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Die Schildbürger "08 & 09 Von der Verfassung & Der Bürgermeister (von Ludwig Tieck)

June 22, 2021 HofnarrGiaccomo Season 2021 Episode 177
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Die Schildbürger "08 & 09 Von der Verfassung & Der Bürgermeister (von Ludwig Tieck)
Show Notes Transcript

HofnarrGiaccomo liest den urheberrechtsfreien Klassiker:
Die humorvollen Geschichten der fränkischen Schildbürger von LUDWIG TIECK
"08 & 09 Von der Verfassung, der Religion, der Philosophie der Schildbürger; Zustand der Künste und Wissenschaften & Der Bürgermeister stirbt"


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Ludwig Tieck - Die Schildbürger

„08 Von der Verfassung, der Religion, der Philosophie der Schildbürger; Zustand der Künste und Wissenschaften“

 Von der Verfassung, der Religion, der Philosophie der Schildbürger; Zustand der Künste und Wissenschaften.

Ich habe so weit dem Leser die Vorfälle vorgetragen, wie ich sie in der Geschichte der Schildbürger gefunden habe. Nach Art der griechischen und römischen Historiker habe ich ihm zugleich die Reden mitgetheilt, die bei den wichtigsten Begebenheiten gehalten wurden. Jetzt ist es ihm vielleicht angenehm, eine kurze, allgemeine Uebersicht des ganzen Landes zu bekommen.

Die Staatseinrichtung der Schildbürger war eigentlich monarchisch, denn ihr Bürgermeister, oder wie ihn andere Schriftsteller nennen, ihr Schultheiß, hatte das Meiste zu sagen, und ihm waren bei wichtigen Gelegenheiten die Rathsherren untergeordnet, so daß er jeder Sache den Ausschlag geben konnte.

Die Geschichte der Schildbürger ist so fragmentarisch, daß wir dem geneigten Leser hier unmöglich die Reihe ihrer Regenten und wie ein jeder beschaffen war, so auch, was sich unter jedem Merkwürdiges zugetragen, herrechnen können. Vor der gegenwärtigen Periode ist Alles in Dunkelheit, und man hat nur ungewisse und fabelhafte Traditionen. So nennt die Mythologie einige dieser Bürgermeister, die das Vorrecht ganz sollen aufgegeben haben, daß die Bürger den Hut vor ihnen abgezogen haben, und die sich mit einem simplen »guten Morgen,« oder »guten Abend« sollen begnügt haben; einige andre sollen ihr Gehalt unter die Armen haben vertheilen lassen; doch sind alle dergleichen Nachrichten, wie gesagt, billig unter die Fabeln zu rechnen.

Die Macht des Bürgermeisters griff in diesen Zeiten sehr um sich, so daß er sich auch in das geistliche Regiment mischte. Seit undenklichen Zeiten war es nämlich eine hergebrachte Sitte, daß der Prediger die freie Wahl hatte, welche Lieder er zu seiner jedesmaligen Predigt wollte singen lassen; dieses Vorrecht aber maßte sich Barthel, als dermaliger Bürgermeister, an, der gewählt worden, nachdem Gerard mit Tode abgegangen. So kam es, indem der Bürgermeister seine Lieblingslieder singen ließ, daß sie oft zum Text der Predigt gar nicht paßten; der Prediger sprach von Toleranz, der Staat ließ von Verfolgung singen, so daß oft die Kanzel und die Orgel mit einander einen Streit zu führen schienen, wer das letzte Wort behalten würde.

Das Reich war übrigens ein Wahlreich, und die Bürger hatten das Recht zu wählen. Nirgends aber, als in Schilda, kann das bekannte Sprichwort entstanden sein: Wer die Wahl hat, hat die Qual; denn die Bürger waren eben wegen des Wahlrechts übel daran. Jeder Rathsherr suchte für sich durch Geld, Drohungen und alle mögliche Mittel, Stimmen zu sammeln, jeder suchte sich zu rächen, wenn er durchgefallen war; und so brachten Furcht und Bestechungen immer einen Mann auf den Thron, den die Bürgerschaft gewiß nicht gewählt haben würde, wenn sie freie Faust gehabt hätte.

Die Stoiker hatten den Lehrsatz: Nur allein der Weise sey ein König, selbst in der Sklaverei. Dieser Satz fand unter den Schildbürgern viele Freunde, denn alle waren von ihrer Weisheit überzeugt, und darum hielt sich auch ein Jeder für den Vornehmsten. Damit ein jeder Einwohner, soviel als möglich, unumschränkt herrschen könne, verachtete er alle übrigen. Und eben dadurch entstand der edle Wetteifer, daß Jeder auch den andern durch Handlungen zu übertreffen suchte, wodurch sich die Schildbürger ihren unsterblichen Ruhm erworben haben.

Außerdem war in ihrer politischen Verfassung noch eine Art von Ostracismus üblich, wodurch sie eben, wie die Athener, diejenigen zu verbannen pflegten, die im Lande zu klug zu werden gedachten, da sie sich erst einmal zur Fahne der Narrheit bekannt hatten; nur daß sie sich nicht die Mühe gaben, ihre Meinung auf Tafeln zu schreiben, sondern diese weitläuftige und langweilige Procedur mehr in's Kurze zogen. Es hatten sich nämlich einmal zwei Fremdlinge in ihrem Lande niedergelassen, die ihre Narrheit nicht mit zu machen gedachten, sondern nach ihrer eigenen Weise lebten, ihr Gewerbe trieben und sich ehrlich nährten. Da diese Sonderlinge sich nicht zu den Landesgesetzen bequemen wollten, verfolgte man sie billig so lange mit Verläumdungen, bis diese sich nach einem andern Wohnorte umsahen, und das Land dadurch von diesen gefährlichen Menschen befreit war.

Was den Charakter der Einwohner anbetrifft, so scheinen sie, nach allen Nachrichten, das redlichste und edelste Gemüth von der Welt gehabt zu haben. Unter vielen Beispielen, die dies beweisen, will ich nur eins anführen. Sie hatten einen schlechten Dichter in ihrer Gegend, mit Namen Gottschalk. Dieser hatte es sich herausgenommen, einen berühmten Helden weitläuftig zu besingen; er hatte dabei, um das Gedicht poetischer einzurichten, dem großen Manne sehr unrecht gethan und aus Kurzsichtigkeit hinzugelogen und weggelassen, um nur die Einheit, die er beabsichtigte, hervorzubringen, so daß in seinem Werke Geschichte und Poesie gleich sehr verfälscht war. So hatte er auch die Verse schlecht gemacht, und mit einem Worte Alles verdorben. Dieses ließen ihm die Schildbürger, wie es billigen Leuten zusteht, ungerügt hingehn, denn kein guter Bürger hat sich darein zu mengen, wenn sich irgend einer an der Kunst vergreift, denn die ganze Bande der neun Musen mit ihrem Oberhaupte Apollo, war bei den Schildbürgern vogelfrei und genoß nicht des Schutzes der Gesetze. Als man aber vorgab, dieser Gottschalk habe einen höchst unbedeutenden Brief nur durch einen kleinen, höchst unbedeutenden Zusatz verfälscht, entstand ein großes Geschrei im ganzen Lande; man sprach heftig gegen ihn, man vertheidigte ihn, man konnte des Gewäsches und des Ereiferns gar nicht müde werden. Dies beweiset nach meinem Urtheile sehr gut, daß die Schildbürger über die Tugend so dachten, wie es edlen Männern geziemt.

Von der Religion der Einwohner haben wir nur sehr ungewisse Nachrichten. Man behauptet, daß die Vornehmern gar keiner bestimmten Religion sollen zugethan gewesen sein. Im ganzen Leben hielt man viel von der Toleranz und Moral, man beeiferte sich gegenseitig, und einer suchte den andern in einer recht schönen, liebenswürdigen Toleranz zu übertreffen; dabei aber wurden die Gemüther unvermerkt so erhitzt, daß sie gegen diejenigen sehr intolerant waren, die nicht so aufgeklärt dachten, als sie. Dies mußten auch die beiden Fremdlinge erfahren, von denen schon oben gesprochen ist, die es versuchten, eine wirkliche Religion zu haben, und darüber für abergläubisch ausgeschrieen wurden.

Auf dem Todbette wurden die Schildbürger immer fromm und bekehrten sich, auch in gefährlichen Krankheiten; es geschahe selbst manchmal, wenn einer des Nachts aufwachte und nicht wieder einschlafen konnte. Am Morgen aber sahen sie ihre Thorheiten und waren bis auf den Abend wieder starke Freigeister.

Die Philosophie der Schildbürger war von der Art, daß es Jedem im Lande leicht war, ein Philosoph zu seyn. Denn man hatte die Einrichtung getroffen, daß sich zur Zeit immer nur einer von den Bürgern damit beschäftigte, so daß es die Uebrigen dann darin leicht hatten, daß sie bloß das nachsagten, was ihnen ihr Vorphilosophirer vorsagte. Dabei befanden sie sich sehr wohl, Keinem ward das Denken sonderlich sauer, weshalb auch diese Gewohnheit immer ist beibehalten worden.

Die Wissenschaften und schönen Künste standen bei den Schildbürgern im großen Flor. Man zählt die Poesie zwar zu den brodlosen Künsten, doch unterließ man es nicht, großes Interesse an ihr zu nehmen. Ohne Zweifel ist es auch nur den Barbaren vergönnt, die Künste zu verachten und sie nicht auszubilden; dies sahen auch die Schildbürger sehr wohl ein, und darum thaten sie auch weislich das Gegentheil. Da aber dieses Studium viele Zeit erfordert und es auch einigermaßen beschwerlich ist, sich damit einzulassen, so hatte man auch hierin Leute angestellt, die den übrigen Bürgern sagten, was sie von diesem und jenem Buche zu halten hätten. Diese Einrichtung gefiel den Einwohnern ungemein und sie übten sich daher so lange darin, bis sie es dahin brachten, daß sie es gar nicht mehr nöthig hatten, die Werke selbst zu lesen, sondern sie erholten sich nur bei denen Raths, die sie in ihrem Namen beurtheilten. Daher kam auch die wunderliche Sitte, daß es jedem öffentlichen Beurtheiler erlaubt war, sich gleich den Königen und Fürsten in seinen Briefen Wir zu schreiben, weil Jeder fest überzeugt seyn konnte, daß er immer im Namen von tausend Andern spreche. So brachten manche Leute ihre ganze Zeit damit zu, über Bücher zu sprechen, ohne selbst nur ein einziges Buch zu lesen, und die Beurtheiler wurden in ihrer Kunst so perfekt, daß sie es auch am Ende unterließen.

Es sey mir vergönnt, nur noch einige Denkwürdigkeiten ihres Theaters beizubringen, bevor ich dieses Kapitel schließe. Die Schildbürger waren eine so edelmüthige Nation, daß sie ihre Schaubühne zu nichts Anderm brauchen wollten, als nur zu einem Anhange des Lazareths, um sich darin zu bessern. Sie sahen ein, daß sie viele Fehler an sich hatten, und deshalb gingen sie in's Theater, um sich davon zu reinigen. Das Schauspiel war also nicht etwa nur ein Spiel der Phantasie, oder ein Ort, wo man die Zeit mit angenehmen Possen hinbrachte, sondern eine wahre Schule der Sitten. Die Schildbürger nahmen es auch so genau, daß sie die Stücke gar nicht ausstehen konnten, in denen sie etwa unverhoffterweise hatten lachen müssen; ja es ging so weit, daß sie selbst das Marionettentheater verabscheuten, das sich dort etabliren wollte: nicht etwa deswegen, weil die Marionetten sich vielleicht nicht mit dem besten Geschmack vertrugen, sondern sie erduldeten es deswegen nicht, weil diese unvernünftigen Puppen sich unterstanden, alberne Possen vorzubringen, und nicht edelmüthig dachten und empfanden, sie sahen daher ein, daß ein weichgeschaffener Mensch unmöglich mit diesen hölzernen Geschöpfen simpathisiren könnte, und deshalb untersagten sie dieses Schauspiel.

Mit eben dem Rechte, mit dem sie das Lustspiel verabscheuten, verfolgten sie auch das eigentliche Trauerspiel. Sie bekümmerten sich nichts darum, ob ein König sein Reich verlor und er im Elend verschmachten mußte, denn sie sahen ganz richtig ein, daß sie hier nicht mitfühlen könnten, weil sie keine Könige wären. Sie verstanden es nur, wenn einer unter ihnen Schulden hatte, oder einen Sohn, der lieber Geld verzehrte, als verdiente; hier waren ihre Herzen diesen tragischen Eindrücken offen, und die edlen Thränen ergossen sich haufenweise; besonders aber, wenn der großmüthige, wackere, arbeitsame Hans, die zarte, gutfühlende, liebeathmende Grete in den ersten Akten nicht heirathen konnte, so wußten sich die großmüthigen Zuschauer vor Mitgefühl nicht zu lassen, so daß man Beispiele hat, daß Einige in Ohnmacht gefallen sind, Andre zu den gebrannten Wassern ihre Zuflucht haben nehmen müssen, um vor den großen Eindrücken nur nicht gar zu Grunde zu gehen.

Man sieht, auf welcher hohen Stufe der Cultur diese unsere Vorfahren, die von Manchen verachtet worden, gestanden haben, so daß sie wohl mit Recht die weiland atheniensischen Griechen über die Achseln ansehen konnten, als die ihre Trauerspiele mit Aberglauben und ihre Lustspiele mit den ungereimtesten Possen anfüllten. Die Vernunft und das Herz der Schildbürger im Gegentheil war in ihren Theatern sehr gut aufgehoben, denn man lehrte sie hier durch abschreckende Beispiele, wie Keiner falsche Testamente machen oder nach Italien reisen sollte, wie es unrecht sey, zu stehlen, oder auch im Gegentheil nicht zu heirathen; das achte Gebot der Verläumdung ward auch durchgenommen, so wie man in einem andern Stück die Einwohner um Gotteswillen bat, doch ja nicht zu witzig zu seyn, denn es könne wohl gar nach Algier in die Sklaverei führen.

Es wird vielleicht nicht undienlich seyn, die beiden hauptsächlichsten Dichter nur ganz kurz zu charakterisiren, die sich in der blühendsten Periode um die Nation verdient machten. Zu bedauern ist es, daß ihre Schriften verloren gegangen sind, so daß wir nur dunkeln Traditionen folgen können, die uns keine recht deutlichen Begriffe geben.

Der hauptsächlichste ihrer Dichter und der am meisten vergöttert wurde, hieß Augustus. Er war es vorzüglich, der den vorhin geschilderten Geschmack veranlaßt hatte. Ihm hatten die Schildbürger die schöne Erfindung zu danken, daß gegen Ende der Stücke ein edler Mann auftrat, der Schulden bezahlte, und der jedesmal die einzige Ursach war, daß die Zuschauer mit ziemlich leichtem Herzen nach Hause gehen konnten. Er soll auch der Erste gewesen seyn, der öffentlich vor Witz gewarnt hat, und durch sein eigenes Beispiel bewiesen, wie man ihn am bequemsten vermeiden könne. Er soll auch die Präsidenten und vornehmen Bösewichter erfunden haben, an denen der Tugend zum Besten Exempel statuirt wurden, so daß die Biederkeit mit Recht den Sieg davon trug. Dieser große Mann schrieb sehr viel, und erschöpfte sich doch nie, denn er wußte einen einzigen trivialen Satz geschickter als der beste Musikus zu variiren

Der zweite große Mann war Hans Knopfmacher. Er war der Erste, der in seinen Stücken die damals neue Maske der ehrlichen, fast zu tugendhaften Huren erfand. Diese Vorstellungen besserten die Schildbürger ganz ungemein, und Mädchen und Weiber bildeten sich nach diesen zarten Charakteren. Er liebte es sehr, wenn seine Stücke keinen Zusammenhang hatten; was Einige an ihm haben tadeln wollen. Sonst war er noch wegen einer andern Eigenthümlichkeit merkwürdig. So wie manche indianische Zeuge einen rothen Flecken als Zeichen der Aechtheit haben, so konnte man seine Stücke gewöhnlich an einem Mohren oder Araber erkennen, den er geschickt in die Handlung hineinzuflechten wußte; ja, man hat eine artige Anekdote von ihm, die seine Liebe zur Schwärze ziemlich deutlich macht: denn als er einstmals ein Stück schrieb, in das sich durchaus kein Mohr hineinschicken wollte, so verfiel er auf einen andern Kunstgriff; er beschloß nämlich sein Stück mit einer Decoration, die ein ganz schwarz ausgeschlagenes Zimmer vorstellte, worüber die Schildbürger laut ihren Beifall zu erkennen gaben, daß er so glücklich diese Schwierigkeit mit den Mohren überwunden habe.

So viel vom Theater.

Das edle Gemüth kann aber zu weit gehn und sich gleichsam überspringen, und dieser Satz bestätigte sich auch an den Schildbürgern. Denn sie gingen am Ende so weit, daß sie ihren Spitzbuben Gedichte und Oden vorlasen, um sie vom Laster zurückzubringen, und auf die gelindeste Weise ohne Galgen zu bessern; worüber man sich aber zu wundern hat, ist, daß die Poesie bei diesen abgehärteten Leuten ihre officinelle Wirkung gänzlich verlor, so daß sie eben so merkwürdig als der pontische Mithridates sind, bei dem im Gegentheil wegen der Uebung kein Gift anschlagen wollte.

Die Malerei benutzten sie vorzüglich dazu, daß sie alle Arten der Torturen darstellten, wodurch sie es dahin bringen wollten, daß die Criminalverbrecher sogleich beim Anblick der gepeinigten Menschen ihr ganzes Geständniß ablegten. Ich habe in den neuesten Zeiten denselben Vorschlag in dem bekannten Buche Orestrio wiedergefunden, so daß nichts wahrer ist, als das alte Sprichwort: Es geschieht nichts Neues unter der Sonnen.

Doch, es ist Zeit, daß ich mich zur Geschichte zurückwende.


09 Der Bürgermeister stirbt. Ein andrer wird gewählt. Sein Charakter.

Die Schildbürger hatten sich nach und nach so in ihre Lage gefunden, daß Keiner unter ihnen mehr daran dachte, daß sie den Vorsatz gefaßt hatten, sich närrisch zu stellen. Die Natur und das Genie machten, daß sie der Kunst gänzlich entbehren konnten. Alle Dinge, die sie unternahmen, trieben sie daher auch sehr ernsthaft; und so gingen sie immer tiefer in das Gebiet der Thorheit hinein, so daß es ihnen endlich unmöglich fiel, den Rückweg wieder anzutreffen.

Es traf sich, daß der damalige Bürgermeister starb, und daß daher ein neuer gewählt werden mußte. Die Einwohner hatten bis dahin immer die Aeltesten und Einsichtsvollsten zu diesem Amte genommen; jetzt fielen sie darauf, einmal eine Abwechselung vorzunehmen, und einen Mann einzusetzen, der stark von Gliedern wäre, damit er im Amte länger ausdauere und sie nicht zu oft die Mühe des Wählens hätten. So kam der Meister Caspar zur Regierung, der bis dahin Fleischer gewesen war.

Die ansehnliche Statur des Mannes schien dem ganzen Staate Ehre zu machen, und alle Schildbürger versprachen sich eine äußerst vortreffliche Regierung. Er trat sein Amt mit vielen guten Vorsätzen an, und ging daher zuerst in's Bad in die nächste Stadt, um Alles von sich abzuwaschen, was dem ehemaligen Caspar gehörte, damit er das neue vornehmere Leben nachher um so bequemer anfangen könnte. Diesem begegnete unterwegs ein Andrer, der ehemals sein Kamerad gewesen war und nicht wußte, daß er jetzt Bürgermeister zu Schilda war; er fragte also ohne Umstände: Caspar, wo gehst Du hin? Der Bürgermeister besann sich nicht lange, sondern antwortete sehr behende: Mein Freund, mit dem Du und dem Caspar ist es nun vorbei, denn wir sind solches nicht mehr, wir sind nunmehr unser gestrenger Herr, der Bürgermeister von Schilda, geworden. Er ging hierauf in die Stadt in's Bad und setzte sich nachdenklich auf eine Bank. Nach einiger Zeit fragte er einen Andern, ob dies die Bank sey, auf der die Herren zu sitzen pflegten. Als man Ja antwortete, rief er: Seht, das habe ich mit meinem Verstande doch gleich gemerkt, denn ich bin Bürgermeister zu Schilda geworden. Die Uebrigen lachten, aber er beharrte in seiner tiefsinnigen Positur. Der Bader kam, und fragte, ob man ihn schon gerieben und ihm den Kopf gewaschen habe. Caspar aber sagte: Ach, lieber Bader, wir Bürgermeister in Schilda haben so wichtige Sachen zu sinnen, daß ich unmöglich darauf habe Acht geben können.

Als er gebadet war, ging er wieder nach Hause, und seine Frau trug ihm auf, ihr zum nächsten Sonntag einen schönen Pelz zu kaufen. Er ging also wieder in die Stadt und fragte gleich im Thore: wo der Mann wohne, bei dem die Bürgermeister ihren Frauen Pelze zu kaufen pflegten. Da die Leute seine Narrheit merkten, schickten sie ihn erst zu einem Wagenmacher und dann zu einem Bäcker; endlich aber gerieth er an einen Kürschner, wo er sich einen sehr schönen Pelz aussuchte. Die Frau war über die Maßen glücklich und konnte den nächsten Sonntag nicht erwarten, um sich damit öffentlich in der Kirche zu zeigen. In der Nacht vorher schlief sie gar nicht, und glaubte endlich, es würde gar nicht Tag werden. Die Sonne ging aber doch zu ihrer großen Freude auf, und nun fing sie sogleich an, sich zu schmücken, um dem neuen Pelze keine Schande zu machen. Sie hatte so lange gezögert, daß es sich also fügte, daß man eben wieder aus der Kirche nach Hause gehen wollte; alle Weiber waren daher aufgestanden, als sie in die Kirche hereintrat. Sie glaubte nicht anders, als es geschehe ihretwegen, sagte also sehr bescheiden: Bleibt nur sitzen, lieben Nachbarsleute, denn ich überhebe mich meines jetzigen Standes nicht, ich weiß die Zeit noch gar wohl, da ich diesen schönen Pelz nicht hatte, und nicht anders einherging, als ihr jetzt thut. Der Mann trat auch hinzu, und sah, daß einige Hunde in der Kirche umherliefen; er sagte daher sehr zornig: Nun wahrlich, ich muß unter meinen Unterthanen ein andres Regiment einführen. Er gebot hierauf sogleich, daß sich kein Hund durfte auf den Straßen, oder an öffentlichen Oertern sehen lassen; womit die Schildbürger sehr unzufrieden waren.