Stadt Graz Podcast

Die Stadtbibliothek: Das größte Wohnzimmer der Stadt

Stadt Graz Season 1 Episode 100

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0:00 | 12:29

Zur 100. Folge geht es an einen Ort, der Wissen, Begegnung und Inspiration vereint: die Stadtbibliothek Graz. Gemeinsam mit Marie-Theres Stampfl und Boris Miedl sprechen wir darüber, was die Bibliothek zum „größten Wohnzimmer der Stadt“ macht, warum es hier alles andere als leise ist und welche überraschenden Angebote euch erwarten - von Events bis zur „Bibliothek der Dinge“. Freut euch auf persönliche Einblicke, spannende Hintergründe und viele gute Gründe, (wieder) einmal vorbeizuschauen.


Teaser/Boris Miedl

Wir verwenden sehr gern diesen Vergleich mit dem Wohnzimmer – mit dem größten Wohnzimmer der Stadt. Bei uns geht es gemütlich zu, man kann sich austauschen, reden und einfach Zeit verbringen.

Jingle/Simone Koren-Wallis:

Willkommen zur 100. Folge des Stadt Graz Podcasts!
 Wir sind heute in der Stadtbibliothek Graz - einem Ort, der viel mehr ist als nur Bücher. Warum das das größte Wohnzimmer der Stadt ist und was ihr hier alles entdecken könnt, das hört ihr jetzt.

Marie-Theres Stampfl:
Ich bin Marie-Theres Stampfl und leite seit mittlerweile vier Jahren die Stadtbibliothek Graz.

Boris Miedl:
Ich bin Boris Miedl, Teil des Leitungsteams der Stadtbibliothek Graz und in erster Linie für Veranstaltungen zuständig.

Simone Koren-Wallis:
Wir sind umgeben von Büchern und zwar von ganz, ganz vielen. Wie viele sind es eigentlich?

Marie-Theres Stampfl:
Wir haben rund 300.000 Medien - also nicht nur Bücher, sondern auch Hörbücher, DVDs, Musik-CDs und auch Dinge.

Simone Koren-Wallis:
Dazu kommen wir später noch. Wir haben ja gesagt, wir treffen uns direkt in der Bibliothek. Und ich meinte: „Da müssen wir doch leise sein?“

Marie-Theres Stampfl:
Nein, wir sind kein leiser Ort. Es gibt ruhige Bereiche zum Lernen und Arbeiten, aber im Kinderbereich darf es lebendig sein. Und wir haben überall Kaffeezonen, wo Austausch möglich ist. Wir verstehen uns klar als Ort der Kommunikation.

Simone Koren-Wallis:
Wie würdet ihr die Stadtbibliothek beschreiben?

Boris Miedl:
Wir sprechen gerne vom größten Wohnzimmer der Stadt. Es ist gemütlich, man kann sich austauschen, reden, Zeit verbringen und auch Raum nutzen, den man vielleicht zu Hause nicht hat. Ein wichtiger Fokus sind Veranstaltungen rund um Informations- und Medienkompetenz. Viele Schulklassen - von der Volksschule bis zur Oberstufe - kommen zu uns. Es ist eigentlich immer etwas los: vom Zeitunglesen bis zu großen Abendveranstaltungen.

Simone Koren-Wallis:
Warum sollte jede Grazerin und jeder Grazer einmal vorbeikommen und wiederkommen?

Marie-Theres Stampfl:
Grundsätzlich ist Lesen wahrscheinlich eine der schönsten Dinge im Leben. Ganz wichtig ist, dass alle Kinder viele Möglichkeiten haben, in unterschiedlichste Bücher einzutauchen und verschiedene Welten kennenzulernen. Das ist unser Grundanliegen: Leseförderung und allen Menschen die Welt der Bücher zu eröffnen.

Und dieser Raum ist, glaube ich, auch ganz wichtig: ein Ort, wo man hingehen kann, sich wohlfühlt und sich informieren kann. Gerade in Zeiten von Fake News und Deepfakes ist es wichtig, dass man unsere Mitarbeiterinnen fragen kann, ob Informationen vertrauenswürdig sind.

Simone Koren-Wallis:
Man hört im Hintergrund ein kleines Kind – ich finde es so super, dass man auch mit kleinen Kindern schon herkommt und ihnen Bücher näherbringt.

Du hast etwas Wichtiges gesagt, auch mit Deepfakes und so weiter. Wir sind im Jahr 2026, es wird alles immer digitaler. Man spricht davon, dass Zeitungen vielleicht bald nur noch online erscheinen.
 Wie ist da die Zukunft – bei so vielen Büchern?

Boris Miedl:
Spannenderweise ist das gedruckte Buch nach wie vor sehr gefragt, und die Zahlen gehen überhaupt nicht zurück. Gleichzeitig haben wir aber auch viele E-Medien: Online-Zeitungen und -Zeitschriften, E-Books und auch einen Streaming-Dienst. Wir fahren also auf beiden Schienen.

Simone Koren-Wallis:
Werden Kinderbücher wieder beliebter?

Marie-Theres Stampfl:
Ja, tatsächlich. Seit 2019 verleihen wir jährlich 40.000 Bücher mehr - das ist sehr erfreulich. Lesemotivation ist etwas ganz Wichtiges, genauso wie Vorlesen, auch wenn Kinder schon selbst lesen können. Natürlich muss man auch darauf achten, dass Inhalte qualitativ hochwertig sind, gerade bei KI-generierten Büchern. Wir haben gut ausgebildete Bibliothekarinnen, die da sehr genau hinschauen.

Boris Miedl:
Die Familien oder Eltern mit Kindern waren schon immer eine Hauptzielgruppe der Bibliotheken und sind es nach wie vor. Da geht es ganz stark um Lesekompetenzförderung, was auch im Bibliotheksentwicklungsplan unser Auftrag ist. Und das funktioniert – deshalb darf es bei uns, wie man hört, auch zwischendurch einmal lauter sein als in einer Unibibliothek.

Simone Koren-Wallis:
Und du hast es vorher schon angesprochen: Dinge zum Ausborgen. Die „Dingeborg“ – bitte erklären!

Boris Miedl:
Die Dingeborg ist die Bibliothek der Dinge bei uns. Das ist etwas, das vor einigen Jahren in Skandinavien aufgekommen ist. Mit diesem Namen haben wir 2020 in der Corona-Zeit gestartet, auch Dinge zu verleihen. Das ist ganz unterschiedlich: von Sportgeräten, Haushaltsartikeln über Tonieboxen bis hin zu Werkzeug – natürlich ganz wichtig. Das richtet sich vor allem an Leute, die gerne einmal etwas ausprobieren möchten oder Dinge brauchen, die man nicht ständig verwendet, wie zum Beispiel eine Schlagbohrmaschine. Die braucht man vielleicht einmal, wenn man seine Wohnung einrichtet, aber nicht ständig. Und somit ist dieser Sharing-Gedanke ganz groß: dass Dinge nicht nur herumliegen, sondern gemeinsam genutzt werden.

Simone Koren-Wallis:
Gibt es etwas, das besonders beliebt ist?

Marie-Theres Stampfl:
Also die Nähmaschine ist ganz beliebt. Ich glaube, es ist wieder moderner geworden, Dinge zu upcyclen. Wir bieten dazu auch Workshops an.
Wir haben in der Mediathek auch einen Makerspace, die Basementlabs – also die Kombination, etwas handwerklich zu machen, Dinge auszuborgen und gleichzeitig die passenden Expertinnen und Experten im Haus zu haben.
Weitere beliebte Dinge sind alles rund ums Kochen – das Waffeleisen zum Beispiel oder der Dörrapparat. Natürlich saisonabhängig auch Sportgeräte, aktuell das Stand-up-Paddleboard.

Boris Miedl:
Was mir sehr gut gefällt bei den Dingen ist, dass wir für Partys die ganze Ausstattung liefern. Also wir haben Partylichter, Nebelmaschine, Partybox, also wo man so wirklich die Soundbox mit dem Mover und so weiter, und die Biertischgarnitur. Das heißt, man kann sich bei uns tatsächlich für eine ganze Party ausstatten, jetzt in WM-Zeiten sowieso ganz klasse.

Simone Koren-Wallis:
Wer kann das alles nutzen?

Marie-Theres Stampfl:
Ja, jeder. Also ganz besonders ist, glaube ich, dass bei uns Kinder und Jugendliche kostenlos lesen, und dann kann sich jeder bei uns einschreiben, und die Mitgliedschaft kostet 20 Euro im Jahr. Also, glaube ich, sehr, sehr günstig, und es gibt aber auch noch Ermäßigungen, zum Beispiel mit der Sozialcard.

Simone Koren-Wallis:
Hand aufs Herz: Wie viel lest ihr selbst?

Boris Miedl:
Ich habe irgendwie den Ehrgeiz, zumindest jeden Tag, wenn es irgendwie geht, ein bisschen was zu lesen. Manchmal sind es dann nur wenige Seiten, und manchmal kann ich mich am nächsten Tag nicht mehr daran erinnern, weil ich schon darüber eingeschlafen bin. Aber ich habe zumindest immer irgendwie ein Buch in Arbeit, meistens sind es zwei bis drei Bücher parallel, und ich habe dann noch verschiedene andere Motivationen, wie so eine Literaturrunde, wo man dann auch teilweise Bücher liest, die man sich selbst nicht ausgesucht hätte, was einem aber tatsächlich viel hilft, auch in der Arbeit und so weiter, weil man dann auch aus anderen Perspektiven Dinge kennenlernt, weil sonst greift man doch immer zu einem ähnlichen Genre. Also versuche ich da sehr vielseitig aufgestellt zu sein.

Marie-Theres Stampfl:
Es gibt bei uns auch wirklich Heavy User. Es gibt Nutzer, die haben da mal letztens einmal nachgeschaut, also die schaffen es sogar bis zu 1.000 Bücher im Jahr auszuborgen. Da bin ich zum Beispiel persönlich schon sehr weit entfernt.

Boris Miedl:
Wobei wir da ja nicht kontrollieren können, ob sie das lesen, sie borgen aus!

Simone Koren-Wallis:
Habt ihr aktuelle Buchtipps?

Marie-Theres Stampfl:
Ja, ich habe jetzt gerade gelesen: „Ein weites Leben“ von M. L. Stedman, und das ist wirklich so ein Buch zum Reinfallen. Also ich habe es verschlungen, obwohl es 550 Seiten waren. Das ist wie so ein Film oder eine Welt, in die man hineinfällt. Das ist eine intensive Familiengeschichte, schmerzhaft, aber dann doch sehr tröstlich.

Boris Miedl:
Und ich habe etwas ganz Kurzes: Ich habe jetzt gerade gelesen von Marlene Haushofer „Wir töten Stella“. Das ist eine ganz kurze Erzählung, aus dem Grund, weil sie auch gerade in Graz ist. Es ist eine Plakette an dem Haus angebracht worden, wo sie studiert hat. Das habe ich in der Zeitung gelesen, und im Schauspielhaus wird das Stück gerade aufgeführt. Das hat mich dazu motiviert. Und ich muss sagen, es ist großartig geschrieben. Also die Erzählkunst ist wirklich ganz großartig. Und das ist eigentlich feministische Literatur, bevor es das Wort gegeben hat. Das finde ich wirklich spannend.

Simone Koren-Wallis:
Gibt es All-Time-Favorites?

Marie-Theres Stampfl:
Ja, im Kinderbereich ist es „Gregs Tagebuch“. Auch das Guinness-Buch der Rekorde ist immer vergriffen. Bei den CDs sind es tatsächlich noch immer die Bravo Hits – wir glauben es selbst kaum: Es gibt noch CD-Player.

Ja, und die Bravo Hits haben mittlerweile über 100 Ausgaben, glaube ich – das ist also natürlich immer ausgeliehen.

Tonies sind bei uns natürlich auch der volle Schlager.

Ja, auch Sachbücher im Kinderbereich. Bei den Mädchen ist es Liane Susewind oder später dann Percy Jackson, Harry Potter nach wie vor.

Boris Miedl:
Bei den Erwachsenen sind es die Bestseller. Es gibt diese Bestsellerlisten, und da weiß man schon: Die werden gut gehen – und die sind natürlich auch sofort weg. Die kann man nur zwei Wochen behalten, nicht vier Wochen, weil die Leute schon darauf warten. Da haben wir also auch andere Regeln sozusagen.

Marie-Theres Stampfl:
Wir haben seit einigen Jahren jetzt auch die BookTok-Listen. Also Jugendliche lesen tatsächlich wieder gerne analoge Bücher, die auch sehr hübsch gestaltet sind – und da gibt es unterschiedlichste Kategorien: von Fantasy bis Dark Romance und so weiter. Und die sind natürlich auch sehr beliebt.

Boris Miedl:
Also das ist eben ganz spannend, weil es diese große Diskussion rund um die BookTok-Bücher gibt. Auf der einen Seite sagt man immer: super, Jugendliche lesen. Auf der anderen Seite gibt es eher konservativere Meinungen dazu, die sagen: Na ja, aber was lesen sie – das ist nur Blödsinn und so weiter. Und dann hat es auch oft sehr stark sexualisierte Inhalte. Also es ist sehr umstritten, auf der einen Seite.

Ich persönlich finde es aber super, dass diese Inhalte übers Lesen aufgenommen werden, weil somit das Lesen im Fokus steht. Ganz spannend: So wie man früher vielleicht Horrorfilme heimlich angeschaut hat, obwohl man sie noch nicht hätte sehen dürfen, so holt man sich jetzt Erwachsenen-BookTok-Bücher, obwohl man vielleicht erst 14 oder 15 ist. Also irgendwie doch ein netter Gedanke.

Simone Koren-Wallis:
Und Lesen ist also weiterhin „Kino im Kopf“?

Marie-Theres Stampfl:
Ja, absolut. Also ich glaube, das ist für mich total entspannend, und man lernt einfach immer etwas dabei.

Boris Miedl:
Mir geht es genauso. Also es ist wirklich dieses Nebenbei. Es kommt natürlich sehr stark darauf an: Es gibt Bücher, wo man einfach den Kopf ausschalten kann und sich nur amüsiert, und andere, wo man ständig das Handy daneben braucht, wenn man die historischen Begebenheiten nachschauen muss – da wird es dann anstrengender. Aber in jedem Fall eine große Bereicherung.

Und wenn man nicht so gern selbst liest, dann haben wir auch zahlreiche Veranstaltungen bei uns. Wir haben an die 1.000 Veranstaltungen letztes Jahr gehabt, wo allein schon für Kinder fast jeden Tag ein Bilderbuchkino präsentiert wird, und danach wird gebastelt. Auch für Jugendliche haben wir das.

Und Speziallesungen, also ganz große Highlight-Lesungen, haben wir auch immer wieder im Angebot, wo verschiedene bekannte Autorinnen und Autoren aus dem deutschsprachigen Raum zu uns kommen und lesen. Wie zum Beispiel – jetzt war kürzlich Beate Maly da, im Herbst kommt Renate Welsh, Konrad Paul Liessmann kommt zu uns.

Also in ganz unterschiedlichen Bereichen versuchen wir, Menschen einzuladen und sozusagen auch ein Come-Together mit den Leserinnen und Lesern zu ermöglichen.

Das alles kann man auf unserer Website stadtbibliothek.graz.at finden, und dort kann man sich auch für unseren Newsletter anmelden. Dann bekommt man einmal pro Monat die neuesten Events, Veranstaltungen, Services und Angebote zugeschickt.