DerNarrLiest

Sherlock Holmes & Der Mann mit dem geduckten Gang (Fall 56)

June 26, 2021 HofnarrGiaccomo Season 2021 Episode 178
DerNarrLiest
Sherlock Holmes & Der Mann mit dem geduckten Gang (Fall 56)
Show Notes Transcript

HofnarrGiaccomo liest den urheberrechtsfreien Klassiker
Eine spannende Sherlock Holmes Kriminalgeschichte
von  ARTHUR CONAN DOYLE - "Der Mann mit dem geduckten Gang"  (Fall 56)

Der Fall erschien in Deutschland auch unter den Titeln

Der kriechende Mann
Der Mann, der auf allen Vieren lief

 Inhalt:
Mr. Trevor Bennett kontaktiert Sherlock Holmes, um ihm von dem seltsamen Verhalten seines Schwiegervaters, des angesehenen Professor Presbury, zu berichten. Dieser wird immer exzentrischer, sein Verhalten immer weniger verständlich. So erwischt man ihn dabei, wie er auf Bäume klettert oder geduckt durch Gänge schleicht. Selbst der Hund des Hauses spürt, dass etwas nicht stimmt. Und was hat es auf sich mit der seltsamen Kiste, an die der Professor keine Menschenseele lässt?

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 Arthur Conan Doyle - Sherlock Holmes
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„Der Mann mit dem geduckten Gang“ (Fall 56)
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Mr. Sherlock Holmes war schon immer der Ansicht, daß ich die einzigartigen Fakten im Zusammenhang mit Professor Presbury veröffentlichen sollte – und sei es nur, um ein für allemal die häßlichen Gerüchte zu zerstreuen, die vor etwa zwanzig Jahren die Universität in Aufregung versetzten und von deren Widerhall die ganze Gelehrtenwelt Londons erfüllt war. Bisher standen dem jedoch gewisse Hindernisse im Wege, und die wahre Geschichte dieses merkwürdigen Falles blieb in jenem Blechbehälter begraben, der so viele Aufzeichnungen der Abenteuer meines Freundes beherbergt. Aber nun erhielten wir endlich doch noch die Erlaubnis, die Fakten von einem der allerletzten Fälle, die Holmes behandelte, ehe er sich aus der Praxis zurückzog, öffentlich darzulegen. Eine gewisse Zurückhaltung und Diskretion muß freilich auch heute noch gewahrt werden, wenn man die Sache dem Publikum vorlegt.

 An einem Sonntagabend, Anfang September 1903, erhielt ich eine von Holmes’ lakonischen Botschaften: »Kommen Sie sofort, wenn es Ihnen paßt – wenn nicht, kommen Sie trotzdem. – S.H.« Die Beziehungen zwischen uns waren damals recht eigenartig. Er hatte seine Gewohnheiten, strikte und feste Gewohnheiten, und zu einer davon war ich geworden. Ich gehörte zum Alltagskram – wie die Geige, der Shagtabak, die alte schwarze Pfeife, die Indexbände und anderes, vielleicht weniger Entschuldbares. Wenn ein Fall vollen körperlichen Einsatz verlangte und Holmes einen Gefährten brauchte, auf dessen Nervenstärke er sich verlassen konnte, war meine Rolle klar. Doch darüber hinaus hatte ich noch weitere Verwendungszwecke. Ich war ein Wetzstein für seinen Geist. Ich stimulierte ihn. Er dachte gerne laut in meiner Gegenwart. Zwar konnte man seine Bemerkungen kaum als an mich gerichtet bezeichnen – viele von ihnen hätten ebensogut seiner Bettstatt gelten können –, aber da es nun mal zur Gewohnheit geworden war, hatte es sich in mancher Hinsicht als hilfreich erwiesen, daß ich alles registrierte und mit Einwürfen bedachte. Wenn ihn eine gewisse Langsamkeit meiner Denkvorgänge auch irritierte, so hatte dies nur zur Folge, daß seine Eingebungen und Ideen um so lebhafter und rascher aufflammten und blitzten. So also sah meine bescheidene Rolle in unserem Bündnis aus.

Als ich in der Baker Street eintraf, fand ich ihn in seinem Sessel kauernd vor: die Knie hochgezogen, die Pfeife im Mund und die Stirn vom Nachdenken zerfurcht. Offensichtlich steckte er mitten in einem quälenden Problem. Mit einer Handbewegung wies er auf meinen alten Lehnstuhl; doch ansonsten ließ er eine halbe Stunde lang durch nichts erkennen, daß er sich meiner Anwesenheit bewußt war. Dann schien er jählings aus seinen Träumereien aufzufahren und hieß mich mit seinem gewohnten seltsamen Lächeln in meinem ehemaligen Zuhause willkommen.

»Sie entschuldigen eine gewisse Geistesabwesenheit, mein lieber Watson«, sagte er. »In den letzten vierundzwanzig Stunden wurden mir einige sonderbare Fakten unterbreitet, die mich nun wiederum zu einigen Betrachtungen allgemeineren Charakters veranlaßt haben. Ich erwäge ernsthaft, eine kleine Monographie über den Nutzen von Hunden bei der Arbeit des Detektivs zu schreiben.«

»Aber Holmes, dieses Gebiet ist doch längst erforscht«, sagte ich. »Bluthunde – Spürhunde …«

»Nein, nein, Watson; dieser Aspekt der Sache liegt ja auf der Hand. Aber es gibt einen anderen, der viel subtiler ist. Sie erinnern sich vielleicht, daß ich in dem Fall, den Sie in Ihrer reißerischen Art an den Blutbuchen72 aufgehängt hatten, mein Augenmerk auf die Veranlagung des Kindes richtete und daraus die verbrecherischen Neigungen des so überaus selbstgefälligen und respektierlichen Vaters deduzieren konnte.«

»Ja, ich entsinne mich gut.«

»Entsprechend sieht mein Gedankengang in bezug auf Hunde aus. Hunde spiegeln das Familienleben wider. Hat man in einer trübsinnigen Familie je einen verspielten Hund erlebt? Oder einen traurigen in einer glücklichen? Knurrige Leute haben knurrige Hunde, gefährliche Leute haben gefährliche. Und Stimmungsschwankungen der Tiere spiegeln gewöhnlich Stimmungsschwankungen ihrer Besitzer wider.«

Ich schüttelte den Kopf. »Also wirklich, Holmes, das ist ein bißchen weit hergeholt«, sagte ich.

Er hatte seine Pfeife frisch gestopft und wieder Platz genommen, ohne meinen Kommentar zu beachten.

»Die praktische Nutzanwendung dessen, was ich eben gesagt habe, steht in sehr engem Zusammenhang mit dem Problem, das ich zur Zeit untersuche. Verstehen Sie, es ist wie ein wirres Wollknäuel, und ich bin noch auf der Suche nach einem losen Ende. Ein solches liegt möglicherweise in der Frage: Weshalb hat Professor Presburys treuer Wolfshund das Bestreben, seinen Herrn zu beißen?«

Ich sank ziemlich enttäuscht in meinen Stuhl zurück. Hatte Holmes mich wegen einer derartig trivialen Frage von meiner Arbeit weggerufen? Er warf mir einen raschen Blick zu.

»Immer noch derselbe alte Watson!« sagte er. »Sie werden wohl nie begreifen, daß die schwerwiegendsten Probleme von den geringfügigsten Kleinigkeiten abhängen können. Ist es denn nicht schon mal merkwürdig, daß ein gesetzter, älterer Philosoph – Sie haben doch von Presbury, dem berühmten Physiologen aus Camford73, zweifellos schon gehört? –, daß also ein solcher Mann, dessen Wolfshund ihm bislang ein treu ergebener Freund war, nun schon zweimal von seinem Tier angegriffen wurde? Wie erklären Sie sich das?«

»Der Hund ist krank.«

»Nun ja, das müßte man in Erwägung ziehen. Aber andere Personen greift er nicht an, und auch seinen Herrn belästigt er offenbar nur bei ganz bestimmten Gelegenheiten. Sonderbar, Watson – sehr sonderbar. Der junge Mr. Bennett kommt aber viel zu früh, falls das sein Klingeln sein sollte. Ich hatte eigentlich gehofft, vor seiner Ankunft noch etwas länger mit Ihnen plaudern zu können.«

Wir vernahmen rasche Schritte auf der Treppe, heftiges Klopfen an der Tür, und einen Moment später stand der neue Klient vor uns. Er war ein hochgewachsener, hübscher junger Mann um die Dreißig, gut und elegant gekleidet; doch irgend etwas an seinem Benehmen gemahnte eher an die Schüchternheit eines Studenten denn an das Selbstvertrauen eines Mannes von Welt. Er schüttelte Holmes die Hand; dann sah er ziemlich überrascht zu mir.

»Diese Angelegenheit ist äußerst delikat, Mr. Holmes«, sagte er. »Denken Sie doch an die Beziehung, in der ich zu Professor Presbury stehe, sowohl privat als auch öffentlich. Also eigentlich kann ich es kaum verantworten, mich vor irgendeiner dritten Person zu äußern.«

»Keine Angst, Mr. Bennett. Dr. Watson ist geradezu die Seele der Diskretion, und ich kann Ihnen versichern, daß ich bei dieser Sache höchstwahrscheinlich einen Assistenten benötige.«

»Wie Sie wollen, Mr. Holmes. Aber Sie werden meine Vorbehalte gewiß verstehen.«

»Für diese Vorbehalte werden Sie volles Verständnis haben, Watson, wenn ich Ihnen verrate, daß dieser Gentleman, Mr. Trevor Bennett, von Beruf Assistent des großen Wissenschaftlers ist, in seinem Haus lebt und mit seiner einzigen Tochter verlobt ist. Es muß uns klar sein, daß der Professor allen Anspruch auf seine Loyalität und Ergebenheit hat. Doch beides bezeigt man vielleicht am besten damit, daß man die nötigen Schritte zur Aufklärung dieses seltsamen Rätsels unternimmt.«

»Hoffentlich, Mr. Holmes. Das ist nämlich mein einziges Ziel. Kennt Dr. Watson die Situation?«

»Ich hatte noch keine Zeit, sie ihm zu erläutern.«

»Dann wäre es vielleicht besser, ich ginge sie noch einmal durch, bevor ich Sie gleich mit einigen neuen Entwicklungen vertraut mache.«

»Das möchte ich selbst übernehmen«, sagte Holmes, »um zu zeigen, daß ich die Ereignisse in der richtigen Reihenfolge parat habe. Der Professor, Watson, ist ein Mann von europäischem Ruf. Er hat immer das Leben eines Akademikers geführt. Noch nie gab es auch nur den leisesten Skandal. Er ist Witwer und hat eine Tochter, Edith. Soviel ich weiß, ist er von sehr männlichem und festem, man könnte fast sagen: kämpferischem Charakter. So verhielt es sich jedenfalls bis vor ganz wenigen Monaten.

Dann gab es in seinem Leben einen Bruch. Er ist schon einundsechzig Jahre alt; gleichwohl verlobte er sich mit der Tochter von Professor Morphy, einem Kollegen, der den Lehrstuhl für Vergleichende Anatomie innehat. Allerdings hat er ihr, wie ich höre, nicht mit der Bedachtsamkeit eines älteren Mannes, sondern eher mit der leidenschaftlichen Raserei eines Jünglings den Hof gemacht; niemand hätte seine Anbetung glühender bezeigen können. Die Lady, Alice Morphy, ist freilich ein vollkommen makelloses Mädchen, sowohl geistig als auch körperlich, so daß die Vernarrtheit des Professors durchaus gerechtfertigt ist. Trotzdem fand er damit bei seiner Familie keineswegs vollen Beifall.«

»Wir hielten das Ganze für ziemlich übertrieben«, sagte unser Besucher.

»Genau. Übertrieben und ein bißchen hitzig und unnatürlich. Aber Professor Presbury ist reich, und von Seiten des Vaters gab es keine Einwände. Die Tochter hatte allerdings andere Pläne; um ihre Hand hielten bereits mehrere Bewerber an, die in materieller Hinsicht zwar weniger zu bieten hatten, aber zumindest dem Alter nach eher zu ihr paßten. Doch das Mädchen schien den Professor trotz seines exzentrischen Verhaltens gern zu haben. Lediglich das Alter stand im Weg.

Um diese Zeit herum umwölkte plötzlich ein kleines Geheimnis den gewohnten Alltag des Professors. Er tat etwas, was er zuvor noch nie getan hatte. Er ging von zu Hause fort, ohne zu hinterlassen, wohin. Vierzehn Tage blieb er weg, und als er von der Reise zurückkehrte, wirkte er ziemlich erschöpft. Er gab auch nicht andeutungsweise zu verstehen, wo er sich aufgehalten hatte – obwohl er normalerweise der offenste und ehrlichste Mensch ist. Zufällig erhielt jedoch unser Klient hier, Mr. Bennett, einen Brief von einem Kommilitonen aus Prag, worin dieser ihm schrieb, er habe zu seiner Freude Professor Presbury dort gesehen; es sei ihm allerdings nicht möglich gewesen, mit ihm zu sprechen. Erst dadurch erfuhr seine Familie, wo er gesteckt hatte.

Nun kommt der springende Punkt. Von da an ging mit dem Professor nämlich eine merkwürdige Veränderung vor. Er wurde heimlichtuerisch und verschlagen. Seine Umgebung hatte immerzu das Gefühl, daß er nicht mehr der alte war, sondern unter einem Schatten lebte, der seine höheren Eigenschaften verdunkelte. Sein Intellekt blieb davon allerdings unberührt. Seine Vorlesungen waren so brillant wie eh und je. Aber etwas war neu, etwas Unheimliches und Ungewohntes. Seine Tochter, die sehr an ihm hängt, versuchte immer wieder, die altgewohnten Beziehungen wiederherzustellen und die Maske zu durchdringen, die ihr Vater aufgesetzt zu haben schien. Auch Sie, Sir, haben, wenn ich es recht verstehe, diesen Versuch unternommen – doch es war alles umsonst. Und nun, Mr. Bennett, erzählen Sie bitte selbst den Vorfall mit den Briefen.«

»Sie müssen wissen, Dr. Watson, daß der Professor keine Geheimnisse vor mir hatte. Selbst wenn ich sein Sohn oder sein jüngerer Bruder wäre, hätte ich kein vollständigeres Vertrauen genießen können. Als sein Sekretär bekam ich jedes Papier in die Hand, das ihn erreichte, und ich öffnete und sortierte seine Post. Kurz nach seiner Rückkehr hat sich das alles geändert. Er sagte mir, daß er gewisse Briefe aus London erhalten werde, die unterhalb der Briefmarke mit einem Kreuz gekennzeichnet seien. Diese sollten beiseite gelegt werden; sie seien nur für ihn persönlich bestimmt. Und in der Tat sind mehrere davon durch meine Hände gegangen; sie trugen den E.C.-Stempel 74, und die Handschrift hatte etwas Ungebildetes. Wenn er sie überhaupt beantwortet hat, gingen seine Antworten jedenfalls nicht durch meine Hände; sie waren auch nicht im Postkorb, wo unsere Korrespondenz bereitgelegt wird.«

»Das Kästchen«, sagte Holmes.

»Ah, ja, das Kästchen. Der Professor brachte von seiner Reise einen kleinen hölzernen Behälter mit. Er ist der einzige Anhaltspunkt dafür, daß er sich auf dem Kontinent aufgehalten hat; es handelt sich nämlich um eine dieser kuriosen Schnitzarbeiten, wie man sie aus Deutschland kennt. Diesen Behälter also stellte er in seinen Instrumentenschrank. Als ich eines Tages nach einer Kanüle suchte, nahm ich das Kästchen in die Hand. Zu meiner Überraschung wurde er sehr zornig und schalt mich mit überaus wüsten Worten wegen meiner Neugierde. Es war das erste Mal, daß so etwas geschah, und ich war zutiefst verletzt. Ich versuchte ihm zu erklären, daß ich das Kästchen rein zufällig angefaßt hätte; aber ich merkte dann den ganzen Abend über, daß er mich mit scharfen Blicken bedachte und daß der Vorfall innerlich an ihm nagte.« Mr. Bennett zog ein kleines Notizbuch hervor. »Das war am 2. Juli«, sagte er.

»Sie sind wirklich ein vortrefflicher Zeuge«, sagte Holmes. »Vielleicht kann ich einige dieser Daten, die Sie notiert haben, noch brauchen.«

»Mein großer Lehrer hat mir unter anderem auch Methodik beigebracht. Seit ich in seinem Verhalten etwas Abnormes festgestellt habe, halte ich es für meine Pflicht, seinen Fall zu studieren. Folglich habe ich hier eingetragen, daß Roy am gleichen Tag, also am 2. Juli, den Professor angegriffen hat, als dieser aus seinem Arbeitszimmer in die Halle kam. Am 11. Juli ereignete sich wieder eine derartige Szene, und dann habe ich noch eine weitere am 20. Juli notiert. Danach mußten wir Roy zu den Ställen verbannen. Er war sonst ein braves, anhängliches Tier – aber ich fürchte, ich langweile Sie.«

Mr. Bennett sprach in vorwurfsvollem Ton, denn ganz offensichtlich hörte Holmes längst nicht mehr zu. Sein Gesicht war starr, und er blickte abwesend zur Zimmerdecke. Nur mit Mühe kam er wieder zu sich.

»Eigenartig! Höchst eigenartig!« murmelte er. »Diese Details waren mir neu, Mr. Bennett. Ich glaube, die Ausgangslage haben wir nun eingehend genug betrachtet, oder? Sie sprachen doch noch von einigen neuen Entwicklungen.«

Das freundliche, offene Gesicht unseres Besuchers umwölkte sich; es wurde von irgendeiner schlimmen Erinnerung verdüstert. »Das Folgende hat sich vorgestern nacht ereignet«, sagte er. »Als ich ungefähr um zwei Uhr morgens wachlag, vernahm ich vom Flur her ein dumpfes undeutliches Geräusch. Ich öffnete die Tür und spähte vorsichtig hinaus. Vielleicht sollte ich noch vorausschicken, daß das Schlafzimmer des Professors am Ende des Flurs liegt …«

»Das Datum war der …?« fragte Holmes.

Unser Besucher war über eine so belanglose Unterbrechung sichtlich verärgert.

»Ich sagte doch eben, Sir, daß es sich vorgestern nacht ereignet hat – also am 4. September.«

Holmes nickte und lächelte.

»Bitte fahren Sie fort«, sagte er.

»Sein Schlafzimmer liegt am Ende des Flurs; um zur Treppe zu kommen, müßte er also an meiner Tür vorbei. Es war ein wirklich schauderhaftes Erlebnis, Mr. Holmes. Ich glaube, ich habe so starke Nerven wie irgendeiner; aber das, was ich da gesehen habe, hat mich geschüttelt. Der Flur war dunkel, abgesehen von einem Lichtfleck in der Mitte, den das eine Fenster warf. Ich konnte erkennen, daß etwas den Flur entlangkam, etwas Dunkles und Geducktes. Dann tauchte es plötzlich ins Licht, und ich sah, daß er es war. Er kroch, Mr. Holmes – er kroch! Allerdings nicht richtig auf Händen und Knien, sondern eher auf Händen und Füßen, wobei sein Kopf zwischen den hochgezogenen Schultern nach vorn gesunken war. Dennoch schien er sich mit Leichtigkeit zu bewegen. Ich war von dem Anblick völlig gelähmt; erst als er meine Tür erreicht hatte, war ich imstande, vorzutreten und ihn zu fragen, ob ich ihm behilflich sein könne. Seine Reaktion war außergewöhnlich. Er fuhr hoch, zischte mir ein gräßliches Wort entgegen und hastete an mir vorbei, die Treppe hinunter. Ich habe dann ungefähr eine Stunde gewartet; aber er kam nicht wieder. Es muß schon hell gewesen sein, als er in sein Zimmer zurückkehrte.«

»Nun, Watson, wie lautet Ihr Befund?« fragte Holmes mit dem Air des Pathologen, der einen raren Fall vorführt.

»Vielleicht Hexenschuß. Ich habe schon erlebt, daß jemand durch einen schweren Anfall zu ebendieser Art der Fortbewegung genötigt war, und es gibt nichts, was sich schlimmer auswirkt auf das Gemüt.«

»Gut, Watson! Sie sorgen immer dafür, daß wir mit beiden Beinen fest auf der Erde bleiben. Aber den Hexenschuß können wir wohl kaum gelten lassen, da der Professor ja in der Lage war, sich im Nu aufzurichten.«

»Seine Gesundheit war noch nie besser«, sagte Bennett. »Ja, er ist sogar kräftiger, als ich ihn seit Jahren erlebt habe. Das wären nun also die Fakten, Mr. Holmes. Bei einem solchen Fall können wir ja nicht die Polizei konsultieren; andererseits sind wir mit unserem Latein völlig am Ende und haben irgendwie das unheimliche Gefühl, daß wir auf eine Katastrophe zutreiben. Edith – Miss Presbury – findet auch, daß wir nicht länger untätig zusehen dürfen.«

»Der Fall ist zweifellos sehr merkwürdig und anregend. Was meinen denn Sie dazu, Watson?«

»Als Mediziner würde ich sagen«, bemerkte ich, »daß es sich allem Anschein nach um einen Fall für den Nervenarzt handelt. Die zerebralen Prozesse des alten Herrn wurden durch die Liebesaffäre gestört. Er unternahm eine Auslandsreise, in der Hoffnung, sich von dieser Leidenschaft zu befreien. Seine Briefe und das Kästchen hängen womöglich mit anderen Privatangelegenheiten zusammen – einem Darlehen vielleicht, oder Aktien, die sich in dem Behälter befinden.«

»Und der Wolfshund mißbilligt ohne Zweifel diese Geldgeschäfte. Nein, nein, Watson; da steckt mehr dahinter. Nun, ich kann nur vorschlagen …«

Was Sherlock Holmes vorschlagen wollte, wird man nie erfahren, denn in diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und eine junge Lady wurde hereingeleitet. Bei ihrem Erscheinen fuhr Mr. Bennett mit einem Aufschrei hoch und eilte auf sie zu, bis sich ihrer beider ausgestreckte Hände begegneten.

»Edith, Liebste! Es ist doch hoffentlich nichts passiert?«

»Ich mußte dir einfach nachfahren. Oh, Jack, ich hatte so entsetzliche Angst! Es ist furchtbar, dort alleine zu sein.«

»Mr. Holmes, das ist die erwähnte junge Lady. Das ist meine Verlobte.«

»Zu diesem Schluß sind wir so nach und nach auch gekommen, nicht wahr, Watson?« antwortete Holmes lächelnd. »Ich nehme an, Miss Presbury, daß sich in unserem Fall etwas Neues ergeben hat und daß Sie uns davon in Kenntnis setzen wollen.«

Unsere neue Besucherin, ein aufgewecktes, hübsches Mädchen vom herkömmlichen englischen Typ, erwiderte Holmes’ Lächeln, als sie neben Mr. Bennett Platz nahm.

»Als ich Mr. Bennett nicht mehr in seinem Hotel antraf, habe ich mir gedacht, daß ich ihn wahrscheinlich bei Ihnen finde. Er hatte mir natürlich gesagt, daß er Sie konsultieren wolle. Ach, Mr. Holmes, können Sie denn nichts für meinen armen Vater tun?«

»Es bestehen gewisse Hoffnungen, Miss Presbury; aber der Fall liegt noch etwas im Dunkeln. Möglicherweise wirft das, was Sie uns mitzuteilen haben, ein neues Licht darauf.«

»Es geschah gestern nacht, Mr. Holmes. Er war schon den ganzen Tag über sehr merkwürdig gewesen. Ich bin sicher, er erinnert sich manchmal gar nicht an das, was er tut. Er lebt dann wie in einem seltsamen Traum. Gestern war so ein Tag. Das war nicht mein Vater, mit dem ich immer zusammengelebt habe. Seine Außenhülle war noch vorhanden; aber in Wirklichkeit war das nicht mehr er selbst.«

»Erzählen Sie mir, was geschehen ist.«

»Ich wurde nachts vom rasenden Gebell des Hundes aufgeweckt. Der arme Roy, er liegt jetzt bei den Ställen an der Kette. Ich darf noch erwähnen, daß ich immer bei verschlossener Tür schlafe; Jack – Mr. Bennett – wird Ihnen bestätigen, daß wir alle das Gefühl haben, in Gefahr zu schweben. Mein Zimmer liegt im zweiten Stock. Zufällig war an meinem Fenster das Rouleau oben, und der Mond schien hell. Als ich so dalag, meine Augen auf dieses leuchtende Viereck geheftet, und dabei dem rasenden Hundegebell lauschte, bemerkte ich zu meinem höchsten Erstaunen das Gesicht meines Vaters, der zu mir hereinblickte. Mr. Holmes, ich bin vor Schreck und Entsetzen fast gestorben. Er preßte das Gesicht gegen die Scheibe und schien eine Hand hochzuheben, als wolle er das Fenster aufdrücken. Wenn es sich geöffnet hätte – ich glaube, ich wäre verrückt geworden. Das war keine Halluzination, Mr. Holmes. Wenn Sie das glauben, täuschen Sie sich. Jedenfalls bin ich ungefähr zwanzig Sekunden wie gelähmt dagelegen und habe das Gesicht im Auge behalten. Dann ist es verschwunden; aber ich war einfach nicht in der Lage, aus dem Bett zu springen und ihm nachzuschauen. Fröstelnd und zitternd bin ich bis zum Morgen liegengeblieben. Beim Frühstück war er dann schroff und grimmig, machte jedoch keine Anspielung auf das nächtliche Abenteuer. Ich auch nicht; aber ich gab vor, in die Stadt zu müssen – und so bin ich nun hier.«

Holmes schien von Miss Presburys Bericht vollkommen verblüfft zu sein.

»Meine liebe junge Lady, Sie sagen, Ihr Zimmer liegt im zweiten Stock. Gibt es im Garten eine lange Leiter?«

»Nein, Mr. Holmes, das ist ja das Erstaunliche. Es gibt keinerlei Möglichkeit, ans Fenster zu gelangen – trotzdem war er da.«

»Das Datum wäre also der 5. September«, sagte Holmes. »Das macht die Sache zweifellos noch komplizierter.«

Nun war es an der jungen Lady, verblüfft dreinzuschauen.

»Jetzt haben Sie schon zum zweiten Mal das Datum erwähnt, Mr. Holmes«, sagte Bennett. »Ist es denn möglich, daß das mit dem Fall irgend etwas zu tun hat?«

»Ja, das ist sogar sehr gut möglich; aber ich habe im Augenblick mein Material noch nicht ganz beisammen.«

»Sie denken vermutlich an den Zusammenhang zwischen einer Geisteskrankheit und den Mondphasen?«

»Nein, bestimmt nicht. Meine Gedanken gehen in eine ganz andere Richtung. Vielleicht könnten Sie mir zur Überprüfung der Daten Ihr Notizbuch dalassen? Ich glaube, Watson, nun ist völlig klar, wie wir vorgehen müssen. Diese junge Lady hat uns mitgeteilt – und ich habe zu ihrem Wahrnehmungsvermögen das größte Vertrauen –, daß sich ihr Vater nur wenig oder gar nicht an das erinnert, was zu bestimmten Zeitpunkten geschehen ist. Wir werden ihm daher einen Besuch abstatten – und zwar so, als ob er uns zu einem solchen Zeitpunkt eine Zusammenkunft gewährt hätte. Er wird die Sache seinem mangelhaften Gedächtnis zuschreiben. Wir eröffnen also unsere Kampagne, indem wir ihn einmal ganz aus der Nähe in Augenschein nehmen.«

»Ausgezeichnet«, sagte Mr. Bennett. »Aber ich warne Sie; der Professor ist manchmal reizbar und unbeherrscht.«

Holmes lächelte. »Es gibt Gründe, warum wir sofort kommen sollten – sehr zwingende Gründe, falls sich meine Theorien als stichhaltig erweisen. Morgen, Mr. Bennett, werden wir uns mit Sicherheit in Camford einfinden. Es gibt dort, wenn ich mich recht entsinne, einen Gasthof namens ›Chequers‹, wo der Portwein über dem Mittelmaß und das Linnen über jeden Tadel erhaben zu sein pflegt. Doch ich glaube, Watson, das Schicksal dürfte die nächsten paar Tage auch weniger angenehme Stätten für uns bereithalten.«

Am Montag morgen befanden wir uns auf dem Weg zu der berühmten Universitätsstadt – für Holmes, der sich von nichts und niemandem loszureißen hatte, ein müheloses Unterfangen; für mich jedoch eines, das fiebrige Planerei und Hetze mit sich brachte, da ich damals eine recht gut gehende Praxis hatte. Holmes kam erst wieder auf den Fall zu sprechen, nachdem wir bereits unsere Koffer in dem von ihm erwähnten alten Gasthaus abgestellt hatten.

»Ich glaube, Watson, wir können den Professor gerade noch vor dem Lunch erwischen. Er hat um elf Vorlesung und wird in der Mittagspause wohl zu Hause sein.«

»Und womit wollen wir unseren Besuch rechtfertigen?«

Holmes warf einen Blick in sein Notizbuch.

»Am 26. August trat einer dieser Erregungszustände auf. Wir können davon ausgehen, daß sein Bewußtsein dabei ein bißchen getrübt ist. Wenn wir also behaupten, wir seien aufgrund einer Verabredung gekommen, wird er wohl kaum wagen, uns zu widersprechen. Besitzen Sie die nötige Unverfrorenheit, das durchzustehen?«

»Wir wollen es versuchen.«

»Hervorragend, Watson! Eine Mischung aus Bienenfleiß und Excelsior.75 ›Wir wollen es versuchen‹ –: –: der rechte Wahlspruch für unsere Firma. Ein freundlicher Eingeborener wird uns bestimmt den Weg zeigen.«

Ein ebensolcher kutschierte uns mit einem schmucken Einspänner in rascher Fahrt an einer Reihe von alten Universitätsgebäuden vorbei, bog schließlich in eine von Bäumen eingefaßte Auffahrt ein und hielt am Eingang eines reizenden Hauses, das von Rasen umsäumt und mit purpurnen Glyzinien bedeckt war. Allem Anschein nach umgab sich Professor Presbury nicht nur mit Komfort, sondern auch mit Luxus. Gleich als wir vorfuhren, tauchte am Vorderfenster ein grauhaariger Kopf auf, und wir gewahrten ein Paar stechender Augen, die uns unter zottigen Brauen forschend durch eine große Hornbrille beobachteten. Einen Augenblick später befanden wir uns in seinem Allerheiligsten, und der geheimnisvolle Wissenschaftler, dessen Eskapaden uns aus London hierher geführt hatten, stand persönlich vor uns. Nichts deutete allerdings auf Exzentrik, weder in seinem Benehmen noch in seinem Äußeren, denn er war ein stattlicher Mann mit vollen Gesichtszügen, ernst, hochgewachsen und mit einem Gehrock angetan; seinem Auftreten eignete jene Würde, deren man als Dozent bedarf. Die Augen stellten sein auffallendstes Merkmal dar: Sie blickten scharf, wachsam und so listig, daß sie fast schon verschlagen wirkten.

Er betrachtete unsere Visitenkarten. »Nehmen Sie bitte Platz, Gentlemen. Was kann ich für Sie tun?«

Mr. Holmes lächelte liebenswürdig.

»Genau diese Frage wollte ich eben an Sie stellen, Professor.«

»An mich, Sir!«

»Möglicherweise liegt da ein Irrtum vor. Ich habe durch einen Dritten erfahren, daß Professor Presbury aus Camford meine Dienste benötigt.«

»Ach, tatsächlich!« Mir war, als ob es in den durchdringenden grauen Augen tückisch auffunkelte. »Das haben Sie also erfahren, ja? Darf ich mich nach dem Namen Ihres Informanten erkundigen?«

»Tut mir leid, Professor, aber die Angelegenheit ist ziemlich vertraulich. Es handelt sich wohl doch um einen harmlosen Irrtum. Mir bleibt nur noch, Ihnen mein Bedauern darüber auszudrücken.«

»Keine Ursache. Allerdings würde ich auf diese Angelegenheit gern etwas näher eingehen. Sie interessiert mich. Haben Sie irgend etwas Schriftliches, einen Brief oder ein Telegramm, womit Sie Ihre Behauptung belegen können?«

»Nein.«

»Ich nehme doch an, Sie versteigen sich nicht zu der Behauptung, ich selbst hätte Sie herbestellt?«

»Ich möchte lieber keine Fragen beantworten«, sagte Holmes.

»Nein, natürlich nicht«, sagte der Professor schroff. »Wie auch immer, diese Frage läßt sich sehr leicht ohne Ihre Mithilfe beantworten.«

Er ging durchs Zimmer zur Klingel. Auf das Läuten hin erschien Mr. Bennett, unser Freund aus London.

»Kommen Sie herein, Mr. Bennett. Diese beiden Gentlemen sind aus London gekommen, in der Annahme, sie seien herbestellt worden. Sie erledigen meine gesamte Korrespondenz. Ist Ihnen bekannt, ob einer Person namens Holmes irgendeine Nachricht zuging?«

»Nein, Sir«, antwortete Bennett errötend.

»Damit wäre die Frage wohl erledigt«, sagte der Professor; er starrte meinen Gefährten zornig an. »Nun, Sir« – er lehnte sich, beide Hände auf den Tisch gestützt, nach vorne –, »mir scheint, Ihre Position ist sehr fragwürdig.«

Holmes zuckte mit den Achseln.

»Ich kann nur wiederholen, daß es mir leid tut, Sie unnötig gestört zu haben.«

»Das ist wohl kaum ausreichend, Mr. Holmes!« rief der Alte mit hoher kreischender Stimme und überaus feindseliger Miene. Während er sprach, stellte er sich zwischen uns und die Tür und drohte uns in wilder Erregung mit beiden Händen. »So leicht kommen Sie mir nicht davon.« Sein Gesicht war verzerrt; in seiner besinnungslosen Wut fletschte er die Zähne und gab schnatternde Laute von sich. Ich bin überzeugt, daß wir uns den Weg aus dem Zimmer hätten erkämpfen müssen, wäre Mr. Bennett nicht dazwischengetreten.

»Mein lieber Professor«, rief er, »bedenken Sie doch Ihre Position! Denken Sie an den Skandal an der Universität! Mr. Holmes ist ein bekannter Mann. Sie dürfen ihn auf keinen Fall so unhöflich behandeln.«

Widerwillig machte unser Gastgeber – wenn ich ihn denn so nennen darf – den Weg zur Tür frei. Wir waren froh, uns wieder außerhalb des Hauses und in der Stille der von Bäumen umsäumten Auffahrt zu befinden. Holmes schien die Episode höchlich amüsiert zu haben.

»Die Nerven unseres gelehrten Freundes sind ein wenig in Unordnung«, sagte er. »Unser Eindringen war vielleicht doch etwas plump; gleichwohl hat es uns den erwünschten persönlichen Kontakt eingebracht. Aber, lieber Himmel, Watson, er ist uns doch tatsächlich auf den Fersen. Der Wüterich verfolgt uns immer noch.«

Hinter uns ertönte das Geräusch eiliger Schritte; zu meiner Erleichterung war es jedoch nicht der furchterregende Professor, sondern sein Assistent, der in der Kurve der Auffahrt erschien. Keuchend kam er auf uns zu.

»Es tut mir so leid, Mr. Holmes. Ich wollte Sie um Entschuldigung bitten.«

»Mein lieber Sir, dazu besteht keine Notwendigkeit. Das gehört durchaus zu meinem beruflichen Alltag.«

»So gefährlich habe ich ihn noch nie erlebt. Er wird immer unheimlicher. Vielleicht verstehen Sie jetzt, warum seine Tochter und ich beunruhigt sind. Sein Verstand ist allerdings vollkommen klar.«

»Nur zu klar!« sagte Holmes. »Und darin hab ich mich verrechnet. Offensichtlich ist sein Gedächtnis zuverlässiger, als ich gedacht hatte. Nebenbei bemerkt, können wir, bevor wir gehen, noch das Fenster von Miss Presburys Zimmer sehen?«

Mr. Bennett schob sich durch einige Büsche; dann lag die Seitenansicht des Hauses vor uns.

»Das dort ist es. Das zweite von links.«

»Meine Güte, da kommt man wohl wirklich kaum hinauf. Andererseits ist Ihnen gewiß nicht entgangen, daß sich darunter eine Kletterpflanze und darüber ein Wasserrohr befindet; das bietet den Füßen schon einigen Halt.«

»Also ich brächte es nicht fertig, da hinaufzuklettern«, sagte Mr. Bennett.

»Das glaube ich Ihnen gern. Für einen normalen Menschen wäre das auch mit Sicherheit ein gefährliches Unternehmen.«

»Ich wollte Ihnen noch etwas anderes sagen, Mr. Holmes. Ich habe nämlich die Londoner Adresse, an die der Professor immer schreibt. Heute morgen scheint er es wieder getan zu haben; da habe ich sie von seinem Löschblatt abgeschrieben. Kein sehr nobles Verhalten für einen Sekretär in einer Vertrauensstellung; aber was bleibt mir anderes übrig?«

Holmes warf einen Blick auf den Zettel und steckte ihn ein.

»Dorak – ein merkwürdiger Name. Slawisch, nehme ich an. Nun gut, das ist ein wichtiges Glied in der Kette. Wir fahren heute nachmittag nach London zurück, Mr. Bennett. Ich sehe keinen Sinn darin, noch länger hierzubleiben. Wir können den Professor nicht festnehmen, weil er nichts verbrochen hat; wir können ihn auch nicht unter Aufsicht stellen, denn eine geistige Störung ist nicht nachweisbar. Bis jetzt läßt sich also gar nichts machen.« »Was in aller Welt können wir denn dann noch tun?«

»Haben Sie ein bißchen Geduld, Mr. Bennett. Die Dinge werden sich rasch weiterentwickeln. Wenn ich mich nicht irre, kommt es am nächsten Dienstag erneut zu einer Krise. An dem Tag sind wir selbstredend wieder hier. Vorerst ist die allgemeine Lage allerdings nicht eben erfreulich, das läßt sich nicht leugnen; und wenn Miss Presbury ihren Aufenthalt verlängern kann …«

»Das geht ohne weiteres.«

»Dann soll sie in London bleiben, bis wir ihr zusichern können, daß die Gefahr völlig vorüber ist. Unterdessen lassen Sie ihn gewähren und kommen ihm nicht in die Quere. Solange er bei guter Laune ist, kann nichts passieren.«

»Dort ist er!« flüsterte Bennett erschrocken. Als wir durch die Zweige spähten, sahen wir die hochgewachsene, aufrechte Gestalt aus dem Eingang der Halle treten und sich umschauen. Er stand nach vorne gebeugt da und ließ die Arme baumeln, wobei er den Kopf hin und her drehte. Der Sekretär winkte uns noch einmal kurz zu und entschlüpfte zwischen die Bäume; bald darauf beobachteten wir, wie er sich seinem Brotherrn wieder anschloß und wie die beiden in offenbar angeregtem, wenn nicht gar aufgeregtem Gespräch zusammen das Haus betraten.

»Ich nehme an, der alte Gentleman hat sich auf den Vorfall inzwischen seinen Reim gemacht«, sagte Holmes, als wir wieder hotelwärts marschierten. »Das wenige, das ich von ihm gesehen habe, hat mir nämlich den Eindruck vermittelt, als verfüge er über einen besonders klaren und logischen Verstand. Etwas explosiv freilich; aber schließlich hat er von seinem Standpunkt aus gesehen auch einigen Grund zu explodieren, wenn Detektive auf seine Spur angesetzt sind und er seine Familie verdächtigen muß, dies veranlaßt zu haben. Ich glaube fast, Freund Bennett sieht ungemütlichen Zeiten entgegen.«

Holmes machte unterwegs am Postamt halt und gab ein Telegramm auf. Abends erreichte uns die Antwort, und er warf sie mir zu. »War in der Commercial Road bei Dorak. Verbindliches Wesen, Böhme, ältlich. Besitzt großen Gemischtwarenladen. – Mercer.«

»Mercer kam erst nach Ihrer Zeit«, sagte Holmes. »Er ist mein Mädchen für alles und erledigt Routinearbeiten. Es war wichtig, etwas über diesen Mann zu erfahren, mit dem unser Professor eine derart geheime Korrespondenz unterhält. Seine Nationalität stellt eine Verbindung zu dem Besuch in Prag her.«

»Gott sei Dank lassen sich überhaupt noch Verbindungen herstellen«, sagte ich. »Mir scheint im Moment, wir stehen einer langen Reihe von unerklärlichen Ereignissen gegenüber, die nichts miteinander zu tun haben. Welcher Zusammenhang könnte denn beispielsweise zwischen einem wütenden Wolfshund und einer Reise nach Böhmen bestehen, oder in welcher Beziehung steht beides zu einem Mann, der nachts durch einen Flur kriecht? Und was Ihre Daten betrifft – der Punkt verwirrt mich am allermeisten.«

Holmes lächelte und rieb sich die Hände. Wir saßen, wie ich noch erwähnen möchte, in dem alten Aufenthaltsraum des bejahrten Gasthofes; auf dem Tisch zwischen uns stand eine Flasche jenes berühmten Tropfens, den Holmes erwähnt hatte.

»Nun, dann wollen wir mit den Daten beginnen«, sagte er, indem er die Fingerspitzen aneinanderlegte und sich gerierte, als doziere er vor einer Klasse. »Das Notizbuch dieses vortrefflichen jungen Mannes weist aus, daß es am 2. Juli zu einer Störung kam; von da an scheinen sich diese Störungen in neuntägigen Intervallen wiederholt zu haben – und zwar, soweit ich mich entsinne, mit nur einer einzigen Ausnahme. Der letzte Ausbruch erfolgte demnach am Freitag, dem 3. September; er fällt ebenso in diese Serie wie der ihm vorausgegangene am 26. August. Das Ganze ist bestimmt kein Zufall.«

Dem mußte ich beipflichten.

»Wir wollen daraufhin einmal die vorläufige Theorie aufstellen, daß der Professor alle neun Tage irgendeine starke Droge zu sich nimmt, die eine zwar vorübergehende, aber hochgiftige Wirkung hat. Sein von Natur aus ungestümes Wesen wird durch sie noch intensiviert. Mit dieser Droge kam er zum ersten Mal in Berührung, als er sich in Prag aufhielt; inzwischen besorgt er sie sich mit Hilfe eines böhmischen Zwischenhändlers in London. Das alles hängt miteinander zusammen, Watson!«

»Aber der Hund, das Gesicht am Fenster, der geduckte Mann im Flur?«

»Nun, nun; wir stehen ja erst am Anfang. Vor nächsten Dienstag erwarte ich eigentlich keine neuen Entwicklungen. In der Zwischenzeit bleibt uns nichts anderes übrig, als die Verbindung mit Freund Bennett aufrechtzuerhalten und die Annehmlichkeiten dieser reizenden Stadt zu genießen.«

 

Am nächsten Morgen kam Mr. Bennett auf einen Sprung vorbei, um über den neuesten Stand der Dinge zu berichten. Wie Holmes vorausgesehen hatte, waren für ihn nicht gerade leichte Zeiten angebrochen. Ohne ihm direkt vorzuwerfen, für unsere Anwesenheit verantwortlich zu sein, habe der Professor sehr grobe und gemeine Worte gebraucht und sich offenbar schwer gekränkt gefühlt. Heute morgen sei er jedoch wieder ganz der alte und habe im überfüllten Hörsaal seine gewöhnt brillante Vorlesung gehalten. »Von seinen seltsamen Anfallen abgesehen«, sagte Bennett, »besitzt er eigentlich mehr Energie und Vitalität denn je; und auch sein Verstand war noch nie klarer. Trotzdem ist er nicht er selbst – das ist nicht mehr der Mann, wie wir ihn kennen.«

»Ich denke, Sie haben nun mindestens eine Woche lang nichts mehr zu befürchten«, antwortete Holmes. »Ich bin ein beschäftigter Mann, und Dr. Watson muß sich um seine Patienten kümmern. Wenn es Ihnen recht ist, treffen wir uns hier am nächsten Dienstag zur gleichen Uhrzeit; es sollte mich nicht überraschen, wenn sich vor unserem nächsten Abschied Ihre Probleme, wenn auch vielleicht nicht beheben, so doch zumindest erklären lassen. In der Zwischenzeit halten Sie uns bitte über die Ereignisse auf dem laufenden.« Die nächsten paar Tage bekam ich meinen Freund nicht zu Gesicht; am Abend des darauffolgenden Montags erhielt ich jedoch eine kurze Nachricht, worin er mich bat, ihn anderntags am Zug zu treffen. Wie er mir dann auf der Fahrt nach Camford berichtete, stand alles gut; nichts habe in der Zwischenzeit des Professors Hausfrieden gestört, und sein Verhalten sei vollkommen normal. Dies entsprach auch dem Rapport, den uns Mr. Bennett erstattete, als er uns am nämlichen Abend in unserem alten Quartier im ›Chequers‹ aufsuchte. »Er hat heute Nachricht von seinem Londoner Briefpartner erhalten. Ein Brief und ein Päckchen sind gekommen; beide hatten das Kreuz unterhalb der Marke – als Hinweis für mich, sie nicht anzurühren. Sonst hat sich bis jetzt nichts getan.«

»Das dürfte schon mehr als genug sein«, sagte Holmes grimmig. »Alsdann, Mr. Bennett; ich glaube, heute nacht kommen wir zu einem Abschluß. Wenn meine Deduktionen korrekt sind, dürften wir Gelegenheit haben, eine Entscheidung herbeizuführen. Zu diesem Zweck ist es allerdings notwendig, den Professor im Auge zu behalten. Ich würde daher vorschlagen, daß Sie wach bleiben und sich auf die Lauer legen. Sollten Sie ihn an Ihrer Tür vorbeikommen hören, dann halten Sie ihn bitte nicht auf, sondern folgen ihm so vorsichtig wie möglich nach. Dr. Watson und ich werden ganz in der Nähe sein. Übrigens, wo befindet sich der Schlüssel zu dem Kästchen, das Sie erwähnt haben?«

»An seiner Uhrkette.«

»Ich glaube, wir müssen unsere Nachforschungen in diese Richtung verlagern. Schlimmstenfalls ließe sich das Schloß wohl nicht allzu schwer knacken. Gibt es im Haus sonst noch einen kräftigen Mann?«

»Da wäre noch der Kutscher, Macphail.«

»Wo schläft er?«

»Über den Ställen.«

»Möglicherweise brauchen wir ihn. Schön, ehe wir nicht wissen, wie sich die Dinge entwickeln, können wir nichts mehr tun. Good bye – ich nehme an, wir sehen uns vor morgen früh wieder.«

Kurz vor Mitternacht bezogen wir Posten zwischen einigen Büschen, unmittelbar gegenüber dem Hauseingang des Professors. Die Nacht war schön, aber kalt; wir waren froh, unsere Mäntel anzuhaben. Eine Brise wehte, und am Himmel eilten Wolken dahin, von Zeit zu Zeit den Halbmond verdunkelnd. Die Nachtwache wäre recht trostlos gewesen, hätte uns nicht die Erwartung und Aufregung darüber hinweggeholfen sowie die Zuversicht meines Gefährten, daß wir mutmaßlich am Ende dieser seltsamen Folge von Ereignissen angelangt seien, die unsere Aufmerksamkeit in Bann gehalten hatten.

»Wenn der Neun-Tage-Zyklus Gültigkeit hat, dann erleben wir den Professor heute nacht von seiner schlimmsten Seite«, sagte Holmes. »Die Tatsache, daß diese eigenartigen Symptome erstmals nach seinem Besuch in Prag auftraten, daß er mit einem böhmischen Händler in London, der vermutlich jemanden in Prag vertritt, eine geheime Korrespondenz unterhält und daß er ausgerechnet heute von ihm ein Päckchen erhalten hat –: das alles deutet in eine einzige Richtung. Was er zu sich nimmt und warum er es nimmt, entzieht sich noch unserer Kenntnis; aber daß es irgendwie aus Prag herrührt, ist wohl ziemlich klar. Die Einnahme erfolgt nach ganz bestimmten Vorschriften, die dieses Neun-Tage-System regulieren; das war der erste Punkt, der meine Aufmerksamkeit erregte. Aber auch seine Symptome sind höchst bemerkenswert. Haben Sie einmal auf die Knöchel seiner Finger geachtet?«

Ich mußte zugeben, dies versäumt zu haben.

»Dick und hornig, wie ich es noch nie gesehen habe. Schauen Sie sich immer zuerst die Hände an, Watson. Danach die Manschetten, die Knie-Partie der Hosen und die Stiefel. Ja, sehr seltsame Knöchel; sie lassen sich nur durch die Art der Fortbewegung erklären, wie Bennet sie be …« Holmes hielt inne und schlug sich plötzlich mit der Hand an die Stirn. »Oh, Watson, Watson, was war ich doch für ein Narr! Es scheint unglaublich; und dennoch muß es die Wahrheit sein. Alles weist in eine einzige Richtung. Wie konnte ich nur diese Gedankenverbindung mißachten! Diese Knöchel – wie konnte ich nur diese Knöchel übersehen! Und der Hund! Und das Efeu! Es wird wahrhaftig Zeit, daß ich mich auf den kleinen Bauernhof meiner Träume zurückziehe. Aufgepaßt, Watson! Da ist er! Gleich haben wir Gelegenheit, alles mit eigenen Augen zu sehen.«

Die Eingangstür hatte sich langsam geöffnet, und vor dem lampenerleuchteten Hintergrund erkannten wir die hochgewachsene Gestalt von Professor Presbury. Er trug seinen Schlafrock. Als seine Silhouette im Türrahmen erschien, stand er zwar aufrecht, doch etwas nach vorne gebeugt, wobei er die Arme baumeln ließ – genau so, wie wir ihn zuletzt gesehen hatten.

Nun trat er auf den Weg hinaus, und eine sonderbare Veränderung ging mit ihm vor. Er ließ sich in eine kauernde Haltung sinken; dann bewegte er sich auf Händen und Füßen dahin – hie und da machte er einen Luftsprung, als ob er vor Energie und Vitalität geradezu überschäumte. Er bewegte sich an der Vorderseite des Hauses entlang und dann um die Ecke. Als er verschwunden war, schlüpfte Bennett durch den Halleneingang und folgte ihm leise nach.

»Los, Watson, kommen Sie!« rief Holmes; wir stahlen uns so sachte wie möglich durch die Büsche, bis wir eine Stelle erreicht hatten, von wo wir die andere Hausseite überblicken konnten, die ins Licht des Halbmondes getaucht war. Der Professor kauerte deutlich sichtbar am Fuß der efeubewachsenen Mauer. Während wir ihn beobachteten, begann er plötzlich mit unglaublicher Behendigkeit daran hochzuklettern. Sicheren Fußes und festen Griffes hüpfte er von Zweig zu Zweig; offensichtlich kletterte er aus schierer Freude an seiner Kraft und ohne ein bestimmtes Ziel im Auge. Mit dem ihn umflatternden Schlafrock wirkte er wie eine riesige, an der Wand seines Hauses klebende Fledermaus – wie ein großer eckiger dunkler Fleck auf der mondhellen Mauer. Alsbald wurde er jedoch dieses Zeitvertreibs müde; er ließ sich von Zweig zu Zweig hinabgleiten, verfiel dann in die alte kauernde Haltung und bewegte sich in Richtung der Ställe mit dem gleichen seltsamen geduckten Hüpfen wie zuvor. Der Wolfshund war inzwischen draußen; er bellte wie rasend und, als er plötzlich seinen Herrn erblickte, aufgeregter denn je. Er zerrte an seiner Kette und zitterte vor Erregung und Wut. Der Professor kauerte sich in aller Ruhe knapp außer Reichweite des Hundes nieder und begann ihn auf jede erdenkliche Weise zu provozieren. Mehrmals nahm er vom Weg eine Handvoll Kiesel auf und warf sie dem Hund ins Gesicht; dann stachelte er ihn mit einem Stock, den er aufgelesen hatte, fuchtelte mit den Händen nur wenige Inch vor dem schnappenden Maul herum und versuchte auf jede Art die Wut des Tieres zu steigern, das inzwischen völlig außer Rand und Band war. Bei all unseren Abenteuern habe ich wohl noch nie etwas so Seltsames gesehen wie diese ungerührte und nach wie vor würdevolle Gestalt, die da wie ein Frosch am Boden hockte und den wütenden Hund, der vor ihr tobte und raste, durch allerhand raffinierte und wohlkalkulierte Grausamkeiten zu noch wilderer Schaustellung seiner Wut aufreizte.

Und dann geschah es im Nu! Zwar riß nicht die Kette, aber das Halsband rutschte weg, denn es war eigentlich für den dicken Nacken eines Neufundländers bestimmt. Wir vernahmen das Klirren herabfallenden Metalls, und im nächsten Augenblick wälzten sich Hund und Mann zusammen auf der Erde – der eine vor Wut belfernd, der andere vor Entsetzen schreiend in sonderbar schrillem Falsett. Das Leben des Professors hing an einem seidenen Faden. Das rasende Tier hielt ihn bei der Kehle gepackt, und die Fänge hatten sich bereits tief eingegraben; er war bewußtlos, noch ehe wir herbeieilen konnten, um die beiden auseinanderzuzerren. Das hätte sich für uns womöglich als gefährliches Unterfangen erwiesen; doch Bennetts Stimme und seine Anwesenheit brachten den großen Wolfshund augenblicklich zur Räson. Der Lärm hatte inzwischen den schläfrigen und verblüfften Kutscher aus seinem Zimmer über den Ställen gelockt. »Das wundert mich nicht«, sagte er kopfschüttelnd. »Ich hab ihn schon mal bei ihm gesehen. Ich hab gewußt, daß der Hund ihn früher oder später erwischt.«

Der Hund wurde eingesperrt; dann trugen wir den Professor gemeinsam in sein Zimmer hinauf, wo Bennett (der eine medizinische Ausbildung besaß) mir half, die zerrissene Kehle zu verbinden. Die scharfen Zähne hatten sich gefährlich nah an der Halsschlagader eingegraben, und es blutete bedenklich. Doch nach einer halben Stunde war die Gefahr vorüber. Ich hatte dem Patienten eine Morphium-Injektion verabreicht, und er war in tiefen Schlaf gesunken. Erst dann konnten wir uns wieder miteinander befassen und die Lage bedenken.

»Ich glaube, ein Spezialist sollte sich ihn mal ansehen«, sagte ich.

»Um Gottes willen, nein!« rief Bennett. »Im Moment beschränkt sich der Skandal noch auf unser Haus. Und da ist er sicher aufgehoben. Wenn er aus diesen Mauern hinausdringt, wird er sich nicht mehr aufhalten lassen. Denken Sie doch an die Position des Professors an der Universität, an seine europäische Reputation, an die Gefühle seiner Tochter!«

»Sie haben recht«, sagte Holmes. »Ich glaube, wir können die Sache durchaus für uns behalten; und da wir nun freie Hand haben, können wir auch verhindern, daß sie sich wiederholt. Den Schlüssel von der Uhrkette bitte, Mr. Bennett. Macphail soll auf den Patienten aufpassen und uns benachrichtigen, falls eine Veränderung eintritt. Wir wollen mal sehen, was sich in dem mysteriösen Kästchen des Professors verbirgt.«

Viel war es nicht, aber ausreichend –: eine leere Phiole; eine zweite, noch fast voll; eine Injektionsspritze; mehrere Briefe in einer krakeligen, fremdländischen Handschrift. Die Marken auf den Umschlägen ließen erkennen, daß es die Briefe waren, die den gewohnten Arbeitsablauf des Sekretärs in Unordnung gebracht hatten; jeder trug den Stempel der Commercial Road und die Unterschrift »A. Dorak«. Allerdings handelte es sich lediglich um Lieferscheine, aus denen hervorging, daß eine neue Flasche an Professor Presbury unterwegs sei, oder um Quittungen über erhaltene Geldbeträge. Dann fand sich jedoch noch ein weiterer Umschlag, der eine gebildetere Handschrift aufwies und eine österreichische Marke mit dem Poststempel von Prag trug. »Da hätten wir ja unser Material!« rief Holmes, als er das beigelegte Schreiben herausriß.

 

VEREHRTER HERR KOLLEGE, (lautete es.) Seit Ihrem geschätzten Besuch habe ich viel über Ihre Angelegenheit nachgedacht. In Ihrem Fall liegen zwar einige besondere Gründe für die Behandlung vor; dennoch würde ich dringend zur Vorsicht mahnen, da meine bisherigen Resultate erkennen ließen, daß die Sache mit gewissen Gefahren verbunden ist.

Möglicherweise wäre das Serum eines Anthropoiden76 geeigneter gewesen. Ich habe, wie bereits erläutert, einen schwarzgesichtigen Langur verwendet, weil gerade ein Exemplar zur Verfügung stand. Der Langur bewegt sich natürlich auf allen vieren und ist ein Kletterer, während ein Anthropoide aufrecht geht und in jeder Hinsicht verwandter ist.

Ich bitte Sie, jede erdenkliche Vorsichtsmaßregel zu treffen, um eine vorzeitige Enthüllung des Verfahrens zu vermeiden. Ich habe in England noch einen weiteren Kunden, und Dorak ist mein Agent für beide. Um wöchentliche Berichterstattung wird gebeten.

Mit vorzüglicher Hochachtung, Ihr

H. LÖWENSTEIN

 

Löwenstein! Der Name rief mir einen Zeitungsausschnitt ins Gedächtnis. Dort war von einem obskuren Wissenschaftler die Rede, der sich bemühte, mit Hilfe eines unbekannten Verfahrens das Geheimnis der Verjüngung und das Elixier des Lebens zu entdecken. Löwenstein aus Prag! Löwenstein mit dem kraftspendenden Wunderserum, der von seinen Zunftkollegen ausgestoßen wurde, weil er sich weigerte, die Zusammensetzung preiszugeben. Mit ein paar Worten berichtete ich, was ich davon noch wußte. Bennett hatte ein zoologisches Handbuch vom Regal genommen. »›Langur‹«, las er vor, »›der große schwarzgesichtige Affe von den Hängen des Himalaja, der größte und menschenähnlichste der Kletteraffen.‹ Dann folgen noch viele Details. Tja, dank Ihnen, Mr. Holmes, haben wir nun ganz offensichtlich die Quelle des Übels ausfindig gemacht.«

»Die eigentliche Quelle«, sagte Holmes, »liegt natürlich in dieser unzeitigen Liebesaffäre, die unserem ungestümen Professor die Idee eingab, er könne das Ziel seiner Wünsche nur erreichen, indem er sich in einen jungen Mann verwandle. Wenn man versucht, sich über die Natur zu erheben, sinkt man mit Sicherheit unter sie herab. Auch der höchste Typus des Menschen wird wieder zum Tier, sobald er abkommt vom geraden Weg des Schicksals.« Eine kurze Zeit lang saß er nachdenklich da, hielt die Phiole in der Hand und betrachtete die Flüssigkeit darin. »Wenn ich diesem Mann erst einmal geschrieben habe, daß er sich meines Erachtens auf kriminelle Weise schuldig macht mit den Giften, die er in Umlauf setzt, wird es wohl keinen Ärger mehr geben. Doch das Problem wird wiederkehren. Andere werden ein besseres Verfahren finden. Es geht hier um eine Gefahr – eine sehr reale Gefahr für die Menschheit. Stellen Sie sich vor, Watson, die Materialisten, die Sinnlichen, die Mondänen würden allesamt ihr wertloses Leben verlängern. Die Spiritualisten würden sich dem Ruf nach Höherem nicht verweigern. Es käme zum Überleben der wenigst Tauglichen77. Was für eine Jauchegrube würde da aus unserer armen Welt!« Plötzlich verschwand der Träumer wieder, und Holmes, der Mann der Tat, sprang auf. »Ich glaube, mehr gibt es nicht zu sagen, Mr. Bennett. Die verschiedenen Vorfälle fügen sich nun mühelos von selbst ins Schema. Der Hund hat die Veränderung natürlich weitaus schneller bemerkt als Sie. Dafür dürfte schon sein Geruchssinn gesorgt haben. Es war der Affe, nicht der Professor, den Roy angegriffen hat – ebenso wie es der Affe war, der Roy aufreizte. Klettern machte dem Geschöpf Vergnügen, und dieser Zeitvertreib führte ihn vermutlich rein zufällig ans Fenster der jungen Lady. Zur Stadt geht ein Frühzug, Watson; aber ich glaube, bevor wir den nehmen, haben wir gerade noch Zeit für eine Tasse Tee im ›Chequers‹.«