DerNarrLiest

Sherlock Holmes & Die Löwenmähne (Fall 57)

July 03, 2021 HofnarrGiaccomo Season 2021 Episode 180
DerNarrLiest
Sherlock Holmes & Die Löwenmähne (Fall 57)
Show Notes Transcript

HofnarrGiaccomo liest den urheberrechtsfreien Klassiker
Eine spannende Sherlock Holmes Kriminalgeschichte
von  ARTHUR CONAN DOYLE - "Die Löwenmähne"  (Fall 57)

Der Fall erschien in Deutschland auch unter den Titeln

Die Mähne des Löwen

 Inhalt:
Auch ein Meisterdetektiv wie Sherlock Holmes zieht sich irgendwann aus dem aktiven Berufsleben in den wohlverdienten Ruhestand zurück. So hat Holmes die Grafschaft Sussex als seinen Alterssitz erwählt. Er führt dort ein ruhiges, nur von gelegentlichen Besuchen Dr. Watsons unterbrochenes Pensionärsleben. Das ändert sich jedoch schlagartig, als Harold Stackhurst, ein Schulfreund von Dr. Watson, um Hilfe bittet. In seinem Internat wurde eine Lehrkraft ermordet und eine weitere, des Mordes zunächst verdächtig, schwer verletzt aufgefunden. Holmes übernimmt den Fall und kann ihn mit überraschendem Ergebnis erfolgreich abschließen.

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 Arthur Conan Doyle - Sherlock Holmes
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„Die Löwenmähne“ (Fall 57)
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Ein Problem, das gewiß ebenso abstrus und ungewöhnlich war wie nur irgendeines, mit dem ich während meiner langen beruflichen Laufbahn konfrontiert wurde, sollte mich höchst eigenartiger Weise erst erreichen (und mir sozusagen direkt vor die Haustür geliefert werden), als ich mich bereits zur Ruhe gesetzt hatte. Die Geschichte ereignete sich nach meinem Rückzug in mein kleines Haus in Sussex; ich hatte mich vollständig jenem besänftigenden Leben in der Natur hingegeben, nach dem ich mich während der langen Jahre in der Tristesse Londons so oft gesehnt hatte. In diesem Abschnitt meines Lebens war der gute Watson schon fast aus meinem Gesichtskreis entschwunden. Eine gelegentliche Wochenend-Visite stellte das äußerste dar, was ich von ihm noch zu sehen bekam. So muß ich mich denn als mein eigener Chronist betätigen. Ach, wäre er doch nur bei mir gewesen! Was hätte er nicht alles aus einem so wundersamen Vorkommnis und meinem schließlichen Triumph wider jede Schwierigkeit machen können! So aber bin ich wohl oder übel gezwungen, meine Geschichte mit der mir eigenen Schlichtheit zu erzählen; ich werde also mit eigenen Worten jeden Schritt auf der beschwerlichen Straße vorführen, die vor mir lag, als ich das Rätsel der Löwenmähne zu ergründen versuchte.

Mein Landhaus liegt am Südhang der Downs78; es bietet eine großartige Aussicht auf den Kanal. Der Küstenstrich besteht hier ausschließlich aus Kreidekliffen, die sich nur über einen einzigen, langen, gewundenen Pfad, der überdies abschüssig und glitschig ist, bewältigen lassen. Am Fuß dieses Pfades erstreckt sich ein hundert Yard breiter Kiesel-und Geröllstrand, selbst wenn die Flut am höchsten steht. Hier und da finden sich allerdings Einbuchtungen und Vertiefungen; sie geben vortreffliche Schwimmbecken ab, die sich mit jeder Flut frisch auffüllen. Dieser herrliche Strand dehnt sich nach beiden Richtungen meilenweit aus – abgesehen von einer einzigen Stelle, wo die kleine Bucht des Dorfes Fulworth die Linie unterbricht.

Mein Haus liegt einsam. Ich, meine alte Haushälterin und meine Bienen haben das Grundstück ganz für uns allein. Eine halbe Meile entfernt befindet sich allerdings das bekannte Privatinstitut von Harold Stackhurst, The Gables, ein ziemlich großes Anwesen, das ein paar Dutzend junger Burschen, die sich auf verschiedene Berufe vorbereiten, sowie einen Stab von mehreren Lehrern beherbergt. Stackhurst selbst war seinerzeit ein wohlbekannter College-Ruderer79 und ein ausgezeichneter, in allen Fächern beschlagener Gelehrter. Seit dem Tag, da ich an die Küste gezogen war, hatten wir uns angefreundet, und er war der einzige Mensch, mit dem ich so gut auskam, daß wir einander abends ohne vorherige Einladung besuchen konnten.

Gegen Ende Juli 1907 hatten wir schweren Sturm; der Wind blies kanaleinwärts, türmte die Wellen bis an den Fuß der Kliffe und ließ beim Gezeitenwechsel eine Lagune zurück. An dem Morgen, von dem ich spreche, hatte sich der Wind gelegt, und die ganze Natur war reingewaschen und erfrischt. An einem so wundervollen Tag zu arbeiten war unmöglich, und ich bummelte schon vor dem Frühstück hinaus, um die exquisite Luft zu genießen. Ich spazierte über den Kliffpfad, der zu dem steilen Abstieg zum Strand führte. Als ich so dahinschlenderte, vernahm ich hinter mir einen Ruf; er kam von Harold Stackhurst, der mir fröhlich grüßend zuwinkte.

»Was für ein Morgen, Mr. Holmes! Ich dachte mir schon, daß ich Sie draußen treffen würde.«

»Sie gehen schwimmen, wie ich sehe.«

»Und Sie sind wieder bei Ihren alten Tricks«, lachte er und klopfte dabei auf seine prall gefüllte Tasche. »Ja. McPherson ist schon in aller Frühe los, und ich nehme an, daß ich ihn da unten finde.«

Fitzroy McPherson war der Physiklehrer, ein prächtiger aufrechter junger Bursche, dessen Aktivität allerdings durch ein Herzleiden (im Gefolge eines rheumatischen Fiebers) beeinträchtigt wurde. Gleichwohl war er ein geborener Athlet und tat sich in jeder Sportart hervor, die ihn nicht allzu sehr anstrengte. Sommers wie winters ging er schwimmen; und da ich selbst gerne schwimme, hatte ich mich ihm schon des öfteren angeschlossen.

In diesem Moment erblickten wir ihn. Sein Kopf tauchte über dem Kliffrand auf – dort, wo der Pfad endet. Dann erschien seine ganze Gestalt auf der Kuppe, schwankend wie ein Betrunkener. Im nächsten Augenblick streckte er die Hände empor und fiel mit einem furchtbaren Schrei vornüber. Stackhurst und ich stürmten herbei – es waren vielleicht fünfzig Yards – und drehten ihn auf den Rücken. Offensichtlich lag er im Sterben. Diese glasigen hohlen Augen und entsetzlich fahlen Wangen konnten nichts anderes bedeuten. Einen Moment lang glomm in seinem Gesicht noch ein Lebensfunke auf, und er brachte zwei oder drei Worte hervor, die wie eine dringende Warnung klangen. Sie waren undeutlich und verworren; aus den letzten jedoch, die mit einem gellenden Schrei von seinen Lippen brachen, vermeinte ich »die Löwenmähne« herauszuhören. Es war vollkommen abwegig und unbegreiflich; dennoch vermochte ich die Laute in keine andere Bedeutung umzubiegen. Dann richtete der Mann sich halb auf, warf die Arme in die Luft und fiel vornüber auf die Seite. Er war tot.

Mein Gefährte war vom jähen Grauen dieses Ereignisses wie gelähmt; ich hingegen befand mich – wie man sich wohl vorstellen kann – mit allen Sinnen in Alarmbereitschaft. Und deren bedurfte es auch, denn es stellte sich rasch heraus, daß wir es mit einem außergewöhnlichen Fall zu tun hatten. Der Mann trug lediglich seinen Burberry-Mantel, Hosen und ein Paar Segeltuchschuhe mit offenen Schnürsenkeln. Als er vornüberfiel, rutschte der Burberry, den er nur übergeworfen hatte, von den Schultern und entblößte dabei den Rumpf. Wir starrten ihn verblüfft an, denn der Rücken war mit dunkelroten Linien bedeckt, als hätte man den Mann mit einer dünnen Drahtpeitsche aufs fürchterlichste geschlagen. Der Gegenstand, mit dem man ihn derartig gezüchtigt hatte, war augenscheinlich elastisch, denn die langen, entzündeten Striemen bogen sich um Schultern und Rippen. Am Kinn tropfte Blut herab; im Paroxysmus des Todeskampfes hatte er sich die Unterlippe durchgebissen. Seine abgehetzten und verzerrten Züge verrieten, wie entsetzlich dieser Todeskampf gewesen war.

Ich kniete noch neben dem Leichnam, und Stackhurst stand daneben, als ein Schatten über uns fiel und wir Ian Murdoch neben uns erblickten. Murdoch war der Mathematiklehrer des Instituts, ein hochgewachsener, dunkelhaariger, dünner Mann – so wortkarg und unnahbar, daß niemand als mit ihm befreundet galt. Er schien in irgendeiner fernen, abstrakten Region von irrationalen Größen und Kegelschnitten zu leben; mit dem gemeinen Alltag verband ihn offenbar nur wenig. Die Schüler betrachteten ihn als Sonderling und hätten ihn wohl auch zur Zielscheibe ihres Spottes gemacht; aber der Mann hatte einen Schuß fremdes exotisches Blut in den Adern, was sich nicht nur in den kohlschwarzen Augen und der dunklen Gesichtsfarbe, sondern auch in gelegentlichen Temperamentsausbrüchen verriet, die man nur als wild bezeichnen konnte. Als ihm einmal ein kleiner, McPherson gehörender Hund lästig gefallen war, hatte er das Tier gepackt und durch die Fensterscheibe geschleudert – eine Tat, für die ihn Stackhurst zweifellos entlassen hätte, wäre Murdoch nicht so ein hervorragender Lehrer gewesen. Dies also war der eigenartige, komplexe Mann, der nun neben uns auftauchte. Was sich seinen Augen bot, schien ihn aufrichtig zu erschüttern – auch wenn der Zwischenfall mit dem Hund wohl nicht gerade von großer Sympathie zwischen dem Toten und ihm zeugte.

»Armer Kerl! Armer Kerl! Was kann ich tun? Wie kann ich helfen?«

»Waren Sie bei ihm? Können Sie uns sagen, was geschehen ist?«

»Nein, nein; ich war heute morgen spät dran und bin noch gar nicht am Strand gewesen. Ich komme direkt von The Gables. Was kann ich nur tun?«

»Sie können auf dem schnellsten Weg zur Polizeistation in Fulworth laufen und den Vorfall melden.«

Wortlos rannte Murdoch in höchster Eile davon; und auch ich brach auf, um mich des vorliegenden Falles anzunehmen, dieweil Stackhurst, wie betäubt von dieser Tragödie, bei der Leiche zurückblieb. Zuerst mußte ich natürlich feststellen, wer sich am Strand aufhielt. Vom höchsten Punkt des Pfades konnte ich seinen gesamten Verlauf überblicken; er lag vollkommen verlassen da – nur in weiter Ferne ließen sich dunkel zwei oder drei Gestalten erkennen, die sich in Richtung des Dorfes Fulworth bewegten. Nachdem ich mich hiervon überzeugt hatte, ging ich langsam den Pfad hinunter. Die Kreide war mit Lehm oder weichem Mergel vermengt, und hie und da entdeckte ich immer wieder dieselbe Fußspur, sowohl auf-als auch absteigend. Über diesen Weg war also heute früh sonst noch niemand zum Strand gegangen. An einer Stelle bemerkte ich den Abdruck einer geöffneten Hand, die Finger bergauf weisend. Dies konnte nur bedeuten, daß der arme McPherson beim Aufstieg zu Fall gekommen war. Gerundete Vertiefungen ließen überdies darauf schließen, daß er mehr denn einmal auf die Knie gesunken war. Am Fuß des Pfades befand sich die recht große Lagune, die die zurückweichende Flut zurückgelassen hatte. McPherson mußte sich neben ihr ausgezogen haben, denn sein Handtuch lag noch auf einem Stein. Es war zusammengefaltet und trocken – er war also allem Anschein nach überhaupt nicht ins Wasser gegangen. Als ich den groben Kies absuchte, stieß ich ein-oder zweimal auf kleine Sandflecken, wo der Abdruck seines Segeltuchschuhs sowie seines blanken Fußes zu erkennen war. Letztere Tatsache bewies, daß er alle Anstalten getroffen hatte zu baden – wiewohl das Handtuch darauf deutete, daß er es in Wirklichkeit unterlassen hatte.

Und hier zeichnete sich das Problem in aller Deutlichkeit ab – es nahm sich so sonderbar aus wie nur irgendeines, mit dem ich bislang konfrontiert worden war. Der Mann hatte sich nicht länger als höchstens eine Viertelstunde am Strand aufgehalten. Stackhurst war ihm von The Gables aus gefolgt, daher konnte an dieser Tatsache kein Zweifel bestehen. Er hatte baden wollen und sich bereits ausgezogen, wie die Spuren der blanken Füße aufzeigten. Dann war er plötzlich wieder in seine Kleider geschlüpft – sie hingen ja alle nur unordentlich und lose an ihm – und hatte sich auf den Rückweg gemacht: ohne zu baden, oder zumindest ohne sich abzutrocknen. Und der Grund für seinen Sinneswandel lag darin, daß man ihn auf brutale, unmenschliche Weise ausgepeitscht und gepeinigt hatte, bis er sich in seiner Qual die Lippe durchbiß; dann ließ man ihn allein, und er besaß gerade noch Kraft genug, um wegzukriechen und zu sterben. Wer hatte diese barbarische Tat verübt? Am Fuß der Kliffe gab es zwar kleine Grotten und Höhlen; doch die niedrig stehende Sonne schien direkt hinein – dort fand sich also kein Platz für ein Versteck. Dann gab es da noch diese fernen Gestalten am Strand. Sie waren allerdings wohl doch zu weit weg, um mit dem Verbrechen etwas zu tun zu haben. Überdies lag zwischen McPherson und ihnen noch die breite Lagune, in der er hatte baden wollen; ihr Wasser reichte bis an die Felsen. Auf dem Meer trieben in nicht sehr großer Entfernung zwei oder drei Fischerboote. Ihre Besitzer konnte man bei passender Gelegenheit befragen. Es boten sich also mehrere Wege für eine Untersuchung; aber keiner führte zu einem völlig klaren Ziel.

Als ich schließlich zu der Leiche zurückkehrte, hatte sich bereits eine kleine Gruppe von Spaziergängern um sie versammelt. Stackhurst war natürlich noch da, und eben war auch Ian Murdoch eingetroffen mit Anderson, dem Dorfpolizisten, einem dicken Mann mit ingwerfarbenem Schnäuzer. Er gehörte dem behäbigen, soliden Sussex-Typ an – einem Typ, der hinter einem schwerfälligen, schweigsamen Äußeren eine Menge gesunden Menschenverstand verbirgt. Er hörte sich alles an, was wir sagten, machte dazu Notizen und zog mich schließlich beiseite.

»Ich hätt ganz gern Ihren Rat, Mr. Holmes. Das ist doch ein ziemlicher Brocken für mich; und wenn ich was falsch mache, dann krieg ich aus Lewes80 was zu hören.«

Ich riet ihm, seinen unmittelbaren Vorgesetzten und einen Arzt holen zu lassen; überdies solle er darauf achten, daß bis zu ihrem Eintreffen nichts von der Stelle bewegt werde und so wenig frische Fußspuren wie möglich entstünden. In der Zwischenzeit untersuchte ich die Taschen des Toten. Ich fand sein Taschentuch, ein großes Messer und eine kleine Brieftasche. Aus dieser lugte ein Zettel heraus, den ich entfaltete und dem Polizisten reichte. Auf diesem Zettel standen in einer weiblichen Handschrift die Worte gekritzelt: »Ich werde da sein, du kannst dich darauf verlassen. – Maudie.« Es las sich wie eine Liebesbotschaft, eine Verabredung zu einem Stelldichein – wann und wo, blieb allerdings offen. Der Polizist legte den Zettel in die Brieftasche zurück und steckte sie mit den anderen Sachen wieder in die Taschen des Burberry-Mantels. Dann ging ich, da sich nichts weiteres aufdrängte, nach Hause zurück, um zu frühstücken; zuvor regte ich freilich noch an, den Fuß des Kliffs einer sorgfältigen Untersuchung zu unterziehen.

 

Nach ein oder zwei Stunden kam Stackhurst vorbei, um zu melden, daß man den Leichnam nach The Gables geschafft habe, wo die Leichenschau81 abgehalten würde. Er brachte einige wichtige und entscheidende Neuheiten mit. Wie von mir erwartet, hatte man in den kleinen Höhlen unter dem Kliff nichts gefunden; er hatte jedoch die Papiere in McPhersons Schreibtisch durchgesehen und dabei mehrere Briefe entdeckt, die eine vertrauliche Korrespondenz mit einer gewissen Miss Maud Bellamy aus Fulworth offenbarten. Die Identität der Person, die den Zettel geschrieben hatte, stand also fest.

»Die Polizei hat die Briefe«, erklärte er. »Deshalb konnte ich sie nicht mitbringen. Aber es besteht kein Zweifel, daß es sich um eine ernsthafte Liebesaffäre gehandelt hat. Ich sehe allerdings keinen Grund, sie mit diesem schrecklichen Ereignis in Verbindung zu bringen – abgesehen davon natürlich, daß die Lady mit ihm verabredet war.«

»Aber doch wohl kaum an einem Badeteich, den Sie alle zu benutzen pflegen«, bemerkte ich.

»Es ist auch reiner Zufall«, sagte er, »daß McPherson nicht von einigen Schülern begleitet wurde.«

»War es denn reiner Zufall?«

Stackhurst runzelte nachdenklich die Stirn.

»Ian Murdoch hat sie zurückgehalten«, sagte er; »er bestand darauf, vor dem Frühstück noch eine algebraische Beweisführung durchzunehmen. Armer Kerl, das Ganze hat ihn schrecklich mitgenommen.«

»Aber ich dachte, die beiden seien gar nicht befreundet gewesen?«

»Früher einmal waren sie das auch nicht. Aber seit einem Jahr oder noch länger stand er McPherson näher als irgend jemandem sonst. Murdoch hat ja von Natur aus nicht gerade ein gewinnendes Wesen.«

»Das habe ich schon gehört. Ich meine mich zu erinnern, daß Sie mir einmal von einem Streit wegen einem Hund erzählten, den er mißhandelt hat.«

»Der ist vollkommen beigelegt.«

»Die Geschichte hat aber vielleicht doch gewisse Rachegefühle hinterlassen.«

»Nein, nein; ich bin sicher, sie waren echte Freunde.«

»Nun gut, dann müssen wir jetzt die Sache mit dem Mädchen untersuchen. Kennen Sie sie?«

»Jeder kennt sie. Sie ist die Schönheit unserer Gegend – eine echte Schönheit, Holmes, die überall Aufsehen erregen würde. Ich wußte zwar, daß McPherson von ihr angetan war; aber ich hatte keine Ahnung, daß die Geschichte schon so weit gediehen war, wie es diese Briefe allem Anschein nach kundtun.«

»Und wer ist sie?«

»Sie ist die Tochter vom alten Tom Bellamy, dem in Fulworth alle Boote und Badehäuschen gehören. Er hat als Fischer angefangen; inzwischen ist er ein ziemlich vermögender Mann. Er und sein Sohn William betreiben das Geschäft.«

»Sollen wir mal nach Fulworth gehen und mit ihnen sprechen?«

»Unter welchem Vorwand denn?«

»Oh, ein Vorwand läßt sich leicht finden. Schließlich hat sich dieser arme Bursche nicht selbst so grausam mißhandelt. Irgendeine menschliche Hand muß die Peitsche ja geführt haben – wenn es denn wirklich eine Peitsche war, die ihm die Verletzungen beigebracht hat. In dieser einsamen Gegend war sein Bekanntenkreis sicher begrenzt. Wir wollen ihn einmal nach allen Richtungen abschreiten; dabei werden wir zweifellos auf das Motiv stoßen, das uns dann seinerseits zum Täter führen dürfte.«

Es wäre ein angenehmer Spaziergang über die nach Thymian duftenden Downs geworden, hätte uns nicht die Tragödie, deren Zeuge wir gewesen, das Gemüt vergiftet. Das Dorf Fulworth liegt in einer Talsenke und krümmt sich im Halbkreis um die Bucht. Auf den Anhöhen hinter dem altmodischen Weiler hatte man einige moderne Häuser gebaut. Und zu einem davon geleitete mich Stackhurst.

»Das ist The Haven, wie Bellamy es genannt hat. Das dort mit dem Eckturm und dem Schieferdach. Nicht schlecht für jemand, der mit nichts angefangen hat, als … Beim Jupiter, sehen Sie nur!«

Das Gartentor von The Haven hatte sich geöffnet, und ein Mann war herausgetreten. Die hochgewachsene, eckige, zerzauste Gestalt war unverwechselbar: Es war Ian Murdoch, der Mathematiker. Einen Augenblick später standen wir ihm auf der Straße gegenüber.

»Hallo!« sagte Stackhurst. Der Mann nickte, bedachte uns mit einem kurzen Seitenblick aus seinen seltsamen dunklen Augen und wäre an uns vorbeigegangen, hätte ihn sein Vorgesetzter nicht aufgehalten.

»Was haben Sie denn hier gemacht?« fragte er.

Murdochs Gesicht wurde rot vor Zorn. »Ich bin zwar Ihr Untergebener, Sir, aber nur unter Ihrem Dach. Ich wüßte nicht, daß ich Ihnen über mein privates Tun und Lassen irgendwelche Rechenschaft schulde.«

Stackhursts Nerven waren nach allem, was er inzwischen durchgemacht hatte, zum Zerreißen gespannt. Normalerweise hätte er vermutlich Geduld bewahrt. Nun aber verlor er völlig die Fassung.

»Unter den gegebenen Umständen ist Ihre Antwort eine glatte Unverschämtheit, Mr. Murdoch.«

»Ihre Frage dürfte wohl unter die gleiche Rubrik fallen.«

»Das ist nicht das erste, aber bestimmt das letzte Mal, daß ich Ihr aufsässiges Verhalten durchgehen lasse. Würden Sie also die Freundlichkeit haben, so rasch wie möglich neue Vorkehrungen für Ihre Zukunft zu treffen.«

»Das hatte ich ohnehin vor. Ich habe heute die einzige Person verloren, die The Gables zu einem bewohnbaren Ort machte.«

Damit ging er mit langen Schritten seines Weges, dieweil Stackhurst stehenblieb und ihm wütend nachstarrte.

»Ist das nicht ein, unmöglicher, unerträglicher Mensch?« rief er.

Der einzige Gedanke, der sich mir dabei zwingend aufdrängte, war der, daß Mr. Ian Murdoch damit gleich die erste Gelegenheit ergriff, sich einen Fluchtweg vom Tatort zu öffnen. Vage und nebelhaft begann sich mir ein Verdacht abzuzeichnen. Vielleicht würde der Besuch bei den Bellamys ein weiteres Licht auf die Angelegenheit werfen. Stackhurst riß sich zusammen, und wir schritten auf das Haus zu.

Mr. Bellamy erwies sich als ein Mann mittleren Alters mit einem flammend roten Bart. Er schien in sehr ärgerlicher Stimmung zu sein, und sein Gesicht glühte bald ebenso wie sein Haar.

»Nein, Sir, ich lege keinen Wert auf Einzelheiten. Mein Sohn hier« – er wies auf einen wuchtigen jungen Mann mit grobem, mürrischem Gesicht in der Ecke des Wohnzimmers – »ist mit mir einer Meinung, daß sich Mr. McPherson auf freche Weise an Maud rangemacht hat. Ja, Sir, das Wort ›Heirat‹ wurde kein einziges Mal erwähnt; und trotzdem gab’s Briefe und Rendezvous und noch ‘ne ganze Menge mehr Dinge, die keiner von uns gutheißen konnte. Sie hat keine Mutter, und wir sind ihre einzigen Beschützer. Wir sind entschlossen …«

Aber die Worte wurden ihm vom Mund genommen durch das Erscheinen der Lady selbst. Es ließ sich nicht leugnen: Sie hätte jeder Gesellschaft der Welt zur Zierde gereicht. Wer hätte gedacht, daß eine so rare Blume aus solchen Wurzeln und in solcher Atmosphäre wüchse? Frauen vermochten mich nur selten anzuziehen, denn mein Gehirn behielt stets die Oberhand über mein Herz; doch ihr vollkommen ebenmäßiges, klar geschnittenes Antlitz mit all der sanften Frische der Downlands in seiner zarten Tönung konnte ich nicht betrachten, ohne mir vorzustellen, daß wohl kein junger Mann ihren Pfad unversehrt würde kreuzen können. So sah die junge Frau aus, die eben die Tür geöffnet hatte und nun mit großen Augen und ernstem Gesicht vor Harold Stackhurst stand.

»Ich weiß schon, daß Fitzroy tot ist«, sagte sie. »Sie brauchen sich nicht zu scheuen, mir die Einzelheiten zu erzählen.«

»Dieser andere Gentleman von Ihnen hat uns die Neuigkeit gebracht«, erklärte der Vater.

»Ich sehe nicht ein, warum meine Schwester in die Geschichte mit hineingezogen werden soll«, brummte der jüngere Mann.

Seine Schwester warf ihm einen scharfen, wilden Blick zu. »Das ist meine Angelegenheit, William. Sei bitte so nett, und laß mich damit auf meine Art fertigwerden. Nach allem, was ich höre, wurde ein Verbrechen verübt. Wenn ich helfen kann, herauszufinden, wer es war, ist dies das mindeste, was ich tun kann, wo er tot ist.«

Mit gefaßter Konzentration hörte sie sich einen kurzen Bericht meines Gefährten an, was zeigte, daß sie nicht nur große Schönheit, sondern auch einen festen Charakter besaß. Maud Bellamy wird mir immer als höchst vollkommene und bemerkenswerte Frau im Gedächtnis bleiben. Offenbar kannte sie mich bereits vom Sehen, denn zum Schluß wandte sie sich an mich.

»Bringen Sie sie vor Gericht, Mr. Holmes. Sie können mit meiner Zustimmung und Hilfe rechnen – ganz gleich, wer sie sein mögen.« Mir war, als bedachte sie bei diesen Worten Vater und Bruder mit einem trotzigen Blick.

»Danke«, sagte ich. »Ich weiß den Instinkt einer Frau in solchen Dingen zu schätzen. Sie haben das Wort ›sie‹ benutzt. Sie glauben, daß mehr als einer darin verwickelt ist?«

»Ich habe Mr. McPherson gut genug gekannt, um zu wissen, daß er ein mutiger und kräftiger Mann war. Ein einzelner hätte es niemals geschafft, ihn derartig zu mißhandeln.«

»Dürfte ich Sie einmal alleine sprechen?«

»Ich verbiete dir, Maud, dich in die Sache einzumischen«, rief der Vater wütend.

Sie sah mich hilflos an. »Was soll ich tun?«

»Bald wird alle Welt die Tatsachen kennen; es ist also nichts dabei, sie hier zu besprechen«, sagte ich. »Unter vier Augen wäre es mir zwar lieber, aber wenn Ihr Vater es nicht erlaubt, müssen wir uns eben alle gemeinsam beratschlagen.« Dann erwähnte ich den Zettel, den man in der Tasche des Toten gefunden hatte. »Er wird bei der gerichtlichen Untersuchung mit Sicherheit zur Sprache kommen. Darf ich fragen, ob Sie darauf ein wenig Licht werfen können?«

»Ich sehe keinen Grund, daraus noch ein Geheimnis zu machen«, antwortete sie. »Wir waren verlobt und wollten heiraten; wir haben es nur geheimgehalten, weil Fitzroys Onkel, der sehr alt ist und angeblich im Sterben liegt, ihn wahrscheinlich enterbt hätte, wenn er gegen seinen Wunsch geheiratet hätte. Das war der einzige Grund.«

»Uns hättest du’s aber erzählen können«, brummte Mr. Bellamy.

»Das hätte ich auch, Vater, wenn du nicht immer so gegen ihn gewesen wärst.«

»Ich hab nun mal was dagegen, daß mein Mädel mit Männern anbändelt, die nicht standesgemäß sind.«

»Dein Vorurteil gegen ihn hat uns daran gehindert, es dir zu erzählen. Und was diese Verabredung betrifft« – sie suchte in ihrem Kleid und brachte einen zerknüllten Zettel zum Vorschein –, »sie war die Antwort auf das hier.«

»LIEBSTE«, lautete die Botschaft, »Am Dienstag gleich nach Sonnenuntergang am alten Platz am Strand. Das ist die einzige Stunde, zu der ich mich losmachen kann. – F.M.«

»Dienstag wäre heute, und ich hatte vor, ihn heute abend zu treffen.«

Ich drehte das Blatt um. »Das ist nicht mit der Post gekommen. Wie haben Sie es denn erhalten?«

»Diese Frage möchte ich lieber nicht beantworten. Sie hat mit der Sache, die Sie untersuchen, nämlich nichts zu tun. Aber alles, was mit der Sache zusammenhängt, will ich ganz offen beantworten.«

Sie stand zu ihrem Wort. Es ergab sich jedoch nichts, was für unsere Nachforschungen von Nutzen gewesen wäre. Sie hatte keinen Grund zu der Annahme, daß ihr Verlobter irgendeinen heimlichen Feind hatte; aber sie gab zu, mehrere glühende Verehrer gehabt zu haben.

»Darf ich fragen, ob Mr. Ian Murdoch zu ihnen zählte?«

Sie errötete und schien verwirrt.

»Es gab eine Zeit, wo es mir so vorkam. Aber das änderte sich alles, als er von den Beziehungen zwischen Fitzroy und mir erfuhr.«

Abermals schien der Schatten um diesen Mann deutlichere Gestalt anzunehmen. Man mußte sein Vorleben überprüfen und heimlich seine Wohnung durchsuchen. Stackhurst willigte ein, denn auch in ihm stieg allmählich ein Verdacht auf. Wir kehrten von unserem Besuch in The Haven zurück – in der Zuversicht, ein loses Ende dieses verworrenen Knäuels bereits in den Händen zu halten. Eine Woche verstrich. Die gerichtliche Untersuchung hatte kein Licht auf die Angelegenheit geworfen und war bis zur Auffindung weiteren Beweismaterials vertagt worden. Stackhurst hatte über seinen Untergebenen diskrete Nachforschungen angestellt und dessen Wohnung oberflächlich durchsucht; aber ohne Ergebnis. Ich persönlich hatte das Ganze nochmals unter die Lupe genommen im eigentlichen wie im übertragenen Sinne, ohne jedoch zu neuen Schlußfolgerungen zu gelangen. Nirgendwo sonst in meinen Chroniken wird der Leser einen Fall finden, der mich so vollständig an die Grenzen meiner Fähigkeiten führte. Nicht einmal meine Phantasie war imstande, sich von der Lösung des Rätsels einen Begriff zu machen. Und dann ereignete sich der Zwischenfall mit dem Hund.

Meine alte Haushälterin war die erste, die davon erfuhr – und zwar kraft jener seltsamen drahtlosen Verbindung, mit deren Hilfe solche Leute die neuesten Nachrichten der Gegend in Erfahrung bringen.

»Traurige Geschichte, Sir, das mit Mr. McPhersons Hund«, sagte sie eines Abends.

Derlei Unterhaltungen fördere ich sonst nicht; die Worte erregten jedoch meine Aufmerksamkeit.

»Was ist denn mit Mr. McPhersons Hund?«

»Tot, Sir. Gestorben aus Kummer um sein Herrchen.«

»Wer hat Ihnen das erzählt?«

»Ach, Sir, davon spricht doch jeder. Der Hund hat sich furchtbar gegrämt und eine Woche lang nichts mehr gefressen. Heute haben ihn dann zwei von den Gentlemen von The Gables tot aufgefunden – drunten am Strand, Sir, an genau derselben Stelle, wo auch sein Herrchen zu Tode gekommen ist.«

»An genau derselben Stelle.« Die Worte prägten sich mir deutlich ein. Eine dunkle Ahnung, daß dies ungemein wichtig sei, stieg in mir auf. Daß das Tier gestorben war, entsprach der schönen, treuen Natur der Hunde. Aber »an genau derselben Stelle«! Warum sollte ihm dieser einsame Strand zum Verhängnis werden? War es denn möglich, daß auch er das Opfer einer rachsüchtigen Fehde war? War das möglich …? Ja, die Ahnung war dunkel; doch irgend etwas nahm in meinem Geist bereits Gestalt an. In wenigen Minuten befand ich mich auf dem Weg nach The Gables, wo ich Stackhurst in seinem Arbeitszimmer antraf. Auf meine Bitte hin ließ er Sudbury und Blount holen – die beiden Schüler, die den Hund gefunden hatten.

»Ja, er hat genau am Rand der Lagune gelegen«, sagte einer von ihnen. »Er muß der Spur seines toten Herrn gefolgt sein.«

Das treue kleine Tier, ein Airedale Terrier, lag draußen im Flur auf der Fußmatte. Der Körper war steif und starr, die Augen traten hervor, und die Gliedmaßen waren verkrümmt. Alles wies auf Todesqualen hin.

Von The Gables aus begab ich mich zum Badeteich. Die Sonne war bereits gesunken, und der Schatten des großen Kliffs lag schwarz über dem Wasser, das matt schimmerte wie eine Bleiplatte. Die Stätte lag verlassen da, und es gab keinerlei Lebenszeichen, außer den beiden Seevögeln, die über mir kreisten und schrien. Im schwindenden Licht konnte ich die Spuren des kleinen Hundes im Sand nur undeutlich ausmachen; sie verliefen genau um den Stein, auf dem das Handtuch seines Herrn gelegen hatte. Lange Zeit stand ich in tiefem Nachsinnen da, dieweil die Schatten um mich immer dunkler wurden. Mein Kopf war voll von Gedanken, die einander jagten. Jeder weiß wohl, was es heißt, sich in einem Albtraum zu befinden, wo man spürt, daß es etwas Allentscheidendes gibt, nach dem man sucht und wovon man weiß, daß es vorhanden ist, das sich aber immer knapp außerhalb der Reichweite befindet. Genau so erging es mir an jenem Abend, da ich alleine an jener Stätte des Todes stand. Schließlich wandte ich mich um und wanderte langsam heimwärts.

Ich hatte eben das obere Ende des Pfades erreicht, als es mir einfiel. Blitzartig erinnerte ich mich an das, was ich so begierig und vergeblich zu begreifen versucht hatte. Es dürfte bekannt sein (oder Watson hätte umsonst geschrieben), daß ich über eine große Fülle entlegener Kenntnisse verfüge – ohne wissenschaftliches System zwar, doch für die Erfordernisse meiner Arbeit sehr nützlich. Mein Gehirn gleicht einer überfüllten Rumpelkammer, in der allerlei Pakete verstaut sind – so viele, daß ich mir eigentlich nur vage vorzustellen vermag, was es dort alles gibt. Was ich allerdings wußte, war, daß es da etwas gab, das für den Fall von Belang war. Zwar noch verschwommen, aber zumindest wußte ich, wie ich mir darüber Klarheit verschaffen konnte. Es war monströs und unglaublich; dennoch war es immerhin eine Möglichkeit. Ich würde sie gründlich erwägen.

In meinem Häuschen gibt es eine große, mit Büchern vollgestopfte Mansarde. Dorthinein stürzte ich und stöberte eine Stunde lang herum. Schließlich erhob ich mich wieder mit einem schokoladen-und silberfarbenen Band. Begierig schlug ich das Kapitel auf, an das ich mich dunkel erinnerte. Ja, es handelte sich zweifellos um eine weit hergeholte und unwahrscheinliche Hypothese; gleichwohl durfte ich nicht ruhen, ehe ich mich davon überzeugt hatte, ob sie auch stimme. Ich legte mich erst spät schlafen, in ungeduldiger Erwartung der Arbeit des nächsten Tages.

Diese Arbeit erfuhr jedoch eine ärgerliche Verzögerung. Ich hatte kaum meinen Morgentee hinuntergeschluckt und wollte eben zum Strand aufbrechen, als mich Inspektor Bardle von der Sussex Constabulary besuchte – ein gesetzter, derber, ochsenartiger Mann mit nachdenklichen Augen, die mich nun sehr besorgt anblickten.

»Ich kenne Ihre enorme Erfahrung, Sir«, sagte er. »Mein Besuch ist natürlich ganz inoffiziell und sollte unter uns bleiben. Aber dieser McPherson-Fall macht mir ganz schön zu schaffen. Die Frage ist, soll eine Festnahme erfolgen oder nicht?«

»Sie meinen Mr. Ian Murdoch?«

»Ja, Sir. Wenn man’s richtig bedenkt, kommt eigentlich sonst niemand in Betracht. Das ist der Vorteil von dieser Abgeschiedenheit hier. Wir können die Geschichte auf ein sehr kleines Gebiet einengen. Wenn er es nicht getan hat – wer dann?«

»Was haben Sie denn gegen ihn in der Hand?«

Er hatte in derselben Richtung wie ich gesucht: Murdochs Charakter und das Geheimnis, das den Mann zu umgeben schien. Seine wilden Wutausbrüche, wie bei dem Zwischenfall mit dem Hund. Die Tatsache, daß er mit McPherson früher einmal Streit hatte und daß einiger Grund zu der Annahme bestand, daß er ihm seine Aufmerksamkeiten gegenüber Miss Bellamy übelnahm. Der Inspektor zählte all meine Verdachtsmomente auf, brachte jedoch keine neuen bei – außer daß Murdoch offenbar alle Anstalten zu seiner Abreise treffe.

»Wie steh ich denn da, wenn ich ihn entwischen lasse – bei all diesem Material gegen ihn?« Der stämmige, phlegmatische Mann war in arger Verwirrung.

»Beachten Sie«, sagte ich, »doch einmal alle wesentlichen Lücken in Ihrem Fall. Für den Morgen des Verbrechens kann er mit Sicherheit ein Alibi vorweisen. Er war bis zum letzten Moment bei seinen Schülern und traf wenige Minuten nach McPhersons Erscheinen, von hinten kommend, bei uns ein. Bedenken Sie außerdem, daß er es unmöglich alleine geschafft hätte, einen Mann, der genauso stark war wie er, derartig zu mißhandeln. Schließlich wäre da noch die Frage nach dem Gegenstand, mit dem diese Verletzungen beigebracht wurden.«

»Was könnte es denn gewesen sein – außer einer Peitsche oder irgendeiner elastischen Geißel?«

»Haben Sie schon die Striemen untersucht?« fragte ich.

»Ich hab sie mir angesehen. Der Arzt ebenfalls.«

»Und ich habe sie sehr sorgfältig mit einer Lupe untersucht. Sie weisen gewisse Besonderheiten auf.«

»Welche denn, Mr. Holmes?«

Ich ging zu meinem Schreibtisch und holte eine vergrößerte Photographie hervor. »Das ist meine Methode in solchen Fällen«, erklärte ich.

»Sie machen Ihre Sache aber gründlich, Mr. Holmes.«

»Ich wäre wohl kaum der, der ich bin, wenn ich das nicht täte. Betrachten wir uns jetzt einmal diese Strieme, die sich um die rechte Schulter zieht. Fällt Ihnen daran nichts Besonderes auf?«

»Das könnt ich nicht behaupten.«

»Es ist doch deutlich zu erkennen, daß sie in ihrer Intensität nicht gleichmäßig ist. Da ist ein Tupfen extravasierten Blutes, und dort wieder einer. Die andere Strieme hier unten weist ganz ähnliche Merkmale auf. Was kann das bedeuten?«

»Ich habe keine Ahnung. Sie?«

»Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Bald werde ich mehr darüber sagen können. Jede genaue Angabe darüber, was diese Striemen verursacht hat, wird uns ein großes Stück in Richtung Täter führen.«

»Es ist natürlich eine absurde Idee«, sagte der Inspektor, »aber wenn man ihm ein rotglühendes Drahtnetz auf den Rücken gelegt hätte, dann würden diese stärker hervortretenden Male die Punkte darstellen, wo sich die Maschen gekreuzt haben.«

»Ein überaus sinnreicher Vergleich. Oder wie wäre es mit einer sehr dicken neunschwänzigen Katze mit kleinen harten Knoten daran?«

»Kreuzdonner, Mr. Holmes, ich glaube, jetzt haben Sie’s getroffen.«

»Vielleicht gibt es aber auch eine ganz andere Ursache dafür, Mr. Bardle. Für eine Festnahme jedenfalls sind Ihre Beweise bei weitem zu schwach. Übrigens hätten wir ja noch diese letzten Worte – ›Löwenmähne‹.«

»Ich hab mich schon gefragt, ob Ian …«

»Ja, das habe ich auch bereits in Erwägung gezogen. Wenn das zweite Wort irgendwie nach ›Murdoch‹ geklungen hätte – aber das hat es nicht. Er stieß es fast schreiend hervor. Ich bin sicher, daß es ›Mähne‹ lautete.«

»Haben Sie keine Alternative, Mr. Holmes?«

»Vielleicht. Doch darüber möchte ich erst sprechen, wenn mir solideres Material vorliegt.«

»Und wann wird das sein?«. »In einer Stunde – womöglich noch früher.«

Der Inspektor rieb sich das Kinn und sah mich zweifelnd an.

»Ich wollte, ich könnte sehen, was da in Ihrem Kopf herumgeht, Mr. Holmes. Vielleicht diese Fischerboote?«

»Nein, nein; die waren zu weit draußen.«

»Tja, dann womöglich Bellamy und dieser dicke Sohn von ihm? Die waren ja nicht gerade vernarrt in Mr. McPherson. Haben die ihn vielleicht so zugerichtet?«

»Nicht doch; Sie holen nichts aus mir heraus, ehe ich dazu bereit bin«, sagte ich lächelnd. »So, Inspektor, wir haben wohl beide noch zu tun. Wenn Sie sich vielleicht heute mittag wieder hier mit mir treffen wollen …?«

So weit waren wir eben gediehen, als sich jener entsetzliche Zwischenfall ereignete, der sich als Anfang vom Ende erwies.

Meine Haustür flog auf, im Flur polterten Schritte, und herein taumelte Ian Murdoch. Bleich, aufgelöst, seine Kleider in wilder Unordnung, krallte er sich mit den knochigen Händen ans Mobiliar, um sich aufrecht zu halten. »Brandy! Brandy!« keuchte er; dann fiel er stöhnend aufs Sofa.

Er war nicht allein. Hinter ihm kam Stackhurst, ohne Hut und japsend, fast ebenso derangiert wie sein Begleiter.

»Ja, ja, Brandy!« rief er. »Der Mann liegt in den letzten Zügen. Ich konnte ihn gerade noch hierherschaffen. Er ist unterwegs zweimal ohnmächtig geworden.«

Ein halbes Glas unverdünnten Branntweins bewirkte eine erstaunliche Veränderung. Murdoch stemmte sich auf einem Arm hoch und schleuderte seine Jacke von den Schultern. »Um Gottes willen! Öl, Opium, Morphium!« rief er. »Irgendwas, um diese höllischen Qualen zu lindern!«

Bei dem Anblick entrang sich dem Inspektor und mir ein Aufschrei. Kreuz und quer über die nackte Schulter des Mannes verlief ein seltsames netzartiges Muster aus roten, entzündeten Linien – es glich den Todesmalen von Fitzroy McPherson.

Die Schmerzen waren offenbar grauenhaft und nicht nur örtlich, denn der Atem des Leidenden setzte eine Weile aus, und sein Gesicht färbte sich schwarz; dann fuhr er sich laut stöhnend mit der Hand ans Herz, während ihm Schweißperlen von der Stirn tropften. Jeden Moment konnte er sterben. Immer mehr Brandy schütteten wir ihm in die Kehle, und jede frische Dosis brachte ihn wieder ins Leben zurück. In Salatöl getränkte Wattebäusche schienen die Schmerzen der seltsamen Wunde zu lindern. Schließlich fiel sein Kopf schwer aufs Polster. Die erschöpfte Natur hatte Zuflucht zu ihrem letzten Kraftspeicher genommen: Es war halb Schlaf und halb Ohnmacht; doch zumindest brachte es Erlösung von der Qual.

Ihm Fragen zu stellen, war unmöglich gewesen; doch als wir uns seines gebesserten Zustandes versichert hatten, wandte sich Stackhurst mir zu.

»Mein Gott!« rief er. »Was ist das, Holmes? Was ist das?«

»Wo haben Sie ihn gefunden?«

»Unten am Strand. Genau dort, wo den armen McPherson der Tod ereilte. Wenn das Herz dieses Mannes so schwach wie das von McPherson wäre, dann läge er jetzt nicht hier. Als ich ihn hinaufschaffte, habe ich mehr als einmal geglaubt, er sei hinüber. Nach The Gables war es zu weit, deswegen bin ich zu Ihnen gekommen.«

»Haben Sie ihn am Strand gesehen?«

»Ich ging gerade auf dem Kliff spazieren, als ich seinen Schrei hörte. Er hielt sich am Ufer auf und taumelte herum wie ein Betrunkener. Da bin ich runtergerannt, habe ihm ein paar Kleider übergeworfen und ihn hinaufgeschafft. Um Himmels willen, Holmes, setzen Sie all Ihre Fähigkeiten ein und scheuen Sie keine Mühe, den Ort von diesem Fluch zu befreien; das Leben wird hier unerträglich. Können Sie, mit Ihrem weltweiten Ruf, denn nichts für uns tun?«

»Doch, ich glaube schon, Stackhurst. Kommen Sie nun bitte mit! Und Sie auch, Inspektor! Mal sehen, ob es uns nicht gelingt, Ihnen diesen Mörder auszuliefern.«

Wir überließen den Bewußtlosen der Obhut meiner Haushälterin; dann gingen wir alle drei zu der tödlichen Lagune hinunter. Auf dem Kies lagen Handtücher und Kleidungsstücke, die der Verwundete zurückgelassen hatte, an einem Haufen. Langsam schritt ich um das Ufer herum, meine Gefährten folgten mir im Gänsemarsch. Der Teich war größtenteils ziemlich seicht; nur unter dem Kliff, wo der Strand etwas ausgespült war, erreichte er eine Tiefe von vier oder fünf Fuß. Diese Stelle würde ein Schwimmer natürlich aufsuchen, denn dort hatte sich ein schönes, durchsichtiges, grünes Bassin gebildet, so klar wie Kristall. Darüber, am Fuß des Kliffs, lag eine Reihe von Felsbrocken; und an diesen schritt ich, vorneweg gehend, entlang, wobei ich aufmerksam in das Wasser unter mir spähte. Ich hatte eben seine tiefste und ruhigste Stelle erreicht, als meine Augen das Gesuchte erblickten und ich einen triumphierenden Schrei ausstieß.

»Cyanea!« rief ich. »Cyanea! Sehen Sie nur, die Löwenmähne!«

Das seltsame Ding, auf das ich deutete, wirkte in der Tat wie ein Gewirr von Haaren, die man aus der Mähne eines Löwen gerissen hatte. Es lag auf einem Felsvorsprung, etwa drei Fuß unter dem Wasserspiegel – – eine sonderbar wabernde, vibrierende, haarige Kreatur, mit silbernen Streifen zwischen ihren gelben Flechten. Sie pulsierte, indem sie sich langsam und schwerfällig ausdehnte und wieder zusammenzog.

»Das Ding hat genug Unheil angerichtet. Seine Zeit ist um!« rief ich. »Helfen Sie mir, Stackhurst! Wir wollen den Mörder für immer unschädlich machen.«

Genau über dem Vorsprung lag ein großer Felsbrocken; wir schoben ihn vorwärts, bis er mit einem gewaltigen Platsch ins Wasser fiel. Als das Wellengekräusel verebbt war, sahen wir, daß er auf dem Vorsprung darunter gelandet war. Ein flatterndes Ende gelber Membrane zeigte an, daß wir unser Opfer getroffen hatten. Dicker, öliger Schleim quoll unter dem Stein hervor; er trieb langsam an die Oberfläche und färbte dabei ringsum das Wasser.

»Also, das haut mich um!« rief der Inspektor. »Was war denn das, Mr. Holmes? Ich bin hier geboren und aufgewachsen, aber sowas hab ich noch nie gesehen. Das gehört bestimmt nicht nach Sussex.«

»Ein Glück für Sussex«, bemerkte ich. »Wahrscheinlich hat es der Südweststurm herangeschwemmt. Aber nun kommen Sie bitte beide zu mir nach Hause zurück; dann will ich Ihnen vom schrecklichen Erlebnis eines Menschen berichten, der guten Grund hatte, sich an seine Begegnung mit dieser Gefahr der Meere zu erinnern.«

 

Als wir in meinem Arbeitszimmer eintrafen, war Murdoch soweit wieder hergestellt, daß er sich aufrichten konnte. Er war noch benommen; dann und wann schüttelten ihn krampfartige Schmerzen. Stockend erklärte er, daß er keine Ahnung habe, was mit ihm geschehen sei, außer daß ihn plötzlich fürchterliche Stiche durchzuckt hätten und daß es seine ganze Kraft in Anspruch genommen habe, das Ufer zu erreichen.

»Hier ist ein Buch«, sagte ich, indem ich den kleinen Band zur Hand nahm, »das erstmals Licht in die Sache gebracht hat; sonst wäre sie womöglich für immer dunkel geblieben. Es handelt sich um Out of Doors von dem berühmten Forscher J.G. Wood82. Auch ihn hätte die Berührung mit dieser abscheulichen Kreatur ums Haar das Leben gekostet; er wußte also sehr genau, worüber er schrieb. Der vollständige Name der Übeltäterin lautet Cyanea Capillata, und sie kann so lebensgefährlich sein wie der Biß der Kobra – und weit schlimmere Qualen verursachen als dieser. Lassen Sie mich kurz diesen Auszug vorlesen.

›Wenn der Badende eine lose rundliche Masse lohfarbener Membrane und Fäden bemerkt – was so ähnlich aussieht wie große Büschel aus einer Löwenmähne, vermischt mit Silberpapier –, dann sollte er auf der Hut sein, denn dabei handelt es sich um die furchtbar stechende Cyanea Capillata.‹ Ließe sich unsere unheilvolle Bekannte noch deutlicher beschreiben?

Dann schildert er seine Begegnung mit einer, als er an der Küste von Kent einmal schwimmen ging. Er stellte fest, daß die Kreatur nahezu unsichtbare Fädchen aussendet, bis zu einer Entfernung von fünfzig Fuß, und daß jeder, der sich innerhalb der Peripherie des tödlichen Zentrums aufhält, in Lebensgefahr schwebt. Selbst von weitem noch hätte sich die Berührung für Wood beinahe verhängnisvoll ausgewirkt. ›Die zahlreichen Fäden verursachten auf der Haut dünne scharlachrote Linien, die sich bei näherer Betrachtung in winzige Tupfen oder Pusteln auflösten; jeder Tupfen barg eine rotglühende Nadel, die sich ihren Weg durch die Nerven bahnte.‹

Der örtliche Schmerz war, wie er erklärt, noch der harmloseste Teil dieser exquisiten Folter. ›Stiche jagten durch die Brust; sie ließen mich zu Boden gehen, als hätte mich eine Kugel getroffen. Der Puls setzte aus, und dann machte das Herz sechs oder sieben Sprünge, als ob es sich gewaltsam einen Weg durch den Brustkasten bahnen wollte.‹

Es hätte ihn beinahe umgebracht – obwohl er der Gefahr nur im unruhigen Meer ausgesetzt war und nicht im unbewegten Wasser einer begrenzten Badebucht. Er schreibt, daß er sich hinterher fast nicht wiedererkannte – so weiß, runzlig und eingeschrumpft war sein Gesicht. Er schüttete Brandy hinunter, eine ganze Flasche, und das hat ihm anscheinend das Leben gerettet. Hier haben Sie das Buch, Inspektor. Ich überlasse es Ihnen; Sie können sich darauf verlassen, daß es eine vollständige Erklärung der Tragödie des armen McPherson enthält.«

»Und so ganz nebenbei noch mich entlastet«, bemerkte Murdoch mit einem schiefen Lächeln. »Ich kann Ihnen keinen Vorwurf machen, Inspektor – und auch Ihnen nicht, Mr. Holmes; Ihr Verdacht war ganz natürlich. Meine Festnahme stand ja wohl unmittelbar bevor, und ich glaube, ich habe mich nur dadurch von diesem Verdacht gereinigt, daß ich das Schicksal meines armen Freundes teilte.«

»Nein, Mr. Murdoch. Ich war der Sache nämlich bereits auf der Spur; und wäre ich so früh draußen gewesen, wie ich vorhatte, dann hätte ich Sie vermutlich vor diesem fürchterlichen Erlebnis bewahren können.«

»Aber woher wußten Sie denn Bescheid, Mr. Holmes?«

»Ich bin ein allesverschlingender Leser mit einem seltsam guten Gedächtnis für Nebensächlichkeiten. Der Begriff ›Löwenmähne‹ spukte mir im Kopf herum. Ich wußte, er war mir irgendwo in einem unvermuteten Zusammenhang schon einmal begegnet. Sie haben ja inzwischen gesehen, daß er dieses Wesen zutreffend beschreibt. Ich hege keinen Zweifel daran, daß McPherson es auf dem Wasser treiben sah und daß er in diesem Begriff die einzige Möglichkeit erblickte, uns auf die Kreatur, die ihm den Tod gebracht hatte, hinzuweisen.«

»Wenigstens bin ich damit entlastet«, sagte Murdoch, indem er sich langsam erhob. »Ein paar erklärende Worte möchte ich allerdings noch dazu sagen; ich kenne nämlich die Richtung, in der sich Ihre Nachforschungen bewegten. Es stimmt zwar, daß ich diese Lady geliebt habe; aber von dem Tag an, als sie sich für meinen Freund McPherson entschied, hatte ich nur noch den Wunsch, ihr zu ihrem Glück zu verhelfen. Ich war gerne bereit zu verzichten und mich als Vermittler der beiden zu betätigen. Oft habe ich ihre Botschaften befördert; und eben weil sie mich ins Vertrauen gezogen hatten und weil mir die Lady so teuer war, bin ich zu ihr geeilt, um ihr vom Tod meines Freundes zu berichten, denn ich fürchtete, daß mir jemand zuvorkommen könnte, der dies auf raschere und herzlosere Weise besorgt. Sie wollte Ihnen nichts von unseren Beziehungen erzählen, Sir – aus Angst, daß Sie sie mißbilligen könnten und ich dann der Leidtragende wäre. Aber wenn Sie erlauben, mochte ich jetzt versuchen, mich auf den Rückweg nach The Gables zu machen; mein Bett wird mir nämlich hochwillkommen sein.«

Stackhurst streckte die Hand aus. »Unsere Nerven waren wohl ziemlich überreizt«, sagte er. »Vergeben Sie mir, was geschehen ist, Murdoch. Künftig werden wir einander wohl besser verstehen.« Freundschaftlich untergehakt gingen sie zusammen hinaus. Der Inspektor blieb noch und starrte mich mit seinen Ochsenaugen schweigend an.

»Sowas, Sie haben’s tatsächlich geschafft!« rief er schließlich. »Ich hab ja schon von Ihnen gelesen; aber ich hab die Geschichten nie geglaubt. Es ist einfach wunderbar!«

Ich sah mich genötigt, den Kopf zu schütteln. Derlei Lob anzunehmen hieße sich unter sein eigenes Niveau zu begeben.

»Ich war langsam am Anfang – sträflich langsam. Hätte man die Leiche im Wasser gefunden, wäre mir wohl kein Fehler unterlaufen. Aber das Handtuch hat mich in die Irre geführt. Der arme Kerl hatte nicht einmal mehr daran gedacht, sich abzutrocknen; daher mußte ich annehmen, daß er überhaupt nicht im Wasser war. Wie hätte ich da noch darauf kommen sollen, daß ihn ein Wasserwesen angegriffen hat? Hierin lag also mein ganzer Irrtum. Tja, Inspektor; ich habe mir ja schon oft erlaubt, euch Gentlemen von der Polizei ein wenig aufzuziehen; ums Haar hätte Cyanea Capillata nun Scotland Yard gerächt!«