Studio-Lookout-Salon: Der Podcast für Architektur, Design, Kunst und Soziokultur
Studio Lookout Salon ist ein interdisziplinärer Podcast auf Deutsch aus der Schweiz. Die Hosts Maximilian Grieger und Roger Furrer sprechen mit Architekten, Designern, Künstlern, Unternehmern und inspirierenden Persönlichkeiten über Ideen, Projekte und Entwicklungen, die unsere Lebensräume, Gemeinschaften und Gesellschaft prägen.
Im Mittelpunkt stehen Themen wie inklusive Architektur, Social Design, Kunst, generationenübergreifende Care, Gesundheit, zirkuläre Nachhaltigkeit, gelebte Diversität, soziale Innovation und neue Perspektiven auf das Zusammenleben.
Zum Podcast gehören auch ausgewählte Live-Aufzeichnungen der kweercare soirée. Die kweercare soirée bringt Menschen unterschiedlicher Generationen und Hintergründe zusammen und schafft Raum für Gespräche über Care, Gesundheit, queere Lebensrealitäten, Sichtbarkeit, Gemeinschaft und gesellschaftliche Teilhabe. Dabei wird sichtbar, wie Impulse aus queeren Lebenswelten neue Perspektiven für die Gesellschaft als Ganzes eröffnen können.
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Alle Personenbezeichnungen gelten unabhängig von Geschlecht, Geschlechtsidentität oder sexueller Orientierung für alle Menschen.
Studio-Lookout-Salon: Der Podcast für Architektur, Design, Kunst und Soziokultur
Vielfalt als Gestaltungsprinzip – Designanthropologie, kweercare und die Kunst des Sorgetragens mit Prof. Aylin Yildirim Tschoepe
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In dieser Folge des Studio Lookout Salon Podcast treffen wir Prof. Dr. Dr. Aylin Yildirim Tschoepe an der Hochschule für Gestaltung und Kunst der FHNW Basel. Sie ist Kulturanthropologin, Architektin und Forscherin an der Schnittstelle von Stadt, Gesellschaft und Gestaltung – und eine der wichtigen Stimmen, die Designanthropologie, feministische Raumpraktiken und queere Perspektiven konsequent zusammendenkt.
Maximilian Grieger und Roger Furrer sprechen mit Aylin über das Aufwachsen zwischen zwei Kulturen und was es bedeutet, schon als Kind zwischen den Stühlen zu sitzen – und warum das keine Entscheidung verlangt. Über Räume, die ausschliessen – und solche, die einschliessen könnten. Über den männlichen Crashtest-Dummy als Symbol für Design, das andere Körper ignoriert. Über Intersektionalität als Forschungslinse. Und über die Organisation kweercare: warum inklusive Pflege für LGBTQI+-Menschen nicht nur eine Nischenfrage ist, sondern ein kollektiver Reflex, von dem alle profitieren.
Aylin erzählt ausserdem von ihren angewandten Forschungsprojekten und Workshops (kritische Flânerie, Urban Engendering, Deep Mapping) um unsichtbare Geschichten marginalisierter Communities im Stadtraum erkennbar und erfahrbar zu machen.
Eine Folge über Räume, Identität, Würde im Care-Bereich – und die Frage: Für wen gestalten wir eigentlich?
🔗 Mehr zur Arbeit von Aylin Yildirim Tschoepe: fhnw.ch
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Begrüssung und Vorstellung
Maximilian GriegerWillkommen zu einer Folge des Studio Lookout Salon Podcast. Mein Name ist Maximilian Grieger und mein Name ist Roger Furrer. Wir sind heute an der Hochschule für Gestaltung und Kunst der Fachhochschule Nordwestschweiz in Basel und treffen Professorin Aylin Yildirim Tschoepe. Sie ist Kulturanthropologin, Architektin, Forscherin an der Schnittstelle von Stadt, Gesellschaft und Gestaltung. Hallo Aylin.
Aylin Yildirim TschoepeHallo Maximilian.
Transdisziplinäre Praxis von Aylin
Roger FurrerHallo Aylin.
Aylin Yildirim TschoepeHallo Roger.
Roger FurrerAylin verbindet Anthropologie, Urbanistik, Gender Studies und Inclusive Design zu einer transdisziplinären Praxis, die weit über klassische Architektur oder Stadtforschung hinausgeht. Ihre Arbeit bewegt sich zwischen urbaner Ethnographie, der sinnlichen Wahrnehmung von Räumen, feministischer Pädagogik und partizipativen Planungsprozessen, immer mit dem Menschen im Zentrum.
Bikulturelle Prägung und Identität
Maximilian GriegerAylin, du bist in Deutschland aufgewachsen mit einer deutschen Mutter und einem türkischstämmigen Vater. Wie hat diese bikulturelle Prägung deinen Blick auf Identität, Zugehörigkeit und kulturelle Vielfalt beeinflusst?
Aylin Yildirim TschoepeDie bikulturelle Erfahrung hat mich wirklich geprägt. Ich bin zwischen verschiedenen gelebten Realitäten aufgewachsen, verschiedene Machtgefüge, verschiedene Zuschreibungen von aussen. Was heisst es, Deutsch zu sein, türkisch zu sein, Frau zu sein, Mann zu sein? Das waren Fragen, die mich immer begleitet haben und die ich auch beobachtet habe. Ich hatte das grosse Glück, dass meine Eltern sich immer respektiert haben und auch gegenseitig Raum gelassen haben. Sehr Sorge tragend miteinander umgegangen sind. Gegenseitiges Lernen, Aushandeln und Kompromisse waren wichtig, sei es verschiedene kulturelle Vorstellungen dessen, was ich gerade erwähnt habe, Religiosität oder ähnliches. Das war ein sehr wertvoller Rahmen für mich. Während des Elterwerdens habe ich mich auf die Suche nach mir selbst gemacht, mit diesen Sorge tragenenden Erfahrungen, aber auch entgegen den Zuschreibungen und Stereotypen von aussen. Und irgendwann habe ich gemerkt, ich muss mich nicht zwischen den Kulturen, zwischen den Räumen, zwischen den Stühlen entscheiden oder sitzen. Ich kann jenseits von Binarität mittendrin sein. Und das hat sich ja schon früh mein Blick geschärft, was es bedeutet, sich mit Menschen und an Orten auch zu Hause zu fühlen. Also zu Homescapes habe ich viel Arbeit später gemacht.
Maximilian GriegerIn welchem Alter hast du für dich festgestellt, dass deine Familie ausserhalb der Norm ist, wenn ich das so sagen darf?
Aylin Yildirim TschoepeJetzt als erwachsene Aylin reflektierend möchte ich jetzt dem Kind nicht so viel zuschreiben. Festgestellt, natürlich schon im Kindergarten. Weil es war einfach anders als deutsch-türkisches Kind sozusagen in der Kindergartengruppe zu sein, in einem deutschen Dorf.
Rituale, Verwandtschaft und Gemeinschaft
Maximilian GriegerUnd gibt es ein Erlebnis aus deiner Kindheit oder Jugend, wo du schon früh gemerkt hast, du hast ein Interesse an Menschen, Räumen und gesellschaftlichen Fragen.
Aylin Yildirim TschoepeJa, was mich immer fasziniert hat, waren diese verschiedenen Realitäten. Oder so habe ich es damals auch schon sehr stark empfunden, dass es unterschiedliche Welten waren, in Deutschland oder eben Verwandtschaft, in der Türkei besuchen, zwei Familien, zwei Realitäten, Freundeskreise. Und manchmal sind aber die zunächst wahrgenommenen Unterschiede gar nicht so gross. Also das Reden miteinander oder auch über Fragen, die auf mich zukamen, also nicht nur das Selbstfragen, hat viel aufgetan, was die eigene Identität angeht oder wie ich mich selber sehe und wie mich andere einschätzen oder einstufen. War eine recht frühere Lektion. Was ich sehr spannend fand, ich konzentriere mich mal auf was Positives, ist beispielsweise die kulturellen Rituale des Lebens und des Sorgetragens, die ich erleben durfte. Zum Beispiel jetzt Türkei nehmen neben den vielen schönen Momenten in verschiedenen Orten, gerade jetzt die Sommermonate dort an der türkischen Schwarzmeerküste, das war die Zeit, als meine ganze Familie auch über Generationen hinweg zur Hasenosernte zusammengekommen ist. Und wir haben gefeiert, gesungen, wurde auch zusammengearbeitet. Ja, diese Erfahrung von Gemeinschaft und von Intergenerationalität und diesem Miteinander, die haben mich bis heute geprägt und auch in die Forschung begleitet.
Maximilian GriegerDas gab es eigentlich in Deutschland nicht, dieses Gefühl, dieses Interkulturelle, von dem du jetzt gerade gesprochen hast.
Aylin Yildirim TschoepeHat vielleicht auch was mit Sorgeritualen in Familien zu tun. Ich kann es jetzt natürlich auf meinen eingeschränkten Blick nur beziehen. Also meine türkische Verwandtschaft war auch sehr viel größer, sehr viele Kinder und Verwandtschaftsreicher, also Verwandtschaftsgrade sind sehr spannend und sehr weit verwoben. Damit habe ich mich anthropologisch später viel beschäftigt, wie weit Verwandtschaft sozusagen noch reicht oder miteinander in Bezug zu sein. Also auch fiktive Verwandtschaft, sogenannte, also wer ist alles Onkel und Tante und hat deswegen auch eine Verantwortung einem gegenüber, wohl keine biologische Verwandtschaft beispielsweise besteht. Fand ich sehr spannend. Ich möchte nicht sagen, dass es sowas nicht gibt in Deutschland auch, aber ja, auf der deutschen Seite hatte ich eine sehr viel kleinere Verwandtschaft, die sich auch außer bei trauerfeiernd selten getroffen hat als solche.
Queere Perspektiven als Forschungslinse
Maximilian GriegerDu beschäftigst dich auch mit queeren Perspektiven und vielfältigen Identitäten. Wie beeinflussen queere nicht normative Lebensentwürfe deinen Blick auf Räume, auf Körper und soziale Beziehungen und welche Rolle spielen sie in deiner Forschung?
Aylin Yildirim TschoepeZum einen queere Perspektiven sind für mich zentral, weil sie normative Strukturen hinterfragen. Egal ob es jetzt Geschlecht ist, Körperlichkeit, die Räume, Beziehungsformen. Sie zeigen uns, dass es immer mehr Möglichkeiten gibt, als uns Normen Glauben machen lassen will. Es ist eine Möglichkeit, sehr kritisch und reflektiv zu hinterfragen, was Normen angeht. Und sozusagen, was als universelles Wissen angenommen vorausgesetzt wird, was sozusagen als Common Sense, also als Allgemeingültigkeit verstanden wird, aber durchaus so zu hinterfragen ist. Ich finde, das ist ein wichtiges, sozusagen queere Perspektiven sind Teil einer wichtigen Forschungslinse auch, würde ich sagen. Und in meiner Forschung bedeutet das auch weiterhin, ich schaue darauf, wie Räume inklusiv oder exklusiv gestaltet sind, Körper in verschiedenen Räumen gelesen werden, wer hat Zugang, wer wird ausgeschlossen bei Design sozusagen, also wie diese Orte gestaltet sind, welche Bewegungsfreiheiten Menschen haben oder eben nicht haben in verschiedenen Räumen und wie verschiedene Infrastrukturen, deswegen zum Beispiel Designanthropologie, wie auch Infrastrukturen oder Artefakte einschliessen, ausschliessen können. Und queere Perspektiven sind für mich eben solche Perspektiven, die das mittendrin leisten, weil sie sehr viel komplexer, nicht zwischen zwei Punkten denken können, helfen wir, die Machtstrukturen sichtbar zu machen und Alternativen denken zu können.
Maximilian GriegerUnd diese Nuancen zwischendrin sind es unterschiedliche Altersgenerationen dann? Oder was meinst du mit diesen Nuancen zwischendrin?
Intersektionalität im Stadtraum
Aylin Yildirim TschoepeDurchaus auch das Intersektionale. Also so klassischerweise Race, Class, Gender zusammenspielen miteinander und sich potenzieren oder beschränken. Also intersektional funktionieren wie eine Person, eine weise männlich gelesene Person zu bestimmten Räumen, bestimmten Tageszeiten im öffentlichen Raum, in der Stadt beispielsweise, einen anderen Zugang hat als zum Beispiel weiblich gelesene Personen oder Personen anderer Hautfarbe oder körperliche Einschränkungen beispielsweise. Das sind diese Nuancen, von denen ich rede. Und es gibt eben neben Race, Class, Gender auch solche Fragen wie, was ich gerade erwähnt habe, Ability, Disability ist auch was. Alter spielt auch mit rein, Colour, also Farbe. Und dann können wir auch weiterspielen, könnte man auch über Religiosität und so weiter und so weiter. Wie fallen gewisse Achsen intersektional zusammen und das beeinflusst sehr stark Ethnizität eben auch, kulturelle Erfahrung, Migrations- oder postmigrantische Erfahrung. Das färbt alles unsere Erfahrung ein und verändert sich natürlich im Laufe unseres Lebens auch mit unseren Erfahrungen und dem gelebten Alltäglichen.
Maximilian GriegerAylin, du beschäftigst dich mit
Feministische Raumpraktiken erklärt
Maximilian Griegergenderfeministischen Theorien und feministischen Raumpraktiken. Was versteht man darunter und warum sind diese Ansätze heute so relevant?
Aylin Yildirim TschoepeJa, wahrscheinlich so relevant wie eh in je. Feministische Raumpraktiken, so wie ich sie verstehe, fragen danach, wie Räume gegendert sind, wie sie also für bestimmte Körper, für bestimmte Identitäten gestaltet sind und eben andere ausschliessen. Das sind Fragen wie, wer fühlt sich wo und wann sicher? Wer hat Zugang zu welchen Räumen? Wann und wie? Wessen Bedürfnisse werden mitgedacht, welche werden übersehen, weil es nicht vorgesehen wurde oder absichtlich übersehen und wie führt es zu Ausschlüssen, weil viel so designt ist, was auch implizit ausschliesst. Und diese Ansätze finde ich auch heute relevant, wie früher schon. Wahrscheinlich sind wir viel, ist unser Bewusstsein dafür einfach jetzt heute viel mehr geschärft. Oder uns umfassender bewusst sind, dass Räume nie neutral sind. Design ist nie neutral, ist immer auch politisch, das kommt nicht von mir. Das ist ein Bewusstsein, was im Design herrscht und auch schon seit seit einer ganzen Weile auch verhandelt wird. Das geht way back. Und über so eine feministisch-kritische Herangehensweise lassen sich besonders die Machtverhältnisse aufdecken und widerspiegeln. Also wenn wir gerechtere Gesellschaften wollen, müssen wir auch die Räume, in denen wir leben, gerechter gestalten. Darum geht es wirklich zentral. Es ist eigentlich eine sehr inklusive Herangehle, die Städte betrifft, Gebäude, aber auch digitale Räume. Dazu mache ich öfter auch Consulting, was die Thematik angeht, weil gerade über diese Perspektive genau diese Komplexität umfassender betrachtet wird.
Maximilian GriegerHast du ein Beispiel für unsere Zuhörer:innen in Bezug auf einen Raum, der Macht ausstrahlt, der männlich geprägt ist, männlich dominant geprägt ist?
Beispiele Für Männlich geprägtes Design
Aylin Yildirim TschoepeIch fange mal mit einem klassischen Beispiel aus der Architektur an. Es gibt ja diese 23 Grad Wohlfühltemperatur, das ist gemessen an einem Mann im Anzug. Das wird, ich wette, jeder Mann, nicht wie jeder Mann im Anzug, fühlt sich wohl bei 23 Grad. Also auch da gibt es Diversität, was Körper und Empfindung angeht, aber es schließt natürlich aus und das lässt sich jetzt auch weiterdenken. In ein anderes Beispiel, was ich auch gerne in den Unterricht mitbringe, um klarzumachen, warum ist das wichtig und nicht nur eine weitere Perspektive, also gerade jetzt im inklusiven Design ist der Crashtest-Dummy. Also der Crasht-Test-Dummy, der klassische, ist auf einen männlichen Körper ausgelegt, auf die Muskulatur und Knochenstruktur. Und in Studien wurde nachgewiesen, dass es bei gleichen Aufprall mehr tödliche Unfälle gibt, bei weiblichen Körpern sozusagen. Und es gibt da seit ein paar Jahren Experimente mit einem weiblichen Crashtest-Dummy, der eben auch auf eine sehr standardisierte weibliche Muskulatur und eben Nacken und so weiter ausgelegt ist, aber wo sich sehr viele Erfolge gezeigt haben. Ich denke, da sind wir im Design zumindest schon mal auch in einem Raum oder in einem Artefakt, der umgedacht wird. Ich weiss nicht, ob das die Räume sind, die du hören wollt, das vielleicht auch nochmal was Stadt angeht. Ich glaube, in jedem Raum in der Stadt, sobald es anfängt, dunkler zu werden, fühlen sich die meisten weiblich gelesenen Personen oder oft auch nicht binäre, unsicherer im Raum, mit bestimmten anderen Gruppen anwesend. Das ist zumindest das, was oft in Gesprächen mit verschiedenen Forschungsgruppen herausgekommen ist. Aber ich bleibe jetzt mal, weil es nochmal deutlich ist, bei weiblich gelesenen Personen, es ist diese gefühlte Unsicherheit oder Angst, die du schon als weiblich gelesene Person, als Kind auch mitkriegst. Dieses rausgehen dürfen, dieses etwas ausprobieren dürfen. Das wird männlich gelesenen Kindern vielmehr ermöglicht. Da gibt es eben nochmal bessere Studien seit dem Kindergartenalter, also wie oft weiblich gelesene Kinder zum Beispiel von ErzieherInnen eher in den Arm genommen werden, getröstet werden, Zeit für genommen wird, wohingegen männlich gelesene Kinder dann aber vielmehr ermutigt werden, auch mit bestimmten Spielsachen zu spielen, durchaus auf Wilder spielen zu dürfen und so weiter. Und gerade was das Rausgehen in Räume angeht, ist es sobald es dunkel wird, bei weiblich gelesenen Personen nicht, dass es ein männlich gelesenes Kind weniger prekär wäre, weil es ist ein kleiner Körper. Aber trotzdem ist dieses von der Gesellschaft kulturell geprägte Bild, konstruierte Bild, das lässt sich ja im Prinzip auf der gleichen Basis auch wieder hinterfragen, so dass ein männliches Kind erstmal mit einer gewissen Sicherheit, selbst bei Dunkelheit, noch draußen spielen kann. Das ist zumindest das, was ich in verschiedenen Studien als Feedback bekommen habe. Nicht durch die Bank weg, aber durchaus auch zum Beispiel migrantisch geprägt ist es vielleicht nochmal mehr, dass gerade aus Kulturen, wo jetzt nochmal klare Mann-Frau-Rollen stattfinden, weibliche Personen noch weniger sich sozusagen im Stadtraum oder im öffentlichen Raum, je nachdem wie dunkel oder welche Uhrzeit es sich aufhalten können. Ich glaube, das steckt einfach fest in einem.
Sicherheit, Kindheit und Raumzugang
Maximilian GriegerWie kann Design dazu beitragen, Geschlechtergerechtere und inklusivere oder fürsorglichere Räume zu schaffen?
Aylin Yildirim TschoepeAlso, wenn ich von Macht spreche, ist die bei mir jetzt nicht belegt. Also im Sinne von Macht ist was Schlechtes. Ich sehe es eher so, Macht ist verteilt, auch was Emanzipatives ist ja machtvoll. Also ich sehe, Design hat die Macht, Räume neu zu denken. Aber es geht um den Ansatz im Design. Wie kannst du diese Macht einsetzen? Das fängt bei ganz praktischen Dingen an. Der Klassiker, wie sind Toiletten gestaltet? Das ist so ein Thema, wo sich sozusagen komplett schon alles Mögliche trennt. Oder das komplett schon einteilt. Meistens eben binär. Also in all ihrer Vielfalt, es geht jetzt auch um eine Nutzung über verschiedenes Alter hinweg. Also selbst wenn wir bestimmte Toiletten hätten, das umschliesst nicht alle Bedürfnisse für jedes Alter beispielsweise, indem den weiblichen Körper von Periode bis Menopause oder ähnliche Stationen im Leben. Es dafür alles vorgesehen und ich möchte wetten, es gibt noch andere Bedürfnisse, die in der Toilette untergebracht werden könnten. Gibt es Ruheräume? Das ist ein grosses Thema, womit ich mich auch in der Lehre oder in der Diskussion mit Studierenden oft beschäftige. Also gibt es solche Räume, sei es jetzt während der Arbeit, während des Studiums, für verschiedene Möglichkeiten und für wen müssen die wie aussehen? Wer braucht bei was Ruhe, weil die Herausforderungen sind sehr unterschiedlich. Oder eben, was sind Lichtverhältnisse, was sind Sichtachsen und wer wird einbezogen in die Planung beispielsweise von wegen? Also es müsste ja auch nicht konstant Nachtsbeleuchtung sein, das wäre ja sonst wieder, was Biodiversität oder sozusagen ökologische Umgebung angeht, schwierig, aber es gibt ja auch sehr gute Designbeispiele, wo Licht angeht, sobald sozusagen Körper sich nähert und dann geht es auch wieder aus. Also solche Dinge, das wäre jetzt ein Beispiel, wie Design sehr gut wirken kann auf so eine gefühlte oder auch wirkliche Angst. Also ich möchte die auch nicht wegreden für bestimmte Körper.
Maximilian GriegerGibt es denn weiblich dominierte Räume, wo sich Männer von vornherein unwohl fühlen, wenn sie den betreten?
Aylin Yildirim TschoepeIch würde jetzt sehr persönlich antworten und gar nicht irgendwie aus der Forschung. Erfahrungsgemäss beispielsweise sowas wie die Ballettstunde und mein Vater mich abholend, beispielsweise. Es gibt bestimmte Räume. Da hat wahrscheinlich ein männlich gelesener Körper das Gefühl...
Design für Fürsorgliche Inklusion
Maximilian GriegerEr hat da nichts zu suchen.
Aylin Yildirim TschoepeEr hat da nichts zu suchen, vielleicht. Ich erinnere mich auch an Kaffeekränzchen bei meiner deutschen Oma beispielsweise. Da war auch kein Mann anwesend. Das war einfach ein Gespräch unter Frauen. Also ich würde es jetzt auch als durchaus jetzt vielleicht abgesehen vom Ballett, als emanzipative Räume zum Beispiel sehen, dieses Kaffeekränzchen. Da wurde sich wirklich über bestimmte andere Dinge ausgetauscht. Vielleicht gab es auch kein Interesse, vielleicht ging es auch darum, was die Frauen reden. War vielleicht auch aus einer anderen Hierarchiestufe. Ja, oder eben auch in der Türkei, wenn du jetzt in traditionellere Gegenden gehst, da gibt es wiederum interessante Studien, da habe ich mich jetzt weniger mit beschäftigt, aber halt im Studium einiges gelesen, was so die klassische Aufteilung ist, wem welcher Raum gehört. Und jetzt gar nicht unbedingt so sehr, also wirklich eher traditionell eingefärbt, dieses sozusagen der Aussenraum ist eher der männliche Raum. Also die Männer sitzen draußen vor ihrem Teehaus beispielsweise, die nehmen auch Raum auf der Strasse ein, die sind sehr sichtbar, beispielsweise in türkischen Dörfern an der Schwarzmeerküste.
Maximilian GriegerDas war so ein bisschen der Beschützerformhaus.
Aylin Yildirim TschoepeIn dem ich viel, ja, ist die Frage, ist es auch du, du kannst dich zeigen, die Frau ist eher, das ist dieses vielleicht noch, deswegen sage ich traditionell, solche Konzepte von Ehre und Charme, beispielsweise, wer zeigt sich wie? Als Frau oder als weiblich gelesener Körper brauchst du eher ein zielgerichtetes, eine zielgerichtete Anwesenheit in solchen öffentlichen Dorf- oder Stadträumen, beispielsweise. Du kannst jetzt nicht einfach dich zu den Männern setzen und abhängen vor so einem Kaffee. Also nicht, dass es nicht, dass ich es nicht auch schon gemacht hätte für beispielsweise bestimmte Forschungsschritte oder sowas, aber es war ganz klar, ich hatte eine komische Identität, gerade in solchen Räumen dann oder in einem Teehaus sitzend als einzige Frau,
Weiblich Dominierte Räume und Ambivalenzen
Aylin Yildirim Tschoepeja, genau. Im Haus wiederum, das ist sozusagen eher die Domäne von der Chefin des Hauses. Also das ist eher sozusagen eine weibliche Domäne. Da wird gekocht, da wird sozusagen das Familie, da geht es um Pflege und so weiter und so weiter. Aber ob, ja, du hast mich ja zum Glück nicht gefragt, ob das sozusagen emanzipativ oder diskriminiert oder wie auch immer oder ausschliessend ist. Das kann ich dir jetzt manchmal eben nicht sagen. Ist das, weil du ausgeschlossen wirst, dass du als Mann dann nicht in diesen Raum kannst? Möchtest du vielleicht nicht, weil es ist sozusagen, da wird eine Arbeit geleistet, die sozusagen du nicht machen musst. Oder du dir nicht die Finger mit reinkriegen musst. Das kann ich dir jetzt gar nicht sagen. Ich glaube, es ist immer insofern für alle problematisch. Weil es schliesst ja irgendwie aus.
Maximilian GriegerEs schliesst automatisch aus, ja.
Aylin Yildirim TschoepeEs schliesst automatisch aus und du hast ja gar keine Möglichkeit, dich drauf einzulassen.
Brücke Zwischen Architektur und Anthropologie
Roger FurrerDu besitzt zwei Doktortitel, einen Doctor of Design und einen PhD in Anthropologie. Und du bist ursprüngliche Architektin. Was hat dich gereizt, diese Wege miteinander zu verbinden?
Aylin Yildirim TschoepeJa, für mich ergänzen sich diese Felder perfekt. Als Architektin habe ich gelernt, Räume zu gestalten, zu entwerfen. Aber ich wollte eben auch verstehen, wie leben Menschen in diesen Räumen? Was bedeuten diese Räume für sie? Und wie sind sie kulturell, sozial, politisch aufgeladen? Das sind einfach so Fragestellungen, die wir im Grundstudium nicht notwendigerweise besprechen konnten. Also es ging viel um das Technische, um die Räume, natürlich schon um die Umgebung, aber eben nicht um den gelebten Alltag, die Erfahrungen, die dort stattfinden. Das hat mich eben interessiert und bin dann spätestens in der Praxis relativ schnell an solche Fragen gestossen und an die Limits. Ja, und die Anthropologie hat mir diese Perspektive gegeben. Oder eben schon auch, als ich angefangen habe, mich mit Ur Studies zu beschäftigen, weil da eben auch schon viel über Machtfragen oder wie bestimmte Gefüge zusammengestellt wurden. Aber in der Anthropologie, vor allem das ethnografische Arbeiten, also Ethnografie als die Signature Method von Anthropologie sozusagen, das Eintauchen in verschiedene Lebenswelten. Also es ist wirklich eine sehr intensive, teilweise auch sehr langzeitliche Auseinandersetzung mit bestimmten Communities, Menschen den Situationen. Das macht Ethnographie und dokumentiert, eben sehr fundiert, und um eben in diese Lebenswelten eintauchen zu können, um verschiedene Rituale mitzubekommen, Rhythmen, Zeit, Räume, oft Go-Alongs, du bewegst dich mit, Gespräche, das kann alles mit reinkommen. Und Design hat mir dann zusätzlich noch Werkzeuge gegeben, nicht nur zu analysieren, sondern auch zu gestalten oder gerade partizipative Ansätze sind eben sehr gut zu verbinden. Also du hast teilnehmende Beobachtungen in der Anthropologie, aber oft wirst du ja auch zurückgefragt. Also diese Idee von der Anthropologie, die ist längst überholt, auch in der Anthropologie, diese Fliege an der Wand sein und nur zu beobachten und aufzunehmen, du veränderst sozusagen die Situation ja schon durch die Anwesenheit. Und deswegen finde ich, konnte ich meine
Ethnografie, Teilhabe und Methodik
Aylin Yildirim TschoepeDesignperspektiven nochmal erweitern, wie ich in dem Raum anwesend bin, wie ich auch sozusagen mit teilnehmen kann, solange und wenn es mir die Gruppe okay ist, auch zurückfragen lasse. Weil oft kommen eben auch Gegenfragen, das ist für mich sehr aufschlussreich. Aber ich will nicht nur befragen. Darum geht es nicht. Ich will nicht was über Communities oder Leute machen, sondern ich denke, es ist ganz wichtig, mit Menschen zusammenzuarbeiten. Das meinte ich auch mit den Stimmen aus dem Feld oder aus der Feldforschung, die sind unheimlich wichtig, das sind die, die sich eigentlich auskennen. Und dann kommen unsere Expertisen zusammen. Und ich denke, das sind die neuen Möglichkeiten und diese Verbindungen, die ich sehr produktiv finde. Das ist jetzt auch nicht nur von mir, sondern diese partizipativen Vorgehensweisen sind zum Glück immer mehr und sehr umfassend im Design angewandt. Eine der Hürden, was dieses Partizipative angeht, ist einfach, ich habe eine recht lange Ausbildung in Ethnografie. Das andere ist die lange Zeit, die du eigentlich dann immer dir nimmst, um irgendwo zu sein, um auch Gespräche zu führen, um sich auf was einzulassen, ist gerade im Design manchmal nicht der Luxus, der eine Designproblematik hat. Ich habe dann auch schon so Begriffe gelesen wie Rapid Ethnography. Ja, schwierig. Also sicherlich besser als gar nicht, sowas wie bestimmte experimentell-ethnografische Methoden oder sowas mit reinzubringen. Ganz wichtig auch User Experience Design, das richtig gut zu machen. Das sind wichtige Themen, aber das ist natürlich auch so ein Kompromiss, der manchmal zu finden ist. Wie kannst du sozusagen dieses Langzeitliche aus so einer gesellschaftswissenschaftlichen Forschung vereinen mit der Schnelligkeit, die Design manchmal haben muss oder auferlegt wird, auch in Projekten und von ProjektpartnerInnen oder notwendig ist? Das ist so der Spagat oder die Verbindung, die jedes Mal neu ausgehandelt wird. Das ist spannend.
Roger FurrerBraucht es Designanthropologie überhaupt oder macht sie Dinge komplexer, die wir längst verstanden haben?
Aylin Yildirim TschoepeIch glaube, genau die Komplexität ist der Punkt. Die Welt ist sehr komplex, nicht nur geworden, sondern war es in vielen Belangen auch schon immer. Gesundheit beispielsweise ist ein Thema, mit dem ich mich viel beschäftige. Das ist ein sehr komplexes
Braucht es Designanthropologie?
Aylin Yildirim TschoepeThema. Altern ist ein sehr komplexes Thema, weder in den Lebenswissenschaften noch anderweitig haben wir es vollumfänglich verstanden. Das ist immer noch ein Fragezeichen für uns als Menschen. Das sind Themen, die gehen in alle Bereiche des Lebens mit rein. Ja, und wenn wir jetzt so tun, als hätten wir alles längst verstanden, übersehen wir auch viele Punkte oder Stimmenlehrer, die betroffen sind. Und ich denke grundsätzlich finde ich, Komplexität bringt die spannende Herausforderung. Dinge nicht nur einseitig zu sehen und dann auch wirklich nur eine sehr einseitige Lösung oder partielle Lösung zu schaffen, sondern wirklich, und diese Lösung eben, wenn die die Komplexität umfasst, die bringe ich auch nicht alleine. Das kann nur kollaborativ oder eben transdisziplinär mit Wissen, was jetzt über Wissenschaftliches, Akademisches hinausgeht, aus diesen Alltagsexpertisen, da auch Leute mit reinzubringen, und zwar nicht nur als Befragte, sondern wirklich als Co-DesignerInnen. Ja, Designanthropologie macht Dinge vielleicht nicht einfacher, aber sie macht sie präziser und weil es einfach eine sehr präzise Methodik auch in sich hat, die Theorie ist sehr fundiert und es gibt eine ganz bestimmte Prozesse und Vorgehensweisen, auch herauszuarbeiten, wo die Problematik für Inklusivität oder Gerechtigkeit liegt. Und fragt wirklich, wessen Wissen zählt. Wer wird übersehen, wie können wir gemeinsam Lösungen entwickeln, die wirklich passen. Deswegen ist es wichtig, gerade wenn es um solche komplexen Dinge geht.
Was Felder voneinander lernen
Roger FurrerWas kann Design von der Anthropologie lernen und umgekehrt?
Aylin Yildirim TschoepeDesign von der Anthropologie lernen, nicht mit vorgefassten Lösungen in ein Feld zu gehen, sondern erstmal zuzuhören, zu beobachten, gelebte Erfahrungen von Menschen ernst zu nehmen und so zu verstehen, was ist der gelebte Alltag. Wiederum einen anderen Hut aufsetzen, als DesignerInnen sind wir darauf trainiert, Lösungen zu sehen. Das ist auch erstmal gut so. Aber manchmal müssen wir einen Schritt zurücktreten und fragen, was brauchen Menschen wirklich von uns? Was sind die Erwartungshaltungen, was sind die Wünsche und was sind die Geschichten von verschiedenen Personen. Und umgekehrt kann die Anthropologie vom Designlernen nicht nur zu analysieren und zu beschreiben, auch wenn es sehr kritisch, tief und fundiert sein muss, sondern eben auch zu gestalten, Prototypen zu entwickeln, neue Möglichkeiten zu entwerfen. Und Design bringt eben diese Handlungsorientierung mit und diesen Mut zum Experiment und zum Spekulativen. Das finde ich sozusagen in der Kombination sehr wichtig.
Projekt kweercare und Motivation
Maximilian GriegerRoger und ich, wir haben gemeinsam mit dem Professor Dr. Rauchfleisch, einem Psychotherapeuten hier aus Basel, den Verein k weercare gegründet, der sich im breiten Sinne mit dem Thema Fürsorge beschäftigt. Das wird auch von dir unterstützt, dieses Projekt, im Rahmen der Fachhochschule Nordwestschweiz. Was hat dich denn an diesem Projekt so überzeugt, dass du dich da gerne mit einbringen möchtest?
Aylin Yildirim TschoepeIch beschäftige mich ja schon seit einer Weile mit inklusivem Design. Das war mein Master of Science 2005 bis 2007 und danach habe ich viel in dem Bereich gearbeitet, besonders eben Gesundheitsarchitekturen. Da ist mir die Thematik einfach oft schon begegnet, weil es in der Zeit noch viel auf Mobilitätseinschränkungen, aber durchaus auch kognitive Einschränkungen fokussiert war. In dem Studium habe ich mich aber auch besonders mit Intersektionalität, wurde damals noch nicht so genannt oder verhandelt, beschäftigt, hatte die Arbeit in der Türkei in einer postmigrantischen Siedlung gemacht, in einer Stadt, die wirklich gestaltet ist für The Young and Able Bodied. Ich würde es mal so sagen. Es ist eine wunderbare Stadt, natürlich gibt es immer irgendwie kreative Lösungen. Aber es würde sagen, schwieriger für ältere Personen, schwieriger für Mobilitätseingeschränkte, schwieriger für Kinder. Ich würde sagen, auch etwas weniger inklusiv für queere Personen an bestimmten Räumen oder zunehmend schwieriger während der Feldforschung Richtung 2016 auch, sich in bestimmten Räumen aufzuhalten. Ich habe mich ja hier, oder seit ich die Stelle hier angetreten habe, bin ich auch wieder auf dieses Thema zurückgekommen, was sozusagen Intersektionalität, Intergenerationalität und Gesundheit angeht. Und diese Problematik, auf der einen Seite diese geografischen Unterschiede, Ethnizität und kulturelle Erfahrung, zum Beispiel durch postmigrantische Erfahrung, ist ein Thema, was nicht so sehr verhandelt wird, wenn es um gesundheitliche Lösungen geht oder bestimmte
Altern, Gesundheit und Sichtbarkeit
Aylin Yildirim TschoepeForschungsprojekte. Abwesend fand ich eben auch die Verhandlung von LGBTQI+. Was ist sozusagen die Erfahrung beim älterwerden? Ich meine, wir müssten noch nicht mal so weit gehen, weil es ist noch nicht mal genug über, inwiefern ist die Erfahrung vom weiblichen Körper, der älter wird. Anders als jetzt was, was ich altern, generisch zu sehen. Also selbst jetzt, es herrscht noch einiges Unwissen über sozusagen Postmenopause. Aber wie gesagt, diese Thematik, die für euch sehr stark und zentral ist, das ist einfach was, was ich unheimlich relevant finde, weil das ist überhaupt nicht mitgedacht. Was passiert jetzt auch mit einer Generation, die jetzt nochmal viel stärker das durchaus auch kommuniziert, sichtbarer geworden ist, für die aber keine Strukturen da sind, die sozusagen diesen Communities Räume ermöglichen, Pflege ermöglichen. Und wie gesagt, ich habe deswegen nicht nur queer gesagt, sondern LGBTQI+, weil wir sprechen durchaus oder die Frage ist ja durchaus auch mit einem Transkörper, was passiert dort, was geht es da um Pflege? Aber wir können natürlich auch schon bei ganz wichtigen dringlichen Themen wie queere Pflege bleiben, also wie wir Personal geschult. Und als ihr mir das vorgestellt habt, habe ich gedacht, das ist ein unheimlich wahnsinnig guter Ansatz. Ja, und sehr, sehr zeitgemäss, also sehr überfällig. Aber vielleicht für unsere Generation jetzt genau die Zeit, also wir haben auch in der Forschung immer geschaut auf zwei Fokusgruppen, das ist 65 plus und das ist 45 plus. Weil jetzt ist eigentlich so die Zeit, wo sich die meisten Leute mit beschäftigen. Wo geht es denn für mich hin? Also ich fand jetzt auch, sowas bei unserem grösseren Forschungsantrag auch, wir haben eben geschaut, auf welche Zeitspanne oder wie langzeitlich wollen wir planen? Und wir müssen jetzt eigentlich für 45 plus schauen, wenn wir gucken wollen, was für Lösungen möchten wir fürs Alter haben in Zukunft. In verschiedenen Ländern, schon während der Studienzeit, jetzt nicht bewusst als Teil der Gesundheitsforschung, sind mir queere Personen begegnet, die jetzt nicht nur im Alter Care gebraucht haben. Und damit meine ich jetzt auch wirklich eine sorgetragende Gemeinschaft oder Gesellschaft um sie herum. Und ich denke, das sind Themen, die sind nicht ganz so unähnlich wie die Frage, wie möchte ich einfach im Alter, dass sich um mich gekümmert wird, wie
Schulung von Pflege als Hebel
Aylin Yildirim Tschoepemuss ich nicht wieder Aushandlungen führen, die ich als junger Mensch schon ständig führen musste.
Maximilian GriegerAlso man möchte nicht nochmal in einer weiteren Lebensabschnittsphase mit einem Outing konfrontiert sein.
Aylin Yildirim TschoepeUnd vor allem bei Leuten, die einen pflegen und Mensch ist angewiesen und ist nochmal vulnerabler. Ich denke, das ist der grosse und wichtige Punkt. Und ich finde kweercare auch deswegen sehr wichtig. Weil es bei der Frage zur Pflege, da sind wir wieder bei der Thematik, wenn es inklusiver wird für eine Queer-Community, wird es inklusiver für alle. Wenn du ein Personal schulst, was auf bestimmte Bedürfnisse oder Befindlichkeiten von Menschen geht.
Maximilian GriegerGeht es über diese Community hinaus?
Aylin Yildirim TschoepeGenau. Haben alle was davon. Also es geht jetzt nicht darum, dass es nur für eine bestimmte Community Benefits gibt. Sondern eigentlich ist es ein Ansatz, der sich, wie ich annehme, positiv nicht nur auf weitere, als Pilot auf weitere Kontexte auswirken könnte, die auch um queeren oder LGBTQI+ Kontext sind? Es sollte eigentlich ein kollektiver Reflex sein, dass wir Sorge tragbar werden.
Digitale Memoirs und Timelayers
Maximilian GriegerDas heisst, du beschäftigst dich viel mit Identität und Lebensräumen und natürlich auch mit den persönlichen Lebensgeschichten, um was es auch Roger und mir geht, mit der Organisation kweercare. Gibt es denn heute digitale Wege, Geschichten festzuhalten von Menschen, digitalen Memoiretools, die Geschichten dokumentieren können?
Aylin Yildirim TschoepeEs gibt solche Tools oder es gibt zumindest auch schon länger solche Projekte und Forschung, die sich damit beschäftigt, Erinnerungen, Geschichten weiterzugeben oder auch durchaus wieder in den Raum einzuschreiben, die unsichtbaren Geschichten von vielleicht nicht dominanten Gruppen oder marginalisierten Gruppen, die eben noch zu erzählen sind, auch durchaus Geschichten von Vertreibung, um trotzdem sozusagen diese Spuren zu hinterlassen. Das sind Projekte, die habe ich schon länger gemacht. Ein Forschungsprojekt von mir ist beispielsweise Timelayers, was in den frühen 2010ern habe ich damit begonnen. Es kam viel aus der ethnografischen Forschung, weil ich da so viel Material gesammelt habe von aus verschiedenen Gründen vertriebenen Personen, die mir ihre Geschichten von den Orten erzählt haben. Aber die Orte selbst erzählen erstmal nicht von deren Geschichten. Es ging natürlich auch darum, die zu vertreiben, um das Ganze zu überschreiben, durchaus auch gewisse Architekturen abzureissen, die vorher Orte für bestimmte Communities waren. Und aus einer produktiven Frustration heraus ist dieses Timelayers entstanden. Dazu habe ich mit einem Kollegen Mexico City eine Demo-Version gemacht für ein paar ethnografische Momente. Das war in Boston, in Istanbul und in Mexico City, die wir aufgenommen haben. Das habe ich auch zum Beispiel als Zeitzeug in ein Projekt beim Westendmuseum, das waren auch Vertriebene, Migrant:innen aus einer bestimmten Community. Das haben wir jetzt hier im Wettstein gemacht, nicht weil sie jetzt vertrieben waren, sondern einfach auch um Geschichten festzuhalten, also so eine Art von Erinnerungskultur für das Quartier. Und was ich eben noch spannend fände, weil es geht mir ganz besonders eben um Geschichten, die im Stadtraum unsichtbar sind und noch erzählt werden müssen oder unbedingt erzählt werden müssen, wäre diese App auch vorstellbar, sozusagen speziell jetzt für queere Communities. Das weiss ich deren Erfahrung, weil ich den Eindruck habe, dieses Weitergeben von Erfahrung oder auch Weisheit ist generell immer wertvoll und wichtig. Aber ich fände es einfach auch spannend, von der Community, die jetzt zum Beispiel was weiß ich, 65 Plus ist, zu erfahren, wie ging es denen denn, wie sind die bestimmte Momente navigiert? Aber eben auch zu schauen, wie kann das denn zu einem offeneren Dialog und Sichtbarkeit beitragen, solche Geschichten zu haben.
Lebenswerk AI und Erinnerungskultur
Maximilian GriegerSiehst du in neuen Formen der Biografiearbeit, wie etwa digitalen Memoiretools, einen gesellschaftlichen Trend, der uns helfen kann, Lebensgeschichten sichtbarer und vielleicht sogar heilender zu machen?
Aylin Yildirim TschoepeDas ist eine sehr wichtige Frage. Sicherlich hat die ihre Tradition in vorhergehenden Arbeiten zur Erinnerungsarbeit, wenn ich jetzt an derzeitige Möglichkeiten von Biografiearbeit denke, fällt mir zuerst die Arbeit vom Kollegen Tobias Gantner ein, bei den Healthcare Futurists. Es nennt sich Lebenswerk AI. Das finde ich eine spannende Methode, relativ niederschwellig die eigene Biografie einzugeben. Ich sehe da auch Potenzial drin in der Weiterentwicklung solcher Möglichkeiten, beispielsweise unsichtbare Geschichten einzugeben, auch die Intergenerationalität nochmal als Thematik mit reinzubringen, indem über Generationen auch diese Sorgetragenen Geschichten weitergegeben werden. Also unter anderem eben auch beispielsweise für kweeercare interessant. Erlebnisse, Erkenntnisse, Einsichten, Weisheit der Generation, die sowas schon erlebt hat, weiterzugeben und schauen zu können, was für Parallelen hat es, was für Geschichten wurden eben noch nicht geschrieben von bestimmten Communities und die aus diesen Communities direkt auch kommen und beigetragen werden.
Vermächtnis: Sorgetragen und Kollaboration
Maximilian GriegerWenn du auf dein bisheriges Leben, deine Forschung und deine Lehrpraxis blickst, was möchtest du gerne hinterlassen, Aylin? Sei es in der Wissenschaft, in der Gestaltung von Räumen oder in den Menschen, mit denen du arbeitest. Welches Vermächtnis ist dir wichtig?
Aylin Yildirim TschoepeDas ist eine grosse Frage. Ich denke wirklich, diese Freude und den Mut zur Transformation und das Miteinander. Jetzt auch gar nicht als romantische Vision, vielleicht durchaus ein bisschen idealistisch. Aber vielleicht auch wirklich als, was ein Kollege von mir mal in einem anderen Kontext als kollektiven Reflex bezeichnet hat. Also ich glaube, wir brauchen das einfach für eine Zukunft. Also ich würde gerne sowas, so eine Legacy irgendwann mal, wer weiss, die verändert sich auch noch, fragt mich in 20 Jahren nochmal. Aber vielleicht sowas, was mir wichtig ist, dass ich gezeigt habe, dass es, dass andere Formen von Wissenschaft möglich sind, die jetzt wirklich nicht nur im Elfenbeinturm stattfindet, sondern wirklich sehr kollaborativ, inklusiv ist, aber vor allem eben dieses Inklusive als Worthülse, sondern als was Gelebtes, als was Sorgetragendes. Also wir schreiben jetzt nicht nur darüber über Sorgetragen, sondern wir sind wirklich committed, auch als Wissenschaftler:innen und als andere Expert:innen das zusammenzumachen. Also wirklich auch hoffe ich, dass ich Zurückblick und Räume geschaffen habe und jetzt nicht nur architektonische, sondern wirklich auch im metaphorischen Sinn, in denen Menschen gehört werden und in denen, die wirklich Vielfalt leben können. Ich denke, das wäre mir wichtig in den verschiedenen Dimensionen, in denen ich mich mit meiner Arbeit bisher beschäftigt habe. Ich denke, das werden die sein, in denen ich auch weiter navigiere
Ausklang und Kontaktinfos
Maximilian GriegerWunderbar, da wünschen wir dir viel Erfolg bei der weiteren Navigation. Aylin, vielen Dank für das Gespräch. Merci vielmal.
Aylin Yildirim TschoepeJa, danke, Maximilian und danke Roger. Ich freue mich auch, dass wir auch weiterhin zusammenarbeiten und auf so einen inspirierenden Austausch, wie wir bisher immer hatten.
Roger FurrerDankeschön, Aylin.
Maximilian GriegerDarauf freuen wir uns auch gerade besonders in der Zusammenarbeit bei unserem Projekt kweercare. Wenn ihr mehr über die Arbeit von Aylin Yildirim Tschoepe erfahren möchtet, findet ihr weitere Informationen auf der Webseite der Hochschule für Gestaltung und Kunst FHNW Basel unter www.fhnw.ch. Wenn ihr weitere Informationen über die Organisation kweercare haben möchtet, findet ihr diese unter k weer mit KWEER und dann c are.ch. Besten Dank. Bis zum nächsten Mal.