewußt, daß Sie, wenn Sie das unterschreiben, von Rechts wegen überhaupt nichts aus dem Haus mitnehmen dürfen – nicht einmal Ihren privaten Besitz?‹ Als der Mann abends wiederkam, habe ich ihn auf diesen Punkt aufmerksam gemacht und betont, daß ich lediglich das Mobiliar zu verkaufen beabsichtige.

›Nein, nein; alles‹, sagte er.

›Aber meine Kleidung? Mein Schmuck?‹

›Nun ja, nun ja, was Ihre persönlich Habe angeht, so lassen sich da vielleicht ein paar Zugeständnisse machen. Aber nichts darf ohne Kontrolle das Haus verlassen. Mein Klient ist zwar sehr großzügig, aber er hat seine Launen und Eigenheiten. Bei ihm heißt es: alles oder nichts.‹

›Dann muß es heißen: nichts‹, sagte ich. Und dabei wurde es belassen, doch das Ganze kam mir so ungewöhnlich vor, daß ich dachte …«

Da ereignete sich eine sehr merkwürdige Störung.

Holmes hob um Ruhe bittend die Hand. Dann durchquerte er mit langen Schritten den Raum, riß die Tür auf und zog eine große hagere Frau, die er an der Schulter gepackt hielt, ihrem Sträuben zum Trotz ins Zimmer, wie ein riesiges unbeholfenes Huhn, das zeternd aus seinem Stall gezerrt wird.

»Lassen Sie mich los! Was fällt Ihnen ein!« kreischte sie.

»Nanu, Susan, was hat das zu bedeuten?«

»Naja, Ma’am, ich wollt gerade reinkommen und fragen, ob Ihr Besuch zum Mittagessen bleibt, da springt dieser Herr da heraus und fällt über mich her.«

»Ich habe sie bereits die letzten fünf Minuten über gehört, wollte aber Ihren höchst interessanten Bericht nicht unterbrechen. Wohl ein bißchen asthmatisch, Susan, wie? Sie atmen zu schwer für diese Art von Arbeit.«

Susan wandte ihrem Fänger ein mürrisches, doch erstauntes Gesicht zu.

»Wer sind Sie überhaupt, und was für ein Recht haben Sie, mich so rumzuzerren?«

»Es geschah nur aus dem Wunsch heraus, in Ihrem Beisein eine Frage zu stellen. Haben Sie, Mrs. Maberley, irgend jemandem gegenüber erwähnt, daß Sie beabsichtigen, mir zu schreiben und mich zu konsultieren?«

»Nein, Mr. Holmes.«

»Wer hat Ihren Brief aufgegeben?«

»Susan.«

»Na bitte. Also, Susan, wem haben Sie denn nun geschrieben oder eine Nachricht zukommen lassen, daß Ihre Herrin mich um Rat fragen will?«

»Das ist gelogen. Ich hab niemand eine Nachricht zukommen lassen.«

»Aber, aber, Susan; Asthmatiker leben gewöhnlich nicht lange, wie Sie wissen. Flunkern ist eine schlimme Sache. Wem haben Sie es verraten?«

»Susan!« rief ihre Herrin, »mir scheint, Sie sind ein falsches, treuloses Frauenzimmer, jetzt erinnere ich mich, daß ich gesehen habe, wie Sie mit jemandem über die Hecke hinweg gesprochen haben.«

»Das geht nur mich was an«, sagte die Frau trotzig.

»Und wenn ich Ihnen sage, daß es Barney Stockdale war, mit dem Sie gesprochen haben?« fragte Holmes.

»Na, wenn Sie’s eh schon wissen, was fragen Sie dann noch danach?«

»Ich war mir nicht ganz sicher, aber nun weiß ich es. Alsdann, Susan, es soll mir zehn Pfund wert sein, wenn Sie mir verraten, wer Barneys Hintermann ist.«

»Jemand, der für jede Zehnpfundnote, die Sie haben, tausend Pfund hinblättern kann.«

»So, ein reicher Mann? Nein; Sie lächeln – eine reiche Frau. Nun, da wir schon so weit gediehen sind, könnten Sie ebensogut den Namen angeben und sich den Zehner verdienen.«

»Den Teufel werd ich tun.«

»Oh, Susan! Was für eine Ausdrucksweise!«

»Ich hau jetzt ab hier. Ich hab die Nase voll von Ihnen allen. Morgen laß ich meinen Koffer holen!« Sie warf sich herum und stürmte zur Tür.

»Good bye, Susan. Kampfer ist ein bewährtes Mittel … … Tja«, fuhr er fort, wobei sich seine Heiterkeit, sobald sich die Tür hinter der wutentbrannten Frau geschlossen hatte, unversehens in Bedenklichkeit verwandelte, »diese Bande meint es ernst. Schauen Sie doch einmal, wie dicht die Leute dranbleiben. Ihr Brief an mich trägt den Poststempel von zehn Uhr abends. Dennoch leitet Susan die Nachricht an Barney weiter. Barney hat Zeit, seinen Auftraggeber aufzusuchen und Instruktionen entgegenzunehmen; er oder sie – ich neige zu letzterem, weil Susan grinste, als sie glaubte, ich hätte einen Schnitzer gemacht – entwirft einen Plan. Black Steve wird eingeschaltet, und ich werde am nächsten Morgen aufgefordert, mich aus der Sache herauszuhalten. Sehen Sie, das nennt man rasche Arbeit.«

»Aber was wollen die Leute denn?«

»Ja, das ist die Frage. Wem hat das Haus vor Ihnen gehört?«

»Einem Schiffskapitän im Ruhestand namens Ferguson.«

»War irgend etwas Ungewöhnliches an ihm?«

»Nicht, daß ich wüßte.«

»Ich war gerade am Überlegen, ob er vielleicht etwas verborgen haben könnte. Gewiß, wenn Leute heutzutage einen Schatz verbergen, dann tun sie das bei der Postbank40. Aber ein paar Verrückte gibt es immer. Ohne sie wäre die Welt ja auch langweilig. Mein erster Gedanke war der an versteckte Wertsachen. Doch warum sollten die Leute dann Ihre Möbel haben wollen? Sie besitzen nicht zufällig einen Raffael oder eine Erstausgabe von Shakespeare, ohne es zu wissen?«

»Nein, ich glaube nicht, daß ich etwas Selteneres als ein Crown-Derby-Teeservice besitze.«

»Das würde all diese Geheimniskrämerei wohl kaum rechtfertigen. Außerdem, warum sollten die Leute dann nicht ganz offen erklären, was sie wollen? Wenn sie es auf Ihr Teeservice abgesehen haben, können sie dafür mit Sicherheit einen Preis vorschlagen, ohne Ihnen gleich das Haus unter dem Dach wegzukaufen. Nein, wie ich die Sache lese, gibt es etwas, wovon Sie nicht wissen, daß Sie es besitzen, und das Sie nicht hergeben würden, wenn Sie es wüßten.«

»So lese ich es auch«, sagte ich.

»Dr. Watson teilt meine Ansicht, womit wir diesen Punkt abhaken können.«

»Gut, Mr. Holmes, aber worum kann es sich denn handeln?«

»Wir wollen einmal sehen, ob diese rein theoretische Analyse schon ausreicht, um die Sache einzugrenzen. Sie wohnen seit einem Jahr in diesem Haus.«

»Fast zwei.«

»Um so besser. Während dieses langen Zeitraums möchte kein Mensch irgend etwas von Ihnen. Jetzt plötzlich, innerhalb von drei oder vier Tagen, tritt man mit dringenden Forderungen an Sie heran. Was würden Sie daraus schließen?«

»Das kann nur bedeuten«, sagte ich, »daß das Objekt, was immer es sein mag, erst vor kurzem ins Haus gelangt ist.«

»Das können wir dann auch abhaken«, sagte Holmes. »Nun, Mrs. Maberley, ist kürzlich irgendein Objekt angekommen?«

»Nein; ich habe mir in diesem Jahr noch nichts Neues zugelegt.«

»Aha! Das ist höchst bemerkenswert. Tja, ich glaube, es ist am besten, wenn wir die Dinge sich noch ein bißchen weiterentwickeln lassen – bis wir über klarere Daten verfügen. Ist denn dieser Ihr Rechtsanwalt tüchtig?«

»Mr. Sutro ist überaus tüchtig.«

»Haben Sie noch eine Hausangestellte, oder war die reizende Susan, die eben die Haustür zugeknallt hat, alleine bei Ihnen?«

»Ich habe noch eine junge Zofe.«

»Versuchen Sie Sutro dazu zu bringen, ein-oder zweimal hier im Haus zu übernachten. Sie werden möglicherweise Schutz brauchen.«

»Gegen wen denn?«

»Wer weiß? Die Angelegenheit ist zweifellos undurchsichtig. Wenn ich nicht herausfinden kann, hinter was die Leute her sind, muß ich die Sache von der anderen Seite angehen und versuchen, an den Auftraggeber heranzukommen. Hat dieser Häusermakler eine Adresse hinterlassen?«

»Nur seine Karte mit der Berufsangabe. Haines-Johnson, Auktionator und Taxator.«

»Ich glaube nicht, daß wir ihn im Adreßbuch finden. Ehrenwerte Geschäftsleute machen aus der Anschrift ihres Geschäftssitzes kein Geheimnis. Gut, Sie lassen mich jedenfalls jede neue Entwicklung der Ereignisse wissen. Ich habe mich nun Ihres Falles angenommen, und Sie können sich darauf verlassen, daß ich der Sache auf den Grund kommen werde.«

Als wir die Halle durchquerten, fiel Holmes’ Blick, dem nichts entging, auf verschiedene Koffer und Kisten, die sich in der Ecke stapelten. Die Gepäckaufkleber waren deutlich zu erkennen.

»›Milano‹. ›Luzern‹41. Die kommen aus Italien.«

»Das sind die Sachen von meinem armen Douglas.«

»Sie haben sie noch nicht ausgepackt? Wie lange sind die Sachen denn schon hier?«

»Sie sind letzte Woche angekommen.«

»Aber Sie sagten doch – ja, natürlich; das dürfte das fehlende Glied sein. Woher wissen wir denn, ob sich darin nicht etwas Wertvolles befindet?«

»Ausgeschlossen, Mr. Holmes. Der arme Douglas hatte ja nur sein Gehalt und eine kleine Jahresrente. Was konnte er schon Wertvolles besitzen?«

Holmes war in Gedanken verloren.

»Verschieben Sie es nicht länger, Mrs. Maberley«, sagte er schließlich. »Lassen Sie diese Gepäckstücke ins Schlafzimmer hinaufbringen. Überprüfen Sie sie so bald wie möglich und stellen Sie fest, was sie enthalten. Ich werde morgen wiederkommen und hören, was Sie zu berichten haben.«

Ganz offensichtlich wurden Die Drei Giebel sehr streng überwacht; denn als wir am Wegende die hohe Hecke umrundeten, stand dort im Schatten der schwarze Preisboxer. Wir stießen ganz unvermutet auf ihn, und an dieser einsamen Stätte wirkte er wie eine grimme und dräuende Statue. Holmes steckte die Hand in die Tasche.

»Suchen Sie Ihre Pistole] Masser Holmes?«

»Nein; nur mein Riechfläschchen, Steve.«

»Sehr komisch, Masser Holmes, eh?«

»Es wird Ihnen nicht mehr so komisch vorkommen, Steve, wenn ich Sie mir erst einmal vorknöpfe. Ich habe Sie heute morgen schon vorgewarnt.«

»Naja, Masser Holmes, ich hab überdenkt, was Sie gesagt ham, und ich will kein Geschwätz nich mehr über die Sache mit Masser Perkins. Wenn ich was helfen kann, Masser Holmes, dann tu ich’s.«

»Na gut, dann verraten Sie mir doch mal, wer bei diesem Job hier hinter Ihnen steht.«

»So wahr mir Gott helfe! Masser Holmes, ich hab Ihnen die Wahrheit schon gesagt. Ich weiß nich. Mein Boss Barney gibt mir Befehle, und das is alles.«

»Schön; aber merken Sie sich, Steve: Die Lady in diesem Haus und alles, was sich unter seinem Dach befindet, stehen unter meinem persönlichen Schutz. Vergessen Sie das ja nicht.«

»In Ordnung, Masser Holmes. Ich denke dran.«

»Ich habe ihm einen tüchtigen Schrecken eingejagt, Watson«, bemerkte Holmes, als wir weitergingen. »Ich glaube, wenn er wüßte, wer sein Auftraggeber ist, würde er jetzt ein Doppelspiel treiben. Ein Glück, daß ich mich in der Spencer-John-Bande ein wenig auskenne und daß Steve dazugehört. Nun denn, Watson, das ist ein Fall für Langdale Pike, und ich beabsichtige, ihn gleich aufzusuchen. Wenn ich zurückkomme, werde ich vermutlich klarer sehen.«

Für den Rest des Tages bekam ich Holmes nicht mehr zu Gesicht; doch ich konnte mir gut vorstellen, wie er ihn verbrachte, denn Langdale Pike war sein lebendes Nachschlagewerk für alles, was mit gesellschaftlichem Skandal zu tun hatte. Dieses sonderbare, schlaffe Wesen hielt sich von früh bis spät im Erker eines Clubs in der St. James Street auf; er war sowohl Empfangsstation als auch Übermittler jedweden Klatsches aus der Metropole. Wie es hieß, erhielt er für die Artikel, mit denen er allwöchentlich die Schundblätter für ein neugieriges Publikum belieferte, ein vierstelliges Honorar. Wann immer weit unten in den trübsten Tiefen des Londoner Lebens ein seltsamer Wirbel oder Strudel entstand – mit mechanischer Exaktheit wurde er auf der Oberfläche von diesem menschlichen Registrierapparat erfaßt. Holmes verhalf Langdale diskret zu Informationen und nahm dafür seinerseits gelegentlich dessen Hilfe in Anspruch.

Als ich meinen Freund am frühen Morgen des nächsten Tages in seiner Wohnung wieder traf, konnte ich seinem Verhalten entnehmen, daß sich alles günstig anließ; doch nichtsdestoweniger erwartete uns eine höchst unliebsame Überraschung in Gestalt des folgenden Telegramms:

 

Bitte sofort kommen. Nächtlicher Einbruch im Haus meiner Mandantin. Polizei eingeschaltet.

SUTRO.

 

Holmes stieß einen Pfiff aus. »Das Drama hat einen Wendepunkt erreicht, und zwar schneller, als ich erwartet hatte. Hinter diesem Unternehmen steckt eine gewaltige treibende Kraft, Watson – was mich nach allem, was ich bereits in Erfahrung gebracht habe, freilich nicht weiter überrascht. Dieser Sutro ist doch ihr Rechtsanwalt. Ich habe einen Fehler gemacht, fürchte ich; ich hätte Sie bitten sollen, die Nachtwache zu übernehmen. Dieser Bursche hat sich offenbar als schwankes Rohr erwiesen. Tja, uns bleibt nichts anderes übrig, als noch einmal nach Harrow Weald zu fahren.«

Verglichen mit dem ordentlichen Haushalt des Vortages präsentierten sich uns Die Drei Giebel nun in einem völlig veränderten Zustand. Am Gartentor hatte sich eine kleine Gruppe von Müßiggängern versammelt, dieweil einige Polizisten noch die Fenster und die Geranienbeete untersuchten. Drinnen begegneten wir einem grauhaarigen alten Gentleman, der sich als Rechtsanwalt vorstellte, sowie einem geschäftigen Inspektor von rosigem Aussehen, der Holmes wie einen alten Freund begrüßte.

»Tja, Mr. Holmes, nichts zu holen für Sie in diesem Fall, fürchte ich. Bloß ein gewöhnlicher, alltäglicher Einbruch; und für die arme alte Polizei noch ohne weiteres zu überblicken. Spezialisten sind nicht erforderlich.«

»Ich bin sicher, der Fall ist in sehr guten Händen«, sagte Holmes. »Nur ein gewöhnlicher Einbruch, sagen Sie?«

»Ganz recht. Wir wissen ziemlich gut, wer die Männer sind und wo wir sie finden können. Es handelt sich um diese Bande von Barney Stockdale mit dem großen Nigger – sie sind unlängst hier in der Nähe gesehen worden.«

»Ausgezeichnet! Was haben sie denn mitgehen lassen?«

»Naja, große Beute haben sie anscheinend keine gemacht. Mrs. Maberley wurde mit Chloroform betäubt, und das Haus wurde … Ah! Da ist ja die Lady selbst.«

Unsere Freundin von gestern hatte, auf ein kleines Dienstmädchen gestützt, das Zimmer betreten; sie wirkte sehr blaß und elend.

»Sie haben mir einen guten Rat gegeben, Mr. Holmes«, sagte sie traurig lächelnd. »Ach, und ich habe mich nicht daran gehalten! Ich wollte Mr. Sutro keine Unannehmlichkeiten bereiten; daher war ich ohne Schutz.«

»Ich habe erst heute morgen davon erfahren«, erklärte der Anwalt.

»Mr. Holmes riet mir, einen Freund ins Haus zu holen. Ich habe seine Empfehlung in den Wind geschlagen – und dafür bezahlt.«

»Sie sehen furchtbar mitgenommen aus«, sagte Holmes. »Sie sind wohl noch gar nicht in der Lage, mir zu berichten, was geschehen ist.«

»Das steht alles hier drin«, sagte der Inspektor; er klopfte auf ein dickes Notizbuch.

»Dennoch, wenn die Lady nicht allzu erschöpft ist …«

»Es gibt wirklich nur wenig zu berichten. Ich habe keinen Zweifel, daß diese niederträchtige Susan für die Leute einen Zugang vorbereitet hatte. Sie müssen das Haus Zoll für Zoll gekannt haben. Ich weiß gerade noch, daß mir ein chloroformgetränkter Lappen auf den Mund gepreßt wurde; aber ich habe keine Ahnung, wie lange ich bewußtlos war. Als ich wieder zur Besinnung kam, stand neben meinem Bett ein Mann, während sich ein anderer mit einem Bündel in der Hand zwischen den Gepäckstücken meines Sohnes aufrichtete; diese waren teilweise geöffnet, und ihr Inhalt lag über den Boden verstreut. Bevor dieser Mann entkommen konnte, sprang ich auf und packte ihn.«

»Da sind Sie aber ein großes Risiko eingegangen«, sagte der Inspektor.

»Ich klammerte mich an ihn, aber er schüttelte mich ab; dann hat mich der andere wohl niedergeschlagen, denn von da an kann ich mich an nichts mehr erinnern. Das Dienstmädchen Mary hat den Lärm gehört und sogleich aus dem Fenster um Hilfe geschrien. Das rief die Polizei herbei; aber die Schurken waren bereits entwischt.«

»Was haben sie denn gestohlen?«

»Also, ich glaube nicht, daß etwas Wertvolles fehlt. In den Koffern meines Sohnes gab es sicher nichts zu stehlen.«

»Haben die Männer keine Spuren hinterlassen?«

»Da war ein Blatt Papier, das ich dem Mann, den ich gepackt hielt, vermutlich entrissen habe. Es lag völlig zerknüllt auf dem Fußboden. Die Handschrift darauf ist die meines Sohnes.«

»Was bedeutet, daß es für uns nicht sonderlich brauchbar ist«, sagte der Inspektor. »Wenn es nun die des Einbrechers wäre …«

»Genau«, sagte Holmes. »Welch eine schlichte, vernünftige Folgerung! Trotzdem, ich würde es mir ganz gern einmal ansehen.«

Der Inspektor zog ein großes gefaltetes Blatt aus seinem Notizbuch.

»Ich lasse nie etwas unbeachtet – ganz gleich, wie nebensächlich es ist«, sagte er etwas prahlerisch. »Das ist auch mein Rat an Sie, Mr. Holmes. In fünfundzwanzig Jahren Berufserfahrung habe ich meine Lektion gelernt. Es besteht immer die Aussicht auf Fingerabdrücke oder so etwas.«

Holmes inspizierte das Blatt.

»Was halten Sie davon, Inspektor?«

»Scheint der Schluß von irgendeinem kuriosen Roman zu sein, soweit ich es verstehe.«

»Wahrscheinlich erweist es sich tatsächlich als der Schluß einer kuriosen Geschichte«, sagte Holmes. »Sie haben die Zahl auf dem oberen Rand der Seite wohl schon bemerkt. Sie lautet zweihundertfünfundvierzig. Wo sind die restlichen zweihundertvierundvierzig Seiten?«

»Tja, vermutlich haben die Einbrecher sie mitgenommen. Wohl bekomm’s ihnen!«

»Es erscheint doch kurios, in ein Haus einzubrechen, um solche Papiere zu stehlen. Gibt Ihnen das irgendeinen Hinweis, Inspektor?«

»Ja, Sir; es weist darauf hin, daß sich die Gauner in ihrer Hast das erste beste gegrapscht haben, was ihnen in die Hände fiel. Ich wünsche ihnen viel Spaß mit ihrer Beute.«

»Aber warum sollten sie dann an die Sachen meines Sohnes gehen?« fragte Mrs. Maberley.

»Tja, unten haben sie nichts Wertvolles gefunden; da haben sie ihr Glück eben oben versucht. So jedenfalls lese ich es. Was schließen denn Sie daraus, Mr. Holmes?«

»Ich muß darüber nachdenken, Inspektor. Kommen Sie doch mal ans Fenster, Watson.« Dann las er, neben mir stehend, das Fragment durch. Es setzte mitten im Satz ein und lautete wie folgt:

 

… Gesicht blutete heftig von den Schnitten und Schlägen; aber das war nichts im Vergleich zu seinem blutenden Herzen, da er jenes liebliche Antlitz sah, jenes Antlitz, für welches er sogar sein Leben zu opfern bereit gewesen und das nun auf seine Qual und Erniedrigung herabblickte. Sie lächelte – ja, beim Himmel! Sie lächelte, herzlose Teufelin, der sie glich, als er zu ihr aufschaute. In diesem Augenblick geschah es, daß Liebe starb und Haß geboren ward. Ein Mann muß für irgend etwas leben. Wenn schon nicht für deine Umarmung, meine Lady, dann aber gewiß für deine Vernichtung und meine vollständige Rache.

 

»Kuriose Grammatik!« sagte Holmes lächelnd, als er das Blatt dem Inspektor zurückgab. »Haben Sie bemerkt, wie aus dem ›er‹ plötzlich ›mein‹ wird? Der Schreiber hat sich von seiner eigenen Geschichte derartig fortreißen lassen, daß er sich im entscheidenden Moment mit dem Helden identifizierte.«

»Das schien ganz übles Zeug zu sein«, sagte der Inspektor, als er das Blatt in sein Buch zurücklegte. »Was! Wollen Sie etwa schon wieder fort, Mr. Holmes?«

»Ich glaube nicht, daß es für mich noch irgend etwas zu tun gibt – nun, da sich der Fall in so tüchtigen Händen befindet. Nebenbei bemerkt, Mrs. Maberley, haben Sie nicht den Wunsch geäußert, zu reisen?«

»Das war schon immer mein Traum, Mr. Holmes.«

»Wohin würden Sie denn gerne fahren – Kairo, Madeira, an die Riviera?«

»Oh! Wenn ich das Geld hätte, würde ich eine Weltreise machen.«

»Sehr schön. Eine Weltreise. Nun denn, guten Morgen. Ich schicke Ihnen heute abend vielleicht noch ein paar Zeilen.« Als wir am Fenster vorbeikamen, sah ich kurz, wie der Inspektor lächelte und den Kopf schüttelte. »Diese neunmalklugen Kerle haben doch immer einen leichten Stich«, las ich im Lächeln des Inspektors.

»So, Watson, wir sind bei der letzten Etappe unserer kleinen Reise angelangt«, sagte Holmes, als wir wieder ins Getöse der Londoner City zurückgekehrt waren. »Ich glaube, wir klären die Sache sofort auf; es wäre gut, wenn Sie mich begleiteten; wenn man es mit einer Lady wie Isadora Klein zu tun hat, fühlt man sich sicherer im Beisein eines Zeugen.«

Wir hatten uns einen Wagen genommen und fuhren nun rasch zu irgendeiner Adresse am Grosvenor Square. Holmes saß in Gedanken versunken da; doch plötzlich raffte er sich auf.

»Übrigens, Watson, ich nehme doch an, Sie durchschauen die ganze Sache?«

»Nein, das kann ich nicht gerade behaupten. Ich vermute nur, daß wir im Begriff sind, die Lady aufzusuchen, die hinter all diesen Übeltaten steckt.«

»Genau! Aber sagt Ihnen denn der Name Isadora Klein wirklich nichts? Sie war doch einmal die gefeierte Schönheit. Nie hat es eine Frau gegeben, die ihr gleichkam. Sie ist eine reinrassige Spanierin, vom echten Blut der gebieterischen Konquistadoren, und ihre Familie ist seit Generationen tonangebend in Pernambuco42. Sie hat den bejahrten deutschen Zuckerkönig Klein geheiratet und präsentierte sich bald darauf als die reichste und schönste Witwe der Welt. Dann folgte ein Lebensabschnitt voller Abenteuer, wo sie sich nur noch ihren Genüssen hingab. Sie hatte mehrere Liebhaber, und Douglas Maberley, einer der ansehnlichsten Männer Londons, zählte dazu.

Nach allem, was man so hört, war die Sache für ihn mehr als ein Abenteuer. Er war nämlich keiner von diesen Paradiesvögeln aus den Salons, sondern ein energischer, stolzer Mann, der alles gab und dafür alles verlangte. Sie hingegen ist die belle dame sans merci,43 wie sie im Buch steht. Sobald sie ihrer Kaprice Genüge getan hat, ist der Fall für sie erledigt; und wenn der andere Beteiligte ihre Entscheidung nicht akzeptieren will, weiß sie sie ihm durchaus beizubringen.«

»Dann war das also seine eigene Geschichte …«

»Ah! Schon fugt sich Ihnen alles zusammen. Ich habe gehört, daß sie just im Begriff ist, den Herzog von Lomond zu ehelichen, der fast ihr Sohn sein könnte. Seiner Gnaden Mama mag den Altersunterschied vielleicht noch übersehen, doch ein großer Skandal wäre schon etwas anderes; folglich ist es unumgänglich … Ah! Da wären wir.«

Wir standen vor einem der schönsten Eckhäuser des West End. Ein automatenhafter Lakai nahm unsere Karten entgegen und kehrte zurück mit der Auskunft, die Lady sei nicht zu Hause.

»Dann warten wir eben, bis sie wieder da ist«, sagte Holmes fröhlich.

Der Automat setzte aus.

»Nicht zu Hause heißt: Nicht zu Hause für Sie«, sagte der Lakai.

»Schön«, gab Holmes zurück. »Das heißt also, daß wir nicht warten müssen. Überbringen Sie Ihrer Herrin doch bitte dieses Billett.«

Er kritzelte drei oder vier Wörter auf ein Blatt seines Notizbuches, faltete es und reichte es dem Mann.

»Was steht denn auf dem Zettel, Holmes?« fragte ich.

»Ich habe lediglich geschrieben: ›Dann also lieber die Polizei?‹ Ich denke, das sollte uns die Türen öffnen.«

Das tat es – und zwar erstaunlich schnell. Eine Minute später befanden wir uns in einem Salon wie aus Tausendundeiner Nacht, riesengroß und wunderschön; er lag im Halbdunkel – nur vereinzelt spendeten elektrische Lampen ein rosa Licht. Die Lady hatte anscheinend jenes Alter erreicht, da selbst die stolzeste Schönheit das Halblicht bevorzugt. Als wir eintraten, erhob sie sich von einem Sofa: hochgewachsen, königlich, mit einer perfekten Figur, einem wunderschönen maskenhaften Gesicht und zwei hinreißenden spanischen Augen, die uns beide mit einem vernichtenden Blick bedachten.

»Was hat diese Zudringlichkeit zu bedeuten – und was soll diese unverschämte Mitteilung?« fragte sie, den Zettel in die Höhe haltend.

»Das brauche ich Ihnen doch nicht zu erklären, Madame. Dazu hege ich zu großen Respekt vor Ihrer Intelligenz – obschon ich einschränkend erwähnen muß, daß dieser Intelligenz unlängst ein erstaunlicher Irrtum unterlief.«

»Inwiefern, Sir?«

»Insofern, als Sie der Annahme waren, Ihre gedungenen Schläger könnten mich davon abschrecken, meiner Arbeit nachzugehen. Gewiß würde kein Mensch einen Beruf wie den meinen ergreifen, wenn ihn nicht gerade die Gefahr anzöge. Somit haben Sie selbst mich dazu genötigt, den Fall des jungen Maberley zu untersuchen.«

»Ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen. Was habe ich mit gedungenen Schlägern zu schaffen?«

Holmes wandte sich müde ab.

»In der Tat, ich habe Ihre Intelligenz wohl doch unterschätzt. Nun denn, guten Tag!«

»Halt! Wo wollen Sie denn hin?«

»Zu Scotland Yard.«

Wir hatten noch nicht halbwegs die Tür erreicht, als sie uns einholte und Holmes am Arm festhielt. Im Nu hatte Stahl sich in Samt verwandelt.

»Bitte, nehmen Sie doch Platz, Gentlemen. Lassen Sie uns die Angelegenheit besprechen. Ich spüre, daß ich zu Ihnen offen sein kann, Mr. Holmes. Sie besitzen das Taktgefühl eines Gentleman. Wie rasch weiblicher Instinkt doch so etwas bemerkt! Ich möchte Sie als Freund betrachten.«

»Ich kann Ihnen nicht versprechen, Ihre Gefühle zu erwidern, Madame. Ich bin nicht das Gesetz, doch ich vertrete die Gerechtigkeit, soweit es in meinen schwachen Kräften steht. Ich bin bereit, Ihnen zuzuhören; danach werde ich Ihnen sagen, was ich zu tun gedenke.«

»Ohne Zweifel war es töricht von mir, einen so unerschrockenen Mann wie Sie zu bedrohen.«

»Was wirklich töricht war, Madame, ist der Umstand, daß Sie sich der Willkür einer Bande von Schurken ausgeliefert haben, die Sie erpressen oder bloßstellen können.« »Nein, nein! So einfältig bin ich denn doch nicht. Da ich versprochen habe, offen zu sein, darf ich Ihnen verraten, daß niemand außer Barney Stockdale und seiner Frau Susan auch nur die geringste Ahnung hat, wer der Auftraggeber ist. Und was diese beiden betrifft – nun, es ist nicht das erste …« Sie lächelte und neigte in bezaubernd koketter Vertraulichkeit den Kopf.

»Ich verstehe. Sie haben sie früher schon einmal auf die Probe gestellt.«

»Es sind tüchtige Hunde, die leise jagen.«

»Solche Hunde haben die Angewohnheit, die Hand, die sie füttert, früher oder später zu beißen. Man wird sie wegen dieses Einbruchs festnehmen. Die Polizei ist bereits hinter ihnen her.«

»Was ihnen zustößt, nehmen sie in Kauf. Dafür werden sie schließlich bezahlt. Ich trete bei der Sache gar nicht in Erscheinung.«

»Es sei denn, ich ziehe Sie hinein.«

»Nein, nein; das würden Sie nicht tun. Sie sind ein Gentleman, und hier handelt es sich um das Geheimnis einer Frau.«

»Vor allen Dingen müssen Sie dieses Manuskript zurückgeben.«

Sie brach in leises Lachen aus und ging zum Kamin. Dort lag ein ausgeglühter Klumpen, den sie mit dem Schürhaken aufstocherte. »Soll ich vielleicht das hier zurückgeben?« fragte sie. Wie sie vor uns stand mit ihrem herausfordernden Lächeln, sah sie so spitzbübisch und reizend aus, daß ich das Gefühl hatte: Von allen Verbrecherinnen, mit denen Holmes je zu tun hatte, war sie diejenige, bei der es ihm am schwersten fallen würde, sich durchzusetzen. Gegen Gefühlsregungen war er allerdings immun.

»Das besiegelt Ihr Schicksal«, sagte er kalt. »Sie handeln sehr rasch, Madame, aber diesmal haben Sie den Bogen überspannt.«

Sie warf den Schürhaken scheppernd zu Boden.

»Wie hartherzig Sie sind!« rief sie. »Soll ich Ihnen die ganze Geschichte erzählen?«

»Ich bilde mir ein, sie selbst erzählen zu können.«

»Aber Sie müssen sie mit meinen Augen sehen, Mr. Holmes. Sie müssen sie vom Standpunkt einer Frau betrachten, die bemerkt, daß all ihren Lebenszielen im letzten Augenblick die Vernichtung droht. Kann man es einer solchen Frau verdenken, wenn sie sich schützt?«

»Die eigentliche Sünderin sind doch wohl Sie.«

»Ja, ja! Ich gebe es ja zu. Douglas war ein lieber Junge, aber es ergab sich eben so, daß er nicht in meine Pläne paßte. Er bestand auf Heirat; Heirat, Mr. Holmes, mit einem mittellosen Bürgerlichen. Mit weniger wollte er sich nicht zufriedengeben. Dann wurde er aufdringlich. Weil ich mich einmal hingegeben hatte, schien er zu glauben, ich müsse mich immer hingeben, und zwar ihm allein. Es war unerträglich. Zuletzt konnte ich nicht umhin, es ihm klarzumachen.«

 

»Mit Hilfe gedungener Schurken, die ihn unter Ihrem eigenen Fenster zusammenschlugen.«

»Sie scheinen tatsächlich alles zu wissen. Ja, es ist wahr. Barney und die Jungs haben ihn davongejagt und waren, ich gebe es zu, dabei ein bißchen grob. Aber was hat er dann getan? Wie hätte ich annehmen können, daß ein Gentleman so etwas fertigbringt? Er schrieb ein Buch, in dem er seine eigene Geschichte schilderte. Natürlich war ich der Wolf und er das Lamm. Es stand alles darin, unter veränderten Namen freilich; doch wer in ganz London hätte die echten nicht wiedererkannt? Was sagen Sie dazu, Mr. Holmes?«

»Nun, es war sein gutes Recht.«

»Es war, als sei ihm die Luft Italiens zu Kopf gestiegen und mit ihr die alte italienische Grausamkeit. Er hat mir geschrieben und eine Abschrift seines Buches geschickt, um mich auf die Folter zu spannen. Es existierten zwei Abschriften, teilte er mit – eine für mich, eine für seinen Verleger.«

»Woher wußten Sie denn, daß der Verleger seine noch nicht erhalten hatte?«

»Mir war bekannt, wer sein Verleger war. Es ist nämlich nicht sein erstes Buch, müssen Sie wissen. Ich fand heraus, daß der Verleger noch keine Nachricht aus Italien bekommen hatte. Dann starb Douglas plötzlich. Solange dieses andere Manuskript noch existierte, gab es für mich keine Sicherheit. Es mußte sich natürlich unter seiner persönlichen Habe befinden, und die würde man an seine Mutter zurücksenden. Ich schaltete die Bande ein. Einer von ihnen verschaffte sich als Dienstbote Zutritt zum Haus. Ich wollte die Sache auf ehrliche Weise hinter mich bringen, Ich habe es wirklich und aufrichtig versucht. Ich war bereit, das Haus mit allem, was darin war, zu kaufen. Ich akzeptierte jeden Preis – ganz gleich, was die Mutter verlangte. Erst als alles fehlgeschlagen war, versuchte ich es auf andere Weise. Ich bitte Sie, Mr. Holmes, ich gebe ja zu, daß ich mit Douglas zu hart umgesprungen bin – und es tut mir, weiß Gott, auch leid! Aber was hätte ich denn sonst tun sollen, wo doch meine ganze Zukunft auf dem Spiel stand?«

Holmes zuckte mit den Achseln.

»Nun ja«, sagte er, »ich glaube, ich werde mal wieder wegen erhaltener Entschädigung auf eine Anzeige verzichten44. Was kostet eigentlich eine Weltreise erster Klasse?«

Die Lady machte große Augen.

»Würden fünftausend Pfund ausreichen?«

»Ja, ich glaube schon, allerdings!«

»Sehr schön. Ich denke, Sie unterzeichnen mir jetzt einen Scheck über diese Summe, und ich sorge dafür, daß Mrs. Maberley ihn erhält. Sie sind ihr nämlich eine kleine Luftveränderung schuldig. In der Zwischenzeit, Lady« – er hob warnend den Zeigefinger –, »sehen Sie sich vor! Sehen Sie sich vor! Auf die Dauer können Sie nicht mit dem Feuer spielen, ohne sich diese zarten Hände zu verbrennen.«