DerNarrLiest

Sherlock Holmes & Die Thor Brücke (Fall 55)

June 18, 2021 HofnarrGiaccomo Season 2021 Episode 176
DerNarrLiest
Sherlock Holmes & Die Thor Brücke (Fall 55)
Show Notes Transcript

HofnarrGiaccomo liest den urheberrechtsfreien Klassiker
Eine spannende Sherlock Holmes Kriminalgeschichte
von  ARTHUR CONAN DOYLE - "Die Thor Brücke"  (Fall 55)

Der Fall erschien in Deutschland auch unter den Titeln

Das Rendezvous an der Brücke
Der Fall Thor-Brücke

 Inhalt:
Neil Gibson, Goldkönig und ehemaliger Senator in einem der Weststaaten der USA, beauftragt Sherlock Holmes, den Mörder seiner Frau Maria zu finden. Das will er aber nur, um die Gouvernante seiner Kinder, Grace Dunbar, zu entlasten. Holmes zwingt Gibson, sein Interesse an Dunbar und sein Missfallen an seiner Frau offen darzulegen.

Maria Gibson wurde, in ihrem eigenen Blut liegend, an der Thor-Brücke mit einer Kugel in ihrem Kopf und einer Nachricht des Kindermädchens in ihrer Hand aufgefunden. Die Nachricht zeigte das Einverständnis Dunbars, sich mit Mrs. Gibson an der Thor-Brücke zu treffen. Eine vor kurzem entladene Pistole mit einem abgefeuerten Schuss wird in der Garderobe Dunbars gefunden. Holmes willigt ein, die Situation zu untersuchen, obwohl die Beweise so stichhaltig sind.

Gleich zu Beginn untersucht Holmes einige eher seltsame den Fall betreffende Tatsachen. Wie konnte Miss Dunbar so ruhig und rational den Mord geplant und ausgeführt haben, um dann die Mordwaffe achtlos in ihrer Garderobe zu entsorgen? Was hat es mit der seltsamen Beschädigung an der Unterseite der Steinbalustrade der Thor-Brücke auf sich? Wieso hielt Mrs. Gibson die Nachricht von Miss Dunbar so krampfhaft in der Hand, als sie starb? Wenn die Mordwaffe eine von zwei identischen Waffen war, warum konnte dann die die zweite nicht in Mr. Gibsons Sammlung gefunden werden?

 Holmes benutzt seine gewöhnliche und doch brillante Kraft der Deduktion, um diesen Fall zu lösen und er demonstriert den Tathergang sogar, indem er auf geniale Art und Weise Watsons Revolver dazu verwendet.


Das Buch (und viele andere Klassiker) könnt ihr übrigens alle kostenlos bei Amazon mit Kindle der gratis Kindle-App oder im Browser lesen direkt unter AMAZON.DE (https://amzn.to/3e0ev2W)
Oder einfach im YouTube Kanal mitlesen!
Or read along in my YouTube Channel.
Jedes Feedback ist willkommen...Every feedback ist appreciated.
Und danke für den Support! Thanx for the support!
Support my work

Alles zum lesenden Narren auf meiner
Homepage
Meine Stimmen für dein Buch, deine Geschichte, deinen Text?
[email protected]

Support the show (https://www.tipeeestream.com/hofnarrgiaccomo/donation)

 Arthur Conan Doyle - Sherlock Holmes
(Lies bei YouTube mit) https://youtu.be/Ie59dzWmbVE

„Die Thor Brücke“ (Fall 55)
(ganzes Buch gratis bei AMAZON.DE)   https://amzn.to/3e0ev2W

 Irgendwo in den Gewölben der Bank von Cox & Co. am Charing Cross liegt ein reisemüder und verbeulter blecherner Depeschenbehälter, auf dessen Deckel mein Name geschrieben steht: John H. Watson, M.D.67, ehemaliger Angehöriger der indischen Armee68. Dieser Behälter ist vollgestopft mit Papieren, die fast nur aus Aufzeichnungen von Fällen bestehen zur Veranschaulichung der merkwürdigen Probleme, die Mr. Sherlock Holmes zu verschiedenen Zeiten zu untersuchen hatte. Einige davon (und mitnichten die uninteressantesten) waren komplette Fehlschläge; und als solche haben sie wohl kaum Anspruch darauf, erzählt zu werden, da keine abschließende Erklärung vorliegt. Den Forscher mag ein ungelöstes Problem interessieren, doch den Gelegenheitsleser wird es gewiß nur verdrießen. Unter diesen unvollendeten Geschichten befindet sich die von Mr. James Phillimore, der in sein Haus zurückging, um seinen Regenschirm zu holen – und dann nie wieder gesehen ward. Nicht minder bemerkenswert ist die des Kutters Alicia, der eines Frühlingsmorgens in eine kleine Nebelbank segelte, von wo er nicht mehr auftauchte; weder vom Kutter noch von seiner Besatzung hat man je wieder etwas gehört. Ein dritter beachtenswerter Fall wäre der von Isadora Persano, dem bekannten Journalisten und Duellanten, den man vollkommen irrsinnig auffand: Vor ihm lag eine Streichholzschachtel, die einen ungewöhnlichen Wurm beherbergte, welcher der Wissenschaft angeblich unbekannt ist. Abgesehen von diesen unaufgeklärten Fällen gibt es noch einige, die interne Familienangelegenheiten betreffen – und zwar dergestalt, daß allein schon der Gedanke an ihre Drucklegung in manchen erlauchten Kreisen Bestürzung auslösen würde. Ich brauche wohl nicht zu betonen, daß ein solcher Vertrauensbruch undenkbar ist und daß nun, da mein Freund Zeit hat, seine Energie daran zu wenden, diese Aufzeichnungen ausgesondert und vernichtet werden. Freilich bleibt dann immer noch ein beachtlicher Rest von mehr oder minder interessanten Fällen übrig, die ich längst herausgegeben hätte, wäre ich nicht in Sorge gewesen, das Publikum zu überfüttern – was dem guten Ruf des Mannes, den ich über alles verehre, gewiß entgegengewirkt hätte. An einigen nahm ich selbst teil und kann als Augenzeuge sprechen; wohingegen ich bei den übrigen entweder nicht dabei war oder nur eine so kleine Rolle spielte, daß sie gleichsam von einer dritten Person erzählt werden müßten. Der folgende Bericht stützt sich allerdings auf meine eigenen Erlebnisse.

An einem stürmischen Oktobermorgen beobachtete ich beim Ankleiden, wie die letzten Blätter der einsamen Platane, die den Hof hinter unserem Haus ziert, davongewirbelt wurden. Dann ging ich hinab, um zu frühstücken – in der Erwartung, meinen Gefährten in niedergeschlagener Stimmung anzutreffen; denn wie alle großen Künstler ließ er sich leicht durch seine Umgebung beeindrucken. Doch im Gegenteil: Ich stellte fest, daß er seine Mahlzeit fast schon beendet hatte und besonders glänzender und vergnügter Laune war, der sich freilich jene etwas unheimliche Fröhlichkeit beimischte, die für seine lichteren Momente charakteristisch war.

»Sie haben einen Fall, Holmes?« bemerkte ich.

»Die Gabe des Deduzierens ist zweifellos ansteckend, Watson«, erwiderte er. »Das hat Ihnen ermöglicht, hinter mein Geheimnis zu kommen. Ja, ich habe einen Fall. Nach einem Monat der Trivialitäten und des Stillstands drehen sich die Räder wieder einmal.«

»Darf ich daran teilnehmen?«

»Da gibt es nicht viel teilzunehmen; aber das können wir besprechen, sobald Sie die beiden hartgekochten Eier vertilgt haben, mit denen unsere neue Köchin uns beglückt hat. Die Beschaffenheit dieser Eier mag durchaus mit dem Exemplar des Family Herald zusammenhängen, das ich gestern auf dem Flurtisch bemerkt habe. Selbst eine so triviale Sache wie das Kochen eines Eis erfordert nämlich eine gewisse Aufmerksamkeit für das Verstreichen der Zeit und verträgt sich infolgedessen nicht mit dem Liebesroman in jenem vorzüglichen Magazin.«

Eine Viertelstunde später war der Tisch abgeräumt, und wir saßen einander gegenüber. Er hatte einen Brief aus der Tasche gezogen.

»Sie haben doch schon von Neil Gibson, dem Goldkönig, gehört?« sagte er.

»Sie meinen den amerikanischen Senator?«

»Nun ja, er war früher einmal Senator in einem der Weststaaten; aber besser bekannt ist er als der größte Goldminenmagnat der Welt.«

»Ja, ich habe von ihm gehört. Er lebt doch schon eine ganze Weile in England. Sein Name ist sehr bekannt.«

»Ganz recht; er hat vor ungefähr fünf Jahren ein beträchtliches Anwesen in Hampshire gekauft. Möglicherweise ist Ihnen auch schon etwas über den tragischen Tod seiner Frau zu Ohren gekommen?«

»Natürlich. Jetzt erinnere ich mich. Deswegen ist der Name ja bekannt. Mit den Einzelheiten bin ich allerdings nicht vertraut.«

Holmes wies mit der Hand auf einige Zeitungen auf einem Stuhl. »Ich hatte keine Ahnung, daß ich es einmal mit diesem Fall zu tun haben würde; sonst hätte ich meine Ausschnitte längst bei der Hand«, sagte er. »Tatsache ist, daß der Fall, bei aller Sensationsmacherei, keinerlei besondere Probleme aufzuwerfen schien. Die interessante Persönlichkeit der Angeklagten vermag die Klarheit der Beweislage nicht zu beeinträchtigen. Diese Ansicht vertrat man seitens der Leichenschau-Kommission69 und auch bei der polizeigerichtlichen Verhandlung70. Inzwischen wurde der Fall dem Schwurgericht in Winchester überantwortet. Ich fürchte, das Ganze ist ein undankbares Geschäft. Ich kann Tatsachen aufdecken, Watson, aber ich kann sie nicht ändern. Wenn nicht irgendwelche völlig neuen und unerwarteten Fakten ans Licht kommen, sehe ich nicht, worauf mein Klient noch hoffen könnte.«

»Ihr Klient?«

»Ach so, ich vergesse ja ganz, daß ich Ihnen noch gar nichts davon erzählt habe. Ich nehme schon Ihre verwirrende Gewohnheit an, Watson, eine Geschichte von hinten aufzuzäumen. Am besten, Sie lesen zunächst einmal das hier.«

Der Brief, den er mir reichte, war in einer kühnen, gebieterischen Handschrift geschrieben und lautete wie folgt:

 

CLARIDGE’S HOTEL, 3. Oktober

LIEBER MR. SHERLOCK HOLMES, –

ich kann nicht tatenlos mit ansehen, wie die beste Frau, die Gott je geschaffen hat, in den Tod geht. Erklären kann ich die Geschichte nicht – ich bringe nicht einmal den Versuch zu einer Erklärung zustande; aber ich weiß ohne jeden Zweifel, daß Miss Dunbar unschuldig ist. Die Umstände sind Ihnen bekannt – wer kennt sie nicht? Es wird ja längst im ganzen Land darüber geklatscht. Und nicht eine einzige Stimme hat sich je für sie erhoben. Die verdammte Ungerechtigkeit von alledem macht mich verrückt. Diese Frau besitzt ein Herz, das ihr nicht mal erlauben würde, eine Fliege zu töten. Also, ich komme morgen um elf; dann werde ich ja sehen, ob Sie in diesem Dunkel einen Lichtstrahl entdecken können. Vielleicht habe ich einen Anhaltspunkt und weiß gar nichts davon. Jedenfalls steht Ihnen alles, was ich weiß, besitze und bin, zur Verfügung – wenn Sie sie nur retten können. Sollten Sie je im Leben Ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen, dann jetzt, bei diesem Fall.

Hochachtungsvoll,

J. NEIL GIBSON.

 

»Nun sind Sie im Bilde«, sagte Sherlock Holmes; er klopfte die Asche aus seiner Nach-Frühstückspfeife und stopfte sie gemächlich wieder. »Das ist der Gentleman, den ich erwarte. Was die Geschichte selbst betrifft, so werden Sie wohl kaum Zeit haben, all diese Zeitungen hier zu bewältigen; daher muß ich Ihnen mit einer Kurzfassung der Geschehnisse aufwarten, damit Sie einen sinnvollen Einblick in die Vorgänge haben. Dieser Mann stellt die größte Finanzmacht der Welt dar und ist, wie ich höre, von überaus brutalem und furchterregendem Wesen. Er war verheiratet, und von seiner Frau – dem Opfer dieser Tragödie – weiß ich nur, daß sie ihre Blütezeit schon hinter sich hatte; was sich um so unglücklicher traf, als die Gouvernante, die die Erziehung der beiden jungen Kinder beaufsichtigte, sehr attraktiv ist. Das also sind die drei beteiligten Personen; den Schauplatz stellt ein prachtvolles altes Manor House dar, Zentrum eines historischen englischen Landsitzes. Nun zur Tragödie selbst. Die Ehefrau wurde fast eine halbe Meile vom Haus entfernt spät nachts in den Parkanlagen aufgefunden; sie hatte ein Abendkleid an und trug um die Schultern einen Schal; in ihrem Kopf steckte eine Revolverkugel. Man fand allerdings keine Waffe in ihrer Nähe, und in bezug auf den Mord gab es am Tatort keinerlei Anhaltspunkte. Keine Waffe in ihrer Nähe, Watson – merken Sie sich das! Anscheinend wurde das Verbrechen spät abends verübt; ein Wildhüter hat die Leiche gegen elf Uhr entdeckt; dann wurde sie von der Polizei und einem Arzt untersucht, bevor man sie ins Haus hinaufschaffte. Ist das allzu kurz gefaßt, oder können Sie der Geschichte noch klar folgen?«

»Es ist alles sehr klar. Aber weshalb wird die Gouvernante verdächtigt?«

»Tja, in erster Linie existiert da ein sehr unzweideutiges Beweisstück: Ein Revolver wurde gefunden, aus dem man eine Patrone abgefeuert hatte und dessen Kaliber mit dem der tödlichen Kugel übereinstimmt, und zwar auf dem Boden ihres Kleiderschrankes.« Seine Augen wurden starr, und er wiederholte gedehnt: »Auf – dem – Boden – ihres – Kleiderschrankes.« Dann versank er in Schweigen, und ich bemerkte, daß sich soeben ein Gedankengang in Bewegung gesetzt hatte; es wäre töricht gewesen, ihn dabei zu unterbrechen. Mit einem plötzlichen Ruck tauchte er auf und war wieder frisch und lebendig. »Ja, Watson, er wurde gefunden. Ganz schön belastend, wie? So dachten jedenfalls die beiden Jurys. Außerdem hatte die Tote einen Brief bei sich, der eine Verabredung just am Tatort anzeigte; er war unterzeichnet von der Gouvernante. Wie finden Sie das? Schließlich wäre da noch das Motiv. Senator Gibson ist eine attraktive Persönlichkeit. Wenn seine Frau stirbt – wer hat dann größere Aussicht auf ihre Nachfolge als die junge Lady? Ihr Brotherr hatte ihr, nach allem, was man so hört, bereits aufs nachdrücklichste den Hof gemacht. Liebe, ein Vermögen, Macht – all das hing vom Leben einer Frau in mittleren Jahren ab. Garstig, Watson – äußerst garstig!«

»Ja, allerdings, Holmes.«

»Überdies konnte sie kein Alibi vorweisen. Im Gegenteil, sie mußte zugeben, daß sie sich unten, in der Nähe der Thor-Brücke – das war der Schauplatz der Tragödie –, aufgehalten hat, und zwar um die besagte Stunde. Sie konnte es auch gar nicht ableugnen; ein Dorfbewohner hatte sie nämlich im Vorbeigehen dort gesehen.«

»Da ist ja wohl wirklich nichts mehr zu machen.«

»Und dennoch, Watson – dennoch! Diese Brücke – eine eingespannte breite Bogenbrücke aus Stein mit Balustraden – führt über die schmälste Stelle eines langen, tiefen, schilfumgürteten Gewässers. Es wird Thor-See genannt. Die Tote lag am Brückenaufgang. Das also wären die hauptsächlichen Fakten. Aber hier ist unser Klient ja schon, wenn ich mich nicht irre; er kommt allerdings viel zu früh.«

Billy hatte die Tür geöffnet, doch der von ihm angekündigte Name entsprach nicht dem, den wir erwartet hatten. Mr. Marlow Bates kannten wir beide nicht. Er war ein dünnes, nervöses, zerbrechliches Männchen mit angsterfüllten Augen und ruckartigen, zögernden Bewegungen – ein Mann, der sich nach meiner Diagnose am Rande eines totalen Nervenzusammenbruchs befand.

»Sie sind wohl etwas aufgeregt, Mr. Bates«, sagte Holmes. »Nehmen Sie doch bitte Platz. Ich fürchte, ich habe nur wenig Zeit für Sie; um elf bin ich nämlich verabredet.«

»Ich weiß«, keuchte unser Besucher; er stieß kurze Sätze hervor – als sei er außer Atem. »Mr. Gibson ist schon im Anmarsch. Mr. Gibson ist mein Dienstherr. Ich bin sein Gutsverwalter. Mr. Holmes, er ist ein Schurke – ein teuflischer Schurke.«

»Starke Worte, Mr. Bates.«

»Ich muß es grell darstellen, Mr. Holmes, weil die Zeit so begrenzt ist. Er darf mich unter gar keinen Umständen hier antreffen. Jetzt müßte er eigentlich bald da sein. Aber so, wie die Dinge lagen, konnte ich nicht früher kommen. Sein Sekretär, Mr. Ferguson, hat mir erst heute früh von seiner Verabredung mit Ihnen erzählt.«

»Und Sie sind also sein Verwalter?«

»Ich habe ihm bereits gekündigt. In ein paar Wochen werde ich das Joch seiner verfluchten Sklaverei abgeschüttelt haben. Ein hartherziger Mann, Mr. Holmes; hartherzig gegen alle, die um ihn sind. Diese wohltätigen Werke in der Öffentlichkeit dienen doch nur als Deckmantel, um seine privaten Schandtaten zu verhüllen. Und sein Hauptopfer war seine Frau. Er war brutal zu ihr – ja, Sir, brutal! Wie sie zu Tode gekommen ist, weiß ich nicht; aber fest steht, daß er ihr das Leben zur Qual gemacht hat. Sie war ein Geschöpf der Tropen – gebürtige Brasilianerin, wie Sie zweifellos wissen.«

»Nein; das war mir entgangen.«

»Tropisch von Geburt und tropisch vom Naturell. Ein Kind der Sonne und der Leidenschaft. Sie hat ihn geliebt, wie nur solche Frauen lieben können; aber als ihre körperlichen Reize verblüht waren – sie sollen einmal beträchtlich gewesen sein –, band ihn nichts mehr an sie. Wir mochten sie alle gern, und sie tat uns leid. Ihn haben wir gehaßt für die Art, wie er seine Frau behandelt hat. Aber er ist schlau und gerissen. Das ist alles, was ich Ihnen zu sagen habe. Nehmen Sie nichts bei ihm für bare Münze. Da steckt mehr dahinter. Jetzt gehe ich wieder. Nein, nein, halten Sie mich nicht auf! Er muß bald da sein.«

Mit einem angstvollen Blick auf die Uhr rannte unser seltsamer Besucher geradewegs zur Tür und verschwand.

»Sieh mal einer an!« sagte Holmes nach einer Schweigepause. »Mr. Gibson scheint ja über einen netten ergebenen Hofstaat zu verfügen. Aber die Warnung ist recht nützlich; jetzt bleibt uns nur noch abzuwarten, bis der Herr persönlich in Erscheinung tritt.«

Pünktlich auf die Minute vernahmen wir auf der Treppe schwere Schritte; dann wurde der berühmte Millionär ins Zimmer geleitet. Als ich ihn mir ansah, verstand ich nicht nur die Angst und Abneigung des Verwalters, sondern auch die Verwünschungen, mit denen ihn so viele berufliche Rivalen überhäuft hatten. Wäre ich Bildhauer und hätte den Wunsch, das Ideal des erfolgreichen Geschäftsmannes darzustellen, des Mannes von eisernen Nerven und dickem Fell, dann würde ich mir Mr. Neil Gibson als Modell nehmen. Seine hochgewachsene, hagere und kantige Gestalt erweckte den Eindruck von Hunger und Habgier. Ein verkehrter Abraham Lincoln mit niederen statt hohen Zielen – das würde vielleicht eine Vorstellung von diesem Mann vermitteln. Sein Gesicht wirkte wie in Granit gemeißelt; es war starr, kantig, unbarmherzig und von tiefen Linien durchfurcht – den Narben so mancher Krise. Kalte graue Augen blickten verschlagen unter buschigen Brauen hervor und musterten uns einen nach dem anderen. Als Holmes meinen Namen erwähnte, verneigte er sich flüchtig; dann zog er mit einer herrisch besitzergreifenden Gebärde einen Stuhl zu meinem Gefährten heran und nahm Platz, wobei seine knochigen Knie beinahe mit Holmes in Berührung kamen.

»Ich möchte gleich vorausschicken, Mr. Holmes«, begann er, »daß Geld in diesem Fall für mich gar keine Rolle spielt. Sie können es anzünden, wenn das dazu beiträgt, Ihnen den Weg zur Wahrheit zu erleuchten. Diese Frau ist unschuldig und muß freigesprochen werden, und es ist Ihre Aufgabe, das zu bewerkstelligen. Nennen Sie mir Ihren Preis!«

»Ich habe meine festen Tarife«, sagte Holmes kalt. »Und daran wird nichts geändert – es sei denn, ich verzichte ganz aufs Honorar.«

»Na schön, wenn Ihnen die Dollars nichts bedeuten, dann denken Sie doch mal an die Reputation. Wenn Sie die Sache deichseln, wird jede Zeitung in England und Amerika für Sie die Reklametrommel rühren. Sie werden der Gesprächsstoff zweier Kontinente sein.«

»Besten Dank, Mr. Gibson; ich glaube nicht, daß ich Reklame nötig habe. Es überrascht Sie vielleicht zu hören, daß ich lieber anonym arbeite und daß mich nur das Problem als solches reizt. Aber wir vergeuden Zeit. Lassen Sie uns zu den Fakten kommen.«

»Ich denke, die hauptsächlichen finden Sie alle in den Presseberichten. Ich weiß nicht, ob ich noch etwas hinzufügen kann, was für Sie hilfreich wäre. Aber falls es irgendwas gibt, was Sie eventuell näher beleuchten wollen – bitte, deswegen bin ich ja hier.«

»Nun ja, da wäre nur ein einziger Punkt.«

»Und welcher?«

»Worin genau bestanden die Beziehungen zwischen Ihnen und Miss Dunbar?«

Der Goldkönig schrak heftig zusammen und erhob sich halb vom Stuhl. Dann verfiel er wieder in seine undurchdringliche Gelassenheit.

»Ich nehme an, Sie haben das Recht – und womöglich auch die Pflicht –, eine solche Frage zu stellen, Mr. Holmes?«

»Einigen wir uns darauf, daß diese Annahme zutrifft«, sagte Holmes.

»Dann darf ich Ihnen versichern, daß unsere Beziehungen ausschließlich und stets von solcher Art waren, wie sie ein Dienstherr zu einer jungen Lady hat, mit der er niemals Umgang pflegte und die er immer nur dann zu Gesicht bekommen hat, wenn sie in Gesellschaft seiner Kinder war.«

Holmes erhob sich vom Stuhl.

»Ich bin ein ziemlich beschäftigter Mann, Mr. Gibson«, sagte er, »und ich habe weder Zeit für noch Geschmack an sinnlosen Gesprächen. Ich wünsche Ihnen einen guten Morgen.«

Unser Besucher hatte sich ebenfalls erhoben, und seine große hagere Gestalt überragte Holmes. Unter den buschigen Brauen funkelte es zornig, und in die bleichen Wangen schoß ein Hauch von Farbe.

»Was zum Teufel meinen Sie damit, Mr. Holmes? Wollen Sie etwa meinen Fall abweisen?«

»Nun ja, Mr. Gibson, zumindest weise ich Sie mal ab. Ich glaubte, mich deutlich ausgedrückt zu haben.«

»Deutlich genug, aber was steckt dahinter? Wollen Sie den Preis in die Höhe treiben, oder haben Sie Angst, die Sache anzupacken, oder was? Ich habe ein Recht auf eine klare Antwort.«

»Tja, das kann schon sein«, sagte Holmes. »Ich will Ihnen eine geben. Zunächst einmal ist dieser Fall wahrhaftig schon kompliziert genug, auch ohne das zusätzliche Hindernis einer Falschinformation.«

»Das soll wohl heißen, daß ich lüge.«

»Je nun, ich habe gerade versucht, es so taktvoll wie möglich auszudrücken; wenn Sie jedoch auf dem Wort bestehen, will ich Ihnen nicht widersprechen.«

Ich fuhr hoch, denn der Gesichtsausdruck des Millionärs war vor Erregung satanisch, und er hatte die große knotige Faust erhoben. Holmes lächelte matt und streckte die Hand nach seiner Pfeife aus.

»Nicht so laut, Mr. Gibson. Ich finde, nach dem Frühstück bringt einen schon die kleinste Auseinandersetzung aus dem Gleichgewicht. Ich schlage vor, Sie machen einen Spaziergang in der Morgenluft und denken in aller Ruhe ein bißchen nach; das wird Ihnen außerordentlich gut tun.«

Der Goldkönig riß sich zusammen und bezwang seine Wut. Ich konnte nicht umhin, ihn zu bewundern; denn dank einer überragenden Selbstbeherrschung hatte sich sein heftig auflodernder Zorn binnen einer Minute in kalte und geringschätzige Gelassenheit verwandelt.

»Na schön, wie Sie wollen. Ich schätze, Sie wissen, wie Sie Ihr Geschäft betreiben müssen. Ich kann Sie nicht zwingen, sich mit dem Fall zu befassen. Sie haben sich heute morgen allerdings keinen Gefallen getan, Mr. Holmes; ich habe nämlich schon stärkere Männer als Sie kleingekriegt. Noch nie ist mir einer in die Quere gekommen, ohne dabei den kürzeren zu ziehen.«

»Das haben schon viele gesagt, und doch bin ich noch hier«, erwiderte Holmes lächelnd. »Nun denn, guten Morgen, Mr. Gibson. Sie müssen noch eine ganze Menge lernen.«

Unser Besucher zog geräuschvoll von hinnen; Holmes rauchte jedoch in unerschütterlicher Ruhe weiter und starrte verträumten Blickes zur Zimmerdecke.

»Nun, was meinen Sie, Watson?« fragte er schließlich.

»Naja, Holmes, wenn ich in Erwägung ziehe, daß dieser Mann sich gewiß jedes Hindernis aus dem Weg zu räumen pflegt und daß seine Frau wohl ein solches Hindernis darstellte und zudem Gegenstand seines Mißfallens war, wie dieser Bates uns so deutlich gesagt hat, dann muß ich zugeben, daß es mir so vorkommt …«

»Ganz recht. Mir ebenfalls.«

»Aber wie waren denn nun seine Beziehungen zu der Gouvernante, und wie sind Sie dahintergekommen?«

»Bluff, Watson, Bluff! Als ich den leidenschaftlichen, unkonventionellen und nicht gerade geschäftsmäßigen Ton seines Briefes mit seinem beherrschten Auftreten verglich, war ziemlich klar, daß dem eine tiefe Empfindung zugrundelag, die sich eher auf die Angeklagte als auf das Opfer konzentrierte. Wenn wir zur Wahrheit gelangen wollen, müssen wir die genauen Beziehungen zwischen diesen drei Personen ergründen. Sie haben meinen Frontalangriff auf ihn ja mitbekommen und gesehen, mit welcher Unerschütterlichkeit er ihn aufnahm. Also habe ich ihn geblufft, indem ich ihm den Eindruck vermittelte, ich sei vollkommen im Bilde – während ich in Wirklichkeit nur einen sehr starken Verdacht hegte.«

»Ob er wohl wieder zurückkommt?«

»Ganz bestimmt. Er muß zurückkommen. So, wie die Sache jetzt steht, kann er sie nicht auf sich beruhen lassen. Ha! Klingelt es da nicht schon? Jawohl, das sind seine Schritte. Na also, Mr. Gibson; gerade sagte ich zu Dr. Watson, daß Sie bereits ein wenig überfällig sind.«

Der Goldkönig hatte wieder das Zimmer betreten, in gemäßigterer Stimmung denn bei seinem Abgang. Sein ärgerlicher Blick verriet zwar noch immer verletzten Stolz; doch sein gesunder Menschenverstand hatte ihm wohl klargemacht, daß er nachgeben mußte, wenn er sein Ziel erreichen wollte.

»Ich habe mir die Geschichte noch mal durch den Kopf gehen lassen, Mr. Holmes, und habe das Gefühl, daß es voreilig war, Ihre Bemerkungen krummzunehmen. Sie haben ein Recht darauf, den Tatsachen auf den Grund zu gehen, ganz gleich, worum es sich handelt, und ich muß Sie für Ihre Gründlichkeit nur um so höher schätzen. Aber ich kann Ihnen versichern, daß die Beziehungen zwischen Miss Dunbar und mir wirklich nichts mit diesem Fall zu tun haben.«

»Das zu entscheiden, liegt doch eigentlich bei mir, oder?«

»Ja, ich schätze, Sie haben recht. Sie kommen mir vor wie ein Arzt, der alle Symptome wissen will, bevor er seine Diagnose stellt.«

»Genau. So könnte man es ausdrücken. Und nur ein Patient, der seinen Arzt absichtlich hinters Licht führen will, würde die Tatsachen seines Falles verschweigen.«

»Mag sein; aber Sie müssen doch zugeben, Mr. Holmes, daß die meisten Männer ein bißchen zurückscheuen würden, wenn man sie auf den Kopf zu fragt, in welcher Beziehung sie zu einer bestimmten Frau stehen – vorausgesetzt, es sind dabei ernsthafte Gefühle im Spiel. Ich schätze, die meisten Menschen haben in irgendeinem Winkel ihres Herzens ein kleines privates Reservat, in das sie nur ungern jemand eindringen lassen. Und Sie platzen da nun so auf einmal hinein. Aber der Zweck entschuldigt Sie; schließlich geht es um den Versuch, sie zu retten. Alsdann, der Zaun liegt am Boden, das Reservat steht offen, und Sie können nach Belieben darin forschen. Was wollen Sie wissen?«

»Die Wahrheit.«

Der Goldkönig hielt einen Moment inne – als ordne er seine Gedanken. Sein grimmiges, tief zerfurchtes Gesicht war inzwischen noch trauriger und ernster geworden.

»Dazu bedarf es nicht sehr vieler Worte, Mr. Holmes«, sagte er schließlich. »Einiges ist allerdings sowohl peinlich als auch schwer zu erklären; deshalb will ich nicht tiefer eindringen als nötig. Ich habe meine Frau als Goldsucher in Brasilien kennengelernt. Maria Pinto war die Tochter eines Regierungsbeamten in Manáus und außerdem sehr schön. Ich war damals noch jung und ungestüm; aber selbst heute, wo ich mit kühlerem Blut und kritischerem Auge zurückblicke, muß ich feststellen, daß sie von einer außergewöhnlichen und wundervollen Schönheit war. Dazu kam ein tiefgründendes, reiches Innenleben, sie war leidenschaftlich, rückhaltlos, tropisch, sprunghaft – ganz anders als die amerikanischen Frauen, die ich bis dahin gekannt hatte. Also kurz und gut, ich liebte sie und habe sie geheiratet. Erst als der romantische Zauber verflogen war – und er hielt jahrelang an –, merkte ich, daß wir nichts, aber auch gar nichts gemeinsam hatten. Meine Liebe schwand dahin. Wenn die ihrige ebenfalls nachgelassen hätte, wäre alles einfacher gewesen. Aber Frauen haben bekanntlich erstaunliche Eigenarten. Ich konnte anstellen, was ich wollte – nichts brachte sie von mir ab. Wenn ich mal grob zu ihr war – vielleicht sogar brutal, wie schon behauptet wurde –, dann deshalb, weil ich wußte, daß für uns beide alles leichter wäre, wenn es mir gelänge, ihre Liebe abzutöten, oder wenn diese Liebe sich in Haß verwandelte. Aber ihre Gefühle blieben dieselben. Sie hat mich hier in den englischen Wäldern genauso angebetet wie vor zwanzig Jahren an den Ufern des Amazonas. Ich konnte anstellen, was ich wollte – sie hing an mir wie eh und je.

Dann kam Miss Grace Dunbar. Sie hatte auf unsere Annonce geantwortet und wurde die Gouvernante unserer beiden Kinder. Vielleicht haben Sie ihr Bild schon in den Zeitungen gesehen. Alle Welt hat ja bereits verkündet, daß auch sie eine sehr schöne Frau ist. Nun, ich erhebe keinen Anspruch darauf, moralischer als meine Mitmenschen zu sein; ich muß zugeben, daß ich mit einer solchen Frau nicht unter demselben Dach und in täglichem Kontakt leben konnte, ohne leidenschaftliche Empfindungen für sie zu hegen. Wollen Sie mir deswegen einen Vorwurf machen, Mr. Holmes?«

»Nicht wegen Ihrer Empfindungen. Ich würde Ihnen nur dann einen Vorwurf machen, wenn Sie sie gezeigt hätten, da ja diese junge Lady gewissermaßen unter Ihrem Schutz stand.«

»Naja, mag sein«, sagte der Millionär; der Tadel hatte jedoch einen Moment lang wieder den alten Zorn in seinen Augen aufflackern lassen. »Ich will mich nicht besser machen, als ich bin. Ich schätze, ich bin ein Mann, der sein ganzes Leben lang nach dem gegriffen hat, was er sich wünschte; und noch nie habe ich mir irgend etwas mehr gewünscht, als von dieser Frau geliebt zu werden und sie zu besitzen. Und das habe ich ihr auch gesagt.«

»Aha, also doch!«

Holmes konnte sehr furchterregend dreinschauen, wenn ihn etwas aufregte.

»Ich habe ihr gesagt, daß ich sie heiraten würde, wenn ich könnte; aber das stände nicht in meiner Macht. Und ich habe gesagt, daß Geld keine Rolle spielt und daß ich alles mir Mögliche tun will, um sie glücklich und zufrieden zu machen.«

»Sehr großzügig, in der Tat«, sagte Holmes mit spöttischem Lächeln.

»Hören Sie, Mr. Holmes. Ich bin zu Ihnen gekommen, weil ich Beweise brauche, nicht Moralpredigten. Ich lege keinen Wert auf Ihre Kritik.«

»Ich befasse mich ausschließlich der jungen Lady zuliebe mit Ihrem Fall«, sagte Holmes streng. »Kein einziger Anklagepunkt, den man gegen sie vorbringt, dürfte wohl schlimmer sein als das, was Sie soeben zugegeben haben: Daß Sie nämlich ein wehrloses Mädchen, das unter Ihrem Dach gelebt hat, zu ruinieren versuchten. Einigen von euch Reichen muß man noch beibringen, daß sich nicht die ganze Welt dazu bestechen läßt, eure Untaten stillschweigend zu übergehen.«

Zu meiner Überraschung nahm der Goldkönig diesen Vorwurf mit Gleichmut hin.

»Heute sehe ich es ja auch so. Gott sei Dank haben meine Pläne nicht so funktioniert, wie ich es mir vorgestellt hatte. Sie wollte nämlich nichts davon wissen und sofort das Haus verlassen.«

»Warum hat sie es nicht getan?«

»Naja, zunächst einmal gab es andere, die von ihr abhängig waren, und es wäre ihr nicht leichtgefallen, auf ihren Lebensunterhalt zu verzichten und sie dadurch alle im Stich zu lassen. Erst als ich geschworen hatte, sie nie wieder zu belästigen, erklärte sie sich bereit zu bleiben. Aber es gab noch einen weiteren Grund. Sie kannte ihren Einfluß auf mich – und wußte, daß er stärker war als jeder andere auf der Welt. Sie wollte ihn dazu benutzen, Gutes zu tun.«

»Wie das?«

»Je nun, sie hatte ein wenig Einblick in meine Geschäfte. Es handelt sich um weitreichende Geschäfte, Mr. Holmes – und sie reichen weit über die Vorstellungskraft eines Normalmenschen hinaus. Ich spiele Schicksal – im Guten und öfter noch im Bösen. Das betrifft nicht nur einzelne Menschen. Das betrifft Gemeinden, Städte – ja, sogar Nationen. Geschäftemachen ist ein unerbittliches Spiel, und Schwächlinge werden dabei an die Wand gedrückt. Ich habe dieses Spiel auf Teufel komm raus betrieben. Ich habe nie gejammert und mich auch nie darum gekümmert, wenn mein Gegenüber gejammert hat. Aber sie sah die Dinge anders. Und ich schätze, sie hatte recht. Sie glaubte und behauptete nämlich, daß ein Vermögen, das größer ist, als was ein einzelner überhaupt braucht, sich nicht auf zehntausend ruinierte Menschen gründen darf, die mittellos auf der Strecke bleiben. So jedenfalls sah sie die Dinge, und ich schätze, für sie gab es jenseits der Dollars noch etwas Dauerhafteres. Als sie gemerkt hat, daß ich ihre Worte beachtete, glaubte sie, mein Handeln beeinflussen zu können und damit der Welt einen Dienst zu erweisen. Deswegen ist sie geblieben – und dann passierte diese Geschichte.«

»Könnten Sie darauf vielleicht ein Licht werfen?«

Der Goldkönig hielt eine Minute oder länger inne; er saß in tiefen Gedanken verloren da und hielt den Kopf in die Hände gesenkt.

»Es sieht sehr düster für sie aus. Das will ich gar nicht leugnen. Frauen führen ein Innenleben und tun manchmal Dinge, die ein Mann nicht begreift. Zuerst war ich so durcheinander und perplex, daß ich beinahe geglaubt hätte, daß sie sich zu einer Tat hat hinreißen lassen, die ihrem Wesen total zuwiderlief. Aber dann ist mir eine andere Erklärung eingefallen. Ich gebe sie Ihnen, Mr. Holmes – ganz gleich, ob sie was taugt. Meine Frau war ohne Zweifel furchtbar eifersüchtig. Eifersucht auf Seelisches kann ja genauso rasend sein wie Eifersucht auf Körperliches; und obwohl meine Frau für letztere – was sie vermutlich auch wußte – gar keinen Grund hatte, hat sie doch gemerkt, daß dieses englische Mädchen auf mein Denken und Handeln einen Einfluß ausübte, den sie selbst niemals besessen hatte. Es war zwar ein Einfluß zum Guten; aber das machte die Sache nicht besser. Sie war verrückt vor Haß – die Hitze des Amazonas lag ihr ja immer im Blut. Es wäre also durchaus möglich, daß sie Miss Dunbar umbringen, oder sagen wir: mit einem Revolver bedrohen wollte, um ihr solche Angst einzujagen, daß sie uns verläßt. Und dabei kam es vielleicht zu einem Handgemenge; der Revolver ging los, und der Schuß traf die Frau, die ihn in der Hand hielt.«

»Diese Möglichkeit habe ich auch schon erwogen«, sagte Holmes. »Sie stellt in der Tat die einzige einleuchtende Alternative zu einem vorsätzlichen Mord dar.«

»Aber sie streitet sie vollkommen ab.«

»Je nun, das will noch nichts besagen, oder? Es wäre doch denkbar, daß eine Frau in einer so scheußlichen Lage nach Hause eilt und in ihrer Verwirrung dabei den Revolver in der Hand behält. Dann wirft sie ihn unter ihre Kleider, ohne recht zu wissen, was sie tut; und nachdem man ihn entdeckt hat, versucht sie sich herauszulügen, indem sie alles abstreitet – jede Erklärung würde sich nämlich als unhaltbar erweisen. Was spräche gegen diese Hypothese?«

»Miss Dunbar selbst.«

»Nun ja, vielleicht.«

Holmes warf einen Blick auf seine Uhr. »Ich bin sicher, wir bekommen heute morgen noch die nötige Besuchsgenehmigung; dann könnten wir mit dem Abendzug in Winchester eintreffen. Habe ich die junge Lady erst einmal kennengelernt, werde ich Ihnen höchstwahrscheinlich von größerem Nutzen sein; ich kann Ihnen allerdings nicht versprechen, daß meine Schlußfolgerungen notwendigerweise so ausfallen, wie Sie sich das wünschen.«

Das Einholen der behördlichen Genehmigung verursachte eine kleine Verzögerung; und statt noch am nämlichen Tag in Winchester einzutreffen, fuhren wir nach Thor Place, Mr. Neil Gibsons Anwesen in Hampshire. Er selbst begleitete uns nicht; wir besaßen jedoch die Adresse von Sergeant Coventry von der Ortspolizei, der die Sache als erster untersucht hatte. Er war ein hochgewachsener, dünner, leichenblasser Mann von verschwiegenem und geheimnistuerischem Gebaren, welches den Eindruck vermittelte, er wisse und ahne sehr viel mehr, als er zu sagen wagte. Überdies hatte er die Angewohnheit, seine Stimme unversehens zu einem Flüstern zu senken – als sei ihm etwas ungeheuer Wichtiges eingefallen; die Mitteilung pflegte dann allerdings ausgesprochen banal zu sein. Von diesen Manierismen abgesehen, entpuppte er sich jedoch bald als anständiger, rechtschaffener Bursche, der nicht zu stolz war zuzugeben, daß er mit seiner Weisheit am Ende und für jede Hilfe dankbar war.

»Sie sind mir jedenfalls lieber als Scotland Yard, Mr. Holmes«, sagte er. »Wenn man nämlich den Yard zu einem Fall hinzuzieht, dann traut keiner mehr dem Ortspolizisten einen Erfolg zu; und wenn er was falsch macht, ist er womöglich noch der Dumme. Na, Sie spielen ja fair, wie ich gehört habe.«

»Ich brauche dabei überhaupt nicht in Erscheinung zu treten«, sagte Holmes, zur offensichtlichen Erleichterung unseres melancholischen Bekannten. »Falls ich die Sache aufklären sollte, lege, ich keinen Wert auf die Erwähnung meines Namens.«

»Also das ist wirklich sehr nett von Ihnen. Und Ihrem Freund, Dr. Watson, kann man bekanntlich vertrauen. So, Mr. Holmes, wo wir schon auf dem Weg zum Tatort sind, würde ich Ihnen gern eine Frage stellen. Außer Ihnen darf sie allerdings keine Menschenseele zu hören bekommen.« Er sah sich um, als wage er kaum, die Worte über die Lippen zu bringen. »Meinen Sie nicht, daß die Fakten vielleicht auch gegen Mr. Neil Gibson selbst sprechen?«

»Das habe ich auch schon in Betracht gezogen.«

»Sie kennen Miss Dunbar noch nicht. Sie ist eine ganz tolle Frau, in jeder Beziehung. Es wäre doch gut möglich, daß er seine Ehefrau aus dem Weg schaffen wollte. Und diese Amerikaner sind ja mit dem Revolver schneller bei der Hand als unsereiner. Wissen Sie, es war nämlich sein Revolver.«

»Ist das klar erwiesen?«

»Ja, Sir. Er gehört zu einem Paar aus seinem Besitz.«

»Zu einem Paar? Wo ist denn der andere?«

»Naja, der Gentleman besitzt alle möglichen Feuerwaffen. Den Revolver, der genau dazu paßt, haben wir nicht gefunden – aber das Etui ist für zwei gedacht.«

»Wenn er zu einem Paar gehört, müßte sich sein Gegenstück doch eigentlich finden lassen.«

»Tja, falls Sie Lust haben, sich einen Überblick zu verschaffen – wir haben alle Waffen im Haus zurechtgelegt.«

»Vielleicht später. Ich denke, wir gehen jetzt mal zusammen hinunter und sehen uns den Schauplatz der Tragödie an.«

Diese Unterhaltung hatte im kleinen Vorderzimmer von Sergeant Coventrys bescheidenem Häuschen stattgefunden, das als Polizeistation diente. Nach etwa einer halben Meile Weges durch windgepeitschtes Heideland, das von welkendem Farn golden und bronzen schimmerte, gelangten wir an eine Seitenpforte, die uns den Zugang zum Gelände des Thor-Place-Anwesens öffnete. Ein Pfad führte uns durch den Fasanenpark, und von einer Lichtung aus erblickten wir schließlich das weitläufige Fachwerkhaus; halb Tudor und halb georgianisch71, so stand es auf dem Kamm des Hügels. Neben uns dehnte sich ein längliches, schilfreiches Gewässer aus, das sich in der Mitte, wo der Hauptfahrweg über eine Steinbrücke führte, verengte, um dann aber beiderseits zu kleinen Seen anzuschwellen. Unser Führer blieb am Aufgang dieser Brücke stehen und deutete auf den Boden.

»Hier hat Mrs. Gibsons Leiche gelegen. Ich hab die Stelle an dem Stein da markiert.«

»Sie waren also am Tatort, bevor sie entfernt wurde?«

»Ja; man hat sofort nach mir geschickt.«

»Wer?«

»Mr. Gibson selbst. Als Alarm gegeben wurde und er mit den übrigen aus dem Haus stürmte, hat er darauf bestanden, daß nichts von der Stelle bewegt wird, ehe die Polizei da ist.«

»Das war vernünftig. Dem Zeitungsbericht habe ich entnommen, daß der Schuß aus nächster Nähe abgefeuert wurde.«

»Ja, Sir, aus allernächster Nähe.«

»In der Umgebung der rechten Schläfe?«

»Direkt dahinter, Sir.«

»Wie lag die Leiche da?«

»Auf dem Rücken, Sir. Keine Anzeichen eines Kampfes. Keine Spuren. Keine Waffe. Die kurze Nachricht von Miss Dunbar hielt sie krampfhaft in der linken Hand fest.«

»Krampfhaft, sagen Sie?«

»Ja, Sir; wir haben ihre Finger fast nicht auseinander bekommen.«

»Das ist von großer Bedeutung. Es schließt nämlich den Gedanken aus, daß irgend jemand die Nachricht nach Eintritt des Todes dort plaziert hat, um eine falsche Spur zu hinterlassen. Meine Güte! Die Nachricht war, wenn ich mich recht entsinne, wirklich sehr kurz. ›Ich bin um neun Uhr an der Thor-Brücke. – G. Dunbar.‹ Hat sie nicht so gelautet?«

»Ja, Sir.«

»Hat Miss Dunbar zugegeben, daß sie sie geschrieben hat?«

»Ja, Sir.«

»Und wie lautete ihre Erklärung?«

»Sie hat sich ihre Verteidigung für das Schwurgericht vorbehalten. Sie wollte keine Aussage machen.«

»Das ist in der Tat ein höchst interessantes Problem. Die Sache mit dem Brief ist doch sehr undurchsichtig, nicht wahr?«

»Naja, Sir«, sagte unser Führer, »mir schien es die einzige wirklich klare Sache in dem ganzen Fall zu sein, wenn ich mir die kühne Bemerkung erlauben darf.«

Holmes schüttelte den Kopf.

»Angenommen, der Brief ist echt und wurde wirklich geschrieben, dann hat ihn der Empfänger bestimmt schon eine ganze Weile zuvor erhalten – sagen wir: ein oder zwei Stunden. Wieso hielt ihn diese Lady aber dann immer noch fest in der linken Hand? Warum sollte sie ihn so sorgsam bei sich tragen? Bei der Unterredung brauchte sie doch wohl nicht auf ihn zurückzugreifen. Scheint das nicht bemerkenswert?«

»Tja, Sir; so, wie Sie es darstellen – vielleicht schon.«

»Ich glaube, ich sollte mich mal ein paar Minuten hinsetzen und die Sache in aller Ruhe überdenken.« Er ließ sich auf dem steinernen Brückengeländer nieder, und ich bemerkte, wie seine scharfen grauen Augen in alle Richtungen forschende Blicke warfen. Plötzlich sprang er auf, rannte zum Geländer auf der anderen Seite, zog rasch die Lupe hervor und begann das Mauerwerk zu untersuchen.

»Das ist aber seltsam«, sagte er.

»Ja, Sir; das abgebrochene Stück an der Kante haben wir auch schon bemerkt. Vermutlich hat das jemand im Vorbeigehen getan.«

Das Mauerwerk war grau; an dieser einen Stelle zeigte sich jedoch ein weißer Fleck, nicht größer als ein Sixpence. Bei genauerer Überprüfung konnte man erkennen, daß hier etwas abgeplatzt war – wie von einem heftigen Schlag.

»Dazu bedarf es schon ziemlicher Gewalt«, sagte Holmes nachdenklich. Er hieb mehrmals mit seinem Stock auf das Geländer, ohne eine Spur zu hinterlassen. »Ja, das war wohl ein kräftiger Schlag. Und überdies an einer merkwürdigen Stelle. Er erfolgte nicht von oben, sondern von unten; wie Sie sehen, fehlt das Stück nämlich an der unteren Simskante.«

»Aber die Stelle ist doch mindestens fünfzehn Fuß von der Leiche weg.«

»Ja, das ist sie. Möglicherweise hat sie auch gar nichts mit der Sache zu tun; aber bemerkenswert ist dieser Punkt dennoch. So, ich glaube, mehr gibt es hier für uns nicht zu holen. Sie sagen, es waren keine Fußspuren vorhanden?«

»Der Boden ist steinhart, Sir. Es waren überhaupt keine Spuren vorhanden.«

»Dann können wir gehen. Wir wollen zunächst zum Haus hinauf und uns einen Überblick über die von Ihnen erwähnten Waffen verschaffen. Danach fahren wir weiter nach Winchester; bevor wir unsere Untersuchungen fortsetzen, möchte ich nämlich noch Miss Dunbar kennenlernen.«

Mr. Neil Gibson war noch nicht aus der Stadt zurück; doch im Haus begegnete uns der neurotische Mr. Bates, der uns morgens besucht hatte. Mit finsterem Behagen führte er uns die stattliche Reihe von Feuerwaffen der verschiedensten Form und Größe vor, die sein Dienstherr im Laufe seines abenteuerlichen Lebens gesammelt hatte.

»Mr. Gibson hat Feinde; und niemand, der ihn und seine Methoden kennt, wird sich darüber wundern«, sagte er. »Nachts liegt ein geladener Revolver in der Schublade neben seinem Bett. Er ist ein Mann der Gewalt, Sir; manchmal haben wir alle Angst vor ihm. Ich bin sicher, daß die arme verstorbene Lady oft in Furcht und Schrecken gelebt hat.«

»Haben Sie denn einmal mit eigenen Augen gesehen, daß er sie körperlich mißhandelt hat?«

»Nein, das nicht gerade. Aber ich habe Worte mit angehört, die fast genauso schlimm waren – Worte von kalter, schneidender Verachtung –, sogar vor dem Personal.«

»Unser Millionär scheint im Privatleben nicht eben zu glänzen«, bemerkte Holmes, als wir uns auf dem Weg zum Bahnhof befanden. »Tja, Watson, jetzt haben wir eine hübsche Menge Fakten beisammen, darunter ein paar neue; und doch bin ich von meiner Lösung wohl noch ein ganzes Stückchen entfernt. Ausgerechnet von Mr. Bates, der seine Abneigung gegenüber seinem Brotherrn so deutlich zur Schau stellt, mußte ich erfahren, daß sich Mr. Gibson zum Zeitpunkt des Alarms nachweislich in seiner Bibliothek aufgehalten hat. Das Abendessen war um halb neun vorüber, und bis dahin lief alles seinen gewohnten Gang. Der Alarm erfolgte zwar erst ziemlich spät am Abend; aber die Tragödie hat sich zweifellos um die im Brief genannte Stunde herum abgespielt. Es gibt keinerlei Beweise dafür, daß Mr. Gibson nach seiner Rückkehr aus der Stadt, also nach fünf Uhr, noch einmal außer Haus war. Andererseits hat Miss Dunbar, soviel ich weiß, zugegeben, sich mit Mrs. Gibson an der Brücke verabredet zu haben. Darüber hinaus wollte sie keine Aussage machen, da ihr Anwalt ihr geraten hatte, sich die Verteidigung vorzubehalten. Wir müssen dieser jungen Lady einige überaus wichtige Fragen stellen, und das läßt mir keine Ruhe, bis ich sie gesehen habe. Ich muß gestehen, daß der Fall wohl äußerst düster für sie aussähe – wäre da nicht noch eine Kleinigkeit.«

»Und welche, Holmes?«

»Daß man den Revolver in ihrem Kleiderschrank gefunden hat.«

»Du lieber Himmel, Holmes!« rief ich, »gerade das scheint doch das belastendste Indiz zu sein!«

»Keineswegs, Watson. Schon beim ersten oberflächlichen Studium des Falles kam mir dieser Umstand äußerst merkwürdig vor. Und nun, da ich mich näher damit befasse, gründet sich meine einzige Hoffnung darauf. Wir müssen auf Folgerichtigkeit achten. Wo sie fehlt, müssen wir ein Täuschungsmanöver vermuten.«

»Ich kann Ihnen kaum folgen.«

»Je nun, Watson; versetzen Sie sich doch mal einen Moment lang in die Rolle einer Frau, die im Begriff ist, sich ihrer Rivalin auf kaltblütige und vorbedachte Weise zu entledigen. Sie haben die Tat also geplant. Dann schreiben Sie einen Brief. Das Opfer kommt. Sie haben Ihre Waffe dabei und begehen das Verbrechen. Es verläuft perfekt und nach allen Regeln der Kunst. Wollen Sie mir etwa weismachen, daß Sie nach Verübung eines so schlau ausgeheckten Verbrechens Ihre kriminelle Reputation wieder ruinieren würden, indem Sie nicht nur versäumen, Ihre Waffe in das angrenzende und sie für immer verschluckende Schilfbett zu schleudern, sondern sie sogar sorgsam mit nach Hause schleppen und ausgerechnet in Ihren Kleiderschrank legen, also dorthin, wo man zuerst nach ihr suchen würde? Nicht einmal Ihre besten Freunde würden Sie als raffinierten Pläneschmied bezeichnen, Watson; und doch könnte ich mir nicht vorstellen, daß Sie so unbeholfen wären.«

»In der Aufregung des Augenblicks …«

»Nein, nein, Watson; diese Möglichkeit lasse ich nicht gelten. Wo ein Verbrechen kühl vorausgeplant ist, da sind auch die Mittel und Wege zu seiner Vertuschung kühl vorausgeplant. Ich bin daher gewiß, daß wir es mit einem schweren Mißverständnis zu tun haben.«

»Aber da gäbe es noch so viel zu erklären.«

»Na schön, dann fangen wir doch gleich damit an. Sobald wir unseren Standpunkt einmal geändert haben, entpuppt sich genau das, was zuvor so belastend war, als Schlüssel zur Wahrheit. Da wäre zum Beispiel dieser Revolver. Miss Dunbar behauptet, ihn nie gesehen zu haben. Gemäß unserer neuen Theorie spricht sie damit die Wahrheit. Also hat ihn ein anderer in ihren Kleiderschrank gelegt. Und wer? Jemand, der sie in Verdacht bringen wollte. Ist dieser Jemand womöglich der eigentliche Verbrecher? Sie sehen, wie sich unseren Nachforschungen plötzlich ein höchst fruchtbares Betätigungsfeld eröffnet.«

Da die Formalitäten noch immer nicht erledigt waren, mußten wir die Nacht in Winchester verbringen; am nächsten Morgen erhielten wir jedoch die Erlaubnis, in Begleitung von Mr. Joyce Cummings, dem aufstrebenden, mit der Verteidigung betrauten Anwalt, die junge Lady in ihrer Zelle aufzusuchen. Nach allem, was uns bisher zu Ohren gekommen war, hatte ich zwar damit gerechnet, eine schöne Frau zu Gesicht zu bekommen; jedoch der Eindruck, den Miss Dunbar auf mich machte, wird mir für immer unvergeßlich bleiben. Es war kein Wunder, daß selbst der gebieterische Millionär etwas an ihr gefunden hatte, was seine eigene Macht übertraf – etwas, was ihn zu beherrschen und leiten vermochte. Angesichts dieser energischen, scharfgeschnittenen und dennoch zarten Züge spürte man überdies, daß ihr, auch wenn sie zu einer impulsiven Tat imstande sein sollte, ein angeborener Seelenadel eignete, der sie ihren Einfluß stets für das Gute einsetzen ließ. Sie war brünett, hochgewachsen, von edler Gestalt und achtunggebietendem Auftreten; doch in ihren dunklen Augen lag der flehende, hilflose Ausdruck der gejagten Kreatur, die das Netz um sich spürt, aber keinen Fluchtweg aus den Maschen zu entdecken vermag. Aber nun, da sie sich der Anwesenheit und Unterstützung meines berühmten Freundes bewußt war, huschte ein Hauch von Farbe über ihre bleichen Wangen, und in dem Blick, den sie uns zuwandte, begann ein Hoffnungsstrahl aufzuglimmen.

»Vielleicht hat Ihnen Mr. Neil Gibson bereits erzählt, was sich abgespielt hat zwischen ihm und mir?« fragte sie mit leiser, erregter Stimme.

»Ja«, antwortete Holmes; »Sie brauchen auf diesen Teil der Geschichte nicht einzugehen, wenn es Sie quält. Nachdem ich Sie nun gesehen habe, bin ich bereit, Mr. Gibsons Darstellung zu akzeptieren – sowohl was Ihren Einfluß als auch die Unschuld Ihrer Beziehungen zu ihm betrifft. Aber warum haben Sie denn dem Gericht nicht die ganze Situation dargelegt?«

»Ich konnte einfach nicht glauben, daß man eine solche Anklage aufrechterhalten würde. Ich dachte, wenn wir noch abwarteten, müßte sich die ganze Sache von selbst aufklären – auch ohne daß wir gezwungen wären, auf peinliche Details aus dem Privatleben der Familie einzugehen. Aber wie ich höre, ist der Fall weit davon entfernt, sich aufzuklären, und nur noch bedenklicher geworden.«

»Meine liebe junge Lady«, rief Holmes ernst, »machen Sie sich bitte keine Illusionen. Mr. Cummings hier wird Ihnen bestätigen, daß wir im Augenblick nicht einen einzigen Trumpf in der Hand haben und jede erdenkliche Anstrengung unternehmen müssen, wenn wir die Partie gewinnen wollen. Ich würde Sie grausam in die Irre führen, wenn ich so täte, als schwebten Sie nicht in sehr großer Gefahr. Helfen Sie mir deshalb, so gut Sie können, die Wahrheit zu finden.«

»Ich werde Ihnen nichts verschweigen.«

»Dann sagen Sie uns bitte aufrichtig, in welcher Beziehung Sie zu Mr. Gibsons Frau standen.«

»Sie hat mich gehaßt, Mr. Holmes. Sie hat mich mit der ganzen Glut ihrer tropischen Natur gehaßt. Sie war eine Frau, die keine Halbheiten ertrug, und das Maß der Liebe zu ihrem Mann entsprach dem Maß ihres Hasses gegen mich. Wahrscheinlich hat sie das Verhältnis zwischen ihm und mir mißverstanden. Ich will ihr bestimmt nicht unrecht tun; aber ihre Liebe war so leidenschaftlich im körperlichen Sinn, daß sie das geistige, ja spirituelle Band, das ihren Mann mit mir verknüpfte, wohl gar nicht begreifen konnte. Für sie war es unvorstellbar, daß mich nur eines unter seinem Dach gehalten hat: der Wunsch, ihn so zu beeinflussen, daß er seine Macht für gute Zwecke einsetzt. Inzwischen sehe ich ein, daß ich einen Fehler gemacht habe. Nichts gab mir das Recht, an einem Ort zu bleiben, wo ich nur Unfrieden stiftete; aber selbst wenn ich das Haus verlassen hätte – der Unfrieden wäre bestimmt geblieben.«

»Nun gut, Miss Dunbar«, sagte Holmes; »erzählen Sie uns jetzt bitte genau, was an jenem Abend geschehen ist.«

»Ich will Ihnen die Wahrheit sagen, soweit sie mir bekannt ist, Mr. Holmes; aber ich bin nicht in der Lage, irgend etwas zu beweisen, und da wären einige Punkte – überaus wichtige Punkte –, die ich nicht erklären kann und für die ich mir auch keine Erklärung vorstellen kann.«

»Wenn Sie nur zu den Tatsachen finden; dann finden andere vielleicht auch die Erklärung.«

»Dann fange ich mit der Tatsache an, daß ich an jenem Abend bei der Thor-Brücke war. Morgens bekam ich von Mrs. Gibson einen Brief. Er lag auf dem Tisch im Unterrichtszimmer; wahrscheinlich hat sie ihn selbst dort hingelegt. In diesem Brief flehte sie mich an, nach dem Abendessen zu ihr an die Brücke zu kommen; sie behauptete, sie habe mir etwas Wichtiges mitzuteilen, und bat mich, meine Antwort auf der Sonnenuhr im Garten zu hinterlegen, da sie niemanden über unser Treffen ins Vertrauen ziehen wolle. Ich sah zwar keinen Grund für solche Heimlichkeiten, tat aber, was sie verlangte, und nahm die Verabredung an. Außerdem bat sie mich, ihren Brief zu vernichten; ich habe ihn dann im Unterrichtszimmer im Kamin verbrannt. Sie hatte sehr große Angst vor ihrem Mann, der sie ziemlich grob behandelte – was ich ihm oft vorgeworfen habe; ich konnte mir also nur vorstellen, daß sie ihn nichts von unserem Treffen wissen lassen wollte und deswegen so heimlich tat.«

»Gleichwohl hat sie Ihren Antwortbrief sehr sorgfältig aufbewahrt.«

»Ja. Ich war ganz überrascht zu hören, daß sie ihn in der Hand hielt, als sie starb.«

»Schön, und was passierte dann?«

»Ich ging wie versprochen hin. Als ich zur Brücke kam, erwartete sie mich bereits. Bis zu diesem Moment war mir nie richtig bewußt gewesen, wie sehr dieses arme Geschöpf mich gehaßt hat. Sie benahm sich wie eine Wahnsinnige – ja, ich glaube, sie war wahnsinnig, auf raffinierte Weise wahnsinnig; sie besaß, wie viele Geistesgestörte, die ausgeprägte Gabe, andere zu täuschen. Wie hätte sie mir sonst jeden Tag so gleichgültig gegenübertreten können, wo doch ihr Herz von einem so rasenden Haß gegen mich erfüllt war? Ich will nicht wiederholen, was sie gesagt hat. Sie ergoß ihre ganze wilde Wut in hitzige und furchtbare Worte. Ich habe gar keine Antwort gegeben – ich war einfach nicht fähig dazu. Ihr Anblick war entsetzlich. Ich habe mir die Hände an die Ohren gehalten und bin davongestürmt. Während ich weglief, stand sie immer noch am Brückenaufgang und schrie mir ihre Verwünschungen nach.«

»Stand sie an der Stelle, wo man sie später gefunden hat?«

»Ein paar Yards davon weg.«

»Angenommen, sie kam, kurz nachdem Sie sie allein ließen, zu Tode –: Trotzdem haben Sie keinen Schuß gehört?«

»Nein, ich habe nichts gehört. Aber ich war ja auch so aufgewühlt, Mr. Holmes; dieser furchtbare Ausbruch hat mich derartig entsetzt, daß ich mich beeilt habe, in mein friedliches Zimmer zurückzukommen; ich war außerstande, noch irgend etwas von den Ereignissen wahrzunehmen.«

»Sie sagen, Sie sind in Ihr Zimmer zurückgekehrt. Haben Sie es vor dem nächsten Morgen noch einmal verlassen?«

»Ja; als man uns alarmierte, daß das arme Geschöpf tot sei, bin ich mit den anderen hinausgerannt.«

»Haben Sie dabei auch Mr. Gibson gesehen?«

»Ja; er kam gerade von der Brücke zurück. Er hatte den Arzt und die Polizei holen lassen.«

»Kam er Ihnen besonders verstört vor?«

»Mr. Gibson ist ein sehr starker Mann mit großer Selbstbeherrschung. Ich glaube, er würde sich seine Gefühle niemals anmerken lassen. Aber da ich ihn so gut kenne, konnte ich ihm ansehen, daß er zutiefst betroffen war.«

»Dann kommen wir jetzt zum entscheidenden Punkt. Dieser Revolver, den man in Ihrem Zimmer gefunden hat: Haben Sie ihn zuvor schon einmal gesehen?«

»Noch nie, das schwöre ich.«

»Wann wurde er gefunden?«

»Am nächsten Morgen, als die Polizei ihre Ermittlungen anstellte.«

»Und er befand sich unter Ihren Kleidern?«

»Ja; auf dem Boden meines Kleiderschrankes, unter meinen Kostümen.«

»Sie haben keine Vermutung, wie lange er dort schon gelegen hatte?«

»Am Morgen zuvor war er noch nicht da.«

»Woher wissen Sie das?«

»Weil ich den Kleiderschrank aufgeräumt habe.«

»Das ist von entscheidender Bedeutung. Demnach kam also jemand in Ihr Zimmer und hat den Revolver dort hineingelegt, um Sie zu belasten.«

»So muß es gewesen sein.«

»Und wann?«

»Es kann nur zur Essenszeit passiert sein, oder während ich mit den Kindern im Unterrichtszimmer war.«

»Wo Sie sich auch aufhielten, als Sie den Brief bekamen?«

»Ja; von da an den ganzen Morgen über.«

»Danke, Miss Dunbar. Gibt es sonst noch irgend etwas, was mir bei der Untersuchung von Nutzen sein könnte?«

»Mir fallt sonst nichts mehr ein.«

»Das Mauerwerk der Brücke weist eine Spur von Gewaltanwendung auf – ein ganz frisch abgeplatztes Stückchen direkt gegenüber der Leiche. Hätten Sie dafür möglicherweise eine Erklärung?«

»Das ist bestimmt ein reiner Zufall.«

»Eigenartig, Miss Dunbar, sehr eigenartig. Warum sollte sich dieser Zufall ausgerechnet zum Zeitpunkt der Tragödie und an der gleichen Stelle ereignen?«

»Aber was könnte denn die Ursache dafür gewesen sein? So etwas kommt doch wohl nur durch große Gewalt zustande.«

Holmes gab keine Antwort. Sein blasses, wachsames Gesicht hatte plötzlich einen gespannten, entrückten Ausdruck angenommen, was, wie ich mittlerweile wußte, eine Begleiterscheinung der höchsten Manifestationen seines Genies war. Seine geistige Anspannung war so augenfällig, daß keiner von uns zu sprechen wagte; Anwalt, Gefangene und ich saßen da und beobachteten ihn in konzentriertem und gebanntem Schweigen. Plötzlich fuhr er hoch; er zitterte vor nervöser Energie und heftigem Tatendrang.

»Los, Watson, kommen Sie!« rief er.

»Was ist denn, Mr. Holmes?«

»Schon gut, meine liebe Lady. Sie hören von mir, Mr. Cummings. So mir der Gott der Gerechtigkeit beisteht, liefere ich Ihnen einen Fall, der in England Furore machen wird. Bis spätestens morgen bekommen Sie Nachricht, Miss Dunbar; seien Sie derweilen versichert, daß die Wolken sich bald auflösen und daß ich jeden Grund habe zu hoffen, daß das Licht der Wahrheit durchzubrechen beginnt.«

 

Es war keine weite Reise von Winchester nach Thor Place, doch in meiner Ungeduld kam mir die Fahrt recht lang vor. Holmes dagegen erschien sie offensichtlich endlos; seine nervöse Rastlosigkeit ließ ihn nicht stillsitzen, er schritt im Wagen auf und ab oder trommelte mit den langen, feinnervigen Fingern auf der Polsterung seiner Armlehnen herum. Als wir uns jedoch unserem Bestimmungsort näherten, setzte er sich plötzlich mir gegenüber – wir hatten ein Erster-Klasse-Abteil für uns alleine –, legte seine Hände auf meine Knie und sah mir mit jenem eigenartig verschmitzten Blick, der für seine koboldhaften Anwandlungen so charakteristisch war, in die Augen.

»Watson«, sagte er, »ich kann mich schwach daran erinnern, daß Sie diese unsere Exkursionen im allgemeinen bewaffnet antreten.«

Daß ich das tat, geschah durchaus zu seinem Vorteil; denn wenn sein Geist erst einmal von einem Problem in Anspruch genommen war, machte er sich wenig Gedanken um seine Sicherheit, so daß sich mein Revolver schon mehr denn einmal als guter Freund in der Not erwiesen hatte. Ich erinnerte ihn an diese Tatsache.

»Ja, ja, ich bin in solchen Dingen ein bißchen zerstreut. Aber haben Sie Ihren Revolver nun bei sich?«

Ich brachte ihn aus der Hüfttasche zum Vorschein – eine kurze, handliche, aber sehr nützliche kleine Waffe. Holmes löste die Welle, schüttelte die Patronen heraus und unterzog den Revolver einer sorgfältigen Untersuchung.

»Er ist schwer – bemerkenswert schwer«, sagte er.

»Ja, es ist ein solides Stück Arbeit.«

Er grübelte eine Minute darüber nach.

»Wissen Sie, Watson«, sagte er, »ich glaube, Ihr Revolver wird bald in sehr inniger Beziehung zu dem Rätsel stehen, das wir gerade untersuchen.«

»Mein lieber Holmes, Sie machen wohl Scherze.«

»Nein, Watson, ich meine es völlig ernst. Uns steht nämlich ein Versuch bevor. Wenn er gelingt, wird alles klar sein. Und dieser Versuch hängt vom Verhalten dieser kleinen Waffe ab. Eine Patrone bleibt draußen. Jetzt stecken wir die übrigen fünf wieder hinein und arretieren die Welle. So! Das macht ihn schwerer, und dadurch läßt sich die Geschichte besser rekonstruieren.«

Ich hatte keinen Schimmer davon, was er im Schilde führte; er steckte mir auch kein Licht auf, sondern saß gedankenversunken da, bis wir an dem kleinen Hampshire-Bahnhof anhielten. Wir sicherten uns eine klapprige Kutsche, und nach einer Viertelstunde befanden wir uns am Haus unseres vertrauten Freundes, des Sergeants.

»Schon eine Spur, Mr. Holmes? Worum geht’s?«

»Das hängt alles davon ab, wie sich Dr. Watsons Revolver verhält«, sagte mein Freund. »Hier ist er. Sagen Sie, Officer, können Sie mir eine zehn Yard lange Schnur besorgen?«

Im Dorfladen fand sich ein Knäuel dicken Bindfadens.

»Ich glaube, das wäre alles, was wir brauchen«, sagte Holmes. »So, wenn es Ihnen recht ist, brechen wir nun zur voraussichtlich letzten Station unserer Reise auf.«

Die untergehende Sonne verwandelte das wellige Hampshire-Heideland in ein wunderschönes herbstliches Panorama. Der Sergeant zottelte stockend neben uns her – unter vielen kritischen und ungläubigen Blicken, die seine tiefen Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit meines Gefährten verrieten. Als wir uns dem Tatort näherten, bemerkte ich, daß mein Freund hinter all seiner gewohnten Gelassenheit tatsächlich zutiefst erregt war.

»Ja«, sagte er, wie zur Antwort auf meine Beobachtung, »Sie haben schon erlebt, daß ich mein Ziel auch einmal verfehlt habe, Watson. Ich habe zwar einen Instinkt für solche Dinge, doch hat der mir auch schon ein Schnippchen geschlagen. Ich war meiner Sache so gut wie sicher, als mir in der Zelle in Winchester die Erklärung zum ersten Mal durch den Kopf schoß. Aber der Nachteil eines aktiven Geistes besteht eben darin, daß man immerzu Alternativen ausheckt, die einen von der Fährte abbringen können. Und dennoch – dennoch … Tja, Watson, wir müssen es einfach versuchen.«

Im Weitergehen hatte er ein Ende der Schnur fest mit dem Revolvergriff verbunden. Wir waren inzwischen am Schauplatz der Tragödie angelangt. Unter der Anleitung des Polizisten markierte er sehr sorgfältig die Stelle, wo die Leiche ausgestreckt gelegen hatte. Dann durchstöberte er das Heide-und Farnkraut, bis er einen ansehnlichen Stein gefunden hatte. Diesen befestigte er am anderen Ende seines Bindfadens und hängte ihn über das Brückengeländer, so daß er frei über dem Wasser schwebte. Daraufhin postierte er sich, etwas von der Brückenkante entfernt und meinen Revolver in der Hand, auf die Unglücksstelle; die Schnur zwischen der Waffe und dem schweren Stein war nun straff gespannt.

»Jetzt gilt’s!« rief er.

Bei diesen Worten hob er den Revolver an den Kopf; dann ließ er ihn los. Im Nu war die Waffe vom Gewicht des Steines fortgerissen, mit hellem Krachen gegen das Geländer geprallt und über die Brüstung hinweg im Wasser verschwunden. Kaum war sie fort, als Holmes auch schon neben dem Mauerwerk kniete und ein freudiger Aufschrei verkündete, daß das von ihm Erwartete eingetroffen war.

»Hat es jemals eine exaktere Demonstration gegeben?« rief er. »Sehen Sie nur, Watson, Ihr Revolver hat das Problem gelöst!« Bei diesen Worten deutete er auf ein zweites abgeplatztes Stück an der Unterkante der Steinbalustrade, das in Größe und Form mit dem ersten genau übereinstimmte.

»Wir bleiben heute nacht im Gasthof«, fuhr er fort, als er aufstand und sich dem verblüfften Polizisten zuwandte. »Sie werden sich zweifellos einen Haken beschaffen können; dann dürfte es Ihnen ein Leichtes sein, den Revolver meines Freundes zu bergen. Daneben werden Sie freilich auch Revolver, Schnur und Gewicht finden, mit deren Hilfe diese rachsüchtige Frau versucht hat, ihr Verbrechen zu vertuschen und einem unschuldigen Opfer einen Mord in die Schuhe zu schieben. Geben Sie Mr. Gibson bitte Bescheid, daß ich ihn morgen früh zu sprechen wünsche; dann können wir Schritte zu Miss Dunbars Rehabilitation unternehmen.«

 

Spät an jenem Abend, da wir noch pfeiferauchend im Dorfgasthof beisammensaßen, gab Holmes mir eine kurze Übersicht über die vergangenen Ereignisse.

»Ich fürchte, Watson«, sagte er, »Sie werden den Ruf, den ich mir mittlerweile vielleicht erworben habe, nicht verbessern, wenn Sie das ›Rätsel der Thor-Brücke‹ in Ihre Annalen aufnehmen. Mein Geist war träge; es fehlte ihm an jener Mischung aus Imagination und Wirklichkeitssinn, die die Grundlage meiner Kunst bildet. Ich muß eingestehen, daß das abgeplatzte Stückchen Mauerwerk Hinweis genug gewesen wäre, um einem die richtige Lösung geradezu aufzudrängen, und daß ich mir vorwerfen muß, nicht eher darauf gekommen zu sein.

Man muß allerdings einräumen, daß die Gedankengänge dieser Unglücklichen abgründig und raffiniert waren, so daß es nicht ganz einfach war, ihre Absichten zu entwirren. Ich glaube nicht, daß wir bei unseren Abenteuern je auf ein ungewöhnlicheres Beispiel für die Auswirkungen pervertierter Liebe gestoßen sind. Ob Miss Dunbar nun in körperlichem oder nur in geistigem Sinne ihre Rivalin war – beides scheint in ihren Augen gleicherweise unverzeihlich gewesen zu sein. All jene Grobheiten und unfreundlichen Worte, mit denen ihr Mann ihre gar zu überschwengliche Zuneigung zurückzuweisen versuchte, hat sie ohne Zweifel dieser unschuldigen Lady zur Last gelegt. Ihr erster Entschluß war, ihrem eigenen Leben ein Ende zu machen. Ihr zweiter, es auf eine Weise zu tun, die ihr Opfer in ein Schicksal verwickeln würde, das weit schlimmer ist, als es ein plötzlicher Tod je sein könnte.

Wir können die verschiedenen Schritte ziemlich genau verfolgen; sie zeugen von einer bemerkenswerten Raffiniertheit. Überaus schlau entlockte sie Miss Dunbar einen Brief, der den Anschein erwecken sollte, als habe diese den Tatort selbst bestimmt. In ihrer Angst, alles könnte herauskommen, hat sie die Sache freilich ein bißchen übertrieben, indem sie den Brief bis zuletzt in der Hand hielt. Schon das allein hätte meinen Argwohn früher erregen müssen.

Dann nahm sie einen der Revolver ihres Mannes – im Haus gibt es ja, wie Sie gesehen haben, ein ganzes Arsenal – und behielt ihn für ihre eigenen Zwecke. Sein Gegenstück versteckte sie an jenem Morgen in Miss Dunbars Kleiderschrank, nachdem sie eine Patrone abgefeuert hatte – was sich in den Wäldern leicht und ohne Aufsehen bewerkstelligen ließ. Dann ging sie zur Brücke hinunter, wo sie diese überaus sinnreiche Methode zur Beseitigung ihrer Waffe ausgeheckt hatte. Als Miss Dunbar erschien, verwendete sie ihre letzten Atemzüge dazu, ihren Haß auszuschütten; danach, als jene außer Hörweite war, führte sie ihr schreckliches Vorhaben aus. Jedes Glied befindet sich nun an seinem Platz, und die Kette ist komplett. Die Zeitungen werden vermutlich fragen, warum man nicht zuerst den See abgesucht hat; aber hinterher läßt sich leicht klug reden. Einen ausgedehnten schilfreichen See abzusuchen, ist ja keineswegs einfach – es sei denn, man hat eine klare Vorstellung davon, was man sucht und wo man es sucht. Nun denn, Watson, wir haben einer bemerkenswerten Frau geholfen und außerdem einem mächtigen Mann. Sollten sich ihre Kräfte künftig vereinen – was wohl nicht ganz unwahrscheinlich ist –, so wird die Finanzwelt feststellen, daß Mr. Neil Gibson inzwischen etwas gelernt hat – und zwar im Schulzimmer des Kummers, allwo uns die irdischen Lektionen erteilt werden.«