DerNarrLiest

Sherlock Holmes & Die drei Garridebs (Fall 54)

June 11, 2021 HofnarrGiaccomo Season 2021 Episode 174
DerNarrLiest
Sherlock Holmes & Die drei Garridebs (Fall 54)
Show Notes Transcript

HofnarrGiaccomo liest den urheberrechtsfreien Klassiker
Eine spannende Sherlock Holmes Kriminalgeschichte
von  ARTHUR CONAN DOYLE - "Die drei Garridebs"  (Fall 54)

Der Fall erschien in Deutschland auch unter dem Titel

  • Der Fall der drei Garridebs

Inhalt:
Selten hat Sherlock Holmes von einem derart seltsamen Testament gehört: Der von seinem seltenen Nachnamen begeisterte Amerikaner Alexander Hamilton Garrideb hinterlässt sein gesamtes Vermögen (15 Millionen Dollar) dem nicht mit ihm verwandten John Garrideb - unter einer Bedingung: Er muss zwei weitere Garridebs ausfindig machen, mit denen er das Geld dann teilen kann. In England findet John schnell einen Nathan Garrideb, der - als weitere Nachforschungen scheitern - Holmes einschaltet. Warum aber ist John Garrideb genau darüber alles andere als erfreut?

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 Arthur Conan Doyle - Sherlock Holmes
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„Die drei Garridebs“ (Fall 54)
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Vielleicht war es eine Komödie, vielleicht war es eine Tragödie. Die Geschichte kostete einen Menschen den Verstand, mich einen Aderlaß, und ein dritter verfiel der Strafe des Gesetzes. Gleichwohl barg sie zweifellos auch komische Elemente in sich. Nun, der Leser möge selbst entscheiden.

Ich entsinne mich noch sehr gut des Datums, denn just im gleichen Monat schlug Holmes es aus, sich für gewisse Verdienste, die eines Tages vielleicht noch geschildert werden, in den Ritterstand erheben zu lassen. Ich erwähne dies freilich nur am Rande; meine Stellung als Partner und Vertrauter gebietet mir, jedwede Indiskretion besonders sorgfältig zu vermeiden. Ich wiederhole indessen, daß diese Begebenheit mich in den Stand setzt, das Datum zu bestimmen: Es war gegen Ende Juni 1902, kurz nach Beendigung des südafrikanischen Krieges54. Holmes hatte, wie das zuweilen seine Art war, mehrere Tage im Bett verbracht, doch an jenem Morgen ließ er sich wieder blicken; er hielt ein umfangreiches, auf Kanzleipapier verfaßtes Schreiben in der Hand, und in seinen strengen grauen Augen blinkte es amüsiert.

»Hier böte sich Ihnen eine günstige Gelegenheit, ein wenig Geld zu verdienen, Freund Watson«, sagte er. »Haben Sie den Namen Garrideb schon mal gehört?«

Ich verneinte.

»Tja, wenn Sie einen Garrideb ausfindig machen können – da steckt Geld drin.«

»Wie denn das?«

»Ah, das ist eine lange Geschichte – und eine ziemlich wunderliche dazu. Ich glaube nicht, daß wir bei unseren Erforschungen menschlicher Komplexitäten je auf etwas so Eigenartiges gestoßen sind. Der Bursche wird gleich zu einem Kreuzverhör erscheinen; deshalb will ich Ihnen die Sache nicht eröffnen, ehe er kommt. In der Zwischenzeit benötigen wir allerdings diesen Namen.«

Das Telefonbuch lag auf dem Tisch neben mir, und ich blätterte es ohne sonderliche Hoffnung durch. Doch zu meiner Überraschung fand sich dieser seltsame Name ganz richtig an seinem Platz. Ich stieß einen triumphierenden Schrei aus.

»Na bitte, Holmes! Hier steht er ja!«

Holmes nahm mir das Buch aus der Hand.

»›Garrideb, N.‹«, las er, ›»136 Little Ryder Street, W.‹ Ich muß Sie leider enttäuschen, mein lieber Watson; das ist der Mann selbst. Das ist die Adresse auf dem Briefkopf. Wir brauchen einen Namenskollegen.«

Mrs. Hudson war hereingekommen, mit einer Karte auf einem Tablett. Ich nahm sie entgegen und warf einen Blick darauf.

»Na sowas, hier hätten wir ihn ja schon!« rief ich verblüfft. »Da steht ein anderer Vorname. John Garrideb, Rechtsanwalt, Moorville, U.S.A.«

Holmes lächelte, als er die Karte betrachtete. »Ich furchte, Sie müssen sich noch etwas mehr Mühe geben, Watson«, sagte er. »Auch dieser Gentleman gehört bereits mit zur Geschichte, obwohl ich allerdings nicht damit gerechnet habe, ihn heute morgen schon zu sehen. Wie auch immer, er kann uns eine ganze Menge von dem, was ich wissen möchte, erzählen.«

Einen Augenblick später stand er im Zimmer. Mr. John Garrideb, Rechtsanwalt, war ein gedrungener, kräftiger Mann mit jenem rundlichen, frischen, glattrasierten Gesicht, das für so viele amerikanische Geschäftsleute charakteristisch ist. Alles in allem wirkte er feist und etwas kindlich und machte so den Eindruck eines ziemlich jungen, breit lächelnden Mannes. Seine Augen allerdings waren fesselnd. Selten habe ich in einem menschlichen Schädel ein Paar Augen gesehen, die ein so lebhaftes Innenleben verrieten, so hell waren sie, so wach, so deutlich spiegelten sie jeglichen Sinneswandel wider. Sein Akzent war amerikanisch, ohne jedoch von einer exzentrischen Sprechweise begleitet zu sein.

»Mr. Holmes?« fragte er; sein Blick huschte zwischen uns hin und her. »Ah, ja! Ihre Bilder sind Ihnen nicht unähnlich, Sir, wenn ich mal so sagen darf. Soweit ich weiß, haben Sie von meinem Namensvetter, Mr. Nathan Garrideb, einen Brief erhalten, ja?«

»Nehmen Sie bitte Platz«, sagte Sherlock Holmes. »Wir haben vermutlich eine ganze Menge zu besprechen.« Er nahm seine Kanzleibögen zur Hand. »Sie sind natürlich der in diesem Schreiben erwähnte Mr. John Garrideb. Aber Sie halten sich doch schon seit geraumer Zeit in England auf?«

»Wie kommen Sie denn darauf, Mr. Holmes?« Mir war, als läse ich plötzlich Argwohn in jenen ausdrucksvollen Augen.

»Ihre Aufmachung ist ganz und gar englisch.«

Mr. Garrideb lachte gezwungen auf. »Ich habe von Ihren Kunststückchen ja schon gelesen, Mr. Holmes; aber ich hatte nie geglaubt, daß ich einmal selbst die Zielscheibe dafür abgeben würde. Woran erkennen Sie das?«

»Am Schulterschnitt Ihrer Jacke, an Ihren Stiefelspitzen – könnte da noch irgend jemand einen Zweifel hegen?«

»Hm, also ich hatte keine Ahnung, daß ich so offenkundig britisch wirke. Allerdings haben mich schon vor einer ganzen Weile Geschäfte hier herübergeführt, deswegen stammt meine Aufmachung, wie Sie bemerkt haben, fast ausschließlich aus London. Wie auch immer, ich schätze, Ihre Zeit ist kostbar; wir haben uns nicht getroffen, um über den Schnitt meiner Socken zu plaudern. Wie wär’s, wenn wir jetzt mal auf das Papier, das Sie da in der Hand halten, zu sprechen kämen?«

Holmes hatte unseren Besucher wohl irgendwie verärgert, denn dessen feistes Gesicht wirkte inzwischen längst nicht mehr so liebenswürdig.

»Nur Geduld! Nur Geduld, Mr. Garrideb!« sagte mein Freund besänftigend. »Dr. Watson kann Ihnen bestätigen, daß sich diese meine kleinen Abschweifungen manchmal am Ende als recht sachdienlich erweisen. Aber warum hat Mr. Nathan Garrideb Sie eigentlich nicht begleitet?«

»Weswegen hat er Sie überhaupt in die Sache mit hineingezogen?« fragte unser Besucher, unversehens in Zorn ausbrechend. »Was, zum Donnerwetter, haben Sie damit zu schaffen? Da geht es um eine kleine geschäftliche Angelegenheit zwischen zwei Gentlemen; aber einer von ihnen muß doch tatsächlich einen Detektiv einschalten! Ich habe ihn heute früh getroffen, und er hat mir diesen Narrenstreich, den er mir da gespielt hat, gebeichtet; aus diesem Grund bin ich hier. Nichtsdestotrotz finde ich die ganze Geschichte lästig.«

»Er hat es ja nicht aus Mißtrauen gegen Sie getan, Mr. Garrideb. Er war lediglich seinerseits bestrebt, Ihr Ziel zu erreichen – ein Ziel, das für Sie beide, wenn ich es recht verstehe, gleichermaßen lebenswichtig ist. Er wußte, daß ich über Mittel und Wege verfuge, an Informationen heranzukommen; daher war es ganz natürlich, daß er sich an mich wandte.«

Das zornige Gesicht unseres Besuchers hellte sich allmählich auf.

»Naja, das ändert die Sache natürlich«, sagte er. »Als ich heute früh zu ihm gegangen bin und er mir sagte, daß er einen Detektiv benachrichtigt hat, habe ich mich gleich nach Ihrer Adresse erkundigt und bin schnurstracks hierhergekommen. Ich kann es nicht leiden, wenn sich die Polizei in eine Privatangelegenheit mischt. Aber solange Sie sich nur darauf beschränken, uns bei der Suche nach dem Mann zu helfen, habe ich nichts dagegen.«

»Na also, genau darum geht es doch«, sagte Holmes. »Und nun, Sir, da Sie schon einmal bei uns sind, hätten wir liebend gern eine klare Darstellung des Sachverhalts aus Ihrem eigenen Munde. Mein Freund hier weiß nämlich noch nicht über die Einzelheiten Bescheid.«

Mr. Garrideb musterte mich mit einem nicht allzu freundlichen Blick.

»Muß er denn Bescheid wissen?« fragte er.

»Wir arbeiten gewöhnlich zusammen.«

»Na schön, es besteht kein Grund, die Sache geheimzuhalten. Ich will Ihnen die Fakten mitteilen und mich dabei so kurz wie möglich fassen. Wenn Sie aus Kansas wären, dann brauchte ich Ihnen nicht zu erklären, wer Alexander Hamilton Garrideb war. Er hat sein Geld mit Immobilien und später noch mit Weizen an der Getreidebörse in Chicago gemacht, aber er gab es wieder aus, um so viel Land aufzukaufen, daß eine Ihrer Grafschaften hineinpassen würde; es erstreckt sich den Arkansas River entlang, westlich von Fort Dodge. In dem Land hat es Weiden und Nutzhölzer und Ackerböden und Mineralien – einfach alles, was seinem Besitzer Dollars einbringt.

Er hatte weder Freunde noch Verwandte – jedenfalls habe ich nie von welchen gehört. Aber irgendwie war er stolz auf seinen ausgefallenen Namen. Und das führte uns zusammen. Ich war Anwalt in Topeka55, und eines Tages erhielt ich Besuch von dem alten Knaben; vor Freude darüber, noch einen Träger seines Namens zu treffen, geriet er völlig aus dem Häuschen. Das war nämlich seine Lieblingsmarotte, und er war ganz versessen darauf, zu ermitteln, ob es auf der Welt noch weitere Garridebs gibt. ›Machen Sie mir noch einen ausfindig!‹ sagte er. Ich erklärte ihm, daß ich ein beschäftigter Mann bin und mein Leben nicht damit zubringen kann, in der Weltgeschichte herumzureisen, um Garridebs zu suchen. ›Trotzdem‹, sagte er; ›genau das werden Sie tun, wenn sich die Dinge nach meinen Plänen entwickeln.‹ Ich dachte, er macht nur Spaß; aber wie sich bald herausstellen sollte, steckte hinter seinen Worten sehr viel Bedeutung.

Kein Jahr später ist er nämlich gestorben und hat ein Testament hinterlassen. Es war das sonderbarste Testament, das im Staate Kansas jemals hinterlegt worden ist. Sein Besitz wurde in drei Teile aufgeteilt, und ich sollte einen davon erhalten – unter der Bedingung, daß ich zwei Garridebs ausfindig mache, denen dann der Rest zufiele. Es handelt sich um mindestens fünf Millionen Dollar für jeden; aber keiner darf das Vermögen anrühren, solange wir nicht in einer kompletten Dreierreihe antreten.

Das war eine so große Chance, daß ich meine Anwaltspraxis einfach fahrengelassen und mich auf die Suche nach weiteren Garridebs gemacht habe. In den Vereinigten Staaten gibt es keinen einzigen mehr. Ich habe das Land durchgekämmt, Sir, mit einem feinen Kamm, und nie ist ein Garrideb darin hängengeblieben. Dann versuchte ich es in der Alten Welt. Und tatsächlich – der Name stand im Londoner Telefonbuch. Vor zwei Tagen habe ich den Mann aufgesucht und ihm die ganze Geschichte auseinandergesetzt. Aber er ist, wie ich auch, unverheiratet und hat nur ein paar weibliche, aber keine männlichen Verwandten. Im Testament ist jedoch ausdrücklich von drei erwachsenen Männern die Rede. Sie sehen also, bei uns ist immer noch eine Stelle frei; wenn Sie uns helfen können, sie zu besetzen, sind wir sehr gern bereit, Ihnen ein angemessenes Honorar zu zahlen.«

»Na, Watson«, sagte Holmes lächelnd, »ich habe Ihnen ja gesagt, daß es eine ziemlich wunderliche Geschichte ist, nicht wahr? Ich hätte allerdings angenommen, Sir, daß die für Sie einfachste Methode darin bestünde, in den Seufzerspalten der Zeitungen ein Inserat aufzugeben.«

»Das habe ich längst getan, Mr. Holmes. Es kamen keine Antworten.«

»Meine Güte! Tja, es ist in der Tat ein höchst merkwürdiges kleines Problem. Ich werde mich in aller Ruhe ein wenig damit befassen. Sonderbar übrigens, daß Sie aus Topeka kommen. Ich hatte dort früher einmal einen Briefpartner – inzwischen ist er allerdings verstorben –, nämlich den alten Dr. Lysander Starr, der 1890 Bürgermeister war.«

»Der gute alte Dr. Starr!« sagte unser Besucher. »Sein Name steht noch immer in Ehren. Schön, Mr. Holmes; vermutlich bleibt uns nichts anderes übrig, als uns wieder bei Ihnen zu melden und Sie über unsere Fortschritte auf dem laufenden zu halten. Ich schätze, in ein oder zwei Tagen werden Sie wieder von uns hören.« Mit diesem Versprechen verbeugte sich unser Amerikaner und ging von hinnen.

Holmes hatte sich seine Pfeife angezündet und saß eine Weile seltsam lächelnd da.

»Nun?« fragte ich schließlich.

»Ich bin erstaunt, Watson – einfach erstaunt!«

»Worüber denn?«

Holmes nahm die Pfeife aus dem Mund.

»Ich habe mich erstaunt gefragt, Watson, warum in aller Welt uns dieser Mann ein solches Lügenmärchen auftischt. Fast hätte ich ihn direkt gefragt – mitunter ist ja ein Frontalangriff die beste Politik –; aber dann hielt ich es doch für besser, ihn im Glauben zu lassen, daß er uns an der Nase herumgeführt habe. Da kommt ein Mann mit einer am Ellbogen abgewetzten englischen Jacke und mit Hosen, die am Knie ausgebeult sind, weil er sie seit einem Jahr trägt; dennoch ist er laut diesem Schreiben und laut seinem eigenen Bericht ein Amerikaner aus der Provinz, der erst vor kurzem in London eingetroffen ist. In den Seufzerspalten stand kein Inserat. Sie wissen ja, daß ich mir dort nichts entgehen lasse. Sie sind meine Lieblingszuflucht beim Aufstöbern eines schrägen Vogels, und einen Fasan wie diesen hätte ich bestimmt nicht übersehen. Ich habe auch nie einen Dr. Lysander Starr aus Topeka gekannt. Wo immer man den Burschen antippt, erweist er sich als falsch. Daß er Amerikaner ist, stimmt vermutlich; aber sein Akzent hat sich durch den jahrelangen Aufenthalt in London abgeschliffen. Was für ein Spiel treibt er also, und welches Motiv steckt hinter dieser absurden Suche nach Garridebs? Die Sache verdient unsere Aufmerksamkeit; denn falls der Mann ein Schurke ist, dann zweifellos ein vielseitiger und raffinierter. Zunächst müssen wir allerdings herausfinden, ob unser zweiter Briefschreiber ebenfalls ein Schwindler ist. Rufen Sie ihn doch einfach mal an, Watson.«

Das tat ich und vernahm eine dünne, zitternde Stimme am anderen Ende der Leitung.

»Ja, ja, hier spricht Mr. Nathan Garrideb. Ist Mr. Holmes da? Ich würde sehr gern einmal mit Mr. Holmes sprechen.«

Mein Freund nahm den Apparat zur Hand, und ich hörte den üblichen lückenhaften Dialog mit an.

»Ja, er war eben hier. Wenn ich es recht verstehe, kennen Sie ihn gar nicht … Wie lange? … Erst seit zwei Tagen! … Ja, ja, natürlich, die Aussicht ist schon höchst verlockend. Sind Sie heute abend zu Hause? Ihr Namensvetter wird doch wohl nicht auch da sein? … Sehr schön, dann kommen wir; ich würde nämlich lieber ohne ihn mit Ihnen plaudern … Dr. Watson wird mich begleiten … Ich habe Ihrem Brief entnommen, daß Sie nicht oft ausgehen … Gut, dann sind wir also um sechs bei Ihnen. Sie brauchen ja dem amerikanischen Anwalt nichts davon zu erwähnen … Sehr schön. Good bye!«

Die Dämmerung eines lieblichen Frühlingsabends war hereingebrochen, und selbst die Little Ryder Street, eine der kleineren Abzweigungen von der Edgware Road und nur einen Steinwurf vom alten Tyburn Tree56 unseligen Angedenkens entfernt, wirkte in den schrägen Strahlen der untergehenden Sonne wie vergoldet und sah wunderhübsch aus. Das Haus, zu dem wir unsere Schritte lenkten, war ein großes, altmodisches Gebäude aus der frühen georgianischen Epoche mit einer flachen Backsteinfassade, die nur von zwei tiefliegenden Erkerfenstern im Erdgeschoß unterbrochen wurde. Just in diesem Erdgeschoß wohnte unser Klient, und die niedrigen Fenster erwiesen sich in der Tat als Stirnseite des riesigen Zimmers, in dem er sich von früh bis spät aufhielt. Holmes deutete im Vorübergehen auf das schmale Messingschild; es trug den sonderbaren Namen.

»Das hängt schon ein paar Jährchen, Watson«, bemerkte er und zeigte auf seine angelaufene Oberfläche. »Sein richtiger Name ist es jedenfalls, und das ist ja immerhin schon etwas.«

Das Haus hatte eine Gemeinschaftstreppe, und im Flur befand sich eine Anzahl aufgemalter Namenszüge; einige wiesen auf Büros hin, andere auf Privaträume. Das Ganze war freilich keine Ansammlung vornehmer Wohnungen, sondern eher ein Domizil für unbeweibte Bohemiens. Unser Klient öffnete uns selbst und entschuldigte dies damit, daß die dafür verantwortliche Frau um vier Uhr gegangen sei. Mr. Nathan Garrideb erwies sich als ein sehr hochgewachsener, klappriger Mann mit rundem Rücken; er war hager und kahlköpfig und zählte etwas über sechzig Jahre. Sein Gesicht war leichenblaß, und er hatte die schlaffe verwelkte Haut eines Menschen, dem sportliche Betätigung fremd ist. Große runde Brillengläser und ein schmaler abstehender Ziegenbart verliehen ihm, verbunden mit seiner gebückten Haltung, einen Ausdruck spähender Neugierde. Gleichwohl wirkte er durchaus liebenswürdig, wenn auch etwas exzentrisch.

Das Zimmer war ebenso wunderlich wie sein Bewohner. Es ähnelte einem kleinen Museum und war sowohl breit als auch tief. Allenthalben standen Schränke und Regale, gefüllt mit geologischen Fundstücken und anatomischen Präparaten. Vitrinen mit Schmetterlingen und Faltern flankierten die Tür. Auf einem Tisch in der Mitte lagen Bruchstücke aller Art herum, und dazwischen ragte der lange Messingtubus eines gewaltigen Mikroskops starr empor. Bei meinem Rundblick war ich erstaunt über die Universalität der Interessen dieses Mannes. Hier stand eine Vitrine mit alten Münzen, dort ein Regal mit Gerätschaften aus Stein. Hinter dem Tisch in der Mitte befand sich ein geräumiger Schrank mit fossilen Knochen. Obenauf lag eine Reihe von Gipsschädeln, unter denen Namen wie »Neanderthal«, »Heidelberg«, »Cromagnon« in Druckschrift zu lesen waren. Offensichtlich erstreckte sich die Gelehrtheit des Mannes auf viele Gebiete. Als er nun vor uns stand, hielt er in der rechten Hand einen Lappen aus Sämischleder, mit dem er eine Münze polierte.

»Syrakusisch – aus der Blütezeit«, erklärte er, wobei er sie in die Höhe hielt. »Gegen Ende zeigten sich freilich beträchtliche Degenerationserscheinungen. Aber in ihrer Blütezeit nehmen sie meiner Ansicht nach den obersten Rang ein – auch wenn manche die Alexandria-Schule57 bevorzugen. Hier wäre ein Stuhl für Sie, Mr. Holmes. Lassen Sie mich bitte noch diese Knochen wegräumen. Und Sie, Sir – ah, ja, Dr. Watson –, wenn Sie die Güte hätten, die japanische Vase zur Seite zu stellen. Sie sehen mich von all den Kleinigkeiten umgeben, die mir das Leben interessant machen. Mein Arzt hält mir zwar immer Vorträge, weil ich nie ausgehe; aber warum sollte ich ausgehen, wo ich doch so viel besitze, was mich hier festhält? Ich kann Ihnen versichern, daß es mich gut und gern drei Monate kosten würde, auch nur ein einziges dieser Regale hinreichend zu katalogisieren.«

Holmes sah sich neugierig um.

»Aber wollen Sie damit etwa sagen, daß Sie niemals ausgehen?« fragte er.

»Hin und wieder fahre ich zu Sotheby oder Christie 58. Ansonsten verlasse ich meine Wohnung nur sehr selten. Ich bin nicht allzu kräftig gebaut, und meine Forschungen nehmen mich voll und ganz in Anspruch. Doch Sie können sich wohl vorstellen, Mr. Holmes, wie unheimlich – zwar freudig, aber unheimlich – mein Schrecken war, als ich von diesem beispiellosen Glück erfahren habe. Es bedarf ja nur eines einzigen weiteren Garrideb, um die Sache zum Abschluß zu bringen; und einer wird sich doch wohl noch finden lassen. Ich hatte einen Bruder; doch der ist verstorben, und weibliche Verwandte scheiden aus. Aber es muß mit Sicherheit noch andere auf der Welt geben. Ich habe einmal gehört, daß Sie sich mit außergewöhnlichen Fällen befassen; daher habe ich Sie benachrichtigt. Natürlich hat dieser amerikanische Gentleman völlig recht, und ich hätte ihn erst um Rat fragen sollen; aber ich habe in bester Absicht gehandelt.«

»Ich glaube, Sie haben in der Tat sehr klug gehandelt«, sagte Holmes. »Aber sind Sie denn wirklich so erpicht auf einen Landbesitz in Amerika?«

»Natürlich nicht, Sir. Nichts könnte mich dazu verleiten, meine Sammlung im Stich zu lassen. Dieser Gentleman hat mir jedoch versichert, daß er meinen Anteil auslösen wird, sobald unser Anspruch rechtsgültig ist. Die genannte Summe beläuft sich auf fünf Millionen Dollar. Gegenwärtig befindet sich auf dem Markt ein Dutzend Stücke, die einige Lücken in meiner Sammlung schließen würden und die ich nicht erwerben kann, weil mir ein paar hundert Pfund fehlen. Stellen Sie sich einmal vor, was ich mit fünf Millionen Dollar alles anfangen könnte. Schließlich besitze ich den Grundstock für eine Nationalsammlung. Ich werde der Hans Sloane59 meines Zeitalters sein.«

Seine Augen leuchteten hinter den großen Brillengläsern. Ganz offensichtlich würde Mr. Nathan Garrideb keine Mühe scheuen, einen Namensvetter zu finden.

»Ich bin lediglich gekommen, um Ihre Bekanntschaft zu machen, und es besteht kein Grund, sich von mir bei Ihren Studien stören zu lassen«, sagte Holmes. »Ich ziehe es vor, mit Leuten, mit denen ich beruflich zu tun habe, persönlichen Kontakt aufzunehmen. Da wären noch einige wenige Fragen, die ich Ihnen stellen müßte; Ihr überaus klarer Bericht steckt in meiner Tasche, und die Lücken habe ich ausgefüllt, als dieser Amerikaner bei mir vorsprach. Wenn ich es recht verstehe, haben Sie bis zu dieser Woche von seiner Existenz noch gar nichts gewußt?«

»So ist es. Er hat mich letzten Dienstag aufgesucht.«

»Hat er Sie von unserem heutigen Gespräch unterrichtet?«

»Ja, er kam gleich danach zu mir zurück. Zunächst war er sehr ärgerlich.«

»Weshalb sollte er denn ärgerlich sein?«

»Anscheinend fühlte er sich etwas in seiner Ehre gekränkt. Aber beim Abschied war er wieder ganz fröhlich.«

»Hat er irgendwelche Vorschläge gemacht, wie es nun weitergehen soll?«

»Nein, Sir.«

»Hat er einmal Geld von Ihnen erhalten oder Sie darum gebeten?«

»Nein, Sir, nie!«

»Sie können keinen bestimmten Zweck erkennen, den er möglicherweise verfolgt?«

»Nein, nur den von ihm erklärten.«

»Haben Sie ihn von unserer telefonischen Verabredung unterrichtet?«

»Ja, Sir.«

Holmes saß nachdenklich da. Ich stellte fest, daß er verwirrt war.

»Befinden sich in Ihrer Sammlung irgendwelche Stücke von hohem Wert?«

»Nein, Sir. Ich bin nicht reich. Die Sammlung ist zwar ansehnlich, aber nicht sehr wertvoll.«

»Sie haben keine Angst vor Einbrechern?«

»Nicht im geringsten.«

»Wie lange wohnen Sie denn schon hier?«

»Fast fünf Jahre.«

Holmes’ Kreuzverhör wurde von einem gebieterischen Klopfen an der Tür unterbrochen. Kaum hatte unser Klient sie geöffnet, als auch schon der amerikanische Anwalt aufgeregt hereinstürzte.

»Na also!« rief er, eine Zeitung über dem Kopf schwenkend. »Ich hab mir gedacht, daß ich Sie noch rechtzeitig erwische. Mr. Garrideb, meinen Glückwunsch! Sie sind ein reicher Mann, Sir. Unsere Angelegenheit hat sich zum Glück erledigt, und alles steht bestens. Was Sie betrifft, Mr. Holmes, so können wir nur versichern, daß es uns leid tut, Ihnen unnütze Mühe bereitet zu haben.«

Er überreichte die Zeitung unserem Klienten, der dastand und auf eine angestrichene Annonce starrte. Holmes und ich lehnten uns über seine Schulter und lasen sie mit. Sie lautete folgendermaßen:

 


 

»Großartig!« stieß unser Gastgeber keuchend hervor. »Damit hätten wir unseren dritten Mann.«

»Ich hatte Nachforschungen in Birmingham angestellt«, sagte der Amerikaner; »mein dortiger Agent hat mir diese Annonce aus einer Lokalzeitung zugeschickt. Wir müssen uns sputen und die Sache zum Abschluß bringen. Ich habe diesem Mann bereits geschrieben und ihm mitgeteilt, daß Sie ihn morgen nachmittag um vier Uhr in seinem Büro aufsuchen werden.«

»Sie wollen, daß ich zu ihm gehe?«

»Was sagen denn Sie dazu, Mr. Holmes? Finden Sie nicht auch, daß es das klügste wäre? Ich bin doch nur ein herumziehender Amerikaner mit einer wunderlichen Geschichte. Wie könnte er mir glauben, was ich ihm erzähle? Sie aber sind ein Brite mit soliden Referenzen; Ihren Worten muß er Beachtung schenken. Ich würde Sie ja begleiten, wenn Sie Wert darauf legen; aber morgen steht mir ein sehr arbeitsreicher Tag bevor. Falls Sie irgendwelche Schwierigkeiten haben, könnte ich immer noch nachkommen.«

»Nun ja, ich habe seit Jahren keine solche Reise mehr unternommen.«

»Das ist doch ein Klacks, Mr. Garrideb. Ich habe Ihre Zugverbindungen bereits zusammengestellt. Sie fahren um zwölf ab und wären kurz nach zwei dort. Somit können Sie noch am gleichen Abend wieder zurück sein. Sie brauchen nichts weiter zu tun, als diesen Mann aufzusuchen, ihm die Sache auseinanderzusetzen und sich einen beglaubigten Nachweis seiner Identität zu verschaffen. Lieber Himmel!« fügte er aufgebracht hinzu, »wenn man bedenkt, daß ich die ganze Strecke vom Zentrum Amerikas bis hierher zurückgelegt habe, dann ist es doch wirklich nicht zuviel verlangt, daß Sie mal hundert Meilen fahren, um diese Geschichte zum Abschluß zu bringen.«

»Genau«, sagte Holmes. »Ich glaube, dieser Gentleman hat vollkommen recht.«

Mr. Nathan Garrideb zuckte betrübt mit den Achseln. »Na schön, wenn Sie darauf bestehen, dann fahre ich eben«, sagte er. »Es fällt mir ja ohnehin schwer, Ihnen etwas abzuschlagen, nachdem Sie diese herrliche Hoffnung in mein Leben gebracht haben.«

»Dann wäre die Sache also abgemacht«, sagte Holmes. »Sie lassen mir ja zweifellos so bald wie möglich eine Nachricht zukommen.«

»Ich werde mich darum kümmern«, sagte der Amerikaner. »So«, fugte er mit einem Blick auf seine Uhr hinzu, »jetzt muß ich aber weiter. Ich komme morgen vorbei, Mr. Nathan, und bringe Sie zum Zug nach Birmingham. Begleiten Sie mich noch ein Stück, Mr. Holmes? Na denn, good bye; morgen abend haben wir vermutlich gute Neuigkeiten für Sie.«

Ich bemerkte, daß sich das Gesicht meines Freundes aufhellte, als der Amerikaner das Zimmer verließ; der Ausdruck nachdenklicher Verwunderung war verschwunden.

»Ich würde mir sehr gerne einen Überblick über Ihre Sammlung verschaffen, Mr. Garrideb«, sagte er. »In meinem Beruf erweisen sich entlegene Kenntnisse aus allen Gebieten immer wieder als nützlich, und diese Ihre Wohnung ist ja eine wahre Fundgrube dafür.«

Unser Klient strahlte vor Freude, und seine Augen leuchteten hinter den großen Brillengläsern.

»Ich habe schon immer gehört, Sir, daß Sie ein hochintelligenter Mann sind«, sagte er. »Ich könnte Sie jetzt gleich etwas herumfuhren – haben Sie Zeit?«

»Leider nein. Allerdings sind diese Stücke ja so gut etikettiert und klassifiziert, daß sie Ihrer persönlichen Erläuterung kaum noch bedürfen. Aber wenn ich morgen hereinschauen dürfte; hätten Sie etwas dagegen, daß ich mir dann einen kleinen Überblick verschaffe?«

»Ganz und gar nicht. Sie sind sogar höchst willkommen. Die Wohnung wird dann natürlich abgeschlossen sein; aber Mrs. Saunders hält sich bis vier Uhr im Souterrain auf und könnte Sie mit ihrem Schlüssel hineinlassen.«

»Schön, ich bin nämlich morgen nachmittag zufällig frei. Sagen Sie also bitte Mrs. Saunders Bescheid, damit alles seine Richtigkeit hat. Nebenbei bemerkt, wer ist denn Ihr Hausverwalter?«

Die plötzliche Frage verblüffte unseren Klienten.

»Holloway und Steele, in der Edgware Road. Aber warum fragen Sie?«

»Ich bin selbst ein bißchen Archäologe, wenn es sich um Häuser dreht«, sagte Holmes lachend. »Ich war nämlich am Überlegen, ob dieses hier noch aus der Zeit von Queen Anne60 oder schon aus der georgianischen Epoche stammt.«

»Es ist zweifellos georgianisch.«

»Wirklich? Ich hätte es für etwas älter gehalten. Wie auch immer, das läßt sich ja leicht ermitteln. Nun denn, good bye, Mr. Garrideb; ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihrer Reise nach Birmingham.«

Die Hausverwaltung befand sich ganz in der Nähe, war aber, wie wir feststellten, an diesem Tag geschlossen; daher begaben wir uns zurück zur Baker Street. Holmes kam erst nach dem Abendessen wieder auf die Angelegenheit zu sprechen.

»Unser kleines Problem entwirrt sich allmählich«, sagte er. »Ohne Zweifel hat sich Ihnen die Lösung längst abgezeichnet.«

»Die Sache ist mir von A bis Z unverständlich.«

»Das A ist doch sonnenklar, und das Z wird sich uns morgen wohl auch noch erschließen. Ist Ihnen an dieser Annonce denn nichts Merkwürdiges aufgefallen?«

 

»Ich habe bemerkt, daß das Wort ›Pflug‹ falsch geschrieben61 war.«

»Oh, das ist Ihnen also aufgefallen, ja? Na bitte, Watson, Sie werden von Tag zu Tag besser. Ja, das war zwar schlechtes Englisch, aber gutes Amerikanisch. Der Drucker hat den Text so gesetzt, wie er ihn erhalten hat. Dann die Bockwagen62. Das ist ebenfalls Amerikanisch. Und artesische Brunnen63 sind drüben gebräuchlicher als bei uns. Das war eine typisch amerikanische Annonce, die aber so aussehen soll, als stamme sie von einer englischen Firma. Was schließen Sie daraus?«

»Ich kann nur vermuten, daß dieser amerikanische Anwalt sie selbst aufgegeben hat. Warum er das getan hat, ist mir allerdings unverständlich.«

»Nun, dafür gäbe es schon die eine oder andere Erklärung. Jedenfalls wollte er dieses gute alte Fossil hinauf nach Birmingham befördern. Soviel ist völlig klar. Ich war nahe daran, dem Alten zu sagen, daß er sich offensichtlich für nichts und wieder nichts auf die Reise begibt; aber dann erschien es mir doch vorteilhafter, ihn fahren zu lassen und damit die Bühne freizumachen. Der morgige Tag, Watson – ja, der morgige Tag wird für sich selbst sprechen.«

 

Holmes war früh aus den Federn und verließ beizeiten das Haus. Als er zum Mittagessen zurückkehrte, stellte ich fest, daß sein Gesicht sehr ernst war.

»Die Sache ist bedenklicher, als ich erwartet hatte, Watson«, sagte er. »Ich muß es Ihnen ganz offen sagen – obwohl ich mir darüber im klaren bin, daß Ihnen das nur einen zusätzlichen Anreiz bietet, sich kopfüber in die Gefahr zu stürzen. Ich sollte meinen Watson ja inzwischen kennen. Aber es ist gefährlich, und das sollten Sie wissen.«

»Nun ja, es wäre nicht das erste Mal, daß wir gemeinsam eine Gefahr bestehen, Holmes. Und ich hoffe, es ist auch nicht das letzte Mal. Was ist denn diesmal so besonders gefährlich daran?«

»Wir haben es mit einem überaus harten Brocken zu tun. Ich habe Mr. John Garrideb, Rechtsanwalt, nämlich inzwischen identifiziert. Er ist niemand anders als ›Killer‹ Evans, ein Mann mit dem finsteren Ruf eines Mörders.«

»Ich fürchte, ich bin noch genauso schlau wie zuvor.«

»Ah, es gehört ja auch nicht zu Ihrem Beruf, eine handliche Ausgabe des Newgate Calendar64 im Gedächtnis herumzutragen. Ich war eben im Yard und habe Freund Lestrade aufgesucht. Den Leuten dort mag es zwar gelegentlich an Phantasie und Intuition fehlen; aber in puncto Gründlichkeit und Methodik sind sie in der Welt führend. Mir schwante bereits, daß wir in ihrem Archiv unserem amerikanischen Freund auf die Spur kommen könnten. Und tatsächlich, sein feistes Antlitz lächelte mir aus dem Verbrecheralbum entgegen. James Winter, alias Morecroft, alias Killer Evans lautete der Eintrag darunter.« Holmes zog einen Umschlag aus der Tasche. »Ich habe mir aus seiner Akte auf die Schnelle ein paar Einzelheiten abgeschrieben. Alter: Vierundvierzig. Geboren in Chicago. Hat nachgewiesenermaßen in den Staaten drei Männer erschossen. Entging dank politischem Einfluß einer Zuchthausstrafe. Kam 1893 nach London. Schoß im Januar 1895 in einem Nachtclub in der Waterloo Road beim Kartenspiel einen Mann nieder. Der Mann starb; aber man wies nach, daß er den Händel vom Zaun gebrochen hatte. Der Tote wurde identifiziert als Rodger Prescott, ein in Chicago berüchtigter Urkundenfälscher und Falschmünzer. Killer Evans 1901 wieder auf freiem Fuß. Steht seitdem unter polizeilicher Überwachung; führt aber, soweit bekannt, inzwischen einen anständigen Lebenswandel. Sehr gefährlicher Mann, trägt gewöhnlich Waffen auf sich und ist stets bereit, davon Gebrauch zu machen. Das wäre unser Vogel, Watson – alles andere als ein lahmer Vogel, wie Sie zugeben müssen.«

»Aber was führt er denn im Schilde?«

»Nun ja, das beginnt sich allmählich abzuzeichnen. Ich war inzwischen bei der Hausverwaltung. Unser Klient lebt, genau wie er uns erzählt hat, seit fünf Jahren in dieser Wohnung. Davor stand sie ein Jahr lang leer. Der vorangehende Mieter war ein Privatier namens Waldron. Im Büro der Hausverwaltung konnte man sich an Waldrons Erscheinung noch gut erinnern. Er sei damals plötzlich verschwunden und habe nichts mehr von sich hören lassen. Er sei hochgewachsen gewesen, mit einem Bart und sehr dunklen Gesichtszügen. Nun, Prescott – der Bursche, den Killer Evans erschossen hat – war laut Scotland Yard ein hochgewachsener, dunkelhäutiger Mann mit Bart. Als Arbeitshypothese, glaube ich, dürfen wir annehmen, daß Prescott, der amerikanische Verbrecher, früher einmal eben jenes Zimmer bewohnte, das unser unschuldiger Freund heute für sein Museum verwendet. Damit hätten wir also endlich ein Verbindungsglied in der Kette gefunden.«

»Und das nächste Glied?«

»Tja, das müssen wir jetzt suchen.«

Er zog einen Revolver aus der Schublade und reichte ihn mir.

»Ich habe meinen alten Liebling schon eingesteckt. Wir müssen uns wappnen für den Fall, daß unser Freund aus dem Wilden Westen versucht, seinem Spitznamen gerecht zu werden. Ich gebe Ihnen ein Stündchen für eine Siesta, Watson; danach ist es wohl Zeit für unser Ryder-Street-Abenteuer.«

Es war genau vier Uhr, als wir die seltsame Wohnung von Nathan Garrideb erreichten. Mrs. Saunders, die Beschließerin, war eben im Begriff, das Haus zu verlassen; sie trug jedoch keine Bedenken, uns einzulassen, da die Tür mit einem Schnappschloß versehen war und Holmes versprach, vor unserem Weggang nach dem Rechten zu sehen. Kurz danach schloß sich die Haustür, Mrs. Evans Haube schwebte am Erkerfenster vorbei, und wir wußten, daß wir im unteren Stockwerk des Hauses alleine waren. Holmes unterzog die Räumlichkeit einer raschen Überprüfung. In einer dunklen Ecke befand sich ein Schrank, der ein wenig von der Wand abstand. Just hinter diesem verkrochen wir uns schließlich, dieweil Holmes mir flüsternd sein Vorhaben unterbreitete.

»Er wollte unseren liebenswürdigen Freund aus seiner Wohnung schaffen – soviel ist völlig klar; und da der Sammler niemals auszugehen pflegt, bedurfte es einiger Vorarbeit, um diese Absicht in die Tat umzusetzen. Dieses ganze Garrideb-Märchen diente offensichtlich nur diesem einen Zweck. Ich muß zugeben, Watson, das Ganze entbehrt nicht einer gewissen teuflischen Raffinesse – auch wenn ihm der seltsame Name des Mieters eine Möglichkeit eröffnete, wie er sie sich besser wohl kaum erhoffen konnte. Jedenfalls hat er seinen Plan mit bemerkenswerter Gerissenheit ausgeheckt.«

»Aber worauf will er denn hinaus?«

»Tja, um das herauszufinden, sind wir hier. Die Sache hat, soweit ich die Situation überblicken kann, mit unserem Klienten nicht das geringste zu tun. Sie hängt irgendwie mit dem von Evans ermordeten Mann zusammen – dem Mann, der vermutlich einmal sein Bundesgenosse in Sachen Verbrechen war. In diesem Raum gibt es irgendein schuldbeladenes Geheimnis. So jedenfalls lese ich es. Zunächst dachte ich, unser Freund besitzt in seiner Sammlung vielleicht ein Stück, das wertvoller ist, als er glaubt – ein Stück, das die Aufmerksamkeit eines großen Verbrechers verdient. Doch die Tatsache, daß Rodger Prescott unseligen Angedenkens einmal diese Räumlichkeiten bewohnt hat, deutet auf einen tieferen Grund. Tja, Watson; wir können nur noch unsere Seelen in Geduld fassen65 und abwarten, was die Stunde bringen mag.«

Und diese Stunde schlug recht bald. Wir kauerten uns noch dichter in den Schatten, als wir hörten, wie sich die Haustür öffnete und wieder schloß. Dann ertönte das scharfe, metallische Knacken eines Schlüssels, und der Amerikaner stand im Zimmer. Er machte leise die Tür hinter sich zu und blickte aufmerksam in die Runde, um sich zu vergewissern, ob die Luft rein sei. Dann legte er seinen Mantel ab und schritt energisch auf den Tisch in der Mitte zu – wie jemand, der genau weiß, was er zu tun hat und wie er es zu tun hat. Er schob ihn beiseite, riß den viereckigen Teppich, auf dem der Tisch gestanden hatte, vom Boden und rollte ihn vollständig zurück; dann kniete er nieder, zog ein Brecheisen aus der Innentasche und machte sich eifrig am Fußboden zu schaffen. Bald darauf vernahmen wir das Geräusch schleifender Bretter, und einen Augenblick später hatte sich in den Dielen eine quadratische Öffnung gebildet. Killer Evans entfachte ein Streichholz, zündete einen Kerzenstumpf an und verschwand aus unserem Blickfeld.

Damit war zweifellos der Moment für uns gekommen. Zum Zeichen dafür berührte Holmes mein Handgelenk, dann stahlen wir uns gemeinsam hinüber zu der geöffneten Falltür. So sachte wir uns auch bewegten, der alte Fußboden muß unter unsern Füßen geknarrt haben, denn plötzlich tauchte der Kopf unseres Amerikaners, unruhig in die Runde spähend, aus der Öffnung auf. Der Blick verblüffter Wut, mit dem er uns zuerst ansah, milderte sich nach und nach zu einem ziemlich verschämten Grinsen, als er bemerkte, daß auf seinen Kopf zwei Revolver gerichtet waren.

»Sieh mal an!« sagte er kaltschnäuzig, als er nach oben kletterte. »Ich schätze, Sie waren eine Nummer zu groß für mich, Mr. Holmes. Haben mein Spielchen offenbar durchschaut und mich von Anfang an zum Narren gehalten. Ich muß zugeben, Sir, Sie haben mich geschlagen und …«

Im Nu hatte er aus seiner Brusttasche eine Pistole hervorgezaubert und zwei Schüsse abgefeuert. Ich spürte plötzlich ein heißes Brennen, als würde ein rotglühendes Eisen gegen meinen Oberschenkel gepreßt. Es krachte laut, als Holmes’ Revolver auf den Schädel des Mannes niedersauste. Wie im Traum sah ich ihn mit blutüberströmtem Gesicht ausgestreckt auf dem Fußboden liegen, während Holmes ihn nach Waffen durchsuchte. Dann legten sich die sehnigen Arme meines Freundes um mich, und er geleitete mich zu einem Stuhl.

»Sie sind doch nicht verletzt, Watson? Um Gottes, willen, sagen Sie, daß Sie nicht verletzt sind!«

Es war eine Wunde wert – es war viele Wunden wert –, die tiefe Treue und Zuneigung zu erfahren, die hinter dieser kalten Maske lagen. Seine klaren, scharfen Augen trübten sich einen Moment, und die festen Lippen zitterten. Dieses eine und einzige Mal ward ich inne, daß es auch ein großes Herz gab und nicht nur ein großes Hirn. All die Jahre meiner bescheidenen, aber treuen Dienste gipfelten im Augenblick dieser Enthüllung.

»Das ist nicht der Rede wert, Holmes. Es ist bloß ein Kratzer.«

Er hatte inzwischen meine Hose mit seinem Taschenmesser aufgeschlitzt.

»Sie haben recht«, rief er, mit einem ungeheuren Seufzer der Erleichterung, »Es ist tatsächlich nur eine Schramme.« Seine Miene wurde hart wie Stein, als er einen Blick auf unseren Gefangenen warf, der sich eben benommen aufrichtete. »Beim Himmel, Sie haben ebenfalls Glück gehabt. Wenn Sie Watson umgebracht hätten, wären Sie nicht mehr lebend aus diesem Zimmer herausgekommen. Alsdann, Sir, was haben Sie zu Ihrer Verteidigung vorzubringen?«

Nichts hatte er vorzubringen. Er lag nur da und starrte finster vor sich hin. Ich stützte mich auf Holmes’ Arm, und wir schauten gemeinsam in den kleinen Keller hinab, den die geheime Falltür offengelegt hatte. Noch immer erleuchtete ihn die Kerze, die Evans mit hinuntergenommen hatte. Unser Blick fiel auf eine rostige Maschinerie, große Papierrollen, ein Durcheinander von Flaschen und eine Anzahl säuberlich geschichteter Bündel, die ordentlich auf einem schmalen Tisch gestapelt waren.

»Eine Druckerpresse – die Ausrüstung eines Falschmünzers«, sagte Holmes.

»Ja, Sir«, sagte unser Gefangener; er kam langsam und schwankend wieder auf die Beine, um sich dann auf einen Stuhl sinken zu lassen. »Der größte Falschmünzer, den London je erlebt hat. Das ist Prescotts Maschine, und die Bündel auf dem Tisch enthalten zweitausend von Prescotts Banknoten; jede einzelne davon ist einen Hunderter wert und so gut, daß man überall damit durchkommt. Bedienen Sie sich, Gentlemen. Betrachten Sie es als Geschäft und lassen Sie mich laufen.«

Holmes lachte.

»So etwas gehört nicht zu unseren Gepflogenheiten, Mr. Evans. Hierzulande gibt es für Sie ohnehin keinen Schlupfwinkel mehr. Sie haben doch diesen Prescott erschossen, nicht wahr?«

»Ja, Sir; fünf Jahre habe ich dafür bekommen, obwohl er die Pistole zuerst gezogen hat. Fünf Jahre – wo ich doch eigentlich eine Medaille von der Größe eines Suppentellers verdient hätte. Keine Menschenseele kann nämlich einen ›Prescott‹ von einer ›Bank of England‹ unterscheiden, und wenn ich ihn nicht erledigt hätte, wäre London von seinen Banknoten überflutet worden. Ich war der einzige Mensch, der wußte, wo er sie fabriziert. Wundert es Sie da noch, daß ich an dieses Versteck herankommen wollte? Und wundert es Sie, daß ich alles versuchen mußte, um diesen verrückten Trottel von Käfersammler abzuschieben – diesen Kerl mit dem komischen Namen, der sich ausgerechnet auf dem Versteckdeckel breitmachen mußte und nie seine Wohnung verlassen hat? Vielleicht wäre es schlauer gewesen, ihn aus dem Weg zu räumen. Das wäre ein Kinderspiel gewesen; aber ich bin nun mal ein weichherziger Junge, der nicht einfach drauflosschießt, wenn der andere nicht auch eine Waffe hat. Jetzt sagen Sie doch mal, Mr. Holmes, was habe ich eigentlich Unrechtes getan? Ich habe weder diese Anlage hier benutzt noch diesem alten Knochen ein Leid zugefügt. Womit wollen Sie mich denn drankriegen?«

»Lediglich mit einem Mordversuch, soweit ich es überblicken kann«, sagte Holmes. »Aber dafür sind wir nicht zuständig. Damit befaßt sich erst die nächste Instanz. Wir hatten es momentan nur auf Ihre reizende Person abgesehen. Rufen Sie bitte den Yard an, Watson. Die Nachricht wird dort nicht ganz unerwartet kommen.«

Das also waren die Fakten im Zusammenhang mit Killer Evans und seiner bemerkenswerten Erfindung der drei Garridebs. Später erfuhren wir dann, daß unser armer alter Freund den Schock seiner zunichte gemachten Träume nie überwunden hat. Als sein Luftschloß zusammenbrach, begrub es ihn unter den Trümmern. Dem Vernehmen nach hielt er sich zuletzt in einer Pflegeanstalt in Brixton auf. Für den Yard war es ein freudiger Tag, als man die Prescott-Ausrüstung entdeckte, denn man wußte zwar, daß sie existierte, war aber nach dem Tod des Fälschers nicht in der Lage, ihr Versteck ausfindig zu machen. Evans hatte den Beamten in der Tat einen großen Dienst erwiesen und etlichen der würdigen Herren vom C.I.D.66 wieder zu einem besseren Schlaf verholfen; als öffentliche Gefahr stellt der Falschmünzer nämlich eine Klasse für sich dar. Sie hätten dem Verbrecher jene Suppenteller-Medaille, von der er gesprochen hatte, wohl gerne bewilligt; doch ein Richter, der Evans’ Verdienste nicht zu würdigen wußte, vertrat einen weniger günstigen Standpunkt, und der Killer kehrte in jenes Schattenreich zurück, aus dem er erst kurz zuvor aufgetaucht war.