DerNarrLiest

Sherlock Holmes & Shoscombe Old Place (Fall 59)

July 22, 2021 HofnarrGiaccomo Season 2021 Episode 184
DerNarrLiest
Sherlock Holmes & Shoscombe Old Place (Fall 59)
Show Notes Transcript

HofnarrGiaccomo liest den urheberrechtsfreien Klassiker
Eine spannende Sherlock Holmes Kriminalgeschichte
von  ARTHUR CONAN DOYLE - "Shoscombe Old Place"  (Fall 59)

Der Fall erschien in Deutschland auch unter den Titeln

Das Abenteuer von Shoscombe Old Place
Der treue Hund

 Inhalt:
John Mason, Cheftrainer des Gestüts von Shoscombe Old Place, wendet sich an Sherlock Holmes, da er befürchtet, sein Arbeitgeber, Sir Robert Norberton, sei verrückt geworden. Dieser versucht mit einer waghalsigen Täuschung beim Pferderennen zu gewinnen, wovon seine gesamte Existenz abhängt. Des weiteren scheint sich sein Verhalten gegenüber Lady Beatrice Falder, die verwitwete Schwester Norbertons und Herrin auf Shoscombe Old Place, merkwürdig verändert zu haben. Hatten beide früher ein recht inniges Verhältnis, so hat er der kranken Lady den Lieblingshund weg genommen und besucht sie kaum noch. Lady Beatrice wiederum ist in sich gekehrt, mürrisch und trinkt "wie ein Bürstenbinder". Mason und der Butler haben außerdem beobachtet, wie sich Sir Robert des nachts bei der alten Gruft im Park mit einem Unbekannten trifft. Als Mason dann noch das verkohlte Stück Knochen eines Menschen zeigt, welches im Ofen gefunden wurde, ist Holmes' Interesse an dem Fall vollends geweckt. Sein Verdacht, Sir Robert habe seine Schwester umgebracht und durch eine andere Person ersetzt, um weiterhin die Vorzüge des Lebens auf dem Anwesen genießen zu können, erweist sich jedoch als nicht ganz richtig...

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 Arthur Conan Doyle - Sherlock Holmes
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„Shoscombe Old Place“ (Fall 59)
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Sherlock Holmes hatte sich lange über ein Mikroskop mit schwacher Vergrößerung gebeugt. Nun richtete er sich auf und sah mich triumphierend an.

»Das ist Leim, Watson«, sagte er. »Ohne jede Frage, das ist Leim. Schauen Sie sich diese verstreuten Objekte im Feld an!«

Ich beugte mich über das Okular und stellte meine Sehschärfe ein.

»Diese Haare sind Fasern von einem Tweedmantel. Die unregelmäßigen grauen Klumpen sind Staub. Links finden sich Epithelschuppen. Und diese braunen Kügelchen in der Mitte sind unzweifelhaft Leim.«

»Schön«, sagte ich lachend, »ich bin ja bereit, es Ihnen zu glauben. Hängt denn irgend etwas davon ab?«

»Es liefert einen sehr feinen Beweis«, antwortete er. »Sie erinnern sich vielleicht daran, daß man im St. Pancras-Fall neben dem toten Polizisten eine Mütze gefunden hat. Der Angeklagte bestreitet, daß sie ihm gehört. Er ist jedoch Hersteller von Bilderrahmen, hat also ständig mit Leim zu tun.«

»Haben Sie den Fall übernommen?«

»Nein; aber mein Freund Merivale vom Yard hat mich gebeten, ihn zu überprüfen. Seit ich damals diesen Falschmünzer mit Hilfe der Zink-und Kupfer-Feilspäne in seiner Manschettennaht zur Strecke brachte, hat man die Bedeutung des Mikroskops allmählich begriffen.« Er warf einen ungeduldigen Blick auf seine Uhr. »Ich erwarte eigentlich einen neuen Klienten; er ist überfällig. Übrigens, Watson, Sie verstehen doch etwas von Pferderennen?«

»Das muß ich wohl. Ich gebe fast meine halbe Verwundeten-Rente89 dafür aus.«

»Dann ernenne ich Sie zu meinem Praktischen Turf-Ratgeber‹. Wie steht es mit Sir Robert Norberten? Sagt Ihnen der Name etwas?«

»Ja, allerdings. Er lebt in Shoscombe Old Place. Ich kenne die Gegend gut; ich habe dort früher meine Sommerferien verbracht. Norberton wäre fast einmal in Ihre Interessensphäre geraten.«

»Wie denn das?«

»Er hat Sam Brewer, den bekannten Geldverleiher aus der Curzon Street, auf der Newmarket-Heath90 mit der Reitpeitsche zusammengeschlagen. Er hat den Mann beinahe umgebracht.«

»Ah, das hört sich interessant an. Gönnt er sich öfter solche Abwechslungen?«

»Nun ja, er gilt als gefährlicher Bursche. Er ist so ziemlich der tollkühnste Reiter Englands – vor ein paar Jahren war er Zweiter im Grand National91. Er zählt zu jenen Männern, die ihre eigentliche Generation verpaßt haben. Er hätte ein Haudegen in den Tagen Georgs des Vierten92 sein sollen: Er ist Boxer, Athlet, waghalsiger Wetter auf dem Rennplatz, Liebhaber schöner Damen und steckt, soviel man hört, derartig tief in Schwulitäten, daß er wohl nie wieder herausfindet.«

»Ausgezeichnet, Watson! Eine knappe Skizze. Ich sehe den Mann förmlich vor mir. Könnten Sie mich jetzt noch ein wenig mit Shoscombe Old Place bekannt machen?«

»Es liegt im Zentrum von Shoscombe Park. Das berühmte Gestüt Shoscombe nebst Trainingsgelände befindet sich dort.«

»Und der Cheftrainer«, sagte Holmes, »ist John Mason. Sie brauchen ob meiner Kenntnis nicht überrascht dreinzuschauen, Watson; ich bin gerade dabei, diesen Brief von ihm zu entfalten. Aber erzählen Sie noch ein bißchen mehr über Shoscombe. Ich bin ja anscheinend auf eine reiche Ader gestoßen.«

»Es gibt dort die Shoscombe-Spaniels«, sagte ich. »Sie finden sie auf jeder Hundeschau. Die exklusivste Zucht in ganz England. Sie sind der besondere Stolz der Lady von Shoscombe Old Place.«

»Sir Robert Norbertons Frau, nehme ich an.«

»Sir Robert ist unverheiratet. In Anbetracht seiner Aussichten ist das wohl auch ganz gut so. Er lebt mit seiner verwitweten Schwester zusammen, Lady Beatrice Falder.«

»Sie meinen damit, sie lebt bei ihm?«

»Nein, nein. Das Gut gehörte ihrem verstorbenen Mann, Sir James. Norberton hat keinerlei Anspruch darauf. Es handelt sich lediglich um einen Nießbrauch auf Lebenszeit; danach fällt es an den Bruder ihres Gatten zurück. In der Zwischenzeit bezieht sie daraus jährlich ihre Einkünfte.«

»Und Bruder Robert gibt besagte Einkünfte vermutlich wieder aus?«

»Ja, so könnte man es sagen. Er ist ein Teufelsbraten und macht ihr das Leben offenbar ganz schön schwer. Andererseits habe ich gehört, daß sie sehr an ihm hängt. Aber was stimmt denn nicht in Shoscombe?«

»Ah, genau das möchte ich auch wissen. Und hier, glaube ich, kommt der Mann, der es uns verraten wird.«

Die Tür war aufgegangen, und der Hausbursche hatte einen hochgewachsenen, glattrasierten Mann hereingeleitet, dem jener entschlossene, strenge Gesichtsausdruck eignete, den man nur bei Leuten findet, die Pferde oder Knaben beaufsichtigen müssen. Mr. John Mason hatte von beiden eine ganze Menge unter seinem Zepter, und er machte durchaus den Eindruck, als sei er dieser Aufgabe gewachsen. Mit kühler Gelassenheit verbeugte er sich; dann setzte er sich auf den Stuhl, den Holmes ihm angewiesen hatte.

»Sie haben meinen Brief bekommen, Mr. Holmes?«

»Ja, aber es geht nichts daraus hervor.«

»Die Geschichte war mir zu heikel, um die Einzelheiten zu Papier zu bringen. Und zu kompliziert. Das geht nur direkt.«

»Bitte, wir stehen zu Ihrer Verfügung.«

»Zunächst einmal, Mr. Holmes: Ich glaube, mein Arbeitgeber, Sir Robert, ist verrückt geworden.«

Holmes hob die Augenbrauen. »Wir sind hier in der Baker Street und nicht in der Harley Street93«, sagte er. »Aber wie kommen Sie darauf?«

»Naja, Sir, wenn einer einmal was Komisches anstellt, oder auch zweimal, dann steckt ja vielleicht noch ein Sinn dahinter; aber wenn alles, was er tut, komisch ist, dann fangt man halt an, sich zu wundern. Ich glaube, Shoscombe Prince und das Derby haben ihm das Gehirn verwirrt.«

»Das ist ein dreijähriger Hengst, den Sie laufen lassen wollen?«

»Der beste in England, Mr. Holmes. Wenn das einer wissen muß, dann ich. Also, ich will Klartext mit Ihnen reden, weil ich weiß, daß Sie Gentlemen von Ehre sind und daß kein Wort aus diesem Zimmer hinausdringen wird. Sir Robert muß dieses Derby gewinnen. Er steckt bis über den Hals in Schulden, und das ist seine letzte Chance. Alles, was er noch flüssig machen oder leihen konnte, hat er auf das Pferd gesetzt – und das zu hübschen Quoten! Zur Zeit kriegt man über vierzig für ihn; aber als er angefangen hat, auf ihn zu wetten, stand er noch fast auf hundert.«

»Wie ist denn das möglich, wenn das Pferd so gut ist?«

»Die Öffentlichkeit weiß nicht, wie gut es ist. Sir Robert war zu schlau für die Rennspione. Er hat nämlich immer nur den Halbbruder von Prince draußen sehen lassen. Die beiden kann man nicht auseinanderhalten. Aber wenn’s zum scharfen Galopp kommt, liegen über die Achtelmeile zwischen ihnen zwei Längen. Sir Robert denkt nur noch an das Pferd und das Rennen. Seine ganze Existenz hängt davon ab. Bis es soweit ist, kann er die Wucherer noch hinhalten. Wenn Prince ihn im Stich läßt, ist er erledigt.«

»Das scheint allerdings ein ziemlich verzweifeltes Hasardspiel zu sein – aber wo liegt denn nun die Verrücktheit darin?«

»Naja, zunächst einmal brauchen Sie ihn ja nur anzuschauen. Ich glaube nicht, daß er nachts noch schläft. Rund um die Uhr ist er drunten bei den Ställen. Er hat einen wilden Blick. Das alles war zuviel für seine Nerven. Und dann wäre da noch sein Benehmen gegenüber Lady Beatrice!«

»Ah! Was ist damit?«

»Bisher waren sie immer die besten Freunde. Beide hatten sie die gleichen Vorlieben, und sie hat die Pferde genauso gemocht wie er. Jeden Tag zur selben Stunde ist sie runtergefahren, um nach ihnen zu sehen – und den Prince hat sie über alles geliebt. Er hat immer schon die Ohren gespitzt, wenn er die Räder auf dem Kies gehört hat, und jeden Morgen ist er zum Wagen getrabt, um sich sein Stück Zucker zu holen. Aber das ist jetzt alles vorbei.«

»Inwiefern?«

»Tja, sie hat scheint’s jedes Interesse an den Pferden verloren. Jetzt fährt sie schon seit einer Woche an den Ställen vorbei und sagt nicht einmal mehr guten Morgen!«

»Sie glauben, es hat Streit gegeben?«

»Ja, und zwar einen ganz erbitterten, wüsten und bösartigen. Warum sollte er sonst ihren Lieblingsspaniel weggeben, den sie geliebt hat, als wäre er ihr Kind? Er hat ihn vor ein paar Tagen zum alten Barnes gebracht, der drei Meilen weg in Crendall den ›Green Dragon‹ betreibt.«

»Das scheint in der Tat merkwürdig.«

»Natürlich, man konnte nicht erwarten, daß sie mit ihrem schwachen Herz und ihrer Wassersucht noch groß mit Sir Robert unter die Leute geht; aber er hat jeden Abend zwei Stunden bei ihr im Zimmer zugebracht. Das war ja auch das mindeste, was er tun konnte; sie war ihm nämlich immer ein sehr guter Freund. Aber auch das ist jetzt alles vorbei. Er läßt sich nicht mehr bei ihr blicken. Und sie nimmt sich die Sache zu Herzen. Sie brütet vor sich hin und ist mürrisch. Und sie trinkt, Mr. Holmes – sie trinkt wie ein Bürstenbinder.«

»Hat sie schon vor dieser Entfremdung getrunken?«

»Naja, sie hat schon mal ein Gläschen zu sich genommen; aber inzwischen kommt sie oft auf eine ganze Flasche am Abend. Das hat mir Stephens, der Butler, erzählt. Alles hat sich geändert, Mr. Holmes, und irgendwas ist verdammt faul daran. Und außerdem noch: Was treibt der Herr nachts an der Gruft bei der alten Kirche? Und wer ist der Mann, mit dem er sich dort trifft?«

Holmes rieb sich die Hände.

»Fahren Sie fort, Mr. Mason. Ihre Geschichte wird immer interessanter.«

»Der Butler hat ihn nämlich weggehen sehen. Um zwölf Uhr nachts, und es hat in Strömen gegossen. Deswegen war ich am nächsten Abend oben am Haus, und tatsächlich – der Herr ging schon wieder los. Stephens und ich sind hinter ihm her, aber das war eine ziemlich zittrige Angelegenheit; es wäre nämlich ganz schön unangenehm für uns geworden, wenn er uns bemerkt hätte. Er kann furchtbar mit den Fäusten auf einen losgehen, wenn er in Fahrt kommt, und läßt sich von niemandem beeindrucken. Deshalb haben wir uns gehütet, ihm zu nahe zu kommen, aber wir haben ihn trotzdem gut im Auge behalten. Er war auf dem Weg zu der Geistergruft, und dort hat schon ein Mann auf ihn gewartet.«

»Was für eine Geistergruft?«

»Naja, Sir, im Park steht eine alte verfallene Kapelle. Sie ist so alt, daß niemand genau sagen kann, wie lange sie schon steht. Und unter ihr befindet sich eine Gruft, die bei uns ziemlich verrufen ist. Schon tagsüber ist der Ort düster, dumpf und einsam; aber nachts brächten wohl nur wenig Leute in unserer Grafschaft den Mut auf, sich ihm zu nähern. Der Herr freilich hat keine Angst. Der hat sich noch nie im Leben vor irgend etwas gefürchtet. Aber was treibt er dort zur Nachtzeit?«

»Einen Augenblick!« sagte Holmes. »Sie sagen, es gibt dort noch einen weiteren Mann. Das ist doch bestimmt jemand von Ihrem Stallpersonal oder sonst irgend jemand aus dem Haus. Sie brauchen den Betreffenden doch nur ausfindig zu machen und zu befragen?«

»Es ist niemand, den ich kenne.«

»Woher wollen Sie das wissen?«

»Ich habe ihn gesehen, Mr. Holmes. Und zwar in dieser zweiten Nacht. Sir Robert ist wieder umgekehrt und ging an uns vorbei – an mir und an Stephens; wir haben im Gebüsch gezittert wie zwei Karnickel, denn in dieser Nacht hat ein bißchen der Mond geschienen. Aber den anderen haben wir noch hinten rummachen hören. Und vor dem hatten wir keine Angst. Als Sir Robert fort war, sind wir also raus und haben so getan, als ob wir gerade im Mondschein spazierengingen; und dabei sind wir so zufällig und unschuldig wie möglich direkt auf ihn zugeschritten. ›Hallo, Kamerad! Wer sind Sie denn?‹ sag ich. Ich schätze, er hat uns nicht kommen hören; er hat sich nämlich umgedreht, mit einem Gesicht, als hätte er den Teufel aus der Hölle fahren sehen. Dann hat er einen gellenden Schrei losgelassen – und fort ist er geflitzt, so schnell ihm das in der Dunkelheit möglich, war. Der konnte vielleicht rennen, also, das muß man ihm lassen! Im Nu war er außer Sicht-und Hörweite; und wer oder was er war, haben wir nicht feststellen können.«

»Aber Sie haben ihn im Mondlicht deutlich gesehen?«

»Ja, auf sein gelbes Gesicht könnte ich einen Eid ablegen – ein ziemlich schäbiger Kerl, wenn Sie mich fragen. Was kann er nur mit Sir Robert gemein haben?«

Holmes saß eine Zeitlang gedankenverloren da.

»Wer leistet Lady Beatrice Falder Gesellschaft?« fragte er schließlich.

»Ihre Zofe, Carrie Evans. Sie ist schon fünf Jahre bei ihr.«

»Und ist ihr zweifellos ergeben?«

Mr. Mason rutschte unbehaglich hin und her.

»Ergeben ist sie schon«, antwortete er endlich. »Ich möchte nur nicht sagen, wem.«

»Aha!« sagte Holmes.

»Ich kann hier nicht aus der Schule plaudern.«

»Ich verstehe vollkommen, Mr. Mason. Die Situation ist ohnehin schon klar genug. Dr. Watsons Beschreibung von Sir Robert darf ich entnehmen, daß keine Frau vor ihm sicher ist. Meinen Sie nicht, daß hierin die Ursache für den Streit zwischen Bruder und Schwester liegen könnte?«

»Naja, der Skandal ist schon lange ziemlich offenkundig.«

»Aber vielleicht hat sie früher nichts davon bemerkt. Nehmen wir einmal an, daß sie ganz plötzlich dahintergekommen ist. Daraufhin will sie die Frau loswerden. Ihr Bruder läßt dies nicht zu. Die Kranke – mit ihrem schwachen Herzen und ihrem Unvermögen, sich noch groß zu bewegen – kann ihren Willen nicht durchsetzen. Sie bleibt weiterhin an die verhaßte Zofe gebunden. Die Lady weigert sich zu sprechen, schmollt und fangt an zu trinken. Sir Robert nimmt ihr in seinem Arger ihren Lieblingsspaniel weg. Könnte dies nicht alles zusammenhängen?«

»Naja, vielleicht – bis zu einem gewissen Grad.«

»Genau! Bis zu einem gewissen Grade. Was hätte nämlich all dies mit den nächtlichen Visiten bei der alten Gruft zu tun? Die lassen sich unserem Entwurf wohl nicht einfügen.«

»Nein, Sir; und da gibt’s noch etwas, was sich nicht einfügt. Warum will Sir Robert eine Leiche ausgraben?«

Holmes richtete sich jählings auf.

»Wir haben es erst gestern festgestellt – nachdem ich Ihnen schon geschrieben hatte. Gestern ist Sir Robert nach London gefahren, deswegen sind Stephens und ich in die Gruft runtergegangen. Es war dort alles in Ordnung, Sir – außer daß in einer Ecke ein paar Teile von einer menschlichen Leiche lagen.«

»Sie haben doch sicher die Polizei informiert?«

Unser Besucher lächelte grimmig.

»Tja, Sir, ich glaube, das wird die kaum interessieren. Es waren nämlich nur der Schädel und ein paar Knochen von einer Mumie. Das Ding kann gut und gern tausend Jahre alt sein. Aber früher hat das noch nicht dort gelegen. Das kann ich beschwören, und Stephens auch. Die Teile sind in eine Ecke geräumt und mit einem Brett zugedeckt worden, und diese Ecke war früher immer leer.«

»Was haben Sie damit gemacht?«

»Na, wir haben es einfach dort liegen lassen.«

»Das war vernünftig. Sie sagen, Sir Robert war gestern fort. Ist er inzwischen wieder da?«

»Wir erwarten ihn heute zurück.«

»Und wann hat Sir Robert den Hund seiner Schwester weggegeben?«

»Genau heute vor einer Woche. Das Tier hat draußen vor dem alten Brunnenhaus gejault, und Sir Robert hatte an dem Morgen wieder mal seinen Koller. Er hat ihn gepackt, und ich dachte schon, jetzt bringt er ihn um. Aber dann hat er ihn Sandy Bain, dem Jockey, gegeben und ihm gesagt, er soll den Hund zum alten Barnes im ›Green Dragon‹ bringen, er will ihn nicht mehr sehen.«

Holmes saß eine Zeitlang schweigend da und dachte nach. Er hatte sich die älteste und stinkigste seiner Pfeifen angezündet.

»Mir ist noch nicht klar, was ich in dieser Angelegenheit für Sie tun soll, Mr. Mason«, sagte er schließlich. »Könnten Sie nicht etwas konkreter werden?«

»Vielleicht macht das hier die Sache etwas konkreter, Mr. Holmes«, sagte unser Besucher.

Er entnahm seiner Tasche ein Stück Papier, faltete es sorgfältig auseinander und enthüllte ein verkohltes Stück Knochen.

Holmes untersuchte es interessiert.

»Wo haben Sie das her?«

»Im Keller, unter dem Zimmer von Lady Beatrice, gibt es einen Zentralheizungsofen. Er war eine Zeitlang nicht in Betrieb; aber Sir Robert hat sich über die Kälte beschwert und hat ihn wieder anmachen lassen. Harvey besorgt das – einer meiner Jungs. Und heute morgen nun kam er mit diesem Ding hier zu mir; er hat es aus der Asche rausragen sehen. Die Sache hat ihm gar nicht gefallen.«

»Mir gefällt sie auch nicht«, sagte Holmes. »Was halten Sie davon, Watson?«

Es war schwarz und verkohlt; doch hinsichtlich seiner anatomischen Zuordnung gab es keinerlei Zweifel.

»Es handelt sich um den Gelenkhöcker eines menschlichen Oberschenkels«, sagte ich.

»Ganz recht!« Holmes war inzwischen sehr ernst geworden. »Wann kümmert sich dieser Junge jeweils um den Ofen?«

»Er heizt jeden Abend ein; danach überläßt er ihn sich selbst.«

»Demnach könnte nachtsüber jeder an ihn heran?«

»Ja, Sir.«

»Kommt man von außen in den Heizungskeller?«

»Es gibt eine Außentür. Die andere führt über eine Treppe hinauf zu dem Korridor, wo das Zimmer von Lady Beatrice liegt.«

»Das sind tiefe Wasser, Mr. Mason; tief und ziemlich schmutzig. Sie sagen, Sir Robert war gestern nacht nicht zu Hause?«

»Nein, Sir.«

»Damit steht fest: Wer immer die Knochen verbrannt hat – er war es nicht.«

»Das stimmt, Sir.«

»Wie heißt noch dieser Gasthof, den Sie erwähnt haben?«

»Der ›Green Dragon‹.«

»Gibt es in dieser Gegend von Berkshire gute Fischgründe?«

Die Miene des rechtschaffenen Trainers verriet sehr deutlich, daß er überzeugt war, daß nun noch ein weiterer Verrückter in sein vielgeplagtes Leben getreten sei.

»Naja, Sir, soviel ich weiß, gibt’s im Mühlenbach Forellen und im See beim Gutshaus Hechte.«

»Das läßt sich hören. Watson und ich sind nämlich berühmte Angler – nicht wahr, Watson? Sie erreichen uns fortan im ›Green Dragon.‹ Vermutlich werden wir bereits heute abend eintreffen. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, daß Sie uns dort bitte nicht besuchen wollen, Mr. Mason; aber Sie können uns eine Nachricht zukommen lassen, und falls ich Sie brauche, weiß ich Sie mit Sicherheit zu finden. Sobald wir ein wenig tiefer in die Sache eingedrungen sind, sollen Sie meine wohlerwogene Ansicht dazu erfahren.«

So geschah es, daß Holmes und ich an einem strahlenden Maiabend alleine in einem Erster-Klasse-Abteil saßen – unterwegs zu der kleinen Bedarfshaltestelle von Shoscombe. Das Gepäcknetz über uns barg ein gewaltiges Durcheinander von Ruten, Rollen und Körben. Als wir unseren Bestimmungsort erreicht hatten, brachte uns eine kurze Fahrt zu einem altmodischen Gasthof, wo ein dem Angelsport zugetaner Wirt, Josiah Barnes, an unserem Plan, die Fische in der Umgebung auszurotten, begierigen Anteil nahm.

»Wie sieht’s denn mit dem See beim Gutshaus aus? Besteht die Chance, dort einen Hecht zu fangen?« fragte Holmes.

Das Gesicht des Wirtes bewölkte sich.

»Das wird wohl nicht angehen, Sir. Da ham Sie eher die Chance, selber im Wasser zu liegen, bevor einer anbeißt.«

»Wieso das denn?«

»Wegen Sir Robert, Sir. Er ist schrecklich mißtrauisch wegen der Rennspione. Und wenn sich zwei Fremdlinge wie Sie so nah ans Trainingsgelände rantrauen, dann wird er hinter Ihnen her sein, so sicher wie das Amen in der Kirche. Der geht nämlich kein Risiko ein, Sir Robert bestimmt nicht.«

»Ich habe gehört, er hat ein Pferd für das Derby genannt.«

»Ja, und ein einwandfreier Dreijähriger ist das! Der trägt unser ganzes Geld mit ins Rennen, und das von Sir Robert obendrein. Übrigens« – er bedachte uns mit einem nachdenklichen Blick –, »Sie haben doch nichts mit Pferden im Sinn?«

»Aber nein. Wir sind nur zwei müde Londoner, die dringend ein bißchen gute Berkshire-Luft brauchen.«

»Na, da sind Sie hier richtig. Davon liegt bei uns eine ganze Menge herum. Aber denken Sie dran, was ich Ihnen über Sir Robert gesagt hab! Er gehört zu denen, die gleich zuschlagen und erst hinterher reden. Bleiben Sie weg vom Park.«

»Aber ja, Mr. Barnes. Ganz bestimmt. Nebenbei bemerkt, das ist ja ein wunderschöner Spaniel, der da draußen im Flur gewinselt hat.«

»Das will ich meinen! Der ist echte Shoscombe-Zucht. Es gibt keine bessere in England.«

»Ich bin ebenfalls Hundeliebhaber«, sagte Holmes. »Darf man fragen, was so ein preisgekrönter Hund denn kosten würde?«

»Mehr als ich bezahlen könnte, Sir. Den hier hat mir Sir Robert bringen lassen. Deswegen muß ich ihn auch an der Leine halten. Der war im Nu ab in Richtung Gutshaus, wenn ich ihm seinen Willen ließe.«

»Allmählich bekommen wir ein paar Trümpfe in die Hand, Watson«, sagte Holmes, nachdem uns der Wirt alleine gelassen hatte. »Es ist zwar keine leichte Partie; aber in ein oder zwei Tagen sehen wir vermutlich schon weiter. Übrigens hält sich Sir Robert immer noch in London auf, wie ich höre. Also könnten wir heute abend vielleicht die geheiligte Domäne ohne Furcht vor Gewalttätigkeiten betreten. Es gibt noch ein paar Punkte, über die ich mir Gewißheit verschaffen möchte.«

»Haben Sie schon irgendeine Theorie, Holmes?«

»Nur die, Watson, daß vor ungefähr einer Woche etwas passiert ist, was einen tiefen Einschnitt in das Leben der Bewohner von Shoscombe Old Place bedeutet hat. Was mag dieses ›etwas‹ sein? Wir können darüber nur Mutmaßungen anstellen aufgrund seiner Auswirkungen. Und diese Auswirkungen scheinen sonderbar bunt gemischt. Das allerdings wird uns mit Sicherheit weiterhelfen, denn nur farb-und ereignislose Fälle sind hoffnungslos.

Betrachten wir doch einmal, was vorliegt. Der Bruder stattet der geliebten kranken Schwester keine Besuche mehr ab. Er gibt ihren Lieblingshund weg. Ihren Hund, Watson! Gibt Ihnen das nicht zu denken?«

»Bloß, daß der Bruder gemein ist.«

»Tja, vielleicht haben Sie recht. Andererseits – nun, da wäre noch eine Alternative. Doch setzen wir zunächst unsere Überprüfung der Sachlage fort, und zwar von dem Zeitpunkt an, da der Streit – wenn es denn einen gibt – begonnen hat. Die Lady bleibt also in ihrem Zimmer, ändert ihre Gewohnheiten, läßt sich nicht blicken – außer wenn sie mit ihrer Zofe ausfährt –, –, will nicht mehr bei den Ställen anhalten, um ihr Lieblingspferd zu begrüßen, und verlegt sich offensichtlich aufs Trinken. Damit wäre der Fall doch hinreichend skizziert, nicht wahr?«

»Bis auf die Sache in der Gruft.«

»Die gehört zu einer anderen Gedankenkette. Es gibt nämlich zwei davon, und ich bitte Sie, die beiden nicht durcheinanderzubringen. Kette A – sie betrifft Lady Beatrice – hat irgendwie etwas Unheilvolles an sich, finden Sie nicht?«

»Ich weiß nichts damit anzufangen.«

»Na, dann nehmen wir uns einmal Kette B vor – sie betrifft Sir Robert. Er ist wahnsinnig scharf darauf, das Derby zu gewinnen. Er befindet sich in den Händen von Wucherern und kann jeden Moment gepfändet werden, wobei sich die Gläubiger den Rennstall schnappen würden. Er ist ein unerschrockener und zu allem bereiter Mann. Seine Einkünfte bezieht er von seiner Schwester. Deren Zofe ist sein gefügiges Werkzeug. Soweit scheinen wir uns noch auf leidlich sicherem Boden zu bewegen, nicht wahr?«

»Und die Gruft?«

»Ah ja, die Gruft! Nehmen wir einmal an – es ist bloß eine skandalöse Annahme, eine überlegungshalber aufgestellte Hypothese –, daß Sir Robert seine Schwester umgebracht hat.«

»Mein lieber Holmes, das ist ausgeschlossen.«

»Wahrscheinlich ja, Watson. Sir Robert stammt aus einer angesehenen Familie; doch gelegentlich findet sich unter den Adlern eben auch einmal ein Aasgeier. Lassen Sie uns die Sache einen Moment unter dieser Voraussetzung erörtern. Er kann also nicht außer Landes fliehen, ehe er zu Geld gekommen ist, und zu diesem Geld kommt er nur, wenn ihm dieser Coup mit Shoscombe Prince gelingt. Daher muß er seine Stellung hier halten. Zu diesem Zweck allerdings muß er sich der Leiche seines Opfers entledigen und gleichzeitig eine Ersatzperson finden, die die Rolle seiner Schwester übernimmt. Mit der Zofe als seiner Vertrauten ist das nicht unmöglich. Die Leiche der Frau kann man in die Gruft schaffen – einen Ort, der nur selten aufgesucht wird – und nachts heimlich im Ofen verbrennen, wobei lediglich das uns bereits bekannte Beweismaterial übrigbleibt. Was sagen Sie dazu, Watson?«

»Naja, solange man die zugrundeliegende monströse Voraussetzung zuläßt, ist es durchaus möglich.«

»Ich glaube, morgen stellen wir ein kleines Experiment an, Watson, um ein bißchen Licht in die Sache zu bringen. Unterdessen schlage ich vor, daß wir unseren Gastgeber – sofern wir unsere Rollen aufrechterhalten wollen – auf ein Glas von seinem Wein hereinbitten und ein wenig höhere Konversation über Aale und Weißfische treiben, denn das ist offenbar der direkteste Weg, um ihn in Stimmung zu bringen. Mag sein, daß wir im Verlauf dieser Unterhaltung zufällig noch etwas Brauchbares an örtlichem Klatsch erfahren.«

 

Am nächsten Morgen stellte Holmes fest, daß wir den Löffelköder für die Hechte vergessen hatten, was uns für diesen Tag vom Angeln entband. Gegen elf Uhr brachen wir zu einem Spaziergang auf, und mein Freund erhielt die Erlaubnis, den schwarzen Spaniel mitzunehmen.

»Hier ist das Gut«, sagte er, als wir an zwei hohe Parkgatter gelangten, die von einem Greif-Wappen überragt wurden. »Wie mir Mr. Barnes mitteilte, macht die Lady um die Mittagszeit eine Ausfahrt; und während die Gatter geöffnet werden, muß der Wagen seine Geschwindigkeit drosseln. Sobald er hindurchrollt und ehe er wieder an Fahrt gewinnt, brauche ich Sie, Watson: Sie müssen dann nämlich den Kutscher mit irgendeiner Frage aufhalten. Auf mich achten Sie dabei bitte nicht. Ich werde hinter dieser Stechpalme stehen und beobachten, was es zu beobachten gibt.«

Es war keine lange Wache. Binnen einer Viertelstunde sahen wir die große offene gelbe Kalesche, gezogen von zwei herrlichen, stolzen grauen Kutschpferden, die lange Auffahrt herabrollen. Holmes duckte sich mit dem Hund hinter seinen Strauch. Ich stand auf der Landstraße, unbeteiligt einen Spazierstock schwingend. Ein Pförtner eilte heraus, und das Tor schwang auf.

Der Wagen hatte seine Fahrt auf Schrittempo verlangsamt, und ich konnte mir seine Insassen genau betrachten. Links saß eine stark geschminkte junge Frau mit flachsfarbenem Haar und frechem Blick. Zu ihrer Rechten befand sich eine ältere Person mit gekrümmtem Rücken und einem Wirrwarr von Schals um Gesicht und Schultern, was darauf hinwies, daß es sich um die Kranke handelte. Als die Pferde die Chaussee erreichten, hob ich mit einer entschiedenen Gebärde die Hand; und als der Kutscher anhielt, fragte ich, ob Sir Robert zu Hause sei.

Im gleichen Augenblick trat Holmes vor und machte den Spaniel los. Mit freudigem Gebell stürmte der Hund auf den Wagen zu und sprang auf das Trittbrett. Doch gleich darauf verwandelte sich seine eifrige Begrüßung in rasende Wut, und er schnappte nach dem schwarzen Rock über ihm.

»Vorwärts! Fahren Sie weiter!« kreischte eine rauhe Stimme. Der Kutscher gab den Pferden die Peitsche, und wir standen wieder alleine auf der Landstraße.

»So, Watson, das hätten wir«, sagte Holmes, als er die Leine am Halsband des aufgeregten Spaniels befestigte. »Er dachte, es sei seine Herrin, und stellte fest, daß es ein Fremder war. Hunde machen keine Fehler.«

»Aber das war doch die Stimme eines Mannes!« rief ich.

»Ganz recht! Wir haben unserem Blatt soeben einen weiteren Trumpf hinzugefügt, Watson; gleichwohl müssen wir noch vorsichtig spielen.«

Mein Gefährte schien für diesen Tag keine weiteren Pläne mehr zu haben, und so machten wir doch noch von unserem Angelgerät im Mühlenbach Gebrauch – mit dem Ergebnis, daß es zum Abendessen ein Forellengericht gab. Erst nach dieser Mahlzeit zeigte Holmes sich wieder unternehmungslustig. Abermals befanden wir uns – wie schon am Vormittag – auf der Straße, die zum Parkgatter führte. Dort erwartete uns bereits eine hochgewachsene, dunkle Gestalt, die sich als unser Londoner Bekannter entpuppte: Mr. John Mason, der Trainer.

»Guten Abend, Gentlemen«, sagte er. »Ich habe Ihre Nachricht bekommen, Mr. Holmes. Sir Robert ist noch nicht zurück; aber soviel ich weiß, wird er heute abend erwartet.«

»Wie weit liegt diese Gruft vom Haus entfernt?« fragte Holmes.

»Eine gute Viertelmeile.«

»Ich glaube, dann brauchen wir uns überhaupt nicht um ihn zu kümmern.«

»Das kann ich mir nicht erlauben, Mr. Holmes. Sobald er ankommt, wird er mich nämlich gleich sehen und wissen wollen, was es Neues von Shoscombe Prince gibt.«

»Ich verstehe. In diesem Fall müssen wir ohne Sie weiterarbeiten, Mr. Mason. Vielleicht führen Sie uns noch zu der Gruft; danach können Sie uns allein lassen.«

Es war stockfinster, und kein Mond schien; Mason geleitete uns über die Wiesen, bis sich ein dunkler Klotz vor uns erhob: die alte Kapelle. Wir traten durch den zerfallenen Eingang, und unser Führer bahnte sich – über Haufen losen Mauerwerks stolpernd – einen Weg zu der Ecke des Gebäudes, wo eine steile Treppe hinunter zur Gruft führte. Dann riß er ein Streichholz an und beleuchtete die melancholische Stätte – sie war schauerlich und übelriechend; das alte zerbröckelnde Gemäuer bestand aus roh behauenen Steinen, und auf einer Seite stapelten sich Särge, teils aus Blei teils aus Stein; sie reichten bis zum Kreuzgewölbe hinauf, das sich in den Schatten über unseren Häuptern verlor. Holmes hatte inzwischen seine Laterne entzündet; sie fraß einen schmalen Tunnel hellen gelben Lichtes in das traurige Dunkel. Ihre Strahlen wurden von den Sargdeckeln reflektiert; viele davon waren mit Greif und Krone verziert – – die alte Familie trug ihre Ehrenzeichen bis an die Pforte des Todes.

»Sie sprachen von einigen Knochen, Mr. Mason. Könnten Sie uns die noch zeigen, bevor Sie gehen?«

»Sie liegen hier in dieser Ecke.« Der Trainer schritt hinüber und blieb, als unser Licht auf die Stelle fiel, in sprachlosem Erstaunen stehen. »Sie sind fort«, sagte er.

»Das habe ich mir gedacht«, sagte Holmes kichernd. »Ich nehme an, ihre Asche befindet sich eben jetzt in jenem Ofen, der bereits einen Teil vernichtet hat.«

»Aber warum in aller Welt sollte jemand die Knochen von einem Menschen verbrennen wollen, der schon seit tausend Jahren tot ist?« fragte John Mason.

»Um das herauszufinden sind wir hier«, sagte Holmes. »Die Untersuchung kann allerdings eine Weile dauern, und wir wollen Sie nicht aufhalten. Ich denke, wir werden noch vor morgen früh zu unserer Lösung kommen.«

Als John Mason uns alleine gelassen hatte, machte sich Holmes an die Arbeit und unterzog die Gräber einer äußerst gründlichen Untersuchung. Ein sehr altes, offenbar angelsächsisches Grabmal in der Mitte bildete den Ausgangspunkt; dann ging es über eine lange Reihe normannischer Hugos und Odos weiter, bis wir zu den Gräbern von Sir William und Sir Denis Falder aus dem achtzehnten Jahrhundert gelangten. Erst nach über einer Stunde stieß Holmes auf einen Bleisarg, der hochkant vor dem Eingang zur Gruft stand. Ich vernahm seinen leisen Ausruf der Genugtuung und entnahm seinen hastigen, doch entschlossenen Bewegungen, daß er ein Ziel erreicht hatte. Eifrig untersuchte er mit der Lupe die Kanten des schweren Deckels. Dann zog er ein kurzes Brecheisen aus der Tasche, das er in einen Spalt trieb; schließlich hebelte er die gesamte Frontseite zurück, die lediglich an zwei Scharnieren befestigt zu sein schien. Knirschend, dann berstend gab der Deckel nach, doch kaum war er weggerutscht und hatte das Innere des Sargs teilweise enthüllt, als wir durch ein unvorhergesehenes Ereignis unterbrochen wurden.

Irgend jemand ging oben durch die Kapelle. Es war der feste, rasche Schritt eines Menschen, der mit einer bestimmten Absicht gekommen und dem der Boden, auf dem er ging, wohlvertraut war. Ein Licht flutete die Treppe hinab; und einen Augenblick später umrahmte der gotische Torbogen den Mann, der es trug. Er war eine furchteinflößende Erscheinung, von riesigem Wuchs und wildem Gebaren. Eine große Stallaterne, die er vor sich hielt, beleuchtete ein energisches Gesicht mit mächtigem Schnauzbart und zornigen Augen, die in jeden Winkel der Gruft spähten und sich schließlich mit mörderischem Blick auf meinen Gefährten und mich hefteten.

»Wer zum Teufel sind Sie?« donnerte er. »Und was machen Sie auf meinem Grund und Boden?« Als Holmes keine Antwort gab, trat er ein paar Schritte vor und erhob einen schweren Stock, den er bei sich führte. »Können Sie nicht hören?« rief er. »Wer sind Sie? Was machen Sie hier?« Sein Knüttel zuckte hin und her.

Doch anstatt zurückzuweichen, ging Holmes auf den Mann zu.

»Auch ich habe eine Frage an Sie, Sir Robert«, sagte er in seinem strengsten Ton. »Wer ist das? Und was hat das hier zu suchen?«

Er drehte sich um und riß den Sargdeckel hinter sich weg. Im Laternenschein sah ich eine Leiche, die von Kopf bis Fuß in ein Laken gewickelt war. An einem Ende lugten grausige, hexenartige Züge hervor, die fast nur noch aus Nase und Kinn bestanden; trübe, glasige Augen starrten aus dem entfärbten und verrunzelten Gesicht.

Der Baronet war mit einem Schrei zurückgetaumelt und stützte sich auf einen steinernen Sarkophag.

»Woher haben Sie davon gewußt?« rief er. Und dann, wieder in seinen herausfordernden Ton verfallend: »Was geht Sie das überhaupt an?«

»Mein Name ist Sherlock Holmes«, sagte mein Gefährte. »Möglicherweise ist er Ihnen bekannt. Jedenfalls gibt es etwas, was mich so viel angeht wie jeden anderen guten Bürger: die Aufrechterhaltung des Gesetzes. Mir scheint, Sie haben sich für einiges zu verantworten.«

Sir Robert starrte einen Augenblick wütend vor sich hin; doch Holmes’ ruhige Stimme und sein kühles, selbstsicheres Auftreten verfehlten nicht ihre Wirkung.

»Bei Gott, Mr. Holmes, es ist alles in Ordnung«, sagte er. »Der Schein spricht gegen mich, das muß ich zugeben; aber ich konnte nicht anders handeln.«

»Es würde mich freuen, Ihnen beipflichten zu können; doch ich furchte, Ihre Erklärungen müssen Sie der Polizei abgeben.«

Sir Robert zückte mit den breiten Schultern.

»Na schön; was sein muß, muß sein. Kommen Sie mit ins Haus; dann können Sie sich über all das selbst ein Urteil bilden.«

 

Eine Viertelstunde später befanden wir uns in einem Raum, bei dem es sich (wie ich aus den hinter Glas befindlichen Reihen polierter Gewehrläufe schloß) um die Waffenkammer des alten Hauses handeln mußte. Der Raum war behaglich möbliert, und hier ließ uns Sir Robert ein paar Augenblicke allein. Als er zurückkehrte, hatte er zwei Begleiter bei sich: die bunt geschminkte junge Frau, die wir bereits in der Kutsche gesehen hatten, sowie einen kleinen rattengesichtigen Mann mit unangenehm verstohlenem Blick. Allem Anschein nach waren die beiden äußerst verwirrt – was zeigte, daß der Baronet noch keine Zeit gefunden hatte, ihnen zu erklären, welche Wendung die Ereignisse inzwischen genommen hatten.

»Das hier«, sagte Sir Robert mit einer Handbewegung, »sind Mr. und Mrs. Norlett. Mrs. Norlett ist unter ihrem Mädchennamen Evans seit einigen Jahren die vertraute Zofe meiner Schwester. Ich habe die beiden mitgebracht, weil ich es für das beste halte, Ihnen die Situation wahrheitsgetreu zu erklären – und diese zwei sind die einzigen Menschen auf Erden, die meine Aussage bestätigen können.«

»Muß das denn sein, Sir Robert? Haben Sie bedacht, was Sie da tun?« rief die Frau.

»Was mich betrifft – ich lehne jede Verantwortung vollkommen ab«, sagte der Ehemann.

Sir Robert bedachte ihn mit einem verächtlichen Blick. »Ich übernehme die Verantwortung ganz allein«, sagte er. »Alsdann, Mr. Holmes, hören Sie sich eine offene Darlegung des Sachverhalts an.

Offenbar haben Sie sich schon ziemlich eingehend mit meinen Angelegenheiten befaßt, sonst hätte ich Sie wohl nicht gefunden, wo ich Sie gefunden habe. Daher werden Sie höchstwahrscheinlich auch schon wissen, daß ich für das Derby einen Außenseiter genannt habe und daß alles von meinem Erfolg abhängt. Wenn ich gewinne, ist alles in Butter. Wenn ich verliere – also, daran wage ich gar nicht zu denken!«

»Die Situation ist mir bekannt«, sagte Holmes.

»Außerdem bin ich in jeder Hinsicht von meiner Schwester, Lady Beatrice, abhängig. Aber wie allgemein bekannt, erlischt der Nießbrauch des Gutes mit ihrem Tode. Und ich, ich befinde mich bis über den Hals in den Händen von Wucherern. Ich bin mir seit jeher darüber im klaren, daß meine Gläubiger wie ein Geierschwarm über mein Gut herfallen würden, wenn meine Schwester sterben sollte. Alles würden sie an sich reißen: meine Ställe, meine Pferde – alles. Tja, Mr. Holmes, genau vor einer Woche ist meine Schwester gestorben.«

»Und Sie haben es niemandem erzählt!«

»Was hätte ich denn tun sollen? Ich stand doch vor dem völligen Ruin. Konnte ich die Sache drei Wochen hinausschieben, würde alles gutgehen. Der Mann ihrer Zofe – dieser Herr hier – ist Schauspieler. Wir, das heißt, ich kam auf die Idee, daß er für diese kurze Zeitspanne die Rolle meiner Schwester übernehmen könnte. Es ging ja nur darum, sich täglich in der Kutsche zu zeigen, denn außer der Zofe durfte niemand ihr Zimmer betreten. Das Ganze ließ sich leicht bewerkstelligen. Meine Schwester starb übrigens an Wassersucht; daran hatte sie schon seit langem gelitten.«

 

»Das zu entscheiden, wird Sache eines Coroners94 sein.«

»Ihr Arzt könnte bestätigen, daß ihre Symptome bereits seit Monaten ein solches Ende befürchten ließen.«

»Nun gut, was haben Sie also getan?«

»Die Leiche durfte dort nicht bleiben. In der ersten Nacht haben Norlett und ich sie zum alten Brunnenhaus gebracht; es wird heute nicht mehr benutzt. Dabei wurden wir allerdings verfolgt von ihrem Lieblingsspaniel; er kläffte unaufhörlich an der Tür, daher mußte ich einen sichereren Ort ausfindig machen. Ich schaffte mir den Spaniel vom Hals; dann brachten wir den Leichnam in die Gruft. Daran war nichts Unwürdiges oder Unehrerbietiges, Mr. Holmes. Ich habe nicht das Gefühl, die Tote unrecht behandelt zu haben.«

»Ihr Verhalten erscheint mir unverzeihlich, Sir Robert.«

Der Baronet schüttelte unwillig den Kopf. »Sie haben leicht predigen«, sagte er. »Wenn Sie in meiner Lage wären, sähen Sie die Dinge vielleicht anders. Niemand kann tatenlos mit ansehen, wie all seine Hoffnungen und seine Pläne zerschlagen werden. Mir schien das keine unwürdige Ruhestätte zu sein, sie vorläufig in einem der Särge unterzubringen, in denen die Vorfahren ihres Mannes ruhen – und das noch in geweihter Erde. Wir öffneten einen dieser Särge, räumten ihn aus und stellten sie so, wie Sie sie gesehen haben, hinein. Was die herausgenommenen alten Gebeine betraf, die konnten wir natürlich nicht auf dem Boden der Gruft herumliegen lassen. Norlett und ich haben sie beseitigt; er ist nachts hinuntergegangen und hat sie im Zentralheizungsofen verbrannt. Da hätten Sie also meine Geschichte, Mr. Holmes; obwohl mir nicht klar ist, wie Sie mich dazu gebracht haben, sie Ihnen zu erzählen.«

Holmes saß eine Zeitlang gedankenverloren da.

»Ihre Geschichte hat einen einzigen Makel, Sir Robert«, sagte er schließlich. »Ihre Rennwetten – und damit Ihre Zukunftshoffnungen – bleiben doch auch dann noch gültig, wenn die Gläubiger Ihren Besitz pfänden.«.

»Das Pferd ist Teil des Besitzes. Was kümmern die sich schon um meine Wetten? Wahrscheinlich würden sie den Hengst gar nicht laufen lassen. Mein Hauptgläubiger ist unglücklicherweise mein erbittertster Feind: Sam Brewer – ein erbärmlicher Lump, den ich einmal auf der Newmarket-Heath mit der Reitpeitsche verprügeln mußte. Glauben Sie etwa, der würde versuchen, mich zu retten?«

»Tja, Sir Robert«, sagte Holmes, indem er sich erhob, »diese Angelegenheit muß natürlich der Polizei überantwortet werden. Es war meine Pflicht, die Tatsachen ans Licht zu bringen, und dabei muß ich es belassen. Was die moralische Seite oder die Schicklichkeit Ihres Verhaltens angeht, so kommt es mir nicht zu, darüber eine Meinung zu äußern. Es ist schon fast Mitternacht, Watson, und ich glaube, wir machen uns wieder auf den Weg zu unserer bescheidenen Herberge.«

Heute ist allgemein bekannt, daß diese ungewöhnliche Episode einen glücklicheren Ausgang nahm, als Sir Roberts Aktionen es verdient hätten. Shoscombe Prince gewann das Derby, der risikofreudige Eigentümer strich achtzigtausend Pfund aus den Wetten ein, und die Gläubiger hielten still, bis das Rennen vorüber war; danach wurden sie voll ausbezahlt, und für Sir Robert blieb genügend übrig, um sich wieder eine angemessene Existenz aufzubauen. Sowohl Polizei als auch Coroner gelangten zu einer nachsichtigen Beurteilung der Tat; und abgesehen von einem milden Verweis für die verspätete Meldung des Hinscheidens der Lady ging der glückliche Besitzer unversehrt aus dieser seltsamen Begebenheit hervor, und nachdem er die Schatten hinter sich gelassen hat, verspricht seine Laufbahn in einem ehrenvollen Lebensabend zu enden.