DerNarrLiest

Sherlock Holmes & Der Farbenhändler im Ruhestand (Fall 60)

August 06, 2021 HofnarrGiaccomo Season 2021 Episode 186
DerNarrLiest
Sherlock Holmes & Der Farbenhändler im Ruhestand (Fall 60)
Show Notes Transcript

HofnarrGiaccomo liest den urheberrechtsfreien Klassiker
Eine spannende Sherlock Holmes Kriminalgeschichte
von  ARTHUR CONAN DOYLE - "Der Farbenhändler im Ruhestand"  (Fall 60)

Der Fall erschien in Deutschland auch unter den Titeln

Das Abenteuer des Pensionärs
Die Geschichte des Josiah Amberley
Der pensionierte Farbenhändler

 Inhalt:
Josiah Amberley wendet sich an Sherlock Holmes. Seine zwanzig Jahre jüngere Frau ist mit seinem Schachspielgegner Dr. Ray Ernest durchgebrannt und hat sämtliche Ersparnisse des ehemaligen Farbenhändlers entwendet. Holmes ist nicht sonderlich interessiert und so schickt er vorerst Dr. Watson mit in das Haus des Klienten. Watson bemerkt, dass das Haus und auch Amberley von jemandem beobachtet werden. Er berichtet Holmes von seinen Erkenntnissen und dieser findet immer mehr Interesse an dem Fall. Im Laufe der Ermittlungen entpuppt sich Amberley als perfider Mörder, der dachte, selbst den großen Holmes täuschen zu können.

Das Buch (und viele andere Klassiker) könnt ihr übrigens alle kostenlos bei Amazon mit Kindle der gratis Kindle-App oder im Browser lesen direkt unter AMAZON.DE (https://amzn.to/3e0ev2W)
Oder einfach im YouTube Kanal mitlesen!
Or read along in my YouTube Channel.
Jedes Feedback ist willkommen...Every feedback ist appreciated.
Und danke für den Support! Thanx for the support!
Support my work

Alles zum lesenden Narren auf meiner
Homepage
Meine Stimmen für dein Buch, deine Geschichte, deinen Text?
[email protected]

Support the show (https://www.tipeeestream.com/hofnarrgiaccomo/donation)

 Arthur Conan Doyle - Sherlock Holmes
(Lies bei YouTube mit) https://youtu.be/O6tJsddIhpQ

„Der Farbenhändler im Ruhestand“ (Fall 60)
(ganzes Buch gratis bei AMAZON.DE)   https://amzn.to/3e0ev2W

Sherlock Holmes befand sich an diesem Morgen in melancholischer und philosophischer Stimmung. Seine alerte, praktisch veranlagte Natur unterlag zuzeiten solchen Reaktionen.

»Haben Sie ihn gesehen?« fragte er.

»Sie meinen den alten Knaben, der eben hinausgegangen ist?«

»Genau.«

»Ja, ich bin ihm an der Tür begegnet.«

»Was halten Sie von ihm?«

»Eine jämmerliche, hoffnungslose, gebrochene Kreatur.«

»Ganz recht, Watson. Jämmerlich und hoffnungslos. Aber ist nicht das ganze Leben jämmerlich und hoffnungslos? Ist nicht die Geschichte dieses Mannes ein Mikrokosmos des Ganzen? Wir streben nach etwas. Wir greifen zu. Und was bleibt uns zuletzt in den Händen? Ein Schatten. Oder Schlimmeres noch als ein Schatten – Elend.«

»Ist er einer Ihrer Klienten?«

»Nun ja, ich glaube, so darf ich ihn nennen. Er wurde vom Yard an mich weitergeleitet. So wie Ärzte ihre unheilbar Kranken gelegentlich an Quacksalber überweisen mit der Begründung, sie selbst könnten nichts mehr ausrichten und daß, was immer geschehe, der Zustand des Patienten nicht schlimmer werden könne, als er ohnehin schon sei.«

»Worum geht es denn?«

Holmes nahm eine ziemlich schmutzige Visitenkarte vom Tisch. »Josiah Amberley. Er sagt, er sei Juniorpartner von Brickfall & Amberley gewesen, einer Firma, die Zubehör für bildende Künstler herstellt. Man findet ihre Namen zum Beispiel auf Farbkästen. Er machte ein kleines Vermögen, zog sich mit einundsechzig vom Geschäft zurück, kaufte in Lewisham95 ein Haus und setzte sich nach einem Leben pausenloser Plackerei zur Ruhe. Man sollte annehmen, seine Zukunft sei leidlich gesichert.«

»Ja, allerdings.«

Holmes überflog einige Notizen, die er auf die Rückseite eines Umschlags gekritzelt hatte.

»1896 in den Ruhestand getreten, Watson. Anfang 1897 heiratete er eine zwanzig Jahre jüngere Frau – eine gutaussehende Frau übrigens, falls die Photographie nicht schmeichelt. Wohlhabenheit, eine Gemahlin, Muße – eine gerade Straße schien vor ihm zu liegen. Und doch ist er, wie Sie gesehen haben, so gebrochen und armselig wie nur irgendeine Kreatur, die unter der Sonne kreucht.«

»Aber was ist denn geschehen?«

»Die alte Geschichte, Watson. Ein treuloser Freund und ein wankelmütiges Eheweib. Wie es scheint, hat Amberley ein großes Steckenpferd, und das ist Schach. Nicht weit von ihm in Lewisham wohnt ein junger Arzt, der ebenfalls Schach spielt. Ich habe seinen Namen als Dr. Ray Ernest notiert. Ernest kam häufig zu Besuch; und daß sich daraus eine enge Beziehung zwischen ihm und Mrs. Amberley ergab, war eine natürliche Folge, denn Sie müssen zugeben, daß unser unglücklicher Klient über nur wenig äußere Reize verfügt – ganz gleich, wie es um seine inneren Vorzüge bestellt sein mag. Das Pärchen hat sich letzte Woche abgesetzt – Reiseziel unbekannt. Und obendrein hat die treulose Gemahlin als persönliches Gepäck noch den Dokumentenbehälter des alten Mannes mitgehen lassen; ein Großteil seiner Ersparnisse befindet sich darin. Können wir die Lady ausfindig machen? Können wir das Geld retten? Ein alltägliches Problem, soweit es sich bis jetzt darstellt; für Josiah Amberley ist es jedoch lebenswichtig.«

»Und was werden Sie unternehmen?«

»Tja, die vordringliche Frage, mein lieber Watson, lautet eigentlich: Was werden Sie unternehmen? – falls Sie die Güte haben wollen, für mich einzuspringen. Wie Sie wissen, bin ich noch mit diesem Fall der beiden koptischen Patriarchen beschäftigt; er kommt vermutlich heute zur Entscheidung. Ich habe also wirklich keine Zeit, nach Lewisham hinauszufahren; gleichwohl ist eine Beweisaufnahme an Ort und Stelle besonders wertvoll. Der alte Knabe bestand hartnäckig darauf, daß ich zu ihm hinausfahre; aber ich habe ihm meine schwierige Situation erläutert. Er ist bereit, einen Stellvertreter zu empfangen.«

»Aber natürlich übernehme ich das«, antwortete ich. »Ich glaube zwar nicht, daß ich viel ausrichten kann, aber ich werde mein Bestes tun.« Und so geschah es, daß ich an einem Sommernachmittag nach Lewisham aufbrach; ich hätte mir nie träumen lassen, daß die Sache, auf die ich mich da einließ, binnen einer Woche in ganz England Gegenstand eifriger Debatten sein würde.

 

Es war spät an jenem Abend, als ich zur Baker Street zurückkehrte und über meine Mission Bericht erstattete. Holmes lag, die hagere Gestalt ausgestreckt, in seinem tiefen Sessel; aus seiner Pfeife kräuselten sich langsam Wölkchen beißenden Tabakrauches, dieweil seine Lider so träge über den Augen hingen, daß es fast so aussah, als schliefe er; doch bei jedem Innehalten und an jeder zweifelhaften Stelle meines Berichtes hoben sie sich halb, und zwei graue Augen, funkelnd und scharf wie Rapiere, durchbohrten mich mit ihrem forschenden Blick.

»Das Haus von Mr. Josiah Amberley heißt The Haven«, erklärte ich. »Ich glaube, das wird Sie interessieren, Holmes. Es wirkt wie ein heruntergekommener Patrizier, der sich aus Geldmangel in den niederen Schichten aufhält. Sie kennen ja dieses Viertel, die monotonen Backsteinzeilen, die ermüdenden Vorstadtchausseen. Genau mittendrin, eine kleine Insel ehrwürdiger Kultur und Behaglichkeit, liegt dieses alte Haus, umgeben von einer hohen sonnenverdorrten, flechtenbunten und moosbedeckten Mauer, einer Mauer von der Art …«

»Schenken Sie sich die Poesie, Watson«, sagte Holmes streng. »Ich nehme zur Kenntnis, daß es sich um eine hohe Backsteinmauer handelt.«

»Genau. Wahrscheinlich hätte ich The Haven gar nicht gefunden, wenn ich nicht einen Mann gefragt hätte, der rauchend auf der Straße herumstand. Ich erwähne ihn nicht ohne Grund. Er war hochgewachsen, dunkelhaarig, hatte einen dicken Schnauzbart und wirkte ziemlich militärisch. Als Antwort auf meine Erkundigung nickte er mit dem Kopf und bedachte mich mit einem sonderbar fragenden Blick, an den ich mich etwas später wieder erinnern sollte.

Ich hatte kaum den Torweg betreten, als ich Mr. Amberley auch schon die Auffahrt herunterkommen sah. Heute früh hatte ich ihn ja nur ganz flüchtig zu Gesicht bekommen, und schon da machte er auf mich den Eindruck eines sonderbaren Menschen; aber als ich ihn nun im vollen Tageslicht erblickte, wirkte er sogar noch ungewöhnlicher.«

»Ich habe sein Äußeres natürlich eingehend studiert; trotzdem würde mich Ihr Eindruck interessieren«, sagte Holmes.

»Er kam mir vor wie ein von Sorgen buchstäblich gebeugter Mann. Sein Rücken ist gekrümmt, als ob er eine schwere Last trage. Dennoch ist er kein Schwächling, wie ich zunächst gedacht hatte; Schultern und Brustkasten sind nämlich gebaut wie die eines Riesen, obwohl seine Figur sich nach unten hin in ein Paar spindeldürrer Beine verjüngt.«

»Der linke Schuh mit Falten, der rechte glatt.«

»Das habe ich nicht bemerkt.«

»Das sieht Ihnen ähnlich. Mir ist sein künstliches Bein nicht entgangen. Aber fahren Sie fort.«

»Mir fielen die grauen Locken auf, die sich unter seinem alten Strohhut hervorschlängelten, und sein wilder, verbissener Gesichtsausdruck und die tief zerfurchten Züge.«

»Sehr gut, Watson. Und was hat er gesagt?«

»Er fing an, seine Leidensgeschichte hervorzusprudeln. Wir gingen zusammen die Auffahrt hinauf, und ich habe mich natürlich gründlich umgeschaut. Noch nie habe ich ein so schlecht gepflegtes Anwesen gesehen. Der Garten ist völlig heruntergekommen und machte auf mich den Eindruck wilder Verwahrlosung – keinem Kunstwillen gehorchten die Pflanzen, sondern dem Willen der Natur. Wie eine anständige Frau sowas zulassen konnte, ist mir schleierhaft. Auch das Haus befindet sich in einem äußerst schlampigen Zustand. Aber der arme Kerl scheint sich dessen bewußt zu sein und versucht offenbar, die Mängel zu beheben; in der Mitte der Eingangshalle stand nämlich ein großer Topf mit grüner Farbe, und er hielt noch einen dicken Pinsel in der linken Hand, mit dem er gerade das Gebälk gestrichen hatte.

Dann führte er mich in sein schmuddeliges Arbeitszimmer, und wir haben lange miteinander geplaudert. Natürlich war er enttäuscht, daß Sie nicht selbst gekommen sind. ›Ich habe auch kaum erwartet‹, sagte er, ›daß ein so berühmter Mann wie Mr. Sherlock Holmes einem so unmaßgeblichen Individuum wie mir seine volle Aufmerksamkeit schenkt – und schon gar nicht nach meinem schweren finanziellen Verlust.‹

Ich versicherte ihm, daß die finanzielle Frage keine Rolle spiele. ›Nein, natürlich nicht, er betreibt ja die Kunst um der Kunst willen‹, sagte er; ›aber gerade was die künstlerische Seite eines Verbrechens betrifft, gibt es hier einiges, was er hätte studieren können. Und die menschliche Natur, Dr. Watson – der elende Undank, der hinter alledem steckt! Wann habe ich ihr jemals eine Bitte abgeschlagen? Ist eine Frau schon jemals so verwöhnt worden? Und dieser junge Mann – er hätte ja mein eigener Sohn sein können. Ein und aus ist er bei mir gegangen. Und nun sehen Sie sich an, wie sie mich behandelt haben! Ach, Dr. Watson, wir leben in einer schrecklichen, schrecklichen Welt!‹

Eine Stunde oder länger lautete so der Refrain seines Liedes. Anscheinend hatte er von dem heimlichen Liebesverhältnis keine Ahnung gehabt. Sie lebten allein – abgesehen von einer Hausangestellten, die tagsüber kommt und abends um sechs wieder geht. An dem betreffenden Abend hatte der alte Amberley, um seiner Frau eine Freude zu machen, zwei Karten für den zweiten Rang im Theater am Haymarket96 besorgt. Sie habe jedoch im letzten Augenblick über Kopfschmerzen geklagt und wollte nicht mitkommen. Daraufhin sei er alleine gegangen. An dieser Tatsache scheint es keinen Zweifel zu geben, denn er zeigte mir die unbenutzte Eintrittskarte seiner Frau.«

»Das ist bemerkenswert – höchst bemerkenswert«, sagte Holmes, der sich immer mehr für den Fall zu interessieren schien. »Fahren Sie bitte fort, Watson. Ich finde Ihren Bericht überaus fesselnd. Haben Sie diese Eintrittskarte persönlich überprüft und sich dabei vielleicht gar die Platznummer gemerkt?«

»Zufälligerweise ja«, versetzte ich nicht ohne Stolz. »Sie entspricht nämlich ausgerechnet meiner ehemaligen Spindnummer in der Schule, einunddreißig; deswegen habe ich sie im Kopf behalten.«

»Ausgezeichnet, Watson! Demnach saß er entweder auf Platz dreißig oder zweiunddreißig.«

»Ganz recht«, antwortete ich etwas verwundert. »Und zwar in Reihe B.«

»Das ist äußerst befriedigend. Was hat er Ihnen sonst noch erzählt?«

»Er zeigte mir seine sogenannte ›Stahlkammer‹. Es handelt sich tatsächlich um eine Stahlkammer – wie bei einer Bank –, mit Eisentür und eisernen Fensterläden – einbruchsicher, wie er behauptete. Wie auch immer, die Frau scheint einen Zweitschlüssel zu besitzen, und die beiden haben Bargeld und Effekten im Wert von ungefähr siebentausend Pfund mitgehen lassen.«

»Effekten! Wie sollten sie die denn loswerden?«

»Er sagte, er habe der Polizei eine Liste davon gegeben – in der Hoffnung, daß sie sich dann nicht verkaufen lassen. Gegen Mitternacht sei er vom Theater zurückgekehrt und habe den Raum ausgeplündert vorgefunden: Tür und Fenster hätten offengestanden, und die Flüchtigen seien auf und davon gewesen. Sie haben weder Brief noch Nachricht hinterlassen; seither hat er nichts mehr von ihnen gehört. Er hat dann sofort die Polizei alarmiert.«

Holmes grübelte einige Minuten lang nach.

»Sie sagen, er sei gerade beim Anstreichen gewesen. Was hat er denn angestrichen?«

»Den Flur. Tür und Holzteile des Raumes, von dem ich gesprochen habe, waren bereits fertig.«

»Kommt Ihnen eine solche Beschäftigung unter den gegebenen Umständen nicht merkwürdig vor?«

»›Man muß sich mit irgend etwas beschäftigen, um sich vom Kummer abzulenken.‹ So lautete seine Erklärung dazu. Zweifellos etwas exzentrisch – aber er ist ja auch offenkundig ein Exzentriker. In meinem Beisein hat er eine Photographie seiner Frau zerfetzt – wie ein Rasender, in einer leidenschaftlichen Aufwallung. ›Ich will ihr verdammtes Gesicht nie wieder sehen‹, schrie er.«

»Sonst noch etwas, Watson?«

»Ja, und zwar etwas, was ich erstaunlicher fand als alles andere. Ich war zur Blackheath Station gefahren und eben in den Zug gestiegen, als ich im Augenblick, da er anfuhr, einen Mann ins Nachbarabteil huschen sah. Sie wissen, ich habe für Gesichter ein scharfes Auge, Holmes. Es handelte sich unzweifelhaft um den hochgewachsenen, dunkelhaarigen Mann, den ich auf der Straße angesprochen hatte. Ich sah ihn dann noch einmal an der London Bridge; danach habe ich ihn in der Menge aus den Augen verloren. Aber ich bin sicher, daß er mich verfolgt hat.«

»Ohne Zweifel! Ohne Zweifel!« sagte Holmes. »Ein hochgewachsener, dunkelhaariger Mann mit dickem Schnauzbart, sagen Sie – und mit einer graugetönten Sonnenbrille?«

»Holmes, Sie sind ein Hexenmeister. Davon habe ich doch gar nichts erwähnt! Er trug tatsächlich eine graugetönte Sonnenbrille.«

»Und eine Freimaurer-Krawattennadel?«

»Holmes!«

»Ein Kinderspiel, mein lieber Watson. Aber lassen Sie uns zum Praktischen kommen. Ich muß zugeben, daß dieser Fall, der mir so lächerlich einfach erschien, daß ich ihn kaum meiner Aufmerksamkeit wert fand, plötzlich ganz andere Züge annimmt. Sie haben bei Ihrer Mission zwar alles von Bedeutung außer acht gelassen; aber selbst das wenige, das sich Ihnen aufgedrängt hat, gibt Anlaß zu ernsthaftem Nachdenken.«

»Was habe ich denn außer acht gelassen?«

»Nun seien Sie nicht gleich gekränkt, mein lieber Freund. Sie wissen doch, ich meine das ganz und gar nicht persönlich. Niemand hätte es besser gemacht – mancher wahrscheinlich schlechter. Aber einige überaus wichtige Einzelheiten haben Sie offenkundig außer acht gelassen: Was halten die Nachbarn von diesem Amberley und seiner Frau? Das wäre zweifellos von Belang. Wie sieht es mit Dr. Ernest aus? Ist er tatsächlich ein solcher Schwerenöter? Bei Ihren natürlichen Vorzügen, Watson, wäre doch jede Lady Ihre Helferin und Komplizin. Wie steht es mit dem Mädchen vom Postamt, oder mit der Frau des Gemüsehändlers? Ich könnte mir vorstellen, daß Sie der jungen Lady im Blue Anchor luftige Nichtigkeiten zuflüstern und dafür handfeste Wahrheiten zurückbekommen. All dies haben Sie unterlassen.«

»Es läßt sich ja nachholen.«

»Ist bereits geschehen. In der Regel kann ich die für mich wesentlichen Auskünfte einholen, ohne mein Zimmer zu verlassen – dank dem Telephon und der Hilfe des Yard. In der Tat wird die Geschichte des Mannes durch meine Informationen bestätigt. In seiner Gemeinde steht er im Ruf, nicht nur ein gestrenger und pingeliger Ehemann, sondern auch ein Geizhals zu sein. Daß er in dieser seiner Stahlkammer eine große Summe Geldes gelagert hatte, steht fest. Ebenso, daß dieser junge Dr. Ernest, ein Junggeselle, mit Amberley Schach und mit dessen Frau den verliebten Narren spielte. All dies erscheint vollkommen klar, und man könnte meinen, es gäbe nichts mehr dazu zu sagen – und trotzdem! – Trotzdem!«

»Wo liegt denn die Schwierigkeit?«

»Vielleicht nur in meiner Phantasie. Nun ja, belassen wir es dabei, Watson. Wir wollen dieser ermüdenden Alltagswelt durch den Seitenausgang der Musik entfleuchen. Heute abend singt die Carina in der Albert Hall, und wir haben noch Zeit, uns umzuziehen und zu speisen, um uns dann dem Vergnügen zu widmen.«

 

Am nächsten Morgen war ich beizeiten aus den Federn; doch einige Toastkrümel und zwei leere Eierschalen verrieten mir, daß mein Gefährte noch früher aufgestanden war. Auf dem Tisch fand ich eine hingekritzelte Nachricht.

 

LIEBER WATSON, –

ich möchte noch ein oder zwei Punkte im Zusammenhang mit Mr. Josiah Amberley klären. Wenn ich das erledigt habe, können wir den Fall zu den Akten legen – oder auch nicht. Ich würde Sie nur bitten, gegen fünfzehn Uhr zur Stelle zu sein, denn ich halte es für möglich, daß ich Sie brauche.

S.H.

 

Den ganzen Tag über bekam ich Holmes nicht zu Gesicht; zur genannten Stunde jedoch kehrte er zurück – ernst, gedankenverloren und unnahbar. Bei solchen Gelegenheiten tat man klüger daran, ihn in Ruhe zu lassen.

»War Amberley schon hier?«

»Nein.«

»Ah! Ich erwarte ihn nämlich.«

Er wurde nicht enttäuscht, denn bald darauf traf der alte Knabe ein – mit einem sehr besorgten und verwirrten Ausdruck auf seinem strengen Gesicht.

»Ich habe ein Telegramm bekommen, Mr. Holmes, und werde daraus nicht schlau.« Er überreichte es Holmes, und dieser las es laut vor.

 

Kommen Sie unverzüglich. Kann Ihnen Informationen über Ihren kürzlichen Verlust geben. –

ELMAN. Pfarramt.

 

»Aufgegeben um vierzehn Uhr zehn in Little Purlington«, sagte Holmes. »Little Purlington liegt in Essex, glaube ich, nicht weit von Frinton. Tja, da sollten Sie natürlich sofort aufbrechen. Das stammt offensichtlich vom Ortspfarrer, also einer vertrauenswürdigen Person. Wo ist mein Kirchen-Adreßbuch? Ja, hier hätten wir ihn: J.C. Elman, M.A.97, Pfarrei von Mossmoor und Little Purlington. Suchen Sie doch mal die Zugverbindung heraus, Watson.«

»Es gibt eine um siebzehn Uhr zwanzig ab Liverpool Street98

»Ausgezeichnet. Am besten, Sie begleiten ihn, Watson. Möglicherweise braucht er Hilfe oder Rat. Offensichtlich sind wir bei dieser Sache an einem Wendepunkt angelangt.«

Unser Klient schien jedoch keineswegs erpicht darauf, aufzubrechen.

»Das ist doch vollkommen sinnlos, Mr. Holmes«, sagte er. »Was kann denn dieser Mann von den Ereignissen schon wissen? Es wäre reine Zeit-und Geldverschwendung.«

»Er hätte Ihnen wohl nicht telegraphiert, wenn er nicht irgend etwas wüßte. Sie sollten ihm sofort kabeln, daß Sie kommen.«

»Ich glaube, nicht, daß ich fahren werde.«

Holmes setzte seine strengste Miene auf.

»Es würde den denkbar schlechtesten Eindruck sowohl auf mich als auch auf die Polizei machen, wenn Sie sich weigern sollten, einem so offenkundigen Anhaltspunkt nachzugehen. Wir könnten dann nämlich zu der Ansicht gelangen, daß Sie an dieser Untersuchung gar nicht ernstlich interessiert sind.«

Diese Unterstellung schien unseren Klienten zu erschrecken.

»Je nun, wenn Sie es so sehen, fahre ich natürlich«, sagte er. »Auf den ersten Blick kommt es mir jedenfalls absurd vor zu glauben, daß dieser Pfarrer irgendwas weiß; aber wenn Sie meinen …«

»Allerdings meine ich«, sagte Holmes mit Nachdruck; und somit wurden wir auf die Reise geschickt. Ehe wir hinausgingen, nahm Holmes mich beiseite und erteilte mir noch einen Rat – was zeigte, daß er die Angelegenheit für wichtig erachtete. »Sie müssen auf jeden Fall dafür sorgen, daß er auch wirklich fährt«, sagte er. »Sollte er sich davonmachen oder umkehren, suchen Sie das nächste Fernsprechamt auf und geben ein einziges Wort durch: ›Ausgebüchst‹. Ich werde hier Vorkehrungen treffen, daß diese Nachricht mir auch zukommt – ganz gleich, wo ich mich aufhalte.«

Little Purlington ist keine leicht zu erreichende Ortschaft, da sie an einer Nebenlinie liegt. Ich knüpfe keine angenehmen Erinnerungen an die Reise, denn es herrschte Hitze, der Zug fuhr langsam, und mein Begleiter war verdrießlich und schweigsam; er sprach so gut wie gar nichts – nur gelegentlich machte er eine hämische Bemerkung über die Fruchtlosigkeit unseres Unterfangens. Als wir schließlich den kleinen Bahnhof erreichten, stand uns noch eine zwei Meilen weite Fahrt bevor, ehe wir am Pfarramt eintrafen, wo uns ein dicker, würdevoller, ziemlich pompöser Geistlicher in seinem Arbeitszimmer empfing. Vor ihm lag unser Telegramm.

»Nun, Gentlemen«, fragte er, »was kann ich für Sie tun?«

»Wir sind auf Ihr Telegramm hin gekommen«, erklärte ich.

»Mein Telegramm! Ich habe kein Telegramm aufgegeben.«

»Ich meine das Telegramm, das Sie an Mr. Josiah Amberley geschickt haben – wegen seiner Frau und seines Geldes.«

»Wenn das ein Scherz sein soll, Sir, dann ist es ein sehr fragwürdiger«, sagte der Pfarrer ärgerlich. »Ich habe von dem erwähnten Gentleman noch nie gehört und auch niemandem ein Telegramm geschickt.«

Unser Klient und ich sahen einander verblüfft an.

»Vielleicht handelt es sich um ein Versehen«, sagte ich; »gibt es hier womöglich zwei Pfarrämter? Hier ist das Telegramm, mit der Unterschrift ›Elman‹ und dem Pfarramt als Absender.«

»Es gibt hier nur ein Pfarramt, Sir, und auch nur einen Pfarrer; dieses Telegramm ist ein skandalöser Schwindel, dessen Herkunft die Polizei mit Sicherheit ermitteln wird. Einstweilen sehe ich jedoch keinerlei Sinn darin, dieses Gespräch fortzusetzen.«

Damit befanden Mr. Amberley und ich uns wieder auf der Straße – in einem Ort, der mir wie das primitivste Dorf in ganz England vorkam. Wir begaben uns zum Telegraphenamt, aber es hatte bereits geschlossen. Der kleine Gasthof Railway Arms verfugte jedoch über ein Telephon, und mit dessen Hilfe nahm ich Verbindung mit Holmes auf, der unsere Verblüffung über das Resultat unserer Reise teilte.

»Äußerst eigenartig!« sagte die ferne Stimme. »Höchst bemerkenswert! Ich fürchte sehr, mein lieber Watson, heute abend fährt kein Zug mehr zurück. Ich habe Sie also unwissentlich zu den Schrecknissen eines ländlichen Gasthofes verdammt. Trotzdem, Ihnen bleibt ja immer noch die Natur, Watson – die Natur und Josiah Amberly; mit beiden können Sie nun enge Gemeinschaft pflegen.« Ich vernahm noch sein trockenes Kichern, als er wieder einhängte.

Es stellte sich bald heraus, daß mein Begleiter nicht zu Unrecht im Ruf eines Geizhalses stand. Er hatte bereits über die Reisekosten gemurrt und darauf bestanden, dritter Klasse zu fahren; nun erhob er lauthals Einwände gegen die Hotelrechnung. Am nächsten Morgen, als wir endlich in London eintrafen, ließ sich schwer entscheiden, wer von uns beiden bei schlechterer Laune war.

»Am besten, Sie schauen unterwegs in der Baker Street vorbei«, sagte ich. »Vielleicht hat Mr. Holmes ein paar neue Instruktionen.«

»Wenn sie nicht mehr wert sind als die letzten, dann nützen sie mir nicht viel«, sagte Amberley mit feindseligem Blick. Nichtsdestoweniger begleitete er mich. Ich hatte Holmes telegraphisch über die Stunde unserer Ankunft unterrichtet; wir fanden jedoch eine Nachricht vor, daß er in Lewisham sei und uns dort erwarte. Das war eine Überraschung; aber eine noch größere war, daß wir ihn im Wohnzimmer unseres Klienten nicht all eine antrafen. Neben ihm saß ein streng blickender, unbeteiligt wirkender Mann mit dunklen Haaren und graugetönter Brille; aus seiner Krawatte lugte eine dicke Freimaurer-Nadel hervor.

»Das ist mein Freund Mr. Barker«, sagte Holmes. »Auch er hat sich für Ihren Fall interessiert, Mr. Josiah Amberley, obwohl wir bislang voneinander unabhängig gearbeitet haben. Aber wir hätten Ihnen beide die gleiche Frage zu stellen!«

Mr. Amberley ließ sich schwer auf einen Stuhl fallen. Er witterte Gefahr. Das las ich in seinem starren Blick und seiner zuckenden Miene.

»Was denn für eine Frage, Mr. Holmes?«

»Nur diese: Was haben Sie mit den Leichen gemacht?«

Der Mann fuhr mit einem heiseren Schrei hoch und griff mit den knochigen Händen in die Luft. Sein Mund stand offen, und für den Augenblick wirkte er wie ein schrecklicher Raubvogel. Blitzartig konnten wir einen Blick auf den wahren Josiah Amberley erhaschen, einen mißgestalteten Dämon, dessen Seele ebenso entstellt war wie sein Körper. Als er in seinen Stuhl zurückfiel, fuhr er mit der Hand an die Lippen – als ob er einen Huster unterdrücken wolle. Holmes sprang ihm wie ein Tiger an die Kehle und drehte sein Gesicht zum Boden, worauf dem keuchenden Mund ein weißes Kügelchen entfiel.

»Keine Kurzschlüsse, Josiah Amberley. Alles muß in Würde und Ordnung geschehen99. Wie sieht’s aus, Barker?«

»An der Tür steht mein Wagen«, sagte unser wortkarger Gefährte.

»Zur Wache sind es nur ein paar hundert Yards. Wir gehen zusammen. Sie bleiben bitte hier, Watson. Ich bin in einer halben Stunde zurück.«

 

In dem mächtigen Leib des alten Farbenhändlers steckten die Kräfte eines Löwen; doch den beiden im Zupacken erfahrenen Männern war er nicht gewachsen. Sich windend und drehend wurde er zu dem wartenden Wagen gezerrt, und mich überließ man meiner einsamen Nachtwache in diesem Haus des Unheils. Holmes kehrte jedoch schon vor der genannten Zeit zurück – in Begleitung eines schneidigen jungen Polizeiinspektors.

»Ich habe es Barker überlassen, sich um die Formalitäten zu kümmern«, sagte Holmes. »Sie haben Barker noch nicht gekannt, Watson. Er ist mein erbitterter Rivale auf der Surrey-Seite100. Als Sie einen hochgewachsenen, dunkelhaarigen Mann erwähnten, fiel es mir nicht schwer, das Bild zu vervollständigen. Er hat schon ein paar sauber gelöste Fälle vorzuweisen, nicht wahr, Inspektor?«

»Er hat sich in der Tat ein paarmal eingemischt«, antwortete der Inspektor zurückhaltend.

»Seine Methoden sind zweifellos irregulär – wie die meinen auch. Aber gerade deshalb sind sie manchmal nützlich. Sie zum Beispiel, mit Ihrem obligatorischen Hinweis, daß alles, was er sagt, gegen ihn verwendet werden kann, hätten es nie geschafft, den Schurken zu diesem Quasi-Geständnis zu verleiten.«

»Wahrscheinlich nicht. Aber wir kommen trotzdem zum Ziel, Mr. Holmes. Glauben Sie bloß nicht, wir hätten uns keine eigenen Ansichten zu diesem Fall gebildet und wären nicht imstande gewesen, unseren Mann zu schnappen! Sie dürfen uns nicht übelnehmen, daß wir sauer sind, wenn Sie sich mit Methoden, die wir nicht anwenden dürfen, dazwischendrängeln und uns damit unserer Verdienste berauben.«

»Einen solchen Raub wird es nicht geben, MacKinnon. Ich versichere Ihnen, daß ich mich von nun an aus dem Fall zurückziehe; und was Barker betrifft, so hat er bisher nur getan, was ich ihm aufgetragen habe.«

Der Inspektor schien außerordentlich erleichtert.

»Das ist sehr anständig von Ihnen, Mr. Holmes. Lob oder Tadel können Ihnen ja nur wenig bedeuten; aber für uns sieht die Sache ganz anders aus, wenn die Zeitungen erst mal anfangen, Fragen zu stellen.«

»Ganz recht. Und das werden sie mit Sicherheit tun; daher wäre es von Vorteil, Antworten parat zu haben. Was würden Sie denn zum Beispiel sagen, wenn der intelligente und zupackende Reporter Sie nach den Indizien fragt, auf die sich Ihr Verdacht gründete und anhand deren Sie sich schließlich Gewißheit über die wirklichen Fakten verschafften?«

Der Inspektor schaute verwirrt drein.

»Mir scheint, wir haben noch keine wirklichen Fakten in der Hand, Mr. Holmes. Sie sagen, der Gefangene habe im Beisein von drei Zeugen durch einen Selbstmordversuch praktisch zugegeben, daß er seine Frau und ihren Liebhaber ermordet hat. Was haben Sie denn sonst noch für Fakten?«

»Haben Sie schon eine Hausdurchsuchung angeordnet?«

»Es sind bereits drei Polizisten unterwegs.«

»Dann werden Sie ja das eindeutigste Faktum bald finden. Die Leichen können nicht weit sein. Nehmen Sie sich die Kellerräume und den Garten vor. Es dürfte nicht lange dauern, die in Frage kommenden Stellen ausfindig zu machen. Das Haus hier ist älter als seine Wasserrohre. Irgendwo muß es einen unbenutzten Brunnen geben. Dort sollten Sie Ihr Glück versuchen.«

»Aber woher haben Sie von dem Verbrechen gewußt, und wie wurde es begangen?«

»Ich will Ihnen zuerst vor Augen führen, wie es begangen wurde; danach sollen Sie die Erklärung bekommen, die ich Ihnen und vor allem meinem geduldigen Freund hier schulde – seine Hilfe war in jeder Beziehung unschätzbar. Doch zunächst möchte ich Ihnen einen Einblick in die Mentalität des Täters verschaffen. Sie ist sehr ungewöhnlich – so sehr, daß ich der Ansicht bin, man sollte ihn lieber nach Broadmoor101 bringen statt aufs Schafott. Ihm eignet nämlich in hohem Grade jene Denkungsart, die man eher mit dem Naturell des mittelalterlichen Italieners als mit dem des modernen Briten verbindet. Er war ein elender Geizkragen, der seine Frau mit seiner Knickerei dermaßen zermürbte, daß sie eine leichte Beute für jeden Abenteurer darstellte. Ein solcher betrat denn auch die Bühne, in Gestalt dieses schachspielenden Arztes. Amberley spielt ausgezeichnet Schach – ein Wesensmerkmal, Watson, jedes Ränkeschmieds. Wie alle Geizhälse war er eifersüchtig; und seine Eifersucht wurde zur rasenden Manie. Ob zu Recht oder zu Unrecht – er vermutete eine Intrige. Da beschloß er, sich zu rächen, und heckte seine Rache mit diabolischer Schlauheit aus. Kommen Sie mit!«

Holmes geleitete uns durch den Flur – mit einer Sicherheit, als wohne er seit jeher im Haus; dann blieb er an der geöffneten Tür der Stahlkammer stehen.

»Puh! Was für ein abscheulicher Farbgeruch!« rief der Inspektor.

»Das war unser erster Anhaltspunkt«, sagte Holmes. »Sie können sich dafür bei Dr. Watson und seiner Beobachtungsgabe bedanken; wiewohl er es versäumte, die Schlußfolgerung daraus zu ziehen. Mich brachte es auf die richtige Spur. Warum sollte dieser Mann sein Haus zu einem solchen Zeitpunkt mit strengen Düften erfüllen? Offensichtlich, um einen anderen Geruch, den er verheimlichen wollte, zu überdecken – einen weniger harmlosen Geruch, der Verdacht erregen würde. Hinzu kam der Gedanke an einen Raum, wie Sie ihn hier sehen: mit Eisentür und eisernen Fensterläden – ein hermetisch verschlossener Raum. Wenn Sie diese beiden Fakten zusammenfügen, wohin führen sie dann? Dies konnte ich nur feststellen, indem ich mir das Haus persönlich unter die Lupe nahm. Allerdings war ich bereits sicher, daß es sich um einen ernsten Fall handelte; ich hatte nämlich im Theater am Haymarket die Eintrittskarte überprüft – noch einer von Dr. Watsons Volltreffern – und festgestellt, daß in Reihe B des zweiten Ranges weder Platz dreißig noch zweiunddreißig an jenem Abend besetzt waren. Folglich war Amberley gar nicht im Theater gewesen, und sein Alibi fiel ins Wasser. Er hat einen bösen Schnitzer gemacht, als er meinem listigen Freund die Sitznummer seiner Frau zeigte. Nun erhob sich die Frage, wie ich es ermöglichen könnte, das Haus zu durchsuchen. Ich schickte in das entlegenste Dorf, das mir einfiel, einen Agenten und beorderte meinen Klienten dorthin – zu einem Zeitpunkt, der ihm die Rückkehr am gleichen Tag unmöglich machte. Zur Vermeidung etwelcher Mißgeschicke mußte Dr. Watson ihn begleiten. Den Namen des guten Pfarrers habe ich natürlich meinem Kirchen-Adreßbuch entnommen. Ist Ihnen soweit alles verständlich?«

»Meisterhaft«, sagte der Inspektor ehrfürchtig.

»Nachdem die Gefahr einer Störung ausgeschlossen war, machte ich mich daran, in das Haus einzubrechen. Die Einbrecherei war schon immer ein Gewerbe, auf das ich mich, wenn mir danach gewesen wäre, hätte verlegen können; ich zweifle kaum daran, daß ich es darin zum Meister gebracht hätte. Nun geben Sie acht, was ich entdeckt habe. Sie sehen doch das Gasrohr, das sich hier an der Fußleiste entlangzieht? Sehr gut. Es steigt parallel zur Wand nach oben, und dort in der Ecke befindet sich ein Hahn. Das Rohr führt in die Stahlkammer, wie Sie sehen, und mündet in dieser Stuckrose in der Deckenmitte, wo es von der Ornamentierung verdeckt wird. Diese Mündung ist ganz offen. Sobald man draußen am Hahn dreht, läßt man Gas in den Raum strömen. Wenn Tür und Läden dicht sind und man den Hahn voll aufdreht, gebe ich etwelchen Personen, die in der kleinen Kammer eingeschlossen sind, keine zwei Minuten wachen Bewußtseins mehr. Durch welchen teuflischen Kniff er sie hineingelockt hat, weiß ich nicht; aber nachdem sie sich erst einmal drin befanden, waren sie ihm ausgeliefert auf Gedeih und Verderb.«

Der Inspektor begutachtete interessiert das Rohr. »Einer unserer Beamten hat den Gasgeruch erwähnt«, sagte er, »aber da standen Fenster und Tür natürlich offen, und die Farbe – oder ein Teil davon – war schon aufgetragen. Amberley hatte, seiner Aussage zufolge, mit den Malerarbeiten bereits am Vortag begonnen. Aber was passierte als nächstes, Mr. Holmes?«

»Tja, dann ereignete sich ein ziemlich unerwarteter Zwischenfall. Der Morgen dämmerte bereits, und ich schlüpfte eben durchs Fenster der Speisekammer, als ich eine Hand am Kragen spürte und eine Stimme sagte: ›He, du Schuft, was hast du da drin zu suchen?‹ Als es mir gelang, den Kopf zu drehen, blickte ich in die getönten Brillengläser meines Freundes und Rivalen Mr. Barker. Dieses sonderbar zufällige Zusammentreffen machte uns beide lächeln. Anscheinend hatte ihn die Familie von Dr. Ray Ernest beauftragt, einige Nachforschungen anzustellen, und er war wohl ebenfalls zu dem Schluß gekommen, daß an der Sache etwas faul sei. Schon ein paar Tage lang hatte er das Haus beobachtet und Dr. Watson als eine der offensichtlich verdächtigen Personen registriert, die dort hineingegangen waren. Watson konnte er allerdings kaum festhalten; aber als er nun einen Mann aus dem Fenster der Speisekammer klettern sah, war es mit seiner Beherrschung vorbei. Ich habe ihm natürlich berichtet, wie die Dinge standen, und daraufhin haben wir den Fall gemeinsam weiterverfolgt.«

»Warum haben Sie es ihm berichtet und nicht uns?«

»Weil ich die Absicht hatte, diesen kleinen Test durchzuführen, der dann so vortrefflich gelang. Ich fürchte, Sie wären nicht so weit gegangen.«

Der Inspektor lächelte.

»Nein, vermutlich nicht. Ich habe Sie doch recht verstanden, Mr. Holmes: Sie geben mir Ihr Wort, daß Sie sich aus dem Fall völlig zurückziehen und uns alle Ihre Ergebnisse überlassen?«

»Aber ja, das pflege ich doch ohnehin immer zu tun.«

»Gut, dann danke ich Ihnen im Namen der Polizei. So wie Sie es dargestellt haben, scheint es ein klarer Fall zu sein, und wegen der Leichen wird es wohl auch keine großen Schwierigkeiten mehr geben.«

»Ich will Ihnen noch ein grausiges kleines Beweisstück zeigen«, sagte Holmes; »ich bin sicher, Amberley hat es nicht bemerkt. Resultate erzielt man, Inspektor, indem man sich immer wieder in die Situation des anderen versetzt und sich vorstellt, wie man an dessen Stelle handeln würde. Das erfordert zwar ein wenig Phantasie, aber es lohnt sich. Nun denn, nehmen wir einmal an, Sie wären in diesem kleinen Raum eingeschlossen, hätten keine zwei Minuten mehr zu leben, wollten aber mit dem Satan, der Sie von der anderen Seite der Tür aus vermutlich verhöhnt, noch abrechnen. Was würden Sie tun?«

»Eine Nachricht schreiben.«

»Genau. Sie würden mitteilen wollen, wie Sie gestorben sind. Es auf ein Blatt Papier zu schreiben, hätte keinen Zweck. Das würde er entdecken. Aber auf die Wand – darauf könnte vielleicht einmal ein Blick verharren. Und nun sehen Sie mal her! Direkt über der Fußleiste wurde etwas mit purpurfarbenem Tintenstift hingekritzelt: ›Wir wur …‹ Das ist alles.«

»Was machen Sie daraus?«

»Nun, es befindet sich nur einen Fuß über dem Boden. Der arme Teufel lag dort bereits im Sterben, als er es geschrieben hat. Noch ehe er es zu Ende bringen konnte, verlor er die Besinnung.«

»Er wollte schreiben: ›Wir wurden ermordet.‹«

»So lese ich es auch. Wenn Sie also bei der Leiche einen Tintenstift finden …«

»Wir werden darauf achten, darauf können Sie sich verlassen. Aber diese Effekten? Ein Raub hat offensichtlich gar nie stattgefunden. Und doch besaß er diese Wertpapiere. Wir haben das nachgeprüft.«

»Sie können sich darauf verlassen, daß er sie an einem sicheren Ort versteckt hat. Wäre die Sache mit dem durchgebrannten Paar erst einmal in die Geschichte eingegangen, dann wäre er plötzlich mit den Papieren aufgetaucht und hätte verkündet, daß das schuldige Pärchen sich erbarmt und das Diebesgut zurückgeschickt habe oder daß es den beiden unterwegs abhanden gekommen sei.«

»Sie scheinen tatsächlich jede Schwierigkeit berücksichtigt zu haben«, sagte der Inspektor. »Natürlich, uns mußte er wohl hinzuziehen; aber warum er auch noch zu Ihnen gegangen ist, verstehe ich nicht.«

»Reine Wichtigtuerei!« antwortete Holmes. »Er kam sich so schlau vor und war seiner Sache so sicher, daß er sich einbildete, niemand könne ihm etwas anhaben. Jedem mißtrauischen Nachbarn konnte er sagen: ›Sehen Sie doch, welche Schritte ich unternommen habe‹. Ich habe nicht nur die Polizei, sondern sogar Sherlock Holmes konsultiert.«

Der Inspektor lachte.

»Das ›sogar‹ müssen wir Ihnen wohl durchgehen lassen, Mr. Holmes«, sagte er; »das war nämlich das meisterlichste Stück Arbeit, an das ich mich erinnern kann.«

 

Ein paar Tage später warf mir mein Freund eine Ausgabe des zweiwöchentlich erscheinenden North Surrey Observer zu. Unter einer Reihe flammender Schlagzeilen, die mit »Der Horror von The Haven« begannen und mit »Brillante Ermittlungen der Polizei« endeten, befand sich eine vollgepackte Kolumne, die den ersten zusammenhängenden Bericht über die Affäre gab. Der letzte Absatz ist typisch für den ganzen Artikel. Er lautete wie folgt:

 

Der bemerkenswerte Scharfsinn, mit dem Inspektor MacKinnon aus dem Farbgeruch herleitete, daß ein anderer Geruch, zum Beispiel der nach Gas, überdeckt werden sollte; die kühne Folgerung, daß die Stahlkammer auch die Todeskammer sein könnte; sowie die anschließende Durchsuchung des Grundstücks, die zur Entdeckung der Leichen führte (in einem unbenutzten Brunnen, der geschickt durch eine Hundehütte getarnt war) – all dies sollte in der Kriminalgeschichte als bleibendes Beispiel für die Intelligenz unserer Polizeidetektive weiterleben.

 

»Was soll’s, MacKinnon ist ein guter Kerl«, sagte Holmes mit nachsichtigem Lächeln. »Sie können die Sache in unser Archiv ablegen, Watson. Eines Tages mag dann die wahre Geschichte erzählt werden.«