Studio-Lookout-Salon: Der Podcast für Architektur, Design, Kunst und Soziokultur
Der Studio-Lookout-Salon ist ein interdisziplinärer Podcast aus der Schweiz, der inspirierende Gespräche mit Persönlichkeiten aus Architektur, Design, Kunst und soziokulturellem Wandel in den Mittelpunkt stellt. Jede Episode beleuchtet, wie kreative Köpfe ihre Haltung, Arbeitsweise und Wirkung in einer dynamischen Welt sichtbar machen.
Die Gespräche finden überwiegend im Studio Lookout Haus im Baselbieter Tafeljura statt – einem Ort, der durch seine offene Atmosphäre und den Blick in die Weite, Raum für respektvollen Austausch schafft. Die Hosts Maximilian Grieger und Roger Furrer empfangen hier Vordenker:innen, Künstler:innen, Architekt:innen und Unternehmer:innen, um Themen zu beleuchten, die unsere Gesellschaft nachhaltig prägen.
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Studio Lookout Salon: A Podcast Exploring Architecture, Design, Art & Sociocultural Perspectives
The Studio Lookout Salon is an interdisciplinary podcast from Switzerland featuring inspiring conversations with leading voices from the fields of architecture, design, art, and social transformation. Each episode explores how creative minds shape and communicate their values, practices, and impact in an ever-evolving world.
The conversations mostly take place at the Studio Lookout House, located in the Baselbieter Tafeljura – a space known for its open atmosphere and far-reaching views that invite meaningful dialogue. Hosted by Maximilian Grieger and Roger Furrer, the podcast brings together thought leaders, artists, architects, and entrepreneurs to explore topics that are shaping society in profound and lasting ways.
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Studio-Lookout-Salon: Der Podcast für Architektur, Design, Kunst und Soziokultur
kweercare soirée #1 | Rassismus trifft Queerness – Stimmen aus gelebten Realitäten
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Was passiert, wenn Rassismus und Queerfeindlichkeit nicht zwei getrennte Erfahrungen sind, sondern eine einzige, untrennbare? Dieser Frage geht die erste kweercare soirée nach – eine Podiumsdiskussion mit Listening Session, aufgenommen am 10. März 2026 in der Kaserne Basel, als Pre-Event der Aktionswoche gegen Rassismus.
Vier Stimmen aus gelebten Realitäten:
• Ömer Atesci - Vorstand Pink Cross, Initiator Basel tickt bunt!
• Ziwei Huang aka Chabelle Angels - Kunsthistoriker:in, Ballroom Community Zürich
• Nina Novic - Finanzexpertin, Schauspielerin
• Prof. Dr. Udo Rauchfleisch - Psychotherapeut, Queeramnesty
Moderation: Maximilian Grieger und Roger Furrer, kweercare
Die Runde spricht über Intersektionalität im Alltag, über das Doppelt-Unsichtbar-Sein als queere Person of Color, über die Frage, wann Diskriminierung rassistisch ist, wann queerfeindlich – und wann beides zugleich. Sie sprechen über Ballroomkultur als Schutzraum, über geflüchtete queere Menschen in der Schweiz, über Arbeitswelten, in denen Trans* Identität und migrantische Biografie gemeinsam unsichtbar gemacht werden.
kweercare ist ein Basler Verein, der Care als gesellschaftliche Haltung begreift – in der Pflege, im Gesundheitswesen, in Architektur, Design und Kultur. Immer aus queerer Perspektive. Die kweercare soirée ist ein laufendes Veranstaltungsformat in Basel.
Nächste kweercare soirée: 28. April 2026 – «Care ist nicht neutral. Braucht es queere Pflegeangebote?»
Unterstützt vom Präsidialdepartement des Kantons Basel-Stadt.
Willkommen und warum das wichtig ist
Maximilian GriegerWillkommen zur Aufnahme der ersten kweercare soirée. Rassismus trifft Queerness, Stimmen aus gelebten Realitäten. Mein Name ist Maximilian Grieger und ich bin Gründungspräsident der Organisation kweercare. Der Podiumsabend fand am 10. März 2026 in der Kaserne Basel statt, als Teil der Basler Aktionswoche gegen Rassismus. Wir haben ihn aufgenommen, weil das, was an dem Abend gesagt wurde, über diesen Abend hinaus gehört werden sollte. Die kweercare soirée ist ein Format, das wir als laufende Reihe in Basel veranstalten, als Raum für Gespräche, die wir in der Gesellschaft brauchen. Über Care, über Identität, über das, was wir füreinander tragen. Wir freuen uns, diese Aufnahme über den Studio Lookout Salon Podcast zugänglich zu machen. Und jetzt hört rein! Wunderbar, seid ihr alle so zahlreich erschienen. Woke is over. Ich sag es noch einmal auf Schweizerdeutsch "Woke isch over". Hat uns die Tage jemand auf unserem Instagram-Kanal als Kommentar hinterlassen zu dieser Veranstaltung. Ich musste da etwas in mich gehen, denn Roger und ich waren am letzten Freitag gemeinsam an der Vernissage im Kunstmuseum Basel, 'The First Homosexuals'. Und hier hat man gemerkt, dass woke nicht over ist. Die Veranstaltung war gerappelt voll und man ist kaum mehr durchgekommen. Wir haben es nicht geschafft, in die Ausstellung zu gehen. Wir müssen es noch separat machen. Wir haben es nur zum Apéro geschafft. Deshalb auch heute, super, dass ihr so zahlreich erschienen seid. Merci vielmal. Daran merkt man, woke is nicht over. Und herzlich willkommen zur ersten kweercare soirée hier im Rossstall 2 der Kaserne Basel.
Maximilian GriegerMein Name ist Maximilian Grieger und ich bin der Präsident des Vereins kweercare, den wir gemeinsam einmal mit Roger und mit Udo Rauchfleisch, der dort hinten steht, zu Beginn des Jahres gegründet haben, ins Leben gerufen haben. Wir sind ein Basler Verein und kümmern uns um queere Menschen in jedem Alter. Uns treibt die Frage an, wie kann Fürsorge, ob in der Pflege, im Gesundheitswesen, in der Architektur, im Design, in der Kultur zugänglich sein, wirklich zugänglich und wirkungsvoll. Und dies immer aus queerer Perspektive. Und dafür bringen wir Menschen zusammen, fördern den Austausch und schaffen mit unseren kweercare soirées, nämlich heute Abend, einen Raum für genau diese Gespräche. Unterstützt werden wir hierbei vom Präsidialdepartement, nämlich der Abteilung Fachstelle für Gleichstellung und Diversität, der Fachstelle für LGBTIQ-Fragen. Und darüber hinaus sind wir gut vernetzt, nämlich möchten wir unter anderem danken unseren Kooperationspartnern. Das ist queer key von queer Altern in Bern, die sich mit dem Thema Fragestellungen im Bereich stationäre Pflege beschäftigen und queere Menschen. Darüber hinaus und zwar mit dem Swiss Center for Design and Health als Forschungspartner in Nidau, alles was das Thema Design angeht. Und darüber hinaus die Fachhochschule Nordwestschweiz, nämlich die Hochschule für Gestaltung und Kunst. Und heute ist vertreten Professor Aylin Yildirim Tschoepe hier vor Ort. Und herzlichen Dank hierfür für die Unterstützung. Darüber hinaus haben wir auch einen Pflegepartner mit an Bord, das ist Belvita Schweiz AG. Und alles weitere hierzu werdet ihr erfahren bei unserer nächsten kweercare soirée am 28. April, nämlich der zweite Anlass, wo es ganz speziell um das Thema Pflege gehen wird.
Roger FurrerUnd ich möchte genau dort anknüpfen, was Maximilian erwähnt hat, bei der Vernissage von 'The First Homosexuals'. Denn was letzten Freitag dort passiert ist, ist für mich keine Randnotiz. Es ist ein Signal. Wenn Menschen an einem Freitagabend in Scharen in eine Ausstellung strömen welche sichtbar macht, was lange unsichtbar gemacht wurde, dann sagt das etwas, nicht über eine Szene, nicht über eine Community, sondern über eine Gesellschaft die neugierig ist, die sich erinnern will, die zuhören möchte. Und genau deshalb sind wir heute hier. Mein Name ist Roger Furrer. Ich bin Vizepräsident des Vereins kweercare. Meine Motivation, kweercare zu gründen und diese soirées ins Leben zu rufen, kommt aus einem langen persönlichen Weg innerhalb der queeren Community. Mit 20 Jahren hat mich dieser Weg nach Paris geführt, mitten in die dunkelste Zeit der AIDS-Pandemie. Zu ACT UP. Zu meinem ersten die-in vor dem Centre Pompidou, einer Aktion die Wut und Trauer zugleich war, Protest und Gedenken für alle jene die wir verloren hatten . Mitte der 90er Jahre habe ich ACT UP nach Zürich gebracht. Gemeinsam haben wir den Welt-AIDS-Tag mitgestaltet, mit einer berührenden Live-Interpretation von Streets of Philadelphia. In meiner Ansprache damals habe ich von einem Traum gesprochen, davon, dass die Sterne am Himmel uns immer daran erinnern, wer vor uns da war und wer nach uns kommen wird. Meine Zeit in Zürich als Drag Queen Violetta hat meinen Blick auf körperliche Identität nachhaltig geprägt. Es war eine grossartige Zeit. Möglich gemacht durch ein unsichtbares Netz von Menschen, die Safe Spaces betrieben haben. Orte, an denen wir uns in all unseren schillerndsten Facetten ausleben konnten. kweercare soll ein Safe Space sein. Das beginnt bereits beim Namen, das KW statt QU. Es ist ein Augenzwinkern und kein Zufall. Für unsere Community sofort erkennbar, ohne dass es erklärt oder zur Schau gestellt werden muss. Queer steckt im Namen, aber leise. Care ist nicht neutral. Sie ist immer geprägt von der Gesellschaft, in der sie stattfindet. Wir verstehen Care im Sinne von Fisher und Tronto, die schon in den 90er Jahren ein Modell entwickelt haben, das Care nicht als Dienstleistung begreift, sondern als eine grundlegende Haltung unseres Daseins. Als etwas, das uns alle betrifft. Von Geburt bis zum Tod.
Maximilian GriegerRoger, vielen Dank. Heute sind wir hier als Pre-Event von der Aktionswoche gegen Rassismus, die nächste Woche am Montag, am 16. März, startet, mit unserer ersten kweercare soirée mit dem Titel 'Rassismus trifft Queerness'. Lassen wir Stimmen aus gelebten Realitäten zu Wort kommen. Auch an dieser Stelle möchte ich der Abteilung für Gleichstellung und Diversität, nämlich der Fachstelle Integration und Antirassismus, danken, die uns nämlich heute unterstützen finanziell für diese Veranstaltung. Unsere soirées werden immer in Zusammenarbeit mit der Zischbar stattfinden, also immer an einem Dienstag. Und an dieser Stelle möchte ich mich auch ganz herzlich beim Lukas Tobler bedanken, der das wunderbar organisiert hat und an der Technik Robin und dem ganzen Team der Kaserne, die diesen Abend möglich machen. Unsere soirées werden immer in Zusammenhang mit einer Listening-Session stattfinden. Das heisst, wir möchten gerne, dass es danach ein Get Together gibt und die Leute nicht einfach nach Hause gehen. Und heute werden wir Deven Laveaux aus der Ballroom-Szene in Zürich da haben, der diesen Abend für uns musisch untermalen wird. Und wir freuen uns später schon drauf. Ich hatte schon vorhin den 28.04. angesprochen, ihr habt auf euren Plätzen und zwar eine kleine Werbung für die nächste Veranstaltung, nämlich zum Thema 'Care ist nicht neutral. Braucht es queere Pflegeangebote?'. Und das werden wir beim nächsten Mal besprechen. Dann wird die Kaserne Basel Umbauarbeiten haben, sodass wir unsere Termine, nämlich für drei weitere kweercare soirées, nach der Sommerpause aktuell noch nicht wissen. Bitte schaut regelmässig auf unsere Webseite und dort werdet ihr erfahren, wann wir nach der Sommerpause die weiteren drei gestalten werden.
Roger FurrerWir treffen uns heute physisch, was uns sehr wichtig ist. Wir haben eine Mentimeter-Umfrage heute Abend zusammengestellt mit der Fachhochschule Nordwestschweiz. Aylin Yildirim Tschoepe, die hier ist, wird auch übersetzen übrigens für Ziwei.
Maximilian GriegerKurz zum Abend. Wir starten gleich mit der Podiumsdiskussion. Die Podiumsdiskussion wird von QueerUp-Radio aufgezeichnet. Hier ein grosses Dankeschön an den Alex Meier, der hier in der ersten Reihe mit sitzt. Und darüber hinaus haben wir heute einen Fotografen mit dabei, nämlich den Nico Aebischer. Jetzt möchte ich das Wort ganz Roger übergeben, der die Podiumsdiskussion inhaltlich leiten wird, und wünsche euch einen tollen Abend mit uns. Merci vielmals.
Roger FurrerIn diesem Geist übergebe ich das Wort an unsere Gäste heute Abend.
Roger FurrerIch begrüsse herzlich Professor Dr. Udo Rauchfleisch. Geboren und aufgewachsen ist Udo in Deutschland und seit Anfang der 1970er Jahre in Basel zu Hause. Er ist Psychotherapeut, Author und Vorstandsmitglied von kweercare. Udo begleitet seit Jahren geflüchtete queere Menschen in der Schweiz im Rahmen von Queeramnesty. Er kennt es aus nächster Nähe was es bedeutet wenn Rassismus und Queerness nicht zwei getrennte Erfahrungen sind, sondern einzige untrennbare. Willkommen Udo.
Roger FurrerAls nächstes bitte ich Ziwei Huang auf die Bühne. Ziwei, geboren und aufgewachsen in China - Ziwei auch bekannt als Chabelle Angels ist Kunsthistoriker:in und ein lebendiger Teil der Schweizer Ballroomszene. Ballroomkultur ist keine Erfindung des Mainstreams. Sie wurde von Black und Latino queeren Menschen geschaffen als Schutzraum, als Widerstand, als Kunst. Ziwei trägt diese Geschichte und ihre Gegenwart heute Abend in den Raum. Willkommen Ziwei.
Roger FurrerHerzlich willkommen Nina Novic. Nina mit bosnischem Familienhintergrund und aufgewachsen in Schlieren bei Zürich. Sie ist Finanzexpertin, ausgebildete Schauspielerin und Trans* Frau. Nina navigiert täglich in Welten, in denen für trans* Menschen oft kein Platz vorgesehen ist. Ihre Präsenz auf der Bühne, im Bankwesen, hier ist selbst eine Aussage - über Sichtbarkeit, über das Recht in allen Räumen zu existieren. Willkommen Nina.
Roger FurrerUnd schliesslich wir freuen uns sehr, Ömer Atesci bei uns zu haben. Ömer hat kurdische Wurzeln ist in Basel aufgewachsen, ab zehn. Er ist Vorstandsmitglied von Pink Cross und Initiator von 'Basel tickt bunt!'. Ömer weiss dass queere Community-Arbeit dann stark wird wenn sie Migrationsrealitäten nicht als Randthema behandelt, sondern als Teil ihres Kern. Willkommen Ömer.
Roger FurrerWir möchten gleich einsteigen, und der Abend gestaltet sich so dass jede, jeder unserer Panel-Teilnehmer:innen jetzt fünf Minuten maximal Zeit hat, um sich persönlich vorzustellen. Und so übergebe ich das Wort an Udo.
Prof. Dr. Udo RauchfleischSchönen Dank für die Einladung. Je älter ich werde, umso mehr gibt es zu berichten – aber in den fünf Minuten, die mir zur Verfügung stehen, versuche ich, das Wesentliche zusammenzufassen.
Prof. Dr. Udo RauchfleischIch bin seit 1970 in Basel. Dreissig Jahre habe ich an der psychiatrischen Poliklinik gearbeitet, danach dreissig Jahre an der Universität als Vertreter der klinischen Psychologie. Und sowohl in der Forschung als auch in der praktischen Arbeit waren queere Themen anfangs schlicht kein Thema. Als wir in den 70er- und 80er-Jahren von der HABS - Homosexuelle Arbeitsgruppen Basel - gefragt wurden, wie viele Lesben und Schwule wir als Patient:innen in der Poliklinik haben – Bisexuelle wurden damals noch nicht einmal erwähnt –, schauten wir uns ratlos an und sagten: Keine Ahnung. Haben wir nicht. Es mag sein, dass viele öffentliche Institutionen wie unsere gemieden haben. Aber ich denke, wir hatten schlicht keinen Blick dafür, dass es queere Personen geben könnte.Was mich seit 1970 begleitet – und in den letzten zehn, zwanzig Jahren zunehmend –, sind transidente Personen. Seit 1970 haben wir transidente Menschen beraten, Gutachten für hormonelle Behandlungen erstellt und so weiter.
Prof. Dr. Udo RauchfleischIch bin Mitglied bei queerAltern und dort im Vorstand. Und ich denke, auch kweercare ist wichtig – weil es um Vernetzung geht, um Sichtbarkeit, und darum, dass wir die Bedürfnisse von uns als queeren Menschen wahrnehmen und in diese in die Öffentlichkeit tragen.
Prof. Dr. Udo RauchfleischAber ich möchte auch etwas sagen, das man nicht immer gerne hört: Wir müssen sehr darauf achten, welche Gräben es zum Teil in unseren eigenen Reihen gibt. «Community» und «Family» klingt schön – und das gibt es, wirklich. Aber es gibt auch rassistische und ausgrenzende Tendenzen zwischen den verschiedenen Gruppen. In der kommenden Woche wird Rolf Stürm ein Podium zum Thema «Antisemitismus in queeren Räumen» durchführen – das ist nur ein Beispiel. Oder der kalte Wind, der trans* Personen im Moment entgegenweht – in der Gesellschaft, aber auch in unseren eigenen Kreisen. Das ist für mich ein wesentlicher Grund, mich zu engagieren in diesem Bereich. Und deshalb ist mir auch die Mitarbeit hier wichtig.
Roger FurrerVielen Dank, Udo. I would like to give the word to Ziwei.
Ziwei HuangHello everyone. My German is not perfect – a bit wishy-washy – so I'll mostly speak about my experience in English tonight. I grew up in China and immigrated twice: first to Canada, where I lived for five years, and then in 2021 – at the tail end of the pandemic – I moved to Zurich to study history.
Prof. Dr. Aylin Yildirim TschoepeZiweis Deutsch ist nicht perfekt, deshalb spricht er auf Englisch. Er ist in China aufgewachsen und zweimal immigriert – zuerst nach Kanada, dann 2021 nach Zürich, wo er Kunstgeschichte studiert hat.
Ziwei HuangSince then, I've also been working in nightlife, and I've become part of the Ballroom Community. For those who don't know: the Ballroom Community originated in Harlem, New York – it's a community space to celebrate gender and celebrate each other. I've been part of this community for a while now, and for about two years I've been organizing community dance sessions and open deck DJ sessions, providing space – safe spaces – especially for BIPOC youth in Zurich to meet, connect, and develop their skills further.
Prof. Dr. Aylin Yildirim TschoepeZiwei ist in Zürich im Nachtleben aktiv, vor allem in der Ballroom Community – ein Begriff, der aus der latinx Culture in Harlem stammt. Seit zwei Jahren organisiert er Events besonders für BIPOC (BlackIndiginessPersonOfColor)-Jugendliche: Tanzabende und DJ-Sessions als Safe Space, in dem Gender als soziales Geschlecht gelebt und performt werden kann.
Ziwei HuangFor me, queerness and care intersect like this: music and dance are cultural activities, yes – but they're also spaces where people can gather. For me, music and dance is medicine. With so much stress in the world, and especially for queer BIPOC people who face discrimination on a daily and institutional level, these spaces offer something essential: a place to come together, to express yourself, to heal. That's how I understand what I'm doing – and that's how I understand the intersection of queerness and care.
Prof. Dr. Aylin Yildirim TschoepeMusik und Tanz sind für Ziwei heilende kulturelle Praxen – Medizin. Gerade für queere BIPOC-Personen, die täglich und institutionell Diskriminierung erleben, bieten diese Räume etwas Wesentliches: Zusammenkommen, Ausdruck, Heilung.
Ziwei HuangThat's all I wanted to say. Thank you for having me here.
Roger FurrerJetzt habe ich kein Mikrofon, aber ich möchte das Wort gerne übergeben an Nina.
Nina NovicHallo zusammen, mein Name ist Nina. Ich bin, wie bereits erwähnt, in Schlieren aufgewachsen. Als ich die Einladung bekommen habe, habe ich zuerst gedacht: Bin ich wirklich die richtige Person, um hier teilzunehmen? Aber dann habe ich überlegt – und es stimmte: Einfach war es nicht immer. Schon das «ic» am Ende meines Nachnamens hat in gewissen Situationen Probleme verursacht.
Nina NovicDabei bin ich in Schlieren aufgewachsen, einer Gemeinde, in der wirklich alle Menschen aus allen möglichen Hintergründen lebten. Das Konzept «von wo bist du?» kannte ich schlicht nicht – es waren einfach Menschen. Das erste Mal, dass mir das wirklich aufgefallen ist, war während meiner Banklehre. Je nach Standort war mein Name ein Problem – oder eben nicht. In ländlicheren Filialen hat man mich manchmal gefragt, ob ich denn wirklich so perfekt Schweizerdeutsch rede. Im internationalen Markt dagegen war ich plötzlich die Super-Schweizerin, weil ich die Einzige war, die Schweizerdeutsch sprechen konnte und für die anderen übersetzen musste.
Nina NovicDamals noch als Junge kamen dazu auch Kommentare wie: «Was machst du abends – prügelst du dich am Bahnhof?» Das hat sich seit meiner Transition natürlich verändert. Es sind schlicht verschiedene Welten.
Nina NovicKürzlich war ich in Japan mit einem Freund. Wir haben uns vorgestellt, gesagt wir kommen aus der Schweiz. Ein Engländer hat mich später nochmals gefragt: «Aber wo bist du ursprünglich her?» Anscheinend habe ich kein schweizerisches Gesicht – oder jedenfalls nicht schweizerisch genug. Was ich daran spannend finde: In welchen Konstellationen solche Situationen auftauchen. Und wie unterschiedlich die Welten sind. Ich werde am Bahnhof kaum von der Polizei kontrolliert – meine Freundin mit indischen Wurzeln schon eher. Das finde ich bezeichnend. Soweit eine kurze Einführung zu meiner Person.
Ömer AtesciGuten Abend miteinander. Mein Name ist Ömer. Ich bin seit drei Jahren im Vorstand von Pink Cross – dem nationalen Dachverband für schwule und bisexuelle Männer in der Schweiz. Mein Schwerpunkt dort ist die Community-Arbeit, und ich leite momentan auch das queere Migrant:innen-Projekt von Pink Cross.
Ömer AtesciDaneben bin ich seit vier Jahren dabei bei Basel tickt bunt – einem kommerzfreien Queer-Festival in Basel, das vor einigen Jahren von einer kleinen Gruppe Freunde gegründet wurde und seither gewachsen ist. Wir werden unterstützt vom Kanton und von queeren Organisationen in der Region.
Ömer AtesciIch bin Kurde aus der Türkei und in Basel aufgewachsen – seit 32 Jahren lebe ich hier. Mein erster Moment als Queer-Aktivist war bei einer Veranstaltung, bei der ich plötzlich dachte: Okay. Bin ich das jetzt? Mache ich wirklich etwas? Diese Frage hat mich dann nicht mehr losgelassen.
Ömer AtesciMein erster konkreter Einsatz war bei der Kampagne 'Ehe für alle'. Ich bin zufällig auf die Website gestossen – und das Thema hat mich sofort gepackt, weil es in meiner Heimat diese Möglichkeit nicht gibt. Ich wollte mich persönlich einsetzen. Ich habe mich angemeldet, bin in die Sitzungen gegangen – und als das ursprünglich geplante Lokal nicht verfügbar war, habe ich einfach gesagt: Kommt zu mir nach Hause. Die erste 'Ehe-für-alle'-Sitzung in Basel hat also bei mir stattgefunden. Ich bin stolz, dass wir in Basel die Ehe für alle mit 74% angenommen haben.
Wenn Rassismus und Queerness sich kreuzen
Roger FurrerWunderbar, vielen Dank für eure kurzen Vorstellungen. Was bedeutet Rassismus trifft Queerness für euch persönlich? Gibt es einen Moment, der euch dazu gebracht hat, euch damit auseinanderzusetzen? Gewollt oder ungewollt?
Nina NovicMir kommt noch eine Situation in den Sinn, aus der Zeit als ich in London gelebt und dort die Schauspielschule gemacht habe. Ich habe mit jemandem gesprochen, ihm gesagt, dass ich trans bin – und nebenbei erwähnt, dass ich Wurzeln aus Bosnien habe. Für diese Person war es schlicht nicht vorstellbar, dass ich jemals in einer Bank gearbeitet habe. Diese Kombination – trans, Migrationshintergrund, Finanzbranche – passte einfach nicht in ihr Bild.
Nina NovicIch denke, das ist wichtig anzusprechen: Es ist nicht okay. Was mich an dieser Situation bis heute beschäftigt, ist, dass meine Qualifikation in diesem Moment schlicht nicht existierte. Für diese Person war es ein «What?» – und das sagt eigentlich alles.
Prof. Dr. Udo RauchfleischIch arbeite relativ viel mit Queeramnesty zusammen, und dort haben wir es permanent mit genau dieser Begegnung zu tun: auf der einen Seite Queerness, auf der anderen Seite Rassismus in verschiedensten Formen.
Prof. Dr. Udo RauchfleischEs geht konkret um queere Geflüchtete. Wir haben erst kürzlich mit einem jungen schwulen Mann gesprochen, einem Geflüchteten, der in einer Unterkunft lebt – zusammen mit Landsleuten. Er hat massive Angst. Manche wissen bereits, dass er schwul ist, und er wird deshalb angegriffen. Das ist also nicht nur Rassismus von der hiesigen Bevölkerung, sondern auch Ausgrenzung und Gewalt innerhalb der Gemeinschaft des eigenen Heimatlandes – und das mitten in seiner Wohnsituation.
Prof. Dr. Udo RauchfleischIch denke, wenn es um Queerness geht, sind wir permanent mit Rassismus, Ausgrenzung und Diskriminierung konfrontiert. In verschiedensten Konstellationen.
Ömer AtesciIch selbst habe das erst kürzlich am Arbeitsplatz erlebt. Früher konnte ich mich dort als queere Person gar nicht outen – aber jetzt, wo ich offen damit umgehe, kam von einer Kollegin die Frage: «Bist du krank?» Ich habe kurz innegehalten und gedacht: Warum krank? Dann habe ich sie direkt gefragt, warum sie das sagt. Die Antwort: Männer schlafen doch nicht mit Männern, und Frauen nicht mit Frauen. Und dann sagte sie zu mir: «Du gehörst in die Hölle. Du wirst bestraft.»
Ömer AtesciFür mich war das ein Moment, in dem ich gedacht habe: Wir sind im Jahr 2026 – und viele Menschen können mit diesen Themen immer noch nicht umgehen. Sie wissen schlicht nichts. Was mich dabei besonders beschäftigt hat: Es war ebenfalls eine Migrantin.
Ömer AtesciDas hat mich zurückgeworfen – zurück zu meinen Sechzehn Jahren, als ich das erste Mal in einem queeren Raum war. Diese Mischung aus Angst und Faszination, die ich damals gefühlt habe. Und wenn ich heute sehe, dass Menschen immer noch an diesem Punkt stehen – dann ist das für mich schlicht schmerzhaft.
Ziwei HuangSorry – my brain is already racing with everything that's been said. Let me try to frame this. Queerphobia or homophobia is discrimination based on someone's gender and sexual identity. Racism is discrimination based on race or ethnicity. But these identities often intersect.
Ziwei HuangFor me personally: I identify as a queer person, and I'm also visibly Chinese. Moving through Swiss society, I sometimes experience both forms of discrimination – and in some cases it's genuinely difficult to tell which one is operating. Is it my race? My gender identity? Often it's both at once.
Ziwei HuangIn professional settings and in nightlife, discrimination affects queer people and people of color in different ways – but also in overlapping ways. At events in Switzerland, for example, you can observe that people of color tend to be booked less, have fewer opportunities than their Swiss counterparts. The same applies to queer DJs and queer people in nightlife more broadly. Two distinct categories of identity – but they intersect. And where they do, we see queer people of color facing compounded exclusion: less access, fewer opportunities.
Ziwei HuangThat's why we need an intersectional understanding. There's no other way to see it clearly.
Prof. Dr. Aylin Yildirim TschoepeDas Problematische ist, dass diese Diskriminierungsformen oft intersektional zusammenfallen. Ziwei wird einerseits als chinesisch gelesen und erlebt Rassismus – andererseits erlebt er Diskriminierung aufgrund seiner Queerness. Und er ist sich selbst manchmal nicht sicher: Werde ich gerade wegen dem einen diskriminiert, oder wegen dem anderen? Oder potenzieren sich beide Achsen gegenseitig?
Prof. Dr. Aylin Yildirim TschoepeIn der Nightlife-Szene ist es ähnlich: People of Color werden weniger gebucht – und es ist oft unklar, ob das auf Rassismus zurückzuführen ist oder auf Queerfeindlichkeit, denn queeren DJs geht es vergleichbar. Wenn race, class und gender intersektional zusammenfallen, wird es zunehmend schwierig, einzelne Diskriminierungsformen sauber voneinander zu trennen.
Ziwei HuangI also want to add: this isn't limited to nightlife. This type of discrimination can happen in any sector of society.
SpeakerZiwei präzisiert: Das Beispiel aus dem Nachtleben war kein Einzelfall – intersektionale Diskriminierung kann in allen gesellschaftlichen Sektoren auftreten, im Arbeitsleben genauso wie anderswo.
Roger FurrerNina, ich möchte dich persönlich was fragen. Du hast den Kontakt zu deiner Familie unterbrochen. Das ist ein grosser Schritt. Wie hast du das erlebt? War das für dich auch eine Art von Selbstfürsorge?
Nina NovicJa, ich würde sagen, es war eine Form von Selbstfürsorge – auch wenn es eine sehr schwierige Zeit war.
Nina NovicIch habe seit meiner Kindheit immer dieses Gefühl gehabt, ein Mädchen zu sein. Das ist nie weggegangen, hat sich nie verändert. In einer konservativen Gesellschaft aufgewachsen, war es für mich natürlich schwierig, ich selbst zu sein. London war das erste Mal, dass ich in einer riesigen Stadt war und langsam, step by step, mein Coming-out hatte – zuerst gegenüber Freunden in London, dann gegenüber Freunden aus Zürich, die mich dort besucht haben.
Nina NovicMein Plan war, noch in London mit der Hormontherapie zu beginnen. Dann kam Covid und hat diesen Plan zerstört. Ich hatte keine Einnahmen, alle Bars waren geschlossen, und ich habe mich entschieden, zurück in die Schweiz zu kommen und mich wieder bei der Bank zu melden, wo ich vorher gearbeitet hatte. Das waren wirklich die schlimmsten Monate für mich – ich war mitten in diesem Prozess, hatte so viel geschafft, und dann kam dieser Rückschritt.
Nina NovicIrgendwann habe ich meine eigene Wohnung gefunden. Und eines Tages habe ich es meiner Familie gesagt. Ich hatte ein paar Freundinnen bei mir – die waren meine grosse Unterstützung, denn die Reaktion war schlimm. Es war nur via Telefon. Ich weiss nicht, irgendwie war ich so stark in diesem Moment, dass ich einfach gewusst habe: Ich kann jetzt nicht wieder zurück.
Nina NovicGerade bei trans Menschen ist es schwierig, sich zu verstecken. Man kann nicht zu Verwandten gehen und sagen, sag einfach nichts – es ist sichtbar. Nach all den Auseinandersetzungen habe ich ihnen gesagt: Ich will keinen Kontakt, ich brauche meine Ruhe. Zu Beginn hatte ich ein schlechtes Gewissen und dachte, es würde mir dadurch noch schlechter gehen. Aber es war für mich eine Befreiung. Die Last war so riesig, dass mir gar nicht bewusst war, wie schwer ich sie getragen hatte.
Nina NovicInzwischen bekomme ich ab und zu Nachrichten – aber es sind nie nette. Es sind Anschuldigungen: Ich zerstöre die Familie. Aber ich habe mir gesagt: Ich muss für mich sichtbar sein. Ich habe entdeckt, dass mich ein Cousin aus Bosnien auf Instagram gefunden hat und mir folgt. Zuerst kam wieder die Panik – gibt es jetzt Konsequenzen, Chaos, Anrufe? Und dann habe ich mir gesagt: Nein. Es ist mein Leben, meine Entscheidung. Ich habe das Recht, so zu sein, wie ich bin.
Nina NovicJetzt sind es ungefähr zwei Jahre ohne Kontakt. Mit meiner Mutter gibt es ab und zu etwas via WhatsApp – aber wirklich nichts Grosses. Ich bin trotzdem optimistisch, dass irgendwann der Tag kommt, an dem sich das Ganze legt. Es braucht halt Zeit.
Roger FurrerÖmer, du hast einen anderen Weg mit deiner Familie erlebt. Wie hast du deine Familie auf diesen Weg mitgenommen oder mitgenommen bekommen?
Ömer AtesciIch habe sehr früh gewusst, wer ich bin. Aber einfach war es nicht.
Ömer AtesciAls ich 14 war, hatte ich Sex mit jemandem – und die Polizei kam. Sie haben uns auf den Posten mitgenommen, meine Eltern wurden gerufen. Was danach passierte, als ich nach Hause kam: Mein Vater hat mich geschlagen. Dieser Abend war für mich eine Lebenskatastrophe. Ich hatte keinen Grund mehr weiterzumachen. Ich bin durch die Wohnungen gelaufen, in die Apotheken – und habe alles genommen, was ich finden konnte.
Ömer AtesciAm nächsten Tag war ich nicht mehr da. Ich lag drei Monate im künstlichen Koma. Die Überlebenschancen lagen laut meinen Eltern bei zehn Prozent.
Ömer AtesciAls ich aufgewacht bin, war ich irgendwie da – und irgendwie auch nicht. Für was ich da bin, habe ich auch nicht gewusst. Es folgte lange Therapie. Zur Schule wurde ich begleitet, jemand hat mich von zu Hause abgeholt und wieder zurückgebracht.
Ömer AtesciDanach musste ich mein Leben anpassen – an meine Eltern, an ihre Gesellschaft, an meine Familie. Der Kampf blieb. Ich habe alles versteckt, meine Identität, meine Freiheit. Alle um mich herum schienen glücklich – nur ich selbst war es nie.
Ömer AtesciMit etwa dreissig Jahren stand ich wieder an diesem Punkt. Entweder ich entscheide mich jetzt wirklich zu leben – oder nicht. Alle anderen waren glücklich in meiner Umgebung, aber ich versteckte mich vollständig. Ich musste einen Weg finden.
Ömer AtesciDas erste Mal, dass ich mir wirklich Hilfe geholt habe, war bei Checkpoint Basel. Ich habe dort meinen Test gemacht – und dann einfach geweint. Einer der Berater hat gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Ich habe gesagt: Ich bin hier, weil ich Hilfe brauche. Er hat mich weitervermittelt – zu jemandem, die mich wirklich aufgefangen hat. Ich habe ihr erzählt, wie ich mich fühle. Zum ersten Mal.
Ömer AtesciDanach habe ich mich an meine Halbschwester gewandt. Ich habe gesagt: Ich muss mit dir reden, ich brauche Hilfe. Und ihr gesagt: Ich bin schwul. Ihre Reaktion: «Ja – und? Ist das dein Problem?» Ich habe gesagt: Ja, das ist mein Problem. Weil ich das vor meinem Vater seit fünfzehn Jahren verberge. Du bist die einzige Person, der ich es sagen kann.
Ömer AtesciDas war der Moment, von dem aus ich wirklich angefangen habe, für mich einzustehen. Und von dort aus auch der Weg zum Queer-Aktivismus.
Roger FurrerAus euren Erfahrungen, wo erlebt ihr, dass Fürsorge in der Pflege, in der Kultur, im Finanzbereich für queere Menschen anders funktioniert oder ausbleibt?
Nina NovicIm Finanzwesen ist es immer noch sehr, sehr schwierig. Als ich gekündigt habe, habe ich wirklich lange einen neuen Job gesucht. Immer wieder kam dasselbe Thema auf: Meine alten Arbeitszeugnisse sind auf meinen früheren Namen ausgestellt. Und ich kann nicht in ein Gespräch kommen, ohne die Zeugnisse vorab zu schicken – das ist in der Schweiz Standard. Je nach Gespräch wurde das zum Thema. Einmal hiess es, als ich eine Pause erwähnte: «Aber Ihnen geht es jetzt doch besser.» Anderswo bekam ich den Kommentar, ich sähe «rundlicher aus als auf dem Foto» – was dann wiederum eine ganz andere Diskussion über Sexismus eröffnet hat.
Nina NovicIch glaube, es braucht noch sehr viel Zeit. Das Finanzwesen ist ein konservatives Umfeld. Ich habe viele Menschen kennengelernt, die sich am Arbeitsplatz nicht outen – die sagen, ich gehe mit einem Freund oder einer Freundin in die Ferien, obwohl es der Partner oder die Partnerin ist. Das fand ich krass: Menschen verstecken sich, weil sie Angst vor Konsequenzen für ihre Karriere haben. Das ist im Finanzwesen leider immer noch Realität.
Nina NovicAuf der Seite der Schauspielerei hat sich das Bild ebenfalls verändert – und ich sage das auch im Kontext von Trump. Als ich London verlassen habe, war dort noch wirklich alles offen: Wir wollen Diversität, wir wollen Menschen sehen, wie sie wirklich sind, auch in Filmen – weil wir Teil der Gesellschaft sind. Dann kam der Stimmungswechsel: Wir wollen nicht «woke» sein, das ist jetzt vorbei. Und man hat es sofort gespürt – plötzlich keine Casting-Anfragen mehr. Man merkt, wie schnell sich das ändern kann.
Prof. Dr. Udo RauchfleischIch denke, das Problem liegt vor allem darin, dass die Öffentlichkeit nicht richtig informiert ist. Ihr habt beide beschrieben, wie es irgendwann diesen Moment gibt, wo man sagt: Jetzt ist es mir egal, jetzt muss es raus – ich will mich nicht mehr verstecken, ich will nicht an mir selbst vorbeileben.
Prof. Dr. Udo RauchfleischIch habe vorhin von den 80er-Jahren erzählt, als man uns in der psychiatrischen Poliklinik fragte, wie viele Lesben und Schwule wir als Patient:innen haben – und wir ratlos waren. In der Schweiz gab es inzwischen drei grosse Umfragen in Alters- und Pflegeinstitutionen. Und da kam tatsächlich von einigen Institutionen auf die Frage, ob bei ihnen Menschen leben, die zur queeren Community gehören, folgende Antwort: «Das Problem hatten wir noch nicht.» Das Problem hatten wir noch nicht. Allein diese Formulierung spricht Bände. Das heisst: Wir nehmen diese Menschen gar nicht wahr.
Prof. Dr. Udo RauchfleischDeshalb ist es wichtig – für Vereine wie diesen, aber auch für jede einzelne Person –, an die Öffentlichkeit zu treten. Auch wenn es manchmal unangenehm werden kann. Den Mut zu haben zu sagen: Wir werden sichtbar.
Prof. Dr. Udo RauchfleischWobei ich eines noch anfügen möchte: Sichtbar werden bedeutet nicht automatisch Akzeptanz finden. Gerade wenn queere Menschen sichtbar werden und dann auch noch Rechte einfordern – Rechte, die ihnen längst zustehen –, kann es plötzlich sehr kalt werden. Trotzdem: Sichtbarkeit ist entscheidend. Dazu können wir alle beitragen – jede Person in ihrem Umfeld, aber auch als Organisation. Pink Cross LOS und andere leisten da bereits viel an Öffentlichkeitsarbeit. Das ist ein ganz wesentlicher Faktor.
Ömer AtesciIch sehe das auch in der Medizin – ich arbeite selbst in Pflegeheimen. Wenn jemand queer ist, wird das oft einfach übergangen: Ah, die Person ist mit ihrem Partner da – und weiter. Vor zwei Jahren hat am Bethesda Campus eine Veranstaltung stattgefunden, bei der auch Experten dabei waren. Dort wurden Statistiken präsentiert, die wirklich erschreckend sind: Über 60 Prozent der queeren Menschen erleben Diskriminierung beim Hausarzt. Es gab auch eine Diskussion über Transhormone – jemand geht zur Hausärztin und sagt, ich möchte meine Transition beginnen, und die Ärztin antwortet: Brauchst du das wirklich? Man entscheidet für mich, was für mich richtig ist.
Ömer AtesciUnd wie Nina gesagt hat: Das betrifft auch Migrant:innen in der Schweiz – Familien, Jugendliche, die sich nicht trauen. Sie haben Angst. Gesellschaftliche Angst. Man fragt sich: Wie weit sind wir wirklich mit diesen Themen? Muss man wirklich über das Geschlecht einer Person entscheiden? Muss man für jemanden bestimmen, was richtig und was falsch ist?
Ömer AtesciDas ist genau das politische Thema, das gerade Amerika bestimmt – und dessen Einfluss auf Europa spürbar ist. Queere Rechte werden zurückgenommen, Menschen haben Angst. Und wenn man dann mit jemandem spricht, heisst es: Ihr habt doch alles. Nein. Wir haben nicht alles. Wir werden als Menschen nicht akzeptiert – und ich rede noch nicht einmal von sexuellen Bedürfnissen. Die Gesellschaft orientiert sich an anderen Ländern, an anderen Strömungen.
Ömer AtesciDas sieht man auch konkret: Der Zürich Pride existiert seit dreissig Jahren. Jetzt ziehen sich Sponsoren zurück – weil das amerikanische Klima auch hier Wellen schlägt und Unternehmen kalte Füsse bekommen. Wir müssen uns alle fragen: Lassen wir zu, dass unsere Rechte zurückgenommen werden?
Ziwei HuangPerhaps I can speak to care within institutional contexts – that's my experience, studying art history at the University of Zurich.
Ziwei HuangGenerally, I feel there's a lack of consideration for queer and immigrant people within many institutions – not any one specific institution, but broadly. Especially in academia, topics like racism or queerness are often reduced to a theme, a field of research. They're studied and written about, but not concretely addressed, not really talked about, and certainly not supported in any meaningful way. A lot of institutions fail to give real support to immigrants and queer people when they actually need it.
Ziwei HuangWhere I do see care – real care – is in grassroots organizations and in personal connections. The people I've met through the Ballroom Community, for example, have always shown up for me: when I want to organize an event, when I'm working on something creative, they're there. That's where care actually lives – in these small pockets of community.
Ziwei HuangI'm always quite suspicious of large institutions. A lot of what I see there is performance. Not enough concrete action.
Prof. Dr. Aylin Yildirim TschoepeZiwei erlebt sorgetragende Communities vor allem in Graswurzel-Organisationen – also dort, wo Menschen wirklich nah beieinander sind und sich gegenseitig unterstützen. Die Ballroom Community ist dafür ein konkretes Beispiel: Sie bietet Raum, sich kreativ auszudrücken, weiterzuentwickeln und Dinge umzusetzen. Grossen akademischen Institutionen gegenüber bleibt Ziwei skeptisch. Was dort als Care verkauft wird, ist oft performativ. Was wirklich gelebt und aktiv umgesetzt wird, entsteht meistens in kleineren Organisationen, die sich konkret für queere Menschen einsetzen.
Roger FurrerUdo, in deiner Arbeit mit Queeramnesty begegnest du sehr unterschiedlichen Menschen und Schicksalen. Welche Begegnungen bleiben dir?
Prof. Dr. Udo RauchfleischEigentlich alle – denn es sind viele Ebenen des Leidens.
Prof. Dr. Udo RauchfleischZuerst die strukturelle Ausgrenzung: Das Asylverfahren zu durchlaufen ist ein schrecklicher Stress. Dann kommt die Diskriminierung durch Landsleute, die möglicherweise stark anti-homosexuell oder anti-trans eingestellt sind. Nichtbinäre Personen leiden oft besonders, weil ihnen schlicht nicht respektiert wird, dass sie bestimmte Pronomen ablehnen.
Prof. Dr. Udo RauchfleischUnd dann kommen die Erfahrungen, die diese Menschen bereits vor ihrer Ankunft gemacht haben. Viele haben im Heimatland Traumatisierungen erlebt – wegen ihres Queerseins. Auf der Flucht folgten oft weitere schlimme Erfahrungen. Gerade unbegleitete Jugendliche, die eine ganze Phase ihres Lebens durch die Flucht verloren haben – ausgenutzt, mit Gewalt konfrontiert, sexuell ausgebeutet – und die dann hier ankommen und sich zurechtfinden müssen.
Prof. Dr. Udo RauchfleischIch bin oft beeindruckt, wie schnell gerade jüngere Geflüchtete unsere Sprache lernen. Einige, die ich begleitet habe, haben nach drei, vier Jahren ein Niveau erreicht, das ich auf mindestens B2 schätzen würde. Das berührt.
Prof. Dr. Udo RauchfleischAber es gibt auch die langen, zermürbenden Wartezeiten. Ich begleite jemanden, dessen Asylgesuch abgelehnt wurde – und dann hiess es, es müsse nochmals geprüft werden. Und jemand anderen, der mit dem Roten Kreuz in Kontakt ist, 60 Jahre alt ist, seit 17 Jahren in Basel lebt – mit einem Flüchtlings-Ausweis. Und es gelingt nicht dass er eine B-Bewilligung bekommt. Und diese Unsicherheit, die nach 17 Jahren immer noch anhält – das ist wahnsinnig.
Roger FurrerZiwei, you have immigrated twice, first from China to Canada and then to Switzerland. Which of these steps was harder for you and why?
Ziwei HuangI completed my bachelor's degree in Canada and lived there for five years. I've been in Switzerland for four years now. The two countries are very different.
Ziwei HuangOne thing I keep thinking about: in Canada, there's a general understanding that we are all guests. It's a country built mostly of immigrants – it was a British and French colony, and society is now actively rethinking that colonial history. When I was there, even people of European descent understood that they too are guests of the land. Because of that, being an immigrant doesn't feel as difficult. The social fabric is made of people from everywhere, and there's a general sense of respect. I felt more respected there.
Ziwei HuangThere's also a large Asian and Chinese community specifically – so at least food-wise, I was well taken care of. In Switzerland, sometimes I have to go all the way to Milan to find really great, affordable Chinese food.
Prof. Dr. Aylin Yildirim TschoepeZiwei hat seinen Bachelor in Kanada abgeschlossen und lebte dort fünf Jahre. Seit vier Jahren ist er in der Schweiz. Der Unterschied ist gross: In Kanada gibt es ein allgemeines Verständnis davon, dass alle Gäste sind – das Land ist aus Einwanderung entstanden, und die Gesellschaft setzt sich aktiv mit ihrer Kolonialgeschichte auseinander. Das schafft eine soziale Grundhaltung des gegenseitigen Respekts. In der Schweiz ist das anders. Und praktisch gesprochen: Die chinesische Community in Kanada war gross genug, dass Ziwei sich auch kulinarisch zu Hause fühlen konnte. In der Schweiz muss er dafür manchmal bis nach Mailand fahren.
Ziwei HuangSince moving to Switzerland, I've really had to adjust to a new reality. At times I've felt a real lack of awareness – around colonial issues, around queer identity, and a general lack of consideration for queer immigrants in many places. It has been quite hard.
Ziwei HuangBut I've still managed to find, as I said, those pockets of community where I feel supported. For that I'm really grateful. It kept me alive, you know.
Prof. Dr. Aylin Yildirim TschoepeSeit dem Umzug in die Schweiz musste Ziwei sich einer neuen Realität anpassen. Es fehlte oft das Bewusstsein – für koloniale Zusammenhänge, für queere Identität, für die spezifische Situation queerer Migrant:innen. Das war schwer.
SpeakerAber Ziwei hat trotzdem gefunden, was er gesucht hat: diese kleinen Gemeinschaften, in denen er sich getragen fühlt. Dafür ist er wirklich dankbar. «It kept me alive» – das sagt er so, und das bleibt stehen.
Maximilian GriegerVielen Dank für diese Einblicke, die sehr bewegend waren. Ich danke euch von Herzen.
Maximilian GriegerWenn ihr unsere Organisation kweercare unterstützen möchtet: Ihr habt die Möglichkeit, Mitglied zu werden – auf unserer Website - www.kweercare.ch - Ihr könnt auch unseren Newsletter abonnieren und damit immer auf dem Laufenden bleiben.
Maximilian GriegerIhr wisst, dass jede kweercare soirée mit einer Listening Session endet. Heute Abend haben wir Deven Laveaux bei uns. Deven ist Teil der Zürcher Ballroom-Szene, organisiert Community-Räume für Voguing, Training und Open Decks – und schafft damit Möglichkeiten für Menschen, durch Musik und Tanz zu üben, sich auszutauschen und miteinander in Verbindung zu treten. Deven ist ausserdem Co-Präsident des Trans Safety Emergency Fund, der Nothilfe und Unterstützung für trans Jugendliche bereitstellt.
Maximilian GriegerWer sich für die Ballroom-Szene interessiert: Kommenden Samstag findet hier in der Kaserne der nächste Kiki Ball statt – gemeinsam mit Ziwei und Deven.
Maximilian GriegerIhr seid herzlich eingeladen, mit uns den Abend zu verbringen, die Listening Session zu geniessen – und vielen Dank, dass ihr heute alle dabei wart. Merci vielmal.