DerNarrLiest

Die Schildbürger "15 & 16 Beratschlagungen & Der Krieg angekündigt" (von Ludwig Tieck)

August 12, 2021 HofnarrGiaccomo Season 2021 Episode 187
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Die Schildbürger "15 & 16 Beratschlagungen & Der Krieg angekündigt" (von Ludwig Tieck)
Show Notes Transcript

HofnarrGiaccomo liest den urheberrechtsfreien Klassiker:
Die humorvollen Geschichten der fränkischen Schildbürger von LUDWIG TIECK
15 Beratschlagungen. – Seltsame, doch glückliche Vorbedeutung.
16 Der Krieg angekündigt. – Enthusiasmus der Bürger.


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Ludwig Tieck - Die Schildbürger

Caput XV

„15 Beratschlagungen. – Seltsame, doch glückliche Vorbedeutung.“


Die Schildbürger trieben nun ihr republikanisches Wesen immer fort, und fühlten sich sehr glücklich, daß ihre Freiheit durch nichts beschränkt wurde. An einem Morgen ging ein junger Schildbürger herum und bat die Uebrigen, sie möchten sich doch in ihren Rathskleidern auf der grünen Wiese versammeln, denn er habe ihnen etwas Wichtiges vorzutragen.

Alle kamen aus Neugier auf der Wiese zusammen und setzten sich in einen Kreis, die Füße durch einander geschlagen und die Köpfe gegen einander gekehrt, worauf derjenige, der den Rath berufen hatte, also anfing:

Meine Freunde, es ist ausgemacht, und Jeder von uns fühlt es, daß wir glücklich sind; dieses rührt aber blos von unsrer Verfassung her, indem wir die alte hergebrachte Ordnung umgekehrt haben. Sollen wir denn nun so neidisch seyn, sollten wir Alle ein so enges Herz haben, daß wir damit zufrieden sind, wenn wir uns nur allein glücklich fühlen? Nein, meine Mitbürger, das sey fern von uns. Der wirklich große und edle Mensch zeigt sich eben darin, daß er das Glück über den Erdkreis zu verbreiten trachtet, und sich dann im Glücke der Menschheit vollkommen glücklich fühlt. Darum verehren wir die Erfinder der nützlichen Künste und Wissenschaften, und nennen sie die Wohlthäter der Menschheit. Darum ist es von den Stiftern und Erfindern der Religionen groß und heilsam gewesen, ihre Religion und ihre Lehren auszubreiten, damit auch andre Menschen im Lichte wandeln konnten. Wer verübelt es den Königen, wenn sie mit Gewalt die Wohlfahrt ihrer Länder auch über andre, die ihnen nicht gehören, auszustreuen suchen? Die späteste Geschichte nennt ihre Namen noch mit Ehrfurcht, und legt ihnen den Beinamen der Großen bei. Diesen Beispielen laßt uns folgen. Wir wollen unsre Verfassung auch über die benachbarten Länder erstrecken; der König muß abgesetzt werden, eben so, wie unser Bürgermeister abgesetzt ward, und er wird sich auch gewiß freiwillig dazu bequemen; das Volk muß getröstet und beglückt werden, und es wird uns auf den Knien danken.

Noch nie hatte ein Vorschlag bei den Schildbürgern so lauten Beifall gefunden; man wollte sogleich aufstehn und zum Werke schreiten, nur Pyrrho hielt sie noch zurück und rief: Haltet nur noch einen Augenblick ein, geliebte Mitbürger! wohin führt Euch ein edler, aber dennoch blinder Eifer? Wendet die Augen von der Wohlfahrt der Nationen ab, und seht auf Euch selbst.

Du widerräthst uns also diesen Vorschlag? riefen Alle.

Mit nichten, antwortete der weise Pyrrho, Ihr versteht mich falsch, nur seht für diesen Augenblick einmal hieher zur Erden, ich meine auf Eure Beine. Wir sitzen hier in einem runden Kreis, unsre Tracht ist ganz gleich, wie es Rathsherren ziemt; wollt Ihr nun wohl so unbesonnen seyn, und so rasch und plötzlich aufspringen? Könnte nicht, da unsre Beine Alle gleich aussehn, im Irrthum Einer des Andern Beine erwischen und so das Beinwesen der ganzen Bürgerschaft unter einander verwechselt werden? Ob es gleich Unrecht ist, von edeln Männern einen solchen Argwohn zu hegen, so fürcht' ich doch, daß diejenigen Füße, die mit Hühneraugen, oder diejenigen Beine, die vom Podagra geplagt sind, gar dahinten bleiben würden, und daß sich Keiner würde zu ihnen bekennen wollen. Es ist eben denjenigen, die von diesen Krankheiten leiden, auch nicht gar zu sehr zu verübeln, denn es liegt einmal das Bestreben in uns, daß wir uns Alle gern auf einen guten Fuß setzen wollen, wie man zu sagen pflegt. Laßt uns daher auf einen Anschlag sinnen, wie wir Alle unsre Beine wieder herauskriegen, und Jedem auch die rechten zu Theil werden, damit keinesweges res publica detrimenti capiat.

Sie saßen Alle still und dachten mit vielem Eifer nach. Keiner getraute sich zu bewegen, aus Furcht, plötzlich fremde Beine an sich zu ziehen, da sie alle so verwickelt waren; man dachte alle Hülfsmittel durch, aber es wollte sich gar nichts Heilsames ergeben.

Indem sie noch so im heftigen Rathschlagen saßen, zog ein Fremder vorüber, der einen tüchtigen Wanderstab in der Hand trug. Sie riefen ihn zu sich, und erzählten ihm ihre verwickelte und verwirrte Lage mit den Beinen, und ob er, als ein gereister Mann, nicht vielleicht durch lange Erfahrung in fremden, weit entlegenen Ländern wundersame Mittel dagegen kennen gelernt habe; wenn es sey, so möchte er sie ihnen mittheilen, sie wollten auch zur Dankbarkeit ein gutes Stück Geld nicht zu sehr bedauern.

Der Reisende sah sie eine Zeitlang an, dann sagte er: Seht, meine bedauernswürdigen Freunde, diesen Stab, er ist in der geheimnißvollen Mitternacht, bei'm Schein des Vollmondes in der längsten Nacht, in Mesopotamien von einem eingeweihten heiligen Baume, durch einen achtzigjährigen Priester abgeschnitten. Dieser Priester hat ihn mir verehrt zum Schutz gegen meine Feinde, zur Beschirmung der Freunde; wollt Ihr mir nun ein gutes Trinkgeld geben, so denke ich Euch auch mit diesem bezauberten Zweige aus der Noth zu helfen.

Sie versprachen es, worauf er anfing, mit seinem Stocke auf ihre Beine zu schlagen, so daß Jeder erschrocken aufsprang und auf seinen Beinen stand. Ein Einziger, der nicht getroffen war, blieb sitzen und sagte: Lieber Gesell, warum wollet Ihr Euer Geld nicht auch an mir verdienen? Ich bitte, Ihr wollet mich nicht sparen, oder sind denn jene Beine dort etwa die meinigen? Der Fremde gab auch diesem einige Hiebe und er war auch mit Beinen versorgt, worauf er seine Danksagung empfing und fröhlich von dannen zog.

Hierauf gingen die Schildbürger gutes Muths nach ihrer Stadt zurück und Pyrrho sagte zu ihnen unterwegs: Diese Ineinanderschränkung der Beine ist für uns zweifelsohne von sehr guter Vorbedeutung, denn sie bedeutet unsre unzertrennliche Einigkeit, das Ineinanderfügen unsers Willens und unsrer Macht, und darum können wir uns auch einen glücklichen Ausgang unsers Unternehmens versprechen. Wir sind wie ein Bündel Pfeile, und ich mag Euch die schöne Fabel nicht noch einmal erzählen, die sich am lieblichsten von den holländischen Dukaten lesen läßt. Schließlich aber wollte ich Euch nur noch erinnern, daß es gut sey, wenn wir uns künftig mit den Beinen etwas mehr hüten, denn wenn eine ähnliche heilige Ruthe nicht in der Nähe ist, so könnte uns großer Schaden daraus erwachsen.

Unter derlei weisen Gesprächen kamen sie in ihre Häuser zurück.


Caput XVI.

Der Krieg angekündigt. – Enthusiasmus der Bürger.

Auf allgemeine Beistimmung ward nunmehr eine Gesandtschaft an den benachbarten König erlassen, als er von seiner Reise in sein Reich zurückgekehrt war. Das Ansuchen der Schildaschen Gesandten bestand darin, der König möchte ohne weitere Umstände den Thron räumen, und seine Unterthanen frei und glücklich machen, oder man würde ihn durch die dahin passenden Mittel zu zwingen wissen. Der König lachte und fragte, wie sie an dieses Begehren gerathen wären, worauf die Abgesandten erklärten, daß sie im Namen der ganzen Menschheit das Wort führten, daß sie dahin trachten würden, daß die ganze Menschheit das Glück genösse, das sie selber nunmehr errungen hätten. Der König gab ihrem thörichten Ansinnen keine bestimmte Antwort, und so zogen sie nach ihrer Stadt zurück.

Die Einwohner beschlossen sogleich, dem halsstarrigen Könige den Krieg anzukündigen, damit er durch die Gewalt der Waffen gezwungen würde, ihnen nachzugeben. Es ward ein Herold abgefördert, der dem Monarchen den Zorn der Schildbürger ansagen mußte, und daß er auf eine Gegenwehr denken möchte.

In Schilda selbst war Alles im größten Enthusiasmus, Weiber und Kinder redeten sogar auf den Gassen von diesem Kriege, man sah nichts als patriotische Bemühungen, denn hier sah man den Einen sein Gewehr putzen, ein Anderer bemühte sich, einen uralten, eingerosteten Säbel aus der Scheide zu ziehen, dort stand ein Anderer und zeichnete mit einem Stabe den Plan zum Feldzuge im Sande.

Wie sehr die Schildbürger ihr Vaterland liebten, davon kann nachfolgende Geschichte von einem Müller zum Beweise dienen. Dieser ritt um dieselbe Zeit in Geschäften an die Gränze des Landes; da hörte er auf einem Baume einen schildbürger Kukuk, der mit einem königlichen Kukuk im Wettgesange begriffen war. Der Müller merkte sehr bald, daß sein Kukuk den Kürzern ziehe, und der königliche dem schildbürgerischen in Rufen überlegen war. Dies verdroß ihn in die Seele, daß ein Fremder so sein Vaterland verspotten sollte; er stieg also von seinem Pferde ab und auf den Baum hinauf und half seinem Kukuk so lange rufen, bis der Royalist überwunden war und das Feld räumen mußte.

Als der Schildbürger mit dem fremden Kukuk im hitzigsten Treffen lag, nahm ein Wolf, der gar nicht patriotisch gesinnt war, die gute Gelegenheit in Acht, und fraß das Pferd des Müllers auf, so daß er nach gewonnener Schlacht zu Fuß nach seiner Vaterstadt zurückkehren mußte. Hier erzählte er den ganzen Vorfall, und die Bürger freueten sich seines Eifers; sie schenkten ihm ein neues Pferd, und verehrten ihm außerdem eine Bürgerkrone von Eichenlaub.