VENTURE AI PODCAST

Die beste Arbeit ist keine Arbeit mehr. (#1280)

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In dieser Folge des Venture AI Podcasts diskutieren zwei KI-Agenten kontrovers den Essay von Norman Müller mit dem Titel "Die beste Arbeit ist keine Arbeit mehr. Sie heißt Künstliche Intelligenz". Im Zentrum steht die These, dass der klassische Stundenlohn ausgedient hat, weil KI Systeme rund um die Uhr Wertschöpfung erzielen, die kein Mensch mehr mit reiner Arbeitszeit aufholen kann. Norman Müllers Antwort ist der Übergang zur Beteiligungsökonomie, bei der Mitarbeitende nicht länger Zeit gegen Geld tauschen, sondern Anteile am Unternehmenserfolg erhalten. Wir beleuchten beide Seiten dieser Debatte: die Chance, mit Beteiligungsmodellen den Widerstand gegen KI Einführung aufzulösen und im globalen Talentwettbewerb zu bestehen, sowie die Kehrseite, dass unternehmerisches Risiko und finanzielle Verantwortung auf Angestellte abgewälzt werden könnten, ohne dass diese entsprechende Macht oder Absicherung erhalten.

Kapitel:

  • 00:00 Einstieg: Die harte Realität der KI Wertschöpfung
  • 00:39 Vorstellung des Essays und der zentralen These
  • 02:27 Das Bild vom Traktor: Warum der Stundenlohn tot ist
  • 03:44 Die Gefahr: Risiko wird auf Angestellte abgewälzt
  • 04:50 Wie Anteile den Widerstand gegen KI auflösen
  • 06:00 Das Zukunftsfinanzierungsgesetz und die Dry Income Steuerfalle
  • 07:11 Virtuelle Anteile (VSOPs) im Vergleich zu echtem Eigenkapital
  • 08:00 Liquidationspräferenz einfach erklärt
  • 09:28 Die neue Kompetenzfrage: Müssen Angestellte Finanzexperten werden?
  • 10:30 Der Wettbewerb um Talente: USA im Vergleich zum deutschen Mittelstand
  • 11:49 Die drei Gruppen des Arbeitsmarkts
  • 13:00 Der deutsche Mittelstand: Der Maschinenbauer als Praxisbeispiel
  • 14:11 Phantom Stock und Profit Pools als Alternative
  • 16:25 Fazit: Chancen und Risiken der neuen Beteiligungsökonomie

Das Essay von Norman Müller findest du auf Substack:

https://ventureaibriefing.substack.com 

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SPEAKER_01

Herzlich willkommen im Venture AI Podcast. Stell dir mal vor, du arbeitest 60 Stunden die Woche. Du bist fachlich, wirklich brillant, machst kaum Fehler. Und trotzdem schrumpft dein Wohlstand jedes Jahr. Genau, jedes einzelne Jahr. Warum? Weil das System neben dir, also eine künstliche Intelligenz, in einer Sekunde mehr Wertschöpfung erzielt als du in einem ganzen Monat.

SPEAKER_00

Das ist eine ziemlich harte Realität, ja.

SPEAKER_01

Absolut. Und genau deshalb debattieren wir heute über den neuen Essay von Norman Müller. Der Titel lautet Die beste Arbeit ist keine Arbeit mehr. Sie heißt künstliche Intelligenz. Dieser Text zwingt uns, den fundamentalsten Vertrag unserer Gesellschaft komplett neu zu verhandeln. Richtig, dieses klassische Geld gegen Zeit. Genau das. Norman Müller argumentiert da messerscharf, dass Unternehmen durch KI und völlig neue Vergütungsmodelle einen, naja, bisher unerreichten Hebel für Skalierung in der Hand haben. Wer den Wandel zur Beteiligungsökonomie jetzt nicht vollzieht, verliert laut ihm jede Wettbewerbsfähigkeit.

SPEAKER_00

Wobei ich diese Entwicklung aus einer völlig anderen Richtung betrachte. Also das Versprechen, dass wir jetzt alle vom klassischen Angestellten zum Mitunternehmer werden, das klingt auf dem Papier natürlich wahnsinnig verlockend.

SPEAKER_01

Ist das ja auch?

SPEAKER_00

Naja, ich werde heute aber aufzeigen, warum diese Vision von Norman Müller gesellschaftlich hochgradig fragil ist. Für mich stellt sich da die drängende Frage, ob unter diesem Deckmantel der Innovationen nicht schlichtweg das massive finanzielle Risiko des Unternehmertums auf die Beschäftigten abgewälzt wird. Und zwar ohne ihnen die entsprechende Macht zu geben. Wir sprechen hier über eine tektonische Verschiebung von Machtstrukturen.

SPEAKER_01

Puh, also deine Skepsis ignoriert ja völlig die ökonomische Mechanik, die wir doch gerade live erleben. Wir müssen mal an den Kern von Norman Müllers These heran. Er nutzt da ein ziemlich starkes Bild, nämlich der Stundenlohn ist tot.

SPEAKER_00

Das Bild mit der Landwirtschaft, richtig.

SPEAKER_01

Genau. Wenn wir uns ansehen, wie Arbeit bisher funktionierte, war das wie in der Landwirtschaft vor der Industrialisierung. Du wurdest dafür bezahlt, wie viele Stunden du den Flug über das Feld gezogen hast. Jetzt haben wir einen Traktor, der von allein fährt und keine Grenzkosten hat.

SPEAKER_00

Ja, das leuchtet ein.

SPEAKER_01

Wer in dieser neuen Welt immer noch für das reine Ziehen bezahlt werden will, geht ökonomisch unter. Du musst halt Anteile an der Ernte besitzen. Weißt du, eine künstliche Intelligenz kennt einfach keinen Feierabend. Die bearbeitet nachts um 310.000 Kundenanfragen in exakt derselben Qualität wie mittags um 12.

SPEAKER_00

Das stimmt natürlich. Dass sich die Wertschöpfung von der aufgewendeten menschlichen Zeit entkoppelt, das ist eine mathematische Realität. Da gehe ich voll mit. Mein Kritikpunkt setzt aber an der Schlussfolgerung an. Norman Müller fordert den Übergang zum Mitunternehmertum. Er deklariert die Unternehmensbeteiligung sozusagen zur neuen Jobgarantie der KI-Ära. Und was ist daran falsch? Das ist der Punkt, an dem die Analyse wirklich gefährlich wird. Eine Gehaltsabrechnung umzustellen, ist das eine. Aber das Risiko eines Start-ups oder eines sich transformierenden Unternehmens auf jemanden zu übertragen, der vielleicht eine Hypothek abbezahlen muss, das ist was völlig anderes.

SPEAKER_01

Ja, aber.

SPEAKER_00

Jetzt lass mich das kurz zu Ende führen. Wer ein festes Gehalt gegen Firmenanteile tauscht, geht eine Hochrisikowette ein. Wenn die Firma insolvent geht, sind das niedrigere Festgehalt und die Papiere gleichzeitig weg.

SPEAKER_01

Aber das Verharren im alten System ist doch mittlerweile die viel größere Hochrisikowette. Ich meine, wer weiter auf das scheinbar sichere Festgehalt pocht, verliert schleichend an Wert, weil seine Arbeitsstunde auf dem freien Markt durch KI inflationär wird.

SPEAKER_00

Naja, Inflation haben wir so oder so.

SPEAKER_01

Ja, aber lass uns mal betrachten, warum der Ansatz von Norman Müller aus Unternehmenssicht analytisch so unverschämt stark ist. Er löst das absolute Kernproblem der digitalen Transformation. Er bricht den Widerstand der eigenen Belegschaft. Okay, wie meinst du das genau? Also, wenn ein Angestellter heute klassisch nach Zeit bezahlt wird und eine KI eingeführt wird, die seine Aufgaben in einem Bruchteil der Zeit erledigt, was passiert dann?

SPEAKER_00

Naja, der Mitarbeiter sabotiert das System, weil er rational um seine Existenzberechtigung fürchtet. Er sucht nach Halluzinationen in der Software, er blockiert das Ganze. Das ist klar.

SPEAKER_01

Ganz genau, es ist ein lökonomischer Überlebensreflex. Er denkt sich, wenn die Maschine meine Arbeit macht, brauche ich weniger Zeit, das Unternehmen braucht mich nicht mehr, ich verliere mein Einkommen. Und Norman Müller dreht diese toxische Dynamik einfach um. Durch die Anteile. Exakt. Wenn dieser Mitarbeiter Firmenanteile besitzt, verschiebt sich sein gesamtes Anreizsystem. Plötzlich will er zwingend, dass die KI so viel fehleranfällige Routinearbeit wie möglich übernimmt. Der Erfolg und die Skalierung der Maschine steigern den Wert des Unternehmens und damit den Wert seines eigenen Portfolios. Aus einer existenziellen Bedrohung wird eine persönliche Rendite. Das ist Change Management durch Kapitalismus. Richtig, die KI ist nicht mehr der Konkurrent um die Arbeitsstunde, sondern der Hebel für den eigenen Wohlstand.

SPEAKER_00

Also diesen psychologischen Hebel bestreite ich in seiner theoretischen Eleganz gar nicht. Das ist schon clever. Du feierst hier ja auch die rechtlichen Rahmenbedingungen, die Norman Müller anführt, vor allem dieses neue Zukunftsfinanzierungsgesetz. Ein riesiger Durchbruch. Ja, bisher gab es in Deutschland diese absurde Situation der Dry-Income-Steuerfalle. Sprich, Mitarbeiter erhielten Anteile und mussten auf diesen fiktiven Buchwert sofort Lohnsteuer zahlen, obwohl noch kein einziger Euro geflossen war. Völlig verrückt eigentlich. Absolut. Das ändert sich jetzt, die Besteuerung wird nach hinten verschoben. Aber, und das ist mein großes Aber, auch wenn Norman Müller das als Durchbruch feiert, eine Steuerstundung löst das fundamentale Risikoproblem in keiner Weise. Inwiefern? Ein Steueraufschub nut mir absolut nichts, wenn die Firma am Ende die Erwartungen nicht erfüllt und die Papiere wertlos sind. Du kannst das Risiko eines Totalverlusts nicht einfach wegregulieren.

SPEAKER_01

Das verlangt ja auch niemand. Aber wir sprechen hier nicht von isolierten Experimenten, sondern von einer massiven Marktbewegung. Norman Müller untermauert das mit harten Fakten aus dem Bitcoin-Report 2025. Lass mal hören. 40 Prozent der deutschen Tech-Startups beteiligen ihre Teams bereits am Unternehmenserfolg. Und weitere 47% haben konkrete Pläne zur Umsetzung in der Schublade. Das sind fast 90% des Marktes, die sich in diese Richtung bewegen. Wir reden über die harte Gegenwartsrealität. Wer als Gründer oder CEO dieses Instrument ignoriert, schließt sein Unternehmen faktisch von der Talentakquise aus.

SPEAKER_00

Da muss ich aber hart reingrätschen. Lass uns doch mal ehrlich über diese Beteiligungen sprechen, die in diesen Statistiken auftauchen. Norman Müller schreibt ja selbst, dass 28% dieser Unternehmen lediglich virtuelle Anteile ausgeben, sogenannte VSOPs. Nur 8% gewähren echtes Eigenkapital. Ja, das ist eine wichtige Unterscheidung. Und wir müssen dem Hörer kurz erklären, was das bedeutet. Ein virtueller Anteil ist oft nichts anderes als ein finanzielles Trostpflaster. Du verzichtest auf Gehalt, bekommst einen Vertrag, der dir suggeriert, du wärst Eigentümer, aber du hast exakt null Stimmrecht. Naja, aber du profitierst vom Exit. Wenn es einen gibt. Du kontrollierst den Captable, also die Verteilung der Firmenanteile, überhaupt nicht. Schlimmer noch, bei einem Verkauf greift meistens die Liquidationspreference der Investoren. Okay, das musst du jetzt erklären. Gerne. Das bedeutet, die Geldgeber bekommen ihr investiertes Kapital zuerst zurück. Oft sogar mit einem garantierten Vielfachen. Wenn der Verkaufserlös dann nicht gigantisch ist, saugen die Investoren alles ab und der Pool für die Mitarbeiter mit ihren virtuellen Anteilen verfällt komplett wertlos. Das ist ein Worst-Case-Szenario. Aber ein reales. Das als neue Sicherheit oder Jobgarantie zu verkaufen, grenzt für mich an Zynismus. Man ist dem Management völlig ausgeliefert.

SPEAKER_01

Weißt du, der Denkfehler hierbei ist, dass du den Angestellten wieder als passives Opfer der Finanzstrukturen betrachtest. Norman Müller verschweigt dieses Machtgefälle zwischen Investor und Mitarbeiter ja nicht. Im Gegenteil. Ach ja? Ja. Er leitet daraus die wichtigste Forderung des ganzen Essays ab, die neue Kompetenzfrage. Wenn Anteile des neue Gehalts sind, dann muss der Mitarbeiter halt lernen, diese Verträge zu lesen. Er muss ein Geschäftsmodell bewerten können. Das meinst du nicht ernst. Doch, er muss im Vorstellungsgespräch den CEO fragen, wie sieht die Liquidationspräferenz eurer Serious A-Investoren aus? Wer das nicht tut, verhandelt schlecht. Das ist kein Zynismus, das ist die Aufforderung zur ökonomischen Mündigkeit.

SPEAKER_00

Und das hältst du für einen realistischen Anspruch an den breiten Arbeitsmarkt. Das ist der absolute blinde Fleck dieser Theorie. Du kannst doch nicht ernsthaft erwarten, dass ein normaler Angestellte über Nacht zum Venture Capital-Analyst mutiert. Es geht um Weiterbildung. Diese Art von tiefgehender finanzieller Bildung, das Verständnis von Verwässerungsschutz oder Exit-Wasserfällen, das lässt sich nicht in einem Wochenendseminar aufbauen. Wer in einem Konzern bisher brillante Software geschrieben hat, hat nicht automatisch die Fähigkeiten, das Risiko-Ertragsprofil einer Firmenbewertung zu durchleuchten.

SPEAKER_01

Das mag eine Lernkurve sein, aber.

SPEAKER_00

Hier entsteht eine massive Asymmetrie. Hochspezialisierte Finanzjuristen auf der Arbeitgeberseite treffen auf Laien auf der Arbeitnehmerseite. Das ist kein fairer Deal.

SPEAKER_01

Puh. Wer uns jetzt zuhört und in einem normalen, angestellten Verhältnis ist, denkt sich wahrscheinlich, schöne Silicon Valley Fantasie, das betrifft mich sowieso nicht. Aber die Marktdynamik lässt uns doch gar keine Wahl. Wie meinst du das? Guck mal, 2025 gab es in Deutschland über 3500 Neugründungen. Davon 27 Prozent mit einem Kern-KI-Modell im Zentrum. Diese Unternehmen wachsen rasant. Und amerikanische Firmen drängen parallel auf den europäischen Markt. Dort ist es seit Jahrzehnten Standard, dass Talente zuerst nach dem Optionspaket und erst dann nach dem Festgehalt fragen. Da drüben ist die Kultur auch eine andere. Ja, aber wenn ein amerikanisches KI-Unternehmen in Berlin einem Entwickler standardmäßig ein substanzielles Equity-Paket anbietet und der deutsche Mittelständler von nebenan wedelt mit seinem Tarifvertrag und einem Obstkorb, was glaubst du, wer das Talent bekommt? Deutschland verliert diesen entscheidenden Wettbewerb um die besten Köpfe, wenn wir uns aus falscher Sicherheitsliebe an das reine Gehaltsmodell klammern.

SPEAKER_00

Also für die absolute Tech-Elite, die Top-Entwickler und KI-Forscher ist dieses Szenario völlig zutreffend. Die haben die Verhandlungsmacht. Aber wir müssen zwingend die gesellschaftliche Makroebene beleuchten. Okay, schauen wir auf die Breite. Norman Müller nutzt in seinem Text das Bild der drei Gruppen im Arbeitsmarkt. Die erste Gruppe verkauft weiterhin stumpf ihre Zeit. Die zweite Gruppe verkauft hoch spezialisiertes Wissen auf Projektbasis. Und nur die dritte Gruppe besitzt Systeme, Algorithmen und Anteile. Mein Kritikpunkt ist, was passiert mit der breiten Masse, die in der ersten Gruppe feststeckt?

SPEAKER_01

Die muss so schnell wie möglich in die dritte Gruppe wechseln. Der Sprung von 1 nach 3 ist der einzige Weg, Wohlstand zu sichern.

SPEAKER_00

Aber dieser Sprung ist strukturell für viele überhaupt nicht möglich. Nimm eine Pflegekraft, ein Logistiker, eine Sachbearbeiterin im öffentlichen Dienst. Diese Menschen haben überhaupt keinen Zugang zu Start-ups mit skalierenden Captables. Das ist ein Problem, ja.

SPEAKER_01

Exponentiellen Reichtum aufbaut. Aber die Spaltung passiert doch so oder so. Die KI wartet nicht darauf, dass wir eine perfekte gesellschaftliche Lösung für alle Branchen gefunden haben. Norman Müller fordert da eine radikale Umdenkbewegung bei der Weiterbildung.

SPEAKER_00

Und wie soll die aussehen?

SPEAKER_01

Weiterbildung darf heute nicht mehr bedeuten, dass ich lerne, wie ich bessere Prompts für ein Sprachmodell schreibe. Das ist reines Bedienen von Werkzeugen, das in drei Monaten obsolet ist. Da stimme ich zu. Die wahre Weiterbildung besteht darin, wirtschaftliche Positionen neu verhandeln zu lernen. Wer heute noch Zeit gegen Geld tauscht, muss erkennen, dass dieses Modell ein Ablaufdatum hat und anfangen, Eigentum am Output zu fordern.

SPEAKER_00

Da formuliere ich mal meine stärkste Gegenposition. Die Mechanik der Mitarbeiterbeteiligung lässt sich einfach nicht flächendeckend auf die deutsche Wirtschaft übertragen. Verlassen wir mal die Techblase in Berlin oder München. Betrachten wir den klassischen deutschen Mittelstand. Okay, nehmen wir den Maschinenbauer? Genau. Ein Maschinenbauunternehmen in Baden-Württemberg, 100 Jahre alt, 100% in Familienbesitz. Die integrieren jetzt KI in ihre Buchhaltung, ihre Logistik und ihr Cut-Design. Die Gewinnmargen springen um 20% nach oben, weil die Maschinen die Effizienz treiben. Ein Traum für jedes Unternehmen. Wichtig. Aber glaubst du ernsthaft, diese Familie wird plötzlich 30% ihres Eigentums an die Belegschaft überschreiben? Das wird niemals passieren. Die Eigentümer streichen die Produktivitätsgewinne ein und die Belegschaft bleibt beim Tarifgehalt.

SPEAKER_01

Dass ein traditionsreiches Familienunternehmen keine echten Stimmrechtsanteile abgibt, ist völlig klar. Das erwartet auch Norman Müller nicht. Aber schälen wir mal den belastbaren Kern des SAs heraus, der das hier übersteht. Der Fakt ist, die Arbeitsstunde hat als Recheneinheit ausgedient, sobald die KI unbegrenzt mitarbeitet.

SPEAKER_00

Das ist unbestritten.

SPEAKER_01

Und wenn das stimmt, dann müssen auch traditionelle Unternehmen radikale neue Formen der Profitbeteiligung finden. Wenn sie keine echten Firmenanteile abgeben, müssen sie über Phantom-Stock-Modelle oder tiefgreifende Profitpools nachdenken. Ein Mittelständler kann nicht mehr stur nach Anwesenheitszeit abrechnen, wenn die KI den Umsatz vervielfacht. Das führt sonst zu Unruhe. Absolut. Die Belegschaft sieht ja die explodierenden Margen. Wenn das Geld nur oben bei den Gesellschaftern ankommt, während unten das Fixgehalt von der Inflation gefressen wird, erzeugst du einen massiven Frust, der das Unternehmen mittelfristig von innen zerstört. Die besten Leute werden einfach zu Firmen abwandern, die Profit Sharing anbieten.

SPEAKER_00

Wobei ein Profitpool eben kein Eigenkapital ist. Ein Profit Pool ist ein glorifizierter Bonus, der an Managementmetrigen geknüpft ist, die jederzeit geändert werden können. Du bist dann immer noch kein Mitunternehmer im Sinne von Norman Müller, du bist nur ein etwas besser bezahlter Angestellter auf Bewährung. Aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Alleinem Punkt finden wir hier aber zusammen. Der Essay zwingt uns wirklich unwiderruflich über die Verteilung der massiven Produktivitätsgewinne neu nachzudenken. KI steigert die Produktivität nicht nur, sie zentralisiert Macht. Wer das Modell kontrolliert, kontrolliert die Marge. Diese Machtfrage müssen wir politisch und unternehmerisch beantworten, sonst zerreißt es das soziale Gefüge.

SPEAKER_01

Und die Antwort kann nicht sein, dass der Staat einspringt oder wir auf alte Gewerkschaftsmodelle zurückgreifen, die nur über Stundenlöhne verhandeln. Wir müssen weg von der paternalistischen Idee, dass der Arbeitgeber schon für uns sorgen wird, solange wir nur fleißig von neun bis fünf am Schreibtisch sitzen. Die Illusion ist vorbei, ja? Das ist das Ende dieser Illusion. Aber es ist eben auch der Beginn von etwas enorm Kraftvollem. Wenn wir es schaffen, Beteiligungsmodelle in die Breite zu tragen, ob durch echtes Equity, VSOPs oder vertraglich harte Profitpools, dann bauen wir nicht nur schlagkräftigere Unternehmen. Wir schaffen zum ersten Mal die Möglichkeit für normale Angestellte echten exponentiellen Wohlstand durch Kapitalaufbau zu generieren, anstatt bis zur Erschöpfung gegen die Maschine anzurennen.

SPEAKER_00

Das ist die technokratisch-optimistische Sicht. Ich bleibe dabei. Wir tragen eine historische Verantwortung, diese Machtverschiebung schonungslos transparent zu machen. Wer sich auf das Spiel einlässt, Gehalt gegen Anteile zu tauschen, bewegt sich auf dem Terrain von Risikokapitalgebern, aber ohne deren Sicherheitsnetze. Das Risiko gehört dazu. Wenn wir den Menschen einreden, Anteile seien die neue Sicherheit, verschleiern wir das Risiko des Totalverlusts. Wenn ein Systemwechsel gefordert wird, müssen auch die Sicherungssysteme mitwachsen. Sonst wird aus dem Hebel für den eigenen Wohlstand ganz schnell der freie Fall in die Altersarmut.

SPEAKER_01

Wir sehen also, die Vision von Norman Müller liefert die vermutlich wichtigste Blaupause für das Überleben von Unternehmen im KI-Zeitalter. Sie birgt immense Chancen für exponentielles Wachstrom und echten Vermögensaufbau der Mitarbeiter, bricht aber gleichzeitig mit allem, was wir über Sicherheit im Berufsleben gelernt haben.

SPEAKER_00

Genau. Die tiefgreifenden Risiken für den Einzelnen und die drohende Spaltung der Gesellschaft in Anteilseigner und reine Zeitverkäufer lassen sich durch reinen technologischen Optimismus nicht einfach wegwischen. Es gibt viele Hausaufgaben für die Politik, für Gründer und für jeden, der heute noch einen klassischen Arbeitsvertrag unterschreibt.

SPEAKER_01

Die Gruppe, die Zeit verkauft, die Gruppe, die Spezialwissen verkauft und die Gruppe, die Systeme und Anteile besitzt. Die Zeit der ersten Gruppe läuft unweigerlich ab. Zu welcher dieser drei Gruppen wirst du in Zukunft gehören? Vielen Dank für das Interesse an diesem Diskurs.