Dienstags im Koi - der Podcast von kulturmanagement.net

Folge 29: Innehalten

Julia Jakob, Kristin Oswald, Dirk Schütz, Olivier Marchal Season 1 Episode 51

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Der Kulturbetrieb ist oft geprägt von mehr Programmen, mehr Projekten, mehr Anträgen, mehr Tempo. Aber führt dieses Mehr auch zu mehr Wirkung? In dieser Folge sprechen Julia Jakob, Kristin Oswald und Dirk Schütz über Innehalten als bewussten Gegenentwurf zur Add-on-Logik. Sie fragen, warum Pausen nicht Stillstand bedeuten, wie Organisationen aus dem Hamsterrad herausfinden können und weshalb weniger manchmal die Voraussetzung dafür ist, klarer, gesünder und wirkungsvoller zu arbeiten.

KMN Magazin Ausgabe 188 Innehalten: https://bit.ly/km2605pdf


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Transkript: Dienstags im Koi - Folge 29: Innehalten

Ein Podcast von Kulturmanagement.net

Gespräch: Julia Jakob, Christin Oswald und Dirk Schütz

 

Hallo liebe Hörende und herzlich willkommen zur 29. Plausch-Folge von Dienstags im Koi, ein Podcast von Kulturmanagement.net. Einige von Ihnen werden jetzt vielleicht eine Stimme erkennen. Für alle, die mich noch nicht kennen, ich bin Julia Jakob, Redakteurin bei Kulturmanagement.net und freue mich sehr, dass ich heute endlich einmal wieder mit meinen beiden Kolleginnen Christin Oswald und Dirk Schütz unseren Podcast aufnehmen darf. Meine Elternzeit ist nach drei Monaten vorbei und Christin und ich hatten ja schon die Ehre, mit Christian Kries eine Podcast-Folge aufzunehmen. Aber mit Dirk und dir in dieser Kombi, Christin, ist es jetzt schon eine Weile her.

Ich habe gerade mal kurz nachgedacht. Ich möchte behaupten, über ein Jahr. Ja, ich glaube auch. Ich glaube, es müsste April oder März 2021 sowas in der Drehe gewesen sein. Ganz genau. Also in diesem Sinne habe ich gerade auch schon ganz kurz innegehalten, um einmal zu rekapitulieren, wie das überhaupt ging mit dem Podcast-Aufnehmen. Und gleichzeitig bin ich dabei natürlich auch mit dem Innehalten ganz nah an unserem heutigen Podcast-Thema, das sich zum einen mit unserer aktuellen Magazinausgabe beschäftigen wird, die heute, am 7. Mai, erschienen ist.

Sie ist am Montag, dem 4. Mai, veröffentlicht worden. Also alle, die das Magazin noch nicht abonniert haben, verlinken wir natürlich in den Shownotes. Und da ich dieses Magazin ja übernommen habe, würde ich gerne von euch erst einmal wissen, wie kam es zur Themauswahl? Das muss Dirk erzählen, denn das war seine Idee. Genau. Nicht, dass ich mich gehetzt gefühlt habe. Nein, es ist einfach, wenn man in Organisationen oder mit Organisationen arbeitet und natürlich auch in seiner eigenen Organisation immer wieder erlebt, wie schwierig es ist, auf bestimmte Dinge nicht hektisch zu reagieren oder nicht zu überreagieren und nicht hektisch versuchen will, zu kompensieren, dann kommt man relativ schnell darauf, dass es eigentlich wirklich eine Technik braucht. Oder eben auch so ein bewusstes Anhalten, Innehalten und deswegen bin ich darauf gekommen, in der Beobachtung der Arbeit in Organisationen, aber auch generell des Kulturbetriebes in den letzten Monaten, Jahren, ist mir einfach auch aus Gesprächen immer wieder aufgefallen, dass diese Add-on-Add-on-Logik so extrem vorgeherrscht hat, dass alle immer mehr gemacht haben, aber häufig auch dann gesagt haben, dass sie nicht so richtig erkennen können, ob das wirklich Erfolge bringt oder etwas verändert.

Im Gegenteil, viele erzählen dann von Überforderung, ausgebrannt sein und so weiter. Und da ich selber auch über Führung mir immer wieder Gedanken mache, habe ich einfach gedacht, das wäre wirklich mal ein guter Zeitpunkt, gerade weil jetzt eben auch diese Kürzungsdiskussionen sind und man eigentlich schnappatmungsartig darauf reagieren könnte und sofort etwas entgegenhalten möchte und dagegen rudern möchte, dass man wirklich sich einfach mal hinsetzt und konzentriert darüber nachdenkt, was bedeutet das denn jetzt für jetzt und für die Zukunft und wie kann man eigentlich dem Ganzen begegnen, ohne einfach auch nur aus dem Affekt heraus zu handeln, sondern das wirklich strategisch zu machen.

Und deswegen habe ich diesen Begriff des Innehaltens auch gewählt, weil in der Musik gibt es ja immer wirklich dieses mächtige Instrument der Generalpause. Das hat ja dramaturgisch sehr, sehr viele Auswirkungen oder ist auch ein ganz, ganz bedeutender Aspekt. Und generell sind Pausen sowieso in allem eine spannende Geschichte, auch wenn man Dialoge hat oder wenn man miteinander spricht, ob das der Moment ist, wo man sich Dinge erstmal anhört und kurz darüber nachdenkt, bevor man antwortet oder dass man einfach auch mal durchatmet, weil man sofort auf etwas impulsiv reagieren will oder ob das wirklich auch mal eine bewusste kurze Zäsur in einer Organisation ist, um zu sagen, das ist jetzt ein Moment, wo wir uns hinsetzen sollten und ganz intensiv darüber nachdenken sollen, was hat das für Auswirkungen, für Bedeutung für uns und wie wollen wir eigentlich in Zukunft arbeiten?

Und deswegen war dieses Innehalten für mich so ein schönes Thema. Aus dem hatten wir lange nicht so ein blumiges Thema, glaube ich. Und das hat uns ja in den letzten Jahren immer mal wieder ausgezeichnet, dass wir auch solche Themen aufgemacht haben. Und ich glaube, die Resonanz und auch die Artikel, die wir dann drinnen haben, haben ja gezeigt, dass das viele anspricht und dass das wirklich auch ein Thema ist. Und deswegen habe ich gedacht, ja, sollten wir das im Magazin verarbeiten. Gar nicht mal mehr als so eine Orchideenausgabe, sondern wirklich als ein Hinweis, dass da echt substanziell was drinnen steckt in dem Innehalten. Denn das bedeutet eben nicht, wie viele dann denken, Stillstand oder dass man verzagt oder nicht mutig genug ist, jetzt was zu machen, sondern dass man tatsächlich einfach tiefergehend darüber nachdenkt, mache ich eigentlich noch das Richtige?

Sind wir auf dem richtigen Weg? Wie können wir uns eigentlich auch in die Zukunft hin weiterentwickeln und auch verändern, weil es das braucht? Und aus diesem Hamsterrad, unser Bild ist ja so herrlich zu dem Magazin, aus dem Hamsterrad aussteigen und dann mal gemeinsam drüber nachdenken, was wirklich zählt. Ich finde es in der Hinsicht auch ganz spannend, ich erinnere mich noch, als wir den Call für die Ausgabe veröffentlicht haben, da fand der Call sehr viel Widerhall. Also es wurde sehr viel gelobt von unseren Follower:innen auf den diversen Social-Media-Kanälen, dass wir uns dem Thema widmen, das offensichtlich schon für sehr viele eine große Relevanz hat.

Also bei dem schon viele Menschen, glaube ich, dachten, oh, das ist eigentlich genau das, was ich in meinem Arbeitsalltag auch bräuchte. Und dass gleichzeitig wir dann gesehen haben, bei den Papers, die eingegangen sind, dass da sehr wenig Beispiele aber von Institutionen dabei waren, die das tatsächlich gemacht haben. Also wir haben den Beitrag von Doreen Mölders, die ich angefragt habe, weil ich eben wusste, dass sie das dezidiert damals noch im LWL-Museum für Archäologie in Herne diesen Ansatz gewählt hat, zu sagen, wir machen jetzt ein Jahr Pause von Drittmitteln, von Förderungen, von neuen Formaten, von was auch immer, um mal zu überlegen, wo wir eigentlich stehen und wo wir eigentlich hinwollen.

Aber dann eben gleichzeitig zu sehen, obwohl es offensichtlich so viele Menschen trifft und viele Menschen das brauchen oder das Gefühl haben, dass sie das brauchen, mal aus dem Hamsterrad auszusteigen und sich eigentlich zu überlegen für sich selbst, für ihre Organisation, wo sie stehen, wo es hingehen soll, wie es weitergehen soll, es dann scheinbar in nur relativ wenig Organisationen doch Punkte gibt, an denen das dann auch gemacht wird. Also an denen gesagt wird, okay, dann tun wir jetzt für welchen Zeitraum auch immer, nehmen wir uns mal zurück.

Und da ist ja die Frage, also nicht nur, dass es das zeigt, dass ein großes Bedürfnis da ist, sondern dass es scheinbar aber auch ein Problem ist, aus welchen Gründen auch immer, das umzusetzen. Also sei es, weil, was weiß ich, die Kulturpolitik sagt, ihr macht jetzt ein Jahr lang keine neue Ausstellung oder spielt alte Stücke wieder auf oder was auch immer. Das könnte ich mir schon vorstellen, dass es das ist. Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass dann doch in den Organisationen und bei den Kulturschaffenden auch die Angst besteht.

Aber welche Folgen hat das denn auch, wenn wir mal für eine gewisse Zeit selbst aus dem Hamsterrad ausbrechen? Verlieren wir das Publikum? Verlieren wir den Anschluss? Was sollen die Leute denken? Ob das Publikum das mitbekommt, ist ja nochmal eine ganz andere Frage und in welchem Ausmaß. Aber ich glaube, da treffen Hoffnungen und Bedürfnisse sehr stark auch Ängste auf verschiedenen Seiten, wenn es eben darum geht zu sagen, okay, Interhalten heißt ja am Ende, wir machen jetzt mal bewusst Pause und wir brauchen diese Pause auch.

Also das ist ja immer das. Eine Pause ist ja nicht nur ein Luxus, sondern eine Pause ist ja eine Notwendigkeit, mal durchatmen zu können, sich runterfahren zu können, auch als Mensch. Ich meine, wenn ich immer im Hamsterrad arbeite die ganze Zeit, ich habe wahnsinnig viel zu tun, ich hetze von einem zum nächsten. Das ist auch einfach so anstrengend für den Körper und für den Kopf, dass ja neue Kreativität, neue Impulse oft gar keinen Raum haben, sich zu entfalten, sage ich mal. Aber trotzdem wird es eben scheinbar nicht gemacht oder nur sehr selten gemacht.

Ja, und ich habe gerade auch gedacht, gerade das Beispiel von Doreen Mölders, das klingt ja schon danach, dass man sich da die Pause einfach geleistet hat oder sich die Pause leisten konnte. Aber gleichzeitig sollte es etwas sein, dass man sich nicht leisten können muss. Weil das ist ja auch ein wichtiger Punkt, der in Dirks Beitrag in dem Magazin und aber auch in unserem Editorial rauskommt, dass Innehalten kein Luxus sein sollte, sondern halt wirklich eine strategische Notwendigkeit. Und wenn man das Ganze von der organisatorischen Ebene einfach mal auf die persönliche Ebene runterbricht, wie du ja jetzt gerade auch meintest, also selber aus dem Hamsterrad auszubrechen, weil man sonst vielleicht auch vor lauter Terminen und Abgabepflichten etc. einfach auch den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht und natürlich auch die Kreativität darunter leidet, es vielleicht irgendwann auch so weit kommt, dass man ganz persönlich ausbrennt und damit verbunden im Kulturbetrieb wichtige Arbeitskräfte verloren gehen.

Und deswegen fand ich das auch so stark, als ich dann mit dem Lektorat in der Redaktion für die Ausgabe begonnen habe, da auch den Beitrag von Sebastian Bayer beispielsweise zu lesen, der, ich würde schon sagen, einen sehr bilderbuchmäßigen Karriereweg im Kulturbetrieb eingeschlagen hat, der aber ganz persönlich berichtet hat, dass es irgendwann zu viel war, weil ihm nämlich diese Inseln des Innehaltens, hat er es genannt, irgendwann abhonten gekommen sind in einem super vollen Arbeitsalltag, bei dem man ja natürlich auch das Privatleben irgendwie noch mit hineinbekommen muss.

Auch da hat man ja verschiedene Pflichten, spätestens wenn dann Kinder auch mit dazukommen. Und ich habe, glaube ich, in dieser Form auch selten ein so ehrliches Statement und ein Plädoyer dafür gelesen, dass man eben ganz klar sagt, es ging dann irgendwann nicht mehr. Und hier sehe ich aber nicht nur mich selbst in der Verantwortung, sondern eben auch Kultureinrichtungen als Organisationen, die dafür sorgen müssen, dass ihre Mitarbeitenden gesund bleiben. Also da spielen ja ganz viele Aspekte mit einer Rolle. Also worüber wir jetzt auch reden, ist wirklich die Seelenhygiene, die eigene Hygiene wirklich nicht zu missachten.

Und da Organisationen ja soziale Systeme sind und die Beteiligten eben in diesem sozialen System auch permanent in Kontakt und im Miteinander sind, gilt das für Organisationen genauso. Auch Organisationen müssten viel, viel mehr auch dafür tun, ihre Seelenhygiene oder innere Hygiene in den Blick zu rücken. Es gibt ja so viele Dinge von betrieblichen Gesundheitsprogrammen, was auch immer. Oder Menschen fangen an zu meditieren oder Yoga zu machen oder bewusste Dinge einzubauen, um entweder achtsamer zu werden oder eine Ruhe zu finden oder mal gar nichts denken zu müssen oder sich auf wieder etwas konzentrieren zu können. Und natürlich sollte das für Organisationen genauso vorhanden sein, weil da nun mal auch Menschen arbeiten und miteinander sich austauschen und in Kontakt zueinander treten und da genauso dieselben Probleme entstehen.

Aber es ist eben nicht so einfach, diesen Schritt zu wagen. Der kann manchmal durch einen externen Anstoß erfolgen, der kann aber auch durch eine Einsicht erfolgen, der kann auch durch Führungswechsel oder durch Personenwechsel erfolgen. Und dann kann man das bewusst nutzen. Und viele Mitarbeitende in Organisationen, wenn ich das immer so beobachte, entweder sie trauen sich es nicht oder sie wollen es auch nicht, dass sie wirklich mal aus diesem Hamsterrad raustreten. Viele beschweren sich natürlich darüber, dass dieses Hamsterrad da ist und dass man viel zu wenig Zeit zum Nachdenken hat, füllen dies aber ständig auch immer mit Aktionen und Arbeiten und Dingen oder eben auch mit Meetings, die überhaupt nicht produktiv sind und müssen dann dadurch, dass sie diese Meetings zum Beispiel auch gar nicht bewusst vorbereitet, durchgeführt und nachbereitet haben, dann noch mehr arbeiten, um das zu kompensieren, was da eigentlich nicht wirklich geklärt wurde.

Also es hängt auch viel an strukturellen Dingen, die da eine Rolle spielen, aber eben auch an liebgewonnenen Gewohnheiten. Und auch diese Gewohnheit, dass man bestimmte Dinge erträgt, wohl wissend, dass es nicht immer in die richtige Richtung geht, aber man nichts verändern will. Oder auch, darüber schreibe ich ja bei mir auch im Artikel, auch Dinge nicht beenden möchte. Und weil man sie einfach über die Jahre, entweder sie sind liebgewonnen und man ist stolz darauf und will nicht wahrhaben, dass das vielleicht nicht mehr zeitgemäß ist oder zu den Bedürfnissen von nutzenden Besuchenden passt.

Und auch zu den eigenen Bedürfnissen vielleicht nicht. Und dann eben entscheiden zu müssen, zu sagen, nee, wir lassen das oder wir schaffen das ab oder wir beenden eben etwas, was immer schwierig ist oder auch schwierig sein kann. Weil man dann, und das liegt ja im Wort Entscheidung, weil man sich dann von etwas scheidet, etwas loslässt, etwas abgibt oder beendet. Und das ist ja auch generell beim Thema Führung das Spannendste, wie schwierig es für viele Führungskräfte auch ist, Entscheidungen zu treffen, weil sie eben bedeuten, dass man dann einen Cut machen muss für etwas und sich für das andere entschieden hat.

Und dann kommt natürlich noch hinzu, auch bei Mitarbeitenden, die müssen ja auch in die Lage versetzt werden, sich entscheiden zu können und zu dürfen und auch die Power haben, das zu können. Und diese ganze Gemengelage, dieses ständig im Rotieren sein, Dinge zu kompensieren, das führt manchmal dazu, dass man auch darüber redet, dass eben so ein Cut vielleicht oder so ein Innehalten vielleicht als unproduktiv und als verschwendete Zeit oder Ähnliches gesehen wird. Aber jeder, der weiß, gerade auch wenn es um Mitarbeitendengespräche oder Führung geht, wie wenig Zeit man eigentlich für ein intensives und tiefgreifendes Gespräch braucht oder für ein Hinterfragen von Beobachtung, Entwicklung, was auch immer, der weiß, dass das sich absolut lohnt, sich mal diese Zeit zu nehmen.

Denn diese ganzen Gespräche, die wir den ganzen Tag so zwischen Tür und Angel führen, die sind es nicht. Und auch in diesen, ich sage ja immer, ritualisierten Hortenpalavern in den Meetings, die sind es eben auch nicht. Sondern es sind andere Dinge und bewusst gewählte Situationen oder bewusst gewählte Konstellationen, in denen man dann miteinander spricht oder miteinander über Dinge nachdenkt, die wirklich etwas ausmachen. Und das muss nicht viel Zeit verschlingen, sondern das kann man ordentlich planen und auch in den Arbeitsalltag einbauen.

Den meisten fällt das aber schwer, das wirklich für sich so zu sehen, weil sie natürlich so viele andere Aufgaben immer vor den Augen haben. Vergessen aber, dass so ein Moment doch zu einer Klarheit führen kann. Und das erlebe ich ja auch immer wieder in der Arbeit mit Organisationen, dass dann in den Gesprächen von Verantwortlichen plötzlich Erkenntnisse kommen, die könnten sie jeden Tag am Arbeitsplatz haben. Aber in dem Moment, wo sie dann die Zeit dafür haben, ist das dann da. Und dann sehen sie auch selber, dass Doppelungen von Arbeit, Überschneidungen von Kompetenzen, ungeklärte Zuständigkeiten oder Verantwortlichkeiten usw. sich dann auflösen können durch ein ganz einfaches Sich-das-mal-vor-Augen-Führen und dann viel schneller, viel weiter kommen.

Und die Zeit dann doch eigentlich sehr viel produktiver und auch effektiver genutzt werden konnte, als das am Anfang erscheint. Ich finde das ganz spannend, weil ich gerade so oft gedacht habe, wie stark das auch auf das Familienleben zutrifft. Also wie stark die Überschneidungen sind. Einerseits dieses, du hast eigentlich die Ruhe nicht, um wirklich nachzudenken über familiäre Fragen, die mehr sind als, wie machen wir das morgen mit dem Kita-Ausflug oder wer kümmert sich um die Brotdose oder was auch immer. Und wirklich Gespräche miteinander zu führen.

Und gleichzeitig heißt das ja auch immer, auch das Innehalten, es hat immer mit Angst zu tun. Sowohl das Innehalten, als auch dann was Veränderungen anstoßen. Und das trifft ja auch auf alle Change-Prozesse in Organisationen zu. Ich mich vielleicht mit schmerzlichen Wahrheiten auseinandersetzen muss. Und die können ja mich persönlich betreffen. Also das kann eben sein, die Erkenntnis, ich fühle mich eigentlich in diesem Arbeitsumfeld nicht mehr wohl und müsste eigentlich die schmerzhafte Entscheidung treffen, mich von diesem Arbeitsumfeld zu lösen.

Aber natürlich auch auf der gesamt organisatorischen Ebene und natürlich auch mit Erwartungen. Und ich fand es, dieses Thema Produktivität, wo du immer denkst, also gerade wenn du Kinder hast und dann sitzt du irgendwie abends auf der Couch endlich. Du hast die Arbeit gehabt, du hast die Kinderbetreuung gehabt, es ist 21 Uhr und du hast etwa 90 Minuten Zeit, um nichts zu tun und unproduktiv zu sein und trotzdem fühlst du dich schlecht, weil du unproduktiv bist, weil du ja eigentlich noch die Brotdose machen und dich um den Kita- Ausflug kümmern und was auch immer machen müsstest. Und wir ja auch in so einer Gesellschaft leben, die sagt, du musst halt produktiv sein und du hast so viel im Kopf, was noch erledigt werden muss.

Und das ist ja am Ende dann in der Arbeit genauso, dass wir natürlich auch im Prinzip die Priorität setzen müssen, unproduktiv zu sein, weil wir es halt brauchen. Und das ist ja was ganz Schwieriges, weil es ja auch total so einer gesellschaftlichen Erwartungshaltung widerspricht, die da ist, wenn wir dann zu uns selbst sagen, ich erlaube mir das jetzt, weil ich es brauche und weil es hilft und weil es notwendig ist. Aber von daher ist das, man kämpft da ja gegen ganz viel an, was irgendwie uns kulturell anerzogen ist.

Nämlich, ich muss irgendwie was leisten, ich muss was abarbeiten, es ist so viel da. Ich muss auch zeigen, dass ich das kann. Und gleichzeitig tut es mir im Zweifelsfall weh, wenn ich mich mit mir selbst, mit meiner Organisation wirklich ehrlich auseinandersetze. Und von daher ist dann doch vielleicht das Hamsterrad manchmal die einfachere Option, auch wenn es uns eigentlich, wenn es eigentlich zu viel ist. Ja, häufig ist auch die Ungleichzeitigkeit von Ansprüchen eben das Problem. Es befinden sich eben nicht alle im gleichen Takt oder in der gleichen Situation, jetzt sagen zu können, wir machen mal einen Cut oder wir halten jetzt mal inne. Das ist auch in Organisationen natürlich häufig das Problem.

Die einen wären vielleicht soweit, die anderen sind aber gerade in der Beantragung von irgendetwas oder arbeiten am Strategiepapier oder müssen ein Feuer löschen bei diesem und jenem Thema. Und da ist es immer schwer, so unterschiedliche Teile der Organisation dann zusammenzutrommeln, um wirklich gemeinsam im selben Moment über Dinge nachdenken zu können. Das ist, glaube ich, die größte Schwierigkeit. Dies aber zu vermitteln, wie wichtig das ist. Und ich glaube, da hängt auch ganz viel dran, dass man, wenn man solche Prozesse hatte, da wirklich auch ständig wieder ein Feedback sich gegenseitig gibt, was das bewirkt hat, was man daraus gelernt hat, was man jetzt verändern konnte, ob man da für sich auf den richtigen Weg ist oder nicht, dass man nochmal nachjustieren kann, sich wieder trifft und so weiter.

Das ist halt sehr wichtig. Also es ist nicht damit getan, sich zu treffen und intensiv mal darüber nachzudenken oder auch zu denken, dass die jährlichen Jour fixe das bringen, weil genau die Themen eben nicht unbedingt nur typischerweise zu diesem Jour fixe dann auch präsent sind oder evident sind, sondern dass man dann auch immer wieder – und das muss auch gar nicht in der großen Runde, kann auch in kleineren Gruppen oder in Arbeitsgruppen so sein – dass man sich immer wieder trifft und dann nochmal darüber nachdenkt, was hat das eigentlich zur Folge gehabt oder was hat das bewirkt, wie kann man da weitergehen, was hat man auch gelernt, wie kann man Dinge verstetigen, wie können auch andere Erfahrungen von den anderen übernehmen und, und, und.

Also es ist schon auch ein fortlaufender Prozess, aber dieses bewusste Innehalten und zu sagen, jetzt setzen wir uns mal hin und denken wirklich darüber nach, wo sind wir, was machen wir und macht das so Sinn oder wollen wir es nicht anders tun, das braucht halt auch viel Vorbereitung und dann auch eine gute Koordination. Ja, und gleichzeitig ist dieses Innehalten ja auch so ein Verlassen der bisherigen Pfade oder das, was man halt gewohnt ist. Ich habe das gerade so gedacht, Christina, als du meintest, ja, dann ist vielleicht doch am Ende des Tages das Hamsterrad so der bequemere Weg, weil man es nicht anders kennt, in erster Linie.

Und gleichzeitig habe ich auch, gerade was das Thema Produktivität anbelangt, vor der Geburt meines Kindes und auch vor meiner Elternzeit, ganz oft gerade in so dichten Arbeitsphasen, mir irgendwann mal ganz bewusst klar machen müssen, es bringt nichts, wenn du acht Stunden am Schreibtisch sitzt. Es braucht eine Pause, nicht nur eine Mittagspause. Und am produktivsten war ich, wenn ich dann einfach irgendwann gesagt habe, okay, ich mache jetzt hier eine bis anderthalb Stunden, einfach mal einen Cut, gehe in den Park, laufe eine große Runde.

Körperliche Aktivität ist ja dann sowieso das Beste, um halt den Kopf freizukriegen. Und danach lief es nicht nur besser, sondern ich war auch effizienter in allem, was ich dann irgendwie gemacht habe. Und das nicht, weil ich im Kopf hatte, na ja, jetzt hast du halt irgendwie anderthalb Stunden von deiner Arbeitszeit abgezwackt. Du willst ja auch irgendwann Feierabend machen vor einer gewissen Uhrzeit. Sondern einfach, weil der Kopf dann wieder klarer war und alles irgendwie mehr mit sich im Reinen, das klingt jetzt gerade so eh so, aber ihr wisst, was ich meine, dass ich glaube, dass sowas zum einen natürlich ein schönes Privileg ist, dass wir das überhaupt in unserer Arbeit machen können. Und ich gleichzeitig aber jedem auch wünschen würde, dass man sich diese Freiräume selber nehmen und gestalten kann.

Aber das ist, glaube ich, eben auch das Schwierige, dass du das auch als Privileg bezeichnest und dass das eigentlich ein wichtiger Aspekt von Arbeit auch sein muss. Also wenn ich jetzt als Arbeitgeber denken würde, dass meine Mitarbeitenden acht Stunden am Tag durchweg produktiv sind, dann belüge ich mich. Das ist eine Erkenntnis, die man relativ schnell kriegt. Und das Schlimme ist auch, viele wissen es ja auch, aber schieben es dann zur Seite, weil sie sagen, es steht ja so im Arbeitsvertrag. Was hilft mir das aber, wenn die Produktivität darunter eigentlich leidet? Also wie du beschreibst, finde ich genau richtig, weil das auch tatsächlich was mit Eigenverantwortung zu tun hat.

Und ich hoffe, dass jeder und viele das so in ihre Arbeit einbauen können, dass sie, wenn sie das Gefühl haben, ich komme eigentlich gar nicht weiter, sondern ich muss jetzt mal kurz durchschnaufen, dass sie das dann auch können. Klar, in bestimmten Prozessen. Während eine Aufführung eines Theaterstücks ist, wird das schwierig. Und dann kannst du nicht die Kulissen fallen lassen oder was auch immer. Oder dein Instrument mal kurz zur Seite legen und sagen, ich wollte mal kurz durchschnaufen. Aber das kann man ja trotzdem immer wieder auch einbauen.

In den Momenten, wo man dann vielleicht eben nicht tatsächlich Aktionen gefragt oder andere davon abhängen, sondern dass man das machen kann. Und das hat ja wieder auch mit Empowerment zu tun, dass man sagt, ich weiß, wenn ich jetzt mal ganz kurz mein Gehirn durchlüfte, dass ich danach einfach viel schneller und produktiver bin. Und das ist ja auch so. Und das kann man ja auch mal überlegen, ob man das bewusst mit einbaut oder bewusst mit in den Arbeitsalltag integriert. Wir machen das ja zum Beispiel immer mit unserer Mittagspause, wo wir ganz viel auch berufliche Dinge besprechen, aber auch mit privaten Dingen. Und da ist auch ja auch auf der Arbeit immer, eben gerade weil man soziales Wesen ist, der Wunsch da, dass man sich auch über Privates austauscht und dass man da auch Erlebnisse vielleicht mitteilt.

Und klar fällt das auch dann in die Arbeitszeit zum Beispiel rein. Aber das kann man eben dann auch so auffangen, indem man sagt, okay, dann machen wir eben unsere Mittagspause etwas länger, aber vergessen dabei Arbeitsinhalte nicht und tauschen uns trotzdem Privates aus. Dann ist das hier keine verlorene Zeit. Es ist ja auch so oder so nicht. Also weil die Arbeitsbeziehung, da ist eben die Beziehung auch drin. Und wenn ich die Beziehung pflege, dann heißt das ja nicht nur, dass es automatisch was Privates ist, sondern auch, dass es ja wiederum darauf einzahlt, dass die Arbeit am Ende besser läuft, weil ich mich besser verstehe, weil ich mich kenne, weil ich vielleicht weiß.

Also ich kann mich erinnern, wir hatten ja auch mal eine Person im Team, die so gar nicht oder nur sehr selten Privates mit uns teilen wollte und wo wir dann immer nur an der Stimmung, wenn morgens die Tür aufging, quasi gemerkt haben, dass da jetzt gerade vielleicht was nicht so gut ist. Und das war ja im Prinzip schwierig, weil du gar nicht wusstest, wie du mit der Person jetzt umgehen sollst. Und das heißt ja nicht, dass ich jetzt meine privatesten, intimsten Dinge teile. Aber wenn ich eben sage, passt auf, Leute, ich habe gerade einfach ein Problem, das ich klären muss und es kann sein, dass ich ein bisschen abgelenkt bin, dass ich gerade ein bisschen schwierig bin, auch in der Art, einfach so, dann hilft das ja auch einfach, hilft das ja auch allen, wenn man auf dieser Ebene miteinander ist, dass man das teilen kann, weil sich die anderen dann darauf einstellen können, anstatt dann eben zu sagen, ja, was ist denn jetzt da los, Mensch, der soll sich mal zusammenreißen und wir müssen doch hier mal gucken, dass es hier vorwärts geht, weil das funktioniert ja nicht.

Wir sind ja kein Roboter, wir sind halt alle auch Menschen und auch im Kulturbetrieb geht es natürlich um Zusammenarbeit. Und dazu gehört eben auch dieses Innehalten und nicht nur die Arbeit zu pflegen, sondern eben auch die Beziehung zu pflegen, die da dazugehören. Ja, oder noch schlimmer dann eben als Resultat, sich das dann eben so aufstaut, dass es dann explodiert. Also, es ist auch eine Führungsaufgabe, nicht jeden Mitarbeitenden privat auszufragen, aber das, was du beschreibst, ist doch für eine Führungskraft total wertvoll mitzubekommen.

Was sind auch Mitarbeitenden, was ist denen auch wichtig? Wofür brennen die oder wofür brennen die nicht? Oder was bestimmt auch deren Alltag? Auch vielleicht ihr Leben und dass man damit auch umgehen kann, dass man entweder schon im Vorhinein präventiv Dinge abfedern kann oder schneller ins Gespräch kommt über bestimmte Situationen, weil man das mitbekommen hat, dass das vielleicht ja kann ja auch passieren, dass Mitarbeitende sich gar nicht trauen, Dinge anzusprechen. Es aber immer schlimmer wird. Also und dafür sind ja solche Sachen da.

Das macht eben auch viel aus in der Führung und kann eben auch viele Probleme schon viel, viel frühzeitiger erkennbar machen. Oder man kann eben umgekehrt auch ganz bewusst auf Bedürfnisse von Mitarbeitenden eingehen, weil man die einfach mitkriegt und sich darauf einstellen kann und auch Angebote machen kann, was auch immer. Ja, und das kannst du aber nicht, indem du sagst, so, wir setzen jetzt einen Termin an. Das ist jetzt ein Arbeitstermin, 12.30 Uhr. Frau Jakob, jetzt erzählen Sie mir mal, was ist denn da los bei Ihnen? Ja, so, sondern, also, sagt sie, ich fühle es gerade nicht. Richtig, so, sondern und das ist ja das Problem mit dem Hamsterrad, dass du diese Zeitfenster, die du einfach in dem Moment brauchst, wenn der Moment da ist, wenn du die halt nicht hast.

Ja, und das also, das schließt auch an das an, was Jule vorhin gesagt hat. Im Prinzip reicht es ja auch nicht, wenn dieses Innehalten dann ein etwas Einmaliges ist. Also ich sage so, wir machen jetzt mal hier drei Monate Pause, in denen wir irgendwie Meetings machen und uns besinnen und entschleunigen. Und danach geht es weiter wie vorher, sondern im Prinzip muss ja eigentlich das Ziel sein, dass ich immer die Möglichkeit dazu habe, dass ich die Möglichkeit habe zu sagen, ich gehe jetzt mal eine Stunde im Park spazieren, weil es einfach mein Arbeitspensum auch erlaubt, das zu tun.

Und nicht nur, dass ich dann vielleicht meine Arbeitszeit nach hinten schieben muss und irgendwie gucken muss, wie ich das mit anderen Dingen überein bekomme, sondern dass ich auch gar nicht im Prinzip 60 Stunden meiner Woche füllen müsste, um alles abgearbeitet zu bekommen. Das heißt, für mich wäre das Ziel, sagen wir, eines erstmaligen Innehaltens eigentlich auch, eine Struktur zu schaffen, in der das halt dauerhaft möglich ist. Und wenn ich nur überlege, schaut mal, wie oft wir darüber sprechen, wie viel Content wir eigentlich veröffentlichen wollen.

Ich würde mal sagen, entgegen allen anderen ist eigentlich unsere Entscheidung, das nicht zu erhöhen. Also nicht zu sagen, wir gucken jetzt jeden Tag einen Beitrag oder mehr als das. Nicht, weil es nicht genug Content oder genug Themen gäbe. Am Ende könnten wir wahrscheinlich jeden Tag zehn Beiträge veröffentlichen und würden immer noch nicht den gesamten Kulturbetrieb damit abdecken. Aber weil wir wissen, dass unsere Lesenden gar nicht die Zeit haben, sich damit zu beschäftigen. Und ich meine, das ist ja ein Problem, wenn du überlegst, wir machen im Prinzip Inhalte und unsere Autor:innen, die im Arbeitsalltag helfen und die Leute, die sie bräuchten, haben aber nicht mal die Zeit, sich damit zu beschäftigen.

Und das ist ja nicht nur ein Problem für uns, sondern ja vor allem ein Problem für die Leute, zu sagen, wenn sie eigentlich diese Zeit brauchen, diese was auch immer, eine Stunde am Tag vielleicht, um zu gucken für die Themen, die gerade auf meinem Schreibtisch liegen, was gibt es denn dazu? Oder was passiert allgemein einfach im Kulturbereich? Wovon kann ich mich inspirieren lassen, ihre Informationsquellen anzapfen können, sich damit beschäftigen können? Und eigentlich dieses kleine Fenster der Entwicklung, dass du ja brauchst, dass es das eigentlich nicht gibt oder zu wenig gibt, weil man eben in diesem Operativen so stark gefangen ist.

Und für mich zeigt sich das auch immer daran, wie viele Dinge auch doppelt gemacht werden im Kulturbetrieb, nicht nur in einzelnen Einrichtungen, sondern ich erinnere mich, es gab eine Zeit, da haben auf einmal alle Städte so Geschichts-Apps, VR-Geschichts-Apps entweder oder AR. Also geh mit deinem Smartphone durch die Stadt und guck, wie die Stadt vor, weiß ich nicht, 100 Jahren aussah. Und jede Woche bekamen wir fünf Pressemitteilungen, total innovative App. Stadt A hat sie entwickelt und dann Stadt B und dann Stadt C und alle neu und alle einzeln. Und alle fanden es total innovativ.

Und es war sicherlich auch, also ich will das Konzept an sich gar nicht kritisieren, aber ich habe dann immer so gedacht, aber warum bist ihr denn nicht? Dass es irgendwie 20 andere Städte gibt, die gerade genau dasselbe machen. So also dieses über die Mauern der eigenen Organisation hinaus gucken können, die Zeit dafür haben und die Muße dafür haben und nicht nur einmal im Jahr auf der Tagung. Das scheint ja total zu fehlen, aber das ist natürlich ein Problem, weil dann auch wieder Zeit und Geld investiert wird, um Dinge zu entwickeln, die es aber vielleicht schon gibt oder die andere schon entwickelt haben.

Und das macht es ja im Prinzip immer schlimmer eigentlich, anstatt dass es irgendwie besser wird. Dadurch, also es erscheint ja auch so ein bisschen kontraintuitiv zu sagen, in dem Moment, wo wir langsamer werden, werden wir aber auch effizienter. So, aber es ist ja einfach ganz oft so. Ja, wo wir ja wieder bei dem Punkt mehr Qualität statt Quantität sind, beziehungsweise dass mehr nicht immer gleich auch besser ist. Ja, und darüber haben wir ja aber. Also darüber hat sich ja der Kulturbetrieb ganz lange definiert.

Einfach, dass es halt immer mehr wurde. Und das heißt ja auch nicht, dass es schlechter wurde. So also die Qualität mag ja da gewesen sein, aber ob es am Ende das Ziel erreicht, wenn ich immer mehr mache und vielleicht immer mehr von selben mache. Das ist ja dann am Ende noch mal eine ganz andere Frage. Und ob die Leute, also sowohl die Leute in den Organisationen als auch das Publikum irgendwie damit dann zufrieden sind, dass da noch jemand kommt und sagt, mach doch noch mal das oder beschäftige dich doch noch mal damit.

Und man bemüht sich natürlich. Aber das heißt ja nicht, dass irgendjemand am Ende dann damit auch zufriedener ist. Naja, ich habe ja nur so einen oder begleite ja so einen Prozess, wo eine Organisation oder eine kommunale Struktur sich damit auseinandersetzt, mit dieser Thematik oder das für sich als neues Paradigma ausgerufen hat. Und ich finde das auch super spannend, weil das war für mich schon immer eine Organisation, die sehr innovativ ist und sehr beweglich ist, manchmal fast schon zu dynamisch, weil auch die Stadt so dynamisch ist.

Also gefühlt war es immer so, wenn du eine Woche nicht dort warst, kamst du in eine komplett andere Stadt. Kann man sich jetzt fast gar nicht vorstellen. Aber die Themen, die da ständig auch gewälzt wurden, das war in einer Taktung. Das ist wirklich beeindruckend. Und diese Organisation, diese Kulturorganisation macht das mit oder ist sogar auch Motor zum Teil davon und hat jetzt eben trotzdem auch, weil sie wie alle eben auch über Geld nachdenken muss. Vielleicht nicht in der Schärfe, wie das andere Kommunen dann in dieser krassen Art jetzt im Moment haben. Aber trotzdem haben sie das Thema vor Augen, darüber nachdenkt.

Was heißt das eigentlich für uns? Und was heißt das auch für die Zukunft? Und parallel dazu entwickeln sie schon wieder einen Entwicklungsplan, einen Kulturentwicklungsplan und eine Strategie mit einer Vorschau von mindestens fünf Jahren. Und begibt sich trotzdem in die Situation, zu sagen Mensch, dieses immer weiter, schneller, höher. Gibt einem zwar ein gutes Gefühl, weil man so produktiv ist oder weil man so viel produziert. Aber die Frage ist halt, macht das überhaupt Sinn? Und deswegen haben sie sich auch dafür entschieden, so einen Einstieg zu finden.

Erst mal sich mit dem Thema Qualität an sich zu beschäftigen und mit Qualitätsbegriffen. Um dann darüber nachzudenken, was heißt denn eigentlich Qualität vor Quantität, wenn wir das wirklich durchziehen wollen? Und das ist wirklich spannend gewesen und ist auch nach wie vor spannend, dieser Prozess zu sehen, wie unterschiedlich auch der Zugang zu dem Qualitätsbegriff in einzelnen Einrichtungen, bei den einzelnen Verantwortlichen und Teilnehmenden ist und wie viel auch auf dem Weg, den sie jetzt schon hinter sich gebracht haben oder den sie zurückgelegt haben in ihrer Entwicklung, auch zu dem Thema liegen geblieben ist oder vergessen ist oder gar nicht so bewusst ist.

Und das, das fand ich so spannend, das zu beobachten, wo man von außen und das ist ja immer das Schöne, wenn man mit so einem Außenblick kommt, kann man ja auch Dinge wahrnehmen, die ja im täglichen Arbeiten und im Betrieb vielleicht gar nicht so bewusst sind, dass man von außen eben dann auch noch mal Hinweise geben kann zu neuen Perspektiven, die wirklich wichtig waren und wo es eben Diskussionen gab, ob das vielleicht eher dazu führt, dass man stärker über Quantität redet und über Geld und man eben wirklich Angst hatte, dass vielleicht ein Qualitätsbegriff, der offen ist, also der sich vielleicht erst im Tun tatsächlich für die, die es erreichen soll, formt.

Also als Beispiel, man macht eine Interaktion im öffentlichen Raum mit Menschen, wo man ja jetzt erst mal nicht per se weiß, was ist denn dann wirklich das Ergebnis, aber man damit etwas anstößt, dass man sagt, ja, muss ich mir das jetzt verwehren, weil ich das nicht mehr genau beziffern kann, was das eigentlich für eine Qualität dann ist und was für Wirkung das letztendlich hat. Und ich dann auch gesagt habe, nee, weil wenn man für sich dieses Experiment und diese experimentierende Möglichkeit auch als eine wichtige Qualität für die Entwicklungen, aber auch für die Verbindung zur Stadtgesellschaft sieht, in der etwas dann passiert und das man weiter begleitet, dann ist das ja, hat das ja auch etwas, was für die Stadtgesellschaft eine wichtige Wirkung mit sich bringt.

Und die kannst du jetzt erst mal vielleicht per se nicht so klar beziffern. Aber es ist eben ein wichtiger Aspekt. Und wenn ihr in eurer Arbeit sagt, das ist eben auch einer der Kerne unserer Arbeit, ja, dann muss man das für sich eben auch definieren, aber dann dazu auch stehen und das auch verteidigen und das auch verargumentieren und dann auch damit weiterarbeiten mit Entscheidern oder mit Geldgebern oder wem auch immer. Naja, und ich glaube, es kommt ja noch was dazu. Also das Thema Innehalten betrifft ja nicht nur die Organisation.

Das betrifft ja im Prinzip die Gesellschaft in der Breite. Es passiert so. Jeden Tag passiert irgendetwas Neues und lauter grässliche, furchtbare Dinge, die uns alle belasten. Ganz viele Menschen und ich zähle mich da auch dazu, können sich mit vielen gar nicht mehr beschäftigen, weil es einfach zu viel ist und wir das weder kognitiv noch emotional eigentlich alles verarbeiten, verarbeiten können. Und gleichzeitig ist natürlich auch das Zeitproblem eines, das sehr viele Menschen haben. Und das heißt aber umgekehrt, wenn ich als Kulturorganisation immer mehr mache, dann trete ich damit ja auch immer mehr in Konkurrenz zu dem, was andere machen und zwar nicht nur auf der Qualitätsebene, sondern schlicht und einfach kann ja jede Person ihre Zeit nun mal nur mit einer Sache verbringen.

Das ist halt so. Ich kann halt nicht abends gleichzeitig ins Theater und ins Kino und zur Vernissage gehen. Ich muss mich entscheiden so. Und umso mehr aber gleichzeitig stattfindet, umso mehr stehe ich ja als Organisation in Konkurrenz zu dem, was die anderen anbieten. Mal davon abgesehen, dass wir dann wieder über Kooperation und so sprechen könnten. Aber ich will sagen, es gibt halt nur eine begrenzte Anzahl an Menschen im Zweifelsfall in einer Stadt, die ich vielleicht erreiche und die vielleicht nicht Dienstagabend aus der 50 Kilometer entfernten nächsten Stadt kommen, um sich irgendwas bei mir anzuschauen oder zu erleben.

Und das heißt die Frage, was bringt es eigentlich? Also wenn ich halt mehr Menschen anziehe, dann nehme ich sie den anderen wieder irgendwo auch weg als Publikum. Und irgendwann wird es halt auch zu viel. Also ich kann mich erinnern, dass irgendjemand sagte mir mal über Berlin. In Berlin ist die Auswahl an Freizeitmöglichkeiten so groß, dass immer mehr Leute zu Hause bleiben, weil sie überfordert sind, sich zu entscheiden. So wenn ich halt drei Millionen Dinge am selben Abend tun kann und ich habe aber vielleicht will Freundin A gerne dort hin, aber Freund B will dahin und eigentlich habe ich aber morgen früh einen Termin. Und im Zweifelsfall gehe ich also gar nicht, weil es einfach zu viel ist.

Und die Leute halt auch ja nicht acht Stunden am Tag mit Kultur verbringen können, weil sie eben auch arbeiten und weil sie auch Familie haben und Verpflichtungen und ihr Leben organisieren müssen. Und das heißt, auch da ist ja die Qualitätsfrage dann im Endeffekt entscheidend, wonach entscheiden sich eigentlich die Leute, was sie machen? Und hilft es mir, wenn ich nur mehr mache? Oder muss ich eben nicht auch überlegen, was ist das, was ich mache, was die Leute wirklich überzeugt, was sie brauchen? Ich finde das auch ganz spannend, weil ja im Magazin auch zwei Beiträge dazu sind, was im Prinzip Kulturangebote selbst leisten können für das Innehalten ihres Publikums, also um die auch selbst in diesen in diesen Prozess zu bringen und ihnen im Prinzip eigentlich Ruhe zu schenken, anstatt noch mehr Aufregung, Event, was auch immer, auch diesen Fear of missing out, ja, quasi zu denken, oh, jetzt muss ich das und ach, und da ist die neue Netflix-Serie und mein Lieblingsautor hat ein Buch veröffentlicht und es läuft irgendwie ein Film.

Und all das macht ja auch dann Druck irgendwo. Ja, und wenn du das so sagst, also letztendlich Kontemplation ist ja nicht nur, da geht es ja nicht nur um Relaxation, also das geht ja nicht nur darum, sich zu erholen oder runterzufahren, sondern es geht ja auch darum, Raum und Zeit zu geben, um Dinge zu verarbeiten oder zu imaginieren oder für sich irgendwie einzuordnen oder weiterzudenken oder zu träumen, was auch immer. Und das sind ja alles Qualitäten, die Kulturbetriebe auch mit ihrer Arbeit anbieten und vielleicht gar nicht mehr so stark auch in den Vordergrund stellen, was ein bisschen schade ist.

Aber da komme ich zu dem anderen Problem von dieser von dieser Haltung eben immer mehr machen zu müssen oder zu wollen. Du verwässerst damit auch dein Profil. Also du wirst dann nicht mehr unterscheidbar. Wenn du alles machst, wofür stehst du noch? Gibt es dann noch irgendwie eine klare Abgrenzung zu anderen? Das ist eben auch ein wichtiger Aspekt des Innehaltens, wirklich zu gucken, wie schärfe ich mein Profil? Und das auch noch in einem Kontext, wo vielleicht eine Kommune oder auch ein Bundesland für sich bestimmte kulturpolitische Leitlinien entwickelt hat, in denen ich mich auch bewegen soll oder es irgendwelche Besonderheiten regional gibt, denen ich irgendwie entsprechen kann.

Also das sind ja auch Themen, die ich damit bedenken kann und sollte, gerade auch im Sinne der Markenbildung, der Markenschärfe, der Profilschärfung. Die so ein Innehalten ermöglichen. Ich habe die ganze Zeit den Spruch, willst du gelten, macht dich selten im Kopf. Machen wir nur noch einen Podcast im Jahr. Nein, aber das ist, glaube ich, so die Quintessenz, die ich so aus dem auch für Kultureinrichtungen einfach mitnehmen würde. Ist irgendwie weniger. Und gerade wenn man Menschen dann in Form von Publikum überfordert, mit zu vielen Entscheidungsmöglichkeiten, die man hat, und ich kenne das selber auch.

Also wie oft bin ich dann doch irgendwie zu Hause geblieben, weil ich nicht wusste, wohin und das einfach auch massiv überfordern kann. Man dann vielleicht auch sagt, na ja, eigentlich habe ich jetzt irgendwie fünf von sieben Abenden in der Woche schon was gemacht. Also ist vielleicht so ein Abend auf der Couch nicht das schlechteste. Ja, dass man, dass man an der Stelle natürlich auch, wenn man weniger macht oder weniger Angebote schafft, auch sich gleichzeitig mehr Zeit fürs Innehalten noch einräumt in der Organisation und alles luftiger wird. Ja, es lässt einen ja auch mehr genießen. Also wenn du Genussmittel ständig zu dir nimmst, sind sie auch kein Genuss mehr, dann ist es auch nichts Besonderes mehr.

Wahrscheinlich auch so gesehen. Ja, das stimmt. Das stimmt. Also ich meine, selten ist da natürlich immer. Seltener vielleicht ist es. Na ja, und dafür aber eben, was du gesagt hast, durchdachter, angepasster an das, was mehr darauf ausgerichtet, was die Leute brauchen. Das ist ja immer so was, was ich so ein bisschen mit mir rumtrage. So die Frage, das, was man den Leuten geben will, ist ja eben vielleicht nicht das, was die Leute brauchen gerade. Und die Frage, finde ich, was die Leute brauchen von Kulturorganisationen, wobei sie sie wirklich unterstützen könnten, ist ja, finde ich, eine sehr essentielle, wenn wir darüber sprechen, gerade bei den öffentlich Geförderten.

Was ist eigentlich das, was geleistet werden soll? Was der Auftrag ist, den man sich vielleicht auch selbst gibt? So und wenn das und das kann, muss eben ja nicht sein und noch eine Ausstellung und noch ein Stück und ein Konzert oder was auch immer, sondern es kann ja eben auch sein, der Raum für ruhiges Gespräch mit inspirierenden Menschen oder der Raum für mich mal runterzufahren. So ich, ich erinnere mich immer gern dran, dass in Erfurt war vor, ich glaube, zwei Jahren eine von diesen immersiven Ausstellungen, auf die alle so schimpfen im Museumsbereich, weil sie so ganz furchtbar sind. Und sie war inhaltlich auch nicht gut.

Keine Frage, es ging um Van Gogh. Aber was ich ganz spannend fand, es gab zum Schluss einen Raum, der war recht groß und der war eingerichtet mit Polstern und Teppichen und Decken. Und es wurden im Prinzip nur die Bilder an die Wände projiziert und darunter so eine leichte Klaviermusik. Und ich lag irgendwie 20 Minuten in diesem Raum und da hatte so ich möchte auch gern hier bleiben. Also es war einfach klar, hat es jetzt nicht irgendwie den wahnsinnig kunsthistorischen Anspruch oder sonst irgendwas. Aber es hat mir einfach das gegeben, da zu liegen, mir das anzuschauen, mich von dieser Musik begleiten zu lassen, mich runterzufahren, gar nichts zu tun und mich zu entspannen.

Und wenn, wenn es das, wenn es das immer gäbe, dann möchte ich nicht sagen, dass ich da nicht vielleicht einmal die Woche für eine halbe Stunde hingehen würde, weil es mir einfach total viel gegeben hat in dem Moment. Und klar habe ich mir die Bilder angeguckt und hat mir die Musik angehört. Aber es war eben nicht, ich musste mich nicht bewegen. Ich hatte irgendwie keinen Lerndruck im Hinterkopf, dass ich da jetzt sonst was draus mitnehmen muss. Es war ganz einfach, aber ich fand es total schön. Und es hat mir einfach, also mir persönlich tatsächlich total viel gegeben und zwar ganz viele Leute, die da einfach drin lagen und auch nicht wieder rausgehen wollen.

Aber ich habe so ein bisschen gedacht, ja, die Frage was brauchen eigentlich vielleicht die Leute auch in einer trubeligen Zeit? Und was können wir, was können wir denen geben? Die finde ich schon eigentlich total relevant, auch für den Kulturbereich. Es gibt ja noch einen anderen Aspekt, der da mit reinspielt. Gerade durch die Nutzung von Social Media sind die Eindrücke, die auf dich permanent einprasseln, ja immer, immer kürzer und schneller und und und immer weniger präsent. Also wie viele Menschen sieht man, die durch Städte in wunderschöner Landschaft rumhetzen und ständig Bilder machen und eigentlich davon gar nichts mehr mitkriegen, vermeintlich sich dann später erinnern können.

Aber die wenigsten gucken sich diese Bilder an und sind auch nur auf den Social Media Kanälen als kurze Momente auch nur für andere zu entdecken. Und dann wieder weg und brennen sich gar nicht mehr so ins Bewusstsein an. Ich kann mich noch erinnern, ein Kollege von mir hat mal, ich glaube, für das Thema Motivation so eine Gleichung aufgestellt. Dauer mal Häufigkeit mal emotionale Intensität für Motivation und Demotivation. Und diese emotionale Intensität ist eben auch ein ganz entscheidender Aspekt. Dann muss die Dauer gar nicht so lang sein. Aber das ist ein Pakt oder man eben in dem Moment vielleicht auch.

Du hast jetzt zwar die Dauer beschrieben, aber vielleicht hat dich das eben auch emotional so in dem Moment abgeholt, dass du das wirklich so verinnerlichen konntest und dich daran eben auch so erinnerst, wie du dich erinnerst. Und auch die Wiederholung. Also das finde ich auch total. Also die Häufigkeit, weil ich habe das gerade auch so gedacht. Wenn wenn man als Kulturinstitution Menschen so was auch mitgeben möchte, sowas wie dieses wie innerhalb einer Ruhephasen oder auch Bindung an eine Institution, dann ist das eben auch von Wiederholung abhängig. Und das und Wiederholung muss gar nicht heißen, dass die Leute 20 mal kommen, um sich 20 verschiedene Stücke anzuschauen, sondern es kann eben auch heißen, dass ich zum Beispiel etwas aufeinander Aufbauendes mache oder dass ich so ein Gesprächsformat zum Beispiel einmal im Monat mache und die Leute immer wieder kommen können, um miteinander zu reden, weil auch Wirkung entfaltet sich ja über Wiederholung.

So wenn wir immer sagen Wirkung von Kultur ist so wahnsinnig schwer zu fassen, weil natürlich ist die Frage, wenn ich ein Stück sehe oder eine Ausstellung mir anschaue, dann verändert mich das nicht für immer. Sage ich mal in 99 Prozent der Fälle, vielleicht in manchen Fällen schon. Aber im Schnitt ist es eine Realitätsflucht in welche Richtung auch immer. Aber es macht wahrscheinlich nicht auf Dauer irgendwas mit mir, sondern damit es etwas auf Dauer mit mir macht, brauche ich Wiederholung. Und das ist aber etwas, worauf Kulturprogramme gar nicht ausgerichtet sind, ist mein Eindruck, auf Wiederholung und Vertiefung, sondern oft auch viele, viele, viele einzelne Erlebnisse, die auch gar nicht miteinander verbunden sind.

Und vielleicht ist aber auch das so ein Innehalten-Ansatz, um zu sagen, anstatt immer wieder Neues zu machen, könnten wir auch überlegen, wie wir das, was wir haben und was funktioniert, vielleicht abwandeln. Und vielleicht mehrfach Dirk und ich haben, als wir letztens zusammen im Auto saßen, über die Idee gesprochen, Theater, also Serienteater. Also quasi ich gehe einmal die Woche ins Stück und immer wird es weitererzählt. Ja, so. Ich kenne das aus Berlin, da gab es zumindest früher, ich weiß nicht, ob es das noch gibt, gutes Wedding, schlechtes Wedding.

Da war ich mal. Das war großartig. Und die haben das tatsächlich fünf oder sechs Mal in der Woche abends gemacht, was ich richtig krass fand. Aber na klar, du baust halt dann Beziehungen auf. Und das ist wie, was uns ja so ein bisschen als Kulturtechnik auch verloren gegangen ist. Früher liefen halt Serien einmal in der Woche. So und dann hast du die geguckt mit deinen Freunden oder mit deiner Familie und in der Schule haben alle am nächsten Tag darüber gesprochen oder auf der Arbeit oder was auch immer. Aber es hat halt, du hast viel mehr drüber nachgedacht als jetzt.

Wenn du in acht Stunden acht Folgen guckst, ist dein Kopf total voll und am nächsten Tag guckst du das nächste und dann war es das irgendwie. Also die tiefgehende Beschäftigung geht ja damit auch verloren. Aber im Prinzip kann ich das genauso als Kulturorganisation quasi als Live-Erlebnis umsetzen, mit zeitlichem Abstand dazwischen, um zu vertiefen und gleichzeitig auch, um bisschen diesem ich muss immer wieder was Neues, also was gänzlich Neues machen, auch zu entkommen. Also was mir jetzt auch noch mal einfällt, auch in Bezug auf diese Arbeit mit der Organisation.

Das war ein Qualitätsbegriff, der gar nicht kam. Und der aber so wichtig ist. Und wenn du sagst, dass man Dinge verstetigen muss, dann ist das ja auch eben nicht mit dem Innehalten nur getan, sondern. Man sollte darüber auch nachdenken, wie kann man das eigentlich auch als eine Qualität in der Organisation integrieren für den generellen Ablauf? Also wie kann man dieses Innehalten wirklich strukturell verankern? Und was dort nicht genannt war, war, dass die Qualität des Miteinanders. Und da steckt ja so viel auch innerhalb, oder sich konzentrieren oder sich mal nur vielleicht in zweier, dreier oder kleinere Gruppenkonstellationen miteinander beschäftigen drin.

Aber die Qualität des Miteinanders war tatsächlich kein Begriff, der dort aufkam. Dabei ist so vieles von den Beziehungen untereinander, was jetzt Mitarbeitende betrifft, was Mitarbeitenden und Führungskräfte betrifft, was Einrichtungen untereinander in einem Konglomerat oder in einer Holding, was auch immer, wie die Struktur aussieht. Das ist so wichtig, weil es nämlich dann auch nicht nur dazu führt, dass man tatsächlich so ein Wir-Gefühl entwickelt und auch qualitativ weiterentwickelt, sondern dass man dann auch weiß, was machen eigentlich die anderen?

Was müssen wir nicht machen? Wo grätschen wir vielleicht in deren Aufgabenbereiche rein? Weil wir denken, das ist ein gutes Angebot für uns als Ergänzung, aber doppeln damit Strukturen oder und dann wird es schon wieder schwieriger für Besuchende, sich zu entscheiden, wo gehe ich eigentlich hin und, und, und. Das bedingt eigentlich ein gutes Miteinander, das eben auch mit einem guten Austausch und mit einer guten Synchronisation von Dingen zusammenkommt. Na ja, es ist also auch die Qualität der Arbeitskultur, wenn du so willst.

Also ich habe das vorhin auch gedacht, dass im Prinzip das Innehalten ja nicht nur dazu dienen oder vielleicht nicht mal primär dazu dienen sollte, sich zu überlegen, was man denn für das Publikum tut. Das ist die Aufgabe, das ist ganz klar. Aber das ist, und das ist, glaube ich, aber auch dieser schmerzhafte Prozess, dann auch der Einzelnen, sich vielleicht einzugestehen, dass die Art, wie man arbeitet, gar nicht die Art ist, wie man arbeiten möchte. Aber um darüber nachzudenken, wie man eigentlich arbeiten möchte, was erwarte ich mir von meinem Arbeitsumfeld, damit ich dort produktiv, motiviert, was auch immer sein kann.

Auch dafür brauche ich ja Ruhe, um darüber nachzudenken, um mir das zu überlegen. Und ich glaube gerade der Kulturbereich mit seinem jetzt ja auch wieder schwierigeren Arbeitsmarkt sehr lange dazu beigetragen hat, dass man eigentlich gar nicht die Möglichkeit hatte, darüber nachzudenken, wie man arbeiten möchte, weil wir haben es ja letztens erst wieder gesehen, Dirk, als wir in Nürtingen waren. Eigentlich ja immer die Hauptsorge ist, dass man überhaupt Arbeit hat oder eine Arbeit findet und das im Prinzip zu sagen, ich entscheide mich aber auch gegen eine Arbeit, weil sie eben, weil ich darüber nachgedacht habe, was ich brauche, um motiviert zu sein, um produktiv zu sein, um zufrieden zu sein, die vielen, glaube ich, gar nicht in den Sinn kommt oder eine Entscheidung ist, die vielleicht unterbewusst irgendwie da ist, aber immer in den Hinterkopf geschoben wird, weil man dann denkt, aber ich habe ja hier diese Chance auf diese Arbeit und wenn ich die jetzt nicht mehr habe oder mich dagegen entscheide, was soll ich denn dann tun?

Und diese, wir haben schon ganz oft darüber gesprochen, aber auch sich zu entscheiden, vielleicht nicht mehr in der Kultur arbeiten zu wollen. Ja, oft auch eine ganz schwierige Entscheidung ist. Von daher finde ich, als es betrifft, also das Miteinander ist ein Aspekt davon, aber es geht ja eben auch um andere Aspekte des Arbeitens und des Arbeitsalltags. Es ist ja in den letzten Jahren so ein bisschen rausgekommen, die Erwartungen der Mitarbeitenden, der Arbeitnehmer:innen haben sich verändert und viele Kulturinstitutionen spüren das auch. Aber Innehalten kann dann eben nicht nur heißen, wir denken über unser Programm nach, sondern auch, wir denken halt darüber nach, wie eigentlich unser Arbeitsalltag aussieht, auf welchen Ebenen auch immer.

Und das Miteinander, klar, ist da ganz essentiell. Ja, und natürlich auch darüber nachzudenken, welchen Trend oder welchen Themen wollen wir eigentlich wirklich folgen, welchen nicht. Auch das ist eine wichtige Aufgabe von Innehalten, wirklich mal zu schauen, bei all den Angeboten, bei all den Fördermöglichkeiten, bei all den Themen, die herumspüren, muss man nicht jedes Thema nehmen oder muss nicht jedem Thema folgen. Und man muss vielleicht, wenn man sich sehr bewusst darüber gemacht hat, was zu einem passt und was nicht zu einem passt, dann eben auch mal Forderungen von außen entgegenstellen oder auch argumentativ begegnen und sagen, nein, das gehört einfach nicht zu unserem Profil.

Das ist jetzt gerade nicht unser Thema und wir wollen das jetzt auch erst mal nicht weiter verfolgen, weil wir uns bewusst für dieses und jenes entschieden haben. Aber was du gesagt hast, ist eben auch interessant. Na klar, ist Innehalten nicht nur für eine Organisation wichtig, sondern auch für Personen, für Einzelpersonen wichtig, gerade eben in der Entscheidung darüber, wie gestalte ich meine Karriere oder wie finde ich einen Einstieg in den Kulturbetrieb und wie finde ich richtige Arbeit. Denn ganz häufig beobachte ich ja auch junge Menschen, die sehr wenig strukturiert und auch in Masse sich bewerben und dann natürlich auch häufig enttäuscht sind, dass das nichts bringt. Und wir ja selber auch empfehlen, auch in unserem Leitfaden, dass man sich wirklich eben auch im Sinne des Innehaltens erst mal in sich geht und darüber nachdenkt, was liegt einem denn wirklich, wo möchte man denn wirklich hin und sich darauf konzentriert und Dinge vielleicht auch im Blickwinkel einschränkt und weniger Bewerbungen schreibt, diese aber dann besser vorbereitet und klarer vorbereitet und auch besser in der Argumentation und in den Unterlagen dann aufbereitet, um da auch erfolgreicher zu sein.

Ich fand auch in der Hinsicht, in dem Beitrag von Doreen Mölders geht es ja auch um den Begriff Verzicht und das fand ich auch sehr klug, was sie aufgemacht hat. Also zu sagen, wenn wir über solche Sachen reden, dann reden wir immer über Verzicht, also wir verzichten auf Dinge und dann hat das immer so ein Geschmäckle, so ein negatives. Weil wir es wie Verlust sehen, also Verzicht ist immer auch ein Verlust, muss ja nicht sein. Na ja, genau, und sie sagt ja eben auch und das ist ja auch sehr klug, dass wir eigentlich ständig quasi an Symptomen rumdoktern anstatt an Ursachen von Dingen und dass wir eben Dinge mit Verzicht bezeichnen, die aber eigentlich Entlastung meinen und dass das eben ein großes Problem ist, schon was für Begriffe wir nutzen.

Also Dirk sagt das ja immer gerne, der Unterschied zwischen Zuständigkeit und Verantwortung. Das macht ja einfach ganz viel aus, wie bette ich Dinge auch in Narrative und Bedeutungen ein, so ob ich eben über Verzicht oder über Entlastung zum Beispiel spreche, ob ich über, weiß ich nicht, Verlust spreche, ob ich über eben Pause spreche oder über Regeneration oder was auch immer oder ob ich eben darüber spreche, dass ich eine Karriere aufgebe oder vielleicht darüber, dass ich mir eine andere Karriere eröffne. Also das hat ja immer so viel damit zu tun, wie man auf solche Dinge schaut und gerade wenn wir eben über Innehalten und Veränderungsprozesse sprechen, dann ist das glaube ich ganz stark, wie Dinge auch konnotiert sind.

Ich fand es ganz interessant. Ich habe jetzt parallel mal gerade geguckt. Ich mache ja immer gerne, dass ich in den Wortstamm gucke. Wenn du Verzicht, wo kommt denn Verzicht her? Könnte sein, dass das irgendwie aus dem Holländisch kommt, weil Zicht im niederländischen Sicht, Aussicht, Aussehen, Blick. Und Verzicht ist dann sozusagen eben den Blick davon abwenden oder eben nicht darauf zu fokussieren oder ähnliches. Das ist schon spannend, weil das eine ganz andere Konnotation, ganz andere Denke mit sich bringt als Verlust.

Wobei ja im Verlust auch wieder Lust steckt. Also schneidet man sich da die Lust auch etwas ab, wenn man Verlust hat? Auch spannende Frage, aber das führt uns jetzt vom Thema weg. Bin ich mir sprachgeschichtlich nicht sicher, ob das vom Wort Lust kommt oder nicht. mittelhochdeutsch irgendwas. Verlust, dann eher. Ja, das kann sein. Aber das wäre ja sozusagen die positive Sichtweise bei Verlust, dass man eine Lust loswird. In diesem Sinne wollen wir die Last dieses Podcasts, die es ja nicht war, zugegebenermaßen, loswerden. Wollen wir innehalten an dieser Stelle? Ja, mich würde wirklich interessieren, was Hörende mit dem Begriff des Innehaltens oder auch meinetwegen mit dem Konzept, mit der Strategie des Innehaltens verbinden und welche Erfahrungen sie haben. Das wäre schön, wenn wir da auch mal ein Feedback bekämen.

Die Reaktionen auf die Veröffentlichung vom Magazin sind ja super. Also es scheint Nerv getroffen zu haben und es gibt auch viele Reaktionen auch in den sozialen Medien darauf. Und das kann man gerne auch hier im Rahmen des Podcasts dann als Feedbackkanal uns auch mal mitgeben. Ja, das werden wir in der nächsten Folge mit auswerten. Und vielleicht hat jetzt der Podcast auch dazu geführt, dass jemand während des Hörens einfach mal innegehalten hat. Und natürlich, liebe Hörende, ihr habt es schon rausgehört, wir begleiten euch natürlich gerne auch beim Umdenken, beim Neudefinieren von Qualität, beim Überarbeiten von Arbeitsprozessen sind wir gern für euch da.

Und ihr könnt auf unsere aller, aber vor allem Dirks, sehr umfangreiche Erfahrungen in diesem Bereich zurückgreifen, wenn ihr das Gefühl habt, dass ihr vielleicht ein bisschen Unterstützung dabei braucht, sei es aus eurem eigenen Karrierehamsterrad auszubrechen oder auch auf dem eurer Organisation. Dann meldet euch gern bei uns und in der Magazinausgabe findet ihr auch Infos dazu im Beitrag von Dirk, nämlich wie unter anderem zum kostenlosen Erstgespräch oder Erstcheck und auch, wo ihr euch am besten meldet. Das ist unter office@kulturmanagement.net per Mail.

Und dann sind wir auch in dieser Hinsicht natürlich gerne für euch da und teilen mit euch, jetzt hätte ich fast gesagt, unsere Weisheit. Aber auf jeden Fall den Blick von außen, der, wie Dirk schon gesagt hat, ja auch ganz wichtig ist. In diesem Sinne haben wir jetzt hoffentlich viel Anregung dazu geboten, einmal aus dem Hamsterrad auszubrechen. Sei es mit dieser Podcast-Folge, mit dem Magazin oder auf ganz andere Art und Weise. Und wir freuen uns natürlich, wenn ihr liebe Hörende dann auch bei der nächsten Folge wieder einschaltet, wenn es heißt, Dienstags im Koi, ein Podcast von Kulturmanagement.net.