OrthoCast - Der Orthinform Podcast
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Warum Hyaluronsäure Gelenke schont und Operationen hinauszögert. (Prof. Andreas Kurth)
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Arthrose ist entzündlich, schmerzhaft und oft zermürbend – doch sie folgt Regeln, die wir beeinflussen können. Gemeinsam mit Professor Andreas Kurth gehen wir Schritt für Schritt durch das, was wirklich trägt: eine saubere Indikation, die richtige Form der Hyaluronsäure und ein kluger Therapieplan, der Entzündung beruhigt, Gelenke schmiert und Funktion zurückbringt, ohne falsche Versprechen zu machen.
Wir starten mit den Grundlagen: Was Hyaluronsäure im Gelenk tatsächlich leistet, warum sie Wasser bindet, die Reibung senkt und so mechanische Spitzen abfedert. Dann ordnen wir die antientzündliche Wirkung ein und zeigen, weshalb Kortison ein kurzfristiger Taktgeber, aber kein dauerhafter Gegenpart ist.
Du erfährst, wann niedermolekulare Präparate bei aktiver Synovitis im Vorteil sind, wann hochmolekulare Varianten den Schmierfilm stärken und wie neue, länger wirksame Formulierungen die Intervalle strecken. Aus der Praxis: drei Injektionen in Wochenabständen bei Langzeitpräparaten oder fünf Standardgaben – immer gesteuert von Klinik und Sonografie.
Wir sprechen offen über Evidenz: heterogene Studien, Tücken von Meta-Analysen, aber auch robuste Daten vor allem fürs Knie sowie wachsende Hinweise für Schulter und Hüfte.
Professor Kurth gibt Einblick in die Arbeit einer WHO-Gruppe, die Befunde kritisch sortiert und Fehlvergleiche mit Kortison adressiert.
Dazu kommen Bausteine, die den Effekt vergrößern: strukturiertes Radfahren als gelenkschonender Allrounder, gezieltes Training, antiinflammatorische Ernährung und Gewichtsreduktion, die systemische Entzündung messbar senkt.
Klar benannt werden Grenzen der Hyaluronsäuretherapie, Sicherheitsabstände vor Prothesenoperationen und die Realität der Erstattung – privat teils möglich, im GKV-Bereich meist als IGeL-Leistung.
Wenn du verstehen willst, wie Hyaluronsäure sinnvoll eingesetzt wird, welche Patientinnen und Patienten am meisten profitieren und wie du mit Alltagsentscheidungen den Verlauf der Arthrose positiv beeinflusst, bist du hier richtig.
Abonniere den Podcast, teile die Folge mit Menschen, die unter Gelenkschmerz leiden, und hinterlasse eine Bewertung – welche Frage zur Arthrosetherapie sollen wir als Nächstes klären?
Music under CC License:
Artist: Jahzzar, Track: Blueprint (License: CC BY-SA 4.0 DEED)
Artist: Breuss Arrizabalaga Quintet, Track: Mount Fuji (License: CC PD)
Einstieg Und Vorstellung Des Gastes
SPEAKER_02Hyaluronsäure, ein Wort, was in aller Munde ist, nicht nur in der Schönheitsindustrie, sondern in der Automädie, hat es auch einen wichtigen Stellenwert. Das ist unser Thema heute. Mein Name ist Katharina Döpfer.
SPEAKER_01Und mein Name ist Robert Kudek.
SPEAKER_02Unser heutiges Thema geht um Hyaluronsäure in der Autobäde. Und dafür haben wir einen Experten eingeladen.
Was Hyaluronsäure Ist
SPEAKER_01Professor Andreas Kurt. Und wir haben vorhin gerade darüber gesprochen. Er hat so viele Ämter und Funktionen, das würde eine lange Liste füllen. Aber die entscheidende Funktion für heute und auch der Grund, warum er unser Gast ist, ist nämlich, er ist Teil der Arbeitsgruppe der WHO, das ist die Weltgesundheitsorganisation für Arthrose. Und jetzt kommt Hyaluronsäure. Das ist nämlich unser heutiges Thema. Und Andreas, Hyaluronsäure, erklär doch mal, das wird überall bei allen Orthopäden irgendwie gerne verwendet und in Gelenke gespritzt und sonst so hingespritzt. Was ist Hyaluronsäure? Und warum ist das gerade für Arthrose so gut?
Wirkmechanismen Und Effekte
SPEAKER_00Also ganz klar, ich meine, wir würden es nicht seit 30 oder 40 Jahren einsetzen, wenn es nicht in irgendeiner Art und Weise erfolgreich wäre und unserem Patienten helfen würde. Grundsätzlich muss man sagen, dass die Hyaluronsäure ein Polysaccharit ist, also ein Polyzucker ist, der tatsächlich in den Gelenken vorkommt, wie in vielen anderen Geweben unseres Körpers. Ursprünglich wurde das tatsächlich mal gefunden in den 30er Jahren, also fast 100 Jahre her, im Glaskörper unseres Auges von einem Augenarzt, der hat das dort gefunden. Und es wird nach wie vor in der Augenmedizin eingesetzt, auch nach Operationen. Aber daraus abgeleitet hat sich dann eben verschiedene Anwendungsmöglichkeiten entwickelt. Ganz früh dabei waren tatsächlich die Veterinärmediziner, muss man sagen, die das bei Pferden eingesetzt haben. Und scheinbar sind die Pferde uns sehr viel wichtiger, als wir als das Menschen sind. Und dort wird das sehr, sehr erfolgreich praktisch in der täglichen Praxis eingesetzt, wie am Ende auch bei uns in der Orthopädie. Und es ist der entscheidende Punkt daran, dass es eben vor allen Dingen den Knorpel ernährt auf der einen Seite, eine bessere Schmierung in einem Gelenk bringt, gerade in einem schon, ich sage immer so, ausgetrockneten Gelenk, wie zum Beispiel dem Kniegelenk oder auch kleinen Gelenken. Und am Ende eben auch den Knorpel tatsächlich ein bisschen mehr aufpumpt, erkläre ich so meinen Patienten immer, weil die Hyaluronsäure etwa 20 Mal mehr Flüssigkeit an sich bindet und deswegen auch Gewebe oder in die Gewebe mehr Flüssigkeit hineinbringt. Das wird unter anderem auch in der kosmetischen Industrie genutzt. Also die Damen nehmen sehr viele dieser Cremchen und sowas, wo überall Hyaluronsäure drin ist, um zum Beispiel die kleinen Fältchen wegzubekommen. Also breiter Einsatzbereich tatsächlich, aber ein ganz wichtiger Punkt, es ist ein Bestandteil unseres Knorpels und deswegen hat man damit auch entsprechende Möglichkeiten, zumindestens Arthrosen im nicht ganz Endstadium, aber zumindestens im fortgeschrittenen Stadium zu therapieren. Das hat verschiedene Möglichkeiten, ja, das muss man sagen. Gut getestet ist immer das Kniegelenk. Aber es hat eben unter anderem anti-entzündliche Effekte, die Schmiereffekte, die wir bereits gesagt haben, also dass unter anderem die Gelenke besser laufen und auch nicht unentscheidend, wie gesagt, der Ernährungseffekt des Storpels.
SPEAKER_02Damit hast du ja schon die drei Effekte einmal ein bisschen genannt. Kannst du vielleicht nochmal so ein bisschen auf den antientzündlichen Effekt eingehen? Wie funktioniert denn das? Warum ist was, wenn man was Schmieriges ins Kniegelenk reinspritzt, warum hat das einen positiven Effekt auf das Gelenk?
Antientzündlich Versus Cortison
SPEAKER_00Na gut, also antientzündlich haben wir ja nun ganz viele, viele Möglichkeiten, gerade in der Orthopädie. Wir können ja auf der einen Seite immer auch das Cortison mit hineinnehmen, was im Übrigen auch immer gerade in den großen Studien nach meinem Dafürhalten fälschlicherweise als Gegenpartner in den Studien genommen wurde. Also antientzündlich ist wichtig, weil eine Arthroseentwicklung ist ein Entzündungsprozess. Das ist unzweifelhaft so und deswegen haben wir mit vielen, vielen antientzündlichen Therapien hier Möglichkeiten. In unseren Leitlinien steht zum Beispiel, dass wir antientzündliche Medikamente geben sollten, wie Diklophenak-Ibuprofen. Das ist so das Standard zusätzlich zur Physiotherapie. Da wird die Hyaluronsäure gar nicht so erwähnt, aber noch einmal, der Effekt geht genau in diese Richtung. Es ist antientzündlich. Haben wir ein entzündetes Gelenk, kommt es eben oftmals auch dazu, dass die Gelenkinnenhaut anschwillt, dann mehr Flüssigkeit produziert und da sind so viele Entzündungsmediatoren drin, dass der Knorpel darunter schadet. Natürlich kann man sozusagen erst einmal zum Beispiel ein bisschen Cortisol in ein Gelenk geben, die Gelenkinnenhaut beruhigen und dann im Nachgang auch den etwas verminderten antientzündlichen Effekt der Hyaluronsäure nutzen. Ist dieser Entzündungseffekt nicht so ausgeprägt, dann kann man gleich mit der Hyaluronsäure arbeiten. Noch einmal, diese haben nachgewiesenermaßen antientzündliche Effekte. Das, was sie nicht haben, und ich denke, da ist die Limitation, und danach habt ihr eben auch schon einmal gefragt, das, was Sie ganz klar nicht haben, ist die sogenannte Regeneration. Hier gibt es ja ganz große Bereiche der Ortobiologie zum Beispiel, mit Stammzellen, mit Eigenbluttherapien, die zumindest auch im Zellversuch gezeigt haben, dass sie Knorpel regenerieren können. Das kann die Hyaluronsäure nicht. Also hier sind tatsächlich Limitationen da.
SPEAKER_01Gibt es denn verschiedene Sorten Hyaluronsäure?
Wirkdauer Und Behandlungsintervalle
SPEAKER_00Ja, es gibt verschiedene Sorten Hyaluronsäure und zwar auch mit den unterschiedlichen Effekten. Es gibt die niedermolekularen und die sogenannten Hochmolekularen. Die Niedermolekularen haben tatsächlich einen verbesserten antientzündlichen Effekt, gerade wenn es um mehr Entzündung im Kniegelenk geht oder dauerhafte Entzündung im Kniegelenk oder jeglichem anderen Gelenk geht, dann wären die zu bevorzugen, möchte man mehr diese sozusagen Schmierung, die Verbesserung der Reibung zum Beispiel zu haben, dann sollte man die Hochmolekularen einsetzen. Das tun wir auch. Und es gibt auch neuere Hyaluronsäuren, die tatsächlich noch an einen Zucker gebunden sind. Und damit hat man entsprechend sozusagen den Effekt, dass die Hyaluronsäure länger im Gelenk verbleibt und nicht so schnell abgebaut wird. Wir wissen, dass das nachweislich etwa bis vier bis sieben Tage im Gelenk verbleibt. Das heißt, wenn wir hier entsprechend sozusagen eine Therapie machen, gehen wir immer mit diesen Intervallen einher und sagen, okay, so spätestens alle sieben Tage sollte das dann wiederholt werden. Das wäre so der eine Aspekt. Mit den etwas verbesserten oder neueren Hyaluronsäuren, die etwas länger wirken, kann man durchaus auch längere Intervalle zumindestens mit den Patienten besprechen.
SPEAKER_02Du hast es eben gerade schon angedeutet, genau, was sind denn so die Intervalle, was sind denn so die Schemata, die man dann nutzen könnte?
Praxisprotokolle Und Ablauf
SPEAKER_00Also für meine Patienten und wir machen bei uns sehr, sehr viele Patienten mit Hyaluronsäure, auch durchaus zum Teil bis zu 15 Jahren, 18 Jahren schon in dieser Praxis. Und die Patienten kommen im Prinzip jedes Jahr einmal wieder, ich will nicht sagen, wirklich zur Prävention oder Prophylaxe, aber sobald die merken, da passiert irgendwas im Gelenk, auch am Schultergelenk, auch an dem Hüftgelenk, dann melden sie sich und sagen, Mensch, bei den letzten Malen hat das so gut geholfen, das mache ich jetzt weiter. Und wie gesagt, ich habe Patienten, die tatsächlich jedes Jahr schon seit 15 bis 18 Jahren zu uns kommen und entsprechend diese Therapien bekommen. Aber das ist gar nicht der entscheidende Punkt. Der entscheidende Punkt ist, wie sieht so ein Kniegelenk aus? Ich hatte es bereits schon einmal erwähnt, ist zum Beispiel das Kniegelenk geschwollen, das sieht man schon klinisch, aber ich mache immer eine entsprechende Sonografie vorher und kann mir anschauen, ist Gelenkflüssigkeit drin, ist entsprechend die Gelenkinnenhaut sozusagen im Sinne einer Entzündung, einer Synno-Vialitis tatsächlich entzündet, dann behandle ich das als erstes mit Cortison vor. Also intraartikuläres Cortison, Kristallin, was so eine Wirkzeit von 14 Tagen hat und in dieser Zeit geht in der Regel sehr zuverlässig die Entzündung zurück. Ist die Entzündung runtergefahren, haben wir weniger Gelenkflüssigkeit drin, also überschießende Gelenkflüssigkeit drin, dann steige ich mit der Hyaluronsäure ein, je nach Absprache durchaus auch ein bisschen, je nach Stadium der Artrose, habe ich tatsächlich dann die verschiedenen Möglichkeiten, zumindest bei uns in der Praxis, zur Verfügung. Und damit mache ich dann, wie gesagt, die etwas höher potenteren, will ich, sie sind nicht wirklich potenter. Sie sind sozusagen, verbleiben länger im Gelenk. Das mache ich dreimal mit einem Abstand von einer Woche. Die Standards Hyaluronsäuren, die verwende ich fünfmal bei den Patienten mit einem Abstand von einer Woche.
Studienlage Und WHO-Arbeitsgruppe
SPEAKER_02Du hast jetzt von deinen eigenen Erfahrungen gesprochen auch. Was du so hast mit einfließen lassen, was vielleicht unseren Zuhörern nicht ganz bewusst ist, es gibt dafür ganz viel wissenschaftliche Evidenz. Kannst du einmal so ein bisschen sagen, was gibt es an Studien dafür? Das hast du in den Nebensätzen so ein bisschen anklingen lassen, aber vielleicht nochmal ganz deutlich machen, dass es ein gut erforschtes Produkt ist.
Lebensstil, Training Und Gewicht
SPEAKER_00Ganz klar. Also du hast natürlich recht. Und das ist ja auch der Sinn und der Hintergrund dieser Arbeitsgruppe von der WHO, dass wir eben regelhaft auch diese Evidenz aufarbeiten, uns genau anschauen, was wird denn draußen veröffentlicht. Und über die letzten 30 Jahre gibt es natürlich sehr, sehr viele Studien, die im direkten Vergleich zum Beispiel zum Cortison eingesetzt, Hyaluronsäure eingesetzt wurde. Hauptsächlich am Kniegelenk, muss man sagen. Das heißt, die beste Evidenz, den bestwissenschaftlichen Beweis haben wir tatsächlich zu den Kniegelenken, wobei es mittlerweile auch ganz gute Studien zum Schultergelenk gibt und auch ansatzweise zum Hüftgelenk. Also das, was wir an anderen Gelenken machen, übertragen wir schlussendlich aus dieser Evidenz heraus. Und dann gibt es natürlich viele, viele kleine Studien. Man kann sich vorstellen, dass diese Studien nicht ganz leicht zu machen sind, anders als große Pharmastudien, da eben hier durchaus ein sehr heterogenes Patientengut therapiert wird. Bedeutet, wir haben ganz verschiedene Stadien und Stufen der Arthroseentwicklung, ganz unterschiedliche Schmerzempfindungen der Patienten zum Beispiel auch. Das kennen wir, ja. Und das fließt und floss immer alles in diese Studien mit ein und hat das Ganze tatsächlich ein bisschen, ich will mal sagen, verwässert. Man hat natürlich immer einen aktiven Gegenpart genommen. Ich sage ja meistens das Cortison, wobei nach meinem Dafürhalten und auch sozusagen die wissenschaftliche Meinung dazu auch ist, dass es nicht wirklich ein sozusagen Competitor ist, also wirklich ein adäquater Gegenpart ist. Warum? Weil das sehr viel anti-entzündlich ist und ganz wenig zum Beispiel diesen Schmiereffekt, diesen verbesserten Schmiereffekt in Gelenken hat. Ganz im Gegenteil, gibt es sogar Arbeiten, die klar zeigen, also wenn man Cortison reingibt, sollte man auf jeden Fall nachfolgend mit Hyaluronsäure arbeiten, weil gerade das kristalline Cortison durchaus den Knorpel auch weiter zerstören kann. Das ist das eine. Das heißt, hier sind nicht immer klare Studien so gelaufen. Aber, und dann kommt man so ein bisschen in die moderne Forschung und die moderne auch Anwendung, hat man natürlich geschaut, wir schmeißen mal ganz, ganz viele von diesen Studien zusammen, analysieren die, schauen das Outcome, also was sind die Ergebnisse von diesen vielen Studien, schmeißt alle Daten zusammen und schaut, was dabei herauskommt. Da muss man dann aber auch sagen, dass das das Ganze tatsächlich noch mehr verwässern kann. Und dann kommt es tatsächlich auf die Interpretation drauf an. Und wir haben gerade, und das macht das im Moment gerade so ein bisschen interessant in der Diskussion, weil es eine ganz, ganz große sogenannte Meta-Analyse gibt, die am Ende behauptet, naja, es hat keine positiven Effekte. Das kann man so tatsächlich nicht sagen. Wir auf der anderen Seite in unserer Arbeitsgruppe haben das ganz genau beleuchtet, auch diese Meta-Analyse noch einmal tatsächlich bewertet und nachgesehen in der Bewertung, haben das Ganze auch in die Zeitschrift dann eingereicht an den Herausgeber. Das ist auch abgedruckt worden mit all den Kritikpunkten, die wir aus dieser Arbeitsgruppe dieser Meta-Analyse entgegengebracht haben. Also wir können hier ganz klar sagen, ja, es gibt ganz viel Wissenschaft und gut überprüfte Wissenschaft. Und wenn man es nicht negativ betrachten will und negativ interpretieren will, hat die Hyaluronsäure ganz viele Vorteile. Oftmals schwierig, in Studien darzustellen, aber es gibt genug Evidenz, dass man das sagen kann.
SPEAKER_02Ich glaube, das ist ganz wichtig, einmal das nochmal die harte Evidenz dafür darzulegen. Ich glaube, das ist ganz, ganz wichtig, auch für die Patienten zu hören, dass es nicht einfach darum geht, Geld zu verdienen. Es geht darum, eine vernünftige Therapie für jeden Patienten individuell zu erzielen. Wie kann man denn die Wirkung der Hyaluronsäure noch ein bisschen verbessern? Wir hatten eben schon über Konzepte gesprochen. Was gehört denn dazu, damit die Hyaluronsäure möglichst die volle Wirkung entfalten kann?
SPEAKER_00Na gut, es gehören natürlich viele zusätzliche, ich sag mal, lebensstil veränderte Maßnahmen dazu. Das ist überhaupt keine Frage. Also grundsätzlich ist Bewegung immer gut. Ich habe gerade eine tolle Studie gelesen vor wenigen Wochen. Da wurde Physiotherapie gegen ein strukturiertes Fahrradfahren getestet. Und auf einmal kam heraus, dass Fahrradfahren bei der Hüfte und beim Kniegelenk bei den Arthrosen sehr viel besser abschneidet als zum Beispiel Physiotherapie. Also man sieht, man ist hier bemüht, neue Wege zu finden. Und es macht auch aus meiner Sicht zum Beispiel ganz klar auch Sinn, so etwas zu machen, weil man sich auf den Sattel setzt und sich trotzdem komplett bewegt und gar nicht so viel Belastung auf die Gelenke bringt. Also das ist schon einsichtig auch. Also Physiotherapie gehört natürlich mit dazu. Viel, viel Bewegung gehört mit dazu. Man kann natürlich auch anti-entzündlich sich ernähren. Ganz wichtiger Punkt dabei. Auch die Gewichtsreduktion spielt eine große Rolle dabei, nicht nur in Bezug auf weniger Belastung für ein Kniegelenk, für ein Sprunggelenk, für ein Hüftgelenk, sondern in unserem Fettgewebe werden eben auch sehr viele Entzündungsmediatoren vorgehalten, die die sozusagen Entzündung in Gelenken vorhält und entsprechend voranschreiten lässt. Woher wissen wir das, dass das so ist? Wir wissen unter anderem aus Studien, gerade auch mit dieser Abnehmspritze, die ja viel diskutiert ist, dass eben unter anderem die Beschwerden zum Beispiel an den kleinen Gelenken der Hand, des Ellenbogens und der Schulter entsprechend zurückgehen, nur durch die Abnahme von vielleicht 20 Kilogramm oder so irgendwas. Und das immerhin in einer sehr guten Studie dazu um über 30 Prozent. Also das sind schon Dinge, die sozusagen zusätzlich gemacht werden können. Und dann muss man natürlich auch ein bisschen schauen, dass man sich an so eine Arthrose auch anpasst. Also ich würde dann eben nicht mehr in diesem Stadium, was weiß ich, ein Marathon trainieren und Marathon laufen. Das ist sicherlich gut, für die Psyche vielleicht, aber für Gelenke dann sicherlich nicht mehr.
Ideale Kandidaten Und Timing
SPEAKER_01Ich weiß ja, du bist in Frankfurt am Main in einer privaten orthopädischen Praxis und siehst auch sehr viele Patienten. Vielleicht ist die Frage ein bisschen schwer zu beantworten, aber was wäre so der ideale Kandidat oder Kandidatin für Hyaluronsäure aus deiner Erfahrung?
OP-Abstand Und Sicherheit
SPEAKER_00Also ganz klar muss man sagen. Und das gilt auch für die jetzt in Zukunft auf den Markt oder beziehungsweise im Moment in den klinischen Studien befindlichen Substanzen, die jetzt auf den Markt kommen werden in fünf, sechs, sieben Jahren. Natürlich wäre es ideal, bevor überhaupt Beschwerden auftreten, wir hier mit entsprechenden Therapien einsteigen können. Vollkommen klar. Da müssen wir überhaupt nicht drüber reden, weil kommt es mal zu Beschwerden, wissen wir, dass der Knorpel schon so weit geschädigt ist, dass man sehr wenig dafür machen kann. Aber das ist ein ganz großes Dilemma. Weil wie wollen wir das entsprechend auch in die Breite bringen? Es hilft mir ja nicht, dass ich ein paar Privatpatienten damit behandeln kann, sondern ich muss tatsächlich ausschauen, dass wir das als Volkskrankheit ansehen und eben relativ früh auch anfangen, dir diese Patienten zu behandeln. Geht heute nicht so, aber du hast davon gesprochen, wie wäre es denn in einem Idealfall. Das heißt, wir müssten eigentlich relativ früh anfangen. Sobald die ersten Beschwerden da sind, sollte so etwas eingesetzt werden von den, sag mal, Kostenträgern, wenn sie es denn dann überhaupt übernehmen, gibt es hier Kriterien. Wir klassifizieren die Arthrosen nach einem gewissen Schema, aus der Radiologie, also mit ganz normalen Röntgenbildern heraus. Und da wird immer so das Anfangsstadium Calvin Lawrence 2 sogenannt, wo man auf jeden Fall einsteigen sollte. 3 ist schon eine fortgeschrittene Arthrose, auch schon mit Instabilitäten und osteophyteren, also knöchernen Anbauten, die dann auch die Beweglichkeit schon einschränken. Aber dann wieder im Spätstadium mit wirklich zerstörten Gelenken, mit Bewegungseinschränkungen, da macht dann auch eine Hyaluronsäuretherapie überhaupt keinen Sinn mehr. Das sollte man auch nicht mehr tun. Und auch hier muss man dann wissen, dass jegliche Injektion in ein Gelenk hinein natürlich zum Beispiel auch eine gegebenenfalls anstehende Operation hinauszögern. Eigentlich muss, weil eben gewisse Nebenwirkungen auch auftreten können, respektive gegebenenfalls auch wenn sie nicht klinisch evident werden, erst einmal Keime in Gelenke hineingetragen werden können, die im Rahmen eines endoprothetischen Ersatzes, also wenn man Metalle in so Gelenke hineinbringt, dann gegebenenfalls auch zu einem Infekt führen kann. Also hier gilt es auch, zum Beispiel einen gehörigen Abstand zu der letzten Injektion in ein Gelenk zu wahren. Das wären, ich sage immer, mindestens drei Monate nach der letzten Injektion sollte frühestens dann eine Gelenkoperation durchgeführt werden.
SPEAKER_02Du bist ja auch nun ein erfahrener Operateur. Kannst du, wenn du interoperativ überlegst, wie so Kniegelenke ausgesehen haben, hast du gesehen, was mit den Knien vielleicht besser oder anders war, wenn die Hyaluronsäure bekommen haben? Hast du da mal Daten erhoben oder hast du das mal verglichen?
Alltagsbeobachtungen Aus Der Chirurgie
SPEAKER_00Nein, also Daten erhoben habe ich ganz sicher nicht. Das, was auffällt, ist tatsächlich, dass wir gehen ja eigentlich davon aus, dass die Beschwerdesymptomatik irgendwie mit Röntgenbildern oder MRT-Bildern übereinstimmt. Das passt ja eigentlich auch ganz gut, muss man sagen. Aber wenn man sich dann mit den Patienten unterhält, die sehr lange auch Hyaluronsäure bekommen haben, um eben so eine Operation hinauszuzögern, ist schon aufgefallen, dass sie bei einer guten Beweglichkeit, bei einem guten sozusagen oder wenig Schmerzen und so weiter, das wirklich hinauszögern konnten und man dann deutlich zerstörtere Gelenke sieht, als bei Patienten, die so etwas nicht bekommen haben, die schon sehr viel früher angefangen haben zu klagen und man dann irgendwann sozusagen dem Klagen und dem Leid nachgibt, um dann dazu schreitet, ein Implantat einzubauen. Das heißt, ich habe das Gefühl, aber das ist tatsächlich Bauchgefühl, dass wir sehr viel zerstörtere Gelenke sehen bei den Patienten, die über längere Zeit Hyaluronsäure bekommen haben, aber damit sehr viel besser gefahren sind und sehr viel bessere Lebensqualität hatten und gar nicht so gemerkt haben, dass das Gelenk sich sozusagen schrittweise dann so verabschiedet hat.
SPEAKER_02Ich glaube, das ist nochmal ganz wichtig, weil sonst bleibt da irgendwie hängen, dass das nicht gut wäre. Ich glaube, dass man tatsächlich diese Reizung da lange rausziehen kann aus dem Gelenk. Und damit schaffen wir für die Patienten einfach enorme Lebensqualität, absolut.
SPEAKER_01Andreas, vorhin hattest du es mal ganz kurz so angedeutet: Thema Krankenkassen, Hyaluronsäure, wird das eigentlich von den Kassen bezahlt?
SPEAKER_00Also die privaten Krankenversicherer tun sich immer schwerer damit, haben es aber bisher immer so weit übernommen, wenn man entsprechend auch, sagen wir mal, diese Kriterien angelegt hat und das Ganze nicht übertrieben hat, also nicht zu früh die Hyaluronsäure eingesetzt hat und nicht zu spät, also in dem Endstadum, wo es nichts mehr bringt. Im GKV-Bereich, im gesetzlichen Krankenkassenbereich wird das Ganze nicht übernommen. Also hier wäre es dann eine Igel-Leistung, die die Patienten selbst übernehmen müssten. Das ist bedauerlich, muss ich gestehen, da nach Meinung dafür halten, und ich glaube, ich habe das heute schon dargelegt, die Evidenz, also die Wissenschaft, der wissenschaftliche Hintergrund des Ganzen so gut ist, dass viele, viele Patienten davon profitieren könnten. Leider im GKV-Bereich wird das nicht übernommen. Es ist eine individuelle Gesundheitsleistung und dafür müssen Patienten entsprechend selbst aufkommen. Auf der anderen Seite, das muss man jetzt auch mal sagen, machen wir so viel für unseren Lebensstil, geben so viel Geld für Lebensqualität aus, sodass, sagen wir mal, hier wenige hundert Euro sehr, sehr gut investiertes Geld sicherlich sind, um hier die Lebensqualität zu erhalten und zum Beispiel auch Operationen an Gelenken weiter hinauszuschieben.
Fazit, Alternativen Und Abschluss
SPEAKER_02Okay, ich würde sagen, das ist eigentlich ein perfekter Schlusssatz, was wir hier zum Thema Hyaluronsäure haben. Nämlich, dass es ein sehr gutes Mittel ist, um bei richtiger Indikationstellung einer Arthrose-Entwicklung ein bisschen entgegenzuwirken, beziehungsweise ein bisschen zu verlangsamen und damit eine gute Lebensqualität zu gewährleisten. Und natürlich ist die Studienlage immer ein bisschen kritisch zu beurteilen. Das hast du sehr gut dargelegt.
SPEAKER_00Vielleicht von meiner Seite aus nochmal eine kleine Zusammenfassung. Was haben wir denn sonst? Wir haben nicht viel anderes. Das ist das Problem. Wir können dem Patienten Physiotherapie geben. Schwierig. Wir können ihnen die nicht-steroidalen Antirumatika geben, auch Leitlinien empfohlen. Aber da haben wir dann tatsächlich auch Limitationen. Wenn man zum Beispiel in die Beipackzettel schaut, soll man sie nicht länger als zehn Tage geben. Arthrose ist ein chronisches Geschehen. Das heißt, wir stehen eigentlich auch als Therapeuten mit dem Rücken an der Wand und würden gerne unseren Patienten sehr viel mehr anbieten. Im Moment ist das Einzige, was wirklich sinnvoll ist, in Ergänzung zu dem, was ich genannt habe, die Hyaluronsäure. Und sie ist wissenschaftlich gut überprüft. Sie hat gar oder ganz wenig, wenn überhaupt nur Nebenwirkungen. Also auch das ist ein großer Vorteil. Das heißt, sowohl wir als Therapeuten auf der einen Seite sind froh, dass wir diese Substanzen zur Verfügung haben. Und auf der anderen Seite, für die Patienten ist es tatsächlich ein ganz, ganz großer Vorteil, gerade auch um Operationen hinauszuzögern oder gegebenenfalls ganz zu verhindern.
SPEAKER_02Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Wir bedanken uns bei unseren Zuhörern, hoffen, dass sie bald wieder beim AutoCast zuschalten und dass sie uns gerne weiterempfehlen. Davon lebt dieser Podcast. Und wir bedanken uns natürlich ganz herzlich bei dir, lieber Andreas, für diesen Zeit und auch dein unglaubliches Wissen und deine ganzen Informationen. Und wir bedanken uns einmal bei der Technik des Berufsverbandes bei Autobody Unfallsturking und explizit bei der Frau Planert, die uns hier den technischen Support liefert and this podcast also in their form ermöglicht. Insofern, platz uns nur noch zu sagen, wir freuen uns auf ein nächstes Titan. And in Hamburg sagt man,