Studio-Lookout-Salon: Der Podcast für Architektur, Design, Kunst und Soziokultur
Der Studio-Lookout-Salon ist ein interdisziplinärer Podcast aus der Schweiz, der inspirierende Gespräche mit Persönlichkeiten aus Architektur, Design, Kunst und soziokulturellem Wandel in den Mittelpunkt stellt. Jede Episode beleuchtet, wie kreative Köpfe ihre Haltung, Arbeitsweise und Wirkung in einer dynamischen Welt sichtbar machen.
Die Gespräche finden überwiegend im Studio Lookout Haus im Baselbieter Tafeljura statt – einem Ort, der durch seine offene Atmosphäre und den Blick in die Weite, Raum für respektvollen Austausch schafft. Die Hosts Maximilian Grieger und Roger Furrer empfangen hier Vordenker:innen, Künstler:innen, Architekt:innen und Unternehmer:innen, um Themen zu beleuchten, die unsere Gesellschaft nachhaltig prägen.
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Studio Lookout Salon: A Podcast Exploring Architecture, Design, Art & Sociocultural Perspectives
The Studio Lookout Salon is an interdisciplinary podcast from Switzerland featuring inspiring conversations with leading voices from the fields of architecture, design, art, and social transformation. Each episode explores how creative minds shape and communicate their values, practices, and impact in an ever-evolving world.
The conversations mostly take place at the Studio Lookout House, located in the Baselbieter Tafeljura – a space known for its open atmosphere and far-reaching views that invite meaningful dialogue. Hosted by Maximilian Grieger and Roger Furrer, the podcast brings together thought leaders, artists, architects, and entrepreneurs to explore topics that are shaping society in profound and lasting ways.
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Studio-Lookout-Salon: Der Podcast für Architektur, Design, Kunst und Soziokultur
kweercare soirée #2 | Care ist nicht neutral. Braucht es queere Pflegeangebote?
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Care ist nicht neutral. Braucht es queere Pflegeangebote?» – so lautete die Frage des zweiten kweercare soirée, der am 28. April 2026 in der Kaserne Basel stattfand. An diesem Abend diskutieren vier Expert*innen aus Pflege, Medizin, Organisationsentwicklung und Community-Arbeit, was queersensible Pflege konkret bedeutet – und warum sie keine Nische ist, sondern eine gesellschaftliche Notwendigkeit.
Auf dem Podium: Michael Esteves Pereira (Kinderarzt und Gründer von Safe to Grow), Christoph Bollinger (Präsident Belvita Care Region Basel), Marianne van Vulpen (Präsidentin queerAltern Region Basel) und Hugo Zimmermann (Initiant und Co-Projektleiter queer key). Moderiert von Maximilian Grieger und Roger Furrer.
Die Runde beleuchtet, warum queere Bewohnende in Schweizer Alters- und Pflegeheimen systematisch unsichtbar bleiben – Fachleute sprechen von einem flächendeckenden «Going back to the closet». Thematisiert werden das niederländische Buurtzorg-Modell als Vorbild für ambulante Pflege, Biografiearbeit als Grundlage queersensiblen Pflegehandelns, die Schulung von Pflegefachpersonen und die Frage, wie queere Kinder, Jugendliche und ältere Menschen im Schweizer Gesundheitswesen sicher und respektiert versorgt werden können.
Ein Abend, der zeigt: Queere Pflege ist kein Luxusproblem. Sie ist Care-Arbeit, die sichtbar gemacht werden muss.
🎵 Die Listening Session des Abends gestaltete Lucianne Blue, chilenische Musikerin und DJ aus Zürich.
kweercare ist ein Basler Verein für queersensible Care-Kultur. Das kweercare soirée-Format erscheint als Podcast auf dem Lookout Salon. Mehr Infos: kweercare.ch
Begrüssung und warum diese Aufnahme
Maximilian GriegerWillkommen zur Aufnahme der zweiten kweercare soirée mit dem Thema "Care ist nicht neutral. Braucht es queere Pflegeangebote?" Mein Name ist Maximilian Grieger und ich bin Gründungspräsident der Organisation kweercare. Der Podiumsabend fand am 28. April 2026 in der Kaserne Basel statt. Wir haben ihn aufgenommen, weil das, was in dem Abend gesagt wurde, über diesen Abend hinaus gehört werden sollte. Die kweercare soirée ist ein Format, das wir als laufende Reihe in Basel veranstalten. Als Raum für Gespräche, die wir in der Gesellschaft brauchen. Über Care, über Identität, über das, was wir füreinander tragen. Wir freuen uns, diese Aufnahme über den Studio Lookout Salon Podcast zugänglich zu machen. Und jetzt hört rein.
kweercare und Ziele der soirée
Maximilian GriegerGuten Abend, ich möchte euch herzlich begrüssen. Mein Name ist Maximilian Grieger, ich bin der Präsident von kweercare, einer neu organisierten Organisation. Letztes Jahr im Oktober haben wir die gegründet. An den Turntables heute Abend ist Lucianne Blue. Ihr werdet heute Abend noch mehr von ihr hören. Wir haben letztes Jahr den Verein gegründet und zwar gemeinsam mit Roger Furrer und Udo Rauchfleisch. Udo Rauchfleisch kann heute leider nicht hier sein. Ihr kennt bestimmt Udo, er ist und zwar unser Aktuar, aber nicht nur der Aktuar, sondern er ist Psychotherapeut. Er ist Professor für klinische Psychologie und er ist Buchautor und er unterstützt uns bei allen Themen im Bereich Care, was Psychologie angeht. Und wir freuen uns, dass er in unserem Vorstand mit dabei ist. Roger, jetzt möchte ich gerne das Wort kurz an dich übergeben, wer du bist.
Roger FurrerIch bin Roger Furrer, ich bin der Vizepräsident von kweercare und freue mich, dass ihr heute Abend da seid und euch für das Thema queere Pflege interessiert.
Maximilian GriegerRoger und ich, wir kamen auf die Idee, als wir den Verein gegründet haben, dass Care eben ein breites Thema ist. An unserer ersten kweercare soirée, die am 10. März stattgefunden hat, ging es um das Thema "Rassismus trifft Queerness. Stimmen aus gelebten Realitäten." Wir hatten vier spannende Gäste auf der Bühne, die einen Migrationshintergrund hatten und die uns zu dem Thema berichtet haben, wie es ist, ich sage es mal mit einer Doppeldiskriminierung oft durchs Leben zu gehen. Und ein spezielles Thema, das wir uns bei kweercare im Bereich der Fürsorge auch annehmen. Wir haben kweercare gegründet, und zwar auf Basis von zwei Damen aus den USA, nämlich Tronto und Fisher nennen sich die. Das sind zwei Philosophie-Professorinnen. Eine lebt leider nicht mehr. In den 90er Jahren hatten sie uns zwar festgestellt, und zwar, dass das Thema Care doch sehr breit ist und dass es wichtig ist, dass man sich das von einer ganz anderen Perspektive ansieht. Nämlich Care ist nicht neutral. Care wird häufig und zwar im Privaten durchgeführt, häufig von Frauen. Und dazu gab es eben damals gar keine messbaren Daten und die beiden Damen haben dies erstmalig ins Leben gerufen. Das Spezielle an ihrer Arbeit ist, dass sie sagen: Und zwar, um gut durch dieses Leben zu kommen, muss man Care betreiben, nämlich das ist einmal die Care für mich, die Care für andere andere. Das klingt jetzt ziemlich spirituell and esoterisch, aber esi ist doch in der Tat so dass esi wichtig ist, zu sich gut zu sein, also sprich gute Self-Care zu betreiben, als zweites und zwar gute Beziehungen zu pflegen, and als drittes eben sein Umfeld zu pflegen. And wenn diese drei Aspekte zusammenkommen, so sagen Tronto und Fisher, die beiden Damen, dass man dann eben gut durchs Leben kommt. Die Konsequenz ist, dass es Orte braucht, die diese Fragen stellen, nämlich die sichtbar machen, dass in der Gesellschaft etwas schräg ist, gerade im Bereich der Queerness. Das ist kweercare und uns treibt die Frage an, wie kann Fürsorge, ob in der Pflege, im Gesundheitswesen, in der Architektur, im Design oder in der Kultur für LGBTIQ-Menschen wirklich zugänglich and sein. Das heisst also, wir beschäftigen uns nicht ausschliesslich mit dem Bereich der Pflege. Das ist zwar unser heutiges Thema, aber bei uns geht es um viel mehr. Wir möchten uns gerne den Bereich Care-Architektur ansehen, den Bereich Social Design, dem Bereich Social Futures and auch dem Bereich Kultur. Deshalb ist auch an jedem unserer kweercare soirée eine Listening Session mit dabei, eben heute auch mit der Musikkünstlerin Lucianne Blue. Unterstützt werden wir und zwar von der Fachstelle für Gleichstellung, gerade was unsere kweercare soirée angeht, nämlich die Fachstelle für Gleichstellung und Diversität, die Abteilung LGBTIQ. Darüber hinaus und zwar haben wir Kooperationspartner, die schon in kurzer Zeit gewinnen können, nämlich einmal und zwar die Initiative quer key aus Bern. Wir haben heute in Person und zwar den Hugo Zimmermann mit dabei, der auch gleich mit auf der Bühne sein wird. Quer key ist eine Initiative, die im stationären Bereich Personal schult, vom CEO bis zum Reinigungspersonal auf unsere Community, dass man eben weiss, wie man mit uns umgehen soll, sollte. Darüber hinaus und zwar haben wir eine neue Organisation Safe to Grow heute mit dabei und zwar Michael Esteves Pereira. Er ist Kinderarzt und er ist derjenige, der diese Initiative gegründet hat. Hier geht es speziell darum, und zwar, dass er sich ansieht, und zwar, dass queere Kinder und Jugendliche im Gesundheitswesen gesehen werden. So, soviel zu diesen Kooperationspartnern. Roger, du möchtest gerne die anderen vorstellen.
Roger FurrerWir haben auch an Bord als Forschungspartner das Swiss Center for Design and Health, das ist in Nidau, mit dem entwickeln wir neue Projekte in Design and Architektur. Denn Design für Menschen mit Beeinträchtigungen darf ja auch schön sein. Daneben haben wir die Fachhochschule Nordwestschweiz, heute vertreten durch die Professorin Aylin Yildirim Tschoepe. Sie ist Designanthropologin an der HGK, an der Hochschule für Kunst und Gestaltung hier in Basel.
Maximilian GriegerSie ist auch verantwortlich und zwar für unsere Mentimeter-Umfragen, die ich gleich vorstellen möchte. Vielleicht können wir eine. Ah, genau, Entschuldigung. Wir haben noch jemanden Wichtiges vergessen, und zwar nämlich Belvita. Belvita hier hinten und zwar Markus Schneider. Markus Schneider unterstützt uns in Basel, eine ambulante, quersensible Pflege aufzubauen. Er ist unser Partner im Bereich Pflege. Wir haben einen Verein gegründet, der dort heisst Belvita Care Region Basel und dazu etwas später von dem Präsidenten Christoph Bollinger, der heute auch mit auf der Bühne sein wird. Wir gehen weiter und zwar eben zur Fachhochschule Nordwestschweiz. Wir möchten gerne unser Publikum auch an den kweercare soirées immer gerne mit einbeziehen. Ihr habt die Möglichkeit und zwar diesen Mentimeter-Code abzuspeichern und könnt dementsprechend an dieser Umfrage teilnehmen. Wenn ihr das nicht während der Veranstaltung machen möchtet, habt ihr die Möglichkeit, die Flyer, die auf den Stühlen legen, zu nutzen. Dort ist auch dieser QR-Code mit drauf. Dort habt ihr verschiedene Fragen, wie ihr heute zu uns kommt, was für euch quersensible Pflege ist. Und sollte jemand von euch Hemmungen haben, unsere Podiumsteilnehmenden etwas zu fragen, könnt ihr das dort auch in diesem Chat geben. Und wir haben die Möglichkeit, die Fragen im Nachgang dann für euch mit den Podiumsteilnehmenden zu beantworten.
Care ist nicht neutral.
Roger FurrerWe beginnen unsere kweercare soirées gerne mit einem Kommentar der uns auf Social Media erreicht. Zum ersten kweercare soirée "Queerness trifft Rassismus." schrieb uns jemand , Woke isch over. Zur heutigen soirée in der wir fragen ob Care neutral ist? und ob es queere Pflegangebote braucht, lautete einer der Kommentare "Ihr habt Luxusprobleme." Luxusprobleme ein interessantes Wort, denn Care ist nie im luftleeren Raum. Sie ist immer eingebetet in Machtverhältnisse. Und die Mehrheit hat die Macht zu urteilen, was Minderheiten zusteht, oder eben was als Luxusproblem gilt und was nicht.
Maximilian GriegerDeshalb werden wir uns heute ansehen, ob diese Arbeit, die wir machen, ein Luxusproblem ist und haben hierzu spannende Gäste, die wir gerne vorstellen möchten. Wir haben heute eben das Thema Care ist nicht neutral, braucht es queere Pflegeangebote. Und bevor wir starten, möchten wir eben ein paar organisatorische Themen mit euch besprechen.
Organisation und Ablauf
Maximilian GriegerNämlich zum einen ist es so, dass wir heute das Schweizer Fernsehen mit dabei haben, nämlich in Person von dem Mauro Flühler, der den Michael Esteves Pereira ein Jahr begleitet. Michael ist der aktuell amtierende Mr. Gay 2025/ 2026 und über ihn wird es eine Doku geben auf dem SRF. Darüber hinaus haben wir uns zwar einen Fotograf mit dabei, der diese Veranstaltung fotografisch dokumentieren wird. Das ist der Nico Aebischer. Ansonsten wird die Veranstaltung Audio aufgezeichnet. Das heisst, ihr habt die Möglichkeit, und zwar das Podium nochmal nachzuhören im Nachgang auf unserer Webseite www.kweercare.ch oder eben auf QueerUp-Radio. Dort wird das Podium auch nochmal veröffentlicht sein.
Roger FurrerDanke, Maximilian. Und bevor wir in den Abend starten, möchte ich unsere vier Gäste auf die Bühne bitten. Willkommen. Der Abend gestaltet sich so, dass jeder, jede von den Panelteilnehmer*innen sich fünf Minuten lang mit einem eigenen Projekt oder sich als Person vorstellen darf. Es sind genau fünf Minuten und dann geht der Timer los, von dem her sind wir da ganz genau Schweizerisch. Ich starte mit Michael. Michael Pereira ist Kinderarzt und Gründer von Safe to Grow. Seine Perspektive verbindet medizinische Carepraxis mit Fragen von Schutz, Sicherheit und queerfreundlichen Strukturen für Kinder und Jugendliche. Als aktueller Mr. Gay Europe nutzt er Öffentlichkeit und Verantwortung und Fürsorge gesellschaftlich zu thematisieren. Michael, bitte.
Safe to Grow und queere Jugend
Michael Esteves PereiraDanke vielmal für die Vorstellung. Ich glaube, ich habe gar nichts mehr zu ergänzen. Das war sehr schön zusammengefasst. Genau, kurz zu meiner Person. Also ich habe Portugiesische Wurzeln. Bin in Zermatt im Wallis aufgewachsen. Dort sehr früh auch bemerkt, dass ich aus der Reihe tanze, sage ich mal so, als kleiner Jugendlicher oft nicht gewusst, was mit mir falsch ist, was anders ist, wo ich Hilfe hole und dieser Werdegang hat mich dann geprägt und im Zusammenhang mit meiner Teilnahme bei der Mr. Gay Europe Wahlen, wo jeder Teilnehmer eine Organisation selber auf die Beine stellen muss oder eine Organisation unterstützen muss, die es bereits gibt, die der Queer Community dient, habe ich mir dann überlegt, wie kann ich meine persönliche Erfahrungen, meine berufliche Erfahrungen als Kinderarzt zusammenbringen und was gestalten, was für die Zukunft ist. Und da war mir relativ schnell klar, dass in meinem Arbeitsalltag ich häufig nur erlebe, wie das Thema Queerness im Gesundheitswesen noch sehr oft ein Tabuthema ist oder sehr oft noch ein Thema ist, womit sehr viel Unwissenheit verbunden ist. Häufig erleben Patienten, Patientinnen in dieser schon per se eher sensible Situation oder man geht da zum Arzt oder Ärzte, wenn man schon etwas eh nicht stimmt, wenn man dann dort noch mit anderen Minor Stressfaktoren, sage ich mal so, sich auseinandersetzen muss, das kann langfristig auch Schaden mit sich mitbringen. Und wir von Safe to Grow sind nicht der Meinung, dass die Fachkräfte im Schweizer Gesundheitswesen per se diskriminierend sein wollen, sondern dass sehr häufig einfach der Wissen fehlt. Und genau diesen Gap, also diese Lücke, möchten wir mit Safe to Grow füllen, indem wir die Fachkräfte, diese Schulungen anbieten, mit realen Themen sich auseinandersetzen lassen, sei es jetzt in Gruppenarbeiten, in Vorlesungen, in was für Formaten es auch immer je nach Institution passt, dass die Leute, die danach, dass die Kinder oder Jugendliche auch betreuen, sie sich auch sicher fühlen und auch wissen, was für Werkzeuge trage ich in meinem Rucksack mit. Und ja, die Plattform was MSG Europe hat mir extrem viele Türen geöffnet und ich möchte diese Plattform auch nutzen, um nicht nur als schwuler Mann da zu stehen, sondern auch für die queere Zukunft etwas beizutragen.
Maximilian GriegerDas heisst also, man muss nicht nur gut aussehen bei dieser Wahl.
Speaker 2Nein, definitiv nicht. Also Photoshooting Runway gehört dazu, das ist so. Wir mussten auch selber ein Kostüm kreieren, wo jedes Land mit einem Touch Queenness repräsentiert, was extrem schwierig war. Aber ich hatte auch eine schriftliche Prüfung von 45 Minuten, wo ich über das ganze LGBTIQ-Geschichte, historische Fakten, das ich weltweit geprüft worden bin. Es gab eine mündliche Prüfung, Projekt, wo man vor einer Jury präsentieren musste. Es gab eine Medienkonferenz, es gab eine Social Media Challenge, es gab eine Sport Challenge.
Maximilian GriegerIch glaube, es ist mal wichtig für die Leute zu wissen, dass es nicht nur gut aussehen ist und Runway, sondern dass du nicht nur gut aussiehst, sondern auch gescheit bist.
Michael Esteves PereiraDanke schön.
Pflegerealitäten zwischen Politik und Bedarf
Maximilian GriegerAn dieser Stelle und zwar möchte ich herzlich willkommen heissen Christoph Bollinger. Christoph Bollinger ist President von Belvita Care Region Basel, ein ganz neu gegründeter Verein hier in Basel. Darüber hinaus und zwar ist er schon seit 30 Jahren im Vorstand des Gustav Benz-Vereins. Das Gustav Benz Haus kennen vielleicht einige von euch hier in Klein basel. Das ist ein Alten- und Pflegeheim. Dort bist du im Vorstand. Und darüber hinaus bist du Stiftungsratspräsident der Stiftung Bourjour, die du ins Leben gerufen hast, die eigentlich aus dem Gustav Benz Haus entstanden ist. Und jetzt habe ich schon ganz viel vorweggenommen. Ich glaube, wichtig ist, dass du dich jetzt auch nochmal unserem Publikum vorstellst.
Christoph BollingerGenau, jetzt habe ich fast nichts mehr zu sagen. Aber ich bin glücklich, dass ich jetzt auch Chancen habe bei der nächsten Mr. Gay-Wahl. Aussehen ist nicht das Einzige, vielleicht bin ich nicht der Dümmste, würde die Prüfungen bestehen. Und wie Roger gesagt hat vorhin, Pflege ist auf Zielgruppen ausgerichtet, auf eine Mehrheit und die queere Pflege kommt zu kurz. Ich habe 30 Jahre Erfahrungen in verschiedenen Ämtern und ich glaube, die Pflege in der Schweiz ist definitiv verbesserungsfähig für alle Zielgruppen. Und ich habe als Präsident des Vereins Gustav Benz der Stiftung Bonjour, aber auch im Vorstand von ZABS, also Zusammenarbeit der Alterssiedlungsbetreibern in der Stadt Basel and vielen anderen Institutionen, sehr viel Erfahrungen sammeln können. Es ist eher etwas ernüchternd. Ernüchternd deshalb, weil wir alle viele gute Ideen, aber am Schluss holt uns die Realität ein. And die Realität heisst, es gibt die Politik, die gibt schon mal den Zeitrahmen vor, es geht alles etwas langsamer, dann kommen die Verordnungen, die Vollzugsbehörden, dann kommen die Platzhirsche. Ich nenne hier eine Spitex, die stationären Pflegebetreiber. Und dann wird aus den guten Ideen vielleicht eine unerfüllte Sehnsucht. Und auf der anderen Seite entwickelt sich die Gesellschaft im Alter komplett anders. Die ist wesentlich schneller, diese Entwicklung, und ich kann das an einem Beispiel zeigen, was ich vor 30 Jahren, ich komme übrigens aus dem Finanzwesen, also ich habe diese Tätigkeiten alle ehrenamtlich gemacht bisher. Als ich angefangen habe in dem Vorstand, wie lange lebte jemand in Basel, so durchschnittlich, grössenordnungsmässig in einem Pflegeheim? Wird hier eine Zahl genannt, vor 30 Jahren, wie lange lebten die Leute durchschnittlich in einem Pflegeheim? Gibt es Gebote? Wie viele Jahre, als sie eingetreten sind, bis sie gestorben sind? 15 Jahre gibt es eine. Fünf Jahre sind geboten. Zwölf Jahre, gut, also jetzt haben wir beide Zahlen genannt worden. Es waren etwa zwölf, 15 Jahre, haben Menschen in Basel in einem Altersheim gelebt. Und heute sind es im Durchschnitt noch 18 Monate. Die Zahl ist ständig sinkend. Eigentlich unlogisch, weil die Menschen werden alle älter werden. Wo sind sie denn in dieser Zeit, wo sie älter werden? Vorher waren sie im Heim und jetzt sind sie nur noch 18 Monate im Heim. Wo sind sie denn? Sie sind zu Hause und sie führen ihr eigenständiges Leben. Jetzt frage ich euch, wo werden diese Bedürfnisse abgedeckt? Zum Glück hat die Politik jetzt langsam, aber sicher die Beschlüsse gefasst, dass Betreuungsleistungen zu Hause, also Leistungen außerhalb der KVG-Pflege, ergänzungsleistungsmässig finanziert werden ab dem 1. Januar 2028. Ein wichtiger Schritt, weil Menschen in der Autonomie sein wollen, und das Verrückte in unserer Gesellschaft war, dass Menschen, die finanziell keinen Spielraum hatten, gezwungen wurden, in eine Pflegeinstitution einzutreten, weil vorgelagerte Betreuungsleistungen nicht finanziert werden konnten, die mussten selbst finanziert werden. Das sind Modelle, ich fasse mich jetzt ein bisschen länger, aber es geht um den Grundsatz, dass die queere Pflege, die vorgelagerte Pflege und Betreuung, absolut notwendig ist. Und wenn ich heute here sitze, dann geht es eigentlich um die Thematik, dass wir heute handeln müssen und nicht erst in weiss wie vielen Jahren. Wir müssen heute Angebote schaffen, weil diese Angebote heute verlangt werden. Und das Verrückte ist, es müssen private Initiativen sein, die das tun, weil der Staat etwas langsamer unterwegs ist, als die Nachfrage da ist. Darum setze ich mich dafür ein. Also, ich bin nicht ein Ämtesammler und einer, der in der Vergangenheit lebt, sondern wir möchten die Zukunft gestalten. Und ich bin überzeugt, dass gerade im queeren Bereich eine explizite Nachfrage besteht nach Pflege und Betreuungsleistungen.
Maximilian GriegerChristoph, vielen Dank.
queerAltern und Caring Communities
Roger FurrerMarianne van Vulpen ist Präsidentin von queerAltern Region Basel und engagiert sich für die Sichtbarkeit älterer queer Menschen in der Versorgungslandschaft. Als Healthcare Managerin bringt sie die fachliche und institutionelle Perspektive in die Diskussion ein und beschäftigt sich mit der Frage wie Pflegeeinrichtungen vielfältig und offen ihre Dienstleistungen entwickeln könnenMarianne van Vulpen. Marianne, bitte.
Marianne van VulpenDanke, Roger. Ja, ich vertrete hier den Verein queerAltern als Präsidentin. Ich bin seit einem halben Jahr Präsidentin. Der Verein wurde vor fünf Jahren gegründet mit verschiedenen Zielen und Schwerpunkten. Wir hatten damals vier Schwerpunkte. Heute haben sich drei etabliert. Für uns war es extrem wichtig, dass wir queere ältere Menschen wieder ein Ort haben, wo sie sich treffen können, wo sie sich kennenlernen können, wo sie miteinander Sachen austauschen können. Und darum haben wir gesagt, wir möchten Caring Communities schaffen und die haben sich bei uns extrem etabliert. Wir haben ganz verschiedene Caring Communities von Lesegruppen zu Stammtisch, zu Tanzen. Und das ist wunderbar. Das hat sich sehr etabliert und das machen alle unsere Mitglieder bewirtschaften diese Caring Communities. Und dann, als Zweites war es für uns extrem wichtig, die Sichtbarkeit von queeren älteren Menschen, also Ü-55 sag ich mal. Und das haben wir auch ziemlich erreichen können. Wir sind in vielen Projekten auch vom Kanton. Also ich vertrete unseren Verein in der Alterskonferenz 55+ das ist eine Konferenz vom Gesundheitsdepartement und da können wir uns auch sehr politisch einbringen und wir sind in verschiedenen Projekten vertreten. Die Sichtbarkeit, die machen wir auch im Socinhaus. Sichtbar, als dass wir da sichtbar sind, wir haben eine Kooperation mit dem Bürgerspital und gestalten da jeden Monat einen Abend mit queeren Themen. Und das Dritte war, wir wollen Fachpersonen qualifizieren im Gesundheitswesen und das sage ich jetzt nicht allzu viel, weil ich denke, da kommen wir dann noch ein Podium darauf zurück. Ich persönlich, ich arbeite seit 40 Jahren im Gesundheitsbereich. Ich kenne alle Rollen von der Pflegefachfrau am Bett, an der Basis, bis zu Stiftungsrätin von einem Altersheim, bis zur Geschäftsleitung von einer Spitex. Also ich habe so alle Rollen kennengelernt und alle Seiten und ich vertrete hiermit die Pflege, also auch hier auf dem Podium. Ich bin auch die einzig externe, habe ich gesehen. Unser Logo war jetzt nicht auf der ersten Folie. Also ich vertrete wirklich den Verein queerAltern. Und die Pflege und Carearbeit kenne ich wirklich von der Basis aus. Und ich bin die einzige Frau auf dem Podium, das darf ich glaube ich sagen. Und Carearbeit ist glaube ich immer noch sehr Frauenarbeit. Es gibt ja die freiwilligen Carearbeit und die professionelle Carearbeit. Ich kenne beide Seiten, ich habe mit meiner Partnerin zusammen fünf Kinder grossgebracht. Das war Carearbeit freiwillig. Und dann kenne ich natürlich die Carearbeit in den Institutionen. Zahlen hätte ich hier im Sack auf meinem Handy, das hat mir Aylin die Professorin noch geschickt. Aber die lasse ich mal, vielleicht brauchen wir dir noch Zahlen, wie das verteilt ist, wer leistet welche Carearbeit.
Marianne van VulpenDas Schöne ist, dass du das System von innen raus kennst und deshalb freut es uns gleich schon, die Podiumsdiskussionen dann mit dir weiter vorzuführen und dass du uns dort einen intensiven Einblick gibst.
Maximilian GriegerDas Schöne ist, dass du das System von innen raus kennst und deshalb freut es uns gleich schon, die Podiumsdiskussionen dann mit dir weiter vorzuführen und dass du uns dort einen intensiven Einblick gibst. Merci vielmals, schön, dass du da, Marianne.
queer key entsteht aus Erfahrung
Maximilian GriegerKommen wir zu unserem Hugo. Hugo Zimmermann ist Co-Projektleiter der Initiative queer key. Dein zweijähriges Pilotprojekt habt ihr geplant. Ihr habt 180.000 Franken bekommen von der Age-Stiftung und der Stadt Bern, wenn das korrekt ist. Ihr habt vier Pflegeheime, mit denen ihr zusammenarbeitet als Pilot. Ihr habt letztens eine spannende UmfraHugge gemacht mit den Wohnenden gemacht, auf die ich nachher eingehen möchte. Aber ich habe jetzt schon so ein paar Punkte von dir vorweggenommen und möchte dich bitten, deine Zeit zu nutzen, dich auch vorzustellen, Hugo.
Hugo ZimmermannIch bin ein bisschen der Exot hier. Ich komme nicht aus dem Gesundheitsbereich. Ich bin von Beruf Betriebswirtschafter, bin 1968, in Luzern geboren und aufgewachsen in einer erstkatholischen Familie, wo das Thema Schwulsein überhaupt kein Thema war. Das wurde immer verpönt. Ich habe einen traditionellen Weg. Ich habe geheiratet, eine Frau geheiratet, hatte einen Sohn, habe immer noch einen Sohn selbstverständlich, und habe mit 1942 den Weg beschritten, dass ich meine Bestimmung leben will, die ich eigentlich schon immer ins Geheim bei mir ganz tief drin hatte. Ich habe mich dann geoutet mit 42 und habe beruflich und privat einen neuen Weg beschritten. Ich bin seit 20 Jahren in Bern tätig, ich bin im Verein queerAltern. Im Verein Network war ich im Vorstand in der Regionalleitung und habe mich eigentlich in den letzten zwölf Jahren, vor allem während der Covid-Zeit, mit einem Care Team, so habe ich das genannt, habe ich ins Leben gerufen, um die älteren Leute gekümmert im Verein. Wir haben Essensbesorgungen organisiert, wir haben Leute angerufen, wir haben das Gefühl, wir haben 20 Leute, die über 65 sind im Verein Network in Bern. Aus dieser Motivation heraus habe ich dann entschieden, zusammen mit Vertretern von Pink Cross, der homosexuellen Arbeitsgruppe in Bern und WyberNet, die Idee eines neuen Vereines in Bern anzudenken. Wir haben damals zuerst eine Umfrage gemacht bei älteren, queeren Menschen in Bern und haben gesehen, dass das wirklich ein Bedarf ist und ein Bedürfnis ist. Im Oktober 2023 haben wir als dritter Verein neben Zürich und Basel den Verein, ich habe ihn mitbegründet und inzwischen sind wir 187 Mitglieder. Das Projekt queer key, was Maximilian erwähnt hat, ist entstanden, ich erzähle dann später noch ein bisschen mehr darüber, vor zwei Jahren, genau im April 2024, hatte ich einen Kontakt mit einem älteren Mann in einem Alters- und Pflegeheim, der mir seine Wohnung gezeigt hat, ist in einer Wohnung und hat mir ganz freundlich, jetzt muss ich dir noch etwas zeigen, ich habe es eigentlich hinter der Tür versteckt, das sind die Bilder meiner verflossenen Männer, die ich in meinem Leben hatte. Und ich war so schockiert, warum versteckst du das hinter der Tür, warum zeigst du das nicht öffnlich, ja, ich habe Angst. Das Pflegepersonal und das Putzpersonal, vor allem Migrationshintergrund, ich will nicht als 87-jährige Mann da irgendwo einfach blosgestellt werden. Das war für mich der Anlass, dass ich das Gefühl habe, ich muss mich um das Thema kümmern, den älteren, queeren Menschen in Alters- und Pflegeheime und Spitex geht es nicht gut. Sie sind diskriminiert, sie ziehen sich zurück, sie verstecken ihre Bilder hinter der Tür. So ist queer key hier entstanden, ich habe ein Papier formuliert mit 50 Seiten und dann Experten kontaktiert mit der Berner Fachhochschule Kontakt aufgenommen. Wie du gesagt hast, dann mit der Age Stiftung, Geld generiert. Ein Riesending, wo heute 30 Leute mitarbeiten im Projekt, ich bin ein bisschen stolz darauf, diese Initiative ins Leben gerufen zu haben und wir sehen auch und damit ich später darüber erzähle, dass es wirklich ein Bedarf ist. Es gibt nämlich queere Menschen in Alters- und Pflegeheimen und nicht wenige.
Roger FurrerVielen Dank Hugo.
Warum Neutralität nicht reicht
Roger FurrerIch habe in den letzten Tagen ein Gespräch geführt, das mich nicht losgelassen hat. Ein Vater hat mir von seinem Transsohn erzählt. Sein Sohn ist heute 18, mit 12 Jahren hat er das erste Mal gesagt, wie er angesprochen werden möchte. Mit einem männlichen Vornamen, mit männlichen Pronomen. Sechs Jahre her. Und in diesen sechs Jahren hat diese Familie das Gesundheitswesen kennengelernt. Monate lange Wartezeiten auf Pflichttermine und dann im Gespräch mit der Fachperson, der Satz: "Ich glaube dir das nicht, du bist nur depressiv". Das ist keine Einzelerfahrung, das ist ein System. Michael, du hast Safe to Grow gegründet, weil du weisst, was es bedeutet, wenn dieses System versagt. Warum sind queere Kinder, Jugendliche und Regenbogenfamilien im Schweizer Gesundheitswesen noch immer nicht sicher, respektiert und gleichberechtigt versorgt?
Michael Esteves PereiraIch glaube, häufig kommt das Argument ja, also jetzt braucht er oder die wieder ein Sonderwurst, es gibt es da wieder und häufig kommt dann der Argument, ja wir sind doch neutral, wir behandeln alle gleich. Aber was heisst alle gleich zu behandeln? Also wenn ich zum Arzt gehe mit einer Lungenentzündung, dann bekomme ich auch nicht ein Gips, wie der andere bekommt, wenn er einen Arm gebrochen hat. Und da diese Aussagen stören mich ein bisschen und das ist so, ich kann verstehen, dass vielleicht die medizinische Grundleistung gleich ist, dass man sich medizinisch auf das Hauptproblem konzentriert. Aber wenn ich einen Individuum vor mir habe, dann möchte ich den Individuum auch als Ganzes sehen. Und da greife ich auch wieder zurück, oder wenn ich jetzt vor mir jemand habe, der sich aus einem Transmann identifiziert und der vielleicht auch sogar noch offen kommuniziert, wie die Person gerne angesprochen werden möchte, welche Pronomen, dann ist auch das nicht zu viel vom Gegenüber verlangt, das auch anzunehmen. Häufig ist aber leider so, dass sowohl strukturelle wie auch sonstige informative Prozesse fehlen. Bei uns im Spital gibt es immer nur noch das Symbol männlich-weiblich, oder? Und dann loggst du dich ein, also auf der Notfalltafel oder in der Sprechstundentafel, steht drauf weibliches Logo, oder? Und dann hast du schon automatisch in einem Unterbewusstsein eine Annahme getroffen, oder? Und du hast schon mit der Annahme mich erwartet, ein weibliches Gegenüber, oder? Und dann machst du die Türe auf und vielleicht sitzt da dieser transjugendlicher Mann mit seinem Vater. Und schon da hast du dann als Fachkraft der erste Konflikt mit dir selber, so "Oh, ich habe jetzt irgendwas anders vor mir oder irgendjemand vor mir, wo ich nicht erwartet habe." Und schon das löst die erste Unsicherheit bei dir aus. Und das strahlt man automatisch im Gegenüber auch. Und die andere Person merkt das auch. Und da auch ganz wenig, wenn da schon alleine diese infrastrukturelle Konflikt weggelassen werden würde. Oder wenn man halt irgendwie schon vorher wüsste, was das Anliegen ist. Und klar, man kann dann auch wieder diskutieren, ja, aber nicht jeder oder jeder meldet sich als queer und nicht jedem kommt dann und sagt, ich bin schwul, ich bin lesbisch. Das ist auch richtig so. Und das ist auch wichtig, dass wir als Fachkräfte ein Zeichen geben und diesen Leuten die Möglichkeit geben, sich zu äussern, sich zu kommunizieren, wie in dem Fall auch bei diesem älteren Mann, dass man auch dort zeigen kann, hey, du kannst so sein, wie du möchtest in deiner Wohnung. Du kannst so sein, wie du möchtest bei uns. Und ich meine, was ich jetzt auch angefangen habe, ist, ich trage einen Pin und in dem Pin steht "You are safe to be you around me." Dann ist die Regenbogenflagge da und mit diesem Pin gebe ich meinem Gegenüber die Möglichkeit, sich zu öffnen, ob sie das machen oder nicht, ist auch nicht mal eine Entscheidung. Aber ich rolle auf jeden Fall den Teppich aus und sage, du kannst die Person sein, die du wirklich bist.
Mit Eltern und Kindern zusammenarbeiten
Maximilian GriegerMichael, kannst du uns ein bisschen operativ mitnehmen in deiner Arbeit? Wenn Eltern zu dir kommen und ihr feststellt, Mensch, das Kind könnte vielleicht Queer sein, wie geht ihr mit den Eltern um? Viele Eltern sind vielleicht gar nicht bereit dafür, das Kind auf diesen Weg mitzugeben. Wie geht ihr daran? Das ist ein sehr kurzer Punkt, oder?
Michael Esteves PereiraDas ist ein sehr guter Punkt, oder? Wir behandeln als Kinderärzte nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern und die Familien. Und es ist tatsächlich so, dass ein paar Mal vorkommt, dass die Eltern kommen und sind besorgt, dass sie merken, bei meinem Kind stimmt was nicht. Das ist ja meistens die Aussage, oder mein Kind ist anders oder mein Kind ist falsch. Und schon da ist bei den Eltern diesen Mindset ist, irgendwas ist nicht normal. Und schon da müssen wir dann andocken und fragen, was bezeichnen Sie als normal? Und da müssen wir auch die kulturelle Hintergründe verstehen, die gesellschaftlich Hintergründe verstehen. Wo kommen Sie, wie sind Sie aufgewachsen, oder? Wenn klar, wenn ich dann die Eltern dann auf Konfrontation losgehe, dann habe ich die Eltern verloren und habe auch ein Kind, wo ich dann nachher weiss zu Hause, wird das Kind nie die Person sein, die sie selber ist. Und das ist sehr eine feine Arbeit. Man muss alle an Bord haben. Ich muss dem Kind gleichzeitig das Gefühl oder dem Jugendlichen das Gefühl geben, die Person kann, so sein wie ihr möchte. Und das ist im Fall, wenn Sie ein Alter erreichen, so meistens ab 13, 14, die können zu uns kümmern, die können zu uns alles erzählen und ich kann den Eltern dann auch nichts erzählen. Das bleibt als Arztgeheimnis. Und das erwähne ich auch immer wieder, dass in den Vorsorgeuntersuchungen, mit den Eltern mit 14 Jahren kommen die Jugendliche und dann ist ein großes Thema eben sexuelle Gesundheit, Geschlechtsidentität. Und ein Teil mache ich immer mit den Eltern und ein anderen Teil bitte ich die Eltern rauszugehen, und mache nun mit der Jugendliche dieses Gespräch. Und ich glaube es ist auch wichtig, dass diese Jugendliche merken, sie haben ein Safe Space. Das Gesundheitswesen ist ein Safe Space, weil wenn sie das Gesundheitswesen mit Diskriminierung in Zusammenhang bringen, dann verlieren wir diese Jugendliche später auch, oder? Wenn es wirklich dann drauf ankommt, die verzichten auf weitere medizinische Behandlungen, wir haben dann später Probleme meistens halt auch im Mental Health, wo wir, falls wir vorhin schon prophylaktisch oder präventiv eingesetzt hätten, wir das nicht hätten. Und genau das möchten wir verhindern. Und da spielen die Eltern eine Rolle, das ist so. Und es wird nicht immer aufgehen, dass wir das Konflikt lösen, aber ich glaube es geht auch darum, dass wir beide Seiten wahrnehmen, beide Seite akzeptieren und für die Familie die Lösung probieren herauszuführen, wo für alle passt. Und gegebenenfalls dann halt auch weiter Akteurinnen einschalten, wo uns weiterhelfen. Im Kind hat ja häufig auch gar nicht die Worte für das.
Maximilian GriegerEin Kind hat ja häufig auch gar nicht die Worte für das. Ich kann jetzt nur von meiner Kindheit ausgehen. Ich bin in den 70er, 80er Jahren in Bayern aufgewachsen und ich habe schon recht früh im Kindergarten, würde ich sagen, für mich gespürt, dass ich schwul sein könnte, aber ich habe dafür keine Worte gehabt. Wie führst du die Kinder an das Thema ran? Oder wie kann man sich das vorstellen?
Michael Esteves PereiraAuch das ist auch wieder so ein schmaler Grad, oder? Wenn man dann das direkt ansprechen möchte oder zu proaktiv ist, dann kommt schnell mal wieder das Gesundheitswesen, will all unsere Kinder nur um polen oder umstrukturieren, wie auch immer, was auch immer der Grund ist. Ich bringe dann auch meistens einfach meine persönliche Erfahrung, auch wie du, oder? Ich habe auch relativ schnell gemerkt, ich bin anders, ich habe andere Tendenzen, ich habe andere Vorlieben, aber ich konnte es damals auch nicht in einem Wort fassen. Ich konnte damals auch nicht definieren, dass ich schwul bin. Ich wusste vielleicht, etwas ist da, aber ich wusste nicht was. Und was gefehlt waren Leute, mit denen ich offen über das reden konnte, mit denen ich einfach mal austauschen könnte, was fühle ich, was in mir ab. Und es geht ja nicht darum, dass ich dem Kind etwas vormachen will. Es geht ja darum, dass wenn das Kind probiert, in welcher Art und Weise auch immer sich zu äussern, dass man diese kleinen Nuancen auch wahrnimmt. Und das heisst ja nicht, dass jetzt jedes Kind, wo bei mir in der Sprechstunde ist, mit gefärbten Nägel oder irgendwelche Schminke, dass er auch schwul wird. Vielleicht hat das Kind einfach eine ältere Schwester und finde es gerade aktuell auch cool, einfach mit dem zu spielen. Und ich meine, da ist auch wieder unsere Aufgabe zu unterscheiden, spreche ich jetzt das an, will ich merken, da ist ein Konflikt, oder lasse ich einfach das Kind sich so ausleben, wie er will? Ich merke, die Familie akzeptiert das, für die Familie ist das kein Problem. Und dann ist das für mich auch geleistete Arbeit, will ich gehe ja nicht irgendwo eingreifen, wo ich nicht Bedürfnis sehe.
Pflegeheimpraxis und Buurtzorg-Ansatz
Maximilian GriegerDas heisst, du gibst den Kindern und den Familien einfach den Raum.
Maximilian GriegerChristoph, wie ist es und zwar zum Beispiel im Gustav Benz Haus? Seid ihr damit schon mal konfrontiert worden mit einem queeren Bewohner?
Christoph BollingerJa, sehr oft. Das Kleinbasel ist natürlich ein Quartier, in dem viele verschiedene Menschen leben, auch ein grosser Anteil an homosexuellen Menschen hat. Und unsere Institution ist ja sehr niederschwellig. Unser Haus ist offen für alle. Wir hatten einen Türken, der zur Frau umgewandelt wurde anderes in einem Rotlichtgebiet gearbeitet, und mit massiven Suchtproblemen, seinen Lebensabend bei uns im Heim verbringt. Das ist für uns sicher nichts Neues. Unsere Institution ist da sehr offen und natürlich auch vom Personal her sehr offen. Aber ich kann einfach sagen: Das ist auch interessant, was die stationäre Pflege angeht. Unsere Institution ist ein bisschen ein Auffangbecken für Leute, die andere Heime nicht wollen. Ich bin da jetzt ein bisschen angriffig, aber es gibt Heime in besseren Wohnquartieren von Basel, die so eine Person nicht auf, weil sie sagen, das stört unsere Bewohnerinnen und Bewohner, wenn jemand so in unserer Community ist. Das Gustav Benz Haus ist tatsächlich ein sehr buntes Haus in jeder Hinsicht. Und das freut mich auch immer wieder, dass sehr viele verschiedene Menschen auch Kulturen miteinander sehr gut leben können.
Maximilian GriegerDa sind wir jetzt und zwar im stationären Bereich. Du hast Belvita Care Region Basel mit gegründet, bist dort Präsident, und möchtest gemeinsam eine ambulante Pflege hier in der Region mit aufbauen nach dem Buurtzorg-Modell. Kannst du uns ein bisschen was zu diesem Buurtzorg-Modell aus den Niederlanden berichten?
Christoph BollingerGenau, also ich habe vorher gesagt, ist Pflege wirklich gut? Und da müssen wir uns die Frage stellen. Also, wir reden ja von Betreuung und Pflege von Netzwerken, also dieses vor der stationären Pflege vorgelagerte Alter, wo heute der große Teil des Alters stattfindet. Und da stellt sich die Frage, was macht eigentlich Betreuung und Pflege gut? Das ist eigentlich eine ganz einfache Antwort. Gute Beziehungen zwischen den der Pflegenden und der Pflege empfangenden Person. Jedes Verhältnis zwischen Menschen funktioniert gut, wenn sich diese Menschen verstehen. Es ist eine Beziehungsfrage. Wenn wir die Pflege anschauen, ist natürlich schon sehr interessant. Das ist ein unglaublich intimer Akt, den ich hier erlebe mit einem anderen Menschen. Und es ist essentiell, dass diese beiden Menschen sich möglichst, ich betone möglichst gut verstehen. Und das Buurtzorg-Modell trägt dem Rechnung, in dem, dass die gepflegte Person eine feste Bezugsperson hat, in einem kleinen Team, das sich stellvertretet und gleichzeitig das Beziehungsumfeld dieser Person mit einbezieht. So entsteht eine echte Win-win-Situation. Die Person, die gepflegt wird, hat eine konstante Ansprechperson. Ihr Umfeld wird mit einbezogen. Das hat sich wirklich gezeigt, auch in der Praxis, wie ich das erlebe, Konstanz in den Beziehungen mit Menschen, mit denen man sich gut versteht, erzeugt das grösste, beste Gefühl in der Pflege. Und wenn wir heute reden über Pflege, dann reden wir über Qualifikationen, über Abläufe, über Abrechnungsmodelle und so weiter. Und der ganze Teil der Beziehung des pflegenden und der gepflegten Personen, das wird eigentlich ausgeblendet. Das muss man ehrlich sagen, und darum haben wir in der Schweiz keine gute Pflege. Wir haben hierarchische, strukturierte, modelle, ständig wechselnde Personen und sagen am Schluss, wir haben gute Abläufe, das funktioniert alles wunderbar. Aber ob sich die Menschen darin dann wohlfühlen, das stelle ich sehr in Frage. Also es ist einer Person wichtiger, dass sie eine gute Beziehung zu pflegenden Personen hat, dass diese Person fachlich perfekt ist. Das muss man sich einfach auf der Zunge zergehen lassen und unsere Modelle sind genau umgekehrt. Und darum möchten wir, wenn wir sagen, wir machen eine Pflege für queere Personen, wollen wir das Beste tun. Das Beste kann man selber erfinden, das ist aber ein mühsamer Projekt. Wir können das Beste auch einfach abschreiben, da wo es gut gemacht wird. Und das Buurtzorg-Modell, sagen wir, ist das beste Modell, das es gibt in Partnerschaften. Es ist ein bewährtes Modell. And jetzt natürlich ist das in Holland entstanden. In der Schweiz haben wir etwas andere Rahmenbedingungen. Darum haben wir die Partnerschaft mit Belvita gewählt, die dieses Buurtzorg-Modell auf die Schweizerischen Gegebenheiten transportiert hat, abgebildet hat, and gleichzeitig auch die passenden Abrechnungsstrukturen und Administrativstrukturen entwickelt. Und so wollen wir in dieser Partnerschaft mit Belvita, die Belvita Care, spezifisch auf die queere Populationen ausbauen. Das heisst, bewährte Modelle, erprobte Systeme, wollen wir umsetzen. Und auf diese Art und Weise haben wir eigentlich eine Möglichkeit. Wir können sofort starten. Wir können loslassen, wir können Angebote machen. Und wir machen keine Experimente, sondern können sofort Leistung erbringen, die die Menschen glücklich macht. Und darüber hinaus wollen wir dann auch, und das ist der wichtigste Teil natürlich, vorgelagert, eigentlich beginnt das Ganze beim Älterwerden damit, dass Menschen nicht durch die sozialen Strukturen fallen, dass sie in Netzwerken bleiben. Also das Wichtige ist das kweercare, was auch die Stiftung Bonjour macht, Netzwerke, Kontaktnetzwerke entwickeln und pflegen, wo die Menschen sich wohlfühlen, aktiv partizipieren können am Leben, unterstützt werden, durch Betreuung übergehend in die ambulante Pflege, bis hin dann, dass wir zur stationären Pflege dann halt vielleicht doch kommen, am Ende des Lebenswegs. Aber wichtig ist, dass wir in den Anfangsphasen aktiv sind, da werden eindeutig zu wenig Angebote gemacht.
Maximilian GriegerVielen Dank, Christoph. Marianne, ich habe schon gesehen, dass du einen Zwischenpunkt hast, den du gerne anbringen möchtest.
Outingangst und Schulungen im Heim
Marianne van VulpenGenau. Ich möchte gerne ein bisschen eine Lanze brechen für die Pflegefachpersonen an der Basis. Weil du hast jetzt viel von den Themen geredet, die Administration, die Versicherung, die Finanzen. Das ist sicher ein Thema in the Management, aber ich kenne ganz viele super gute Pflegefachpersonen an der Basis. And die sind mit Leidenschaft mit ihrem pflegen am Bett bei den Personen dabei. And die kann man gewinnen für andere Themen. Das ist ein bisschen vermutlich eine Diskrepanz zwischen Management und Pflegeperson. Da muss man ein gutes Mittel finden. Aber ich berate viele Firmen, die das Management will, das ist das erste Credo, unsere Patientinnen und Patienten oder unsere Bewohnenden wollen zufrieden sein bei uns. Wir müssen die ins Zentrum stellen. Und darum möchte ich da ein bisschen eine Lanze brechen für die Personen, die wirklich am Bett arbeiten. Heute habe ich gerade eine tolle Person vom Bürgerspital, eine Pflegefachperson, auch eine Leitungsperson, so empathisch and so nahe bei den Patienten. Das finde ich, also gibt es auch.
Christoph BollingerJa, Gott sei Dank gibt es das auch. Selbstverständlich. Ich stelle einfach fest, es gibt natürlich in unserer Gesellschaft doch einfach viele Vorurteile. Und es ist schön, wenn die Verhältnisse gut funktionieren, aber was ist, wenn sie nicht gut funktionieren? Und es ist wesentlich, dass das System zulässt, dass man die Gepflegte und die Pflegenden, dass da auch eine gewisse Dynamik ist und die Möglichkeit ist, das auszutauschen, und nicht einfach statisch gegeben ist. Wenn es gut passt, ist schön. Wenn es nicht gut passt, wird es in den strukturierten Systemen, wie wir sie haben, schwierig dann eine Veränderung vorzunehmen. Das ist eigentlich der Punkt. Und es gibt in unserer Gesellschaft doch immer noch eine ganz grosse Gruppe Menschen, die skeptisch sind gegenüber der queeren Community. Man spricht es nur nicht so aus, wie man das früher gemacht hat, aber sie sind alle noch da. Und wenn man in Gremien ist, wo die Personen nicht wissen, dass man der queeren Population angeht, ist man dann doch oft erstaunt, was da so gesprochen wird.
Maximilian GriegerHugo, ihr habt uns zwar eine Umfrage gemacht in diesen vier Heimen, die ihr, ich glaube, es sind drei in Bern und eins in Zürich. In dieser Umfrage kam raus bei den Bewohnenden, dass ca. 80% der queeren Bewohner*innen in euren Pilotinstitutionen öffentlich nicht geoutet sind. Also 80% aus Angst vor Diskriminierung. Was sagt das über den Stand von Akzeptanz in der Schweiz im Jahr 2026 aus? Das ist eigentlich gerade der Punkt, den der Christoph angesprochen hat.
Hugo ZimmermannGut, die 80% kommen aus der Theorie. Wie Christoph auch mit einer Initiative in Deutschland, die heisst Queer im Alter in Deutschland von der Arbeiterwohlfahrt, hatte ich ganz am Anfang, als ich das Konzept geschrieben habe, Kontakt aufgenommen und habe sehr viel von ihnen gelernt. Und diese 80%-Zahl kam auch von ihnen. Wenn wir den Altag ansehen im Heim, so in diesen vier Pilotheimen, wo wir jetzt sind, und hier sind Gespräche mit diesen Heimleiterinnen und Pflegefachpersonen oder Pflegedienstleitungen, ja, wir haben bei uns vereinzelt, haben wir queere Menschen, aber wir wissen nicht genau. Ja, sie sind einfach versteckt, sie trauen sich nicht, sich zu äussern, sich zu outen, sowieso nicht, da sind einfach ältere, queere Menschen, die outen sich nicht, die haben sich im Leben vielleicht überhaupt nie geoutet und kommen mit 85 in das Altersheim und leben dort und gehen back to the closet, sie gehen zurück in den Schrank. So wie dieser Kollege von mir, der 87-Jährige ist, der war im Verein, als Ehrenmitglied sogar, voll geoutet und geht jetzt zurück ins Heim, zurück in den Schrank und versteckt die Bilder hinter der Tür, oder? Das ist eben die Realität und das wollen wir mit der Initiative queer key ein bisschen aufbrechen, das ist ein sehr subtiler Bereich, wir können niemand outen und zwangsouten und das geht schon gar nicht, da braucht es die Unterstützung einerseits von oben nach unten, aber auch von unten nach oben und deswegen haben wir diese Botschafter*innen, die teilweise queer sind in zwei Heimen, teilweise nicht queer sind, weil sie das Gefühl haben, es ist richtig, dass wir das Thema im Heim angehen, das sind die Schlüsselpersonen, die mit dem Pin rumlaufen, dem queeren Schlüssel und versuchen mit sensibler Art und Weise, die Leute irgendwo darauf aufwachsen, zusammen zu machen, dass sie willkommen sind in dem Heim und sich nicht zurück back to the closet gehen müssen.
Roger FurrerWie sieht es denn aus auf der Pflegeseite im Personal, die queer sind? Wie geht es denen?
Hugo ZimmermannWir haben ein Beispiel von einem Heim, das ist ein Heim in Bern in Münchenbuchsee, wo zwei Pflegerpersonen queer sind, ein offen, geoutetes lesbisches Paar, das sich im Heim bewegt und die Umfrage hat auch gezeigt, dass genau in diesem Heim die Bereitschaft, die Offenheit gegenüber Vielfalt, viel höher ist. Also die Umfrage hat ganz andere Aussagen gemacht, nur weil es ein Rollenmodell gibt, dass es einfach Personen gibt, die hinstehen und dazu stehen, dass sie queer sind. Das haben wir auch in der Schulung, wir haben in der Spitex Bern eine Schulung durchgeführt, mit dem ganzen Kader, haben da auch ältere 80-jährige queere Senior*innen sprechen lassen, über ihre Erfahrungen, eben über ihre Diskriminierung, die sie im Leben erfahren haben. Wir haben uns ganz klar gesagt, dass diese Menschen natürlich aus einer Zeit kommen, der Homosexualität verboten haben. Das ist natürlich so, es war bis 1982 von der WHO als psychische Krankheit abgetan. Und die Leute sind damit aufgewachsen und waren teilweise in heteronormativen Beziehungen, hatten Familie und Kinder und haben sich dann eher später oder überhaupt nie geoutet.
Maximilian GriegerHugo, möchtest du uns vielleicht mal ein bisschen mitnehmen, und zwar wie ihr bei queer key schult?
Hugo ZimmermannDas schulen gehen wir eigentlich erst im Herbst an. Die Schulung wird einerseits, das wir die Pflegpersonen schulen. Und was ganz wichtig ist, die sind schon sensibilisiert auf das Thema. Die sind offen. Das hat auch die Umfrage bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gezeigt, dass die relativ offen sind gegenüber dem Thema. Aber in den Heimen, in diesen Heimen, wo wir tätig sind mit unserem Pilotprojekt, sind 60 Prozent Pflegepersonen sind Pflegehilfskräfte, die haben Migrationsuntergrund. Und das haben die Gespräche mit den Pflegefachpersonen, mit den Botschafter*innen gezeigt, dass genau diese Personen natürlich die Offenheit nicht so haben. Sie nennen es Haram. Haram, das ist alles schmutzig. Was nicht heteronormativ ist, ist eben Haram. Und es geht darum diese Leute natürlich auch abzuholen. Wir sind daran, mit der deutschen Initiative animierte Videos zu produzieren, wo wir diesen Leuten das Thema näher bringen können, dass die Offenheit besteht über die queren Menschen in Alters- und Pflegeheimen.
Roger FurrerMarianne, du hast einen Lebensweg, der vielleicht nicht ganz der Norm entspricht, was die Gesellschaft
Biografiearbeit, Weiterbildung und Geldfrage
Roger Furrererwartet. Du hast es angesprochen, deine Partnerin und du haben fünf Kinder grossgezogen. Du warst das Leben lang in der Pflege. Wie hat sich deine Arbeit anderes Blick auf die Pflege verändert mit deinem Lebensweg?
Marianne van VulpenDas finde ich jetzt noch schwierig zu sagen, aber es ist das explizit, gerade wie es mir in meiner Pflege geht. Mein Leben hat sich verändert und mein Umgang mit meinem queeren Leben, mit meinem Thema, wie oute ich mich, wann oute ich mich, wo oute ich mich. Und natürlich, ich habe ja selber in der Spitex gearbeitet, auch an der Basis gearbeitet. Als ich noch nicht geoutet war, sind mir auch Sachen aufgefallen, da ich mich gefragt habe, z.B. Frauen, die zusammengelebt haben, aber das waren zwei Frauen oder es war ein Paar. Das ist mir dann eigentlich erst später aufgefallen, dass das so war. Mein Blick auf das queere Leben, oder durch mein Coming-out, hat sich mein Blick in allen Facetten geändert. Und die Pflege spezifisch, da setze ich mich jetzt eigentlich viel mehr auseinander, weil ich werde jetzt älter. Jetzt geht es bei mir darum, wo komme ich. Wenn ich dann mal in eine Pflegeinstitution muss, oder wenn ich dann mal Pflege habe, dann will ich mich wirklich nicht erklären müssen. Und das ist eigentlich das Thema, was wir bei queerAltern aufnehmen wollen. Wir wollen wirklich etwas bewirken. Meine Motivation ist natürlich, ich weiss, ich brauche das auch mal. Das war eigentlich meine Hauptmotivation im Moment, von mir aus. Aber für mich ist es wirklich sehr wichtig zu sagen, dass es einerseits ist schon noch eine geschulterte Generation, die jetzt in Institutionen sind, die das nicht gewohnt sind, die das Coming Out überhaupt im Leben nicht gewohnt sind. Und andererseits ist es natürlich schon die Institution, die dann versuchen muss, so etwas aufzunehmen. Weil wir ja in der Alterspflege immer von Biografiearbeit reden. Biografiearbeit ist eine sehr wichtige Arbeit in den Altersinstitutionen zu schauen, wie dieser Mensch gelebt hat und die Pflege aufbauend aus dieser Biografie zu gestalten in diesen Institutionen. Darum finde ich es schon wichtig, in Pflegeinstitutionen oder Spitex-Institutionen die Fachpersonen., also wir haben jetzt von queerAltern ein Angebot. Wir wollen nicht nur Fachpersonen qualifizieren, sondern wir wollen eigentlich ganze Personale in Institutionen qualifizieren oder sensibilisieren. Und wir haben den Ansatz gewählt, dass wir wirklich von unten nach oben das machen wollen, damit die Menschen, die wirklich direkt mit den Menschen in Kontakt sind, die am Bett stehen, die täglich die Kontakte haben, das wird die sensibilisieren zu diesem Thema.
Maximilian GriegerUnd wir reagieren die Pflegeinstitutionen auf das Angebot?
Marianne van VulpenAlso wir haben jetzt zuerst einmal ein Pilotprojekt im Pflegehotel St. Johann gemacht und da ist der Direktor hier offen, da waren wir angewiesen, dass wir ein Heim finden. Aber jetzt haben wir es im Projekt, dass der Rollout vom Projekt ist jetzt grösser und wir haben jetzt das Bürgerspital als Stakeholder dabei und das Bürgerspital ist eine grosse Institution, wir haben fünf Institutionen, wir haben auch Wohnen mit Service, das ist auch noch interessant. Und dann haben wir noch die Spitex Davida, die ehemalige Home Instead, die haben wir auch als Stakeholder dabei. Und da merken wir natürlich schon, sobald die Institutionen dabei sind und Interesse zeigen, dann ist natürlich die Offenheit schon da. Und darauf sind wir natürlich schon angewiesen, dass die Institutionen offen sind, dass sie unsere Weiterbildung dann auch buchen, sage ich mal.
Maximilian GriegerDarf ich fragen, wie viel diese Weiterbildung kosten? Pi mal Daumen - es kommt natürlich darauf an wie viele Personen man schult und so, aber dass sich vielleicht unser Publikum Gedanken zu machen kann, ob man vielleicht von diesem Angebot von queerAltern Region Basel profitieren möchte.
Marianne van VulpenWir sind jetzt im Projekt so weit, wir haben ein Lernkonzept, wir haben ein Bildungskonzept, also das Unterrichtsmaterial, sage ich mal, das steht und auch wir sind jetzt dran, die Ausschreiben zu konzipieren und dann noch die Berechnung zu machen, wie viel wird das kosten. Aber wir wollen nicht daran verdienen als Verein, sondern wir wollen einfach unseren Aufwand, den wir jetzt gehabt haben, zu entwickeln. Das ist jetzt wieder Carearbeit oder freiwilligen Arbeit. Wir wollen eigentlich wirklich, dass der Aufwand bezahlt wird, dass wir die Menschen, die jetzt aktiv das Konzept entwickelt haben, das ist bis jetzt Freiwilligenarbeit gewesen. Jetzt haben wir aber Geld besprochen bekommen vom Präsidialdepartement, dass wir auch etwas zahlen können, aber der Ansatz ist immer noch halb freiwillig, sage ich mal. Aber am Schluss geht es halt darum, dass wir die Kosten, die wir dann haben, decken können und dass die Dozentinnen und Dozenten, dass die dann auch etwas bekommen. Das ist eigentlich unser Ziel. Wir werden jetzt im Herbst mit den Stakeholdern, die ich vorhin benannt habe, die sind eigentlich ein Beirat, die spiegeln uns, aber wir auf dem richtigen Weg sind, werden wir jetzt Schulungen durchführen mit dem Ziel, dass wir dann Ende dieses Jahres beginnen, nächstes Jahr, also in die Institutionen bringen können. Wir wollen auch noch das Amt für Alter oder Abteilung für Alter, heisst das, glaube ich. Wir wollen das auch noch ins Boot holen. Das sind wir schon mit einem Gesundheitsdepartement im Gespräch, die das auch unterstützen und fördern.
Maximilian GriegerMarianne hat es angesprochen, Care-Arbeit ist hilfreich unbezahlte Arbeit, Freiwilligenarbeit. Michael, wie macht ihr das bei Safe to Grow?
Speaker 2Genau gleich. Also es ist alles aktuell ehrenamtliche Arbeit. Wir arbeiten alle voll oder Teilzeit nebenbei und es ist eigentlich unsere Freizeit, die wir dafür aufwenden. Auch wir sind aktuell angewiesen auf Fördergelder, wo wir einfach die Teilzeit ein bisschen Auslastung schaffen können, auf Kollaborationen mit anderen Institutionen. Und auch wir sind jetzt nicht orientiert, Gewinn zu machen mit unseren Schulungen, sondern es geht uns wirklich damit, dass wir diese Leute das näher beibringen, unser Material, unsere Instrumenten ihnen mitgeben. Und bei uns ist es auch so, es kommt, je nachdem, mit wem wir jetzt zusammenarbeiten, wir haben klar auch da, wir haben unser Lernkonzept, wir haben unsere Schulungskonzepten, wir wissen, wie viel Zeit dahinter steckt, aber es soll jetzt nicht daran scheitern, wenn wir jetzt ein Honorar zur Verfügung stellen, das von der Institution nicht gezahlt werden kann, dass wir jetzt sagen, nee, das geht gar nicht. Sondern da finden wir auf jeden Fall einen Weg damit. Weil es geht uns wirklich darum, dass aus dem, was wir machen, auch so viele Leute profitieren können wie möglich.
Roger FurrerWie sieht es aus bei queer key? Du hast ja doch eine stattliche Summe zugesprochen bekommen. Die könnte eigentlich neidisch machen. Was passiert denn mit dem Geld, fährst Du damit in die Ferien?
Hugo ZimmermannNein, nein, ich gehe zwar in die Ferien in einer Woche, aber ich bezahle die selber. Nein, wir haben bei uns diese 180.000 Franken, die wir gekriegt haben, geht etwa 100.000 Franken an die Berner Fachhochschule. Die arbeiten im Projekt mit. Da sind zwei Professoren und mehrere wissenschaftliche Mitarbeiter und studentische Mitarbeiter, die im Projekt mithelfen. Die müssen wir entschädigen. Die anderen Gelder, die wir erhalten, ich verdiene nichts. Ich arbeite seit zwei Jahren zu 70% meiner Zeit am Projekt. Wir verdienen nichts. Wir geben das in den Verein in ein Fonds. Das dient dazu, wie es so immer ist mit Pilotprojekten, die dauern eine gewisse Zeit und dann hört es auf. Das wollen wir verhindern, indem wir ein Fonds gemacht haben im Verein queeralten Bern. queeralten Bern ist die Trägerschaft für dieses queer key. Das wir die Gelder reservieren für die spätere Weiterentwicklung. Wir professionell auch Leute entschädigen können. Die Schulungen machen oder Videos entwickeln können. Webseiten unterhalten oder ein Sekretariat. Das Ziel ist, die Initiative weiter auszubereiten. Das kostet auch Geld. Wir haben dieses Konzept alle zehn Mitglieder von queeralten Bern - die arbeiten gratis im Projekt mit voller Begeisterung, voller Enthusiasmus. Es ist unser Herzensprojekt. Es ist mein Herzensprojekt. Es strahlt aus, dass die Leute das Gefühl haben, ohne Entschädigung mitarbeiten zu dürfen. Wir kriegen eine Spesen-Entschädigung von 500 Fr. pro Monat dass ich nach Basel reisen kann, an die kweercare soirée. Aber ich bin ganz zufrieden damit. Es ist gut so.
Stiftung Bonjour und neue Altersnetzwerke
Maximilian GriegerChristoph, du hast vor sechs Jahren die Stiftung Bonjour ins Leben gerufen. Mich würde interessieren, was war dein Beweggrund, eine Stiftung zu gründen, die sich ja auch um ältere Menschen und deren Themen kümmert.
Christoph BollingerAlso das ist eigentlich eine verrückte Geschichte. Das ist der Firma Apple geschuldet. Wir hatten einen Namen, der relativ schwierig war. Unsere Organisation hat geheissen, Verein für Missionarischen und Diakonischen Dienst in Kleinbasel. Wir haben die jetzt umbenannt, in Verein Gustav Benz. Die Organisation hat nie Diakonie gemacht und sie hat nie missioniert. Aber die Firma Apple hat gesagt, eure App, den Circle-App, um Gemeinschaft zu organisieren, der kommt nicht in den Apps-Store, weil mit Missionaren wollen wir nichts zu tun haben. Und interessant ist, mir wurde damals die Macht dieser Tech-Konzerne bewusst, weil da gibt es einfach keinen Anschluss. Man kann kommen, wie man will. Wenn die sagen nein, dann ist es einfach nein und dann geht es nicht. Da haben wir gesagt, wir müssen das ganze Thema selbstbestimmt leben in einen eigenen Rechtskörper einbringen, eben in diese Stiftung Bonjour. Der Name sagt es ja auch schon Bonjour. Wir wollen die Menschen begrüssen, weil es ist ja eben der erste Punkt, die Beziehungen zwischen Menschen haben sich verändert, die Familienbeziehungen haben sich verändert, Distanzen etc. Bisherige alte Netzwerke, ich denke da zum Beispiel an die Kirche, oder? Das ist hier weitgehend weggefallen. Es braucht neue Strukturen, wie Menschen, die älter sind, miteinander in Kontakt sind und miteinander das Leben gestalten können. Das ist auch das Thema Freiwilligenarbeit, das wir vorher gehört haben. Freiwilligenarbeit ist ein zweigeteiltes Thema. Es gibt auf der einen Seite immer weniger Menschen, die freiwillige Arbeit leisten wollen. Auf der anderen Seite wäre die Bereitschaft da. Und an was liegt das, oder an den Strukturen? Und ich glaube, eines der wesentlichen Themen ist, dass man, wenn es um Alter und Pflege geht, dann sind meistens jüngere Menschen da, die denken, wie das Alter funktioniert, anstatt dass wir Modelle entwickeln mit den eigentlichen Anspruchsgruppen. Und die kommen vielleicht anders heraus, als die Gesellschaft haben möchte. Aber wir müssen akzeptieren, dass ältere Menschen andere Vorstellungen haben als jüngere. Das ist eine Diskrepanz, die weiter. Das ist ein wichtiger Punkt, das ist eine grosse gesellschaftliche Herausforderung in der Diskussion in Zukunft. Wie respektieren wir Wünsche von älteren Menschen, die nicht so ohne weiteres in unseren Gesellschaftsmodellen abzubilden sind? Das ist ein wichtiger Punkt, den wir mit der Stiftung Bonjour machen. Wir wollen Modelle entwickeln mit allen Beteiligten. Es soll aus der ganzen Gesellschaft, der ganzen Community, etwas entstehen, das für alle ein gutes Modell gibt. Und das ist ein ganz wichtiger Punkt, weil ein sehr bekannter Basler, den ich öfters, is jetzt weit über 80, der hat zu mir gesagt, am Alter stört mich nur etwas, dass immer mehr Menschen das Gefühl haben, sie müssten für mich denken. Ich möchte das selber schon, wenn ich seit zwei Jahren nicht mehr arbeite. Es gibt Leute, die sagen, was machst du eigentlich den ganzen Tag? Und haben das Gefühl, dass sie Beschäftigungen für mich suchen. Das ist ein wesentliches Thema, dass mit den Menschen, die in die Pflege, in die Betreuung kommen, dass man mit ihnen die Modelle erarbeitet und auch die Möglichkeiten, wie andere mit ihnen umgehen. Das gibt dann auch eine neue Form der ehrenamtlichen und freiwilligen Arbeit. Aber in den strukturellen Systemen, die wir haben, wo Freiwillige eingeteilt werden für diesen und jenen Dienst, ist es immer schwieriger, Menschen zu finden, die da ehrenamtliche Arbeit leisten.
Safe to Grow Pilot in Basel
Maximilian GriegerMichael, Du hast ein Vorprojekt vom Kanton Basel- Stadt genehmigt bekommen für Safe to Grow. Das heisst, wir sehen dich in Zukunft öfters in Basel. Möchtest du uns dieses Projekt einmal vorstellen?
Michael Esteves PereiraJa, gerne. Also ein paar Fragen sich ja, wieso ich von Zürich nach Basel komme? Das ist einer der Gründe. Wir wollen, also klar, wir haben in Zürich probiert, ein Pilotenprojekt zu starten, sind leider auf politischen Konflikt angekommen und wurden dann lahmgelegt, sage ich es mal so. Und an einem Pink-Talk mit Ömer hier im Herbst letztes Jahr durfte ich Sim kennenlernen. Sim hat mich auf die Möglichkeit, Safe to Grow nach Basel zu bringen, aufmerksam gemacht und wir haben das intern analysiert. Und ich muss auch sagen, ich hatte tatsächlich auch ein anderes Bild von Basel und bin sehr froh, dass ich überhaupt jetzt in Basel bin und das jetzt mir die Augen geöffnet hat. Also wirklich. Und dementsprechend genau, also in diesem Vorprojekt geht es jetzt aktuell, dass wir jetzt in Basel Akteurinnen und Akteurinnenkooperationen zusammenfinden und dann auch der Fachstelle beweisen können, dass es Safe to Grow in Basel braucht. Und darum sind auch sehr froh, dass wir jetzt mit euch zusammenarbeiten können. Und es geht auch wirklich darum, dass wir dann langfristig dann halt auch Institutionen in Basel auch von unseren Schulungen profitieren können.
Maximilian GriegerIhr arbeitet aber auch mit dem Unispital zusammen, habe ich gelesen. Ist das korrekt? Oder darfst du dazu was sagen?
Speaker 2Vom UKBB meinst du jetzt? Also jein, also die Interesse ist da. Wir sind jetzt auch dran zu versprechen. Es gibt noch keinen konkreten Vertrag, es gibt auch noch kein konkretes Auseinandersetzen. Aber es war schön zu wissen, dass die Interesse da ist, dass wir vom UKBB angeschrieben wurden und eingeladen wurden zu einer Präsentation. Und klar, also wir drücken uns selber die Daumen, das auf jeden Fall. Aber wir machen uns breit. Also wir haben Fehler damals gemacht in Zürich, dass wir uns auf einen grossen Akteur verlassen haben und dann ohne nichts davon gekommen sind und dementsprechend jetzt auch da eher mehr gleisig fahren, sage ich mal so.
Maximilian GriegerSchön, dass wir dich jetzt öfters nächste Zeit in Basel haben. Auf jeden Fall, ich hoffe es sehr.
Roger FurrerIch danke euch allen.
Schlussrunde - Termine und Aufrufe
Roger FurrerWir möchten zum Schluss kommen. Ich würde einmal die Runde durchgehen und fragen, braucht es queere Pflegeangebote? Und hätte gerne von euch jeweils ein kurzes Statement. Christoph?
Christoph BollingerAlso wie die jetzige Diskussion oder Darstellungen ja gegeben haben, muss man das ja mit einem klaren Ja beantworten. Es braucht es, weil entscheidend sind die Bedürfnisse der gepflegten und betreutenden Personen und da braucht die Bedürfnisse der Pflege Erbringenden. Was wir vorher diskutiert haben, ist ein wichtiger Punkt. Ideal ist natürlich, wenn wir in der Betreuung Pflege Menschen zusammenbringen können, die sich mal grundsätzlich verstehen und ihre eigenen Ausrichtungen verstehen. Sicher nicht in jedem Fall möglich. Ich glaube aber so eine rundum Ausbildung, alle irgendwie weiterbringen, das schafft nicht die Qualität. Ich glaube, es geht in die Spezialisierung. Und darum braucht es das, die Spezialisierung, nämlich die Menschen zueinander zu bringen, die einander verstehen, um miteinander können. Und das wird in der queeren Population abgebildet, aber das gilt auch für alle anderen. Also das ist eigentlich der Punkt, darum braucht es das Menschen für Menschen
Marianne van VulpenJa, es braucht queere Pflege. Ich möchte mal queere Pflege bekommen.
Michael Esteves PereiraIch kann nur zustimmen. Also eben auch ich werde älter und auch ich habe das Bedürfnis, dass ich mich nicht jedes Mal identifizieren muss oder rechtfertigen muss. Und ich glaube eben, man muss da nicht nur die aktuelle Pflege schulen, sondern man muss die zukünftige Pflege, die noch kommt, auch schulen. Weil sonst haben wir diesen Rattenschwanz, der ständig kommt. Kommen wieder neue, die haben keine Ahnung. Und dann sind wir immer in diesem Tam-Tam. Und darum finde ich, es braucht diese zwei Aspekte. Wir müssen die, die wir bereits praktizieren, sensibilisieren, und wir brauchen die nächste Generation, die muss genauso sensibilisiert werden.
Hugo ZimmermannIch denke auch, es braucht eine queere Pflege, aber nicht abgegrenzt. Wir haben bei queer key den Ansatz. Ich begleite Pro Senectute Bern seit zwei Jahren bei ihren Queerness-Bestrebungen. Die erste Aussage "Wir möchten Vielfalt, wir möchten Diversity." Das ganze Thema betrachten, ich habe gesagt, ja, aber das Thema Queerness ist ein Querschnittsthema, das genauso beachtet werden muss. Also für uns ist es wichtig. Es kommt immer wieder die Frage, was ist denn anders, denn an der queeren Pflege? Was ist denn wirklich anders? Es sind doch ganz normale Menschen. Es gibt Finesse und Unterschiede, die wir zusammen im Pilotprojekt in den nächsten zwei Jahren, anderhalbe Jahre noch anschauen möchten mit den Heimen, was es braucht in dieser Beziehung.
Maximilian GriegerUnd was ich heute gelernt habe, ist besonders, dass es Fachpersonen braucht, die dafür sensibilisiert sind. Das ist mir das Wichtigste. Und ich glaube, zu Beginn den Post auf Instagram, den wir bekommen haben, ob wir hier nicht ein Luxusproblem haben, das haben wir heute darlegen können, dass es kein Luxusproblem ist, das wir haben. Und deshalb danke ich euch sehr für diese Podiumsdiskussion. Gemeinsam unserem zweiten kweercare soirée. Merci vielmal an unsere Podium- Teilnehmenden. Wir haben allen diejenigen, die nicht aus Basel kommen und auch die, die aus Basel kommen, nämlich Basler Leckerlis mitgebracht, als Dankeschön und nämlich die Originalen, so dass ihr auch direkt dazu Bescheid wisst, die wir euch gerne aushändigen möchten. Bitte bleibt auf Eurem Platz. Und einen grossen Applaus an die Podiumsteilnehmer*'innen. Genau. Grosses Dankeschön auch an das Zischbar-Team, nämlich an den Lukas und den Marco. Darüber hinaus an der Technik Robin. Merci vielmal. Und darüber hinaus noch an das Team der Kaserne Basel, die diesen Abend nämlich möglich machen. Unsere soirées finden immer im Zusammenhang mit einer Listening Session statt. Heute ist Luciane Blue dabei. Es werden nachher und zwar die Stühle weggestellt. Wichtig ist, dass es für euch kein Rauschmiss ist, sondern dass wir gerne möchten, dass ihr da bleibt und dass wir uns vernetzen, dass wir ins Gespräch gehen und dass wir uns das Thema queere Pflege auch nochmal ansehen. Getränke gibt es heute drüben an der KaBar.
Roger FurrerKönnt ihr aber gerne rüberbringen.
Maximilian GriegerDie nächste kweecare soirée findet am 22. September statt, nämlich wieder hier im Rostall 2. Zum Thema "Mentale Gesundheit ist Care-Arbeit." Eigentlich das grosse Thema unserer Dachorganisationen, der LGBTIQ-Organisationen. Und dann haben wir noch zwei weitere Daten. Nämlich, wir möchten uns zwar gerne in der Palliativwoche das Thema ansehen. Und zwar "Bis zuletzt ich selbst". Das ist uns ein wichtiges Thema. Und darüber hinaus noch zum Welt Aids-Tag. Das Thema "Erinnern als Praxis". Die Daten, die werden auf unserer Webseite bekannt gegeben, nämlich auf kweercare.ch.
Roger FurrerIch möchte noch kurz was sagen zu den Postkarten auf den Stühlen. Von Nora Aliena Friedlin fotografiert, aufgewachsen in Basel, Jahrgang 2001. Sie hat gerade mit BA am Institut Kunst Gender Nature der HGK Basel abgeschlossen. Die Bilder zeigen Körper in Alltagsräumen, der rasierte Hinterkopf mit dem eingradierten Muster. Intim, häuslich, zärtlich. Und die P erson mit Hemd, mit Krawatte, Boxhandschuhe vors Gesicht gehoben, blickt direkt in die Kamera, bereit, aber auch fragend. Beide Bilder halten eine Spannung, die uns heute Abend auch beschäftigt. Zwischen Schutzlosigkeit and Haltung, zwischen Körper und Norm. Wir freuen uns wenn ihr die Karten nach Hause nehmt.
Maximilian GriegerOder auch verteilt in eurem Bekannten kreis.
Roger FurrerIm Namen von Tabea Hässler möchten wir euch heute Abend einladen an der LGBTIQ+ Panel Survey der Uni Zürich 2026 teilzunehmen. Es ist die wichtigste Online-Umfrage zu unserem Leben. Die, die noch nicht gemacht haben, sollen das bitte mitmachen denn unsere Arbeit. braucht Daten, wissenschaftlich belastbare Schweizer-Daten. Denn Systemwechsel passieren nicht einfach so. Sie passieren, wenn wir nachweisen können, dass ein Bedarf besteht mit Zahlen, mit Fakten, mit euren Antworten, bitte macht mit, wir kennen es schon aus unserer eigenen Arbeit. Es wird immer ganz konkret nach Diskriminierungserfahrungen, nach Daten gefragt, sonst bewegt sich gar nichts im System. Und das ist das, was wir erreichen wollen.
Maximilian GriegerDarüber hinaus gibt es.
Speaker 4Genau, wir haben gerade heute erfahren am Roundtable der queeren Organisationen in Basel, dass Basel eine Rainbow City ist.
Maximilian GriegerEine Jahr nach dem ESC.
Roger FurrerWie Bern. Okay, es sind aktuell 60 Städte aus 22 Ländern, die sich aktiv für LGBTIQ+-Rechte einsetzen. Die Gleichstellung und Diversität-Fachstelle feiern das, nämlich mit einer Fotoausstellung zum Thema B+ Visibility und Pride. Und jetzt kommen wir zur Listening-Session. Wir übergeben den Raum an Lucianne Blue, die uns klanglich begleiten wird. Lucianne Blue ist eine chilenische Künstlerin und DJ. Sie ist wohnhaft und arbeitet in Zürich. Die künstlerische Praxis verbindet Musik, Kultur und Community Organising. Sie erforscht Migration, sexuelle Dissidenzen und korrektive Formen des Zusammenlebens. In Ihren Musiksätzen verbinden sich elektronische und lateinamerikanische Sounds. Der Dancefloor wird zum Ort der Begegnung politischen Artikulationen und geteilten Gemeinschaft.
Maximilian GriegerNoch ganz zum Schluss. Wenn kweercare unterstützen möchtet, unsere neue Organisation, habt ihr die Möglichkeit, das mit einer einmaligen Spende zu tun, hier zum Beispiel über den QR-Code oder ihr könnt gerne auf unsere Webseite gehen. Wir sind auch noch auf der Suche nach neuen Vorstandsmitgliedern. Wenn ihr Interesse habt, mit uns zusammenzuarbeiten, bitte meldet euch. Bitte empfehlt uns und seid am 22. September mit dabei, wenn es ums Thema mentale Gesundheit geht. Wir freuen uns, wenn ihr wieder mit dabei seid. Und jetzt wünsche ich euch einen schönen Abend. Merci vielmal, seid ihr alle da gewesen. Danke schön.