DerNarrLiest

Sherlock Holmes & Die verschleierte Mieterin (Fall 58)

July 12, 2021 HofnarrGiaccomo Season 2021 Episode 182
DerNarrLiest
Sherlock Holmes & Die verschleierte Mieterin (Fall 58)
Show Notes Transcript

HofnarrGiaccomo liest den urheberrechtsfreien Klassiker
Eine spannende Sherlock Holmes Kriminalgeschichte
von  ARTHUR CONAN DOYLE - "Die verschleierte Mieterin"  (Fall 58)

Der Fall erschien in Deutschland auch unter den Titeln

Das verhüllte Gesicht

 Inhalt:
Mrs. Merrilow ist besorgt um ihre geheimnisvolle Mieterin Eugenia Ronder, die sich stets nur verschleiert zeigt. Ihr Tod scheint nahe, denn sie bittet Sherlock Holmes zu sich, um sich etwas von der Seele zu reden. So kommt es, dass Holmes in diesem Fall nur Zuhörer ist, aber selbst nichts aufklärt.

Das Buch (und viele andere Klassiker) könnt ihr übrigens alle kostenlos bei Amazon mit Kindle der gratis Kindle-App oder im Browser lesen direkt unter AMAZON.DE (https://amzn.to/3e0ev2W)
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 Arthur Conan Doyle - Sherlock Holmes
(Lies bei YouTube mit) https://youtu.be/BP2tF5k4Ilg

„Die verschleierte Mieterin“ (Fall 58)
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Wenn man bedenkt, daß Mr. Sherlock Holmes seinen Beruf dreiundzwanzig Jahre lang ausübte und daß ich siebzehn davon mit ihm zusammenarbeiten durfte, in deren Verlauf ich seine Taten aufzeichnete, dann wird klar, daß mir inzwischen eine Unmenge von Material zur Verfügung steht. Das Problem lag nie darin, einen Stoff zu finden, sondern aus der Menge des Vorhandenen auszuwählen. Da gibt es zum einen die lange Reihe der Jahrbücher (sie füllen ein Regal) und zum anderen die mit Dokumenten vollgestopften Depeschenbehälter – eine perfekte Fundgrube nicht nur für den Verbrechensforscher, sondern auch für denjenigen, der die gesellschaftlichen und politischen Skandale der spätviktorianischen Ära studiert. Was diese letzteren betrifft, so möchte ich anmerken, daß die angstvollen Briefschreiber, die darum bitten, ihre Familienehre oder das Ansehen ihrer Vorfahren nicht anzutasten, nichts zu befürchten haben. Die Diskretion und das ausgeprägte Berufsethos, die meinen Freund stets ausgezeichnet haben, walten auch noch in der Auswahl dieser Memoiren; ich werde also niemandes Vertrauen mißbrauchen. Aufs schärfste jedoch verurteile ich die jüngst unternommenen Versuche, an diese Papiere heranzukommen und sie zu vernichten. Die Quelle dieser Freveltaten ist bekannt, und Mr. Holmes hat mich zu der Ankündigung bevollmächtigt, daß im Falle einer Wiederholung die Geschichte um den Politiker, den Leuchtturm und den abgerichteten Kormoran in aller Ausführlichkeit dem Publikum vorgelegt wird. Zumindest ein Leser wird diesen Hinweis zu deuten wissen.

Es wäre nicht vernünftig anzunehmen, daß jeder dieser Fälle Holmes Gelegenheit gab, jene sonderbaren Gaben des Instinkts und der Beobachtung vorzuführen, die ich in diesen Memoiren darzustellen versuchte. Manchmal mußte er die Frucht mit viel Mühe pflücken; ein andermal fiel sie ihm leicht in den Schoß. Die schrecklichsten menschlichen Tragödien spielten sich jedoch oft in den Fällen ab, die ihm die geringsten Möglichkeiten zu persönlichem Eingreifen boten, und einen davon möchte ich nun darlegen. Ich habe Namen und Ort bei der Niederschrift ein wenig geändert; doch ansonsten entspricht der Bericht den Tatsachen.

Eines Vormittags – es war im Spätjahr 1896 – erhielt ich von Holmes eine eilige Nachricht mit der Bitte um meinen Beistand. Als ich bei ihm eintraf, saß er in rauchgeschwängerter Atmosphäre auf einem Stuhl; vor ihm, auf dessen Gegenstück, saß eine ältere, mütterlich wirkende Frau vom Typ der drallen Haushälterin.

»Das ist Mrs. Merrilow aus South Brixton83«, sagte mein Freund mit einer Handbewegung. »Mrs. Merrilow hat nichts gegen Tabak – falls Sie Ihren abscheulichen Angewohnheiten frönen wollen. Mrs. Merrilow hat eine interessante Geschichte zu erzählen, woraus sich etwas entwickeln könnte, bei dem Ihre Anwesenheit von Nutzen wäre.«

»Alles, was ich tun kann …«

»Sie werden verstehen, Mrs. Merrilow, daß ich lieber einen Zeugen dabei habe, wenn ich zu Mrs. Ronder komme. Das sollten Sie ihr vor unserer Ankunft noch begreiflich machen.«

»Du lieber Himmel, Mr. Holmes«, sagte unsere Besucherin; »sie ist so versessen darauf, Sie zu sehen, daß Sie die ganze Gemeinde als Gefolgschaft mitbringen könnten!«

»Dann kommen wir am frühen Nachmittag. Wir wollen zusehen, daß wir unsere Fakten beisammenhaben, bevor wir aufbrechen. Gehen wir sie doch noch einmal durch – das wird Dr. Watson helfen, die Situation zu begreifen. Sie sagen also, daß Mrs. Ronder seit sieben Jahren Ihre Mieterin ist und daß Sie ihr Gesicht erst einmal gesehen haben.«

»Gott weiß, ich wollt, ich hätt es nie gesehen!« sagte Mrs. Merrilow.

»Es war, wenn ich es recht verstehe, schrecklich verstümmelt.«

»Ach, Mr. Holmes, man kann es eigentlich gar nicht mehr als Gesicht bezeichnen, so schlimm hat es ausgeschaut. Unser Milchmann hat sie mal ganz kurz gesehen, wie sie aus dem oberen Fenster geguckt hat, und da ist ihm die Kanne runtergefallen und die ganze Milch im Vorgarten verlaufen. So ein Gesicht ist das. Als ich sie gesehen hab – wir sind uns mal ganz unverhofft begegnet – hat sie’s schnell zugedeckt und gesagt: ›So, Mrs. Merrilow, nun wissen Sie endlich, warum ich nie meinen Schleier hochnehme.‹«

»Wissen Sie irgend etwas über ihre Vergangenheit?«

»Gar nichts.«

»Brachte sie Referenzen mit, als sie zu Ihnen kam?«

»Nein, Sir, aber Bargeld, und davon eine ganze Menge. Die Miete für ein Vierteljahr im voraus, glatt auf den Tisch des Hauses, und ohne langes Feilschen über die Bedingungen. Heutzutage kann es sich eine arme Frau wie ich nicht leisten, so eine Chance auszuschlagen.«

»Hat sie gesagt, warum sie sich gerade für Ihr Haus entschieden hat?«

»Meins steht ein gutes Stück von der Straße weg und ist stiller als die meisten anderen. Außerdem nehm ich nur eine Person auf, und ich selbst hab keine Familie. Wahrscheinlich hat sie vorher andere geprüft und festgestellt, daß ihr meins am besten paßt. Sie will zurückgezogen leben können und ist bereit, dafür zu zahlen.«

»Sie sagen, sie hat Ihnen von Anfang an nie ihr Gesicht gezeigt, außer bei dieser einen zufälligen Gelegenheit. Hm, das ist eine sehr bemerkenswerte Geschichte, höchst bemerkenswert; ich wundere mich nicht, daß Sie sie untersucht haben wollen.«

»Ich doch nicht, Mr. Holmes. Ich bin doch ganz zufrieden, solange ich meine Miete bekomme. Sie können sich keinen ruhigeren Mieter vorstellen – und auch keinen, der weniger Ärger macht.«

»Und inwiefern hat sich daran etwas geändert?«

»Ihre Gesundheit, Mr. Holmes. Die Frau scheint dahinzusiechen. Irgendwas Furchtbares lastet ihr auf der Seele. ›Mord!‹ ruft sie. ›Mord!‹ Und einmal hab ich sie ›Du grausame Bestie! Du Ungeheuer!‹ schreien hören. Es war nachts, und es hat ganz schön durchs Haus gehallt und mir eine Gänsehaut eingejagt. Deshalb bin ich am Morgen zu ihr gegangen. ›Mrs. Ronder‹, sag ich, ›wenn Ihnen was Schlimmes auf der Seele liegt – da war doch der Pfarrer‹, sag ich, ›und da war die Polizei. Eins von beiden kann Ihnen bestimmt helfen.‹ ›Um Gottes willen, nicht die Polizei!‹ sagt sie. ›Und der Pfarrer kann Vergangenes auch nicht mehr ändern. Trotzdem‹, sagt sie, ›würde es mich erleichtern, wenn jemand die Wahrheit erfahrt, bevor ich sterbe.‹ ›Naja‹, sag ich, ›wenn Sie’s nicht amtlich haben wollen, gibt’s da ja noch diesen Detektiv, von dem man immer wieder liest‹ – Verzeihung, Mr. Holmes. Und sie, sie ist darauf regelrecht angesprungen. ›Das ist genau der Richtige‹ sagt sie. ›Komisch, daß ich nicht schon früher daran gedacht habe. Bringen Sie ihn her, Mrs. Merrilow; und wenn er nicht kommen will, dann sagen Sie ihm, ich bin die Frau von Ronder mit der Raubtier-Schau. Sagen Sie ihm das, und erwähnen Sie den Namen Abbas Parva.‹ Hier hat sie’s aufgeschrieben, Abbas Parva. ›Das wird ihn herbringen, wenn er der Mann ist, für den ich ihn halte.‹«

»Und das wird es auch«, bemerkte Holmes. »Sehr gut, Mrs. Merrilow. Ich würde jetzt gerne noch ein wenig mit Dr. Watson plaudern. Das wird sich wohl bis zur Mittagszeit hinziehen. Gegen drei Uhr dürfen Sie uns dann in Ihrem Haus in Brixton erwarten.«

Kaum war unsere Besucherin aus dem Zimmer gewatschelt – kein anderes Verb könnte Mrs. Merrilows Art der Fortbewegung beschreiben –, als Sherlock Holmes sich mit wilder Energie auf den Stapel Kollektaneen-Bücher in der Ecke warf. Ein paar Minuten lang ertönte konstantes Blättergeraschel; dann stieß er mit zufriedenem Grunzen auf das Gesuchte. Er war so aufgeregt, daß er sich nicht erhob, sondern auf dem Fußboden sitzen blieb – wie ein seltsamer Buddha, mit gekreuzten Beinen, die gewaltigen Bände um sich verstreut; einer lag aufgeschlagen auf seinen Knien.

»Der Fall hat mir seinerzeit ziemlich zu schaffen gemacht. Was meine Randnotizen hier bestätigen. Ich muß gestehen, daß ich aus der Sache nicht schlau geworden bin. Trotzdem bin ich überzeugt, daß sich der Coroner84 geirrt hat. Erinnern Sie sich denn nicht an die Abbas-Parva-Tragödie?«

»Nein, Holmes.«

»Dabei waren Sie damals noch mit mir zusammen. Doch ist auch mein Eindruck davon sehr oberflächlich; es gab nämlich nichts, woran man sich halten konnte; außerdem hatte keiner der Beteiligten meine Dienste in Anspruch genommen. Vielleicht hätten Sie Lust, die Unterlagen zu lesen?«

»Könnten Sie mir nicht ein paar Stichworte geben?«

»Nichts leichter als das. Vermutlich fällt Ihnen die Sache wieder ein, wenn ich davon rede. Ronder war damals durchaus ein Begriff. Er war der Rivale von Wombwell und von Sanger85 und einer der größten Zirkusartisten seiner Zeit. Es macht jedoch den Anschein, daß er sich aufs Trinken verlegte und daß sowohl er als auch seine Schau zur Zeit der großen Tragödie bereits auf dem absteigenden Ast waren. Als sich dieser grausige Vorfall ereignete, hatten die Zirkuswagen für die Nacht in Abbas Parva haltgemacht, einem kleinen Dorf in Berkshire. Sie waren auf der Landstraße unterwegs nach Wimbledon und schlugen lediglich ihr Lager auf; eine Vorstellung gaben sie nicht, da der Ort so klein ist, daß sie sich nicht gelohnt hätte.

Zu ihren Schaustücken zählte ein sehr schöner nordafrikanischer Löwe. Sein Name lautete Sahara King, und sowohl Ronder als auch seine Frau pflegten Vorstellungen in seinem Käfig zu geben. Sehen Sie, hier ist eine Photographie, der Sie entnehmen können, daß Ronder ein riesiger Eber von einem Mann und seine Frau eine überaus glanzvolle Erscheinung war. Bei der gerichtlichen Untersuchung wurde zu Protokoll gegeben, daß einiges auf die Gefährlichkeit des Löwen hingewiesen habe; aber wie üblich erzeugte Vertrautheit Geringschätzung – man nahm von dieser Tatsache keine Notiz.

Der Löwe wurde gewöhnlich nachts gefuttert – entweder von Ronder oder von seiner Frau. Manchmal ging einer, manchmal gingen beide; sie erlaubten es jedoch keinem anderen, denn sie glaubten, das Tier würde sie, solange sie ihm das Futter brächten, als seine Wohltäter ansehen und niemals angreifen. In dieser einen Nacht vor sieben Jahren gingen beide, und da ereignete sich ein überaus entsetzlicher Vorfall, dessen Einzelheiten nie geklärt wurden.

Wie es scheint, wurde gegen Mitternacht das ganze Lager vom Brüllen des Tieres und von den Schreien der Frau wachgerüttelt. Die verschiedenen Wärter und Arbeiter stürzten aus ihren Zelten; sie trugen Laternen, und in deren Licht offenbarte sich ihnen ein grauenhafter Anblick. Etwa zehn Yards vom geöffneten Käfig entfernt lag Ronder mit zermalmtem Hinterkopf; über seine Schädeldecke zogen sich tiefe Krallenspuren. In der Nähe der Käfigtür lag Mrs. Ronder auf dem Rücken – über ihr kauerte und fauchte das Tier. Es hatte ihr derartig das Gesicht zerfetzt, daß niemand glaubte, sie könne überleben. Angeführt von Leonardo, dem Starken Mann, und Griggs, dem Clown, trieben mehrere Zirkusleute das Tier mit Stangen weg, worauf es zurück in den Käfig sprang und sofort eingeschlossen wurde. Wie es sich befreien konnte, war ein Rätsel. Man nahm an, daß das Paar den Käfig betreten wollte und daß das Tier, als die Tür entriegelt war, hinaussprang und über die beiden herfiel. Ansonsten ergaben sich bei der Beweisaufnahme keine Einzelheiten von Belang – außer daß die Frau im Delirium ihrer Qualen andauernd ›Feigling! Feigling!‹ schrie, als man sie zu ihrem Wohnwagen zurücktrug. Erst nach sechs Monaten war sie imstande, ihre Aussage zu machen; es kam zu einer ordnungsgemäßen Untersuchung, bei der das Gericht das naheliegende Urteil ›Unfall mit Todesfolge‹ verkündete.«

»Welche Alternative wäre denn sonst noch denkbar?« fragte ich.

»Ihre Frage ist durchaus berechtigt. Gleichwohl gab es da ein oder zwei Punkte, die dem jungen Edmunds von der Berkshire Constabulary Kopfzerbrechen machten. Ein patenter Bursche, das! Er wurde später nach Allahabad86 versetzt. Durch ihn kam ich mit dem Fall in Berührung; er schaute nämlich bei mir herein und rauchte ein oder zwei Pfeifchen darüber.«

»Ein dünner, flachshaariger Mann?«

»Genau. Ich wußte ja, daß Sie die Fährte gleich aufnehmen würden.«

»Aber was hat ihm denn Kopfzerbrechen gemacht?«

»Nun ja, was uns beiden Kopfzerbrechen gemacht hat. Es war so verteufelt schwierig, die Geschichte zu rekonstruieren. Betrachten Sie das Ganze doch einmal vom Gesichtspunkt des Löwen aus. Er ist frei. Was tut er? Er macht ein halbes Dutzend Sprünge nach vorne, was ihn zu Ronder führt. Ronder dreht sich um, um zu fliehen – die Krallenspuren befanden sich ja an seinem Hinterkopf –, aber der Löwe schlägt ihn zu Boden. Hierauf läuft das Tier – anstatt weiterzuspringen und zu fliehen – zurück zu der Frau, die in der Nähe des Käfigs steht, wirft sie um und zerfleischt ihr das Gesicht. Nun wiederum scheinen diese ihre Schreie darauf hinzuweisen, daß ihr Mann sie irgendwie im Stich gelassen hat. Aber was hätte der arme Teufel noch tun können, um ihr zu helfen? Sie sehen die Schwierigkeit?«

»Durchaus.«

»Und dann wäre da noch etwas. Jetzt, da ich die Sache überdenke, fällt es mir wieder ein. Es wurde ausgesagt, daß zur gleichen Zeit, als der Löwe brüllte und die Frau schrie, ein Mann in laute Entsetzensrufe ausbrach.«

»Zweifellos dieser Ronder.«

»Na, wenn sein Schädel zerschmettert war, dürfte von ihm vermutlich nichts mehr zu hören gewesen sein. Mindestens zwei Zeugen sprachen aber von den Schreien eines Mannes, die sich mit denen einer Frau vermengten.«

»Ich könnte mir vorstellen, daß über kurz oder lang das ganze Lager aufgeschrien hat. Und was die übrigen Punkte betrifft – für die hätte ich möglicherweise eine Erklärung.«

»Es würde mich freuen, sie in Erwägung zu ziehen.«

»Die beiden waren zehn Yards vom Käfig entfernt, als der Löwe freikam. Der Mann drehte sich um und wurde zu Boden geworfen. Die Frau kam auf die Idee, zum Käfig zu laufen und hinter sich die Tür zu schließen, denn der Käfig stellte ihre einzige Zuflucht dar. Sie stürzte darauf zu; und gerade als sie ihn erreichte, jagte das Tier hinter ihr her und warf sie um. Sie war wütend auf ihren Mann, weil er durch seine Kehrtwendung das Tier zur Raserei gebracht hatte. Wenn sie ihm nämlich mutig entgegengetreten wären, dann hätten sie es vielleicht einschüchtern können. Deshalb hat sie ›Feigling!‹ gerufen.«

»Brillant, Watson! Ihr Diamant hat nur ein einziges Wölkchen87

»Und welches, Holmes?«

»Wenn beide zehn Schritte vom Käfig entfernt waren, wie konnte sich dann das Tier befreien?«

»Wäre es nicht möglich, daß sie einen Feind hatten, der es hinausließ?«

»Und warum sollte es sie dann so wild angreifen, wo es doch sonst immer mit ihnen gespielt und Kunststückchen im Käfig vorgeführt hatte?«

»Vielleicht hat eben dieser Feind irgend etwas angestellt, um es wütend zu machen.«

Holmes schaute nachdenklich drein und verharrte ein paar Augenblicke in Schweigen.

»Tja, Watson, einiges spräche schon für Ihre Theorie. Ronder hatte viele Feinde. Edmunds erzählte mir, daß er sich furchtbar aufführte, wenn er betrunken war. Er war ein gewaltiger Leuteschinder, der jeden, der ihm in den Weg kam, wüst beschimpfte und zusammenzuschlagen drohte. Vermutlich handelte es sich bei jenen ›Ungeheuer‹-Schreien, die unsere Besucherin erwähnte, um nächtliche Reminiszenzen an den teuren Dahingegangenen. Wie dem auch sei – ehe wir nicht über alle Fakten verfügen, sind unsere Spekulationen fruchtlos. Auf der Anrichte steht noch kaltes Rebhuhn, Watson, und eine Flasche Montrachet88. Wir wollen unsere Kräfte auffrischen, bevor wir sie wieder in Anspruch nehmen.«

Als unsere Droschke uns vor dem Haus von Mrs. Merrilow absetzte, blockierte die dralle Lady bereits die offene Tür ihres bescheidenen, aber abgelegenen Domizils. Ganz offensichtlich galt ihre Hauptsorge der Gefahr, einen wertvollen Mieter zu verlieren, und bevor sie uns nach oben geleitete, flehte sie uns an, nichts zu sagen und zu tun, was zu einem so unerwünschten Ende fuhren könnte. Nachdem wir sie dessen versichert hatten, folgten wir ihr die gerade, mit einem schäbigen Läufer ausgelegte Treppe hinauf und ließen uns in das Zimmer der geheimnisvollen Mieterin führen.

Der Raum war eng, muffig und schlecht gelüftet – wie wohl nicht anders zu erwarten, da seine Bewohnerin ihn selten verließ. Aus der Frau, die Tiere im Käfig gehalten hatte, schien durch eine Vergeltung des Schicksals nun selbst ein Tier im Käfig geworden zu sein. Sie saß jetzt in einem abgewetzten Sessel in der schattigen Ecke des Zimmers. Lange Jahre der Untätigkeit hatten die Konturen ihrer Figur etwas gröber werden lassen. Diese Figur mußte jedoch einmal herrlich gewesen sein, und sie war noch immer voll und üppig. Ihr Gesicht wurde von einem dichten dunklen Schleier verdeckt; er endete knapp über der Unterlippe und enthüllte einen perfekt geformten Mund und ein zart gerundetes Kinn. Ich konnte mir gut vorstellen, daß sie einmal eine sehr bemerkenswerte Frau gewesen war. Auch ihre Stimme klang wohlmoduliert und angenehm.

»Mein Name ist Ihnen also nicht unbekannt, Mr. Holmes«, sagte sie. »Ich dachte mir, daß er Sie herbringen würde.«

»So ist es, Madame – wenngleich mir nicht klar ist, woher Sie wissen, daß ich mich für Ihren Fall interessiere.«

»Ich habe es erfahren, als ich wieder genesen war und von Mr. Edmunds, dem Kriminalbeamten der Grafschaft, verhört wurde. Ich furchte, ich habe ihn belogen. Vielleicht wäre es klüger gewesen, die Wahrheit zu sagen.«

»Es ist meistens klüger, die Wahrheit zu sagen. Aber warum haben Sie ihn belogen?«

»Weil das Schicksal eines anderen Menschen davon abhing.

Er war zwar eine ganz nichtswürdige Kreatur, aber seine Vernichtung wollte ich nicht auf dem Gewissen haben. Wir standen uns einmal so nah – so nah!«

»Aber inzwischen ist dieses Hindernis beseitigt?«

»Ja, Sir. Die betreffende Person ist tot.«

»Was hält Sie dann jetzt noch davon ab, der Polizei alles zu erzählen?«

»Es gibt noch eine weitere Person, auf die ich Rücksicht nehmen muß. Und diese Person bin ich selbst. Ich könnte den Skandal und das öffentliche Aufsehen, das ein polizeiliches Verhör mit sich brächte, nicht ertragen. Ich habe nicht mehr lange zu leben und möchte wenigstens in Ruhe sterben. Doch zuvor wollte ich noch einen urteilsfähigen Menschen finden, dem ich meine furchtbare Geschichte erzählen kann – so daß man alles begreifen wird, wenn ich einmal nicht mehr bin.«

»Sie schmeicheln mir, Madame. Doch ich bin auch ein Mensch mit Verantwortungsbewußtsein. Ich kann Ihnen also nicht versprechen, daß ich mich nach Ihrem Bericht nicht verpflichtet fühle, den Fall an die Polizei weiterzuleiten.«

»Das glaub ich nicht, Mr. Holmes. Dazu kenne ich Ihren Charakter und Ihre Methoden zu gut; ich verfolge Ihre Arbeit nämlich schon seit einigen Jahren. Das einzige Vergnügen, das mir das Schicksal gelassen hat, ist Lesen, und ich lasse mir nur wenig von dem entgehen, was in der Welt geschieht. Aber ganz gleich, welchen Gebrauch Sie von meiner Tragödie machen – ich will es darauf ankommen lassen. Es wird mich erleichtern, sie Ihnen zu erzählen.«

»Mein Freund und ich sind gerne bereit, sie anzuhören.«

Die Frau erhob sich und entnahm einer Schublade die Photographie eines Mannes. Augenscheinlich handelte es sich um einen Berufsakrobaten. Die Aufnahme zeigte einen Mann von prächtigem Körperbau; er hielt seine riesigen Arme über der geschwellten Brust verschränkt, und unter seinem mächtigen Schnauzbart lag ein Lächeln – das selbstzufriedene Lächeln des Eroberers von Frauenherzen.

»Das ist Leonardo«, sagte sie.

»Leonardo, der Starke Mann, der als Zeuge aussagte?«

»Genau der. Und das hier – das ist mein Mann.«

Ein grauenhaftes Gesicht präsentierte sich uns – ein menschlicher Eber, oder besser noch: ein menschliches Wildschwein, denn es war furchterregend bestialisch. Man konnte sich gut vorstellen, wie dieser abscheuliche Mund mahlte und schäumte vor Wut, und man konnte förmlich sehen, wie diese kleinen, boshaften Augen nichts als Tücke ausstrahlten, wenn sie in die Welt hinausblickten. Wüstling, Schläger, Bestie – all dies stand in diesem Gesicht mit der wuchtigen Kinnlade geschrieben.

»Diese beiden Bilder werden Ihnen helfen, Gentlemen, die Geschichte zu verstehen. Ich war ein armes Zirkusmädchen, das im Sägemehl aufgewachsen ist; noch ehe ich zehn war, bin ich schon durch den Reifen gesprungen. Als ich zur Frau wurde, begann dieser Mann mich zu lieben. – wenn man solche Gier noch als Liebe bezeichnen kann –, und in einem gottverlassenen Augenblick wurde ich seine Frau. Von diesem Tag an lebte ich in der Hölle, und er war der Teufel, der mich quälte. Es gab in unserer Schau keinen, der nicht gewußt hätte, wie er mich behandelte. Er hat mich mit anderen betrogen. Wenn ich mich beklagte, hat er mich festgebunden und mit seiner Reitpeitsche geschlagen. Alle bedauerten mich, und alle verabscheuten ihn – aber was hätten sie tun sollen? Sie hatten samt und sonders Angst vor ihm. Schrecklich war er sowieso, doch wenn er betrunken war, wurde er geradezu mörderisch. Immer wieder hat man ihn wegen Körperverletzung und Tierquälerei belangt; aber er hatte viel Geld, und die Geldstrafen machten ihm nichts aus. Die besten Leute verließen uns alle, und mit der Schau begann es bergab zu gehen. Nur Leonardo und ich hielten sie noch in Gang – mit dem kleinen Jimmy Griggs, unserem Clown. Armer Teufel, er hatte nicht mehr viel zu lachen; aber er tat, was er konnte, um die Dinge zusammenzuhalten.

Dann trat Leonardo mehr und mehr in mein Leben. Sie sehen ja selbst, was für ein Mannsbild er war. Inzwischen weiß ich, was für ein armseliger Charakter sich hinter diesem herrlichen Körper verbarg – aber verglichen mit meinem Mann kam er mir wie der Erzengel Gabriel vor. Er hatte Mitleid mit mir und hat mir geholfen – bis sich unsere Vertrautheit schließlich in Liebe verwandelte, in tiefe, tiefe, leidenschaftliche Liebe – eine Liebe, wie ich sie mir immer erträumt, aber nie zu empfinden gehofft hatte. Mein Mann schöpfte zwar Verdacht; aber ich glaube, er war nicht nur ein Leuteschinder, sondern auch ein Feigling – vor Leonardo jedenfalls hatte er Angst. Er rächte sich auf seine Weise, indem er mich mehr denn je quälte. Eines Nachts führten meine Schreie Leonardo vor die Tür unseres Wohnwagens. In dieser Nacht wäre es beinahe zur Tragödie gekommen, und bald darauf war meinem Geliebten und mir klar, daß sie sich nicht mehr vermeiden ließ. Mein Mann verdiente es nicht, weiterzuleben. Also planten wir seinen Tod.

Leonardo war ein schlauer Ränkeschmied. Er hat die Sache geplant. Ich sage das nicht, um die Schuld auf ihn abzuwälzen; ich war nämlich bereit, ihn jeden Inch dieses Weges zu begleiten. Aber meine Phantasie hätte nie ausgereicht, um einen solchen Plan auszudenken. Wir, das heißt, Leonardo fertigte eine Keule an; an ihrem Bleikolben befestigte er fünf lange Stahlnägel, mit den Spitzen nach außen und mit der gleichen Spannweite wie eine Löwenpranke. Diese Keule sollte meinem Mann den Todesstreich versetzen und gleichzeitig den Beweis dafür liefern, daß der Löwe, den wir freilassen würden, die Tat verübt hatte.

In einer pechschwarzen Nacht gingen mein Mann und ich wie üblich hinaus, um das Tier zu füttern. Das rohe Fleisch trugen wir in einem Zinkeimer. Leonardo wartete schon an der Ecke des großen Wohnwagens, an dem wir auf dem Weg zum Käfig vorbei mußten. Er zögerte zu lange, und wir hatten ihn bereits hinter uns gelassen, ehe er zuschlagen konnte; aber dann folgte er uns auf Zehenspitzen nach, und ich hörte es krachen, als die Keule den Schädel meines Mannes zerschmetterte. Mein Herz hüpfte vor Freude über dieses Geräusch. Ich sprang vor und löste den Riegel, der die Tür zum Käfig des großen Löwen verschlossen hielt.

Und dann geschah das Entsetzliche. Sie haben vielleicht schon gehört, wie rasch diese Tiere Menschenblut wittern und wie sie dadurch in Erregung geraten. Irgendein sonderbarer Instinkt hat dem Tier sofort verraten, daß ein Mensch getötet worden war. Als ich das Gitter zurückschob, sprang der Löwe heraus und war im Nu über mir. Leonardo hätte mich retten können. Wenn er herbeigeeilt wäre und die Bestie mit seiner Keule geschlagen hätte, wäre es ihm vielleicht gelungen, sie einzuschüchtern. Aber der Mann hat die Nerven verloren. Ich hörte ihn vor Entsetzen schreien; dann sah ich, wie er sich umdrehte und floh. Im gleichen Augenblick gruben sich die Zähne des Löwen in mein Gesicht. Sein heißer, giftiger Atem hatte mich bereits vergiftet, und ich nahm den Schmerz kaum noch wahr. Mit den flachen Händen versuchte ich den großen dampfenden, blutverschmierten Rachen wegzustoßen. Ich schrie um Hilfe und merkte noch, daß das Lager in Aufruhr geriet; dann entsinne ich mich dunkel an eine Gruppe von Männern – Leonardo, Griggs und andere –, die mich unter den Pranken des Tieres hervorzerrten. Das war das letzte, woran ich mich erinnerte, Mr. Holmes – viele verdämmerte Monate lang. Als ich wieder zu mir kam und mich im Spiegel sah, habe ich den Löwen verflucht – ach, wie habe ich ihn verflucht! Nicht, weil er mir meine Schönheit entrissen, sondern weil er mir das Leben gelassen hatte. Ich hatte nur noch einen einzigen Wunsch, Mr. Holmes, und ich besaß genügend Geld, um ihn mir zu erfüllen. Ich wollte mich verhüllen, damit niemand mein armes Gesicht zu sehen bekam, und ich wollte an einem Ort wohnen, wo mich keiner meiner ehemaligen Bekannten finden würde. Das war alles, was mir zu tun noch übrigblieb – und das habe ich auch getan. Ein armes verwundetes Tier, das sich in seine Höhle verkrochen hat, um zu sterben – das ist das Ende von Eugenia Ronder.«

Nachdem die unglückliche Frau ihre Geschichte erzählt hatte, saßen wir eine Weile schweigend da. Dann streckte Holmes seinen langen Arm aus und tätschelte ihr die Hand – mit einer so offenkundigen Sympathie, wie ich sie selten bei ihm beobachtet hatte.

»Arme Frau!« sagte er. »Arme Frau! Die Wege des Schicksals sind wirklich schwer zu verstehen. Wenn das Jenseits nicht irgendeine Entschädigung bereithält, dann ist die Welt ein grausamer Scherz. Aber was ist denn aus diesem Leonardo geworden?«

»Ich habe ihn nicht mehr gesehen und auch nie wieder von ihm gehört. Vielleicht war es unrecht von mir, gegen ihn so verbittert zu sein. Schließlich hätte er ebensogut eine von diesen mißgebildeten Kreaturen, mit denen wir durch die Lande zogen, lieben können wie dieses Wesen, das der Löwe zurückgelassen hatte. Aber die Liebe einer Frau ist nicht so leicht umzubringen. Er hatte mich unter den Pranken der Bestie liegen lassen, er hatte mich in meiner Not im Stich gelassen – dennoch brachte ich es nicht fertig, ihn dem Galgen auszuliefern. Was aus mir selbst werden würde, war mir einerlei. Was könnte denn noch schrecklicher sein als mein jetziges Dasein? Aber ich stand zwischen Leonardo und seinem Schicksal.«

»Und nun ist er tot?«

»Er ist letzten Monat beim Baden in der Nähe von Margate ertrunken. Ich habe von seinem Tod in der Zeitung gelesen.«

»Und was hat er mit dieser fünfkralligen Keule gemacht, dem ungewöhnlichsten und ingeniösesten Bestandteil Ihrer ganzen Geschichte?«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen, Mr. Holmes. In der Nähe des Lagers gab es eine Kreidegrube mit einem tiefen grünen Tümpel. Vielleicht auf dem Grund dieses Tümpels …?«

»Schon gut, das ist jetzt nicht mehr von großer Bedeutung. Der Fall ist abgeschlossen.«

»Ja«, sagte die Frau, »der Fall ist abgeschlossen.«

Wir hatten uns erhoben, um zu gehen; doch irgend etwas in der Stimme der Frau erregte Holmes’ Aufmerksamkeit. Er drehte sich rasch zu ihr um.

»Ihr Leben ist nicht Ihr Eigentum«, sagte er. »Sie dürfen nicht Hand daran legen.«

»Wem kann es denn noch nützen?«

»Wie können Sie so etwas sagen! Das Beispiel geduldigen Leidens ist die kostbarste aller Lehren für eine ungeduldige Welt.«

Die Antwort der Frau war furchtbar. Sie hob ihren Schleier und trat vor ins Licht.

»Würden Sie so etwas ertragen?« fragte sie.

Es war schauderhaft. Keine Worte können die Form eines Gesichtes beschreiben, wenn das Gesicht selbst nicht mehr vorhanden ist. Zwei lebhafte und schöne braune Augen, die traurig aus dieser grausigen Ruine hervorschauten, machten den Anblick nur noch entsetzlicher. Holmes hob mit einer Gebärde des Mitleids und des Protestes die Hand; dann verließen wir zusammen den Raum.

Als ich meinen Freund zwei Tage später besuchte, deutete er nicht ohne Stolz auf eine kleine blaue Flasche auf dem Kamin. Ich nahm sie zur Hand. Sie trug ein rotes Giftschildchen. Als ich sie öffnete, strömte mir angenehmer Mandelduft entgegen.

»Blausäure?« fragte ich.

»Ganz recht. Es kam mit der Post. ›Hier schicke ich Ihnen meine Versuchung. Ich will Ihren Rat befolgend So lautete die Botschaft. Ich denke, Watson, es dürfte uns nicht schwerfallen, den Namen der tapferen Frau zu erraten, die das Fläschchen geschickt hat.«