DerNarrLiest

Die Schildbürger "13 & 14 Eine neue Verfassung (von Ludwig Tieck)

July 17, 2021 HofnarrGiaccomo Season 2021 Episode 183
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Die Schildbürger "13 & 14 Eine neue Verfassung (von Ludwig Tieck)
Show Notes Transcript

HofnarrGiaccomo liest den urheberrechtsfreien Klassiker:
Die humorvollen Geschichten der fränkischen Schildbürger von LUDWIG TIECK
13 Eine neue Verfassung wir eingeführt
14 Der König besucht die Einwohner


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Ludwig Tieck - Die Schildbürger

„13 Eine neue Verfassung wird eingeführt“

Caput XIII

Eine neue Verfassung wird eingeführt.

Da man nun nicht nur die Mehrheit der Stimmen, sondern sogar alle Stimmen für eine Staatsveränderung zu haben schien, so ward sogleich ohne Weiteres der Bürgermeister seines Amtes entsetzt, und Caspar sah sich gezwungen, wieder eine Privatperson vorzustellen. Als Einige nunmehr zu einer neuen Wahl schreiten wollten, stand Einer unter ihnen auf und sagte:

Warum wollen wir uns denn stets wieder die alte Qual verschaffen? Warum wollen wir nicht irgend etwas Neues versuchen, um zu erfahren, ob wir es auf diesem Wege nicht vielleicht besser haben? In der ganzen Welt sind, wie man sagt, Regierungen und Staatsverfassungen eingeführt, aber daraus folgt noch gar nicht, daß sie nothwendig sind, denn sonst müßten auch tausend andre Sachen nothwendig seyn, deren Entbehrlichkeit doch selbst der blödeste Verstand begreifen kann. Jedes Regiment, es mag Namen haben, welche es will, ist nur darum erfunden, um die Menschen im Zaum zu halten, weil sie Narren sind. Das Gesetz und der Zwang müssen die Stelle der Weisheit vertreten, weil sie sich von der Minerva nicht wollen regieren lassen. Die Strafen müssen an die Stelle der philosophischen Beweise treten, und so sieht jeder Bürger am Ende in der Ferne so ziemlich tugendhaft aus, weil er von allen Seiten so eingeschnürt und eingeengt ist, daß er sich weder rühren noch regen kann. Diese Gesetze und Regierungen sind aber weisen Männern unanständig, die durch sich selber immer gut und ohne alle Gesetze strenge nach den Gesetzen handeln. Wenn wir Autorität und Zwang verbannen, ist es dem Tugendhaften erst möglich, zu zeigen, daß er um ihrer selbst willen die Tugend liebe, weil sonst Jeder, ja er selbst, glauben könnte, er fürchte sich vor dem Zwange und vor der Strafe. Darum wollen wir die höchste Freiheit unter uns einführen, und der Welt zeigen, wie es möglich sey, auf diese Art glücklich zu werden. Dann erst werden große Männer unter uns aufstehn, gegen die alle diejenigen, die sonst an den Höfen der Fürsten dienten, nur Kinder und Narren waren.

Die Schildbürger gaben dieser Rede den ungetheiltesten Beifall; Jedermann versprach laut, tugendhaft und ein großer Mann zu werden, und so hob man alle Gesetze auf, so wie die ganze Verfassung, und ein Jeder ging als der freieste Mann nach Hause. So war der Staat beruhigt, und die reinste Demokratie eingerichtet.


Caput XIV

Der König besucht die Einwohner. – Diogenes der Zweite.

Es traf sich um diese Zeit, daß der benachbarte König eine Reise vorhatte, und durch das Gebiet der Schildbürger gehn mußte. Die neuen Republikaner erfuhren den Tag, an welchem er kommen würde, und beschlossen, vor seinen Augen etwas Denkwürdiges auszurichten. Sie kamen also zusammen und wurden dahin einig, daß man ihm nicht die mindeste Ehre erweisen müsse, um ihm dadurch zu verstehn zu geben, daß sie ganz freie Männer wären. Ein Andrer schlug noch außerdem vor, daß es zu solchem Zwecke noch tauglicher sey, ihm gewissermaßen grob zu begegnen, damit er begriffe, daß sie keine Sklaven und Tyrannenknechte wären. Dieser Vorschlag gefiel außerordentlich und man las noch vorher einige Bücher, um sich recht in die Stimmung zu versetzen, die solchen freien Menschen ansteht.

Einem unter ihnen, den man für den witzigsten hielt, ward aufgetragen, sich als Nachahmer des griechischen Diogenes mitten auf dem Markt in einer Tonne häuslich niederzulassen, man wolle den König alsdann dorthin, als zum größten Philosophen, führen, und wenn er sich dann eine Gnade ausbitten dürfe, so solle er ebenfalls die Worte des Griechen wiederholen: Ich verlange nichts, als daß Du mir aus der Sonne gehst. – Dadurch sollte nun dem König recht in die Augen springen, welch ein armseliges Geschöpf er gegen einen freigebornen Schildbürger sey, und er würde, im innersten Herzen bewegt, dann auch wahrscheinlich die Worte Alexanders sagen: Wahrlich, wenn ich nicht ein König wäre, so möcht' ich ein Schildbürger seyn.

Die Bürger freuten sich sehr über ihre witzige Erfindung, und Jeder lernte ein paar ächtrepublikanische Reden auswendig, womit er gesonnen war, dem Könige zur Last zu fallen. Sehr Vieles wollten sie ihm über die angebornen Menschenrechte, über die ursprüngliche Freiheit und dergleichen vortragen, so daß sie vor Ungeduld den Tag seiner Ankunft kaum erwarten konnten.

Endlich erschien der Tag. Die Schildbürger waren vorbereitet, der Philosoph lag in seiner Tonne und repetirte unaufhörlich seinen philosophischen Spruch; die Sonne schien, es fehlte nichts mehr, als der König. Auch dieser kam endlich. Die Ersten, die mit ihm reden sollten, waren bei seinem Anblick so erschrocken und verwirrt, daß sie keinen tüchtigen Grundsatz und keine zureichende Tyrannenverachtung in sich auftreiben konnten; sie standen stumm und verlegen da. Einige aber, die jünger und kecker waren, sahen die Beängstigung ihrer Brüder, und schämten sich, daß der Republik eine solche Schande zustoßen sollte; sie traten daher hinzu und wollten das Versehen ihrer Mitbürger wieder gut machen. Sie überhäuften den König mit unzusammenhängenden Grobheiten und Schimpfreden, der nicht begreifen konnte, warum ihm eine solche Ehre widerführe. Als er endlich von einigen der Aeltesten hörte, daß es nur geschähe, um ihre neue Freiheit zu probiren, daß es nur Edelmuth der Bürger verrathe, die sich vom Sklavensinn zu entfernen trachteten, und daß er es aus dieser Ursache nicht übel nehmen möchte, so fing er an, aus vollem Halse zu lachen. Die Schildbürger waren sehr vergnügt darüber, daß er über ihre republikanischen Gesinnungen eine solche Freude hatte, und fuhren nun in ihrer patriotischen Declamation um so eifriger fort.

Da der König gar keine Miene machte, nach dem Markte zu gehn, so fragten sie ihn, ob er gar nicht gesonnen sey, ihren merkwürdigsten Philosophen zu sehn, der dort in einer Tonne liege und fast göttlich zu nennen sey. Der König folgte ihnen und betrachtete den Mann, der sich mit vieler Mühe ein sehr wildes Ansehn gegeben hatte; er mußte von Neuem über die wunderlichen Gebehrden des Menschen lachen, und ein Schildbürger sagte: Nun seht Ihr, ich sagte es Euch wohl vorher, daß es Euch gefallen würde; er hat einen tüchtigen Kopf, und trefflich geschickt ist er in kurzen, tiefsinnigen Antworten. Ihr dürft ihn nur etwas fragen, und er wird Euch wahrhaftig schnell genug bedienen, denn er ist Einer von den Hellen, das versichre ich Euch, er kann manchmal Worte sagen, die man vor tiefem Sinn gar nicht versteht. Er wird Euch, mein Seel, gut abfertigen mit Eurer ganzen königlichen Würde, denn im Patriotismus versteht er keinen Spaß. Fühlt ihn nur auf den Zahn, so wird er Euch weisen, daß er Haare auf den Zähnen hat. Fragt ihn einmal zum Exempel, was er sich für eine Gnade von Euch ausbitten will.

Dem König fing die Zeit an lang zu werden, und er sagte daher: Nun, mein lieber Schildbürger, welche Gnade soll ich Dir gewähren? Sprich! Hierauf antwortete der gute Schildbürger: Gnädiger Herr König, schenkt mir tausend Thaler und ich bin mit den Meinigen auf immer glücklich. – Du sollst sie haben, sagte der König schnell, und ich sehe, Deine Mitbürger wissen Dich zu schätzen, denn Du bist wirklich der Weiseste in der Stadt.

Ach Du Bösewicht! riefen die Schildbürger aus, hältst Du so Dein Versprechen? Sind das die Antworten, die Du zu geben hast, Verräther? Herr König, wir schwören's Euch zu, aus der Sonne solltet Ihr ihm gehn, weiter war nichts unter uns abgeredet. Und deswegen haben wir Dir Flegel die Tonne machen lassen, in der Du so bequem, wie in einem Bette liegst? O Du Spitzbube! und wo bleibt denn nun das, daß er Dir aus der Sonne gehen soll?

Nun, hört nur die Narren, Herr König! rief Diogenes erzürnt aus. Aus der Sonne gehn, und es scheint jetzt keine Sonne, es hat sich zusammengezogen, als ob es regnen wollte. Nicht der Herr König, Ihr, meine eselhaften Mitbürger, steht mir im Lichte, und darum geht nur plötzlich fort, daß ich meine tausend Thaler in Ruhe empfangen kann. Meint Ihr denn, es soll unter Euch keinen einzigen vernünftigen Menschen mehr geben, weil Ihr in die Narrheit so vernarrt seyd?

Wir verbannen Dich aus dem Lande, riefen die Uebrigen.

Gut, sagte Diogenes, kommt, Herr König, gebt mir mein Geld und dann wollen wir die Narren hier sitzen lassen.

So endigte sich dieser merkwürdige Tag, und Diogenes war sehr froh darüber, daß er seine ihm aufgetragene Rolle so sinnreich verbessert hatte, er verließ das Land und der König setzte seine Reise fort, nachdem er über die Thorheit der Einwohner noch viel gelacht hatte.