DerNarrLiest

Die Schildbürger "17 bis Ende - Einrichtung der Schulen" (von Ludwig Tieck)

September 03, 2021 HofnarrGiaccomo Season 2021 Episode 190
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Die Schildbürger "17 bis Ende - Einrichtung der Schulen" (von Ludwig Tieck)
Show Notes Transcript

HofnarrGiaccomo liest den urheberrechtsfreien Klassiker:
Die humorvollen Geschichten der fränkischen Schildbürger von LUDWIG TIECK
17 Einrichtung der Schulen zum Besten des Vaterlandes
18 Krieg – Flucht der Schildbürger
19 Beratschlagung und Entschluss
20 Beschluss und Nutzanwendung


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Ludwig Tieck - Denkwürdige Geschichtschronik der Schildbürger

17 Einrichtung der Schulen zum Besten des Vaterlandes

Es sahen die Schildbürger aber sehr wohl ein, daß nicht bloß kräftige Arme und geschliffene Schwerter der Sache den Ausschlag geben würden, sondern daß Kriegeswissenschaft und Staatskunst, so wie die übrigen Wissenschaften, in ihrer jetzigen Lage fast unentbehrlich wären. Sie nahmen daher in der Eil eine Reform der Schulen vor, um schnell noch große Männer zu erziehen, die dem Vaterlande und der Menschheit Nutzen brächten.

Die Jugend ward daher zusammengetrieben und mußte Tag und Nacht in den Lehrstunden aushalten; da gab es keine einzige Wissenschaft, über die nicht etwas Weniges wäre gelehrt worden und von der die Schüler nicht etwas begriffen hätten. Um das ganze Werk desto schneller umzutreiben, hatte man den Staatskniff gebraucht, auch unwissende Leute zu Lehrern anzusetzen, damit diese doch eine Gelegenheit fänden, von denen Sachen etwas zu lernen, über die sie Unterricht ertheilten.

Man sah auch bald die Früchte dieser weisen Einrichtung. Es war kein zehnjähriger Knabe in Schilda, der nicht auswendig herzusagen wußte, was Menschheit und Aufklärung sey, warum die Monarchie zu verwerfen, die Republiken im Gegentheil anzuempfehlen seyen, was Bürgerpflicht auf sich habe, und dergleichen mehr. In Quinta urtheilte man über die großen Heroen des Alterthums ab, und in Quarta fing man schon an, die Existenz Gottes und der Tugend zu bezweifeln. Dann fing man schnell an verliebt zu werden und Metaphysik zu treiben, und so wurde man zwar nach und nach, aber doch immer schnell genug, ein heller Kopf und großer Mann. Ja, als die Zeit am Ende so genau zugeschnitten war, daß man jede Minute sparen mußte, so brachte ein Vater manchmal seinen Sohn in die Schule, und wenn er ihn nicht abmüßigen konnte, wartete er indessen draußen eine halbe Stunde, bis er ihn als vollendeten Gelehrten zurückempfing.

Man hatte, um dieses durchzusetzen, eine sehr heilsame Encyklopädie der Encyklopädie erfunden, die kompendiöseste Bibliothek aus der kompendiösen Bibliothek. Wenn man einen jungen Menschen in die Lehre bekam, so brachte man ihm zu allererst eine große Verachtung gegen viele Wissenschaften bei, dann ein festes Zutrauen zu sich selber, und den Glauben, daß die übrigen Menschen nur Dummköpfe gegen ihn wären, war diese Medicin vorangeschickt, so ward es einem solchen nachher leicht, es bis zu einer merklichen Originalität zu treiben, um nach wenigen Wochen ein fast zu großer und genievoller Mann zu werden.

Dies ist die Auflösung von dem, was Vielen als ein Räthsel, oder gar als eine fabelhafte Tradition vorgekommen ist, daß man nämlich in der Schule zu Schilda Alles, und zwar in einer sehr kurzen Zeit, habe erlernen können.

18 Krieg – Flucht der Schildbürger

Die Zeit war nunmehr gekommen, da alle Vorbereitungen sollten gebraucht und dadurch auf die Probe gesetzt werden. Die Schildbürger zogen bewaffnet und mit vielem Muthe aus und rückten in das Gebiet des Königs. Dieser hatte sich eines so schleunigen Ueberfalls nicht versehen, und schickte ihnen einige Mann von seiner Wache entgegen; an einem Graben kam es zum Treffen. Die Schildbürger ließen ihre muntern Trompeten blasen, und fühlten dadurch eine große Lust zum Kriege in sich. Als aber die Armeen handgemein wurden, verließ die Schildbürger der Muth, sie flohen alle schnell zurück, ohne daß sie das Zeichen zum Zurückzuge abgewartet hätten.

19 Beratschlagung und Entschluss

Als sie nun wieder in ihrer Stadt waren und sahen, daß sie vom Feinde nicht verfolgt wurden, kamen sie Alle zusammen, um zu berathschlagen, was nunmehr zu thun sey.

Meine Freunde, fing ein bejahrter Einwohner an, ich sehe jetzt ein, daß wir bei weitem größere Staatsmänner als Soldaten sind. Wenn wir daher unsern großen, schönen, zum Wohl der ganzen Menschheit abzweckenden Entschluß durchsetzen wollen, so müssen wir einen andern Weg einschlagen. Hier sind wir nun nicht mehr sicher, auch scheint es mir nach diesem ersten Versuche nicht rathsam, die Welt durch die Gewalt unsrer Waffen zu bekehren, aber es ist gut, daß uns noch mehrere Wege offen bleiben. Wir waren schon ehemals weit umher zerstreut und verbreitet, indem uns Fürsten und Herren als nützliche Staatsmänner zu sich riefen, ohne daß irgend Jemand uns rufte; wollen wir uns jetzt eben so in der Welt ausstreuen, und wo einer von uns hinfällt, da wird er bald wuchern und Früchte tragen und ringsum seine Weisheit und Tugend verbreiten. So können wir nützen, ohne jene gewaltsame Mittel zu ergreifen, und so kann sich füglich die Welt am Ende nach uns bequemen, so daß dann unsere Verfassung und unsere Lehren, so wie unsere Geschichte, die Verfassung, Lehre und Geschichte der Menschheit wird.

Man fiel ihm bei; die Schildbürger nahmen Abschied von einander und Jeder suchte sich eine Stadt oder Gegend aus, in die er wanderte, um dort zu wirken.

Schilda ist seitdem verfallen und auch keine Ruinen sagen uns mehr, wo es gestanden hat. So vergänglich ist die menschliche Größe und Alles erreicht sein Ende, so geht es auch Dir, geliebter Leser, wie mir mit dieser Geschichte, und darum wende ich mich schnell zum letzten, oder zwanzigsten Kapitel.

20 Beschluss und Nutzanwendung

Seit jener Zeit ist die Nachkommenschaft der Schildbürger in der ganzen bewohnten Welt ausgebreitet. Man weiß kein Amt, in das sie sich nicht eingeschlichen hätten, keine Einrichtung, an der nicht einer von ihnen Theil genommen hätte. In Akademien, auf Universitäten, in den Collegien, auf den Richterstühlen treiben sie ihr Wesen und suchen die übrige Welt nach sich zu bequemen. Sie verschmähen keinen Stand, sondern suchen sich in jedem häuslich niederzulassen. Solltest Du, lieber Leser, auch einer von diesen Nachkommen seyn, so hoffe ich, Du erkennst meine Bemühungen in dieser Geschichtserzählung mit Dank.

Ich will nur noch aus dem Ganzen eine kleine Nutzanwendung ziehn, und dann den Lesern gute Nacht sagen. Daß man sich nämlich vor der Thorheit eben so gut, wie vor den Eroberern hüten müsse; man erlaubt ihnen nur einen Durchzug, und sie nehmen gleich das ganze Land auf immer in Besitz. Man kann fast nicht denken, ich will heute einmal ein Narr seyn! ohne es auch morgen und übermorgen, ja die ganze Woche hindurch zu bleiben. Ahme daher, lieber Leser, die Vorsichtigkeit der Stadt Hamburg nach, die nach Sonnenuntergang ihre Thore verschlossen hält, und kaum noch fremde Briefe annimmt, weil sie Verräther seyn könnten. Hüte Dich eben so vor jedem fremden, thörichten Gedanken, laß ihn in der Ferne stehen und nicht in Deine Mauern kommen, wenn nicht an Deinem Himmel die Sonne der gesunden Vernunft steht; leide es nicht, wenn die Leidenschaften und Launen heimlich oder mit Gewalt die Thore aufmachen wollen.

Ein Nachkomme der Schildbürger wird über meine Furcht vor der Narrheit lächeln, weil sie das Lieblichste ist, was er kennt, die Würze und das Salz des Lebens. Mag er es thun, ich habe wenigstens nach meiner Ueberzeugung gehandelt und Jeglichen gewarnt.