DerNarrLiest

Die Schildbürger "10,11,12 Der Handel & die Wissenschaft (von Ludwig Tieck)

June 30, 2021 HofnarrGiaccomo Season 2021 Episode 179
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Die Schildbürger "10,11,12 Der Handel & die Wissenschaft (von Ludwig Tieck)
Show Notes Transcript

HofnarrGiaccomo liest den urheberrechtsfreien Klassiker:
Die humorvollen Geschichten der fränkischen Schildbürger von LUDWIG TIECK
10 Der Handel und die Wissenschaft
11 Vorbedeutung einer Veränderung
12 Die Revolution bricht aus


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Ludwig Tieck

„10 Der Handel und die Wissenschaft“

Caput X.

Der Handel und die Wissenschaften werden eingeschränkt.

Die Einwohner glaubten sehr bald Ursache zu haben, die Wahl ihres neuen Bürgermeisters zu bereuen. Gleich bei'm Anfang seiner Regierung zeigte er eine große Abneigung gegen alle Künste und Wissenschaften, die er nur für den unnützen Zeitvertreib der Müßiggänger ansah.

Was aber den Staat in die größte Verwirrung brachte, war, daß der Regent allen auswärtigen Handel untersagte und die Verordnung gab, daß man alle Bedürfnisse im Lande selber erzeugen solle. Das Land war sehr klein und brachte weder Baumwolle, noch Wein, weder Citronen, noch schlesische Leinwand hervor, so daß den Einwohnern nach diesem Befehle fast nichts mehr übrig blieb.

Er verordnete ebenfalls, daß alle Bücher, die im Lande gelesen würden, auch im Lande geschrieben werden sollten; er verbot die Einfuhre alles fremden Verstandes; denn er sagte, die Sachen in den Büchern sind entweder bekannt, oder unbekannt; im ersten Falle können sie ungelesen bleiben, im zweiten aber gar leicht gefährliche Folgen haben, da sie nicht im Lande ersonnen sind.

Alle Schriftsteller und Künstler mußten daher Landeskinder seyn; und so litten die Einwohner großen Mangel an geistiger und körperlicher Nahrung.



„11 Vorbedeutung einer Veränderung“

 

Caput XI.

Vorbedeutung einer Veränderung.

Die Schildbürger gaben sich unter einander ihr Mißvergnügen zu verstehen, und die Aeltesten unter ihnen schüttelten über die Einrichtungen des neuen Bürgermeisters sehr die Köpfe. Sie fürchteten für die Wohlfahrt des Staats, besonders da sie sahen, daß der Regent sich selber nicht scheute, Contrebande zu machen, und seine Kleider aus fremden Ländern zu holen, um sie nur kostbarer zu haben.

Es fing an im Lande eine schwüle Luft zu entstehn, die gewöhnlich vor einem Gewitter hergeht. Man hörte Jedermann murren, man kam in der Schenke häufiger zusammen und blieb länger, als gewöhnlich. Die Leute fingen an, über die Menschenrechte zu denken und zu sprechen; einige Redner standen auf, die den Uebrigen ihre verworrenen Begriffe auslegten. In jeder Gesellschaft sprach man gern über die Staatseinrichtungen, Jedermann tadelte und es währte nicht lange, so belegte man Caspar mit dem Namen eines Tyrannen. Alles dieses war für den feinern Politiker von schlimmer Vorbedeutung, der mit vieler Wahrscheinlichkeit eine Veränderung des Staats vorhersagen konnte.




„12 Die Revolution bricht aus“

 

Caput XII.

Die Revolution bricht aus.

Es geschah von ohngefähr, daß durch ein Versehen der Brief eines Auswärtigen an einen Einwohner in Schilda dem Bürgermeister in die Hände fiel. Aus diesem Briefe wurde deutlich, daß viele Bürger damit umgingen, in Schilda eine Empörung zu veranstalten, das alte Regiment umzustürzen und ein neues einzurichten. Man ließ sogleich diesen Empörer, an den der Brief gerichtet war, einziehn, so wie die Uebrigen, die in dem verdächtigen Schreiben genannt waren. Man untersuchte ihre Papiere und fing ihre Briefe auf und es fand sich, daß immer mehr Leute eingezogen werden mußten, weil ein oder der andre Umstand in diesen Briefen vorkam, der sie verdächtig machte. Da man jeden Wink benutzte, so hatte der Verdacht gar kein Ende und die eigentliche Untersuchung der Sache konnte immer noch nicht ihren Anfang nehmen.

Die Schildbürger lebten in der größten Angst, da sie so viele von ihren Freunden und Bekannten im Arreste sahen, und mit jedem Tage Andre in's Gefängniß gesteckt wurden. Der öffentliche Kerkermeister hatte mit ihrer Verpflegung alle Hände voll zu thun und erschrak, als das Gefangennehmen immer noch kein Ende nehmen wollte.

Schon saß ganz Schilda in den Gefängnissen, als sich noch ein Brief fand, der auch den Kerkermeister verdächtig machte; ja was noch mehr war, ein andres Schreiben schien sogar den Bürgermeister selbst als einen Empörer anzuklagen. Der letzte ließ sich daher, um zu zeigen, daß er ein guter Bürger sey, gefangen setzen, und der Kerkermeister mußte sich selber bewachen.

Da nun kein Gericht niedergesetzt werden konnte, der Kerkermeister also nicht die Erlaubniß erhielt, frei herumzugehn, so bekümmerte sich Niemand um die Gefangenen und sie mußten in ihrem Arreste hungern und große Noth leiden. Statt in den gewöhnlichen Häusern zu wohnen, lagen die Einwohner im Kerker einquartiert und wußten nicht, woran sie waren, bis sie endlich, vom Hunger und Ungeduld getrieben, Alle zugleich herausstürzten, durch die Gassen liefen und einmüthiglich ausriefen, daß die Empörung nun wirklich ausgebrochen sey.