DerNarrLiest

Sherlock Holmes & Der Vampir von Sussex (Fall 53)

June 04, 2021 HofnarrGiaccomo Season 2021 Episode 172
DerNarrLiest
Sherlock Holmes & Der Vampir von Sussex (Fall 53)
Show Notes Transcript

HofnarrGiaccomo liest den urheberrechtsfreien Klassiker
Eine spannende Sherlock Holmes Kriminalgeschichte
von  ARTHUR CONAN DOYLE - "Der Vampir von Sussex"  (Fall 53)

Der Fall erschien in Deutschland auch unter dem Titel

  • Der Vampir

Inhalt:
Sherlock Holmes wird von Robert Ferguson konsultiert, der um das Leben seines kleinen Sohnes besorgt ist. Er hat seine Frau dabei beobachtet, wie sie mit blutverschmiertem Mund am Halse des Kindes hing. Ferguson fürchtet, einen Vampir geheiratet zu haben. Holmes und Watson begleiten Ferguson nach Sussex, wo sie die Bekanntschaft mit Fergusons Sohn aus erster Ehe machen. Außerdem bemerkt Holmes einen hinkenden Hund, der den Verdacht in eine ganz andere Richtung lenkt ...

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 Arthur Conan Doyle - Sherlock Holmes
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„Der Vampir von Sussex“ (Fall 53)
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Holmes hatte soeben aufmerksam einen Brief gelesen, der ihm mit der letzten Post gebracht worden war. Dann warf er ihn mir zu, mit jenem trockenen Kichern, das einem Lachen noch am nächsten kam.

»Als Mischung aus Modernem und Mittelalterlichem, aus Praktischem und aus wilder Phantasterei, stellt das hier, glaube ich, gewiß einen Gipfelpunkt dar«, sagte er. »Was halten Sie davon, Watson?«

Ich las das Folgende:

 46 OLD JEWRY

19. Nov.

Betr.: Vampire

SIR,

Unser Mandant, Mr. Robert Ferguson, von Ferguson & Muirhead, Teehändler, Mincing Lane, hat sich in einem Schreiben gleichen Datums an uns um Auskunft betreffs Vampire gewandt. Da unsere Firma ausschließlich auf die Taxierung maschineller Anlagen spezialisiert ist, fällt die Sache wohl nicht in unser Fach. Wir haben Mr. Ferguson daher empfohlen, Sie aufzusuchen und Ihnen die Angelegenheit zu unterbreiten. Ihr erfolgreiches Wirken im Fall Matilda Briggs ist uns noch in guter Erinnerung.

Wir verbleiben, Sir, mit freundlichen Grüßen,

Ihre

MORRISON, MORRISON UND DODD

i.A.E.J.C.

 

»Matilda Briggs war nicht etwa der Name einer jungen Frau, Watson«, sagte Holmes, sich erinnernd. »Es war ein Schiff, das mit der Riesenratte von Sumatra in Zusammenhang steht – eine Geschichte, für die die Welt freilich noch nicht reif ist. Aber was wissen wir von Vampiren? Fällt die Sache etwa in unser Fach? Zwar ist immer noch alles ersprießlicher als Untätigkeit; doch wie es aussieht, sind wir nun wahrhaftig in ein Grimmsches Märchen geraten. Strecken Sie doch mal den Arm aus, Watson, und sehen Sie nach, was uns der Buchstabe V zu sagen hat.«

Ich lehnte mich zurück und nahm den betreffenden großen Index-Band herunter. Holmes balancierte ihn auf dem Knie, und sein Blick schweifte langsam und liebevoll über das Verzeichnis alter Fälle, gemischt mit einer Fülle von Informationen, die sich im Laufe seines Lebens angesammelt hatten.

»Verhängnisvolle Reise der Gloria Scott«,45 las er. »Das war eine üble Geschichte. Ich vermag mich zu entsinnen, Watson, daß Sie den Fall festgehalten haben; wiewohl ich Ihnen zum Resultat nicht gratulieren konnte. Victor Lynch, der Fälscher. Verheerendes Gift der Krustenechse oder Gila46. Bemerkenswerter Fall, das! Vittoria, die Zirkusschönheit. Vanderbilt und der Geldschrankknacker. Vipern. Vigor, das Wunder von Hammersmith. Hallo! Hallo! Guter alter Index! Er ist unschlagbar. Hören Sie sich das an, Watson: Vampirismus in Ungarn. Und ferner: Vampire in Transsylvanien.« Begierig blätterte er weiter; aber nach kurzer gespannter Durchsicht warf er das große Buch mit enttäuschtem Brummen hin.

»Mumpitz, Watson, Mumpitz! Was haben wir mit umgehenden Leichnamen zu schaffen, die es nur dann in ihren Gräbern hält, wenn man ihnen einen Pfahl durchs Herz stößt? Das ist doch purer Wahnsinn.«

»Aber muß denn«, sagte ich, »der Vampir unbedingt ein Toter sein? Es gibt doch auch Lebende mit solchen Veranlagungen. Ich habe zum Beispiel gelesen, daß Greise jungen Leuten das Blut auszusaugen pflegen, um ihre eigene Jugend wiederzuerlangen.«

»Sie haben recht, Watson. Das Buch erwähnt diese Legende auch. Doch verdient dergleichen im Ernst unsere Aufmerksamkeit? Diese Agentur hier steht mit beiden Füßen fest auf der Erde, und da muß sie auch bleiben. Uns reicht die Welt schon so, wie sie ist; für Geister haben wir keine Verwendung. Ich fürchte, wir können Mr. Robert Ferguson nicht sonderlich ernst nehmen. Vermutlich stammt dieser Brief hier von ihm; er wirft vielleicht ein wenig Licht auf das, was ihn bekümmert.«

Er nahm ein zweites Schreiben zur Hand, das unbeachtet auf dem Tisch gelegen hatte, dieweil er noch vom ersten in Anspruch genommen war. Dann begann er es zu lesen – mit einem amüsierten Lächeln, das allerdings nach und nach dahinschwand, um einem Ausdruck des gespannten Interesses und der Konzentration Platz zu machen. Als er die Lektüre beendet hatte, saß er eine kurze Zeit lang gedankenverloren da und ließ den Brief zwischen den Fingern baumeln. Schließlich fuhr er mit einem Ruck aus seinen Träumereien auf.

»Cheeseman’s, Lamberley47. Wo liegt denn Lamberley, Watson?«

»In Sussex, südlich von Horsham.«

»Nicht sehr weit weg, wie? Und Cheeseman’s?«

»Ich kenne die Gegend, Holmes. Sie wimmelt von alten Häusern, die nach den Männern benannt sind, die sie vor Jahrhunderten gebaut haben. Man findet dort Odley’s und Harvey’s und Carriton’s – die Leute sind vergessen, aber ihre Namen leben in ihren Häusern fort.«

»Ganz genau«, sagte Holmes kalt. Es gehörte zu den Besonderheiten seines stolzen, unabhängigen Wesens, daß er zwar jede frische Information sehr rasch und akkurat im Kopf speicherte, aber dem Spender dafür nur selten Anerkennung zollte. »Ich glaube fast, bis wir damit fertig sind, werden wir über Cheeseman’s, Lamberley, noch eine ganze Menge mehr wissen. Der Brief kommt, wie ich gehofft hatte, von Robert Ferguson. Übrigens behauptet er, ein Bekannter von Ihnen zu sein.«

»Von mir!«

»Am besten, Sie lesen den Brief selbst.«

Er reichte das Schreiben herüber. Oben stand die bereits zitierte Adresse.

 

LIEBER MR. HOLMES (begann es) –, meine Rechtsberater haben mir empfohlen, mich an Sie zu wenden. Die Angelegenheit ist allerdings so außerordentlich delikat, daß es mir nicht gerade leichtfällt, sie zur Sprache zu bringen. Sie betrifft einen Freund, dessen Interessen ich vertrete. Dieser Gentleman hat vor ungefähr fünf Jahren eine peruanische Lady geheiratet, die Tochter eines peruanischen Kaufmanns, den er im Zusammenhang mit der Einfuhr von Nitraten kennengelernt hatte. Die Lady ist wunderschön; aber der Umstand, daß sie gebürtige Ausländerin ist und einer fremden Religion angehört, führte ständig dazu, daß die Eheleute in ihren Neigungen und Ansichten nicht harmonierten, so daß nach einer gewissen Zeit seine Liebe zu ihr vielleicht etwas abkühlte und er diese Verbindung womöglich als Fehler zu betrachten begann. Er hatte das Gefühl, daß ihm manche ihrer Charakterzüge auf ewig unergründlich und unverständlich bleiben würden. Dies war um so schmerzlicher, als sie die liebevollste Ehefrau war, die ein Mann haben kann – und ihm allem Anschein nach vollkommen ergeben.

Nun zu dem Punkt, den ich Ihnen bei unserem Treffen dann noch näher erläutern möchte. Dieser Brief soll Ihnen lediglich ein allgemeines Bild von der Situation vermitteln und in Erfahrung bringen, ob Sie sich für die Sache eventuell interessieren könnten. – Die Lady begann einige sonderbare Eigenarten an den Tag zu legen, die ihrem ursprünglich lieblichen und sanften Wesen völlig zuwiderliefen. Der Gentleman lebt bereits in zweiter Ehe und hat von seiner ersten Frau einen Sohn. Dieser Knabe ist inzwischen fünfzehn, ein ganz reizender und liebenswürdiger Jüngling – trotz eines Schadens, den er als Kind bei einem Unfall leider davontrug. Gleichwohl wurde die Ehefrau zweimal dabei ertappt, wie sie diesen armen Jungen ohne die geringste Veranlassung mißhandelte. Einmal schlug sie ihn mit einem Stock, so daß auf seinem Arm eine dicke Strieme zurückblieb.

Das war jedoch eine Kleinigkeit im Vergleich zu ihrem Verhalten gegenüber ihrem eigenen Kind, einem niedlichen Bübchen von noch nicht ganz einem Jahr. Vor ungefähr einem Monat wurde das Kind von seiner Amme einmal ein paar Minuten alleine gelassen. Lautes Schreien, als hätte das Baby Schmerzen, rief die Amme zurück. Als sie ins Zimmer eilte, sah sie ihre Dienstherrin, die Lady, die sich über das Baby gebeugt hatte und es offensichtlich in den Hals biß, denn dort befand sich eine kleine, heftig blutende Wunde. Die Amme war so entsetzt, daß sie den Ehemann herbeirufen wollte; aber die Lady flehte sie an, es zu unterlassen, und gab ihr sogar fünf Pfund als Schweigegeld. Eine Erklärung erfolgte allerdings nicht, und vorläufig war die Angelegenheit erledigt.

Sie hinterließ jedoch bei der Amme einen furchtbaren Eindruck, und von da an begann sie, ihre Herrin aufmerksam zu beobachten und auf das Baby, das sie zärtlich liebt, noch besser aufzupassen. Es kam ihr so vor, als ob die Mutter ihrerseits sie beobachtete und ständig darauf wartete, an das Baby heranzukommen, wenn sie, die Amme, es einmal alleine lassen mußte. Tag und Nacht behielt die Amme das Baby im Auge, und Tag und Nacht schien die stille, wachsame Mutter auf der Lauer zu liegen – wie ein Wolf vor einem Lamm. Die Sache muß sich für Sie unglaublich anhören; dennoch bitte ich Sie, sie ernst zu nehmen, denn möglicherweise hängen das Leben eines Kindes und die geistige Gesundheit eines Mannes davon ab. Schließlich kam der schreckliche Tag, da dem Gatten die Wahrheit nicht länger verheimlicht werden konnte.

Die Nerven der Amme versagten; sie hielt dem Druck nicht länger stand und vertraute dem Mann alles an. Ihm kam die Sache wie ein wildes Schauermärchen vor – wie wahrscheinlich jetzt auch Ihnen. Er kannte seine Frau nur als liebevolle Gattin und, von den Mißhandlungen ihres Stiefsohns abgesehen, als liebevolle Mutter. Warum sollte sie denn ihr geliebtes kleines Baby verletzen? Er erklärte der Amme, sie phantasiere und ihre Verdächtigungen könne er keineswegs dulden. Noch während sie sprachen, ertönte plötzlich ein Schmerzensschrei. Amme und Hausherr stürmten zusammen ins Kinderzimmer. Stellen Sie sich seine Empfindungen vor, Mr. Holmes, als er sah, wie sich seine Gattin neben dem Kinderbett von den Knien erhob, und als er auf dem entblößten Hals des Kindes und auf dem Bettlaken Blut entdeckte. Mit einem Entsetzensschrei drehte er das Gesicht seiner Frau ins Licht und stellte fest, daß ihre Lippen über und über mit Blut verschmiert waren. Ja, sie hatte ohne jeden Zweifel das Blut des armen Babys getrunken.

Das also ist der Stand der Dinge. Inzwischen hat sie sich in ihrem Zimmer eingesperrt. Erklärungen gab sie keine ab. Der Ehemann ist schon halb von Sinnen. Er und ich kennen den Vampirismus nur vom Hörensagen. Bisher hatten wir ihn für eine wilde Mär aus fernen Ländern gehalten. Und dennoch geschah es hier, mitten im Herzen des englischen Sussex … Nun, dies alles kann ich ja morgen vormittag mit Ihnen besprechen. Werden Sie mich empfangen? Werden Sie Ihre großen Fähigkeiten einsetzen, um einem verstörten Mann zu helfen? Wenn ja, telegraphieren Sie bitte an: Ferguson, Cheeseman’s, Lamberley; ich werde Sie dann um zehn Uhr zu Hause aufsuchen.

Ihr ergebener

ROBERT FERGUSON

 

PS. – Ich glaube, Ihr Freund Watson spielte Rugby für Blackheath, als ich Three-Quarter48 für Richmond war. Das ist die einzige persönliche Empfehlung, die ich mitbringen kann.

 

»Natürlich erinnere ich mich an ihn«, sagte ich, als ich den Brief weglegte. »Big Bob Ferguson, der stärkste Three-Quarter, den Richmond je hatte. Er war schon immer ein gutmütiger Kerl. Das sieht ihm ähnlich, daß er am Fall eines Freundes derartigen Anteil nimmt.«

Holmes sah mich nachdenklich an und schüttelte den Kopf.

»Ich komme wohl nie dahinter, wo Ihre Grenzen liegen, Watson«, sagte er. »In Ihnen schlummern unentdeckte Möglichkeiten. Seien Sie so nett und geben Sie ein Telegramm auf: ›Will Ihren Fall gern untersuchen.‹«

»Ihren Fall!«

»Er darf doch nicht glauben, diese Agentur sei eine Anstalt für Schwachsinnige. Selbstverständlich ist es sein Fall. Schicken Sie ihm dieses Telegramm; dann mag die Sache bis morgen ruhen.«

 

Pünktlich um zehn Uhr am nächsten Morgen betrat Ferguson unser Zimmer. Ich hatte ihn als hochgewachsenen, schlaksigen Mann in Erinnerung, gelenkig und von enormer Schnelligkeit, die ihn so manchen gegnerischen Back49 hatte umrunden lassen. Es gibt bestimmt nichts Schmerzlicheres im Leben, als dem Wrack eines hervorragenden Athleten zu begegnen, den man noch in seiner Blütezeit erlebt hat. Seine große Gestalt wirkte eingefallen, das flachsblonde Haar wuchs nur noch spärlich, und die Schultern waren gebeugt. Ich fürchte allerdings, daß meine Erscheinung bei ihm ähnliche Empfindungen auslöste.

»Hallo, Watson«, sagte er, und seine Stimme klang immer noch tief und kräftig. »Sie sehen nicht mehr ganz so aus wie damals, als ich Sie im Old Deer Park über die Seile ins Publikum geworfen habe. Und vermutlich habe auch ich mich ein bißchen verändert. Aber älter gemacht haben mich die letzten paar Tage. Ihrem Telegramm entnehme ich, Mr. Holmes, daß es wohl keinen Zweck hat, mich als jemandes Bevollmächtigten auszugeben.«

»Es ist einfacher, direkt zu verhandeln«, sagte Holmes.

»Natürlich. Aber Sie können sich wohl vorstellen, wie schwer es ist, ausgerechnet von der Frau zu sprechen, der man eigentlich Schutz und Hilfe bieten muß. Was kann ich tun? Wie soll ich denn mit so einer Geschichte zur Polizei gehen? Andererseits müssen die Kinderchen doch geschützt werden. Ist es Wahnsinn, Mr. Holmes? Liegt es ihr vielleicht im Blut? Haben Sie einen ähnlichen Fall schon mal erlebt? Um Gottes willen, geben Sie mir einen Rat; ich bin mit meinem Latein am Ende.«

»Das ist durchaus verständlich, Mr. Ferguson. Aber nun nehmen Sie erst einmal Platz hier, reißen sich ein wenig zusammen und geben mir ein paar klare Antworten. Ich kann Ihnen versichern, daß ich mit meinem Latein noch sehr lange nicht am Ende bin und die feste Zuversicht habe, daß wir eine Lösung finden. Zunächst sagen Sie mir bitte, welche Schritte Sie bis jetzt unternommen haben. Ist Ihre Frau noch bei den Kindern?«

»Es kam zu einer entsetzlichen Szene. Sie ist eine überaus liebevolle Frau, Mr. Holmes. Wenn je eine Frau ihren Mann von ganzem Herzen und ganzer Seele geliebt hat, dann sie. Es hat ihr ins Herz geschnitten, daß ich dieses furchtbare, dieses unglaubliche Geheimnis entdeckt habe. Nicht einmal reden wollte sie darüber. Auf meine Vorwürfe gab sie keine Antwort, außer daß sie mich mit einem irgendwie wildenr verzweifelten Blick angestarrt hat. Dann ist sie in ihr Zimmer gestürzt und hat sich eingeschlossen. Seitdem weigert sie sich, mich zu sehen. Sie hat eine Zofe, die schon vor ihrer Heirat bei ihr war. Dolores heißt sie – sie ist eigentlich eher eine Freundin als eine Dienerin. Sie bringt ihr die Mahlzeiten.«

»Dann schwebt das Kind also nicht in unmittelbarer Gefahr?«

»Mrs. Mason, die Amme, hat geschworen, daß sie Tag und Nacht bei ihm bleiben will. Ich kann mich voll und ganz auf sie verlassen. Viel mehr beunruhigt bin ich wegen dem armen kleinen Jack; meine Frau hat ihn nämlich, wie im Brief erwähnt, schon zweimal mißhandelt.«

»Aber sie hat ihn noch niemals verletzt?«

»Nein; allerdings hat sie ihn heftig geschlagen. Das ist um so furchtbarer, als er ja ein armer kleiner harmloser Krüppel ist.« Fergusons hagere Züge wurden weicher, als er von seinem Jungen sprach. »Eigentlich sollte man annehmen, daß der Zustand des lieben Kerls jedes Herz rühren müßte. Ein Sturz in der Kindheit, und davon ein verkrümmtes Rückgrat, Mr. Holmes. Aber innen schlägt das liebste, das treueste Herz.«

Holmes hatte den gestrigen Brief zur Hand genommen und las ihn noch einmal durch. »Wer wohnt sonst noch in Ihrem Haus. Mr. Ferguson?«

»Zwei Dienstboten, die noch nicht lange bei uns sind. Ein Stallknecht, Michael, der im Haus schläft. Meine Frau, ich, mein Sohn Jack, das Baby, Dolores und Mrs. Mason. Das wären alle.«

»Ich nehme an, Sie haben Ihre Frau zur Zeit Ihrer Vermählung noch nicht sehr gut gekannt?«

»Ich kannte sie erst ein paar Wochen.«

»Wie lange war diese Zofe Dolores damals schon bei ihr?«

»Ein paar Jahre.«

»Demnach dürfte Dolores die Eigenheiten Ihrer Frau besser kennen als Sie?«

»Ja, das könnte man sagen.«

Holmes machte sich eine Notiz.

»Ich glaube«, sagte er, »ich könnte in Lamberley mehr ausrichten als hier. Das ist ganz eindeutig ein Fall für Ermittlungen an Ort und Stelle. Wenn die Lady in ihrem Zimmer bleibt, wird unsere Anwesenheit sie weder stören noch belästigen. Wir würden selbstverständlich im Gasthof wohnen.«

Ferguson zeigte sich erleichtert.

»Das hatte ich gehofft, Mr. Holmes. Wenn Sie heute noch kommen könnten – um zwei geht ein sehr günstiger Zug ab Victoria Station.«

»Natürlich können wir kommen. Hier herrscht im Moment ohnehin Windstille. Ich kann Ihnen meine Kräfte also uneingeschränkt zur Verfügung stellen. Watson wird uns selbstverständlich begleiten. Es gibt allerdings ein, zwei Punkte, über die ich mir noch völlige Klarheit verschaffen möchte, bevor ich aufbreche. Die unglückselige Lady hat, wenn ich es recht verstehe, offenbar beide Kinder mißhandelt, sowohl ihr eigenes Baby als auch Ihren kleinen Sohn?«

»So ist es.«

»Aber die Art der Mißhandlung ist nicht die gleiche, nicht wahr? Ihren Sohn hat sie doch geschlagen?«

»Einmal mit einem Stock und einmal sehr heftig mit der Hand.«

»Hat sie nicht erklärt, warum sie ihn gezüchtigt hat?«

»Nein; sie sagte nur, daß sie ihn hasse. Das hat sie immer wieder gesagt.«

»Nun ja, das ist bei Stiefmüttern nichts Ungewöhnliches. Eine postume Eifersucht, könnte man sagen. Ist die Lady von Natur aus eifersüchtig?«

»Ja, sehr – mit der ganzen Kraft ihrer feurigen tropischen Liebe.«

»Aber der Junge – er ist fünfzehn, wenn ich Sie recht verstanden habe; wegen der körperlichen Behinderung ist er geistig wahrscheinlich schon sehr fortgeschritten. Hatte er denn keine Erklärung für diese Mißhandlungen?«

»Nein; er hat mir versichert, sie seien grundlos.«

»Kamen die beiden sonst gut miteinander aus?«

»Nein; zwischen ihnen bestand nie Zuneigung.«

»Sie sagten doch, wie gefühlvoll er sei?«

»Nirgendwo auf der Welt könnte es einen so anhänglichen Sohn geben. Mein Leben ist auch sein Leben. Er ist ganz erfüllt von dem, was ich sage oder tue.«

Abermals machte sich Holmes eine Notiz. Eine Zeitlang saß er gedankenverloren da.

»Vor dieser zweiten Verheiratung waren Sie und der Junge ohne Zweifel die dicksten Kameraden. Sie hielten zusammen wie Pech und Schwefel, nicht wahr?«

»Völlig richtig.«

»Und der Junge lebte, da er ein so gefühlvolles Naturell hat, noch ganz in der zärtlichen Erinnerung an seine Mutter?«

»Ganz und gar.«

»Er scheint in der Tat ein höchst interessanter Bursche zu sein. Da wäre noch eine Frage zu diesen Mißhandlungen. Fielen die sonderbaren Anschläge auf das Baby und die Handgreiflichkeiten gegen Ihren Sohn zeitlich zusammen?«

»Beim ersten Mal ja. Es war, als ob sie einen Tobsuchtsanfall hätte und ihre Wut an beiden ausließe. Beim zweiten Mal mußte nur Jack darunter leiden. Was das Baby betraf, so kamen von Mrs. Mason keine Klagen.«

»Das kompliziert die Sache allerdings.«

»Ich kann Ihnen nicht ganz folgen, Mr. Holmes.«

»Schon möglich. Manchmal stellt man vorläufige Theorien auf und wartet auf den richtigen Zeitpunkt oder auf gründlichere Kenntnisse, um sie wieder zu verwerfen. Eine schlechte Angewohnheit, Mr. Ferguson; aber die menschliche Natur ist schwach. Ich fürchte, Ihr alter Freund hier hat meine wissenschaftlichen Methoden etwas übertrieben dargestellt. Wie dem auch sei, ich will jetzt nur noch erwähnen, daß mir Ihr Problem nicht unlösbar erscheint und daß Sie uns um zwei Uhr an der Victoria Station erwarten können.«

 

Am Abend eines trüben, nebligen Novembertages fuhren wir durch den Lehm eines langen gewundenen Weges in Sussex (unser Reisegepäck hatten wir im ›Chequers‹ in Lamberley zurückgelassen) und erreichten schließlich das abgelegene und alte Landhaus, in dem Ferguson wohnte. Es handelte sich um ein großes, weitläufiges Gebäude mit einem sehr alten Mitteltrakt und ganz neuen Seitenflügeln, hoch aufragenden Tudor-Schornsteinen50 und einem flechtenbedeckten, steilen Dach aus Horsham-Platten51. Die Eingangsstufen waren ausgetreten, und die alten Kacheln im Vorbau trugen ein redendes Wappen mit einem Käse und einem Mann52, nach dem ursprünglichen Erbauer. Drinnen wellten sich schwere Eichenbalken an der Decke, und der unebene Fußboden war stark durchgebogen. Ein Geruch nach Alter und Verfall durchwehte das ganze bröckelige Gebäude.

Ferguson geleitete uns in einen sehr großen zentral gelegenen Raum, Hier flackerte und knisterte ein prächtiges Holzfeuer in einem riesigen altmodischen Kamin mit einem Eisengitter, das die Jahreszahl 1670 trug.

Ich ließ meine Blicke durch den Raum schweifen, der sich als höchst eigenartige Mixtur aus verschiedenen Epochen und Ländern präsentierte. Die bis zu halber Höhe holzgetäfelten Wände mochten noch gut von dem ursprünglichen Pächter aus dem siebzehnten Jahrhundert stammen. Ihr unterer Teil war allerdings mit einer Reihe passender moderner Aquarelle verziert; dieweil oben, wo gelber Putz die Stelle von Eichenholz einnahm, eine ansehnliche Sammlung südamerikanischer Gerätschaften und Waffen hing, die zweifellos die peruanische Lady im oberen Stock mitgebracht hatte. Holmes erhob sich (mit jener rasch entfachten Neugier, die seinem ungeduldigen Geist entsprang) und untersuchte sie ziemlich eingehend. Mit nachdenklichem Blick kehrte er zurück.

»Hallo!« rief er. »Hallo!«

Ein Spaniel hatte in der Ecke in einem Korb gelegen. Er trottete langsam auf sein Herrchen zu, wobei er nur mühsam von der Stelle kam. Die Hinterbeine bewegten sich unregelmäßig, und der Schwanz schleifte auf dem Boden. Der Hund leckte Fergusons Hand.

»Was ist, Mr. Holmes?«

»Der Hund. Was hat er denn?«

»Das hat dem Tierarzt auch Kopfzerbrechen gemacht. Eine Art Lähmung. Rückenmarksentzündung, meinte er. Aber es ist schon im Abklingen. Er wird bald wieder in Ordnung sein – nicht wahr, Carlo?«

Ein zustimmendes Zittern durchlief den schlaffen Schwanz. Der traurige Blick des Hundes wanderte zwischen uns hin und her. Er wußte, daß wir über seinen Zustand sprachen.

»Ist es plötzlich aufgetreten?«

»Es kam über Nacht.«

»Wie lange ist das her?«

»Vielleicht vier Monate.«

»Sehr bemerkenswert. Sehr aufschlußreich.«

»Was sehen Sie denn darin, Mr. Holmes?«

»Eine Bestätigung dessen, was ich bereits vermutet hatte.«

»Um Gottes willen, was vermuten Sie denn, Mr. Holmes? Für Sie mag das Ganze ja nur ein intellektuelles Rätselspiel sein, aber für mich geht es um Leben und Tod! Meine Frau eine potentielle Mörderin – mein Kind in ständiger Gefahr! Spielen Sie nicht mit mir, Mr. Holmes. Die Sache ist ganz furchtbar ernst.«

Der große Rugby-Three-Quarter zitterte am ganzen Leib. Holmes legte ihm besänftigend die Hand auf den Arm.

»Ich fürchte, die Lösung wird für Sie schmerzlich sein, Mr. Ferguson – ganz gleich, wie sie ausfallen mag«, sagte er. »Ich möchte Ihnen soviel wie möglich ersparen. Mehr kann ich im Augenblick nicht sagen; aber ich hoffe, daß ich etwas Eindeutiges in der Hand habe, ehe ich dieses Haus wieder verlasse.«

»Gebe Gott, daß Sie es schaffen! Wenn Sie mich nun bitte entschuldigen, Gentlemen; ich möchte hinauf zum Zimmer meiner Frau und sehen, ob sich etwas verändert hat.«

Er blieb einige Minuten weg; in der Zwischenzeit nahm Holmes seine Untersuchung der an der Wand hängenden Kuriositäten wieder auf. Als unser Gastgeber zurückkehrte, verriet seine niedergeschlagene Miene, daß er keine Fortschritte gemacht hatte. Er brachte ein hochgewachsenes, schlankes Mädchen mit braunem Gesicht mit.

»Der Tee ist fertig, Dolores«, sagte Ferguson. »Sieh zu, daß deine Herrin alles hat, was sie braucht.«

»Sie serr krank«, rief das Mädchen mit einem unwilligen Blick zu ihrem Herrn. »Sie nicht fragen nach Essen und Trinken. Sie serr krank. Sie brauchen Doktor. Ich haben Angst vor allein bleiben mit ihr ohne Doktor.«

Ferguson sah mich fragend an.

»Ich wäre sehr froh, wenn ich mich nützlich machen könnte.«

»Meinst du, deine Herrin würde Dr. Watson empfangen?«

»Ich ihn mitnehmen. Ich nicht fragen Erlaubnis. Sie brauchen Doktor.«

»Dann komme ich sofort mit Ihnen.«

Ich folgte dem vor Aufregung zitternden Mädchen die Treppe hinauf und einen altertümlichen Korridor entlang. An seinem Ende befand sich eine eisenbeschlagene massive Tür. Bei ihrem Anblick kam mir unwillkürlich der Gedanke, daß Ferguson es nicht leicht haben würde, zu seiner Frau zu gelangen – selbst wenn er es mit Gewalt versuchte. Die junge Frau zog einen Schlüssel aus der Tasche, und die schweren Eichenbohlen quietschten in ihren alten Scharnieren. Ich ging hinein; sie folgte mir rasch nach und schloß die Tür hinter sich ab.

Auf dem Bett lag eine Frau, die offensichtlich hohes Fieber hatte. Sie war nur halb bei Bewußtsein; doch als ich eintrat, schlug sie ein Paar erschrockener, aber schöner Augen auf und warf mir einen furchtsamen Blick zu. Als sie feststellte, daß sie einen Fremden vor sich hatte, schien sie erleichtert und sank mit einem Seufzer auf ihr Kissen zurück. Ich trat mit ein paar beruhigenden Worten näher, und sie blieb still liegen, während ich Puls und Temperatur maß. Beide waren hoch; gleichwohl hatte ich den Eindruck, daß ihr Zustand eher von einer geistigen und nervösen Erregung denn von einem akuten Anfall herrührte.

»So sie liegen schon ein Tag, zwei Tag. Ich Angst, sie sterben«, sagte das Mädchen.

Die Frau wandte mir ihr fieberglühendes und schönes Gesicht zu.

»Wo ist mein Mann?«

»Er ist unten und würde gerne zu Ihnen kommen.«

»Ich will ihn nicht sehen. Ich will ihn nicht sehen.« Dann schien sie ins Delirium abzugleiten. »Ein Satan! Ein Satan! Oh, was soll ich nur tun mit diesem Teufel?«

»Kann ich Ihnen irgendwie helfen?«

»Nein. Niemand kann helfen. Es ist aus. Alles ist zerstört. Was ich auch tue, alles ist zerstört.«

Die Frau mußte unter einer sonderbaren Wahnvorstellung leiden. Ich konnte mir den rechtschaffenen Bob Ferguson nicht in der Rolle eines Satans oder Teufels vorstellen.

»Madame«, sagte ich, »Ihr Mann liebt sie von ganzem Herzen. Dieser Vorfall hat ihn zutiefst betrübt.«

Abermals wandte sie mir diese herrlichen Augen zu.

»Er liebt mich. Ja. Aber liebe ich ihn nicht auch? Liebe ich ihn nicht so innig, daß ich eher mich opfere, als daß ich sein liebes Herz breche? Und obwohl ich ihn so liebe, konnte er mir unterstellen – konnte er derartig von mir sprechen.«

»Er grämt sich sehr, doch er kann das alles nicht verstehen.«

»Nein, das kann er nicht. Aber er sollte Vertrauen haben.«

»Wollen Sie ihn nicht doch sehen?« schlug ich vor.

»Nein, nein; ich kann diese schrecklichen Worte und seinen Gesichtsausdruck nicht vergessen. Ich will ihn nicht sehen. Gehen Sie jetzt. Sie können nichts für mich tun. Sagen Sie ihm nur das eine: Ich will mein Kind. Ich habe ein Recht auf mein Kind. Das ist alles, was ich ihm mitzuteilen habe.« Sie drehte ihr Gesicht zur Wand und schwieg fortan.

Ich kehrte nach unten zurück, wo Ferguson und Holmes noch immer am Kaminfeuer saßen. Niedergeschlagen hörte sich Ferguson an, was ich über die Unterredung zu berichten hatte.

»Wie kann ich ihr denn das Kind überlassen?« sagte er. »Woher soll ich wissen, ob sie nicht wieder eine seltsame Anwandlung überkommt? Kann ich denn je vergessen, wie sie sich neben dem Kinderbett aufgerichtet hat, mit dem Blut des Babys auf den Lippen?« Die Erinnerung ließ ihn schaudern. »Das Kind ist bei Mrs. Mason sicher aufgehoben; und da muß es auch bleiben.«

Ein schmuckes Dienstmädchen (das einzig Moderne, das wir in diesem Haus bisher zu Gesicht bekommen hatten) hatte etwas Tee hereingebracht. Just als sie ihn servierte, öffnete sich die Tür, und ein Jüngling betrat den Raum. Es war ein bemerkenswerter Knabe, blaß und blond, mit unruhigen hellblauen Augen, die plötzlich erregt und freudig aufleuchteten, als ihr Blick auf den Vater fiel. Er stürzte vor und schlang ihm mit der Hingabe eines liebenden Mädchens die Arme um den Hals.

»Oh, Vati«, rief er, »ich wußte gar nicht, daß du schon wieder da bist. Sonst hätte ich dir längst guten Tag gesagt. Ach, bin ich froh, dich zu sehen!«

Ferguson löste sich sanft aus der Umarmung und ließ dabei eine leichte Verlegenheit erkennen.

»Mein lieber alter Junge«, sagte er und tätschelte ihm sehr zärtlich den flachsblonden Kopf. »Ich bin deshalb so früh zurück, weil sich meine Freunde, Mr. Holmes und Dr. Watson, überreden ließen, herzukommen und mit uns einen Abend zu verbringen.«

»Ist das Mr. Holmes, der Detektiv?«

»Ja.«

Der Jüngling bedachte uns mit einem sehr durchdringenden und, wie mir schien, unfreundlichen Blick.

»Wie steht es mit Ihrem anderen Kind, Mr. Ferguson?« fragte Holmes. »Dürfen wir das Baby auch kennenlernen?«

»Sag bitte Mrs. Mason, sie soll das Baby herunterbringen«, sagte Ferguson. Der Junge entfernte sich mit einem seltsam watschelnden Gang, was meinem ärztlich geschulten Blick verriet, daß er an einem schwachen Rückgrat litt. Bald darauf kehrte er zurück, gefolgt von einer hochgewachsenen, hageren Frau, die ein überaus liebliches Kind auf dem Arm trug. Es hatte dunkle Augen und goldfarbenes Haar – eine wunderschöne Mischung aus Angelsächsischem und Romanischem. Ferguson hing offenbar sehr an ihm, denn er nahm es in die Arme und liebkoste es ungemein zärtlich.

»Unglaublich, daß jemand es übers Herz bringt, ihm weh zu tun«, murmelte er, als er auf die kleine, entzündlich gerötete Wunde am Hals des Cherub schaute.

Just in diesem Moment warf ich zufällig einen Blick auf Holmes und stellte fest, daß seine Miene ganz eigenartig konzentriert war. Seine Züge wirkten fest, als wären sie aus altem Elfenbein geschnitzt, und seine Augen, eben noch kurz auf Vater und Kind gerichtet, hefteten sich nun in gespannter Neugier auf irgend etwas auf der anderen Seite des Raumes. Als ich seinem Blick folgte, konnte ich nur vermuten, daß er durchs Fenster in den melancholischen, tropfenden Garten hinaussah. Zwar behinderte ein von außen halb geschlossener Laden die Sicht; aber nichtsdestoweniger war es zweifellos das Fenster, was Holmes’ konzentrierte Aufmerksamkeit in Bann hielt. Dann lächelte er, und seine Augen richteten sich wieder auf das Baby, auf dessen molligem Hals sich diese kleine runzlige Wunde befand. Wortlos unterzog Holmes sie einer sorgfältigen Untersuchung. Schließlich schüttelte er eines der grübchenreichen Fäustchen, die vor ihm hin und her ruderten.

»Good bye, kleiner Mann. Du fängst dein Leben ja recht ungewöhnlich an. Mrs. Mason, ich würde Sie gerne einmal unter vier Augen sprechen.«

Er nahm sie beiseite und redete einige Minuten eindringlich mit ihr. Ich konnte nur die letzten Worte verstehen; sie lauteten: »Ihre Angst wird, hoffe ich, bald ein Ende haben.« Die Frau, allem Anschein nach von mürrischem, schweigsamem Wesen, zog sich mit dem Kind wieder zurück.

»Was ist Mrs. Mason für ein Mensch?« fragte Holmes.

»Nach außen hin nicht gerade einnehmend, wie Sie sehen; aber sie hat ein goldenes Herz und hängt sehr an dem Kind.«

»Magst du sie, Jack?« Holmes drehte sich plötzlich zu dem Jungen um. Über dessen ausdrucksvolles Gesicht huschte ein Schatten; dann schüttelte er den Kopf.

»Jacky trennt sehr streng zwischen dem, was er mag, und dem, was er nicht mag«, sagte Ferguson; er legte den Arm um den Jungen. »Glücklicherweise gehöre ich zur ersteren Kategorie.«

Der Knabe gurrte und schmiegte den Kopf an die Brust seines Vaters. Ferguson schob ihn sanft von sich.

»Geh spielen, kleiner Jacky«, sagte er und sah seinem Sohn liebevoll nach, bis er verschwand. »Also, Mr. Holmes«, fuhr er fort, als der Junge gegangen war, »ich habe wirklich das Gefühl, daß ich Sie vergeblich herbemüht habe; was können Sie denn noch tun, außer mir Ihr Mitgefühl zu bezeigen? Von Ihrem Standpunkt aus muß die Sache doch außerordentlich delikat und kompliziert erscheinen.«

»Delikat ist sie zweifellos«, sagte mein Freund mit amüsiertem Lächeln, »aber kompliziert kam sie mir bis jetzt eigentlich nicht vor. Das Ganze war von Anfang an ein Fall für eine Deduktion; und wenn diese ursprüngliche Deduktion Punkt für Punkt durch eine ganze Anzahl voneinander unabhängiger Ereignisse bestätigt wird, dann entsteht aus der subjektiven Erkenntnis eine objektive, und man darf mit Sicherheit sagen, daß man sein Ziel erreicht hat. Tatsächlich hatte ich es bereits erreicht, bevor wir die Baker Street verlassen haben; der Rest war nur noch Beobachtung und Bestätigung.«

Ferguson griff sich mit seiner großen Hand an die zerfurchte Stirn.

»Um Himmels willen, Holmes«, sagte er heiser, »wenn Sie die Wahrheit kennen, halten Sie mich nicht länger im Ungewissen. Ich weiß nicht, woran ich bin. Was soll ich tun? Mir ist ganz egal, wie Sie zu Ihrer Wahrheit gelangt sind, solange Sie sie nur wirklich gefunden haben.«

»Zweifellos schulde ich Ihnen eine Erklärung, und Sie sollen Sie auch bekommen. Aber gestatten Sie mir bitte, die Sache auf meine Art und Weise anzugehen. Ist die Lady in der Verfassung, uns zu empfangen, Watson?«

»Sie ist zwar krank, aber bei klarem Verstand.«

»Sehr gut. Wir können den Fall nämlich nur in ihrem Beisein aufklären. Lassen Sie uns zu ihr hinaufgehen.«

»Sie wird mich nicht sehen wollen«, rief Ferguson.

»Oh, doch, sie wird«, sagte Holmes. Er kritzelte ein paar Zeilen auf einen Zettel. »Sie zumindest haben Zutritt, Watson. Hätten Sie die Güte, der Lady dieses Billett zu überbringen?«

Ich ging wieder hinauf und gab das Briefchen an Dolores weiter, die behutsam die Tür öffnete. Eine Minute später vernahm ich von drinnen einen Schrei – einen Aufschrei, in dem sich Freude und Überraschung zu vermengen schienen. Dolores schaute heraus.

»Sie will Sie sehen. Sie will anhören«, sagte sie.

Auf meinen Zuruf hin kamen Ferguson und Holmes herauf. Als wir das Zimmer betraten, ging Ferguson ein oder zwei Schritte auf seine Frau zu, die sich inzwischen im Bett aufgerichtet hatte; doch sie streckte abwehrend die Hand aus. Daraufhin ließ er sich in einen Sessel sinken, dieweil Holmes neben ihm Platz nahm – nach einer Verbeugung vor der Lady, die ihn ganz entgeistert anstarrte.

»Ich glaube, wir brauchen Dolores nicht mehr«, sagte Holmes. »Oh, bitte sehr, Madame; wenn es Ihnen lieber ist, daß sie bleibt – ich habe nichts dagegen. Nun denn, Mr. Ferguson, ich bin ein beschäftigter, vielfach in Anspruch genommener Mann; meine Methoden müssen rasch und direkt sein. Die rascheste Operation ist immer die schmerzloseste. Lassen Sie mich Ihnen zunächst etwas Beruhigendes sagen: Ihre Gattin ist eine herzensgute, sehr liebevolle Frau, der man äußerst übel mitgespielt hat.«

Ferguson richtete sich mit einem Freudenschrei auf.

»Beweisen Sie das, Mr. Holmes, und ich stehe für immer in Ihrer Schuld.«

»Gerne; aber ich werde Sie dabei in anderer Hinsicht zutiefst verletzen müssen.«

»Das macht mir nichts aus, solange Sie nur meine Frau entlasten. Im Vergleich dazu ist alles andere auf der Welt unwichtig.«

»Schön, dann will ich Ihnen den Gedankengang, den ich in der Baker Street verfolgte, wiedergeben. Die Vorstellung, es könnte sich um einen Vampir handeln, erschien mir absurd. Dergleichen gehört in England nicht zur kriminellen Praxis. Gleichwohl war Ihre Beobachtung präzise. Sie haben gesehen, wie sich die Lady mit Blut an den Lippen neben dem Kinderbett aufrichtete.«

»Ja.«

»Ist Ihnen denn nie der Gedanke gekommen, daß das Aussaugen einer blutenden Wunde noch einem anderen Zweck dienen könnte, als dem, das Blut abzuzapfen? Gab es in der englischen Geschichte nicht sogar eine Königin, die eine Wunde aussaugte53, um ihr auf diese Weise Gift zu entziehen?«

»Gift!«

»Ein südamerikanischer Haushalt. Mein Instinkt verriet mir das Vorhandensein dieser Waffen an der Wand, noch ehe ich sie zu Gesicht bekommen hatte. Es hätte auch ein anderes Gift sein können; aber das war mein erster Gedanke. Als ich den kleinen leeren Köcher neben dem schmalen Bogen entdeckte, entsprach das genau meinen Erwartungen. Wenn einer dieser Pfeile, in Curare oder eine andere teuflische Droge getaucht, das Kind verletzte, so würde das zum Tod führen – es sei denn, man saugte das Gift heraus.

Dann der Hund! Wenn man ein derartiges Gift zu verwenden beabsichtigt, würde man dann nicht zunächst einmal überprüfen, ob es nicht inzwischen seine Wirksamkeit verloren hat? Den Hund habe ich zwar nicht vorausgesehen; aber zumindest wußte ich seinen Zustand zu deuten, und somit paßte er in meine Rekonstruktion.

Verstehen Sie nun? Ihre Frau hat einen solchen Anschlag befürchtet. Sie sah, wie er verübt wurde, und rettete dem Kind das Leben; trotzdem schrak sie davor zurück, Ihnen die ganze Wahrheit zu bekennen, denn Sie wußte, wie sehr Sie den Jungen lieben, und hatte Angst, daß es Ihnen das Herz bricht.«

»Jacky!«

»Ich habe ihn beobachtet, als Sie eben das Kind liebkosten. Sein Gesicht spiegelte sich deutlich in der Fensterscheibe vor dem geschlossenen Laden. Ich erkannte eine derartige Eifersucht, einen so grausamen Haß, wie ich es selten auf einem menschlichen Antlitz gesehen habe.«

»Mein Jacky!«

»Sie müssen sich damit abfinden, Mr. Ferguson. Das Ganze ist um so schmerzlicher, als seine Handlungsweise von einer fehlgeleiteten Liebe, einer manisch übersteigerten Liebe zu Ihnen und vielleicht auch zu seiner verstorbenen Mutter bestimmt wurde. Der Haß gegen dieses Prachtkind, dessen Gesundheit und Anmut einen einzigen Kontrast zu seiner eigenen Schwächlichkeit bilden, zernagt ihm geradezu die Seele.«

»Guter Gott! Es ist unglaublich!«

»Stimmt alles, was ich gesagt habe, Madame?«

Die Lady schluchzte, das Gesicht in die Kissen vergraben. Dann wandte sie sich ihrem Ehemann zu.

»Wie hätte ich es dir denn sagen sollen, Bob? Ich habe doch gespürt, was für einen Schlag es dir versetzen würde. Ich wollte lieber abwarten, bis du es aus anderem Munde erfährst. Als dieser Gentleman, der offenbar über Zauberkräfte verfügt, mir schrieb, daß er alles wisse, war ich sehr erleichtert.«

»Ich glaube, ich würde Master Jacky ein Jahr am Meer verordnen«, sagte Holmes, indem er sich erhob. »Eine Unklarheit besteht allerdings noch, Madame. Wir haben volles Verständnis für Ihre Handgreiflichkeiten gegen Master Jacky. Der Geduld einer Mutter sind Grenzen gesetzt. Aber woher nahmen Sie den Mut, das Kind die beiden letzten Tage allein zu lassen?«

»Ich hatte Mrs. Mason alles erzählt. Sie wußte Bescheid.«

»Genau so habe ich es mir gedacht.«

Ferguson stand mit zugeschnürter Kehle neben dem Bett und streckte die zitternden Hände aus.

»Ich glaube, nun ist es Zeit, daß wir gehen, Watson«, flüsterte Holmes. »Wenn Sie sich bitte einen Arm der allzu treuen Dolores greifen; ich nehme sie dann am anderen. So, das wär’s«, fügte er hinzu, als er die Tür hinter sich schloß. »Ich denke, den Rest sollten die beiden unter sich ausmachen.«

Eines freilich bleibt zu diesem Fall noch nachzutragen, nämlich das Schreiben, mit dem Holmes jenen Brief, der am Beginn dieser Erzählung steht, abschließend beantwortete. Es lautete wie folgt:

 

Baker Street

21. Nov.

Betr.: Vampire

SIR,

unter Bezug auf Ihren Brief vom 19. erlaube ich mir zu erwähnen, daß ich der Anfrage Ihres Mandanten, Mr. Robert Ferguson, von Ferguson & Muirhead, Teehändler, Mincing Lane, inzwischen nachgegangen bin und daß die Sache zu einem befriedigenden Abschluß gebracht wurde. Mit Dank für Ihre Empfehlung verbleibe ich, Sir,

Ihr ergebener

SHERLOCK HOLMES.