Create your life - Kreativität, Inspiration und Schöpferkraft für dich und dein Leben.

Die Würde der vertrödelten Zeit

Doreen Eisenberg-Timm Season 1 Episode 26

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Was, wenn „vertrödelte Zeit“ gar kein Zeichen von Faulheit ist – sondern ein Selbstschutz eines überreizten Systems?

In dieser Folge spreche ich darüber, warum wir uns oft selbst fertig machen, wenn wir Zeit am Handy, vor dem Fernseher oder scheinbar sinnlos verbringen – und warum genau darin oft eine wichtige Information liegt. 
 Ich teile einen anderen Blick auf Produktivität, Erschöpfung und Kreativität: Zeit darf Sinn tragen, auch wenn sie keinen Zweck erfüllt.

Du erfährst:

  • warum Vertrödeln oft Betäubung und Selbstregulation ist
  • weshalb Leer so schwer auszuhalten ist
  • und wie eine kleine Einladung zur Leere helfen kann, den Kreislauf aus Überreizung, Selbstkritik und Erschöpfung zu unterbrechen

Diese Folge ist keine Anleitung zur Selbstoptimierung. 
 Sondern eine Einladung zu mehr Verständnis, Wahlfreiheit und einem weicheren Umgang mit dir selbst – gerade in kraftlosen Zeiten.

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Hallo und herzlich willkommen zum Podcast Create your life, deinem Podcast über Kreativität, Inspiration und Schöpferkraft für dich und dein Leben.
Mein Name ist Doreen Eisenberg-Timm. Ich bin Coach und Mentorin und mit diesem Podcast ist es mir ein Herzensanliegen, Ideen und Inspiration für ein Leben zu teilen, in dem sich dein Potenzial und deine kreative Power voll entfalten können.

Mich beschäftigt heute ganz intensiv die Frage: Was hat Kreativität eigentlich mit Zeit zu tun?

Ich könnte es mir jetzt leicht machen und sagen: Es gibt zwei Zustände.
Der erste: Wir tun etwas, wir setzen eine Idee um, wir sind aktiv.
Der zweite: Wir spielen, lassen Gedanken wandern, experimentieren, sind in einer positiven Stimmung – und uns fallen Ideen bei ganz alltäglichen Dingen ein. Zum Beispiel unter der Dusche, wo ja bekanntlich die besten Ideen kommen.

Und ja, das stimmt auch.
Aber so einfach ist es meist nicht.

Denn es gibt noch einen anderen Zustand, auf den ich heute besonders eingehen möchte.
Einen Zustand, von dem wir im Nachhinein oft sagen:
„Boah, heute habe ich meine Zeit nur vertrödelt. Das war völlig sinnlos.“

Vielleicht kennen das viele von euch:
Zeit am Handy, vor dem Fernseher oder mit scheinbar belanglosen Dingen verbracht. Und danach fühlen wir uns schlecht. Wirklich schlecht.

Und jetzt kommt eine wichtige Frage:
Warum ist das eigentlich ein Problem?

Es wäre ja schön – oder vielleicht genial –, wenn wir sagen könnten:
„Okay, das ist mir einmal passiert. Jetzt weiß ich es besser, also mache ich es nie wieder.“

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber mir ist das deutlich häufiger als einmal passiert.
Deshalb möchte ich da heute etwas genauer hinschauen: Was passiert da eigentlich?

In den meisten Fällen schauen wir aus einer Leistungsperspektive auf uns.
Zeit ist nur dann gut, wenn wir sie produktiv nutzen. Wenn am Ende etwas dabei herauskommt. Eine Idee, ein Ergebnis, etwas Sichtbares.

Wir haben etwas geschafft.
Und nur dann – so fühlt es sich an – ist diese Zeit später rechtfertigbar. Sie hatte einen Zweck. Und nur dann war sie gut genutzt.

Damit koppeln wir oft auch unseren Selbstwert an die Nutzung unserer Zeit.
Nichtstun erleben wir nicht als neutral, sondern als eine Form von Versagen.

Eine Folge davon ist auch ein Gefühl der Scham oder eigener Selbstvorwürfe, wir genügen unseren eigenen Ansprüchen nicht. 

Und manchmal können wir unsere eigenen Sätze innerlich deutlich hören: Das war nicht richtig, so wie ich gerade meine Zeit vertrödelt habe! Oder noch deutlicher: So wie ich mich verhalte, bin ich nicht richtig. Ein Gefühl von Enge und Schwere stellt sich ein. Hapü, Leichtigkeit fühlt sich weit weg an. 

Bevor ich gleich eine andere Perspektive einlade, möchte ich noch einen weiteren Aspekt ergänzen, der das Ganze oft noch zusätzlich verstärkt.

Wenn wir unsere Zeit „sinnvoll nutzen“, erzeugt das ein Gefühl von Kontrolle, Ordnung und Sicherheit.
Bei „vertrödelter Zeit“ ist es anders: Mittendrin fühlt sich die Zeit am Handy oder bei dem Serienmarathon von Netflix an wie betäubt, wir blenden bewusst die eigene Wahrnehmung aus. Erst danach fühlt es sich unangenehm an: Danach fühlen wir eine Art Kontrollverlust oder Sinnlosigkeit. 

In dem Moment selbst erleben viele von uns keine Leere, keine Sinnlosigkeit und auch keinen Schmerz.
Im Gegenteil:
Wir stellen uns innerlich stumm.

Keine Fragen.
Keine Antworten.
Eine Art Numbness.

Das ist keine Faulheit.
Das ist oft eine Form von Betäubung – ein Selbstschutz bei einem überreizten System.

Unangenehm wird es meist erst danach.
Wenn wir wieder anfangen zu denken.
Wenn wir bewerten.
Wenn wir uns selbst hart begegnen.


Kurz gesagt:
Produktivität erleben wir daher als sicher und sie dient uns zuweilen auch als Selbstregulation.  

Bei vertrödelter Zeit ist das anders – aber nicht so, wie wir es im Nachhinein oft erzählen.

Mit Vertrödeln regulieren wir Überreizung. Das ist ein Selbstschutz.
Das ist super sinnvoll. 

Zeit darf Sinn tragen, auch wenn sie keinen Zweck erfüllt.

Bei mir hat genau diese Erkenntnis schon total viel verändert. Ich vertrödel meine Zeit nicht, weil ich faul bin oder zu wenig Disziplin habe, sondern weil ich erschöpft, müde oder überreizt bin. Auf einmal hatte das Vertrödeln einen Sinn, das hat mich schon sehr erleichtert. 

Aber ist das jetzt schon die Lösung? Es ist sinnvolle Zeit? 

Mein immer noch nicht sehr netter Self-Talk dazu war, wenn du schon keine Kraft hast, dann tu dir doch zumindest was Gutes! Meditier, geh spazieren, mach dir ein gesundes Essen oder genieß eine Badewanne -  aber dann doch keine Daddelspiele, oder?!!  Eine andere innere Stimme antwortete daraufhin: Nope, kein Bock mich überhaupt irgendwie zu bewegen. Huijui, der innere Dialog wurde dann nicht netter… ich vermute, du kennst das Spiel. 

Doch hier drin steckte eine weitere Erkenntnis, die ich lange nicht wahrhaben wollte: Auch die Dinge, die mich nähren wie ein Spaziergang oder ein warmes Bad kosten mich Kraft, Kraft, die ich in dem Moment gar nicht mehr hatte! Sogar schlafen war schwierig, ich bin in solchen Momenten viel zu überreizt. Das hört sich schon verrückt an. 
Nicht ganz, denn ich kam auch nicht aus meinen Teufelskreis raus: Ich war zu müde, um produktiv zu werden und auch zu müde und überreizt, um zu schlafen. Das hört sich schon verrückt an. 

Tja, und nun? Bleibt es so? Habe ich die Vertrödelzeit so gelassen? Nicht ganz, weil ich den Kreislauf an dieser Stelle noch nicht unterbrochen hatte. Oft war ich an solchen Tagen, dann auch später im Bett, habe zuwenig Schlaf bekommen und war am nächsten Tag nicht fitter - und wieder eher an dem Punkt das Daddelspiele anzustellen.

Diese Vertrödel-Zeit schützt und ist sinnvoll – aber sie regeneriert nicht wirklich.

Und jetzt ist mir etwas ganz wichtig zu sagen:

Ich bin nicht gegen vertrödelte Zeit.
Im Gegenteil.

Ich halte sie für sinnvoll.
Und für notwendig.

Sie zeigt uns oft sehr ehrlich: Ich kann gerade nicht mehr.

Und das darf sein.
Auch Betäubung darf sein.

Doch wie komme ich in eine wirkliche Regeneration? Die Antwort war für mich Leere. Leere aushalten.
Wir nutzen die Leere in der kraftlosen Zeit nicht gern, oft konfrontiert sie uns mit etwas, das wir gerade nicht fühlen wollen - weil wir ja nicht gerade auf einem Hoch sind, sondern eher kraftlos. 

Für mich war die Leere eine Einladung, nur ein Angebot. 

Ich habe angefangen, mir vor der Vertrödel-Zeit einen siebenminütigen Timer zu stellen. Sieben Minuten, in denen ich nichts tue. Keine Ablenkung. Keine Aufgabe, nur Leere eingeladen.

Für mich ist diese Leere eine kurze Begegnung mit mir selbst, ein kurzes Hallo, ein kurzes „Na?“ ein kurzes Hinspüren, wenn ich will. Manchmal konnte ich mich auch nur dazu überreden, in dem ich mir vorher erlaubt habe, danach einfach wieder Zeit zu vertrödeln, und dies auch ok zu finden. Nicht als Trick, sondern wirklich als Erlaubnis.

Diese sieben Minuten sind kein Muss.
Keine bessere Version von mir.
Keine Optimierung.

Sie sind nur eine Option, den Kreislauf zu unterbrechen –
und wieder Wahlfreiheit zu bekommen.

Vielleicht werden einige von euch fragen: Ist das dann nicht Meditation? Für mich ist es das bewusst nicht gewesen, weil Meditation für mich so belegt ist - bei mir ist Meditation mit Konzentration verbunden, sogar mit einem ich muss mich entweder gerade hinsetzen oder liegen - ein inneres Bild eines - natürlich vorbildlichen Mönchs schwebt vor meinem inneren Auge vorbei…

Diese Leere war etwas anderes.
Niedrigschwellig.
Unperfekt.
Menschlich.

Ich möchte noch kurz bei der Leere bleiben, weil sie sich oft unangenehm anfühlen kann.

Nicht, weil Leere schlecht ist –
sondern weil sie keine Antwort gibt.

In den anfänglich beschriebenen Muster sind im Inneren oft unausgesprochene Fragen aktiv:
Bin ich wertvoll?
War meine Zeit gut genutzt?
Habe ich mein Leben im Griff?

Produktives Tun gibt darauf sofort Antworten:
Ja, ich habe etwas geschafft.
Ja, ich war sinnvoll.
Ja, ich habe meine Zeit genutzt.

Diese Antworten sind schnell, eindeutig und beruhigend.

Leere sagt stattdessen: nichts.
Kein Ja. Kein Nein. Kein „gut“ oder „schlecht“.
Sie ist antwortlos – nicht negativ. Und genau das ist irritierend.

Warum ist das für viele so schwer auszuhalten? Weil unser Nervensystem – und unsere Identität – oft gelernt haben:
Ich bin okay, wenn etwas zurückkommt.

Leere konfrontiert uns mit Offenheit, Unbestimmtheit und Nicht-Wissen.
Das kann Gefühle auslösen, das kann sich anfühlen wie extreme Unruhe, Haltlosigkeit oder Bedeutungslosigkeit. 

Und ja: Leere ist neutral –
aber sie entzieht uns die Bestätigung.
Und wenn Bestätigung unser Stabilitätsanker war, entsteht Stress.

Tun in einer Form der Vermeidung  ist dabei kein Ausdruck von Lebendigkeit, sondern von Selbstvergewisserung, innerer Beruhigung und Identitätssicherung.

Vertrödeln ist sinnvoll als Signal.
Aber Regeneration entsteht erst, wenn wir den Kreislauf unterbrechen:
durch Schlaf, durch Leere, durch ein kurzes Innehalten.

Auch wenn Leere keine Antworten gibt –
sie stellt oft die richtigen Fragen und spürt was ist.

Doch Leere bietet genau den Übergang zu einer Tiefe, einer Tiefe, die dann den Schlaf zulässt oder Erholung oder auch einfach die Erlaubnis Zeit zu vertrödeln. 

Mit dieser Sichtweise hat sich mein Zeit der Erschöpfung, die Vertrödel-Zeit, verändert - und ich war selbst überrascht, wie ich nach nur 7 Minuten andere Entscheidungen mit meiner restlichen Zeit dann noch angestellt habe. Hättest du mir dies 7 Minuten davor erzählt, hätte ich dir einen Vogel gezeigt, so unwahrscheinlich wäre es gewesen. Und manchmal habe ich einfach mit einem Lächeln mein Handy gezückt und weiter gedaddelt, weich und bewusst, nicht mehr mit dem Gefühl darin zu ertrinken.

Was auch immer es für dich in dem Moment ist - ich wünsche dir ganz viel Freude auf deiner eigenen Reise.


Alles Liebe.