DerNarrLiest

Die Schildbürger "06 & 07 Rede zum Besten der Experimentalphysik & Die Schildbürger verändern ihr Rathaus (von Ludwig Tieck)

June 02, 2021 HofnarrGiaccomo Season 2021 Episode 171
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Die Schildbürger "06 & 07 Rede zum Besten der Experimentalphysik & Die Schildbürger verändern ihr Rathaus (von Ludwig Tieck)
Show Notes Transcript

HofnarrGiaccomo liest den urheberrechtsfreien Klassiker:
Die humorvollen Geschichten der fränkischen Schildbürger von LUDWIG TIECK
"06 & 07 Rede zum Besten der Experimentalphysik & Die Schildbürger verändern ihr Rathaus"


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Ludwig Tieck - Die Schildbürger

„06 Rede zum Besten der Experimentalphysik“

 So war das Rathhaus der Schildbürger eingeweiht, und die Bürger eilten, irgend einen Prozeß zu haben, damit er in dem neuen Gebäude geschlichtet werden könnte. Es fanden sich bald mehrere Gelegenheiten, Recht zu sprechen, und die Justiz wurde vortrefflich im Dunkeln gehandhabt, denn wenn man auch keine Polizei, noch irgend einen Diener der Gerechtigkeit gewahr wurde, so ging das Staatssystem doch immer seinen Gang fort und die Bürger waren glücklich und zufrieden. Es entstanden aber bald mehrere Unannehmlichkeiten, an die man anfangs nicht gedacht hatte. In der Dunkelheit des Saals konnte man nie wissen, welcher von den Rathsherren da war, oder welcher fehlte, keinem konnten die ihm gebührenden Titel gegeben werden, und einigemal hatte man viel zu lange Rath gehalten, denn alle Anwesenden waren eingeschlafen und hatten darüber die Mittagstafel und das Abendessen versäumt. Es fügte sich auch einigemal, daß die Leute mit den ausgesprochenen Urtheilen nicht zufrieden waren und öffentlich über das Gericht murreten. Man kam nicht darauf, es auf die Dunkelheit der Rathsstube zu schieben, sondern man maß alle diese Unfälle den unglücklichen Sternen bei, und war auf keine Abänderung bedacht.

Als man sich wieder einmal versammelt hatte, begegnete es dem Pyrrho, daß er in der Finsterniß seinen Stuhl nicht finden konnte; er irrte lange umher und traf auf keinen, worauf er denn, da er müde war, sich ergrimmt in eine Ecke stellte und folgende Rede hielt:

Meine Freunde, ich kann den Stuhl immer noch nicht finden und muß mich hier an die Wand lehnen, welches sich für einen Rathsherrn sehr wenig schickt. Wenn ich es nicht zu gewiß wüßte, daß mein Stuhl hier stehen muß, so würde ich am Ende zweifeln, ob er sich wirklich hier befinde; ich weiß nicht, wo er hingerathen ist, und kann die Augen nicht zu Hülfe nehmen, weil es zu finster ist. Seht, solcher Nachtheil erwächst uns durch die neumodische Einrichtung unseres Rathhauses, so schwer wird uns der Stand eines Rathsherrn gemacht. Ich fürchte gar sehr, unser Freund und College Philemon hat uns mit seiner neulichen sophistischen Rede nur hinter's Licht geführt, und wir sind etwas zu leichtgläubig gewesen, ihm sogleich Recht zu geben. Man kann jegliches Ding immer von mehreren Seiten betrachten, und es ist eben nicht Unrecht, wenn man nun einmal wieder über denselben Gegenstand ganz andre Gedanken herauskehrt. Es läßt sich gewiß für die Dunkelheit sehr viel sagen, und ich bin selbst zuweilen gern im Dunkeln; nur warum ein Rathhaus grade so sehr finster seyn muß, kann ich nicht einsehn. Gehört denn nicht das Licht zu den Elementen, ohne welches nichts wächst, gedeiht und zur Vollkommenheit reift? Die Pflanzen müssen so gut Licht, als Luft und Wasser und Erde haben, um sich zu entwickeln und ihr grünendes, liebliches Haupt hervorzuheben. Seht nur die kleinen Blumen an, wie sie sich manchmal winden und drehen, um nur ihr kleines Angesicht der Alles belebenden Sonne entgegen zu strecken. Sie härmen sich im Gegentheil ab und sterben elend dahin, wenn sie ohne Licht aufwachsen sollen; sie verschmachten in der Dunkelheit. Noch mehr Freude fühlen die lebendigen Kreaturen am Glanz des Tages; seht nur, wie der grüne Wald sich belebt, wenn am frühen Morgen die Sonne aufgeht und von allen Aesten der nasse Thau glänzt, und die Vögel von Zweig zu Zweig hüpfen. Das Wild brüllt vor Freude in den abgelegenen Gebüschen und springt dem jugendlichen Lichte entgegen; alle Vögel singen und zwitschern bis auf den kleinen Zaunkönig hinunter, der in seiner Freude doch auch nicht stumm seyn will; die Lerche schwingt sich über die Wolken hinaus, und spielt den Herold der übrigen Vögel, als wenn sie die Sonne im Namen Aller begrüßen wollte und ihr entgegenfliegen; so singt sie auch am Abend zur Ruhe, und legt sich dann zu Bette, bis sie die Dämmerung des Tages weckt. Dann steht sie in der Frühe auf, und bläst die fröhliche Trompete, die auch das andre Waldgeflügel munter macht. So gewaltig ist die Liebe zum Lichte, daß viele Völker deshalb die Sonne als ihre Gottheit angebetet, und ihr mit frühern Opfern gehuldigt haben. Warum, meint Ihr, soll ein Schildbürger Rathsherr allein keiner Sonne bei seiner Arbeit bedürfen? Warum wollen wir uns, gleich der lichtscheuen Fledermaus oder dem blinden Maulwurf, in die Dunkelheit verkriechen? Wenn die Pflanzen ohne Licht nicht wachsen können, so ist es gar wohl möglich, daß der Kopf des Menschen ohne Licht nicht denken kann; mir ist es wenigstens oft so gewesen, als wenn die Nacht hier um mich her alle meine innerlichen Geister gefangen hielte. Ich glaube, daß die Dunkelheit uns eben so den Kopf verstopft, wie der Stöpsel die Bouteille, so daß nichts heraus kann, und daß darum das Licht ein Pfropfenzieher genannt werden könnte, weil es den brausenden und schäumenden Gedanken den Weg eröffnet. Darum hat auch wahrscheinlich unsre Religion die Nacht dem Schlafe und den Tag der Arbeit gewidmet. Ihr müßt Euch übrigens nicht darüber verwundern, und es mit meinen Behauptungen widersprechend finden, daß ich hier in der Dunkelheit eine so vortreffliche Rede zu halten im Stande bin, denn ich habe sie mir schon draußen im Sonnenschein ausgedacht, sonst wäre es mir freilich selber unbegreiflich.

Es wäre unbillig, wenn ich nun nach dieser Einleitung vorschlagen wollte, diese Mauern mit Fenstern zu verunstalten, und so das ganze Gebäude zu verderben, abgerechnet, daß es von neuem zu große Kosten machen würde. Ich habe daher darauf gedacht, uns auf eine leichtere Art ein angenehmes Licht zu verschaffen.

Ihr werdet es ohne Zweifel wissen, meine Freunde, daß die Wissenschaft der Physik in den neuesten Zeiten gerade dadurch sehr viel gewonnen hat, daß man nicht sowohl versucht hat, neue Theorien aufzustellen, sondern im Gegentheil durch Erfahrungen und wiederholte Experimente der Natur auf die Spur zu kommen. Oft ist ein glückliches Ohngefähr der Erfinder der nützlichsten Sache gewesen. Vor dem Barthold Schwarz würde Jedermann gelacht haben, wenn man ihm vom Schießpulver hätte erzählen wollen; und doch ward die Sache nachher so einfach befunden, daß man glauben sollte, ein jeglicher Kopf hätte darauf verfallen müssen. So ist es auch mit der Schifffahrt und mit tausend andern Sachen gegangen. Es ist ein simples Wesen, daß der Tag durch's Fenster bricht, und da es in jedem Hause so ist, so kömmt es uns jetzt vor, als müßte es so seyn. Davon begreife ich aber die Nothwendigkeit nicht. Wer zuerst in der Nacht ein Licht anzündete, war gewiß ein großer Mann zu nennen. So wollen wir denn auch einen neuen Weg versuchen. Wenn man das flüssige Wasser in einem Gefäße tragen kann, warum nicht auch das Licht? Ihr werdet sagen, wenn Ihr nicht schlaft: es hat's noch keiner gethan, noch einer von uns jemalen thun sehen. Indessen ist das gar keine Antwort auf meine Frage. Nach der neuesten Meinung kömmt die Wärme nicht von der Sonne, wie doch Jedermann glauben sollte, sondern aus der Erde. Ihr werdet es öfters gelesen haben, wie man durch Bücher Licht und Aufklärung ordentlich ballenweise nach dunkeln Gegenden geschickt habe; nun, warum sollte es denn also nicht möglich seyn, auf eine ähnliche Weise Licht in unser dunkles Rathhaus zu schaffen? Um unsern Ruhm zu verherrlichen, ist vielleicht noch kein Sterblicher auf diesen einfachen Gedanken gerathen; darum aber wollen wir auch die Gelegenheit nicht unbenutzt lassen.

Weil man noch keine Erfahrungen darüber gesammelt hat, so kann es auch leichtlich seyn, daß es uns nicht geräth. Allein ich bin auch auf diesen Fall gefaßt. Wir brauchen es denn gar nicht zuzugeben, daß es uns eigentlich Ernst damit gewesen sey, sondern es kann dann blos als eine neue, kräftige Probe unsrer verstellten Narrheit dienen. Seht, so ist diese Sache immer in jedem Falle von sehr großem Nutzen.

Die Rede Pyrrho's fand sehr vielen Beifall, so daß man beschloß, schon am folgenden Tage, wenn die Sonn schiene, den Versuch anzustellen. Um die Mittagsstunde versammelten sich daher die Schildbürger mit schicklichen Instrumenten, um in der Experimentalphysik etwas zu thun; der Eine kam mit einem Sacke, der Andere mit einer Schaufel und einem Kessel, ein Dritter lud das Licht in einen Eimer, und so war ein Jeder beschäftigt, Licht und Aufklärung in die Rathsstube zu schaffen. Die Geschichte erwähnt ganz ausdrücklich eines Schildbürgers, der die Sonne auf eine eigne Weise zu überlisten gedachte. Er hielt ihr nämlich geschickt eine Mausefalle entgegen, und ertappte so die Strahlen, die er dann, nach seiner Einbildung im Rathhause wieder laufen ließ.

Alle Mühe und Arbeit war aber gänzlich vergebens, denn es blieb darin so finster, als zuvor.



Ludwig Tieck - Die Schildbürger

„07 Die Schildbürger trösten sich und verändern ihr Rathaus“

 Als die Schildbürger nun einsahen, daß ihr Beginnen gänzlich vergebens sey, standen sie endlich still, und Einer sah den Andern an. Der alte Gerard sagte: Nein, wahrlich, meine lieben Mitbürger, wir greifen die Narrheit zu hitzig an; was unser großes Werk nach vielen Jahren hätte krönen sollen, um endlich etwas zu leisten, wobei der ausgemachteste Narr hätte gestehn müssen, daß er in der Kunst nicht weiter könne, dieses Allerhöchste haben wir gleich in unsern Bemühungen vorangestellt. Darum soll man doch selbst über etwas Gutes ja nicht zu heftig herfallen. Ich fürchte überhaupt, daß diese Thorheit, die wir hier vorgenommen haben, etwas so Thörigtes sey, daß sie fast aus keiner Verstellung herrühren könne. Bedenkt Euch, meine lieben Freunde, und thut Euch Einhalt.

Barthel sagte hierauf: Lieber Schwager, wie bist Du doch so ganz ohne Noth für uns besorgt? Du wirst fast etwas zu alt, und darum dünkt Dir in dieser Welt nichts mehr recht und gut eingerichtet, wie dann das Alter immer eine Unzufriedenheit mit andern Menschen mit sich führt. Denn ich kann nicht einsehn, warum wir hier etwas so Thörichtes gethan haben sollen; wir haben nur das unternommen, was sich für jeden Menschen ziemt, der mit den Begriffen seines Verstandes weiter zu kommen denkt. Wir haben eine Erfahrung mehr gewonnen, und können nun mit Gewißheit behaupten, daß sich das Licht nicht auf diese Weise fortbringen läßt; wir können nun auch Jedermann abrathen, der es vielleicht nach uns versuchen wollte; das konnten wir vorher nicht, denn wir hatten keinen vernünftigen Grund dazu. Jetzt aber sind wir unsrer Sache so ziemlich gewiß. Ihr erinnert Euch, wie der weise Aesopus seine Lehren und Reden fabelweise vorzutragen pflegte, um es seinen Zuhörern und Lesern eindringlicher zu machen. So fällt mir jetzt auch eine Geschichte ein, die wie dazu gegossen, auf unsern Zustand paßt, und die jeden Unzufriedenen unter uns trösten und beruhigen muß; ich will sie Euch also vortragen.

Es trug sich einmal zu, daß meines Großvaters Vater von einem Andern diese Rede hörte: Ei, was sind Rebhühner doch für ein schönes Essen! Mein Urgroßvater fragte ihn, ob er dieses Geflügel gegessen habe, daß er es so genau wissen könne? Nein, antwortete der Andere, aber ich habe Einen vor dreißig Jahren gesprochen, dessen Großvater sie in seiner Jugend von einem Edelmann hat essen sehn. Mein Urgroßvater bekam durch dieses Gerede ein übermäßiges Gelüste zu Rebhühnern; da er aber keine Rebhühner haben konnte, so besann er sich auf das Beste, was er wußte, und das waren Butterküchlein. Er ging deshalb zu seinem Weibe, und begehrte, daß sie ihm diese Speise machen sollte, sie aber entschuldigte sich damit, daß sie keine Butter oder Sahne, Milch, enfin Fett im Hause habe; er möchte also seinen Appetit bis auf eine bessere Gelegenheit stillen. Damit aber war mein Urgroßvater nicht zufrieden, und sagte, daß, wenn sie keine Butter, Milch, Sahne, oder enfin Fett im Hause habe, so solle sie die Sache einmal mit Wasser versuchen. Es geht nicht, antwortete die Frau, denn sonst hätte ich schon lange Küchlein gegessen, und das Wasser sollte mich nicht gereut haben. Du kannst es nicht wissen, antwortete meines Großvaters Vater, denn Du hast es niemals versucht. Versuche es, und will es nicht gerathen, dann erst magst Du sagen: es geht nicht. Die Frau meines Urgroßvaters mußte endlich ihrem Manne nachgeben, sie rührte deswegen einen dünnen Teig ein, und setzte dann eine Pfanne mit dem Teige über's Feuer. Mein Urgroßvater stand daneben und hielt einen Teller hin, und wollte das erste Butterküchlein gleich warm aus der Pfanne essen, ward aber betrogen, denn es war ein mehliger Teig oder Brei geworden. Die Frau sagte hierauf zornig: Nun, hab' ich Dir's denn nicht gesagt, daß es nicht geht? Immer willst Du Recht haben, und kannst doch viel wissen, wie man Küchlein backen soll. Schweig, liebe Frau, sagte mein Urgroßvater; laß Dich's nicht gereuen, daß Du es versucht hast, man versucht ein Ding auf allen Wegen, bis es zuletzt gerathen muß; ist es schon diesmal nicht gerathen, so geräth es vielleicht ein andermal; es wäre ja doch eine feine, nützliche Kunst gewesen, wenn es von ohngefähr gerathen wäre. – Nun seht, meine Freunde, eben also ist es uns auch mit unserm Versuche ergangen.

Die Schildbürger waren durch diese Rede wieder sehr getröstet, sie ließen in ihrem Archive mit großen Buchstaben die neuerfundene Wahrheit niederschreiben, daß sich das Tageslicht nicht in Säcken forttragen lasse. Einer von ihnen schrieb auch eine weitläuftige Abhandlung, worin er zu beweisen suchte, daß es unmöglich sey, und sich dabei besonders auf den neulich angestellten Versuch steifte.

Da die Schildbürger endlich so durch die Noth gezwungen wurden, der dummen gemeinen Weise zu folgen, so machten sie, wie alle übrigen Menschen, Fenster in ihr Rathhaus, und dem Schaden war abgeholfen.