Tim Guldimann - Debatte zu Dritt

«Turkey: Ten Years of increasing Repression – Is there any Hope for Democracy?»- with Can Dündar and Asli Erdogan

Tim Guldimann

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Aslı Erdoğan ist eine türkische Autorin und Menschenrechtsaktivistin, Trägerin vieler Literaturpreise, frühere Teilchenphysikerin am CERN. Sie wurde 2016 verhaftet und verbrachte ein halbes Jahr im Gefängnis. Heute lebt sie in Berlin im Exil.

Can Dündar ist türkischer Journalist und Autor, Dokumentarfilmer und ehem. Chefredakteur der Zeitung „Cumhuriyet“. Er deckte 2015 die türkischen Waffenlieferungen an IS-Milizen in Syrien auf, wurde verhaftet, verurteilt und überlebte einen von der Regierung organisierten Mordanschlag. Heute lebt auch er im Exil in Berlin.

Kann man von aussen verstehen, was Repression für die Betroffenen bedeutet? – Can Dündar: «Wenn du nachts mit einem kleinen Gepäck neben dem Bett schläfst und erwartest die Polizei früh morgens, dann ist es sehr schwierig, das von aussen zu verstehen. Churchill sagte, ‘Wenn jemand um 5 Uhr morgens klopft und du weisst, es ist der Milchmann, dann lebst du in einer Demokratie.‘ In der Türkei sind wir sicher, es ist die Polizei. (..) Es ist das Klima der Angst. (..) Es gibt solche Momente der Geschichte, wo Menschen in Angst leben und die Stalinzeit war eine davon».

Asli Erdogan sass selbst ein halbes Jahr im Gefängnis: «Wir wissen, dass wir sterblich sind. (..) Ich suchte in meinem Leben immer das sehr, sehr Extreme der menschlichen Erfahrung. Ich habe sehr viel über KZ gelesen, KZ-Literatur. (..) Ich hatte als 5-jährige meine erste Erfahrung eines Polizeiüberfalls. (..) Meine wichtigste Frage war: Wie erzählst du das Trauma? Müssen wir es? Ich finde ja. (..) Trauma, Faschismus und im gleichen Sinne Angst führen zu Brüchen (in uns): Ein Teil von dir überlebt, ein Teil von dir ist vielleicht der Kämpfer, aber ein Teil von dir stirbt; ein Teil vergisst, ein Teil erinnert sich; ein Teil ist Verräter, ein Teil wird verraten. Und diese Teile verlieren den Kontakt zueinander: Wir verlieren den Kontakt zum Opfer in uns.»

Gibt es einen politischen Trend in der Türkei gegen Erdogan zugunsten der demokratischen Kräfte, wie sich das in den letzten Wahlen abzeichnete, oder ist noch mehr Repression zu erwarten? Dündar: «Der wichtigste Wächter des Säkularismus war immer die Armee, sie ist das wichtigste Hindernis für Erdogan. Seine Strategie war, die Armee loszuwerden von dieser politischen Rolle und sie in die Kasernen zurückzusenden. Dafür musste er die Europäer und die Liberalen in der Türkei überzeugen. Dafür spielte er den weichen liberalen Islamisten. Das war sehr erfolgreich. (..) Dann brauchte er die Liberalen und Europa nicht mehr. (..) Ab 2015 hatte er einen anderen Hebelarm: die Flüchtlinge. Seither kämpfen wir mit seiner Autokratie.(..) Wenn es faire Wahlen in der Türkei heute gäbe, würde er sie verlieren. Aber wie soll es faire Wahlen geben unter diesen Umständen, wo er alles konrolliert. (..) Nach einem viertel Jahrhundert an der Macht kann er den Menschen nichts mehr versprechen.»

Asli Erdogan: «Ich erwarte, dass sich Europa weiterhin an seine Werte hält. Aber ich glaube, wir gehen durch dunkle Zeiten in der ganzen Welt.(..) Wenn du in der Türkei über Menschenrechte sprichts, lachen die Menschen dich aus.»

Dündar: «Wir spüren viel Unterstützung von europäischen Menschen und Organisationen (..) wie PEN oder Amnesty.(..) Aber ich erwarte nie, dass Regierungen uns unterstützen, weil ich weiss, dass sie ihre Werte ihren Interessen opfern. (..) Sie stoppten den Flüchtlingsstrom vor zehn Jahren und wir bezahlten den Preis dafür, wir waren im Gefängnis und die europäischen Regierungen schauten weg. Heute haben wir eine Autokratie. (..) Der Hauptgegner von Erdogan ist im Gefängnis und die Europäer glauben immer noch, dass es in der Türkei eine Demokratie gebe. (..) Wir haben leider eine Koalition von Regierungen vor uns und Europa gehört dazu.»

Hofft Ihr au eine Rückkehr aus dem Exil? Dündar: «Ich habe viel über deutsche Intellektuelle, gelesen, die in den 30-Jahren ins Exil gingen. (..) Da gab es optimistische Beispiele wie Reuters, der nach dem Krieg zurückgekommen ist und Bürgermeister von Berlin wurde und wir haben das Beispiel von Stefan Zweig. So wissen wir nicht, was aus uns wird.»

Bücher:

Can Dündar: «Ich traf meinen Mörder - Ein Journalist und die dunklen Seiten der Macht", 2025“ Link

Aslı Erdoğan: „Die Stadt mit der roten Pelerine“, 2018 - Link