OrthoCast - Der Orthinform Podcast
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Manuelle Medizin: Wie gezielte Handgriffe Schmerzen lösen und Bewegung zurückgeben (Dr. Ricarda Seemann)
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Plötzlicher Nackenschmerz, ein steifer Rücken, ein Zug bis in die Ferse – und das Gefühl, festzustecken. Wir nehmen dich mit in die Praxis der manuellen Medizin und zeigen, wie präzise die sensiblen und geschulten Hände des Manualtherapeuten Funktionsstörungen aufspüren, Schutzreflexe lösen und Bewegung zurückgeben.
Wir führen durch die Grundlagen der manuellen Medizin, zeigen, wie Orthopäden und Manualtherapeuten Blockaden sicher erkennen und lösen, und wo Grenzen liegen. Dazu erklären wir Werkzeuge für den Alltag, um Rückfälle zu vermeiden, und erläutern die Unterschiede zur Osteopathie.
• Definition und Prinzipien der manuellen Medizin
• Blockade als Schutzreflex und ihre Zeichen
• Diagnostik mit freier Richtung und Irritationspunkten
• Ärztliche Impulse und sanfte Alternativen
• Wirbelsäule und Iliosakralgelenk als Hauptschauplätze
• Wann Bildgebung sinnvoll ist
• Abgrenzung zu Massage und Triggerpunkten
• Qualifikation und Zertifikate finden
• Übungen und Selbsthilfen für den Alltag
• Bewegung, Rumpfkraft und Prävention
Gemeinsam mit Privatdozentin Dr. Ricarda Seemann beleuchten wir die Grundlagen der Manualtherapie und erklären, warum die Brustwirbelsäule Atembeschwerden imitieren kann und wo Schmerzausstrahlung nicht automatisch einen eingeklemmten Nerv bedeutet.
Wir sprechen über sinnvolle Bildgebung bei Rückenschmerz: wann ein klinischer Befund reicht und wann Röntgen oder MRT den Unterschied machen.
Wir sprechen auch über die Grenzen der Manualtherapie: Frakturen, akute Entzündungen oder echte Bandscheibenvorfälle lassen sich nicht wegmanipulieren.
Du bekommst konkrete Selbsthilfetipps für zuhause: Aushängen am Türrahmen, Mobilisation über den Petsiball, Dehnen in die schmerzfreie Richtung, Rollen mit Igelball oder Faszienrolle.
Wir zeigen, wie du qualifizierte Behandler findest, welche Zertifikate zählen und wie sich manuelle Medizin von der Osteopathie unterscheidet – schulmedizinisch fundierte Prinzipien versus komplementäre Ansätze mit Überschneidungen in der Praxis. Am Ende steht ein klares Ziel: weniger Schmerz, mehr Kontrolle, bessere Funktion und Routinen, die Rückfälle seltener machen.
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Music under CC License:
Artist: Jahzzar, Track: Blueprint (License: CC BY-SA 4.0 DEED)
Artist: Breuss Arrizabalaga Quintet, Track: Mount Fuji (License: CC PD)
Was Manuelle Medizin Eigentlich Ist
SPEAKER_00Jetzt möchten wir alle wieder herzlich willkommen heißen zu unserer nächsten Sendung von Autocast, der Sendung des Berufsverbandes für Orthopädie und Unfallchirurgie. Und heute ist das Thema manuelle Medizin. Und ich muss ja zu meiner Schande eingestehen, dass ich da eigentlich so wenig Ahnung von habe, Katharina. Und danke dir natürlich dafür, dass wir jemanden eingeladen haben, nämlich Privatdozentin Dr. Ricarda Seemann, die auch lange an der Charité war, aber jetzt in der Praxis oder dem Zentrum für Orthopädie und Schmerztherapie in Tettnang ist. Tettnang ist am Bodensee. Und das ist, habe ich mir gerade sagen lassen, ein Zentrum oder sagen wir mal eine Wiege für Hopfen. Und ich kann mir auch gleich schon die tolle Landschaft vorstellen, die in Tettnang ist. Und wahrscheinlich wird man gleich von ganz automatisch gesund, wenn man sich einfach nur in Tettnang aufhält. Aber Ricarda, manuelle Medizin, klär mich auf, was genau verbirgt sich dahinter eigentlich?
SPEAKER_02Ja, hallo erstmal und schön, dass ich heute dabei sein darf. Ja, die manuelle Medizin befasst sich erst einmal mit Funktionsstörungen am Bewegungsapparat. Kommt also immer dann ins Spiel, wenn Muskel und Gelenke nicht so funktionieren, wie sie sollten oder könnten. Im Wort Manualmedizin steckt eigentlich schon alles drin. Es ist nämlich eine reine Technik der Hände, sowohl in der Diagnosefindung als auch in der Therapie. Und durch geschultes Tasten und Fühlen können wir Veränderungen in der Gewebespannung von Muskeln oder von Gelenken aufspüren und setzen dann gezielte Handgriffe ein. Und dabei wird meistens der ganze Körper des Patienten und auch der ganze Körper des Therapeuten mit einbezogen. Und wir können diese Funktionsstörungen dann angehen und oft auch lösen. Die manuelle Medizin ist schon ziemlich alt als Disziplin, ist auch weit verbreitet in der Welt. Und was wir aber heute darunter verstehen, hat sich vor allem im 20. Jahrhundert entwickelt und ist, und das ist vielen wahrscheinlich ein Begriff, nahe verwandt mit der amerikanischen Giro-Therapie. In Deutschland wird die manuelle Medizin von Ärzten und Physiotherapeuten angewendet. Und die haben eine mehrjährige Ausbildung absolviert. Was vielleicht noch ganz wichtig ist und interessant, anders als bei Physiotherapeuten, kommen bei ärztlichen Manualtherapeuten auch Techniken zur Anwendung, wo so ganz gezielte, schnelle Impulse eingesetzt werden. Und wenn man das richtig macht, dann kommt es nicht selten zu einem hörbaren Knacken. Und dann sind die Patienten oft ganz schnell befreit von ihrer Schmerz oder auch von der Bewegungseinschränkung, die sie zum Arzt geführt hat. Es ist natürlich so, gerade an der Halswirbelsäule braucht es viel Erfahrung und vor allem auch eine sehr sichere Diagnosestellung, weshalb wir Manualtherapeuten auch viel mit sanften Techniken arbeiten und vieles lässt sich auch ganz ohne jede Manipulation erfolgreich behandeln.
SPEAKER_01Du hast dabei schon angesprochen, ein bisschen mit angedeutet, was ist denn das, was da eigentlich therapiert wird? Also man hört immer so das Wort Blockade. Was ist denn eigentlich eine Blockade? Und wie geht man dagegen vor?
SPEAKER_02Ja, wir stellen uns unter eine Blockade vor, dass zum Beispiel bei einem kleinen Wirbelgelenk die Muskeln, die dieses Gelenk eigentlich bewegen sollen, in die eine, in die andere Richtung. Die Wirbelsäule kann sich ja ganz wunderbar biegend drehen und ist vor allen Dingen für die Stabilität wichtig. Wenn da was nicht ganz stimmt, dann macht so ein Muskel schnell zu. Und oft ist das auch wie so eine Schutzreaktion. Das kennen wir vielleicht von einer falschen Bewegung. Da ist man irgendwie zu schnell aufgestanden oder hat zu schnell den Hals gedreht, weil man sich umgeschaut hat. Und es kommt zu so einem schnellen Schmerz und plötzlich merkt man, ich kann den Hals nicht mehr richtig bewegen. Und dahinter steckt ein Schutzreflex. Da hat sich die Muskulatur in einem kleinen Gelenk ganz schnell angespannt und festgemacht, damit der Hals oder damit der Mensch nicht sich weiter bewegt und in dem Fall die Halswirbelsäule nicht weiter in Gefahr bringt. Also letztlich ist es ein festgefahrener Schutzreflex und die Muskulatur macht nicht wieder auf. Das kann sehr schmerzhaft sein und vor allen Dingen dazu führen, dass man sich nicht so bewegen kann, wie man das gerne würde.
Diagnostik: Freie Richtung Und Irritationspunkte
SPEAKER_00Wenn ich dir das mir jetzt überlege, du hast ja so einen Körper, der hat ja so viele Gelenke und jetzt kommt jemand und hat da Schmerzen. Ricarda, wie kriegst du eigentlich raus, dass jemand, jetzt in dem Halswirbelsäulenbeispiel, war das ja gut erklärt, aber wie gehst du denn systematisch vor, um rauszukriegen, dass jemand für so eine manuelle Therapie und Medizin überhaupt qualifiziert?
SPEAKER_02Und da gibt es ganz klare Regeln, weil natürlich ist ein Muskel ganz vielen unterschiedlichen Einflüssen unterworfen. Das ist nicht immer nur eine Blockierung, wenn der nicht so funktioniert, wie er soll, sondern das kann natürlich auch, ja, das kann mal eine Entzündung sein, das kann mal ein Muskelkater ganz banal sein oder es kann ein Nervenproblem sein. Deswegen schauen wir immer, ist das eine sogenannte Dysfunktion, die gewissen Regeln folgt. Also zum Beispiel beim Hals wäre das so, dass man schaut, gibt es denn eine freie Richtung? Und ganz häufig ist es so, dass jemand, der kommt und sagt, ich kann meinen Hals nicht richtig bewegen, der sagt, nach rechts geht gar nichts, nur nach links ist aber ganz frei. Das ist zum Beispiel ein Kriterium. Das nächste ist, dass zu einer Blockierung, einer echten Blockierung, immer auch ein sogenannter Irritationspunkt gehört. Das heißt, wir können mit den Händen tasten, wo quasi die Muskulatur besonders angespannt ist, das gehört dann oft zu so einem Wirbelsäulensegment und können diesen auch richtig provozieren. Also der Patient kann uns ganz genau sagen, genau da ist es. Und wenn das vorliegt, dann könnte manualtherapeutisch eingreifen. Wenn ich mir aber unsicher bin, zum Beispiel, ja, jemand mag sich gar nicht bewegen oder jemand kommt und ich habe eigentlich einen ganz angespannten Rückenteil, der ist von oben bis unten einmal hart, dann wird es schwierig mit der ganz klaren Dysfunktion und dann würde ich als Manualtherapeut auch erstmal schauen, gibt es denn nicht andere Ursachen dafür?
SPEAKER_01Das ist eigentlich schon die perfekte Überleitung zu dem nächsten Podcast, den wir irgendwann mal haben werden und zum Thema spezifischer und unspezifischer Kreuzschmerz. Aber nochmal zurück, du hast schon freie Richtung und nicht freie Richtung angesprochen. Wie gehst du dann weiter vor? Das heißt, du machst eine manualtherapeutische Diagnostik, untersuchst den Patienten und was findet dann statt?
SPEAKER_02Ja, dann bespreche ich mit dem Patienten, was ich gefunden habe und höre mir natürlich auch an, ob es für ihn passt. Häufig ist auch die Anamnese ganz wichtig, also dass mir der Patient sagt, wie hat sich das eigentlich entwickelt? Nicht selten ist es nämlich so, dass es schon so Vorläuferschmerzen gab. Also dass jemand schon sagt, oh, ich war schon eine Weile lang, ging es mir nicht so gut mit dem Hals und dann bin ich eines Morgens aufgewacht und konnte ihn plötzlich in die eine Richtung nicht mehr bewegen. Also das ist ganz wichtig. Und dann weiß der Patient auch, okay, ich habe mir das genau überlegt und dann erkläre ich ihm, was ich machen möchte. Und dann muss ich ihn lagern. Das ist so ein Begriff auch aus der Manualmedizin. Es ist so, sowohl der Patient wird gelagert als auch der Therapeut, weil wir eben den ganzen Körper einsetzen. Zum Beispiel die Halswirbelsäule, kann man sehr, sehr gut im Sitzen behandeln, wobei ich dann meinen Griff ansetzen würde. Also zum Beispiel den Hals stabilisieren im Ellenbogen auf der einen Seite und mit der anderen Hand an die gestörte Funktion herangehe, also an das gestörte Gewirbelgelenk herangehe. Und dann taste ich mich langsam rein, schaue, wie der Patient reagiert. Und wenn alle meine Kriterien erfüllt sind, kann ich dann auch einen kleinen, schnellen Impuls setzen und ja, schauen, ob es was gebracht hat.
SPEAKER_01Schön. Und dann steht der Patient auf und ihm geht es deutlich besser. So soll es laufen, perfekt.
Sanfte Techniken Bei Sensiblen Patienten
SPEAKER_02Im besten Fall ist das so. Und manchmal ist es wirklich beeindruckend, wie schnell und wie effektiv man helfen kann. Das ist natürlich nicht immer so. Und manchmal, gerade bei Patienten, wir bleiben jetzt mal ein bisschen bei der Halswirbelsäule, weil das doch sehr, sehr häufig ist. Manche Patienten haben auch schon schlechte Erfahrungen gemacht mit Chirotherapeuten, mit Ärzten, die vielleicht ohne sie vorzuwarnen und ohne sieben zu erklären, was sie machen, so einen ganz unvermittelten Impuls gesetzt haben. Ich glaube, das kann sehr traumatisch sein. Und bei diesen Patienten wende ich dann vor allem Weichteiltechniken an und taste mich ganz, ganz langsam heran an das, was ich machen möchte.
Hotspots: HWS, BWS, LWS, ISG
SPEAKER_00Wir hatten jetzt ganz viel über die Halswirbelsäule gesprochen. Was ist denn da so die Hit-Liste? Also Halswirbelsäule, okay, habe ich verstanden, ist ganz vorne dabei. Welche Gelenke denn noch?
SPEAKER_02Wenn wir an der Wirbelsäule bleiben, dann ist auch die Brustwirbelsäule extrem wichtig. Die Brustwirbelsäule, die ist von daher so spannend, weil natürlich im Brustbereich auch die ganzen inneren Organe sitzen, das Herz, die Lunge. Und wenn man weiß, dass viele dieser Organe von Nerven auch beeinflusst werden, die eben durchaus auch mit der Skelettmuskulatur zu tun haben im Bereich der Wirbelsäule, dann leiten sich daraus auch viele Beschwerden ab, die man manualtherapeutisch angehen kann. Also es ist nicht immer nur ein Muskelschmerz oder ein Schmerz zwischen den Schulterblättern zum Beispiel, sondern manche merken auch, oh, ich kann nicht so richtig gut tief einatmen. Oder ja, auch so ein Druck auf der Brust kann durchaus mal mit einer Blockierung in der Brustwirbelsäule einhergehen und dann auch so therapiert werden. Also die Brustwirbelsäule ganz wichtig, dann die Lendenwirbelsäule auch sehr, sehr wichtig und das Idiosakralgelenk. Das sind häufig Schmerzen, die ganz tief im Rücken sitzen, die ganz plötzlich kommen und die wiederum wegen diesen Nervenverschaltungen manchmal auch wirklich Angst machen können, weil sie Ausstrahlungen machen. Also plötzlich hat man Schmerzen, die gehen hinten ins Gesäß, in die Kniekehle oder bis runter in die Ferse und man denkt, oh je, was ist denn jetzt los? Ist ein Nerv eingeklemmt? Und nicht selten ist es nur, in Anführungsstrichen, eine Muskelverspannung oder eine Muskeldysfunktion, die genau sowas imitieren kann.
Wann Bildgebung Sinnvoll Ist
SPEAKER_00Wenn man mal schaut, wie du so strategisch vorgehst, ich brauche für meine Patienten meistens ein Röntgenbild oder ein MRT, brauchst du das auch?
SPEAKER_02Das kommt ganz drauf an. Ich bin natürlich auch Schmerztherapeutin und nicht nur Manualtherapeutin. Und für mich ist es ganz wichtig, wie lange sind die Beschwerden denn schon da? Wenn jetzt ein junger Mensch zu mir kommt, der noch nie Rückenschmerzen hat und das erste Mal aufgewacht ist mit einem komischen Gefühl da hinten, dann reicht mir tatsächlich das, was ich mit den Händen mache. Und das reicht mir dann auch, wenn er Ausstrahlungen angibt oder wenn der Rückenschmerz vielleicht ein bisschen komplizierter sich anhört. Nicht selten ist es aber so, dass auch Patienten kommen, die schon im fortgeschrittenen Alter sind und die immer und immer wieder Dysfunktionen haben, Schmerzen oder auch Schmerzen, die gar nicht so klar einer Dysfunktion zuzuschreiben sind. Und dann macht es schon Sinn, relativ zügig ein Röntgenbild zu haben, auch weil ich dann weiß, wie ist die Struktur, wie ist die Statik dieses Menschen. Es ist ja nicht nur, wie sieht der Knochen aus, sondern auch, wie steht die Wirbelsäule. Hat der ein Hohlkreuz, hat er einen Rundrücken, wie sind die muskulären Einflüsse, mit was läuft er so rum den ganzen Tag? Und weil das alles Faktoren sind, die auch wiederum dazu führen können, dass so ein Rücken eine Dysfunktion ausbildet oder dass sich eine Dysfunktion einstellt, sagt mir das ganz viel über den Patienten auch aus.
SPEAKER_01Dann kannst du ja mit deinen Händen quasi ein bisschen auch mehr über den Patienten manchmal erfahren. Je nachdem, wo dann die Muskelverspannungen sind, kann man ja dann auch Dinge ableiten, ne?
Massage, Triggerpunkte Und Abgrenzung
SPEAKER_02Ja, das ist so tatsächlich. Und ja, unsere Zivilisationskrankheit ist der Rückenschmerz. Aber nicht nur der Tieflumbale, sondern eben auch der im Halswürmelsäulenbereich. Ich denke da an die vielen Patienten, die den Tag am Computer verbringen, die vielen Patienten, die den Tag im Sitzen verbringen, wenig Abwechslung haben. Naja, und auch daran, dass wir uns doch deutlich weniger bewegen, als wir das wahrscheinlich früher noch getan haben.
SPEAKER_00Wenn ich mir das so vorstelle, also man sucht nach Triggerpunkten, man sucht nach verspannten Muskeln und drückt dann, wie muss ich mir das eigentlich vorstellen? Also ist es so, also dauert das so lange wie eine Massage oder ist es einfach nur ein Punkt Suchen, Finden und dann draufdrücken und dann ist es ganz schnell weg.
Rolle Des Patienten: Vertrauen Und Feedback
SPEAKER_02Also es sind hier ein paar Sachen vermischt erstmal. Den Triggerpunkt, das muss ich nur ganz kurz richtigstellen. Den Triggerpunkt behandeln wir in der manuellen Medizin nicht primär. Unsere Punkte sind die Irritationspunkte. Triggerpunkte haben auch eine Wertigkeit bei uns, sind aber von der, sagen wir, wo die herkommen und warum die da sind, ein bisschen eine andere Geschichte. Das muss ich nur ganz kurz klarstellen. Andererseits haben sie auch ihre Berechtigung bei uns und werden natürlich auch behandelt. Was du jetzt aber gefragt hast, ist, ob das eine Massage ist, was wir machen. Jein, je nachdem, was man sich darunter vorstellt. Also eine klassische Massage dauert 30 Minuten und kümmert sich von Kopf bis Fuß um den Patienten. Das schaffen wir natürlich in der Praxis nicht. Wir nutzen die manualmedizinischen Techniken erstmal für die Diagnose und dann für die Therapie. Und als Arzt kann man sich tatsächlich jetzt, wenn das in einer orthopädisch-schmerztherapeutischen Sprechstunde stattfindet, was da passiert, therapeutisch, kann man sich keine Dreiviertelstunde für den Patienten nehmen. Was wir dann durchaus machen, sind vielleicht kurze Massagetechniken zur Einstimmung, die sind aber nie länger als ein bis zwei Minuten. Und der echte ärztliche manipulative Griff, der ist in wenigen Sekunden fertig. Und abzugrenzen davon ist natürlich die physiotherapeutische manuelle Medizin. Da kommen mehr Muskel- und Massagetechniken zum Einsatz. Jeder, der beim Physiotherapeuten war schon mal und weiß, wie punktgenau die an einen schmerzhaften Irritationspunkt können und einen schmerzhaften Muskelpunkt behandeln können. Die wissen so, es auch mal länger dauert als ein paar Sekunden. Und da sind die Prinzipien dann ein bisschen anders. Da wird sich dann mehr Zeit genommen für eine Muskeltechnik zum Beispiel.
Wie Viele Sitzungen Wirklich Nötig Sind
SPEAKER_01Was kann denn der Patient dazu beitragen? Also kann er helfen beim Lagern oder auch danach? Was sollte der Patient beachten, damit er den größtmöglichen Erfolg durch deine manuelle Therapie hat?
SPEAKER_02Der Patient kann eigentlich nichts falsch machen. Ich glaube, es ist wichtig, dass ein Patient dem Therapeuten vertraut, in dessen Hände er sich gibt. Das heißt, ich würde, glaube ich, als Patient mir auch immer anschauen, wer ist denn da eigentlich? Tut mir das gut, wenn der mich oder die mich anfasst, fühle ich mich wohl. Und wenn das so ist, dann kann man sich, glaube ich, als Patient fallen lassen und darf sich dann auch ruhig vertrauensvoll in die Hände des Therapeuten begeben. Was man als Patient immer beachten sollte, ist, wenn man sich nicht wohl fühlt, dann hat das auch Auswirkungen auf den Therapeuten. Und ich glaube, dann ist es viel besser zu sagen, ach nee, ich möchte nicht, dass sie jetzt zu ruckartig rangehen oder dann kann man ein Stoppschild setzen und sagen, das ist jetzt nichts für mich. Und das wird auch ein Therapeut immer verstehen. Aber die Behandlung ist am erfolgreichsten eigentlich, wenn man sich als Patient auf den Behandler einlässt und als Behandler oder Behandlerin auch auf den oder die Patienten.
SPEAKER_00Wie oft muss man das eigentlich wiederholen? Wenn du einmal die richtigen Punkte gefunden hast, wäre ich dann geheilt sofort oder muss ich mehrfach zu dir kommen?
Grenzen: Bandscheibe, Frakturen, Entzündungen
SPEAKER_02Im besten Fall reicht genau eine Manipulation für die eine Blockierung oder die eine Dysfunktion. Jetzt hatten wir vorhin schon das Thema, junge Patienten, wo die Strukturen noch nicht verändert sind, also wo ich noch nicht davon ausgehen muss, dass zum Beispiel schon ein bisschen ein Gelenkverschleiß da ist oder dass eine Bandscheibe schon vielleicht nicht mehr ganz so fluffig ist, wie sie mal war. Bei denen reicht oft ein einziger Griff. Das ist wirklich schön zu sehen. Wenn aber zum Menschen noch ein bisschen mehr dazu gehört, als nur diese eine Dysfunktion, dann kann es schon sein, dass man mal zwei-, dreimal schauen muss. Oder dass es auch wirklich sinnvoll ist, dass man die manualtherapeutische Behandlung, also nach einem ersten ärztlichen Kontakt und Assessment an einen physiotherapeutischen Hände gibt, um dann weiterzumachen, auch über vier oder fünf oder sechs Termine.
SPEAKER_00Also ich finde das absolut faszinierend. Wenn ich mir jetzt aber überlege, für dich ist es ja manchmal auch so, dass es Sachen gibt, die überhaupt nicht für eine manuelle Therapie geeignet sind. Also wo du sagst, oh oh, nee, nee, das können wir jetzt wirklich nicht mit drücken und massieren, Punkte suchen, lösen, da muss jetzt eine andere Diagnostik her. Wie findest du das raus? Also ich glaube, ein Knochenbruch zum Beispiel, das ist, glaube ich, einfach, aber da gibt es ja wahrscheinlich auch ganz viele Übergangsformen, wo du da ganz schnell merkst, nee, das ist jetzt nicht geeignet für manuelle Therapie. Kannst du mal unseren Zuhörern so ein Beispiel geben?
Qualifikation Finden: Zertifikate Und Ausbildung
SPEAKER_02Ja, also an jeder ärztlichen Behandlung steht natürlich eine ganz, ganz ausführliche Anamnese und eine sehr, sehr gründliche Untersuchung. Und von dieser Untersuchung bekommen wir schon viele Hinweise darüber, was die Ursache sein könnte. Und wir bekommen auch Hinweise darüber, wo wir wirklich nicht ran sollten. Die manuelle Medizin kann keine Bandscheibe wieder zurück zwischen die Wirbel flutschen lassen und die manuelle Medizin kann auch keinen Knochenbruch schneller heilen lassen. Hier sind ganz, ganz klare Grenzen zu setzen. Und auch Schmerzen, die ihren Ursprung zum Beispiel in entzündlichen Prozessen haben, sind keine Domäne der manuellen Medizin allein. Aber viele Folgeerscheinungen dieser Erkrankungen, zum Beispiel Muskelverspannungen oder Funktionseinschränkungen, die wiederum lassen sich sehr gut durch manualmedizinische Techniken behandeln und lindern, weshalb die Manualmedizin auch oft in so einem multimodalen Ansatz eine große Rolle spielt. Also nicht als alleinige Therapieoption, sondern im Rahmen eines größeren therapeutischen Settings ihre Rolle spielen.
SPEAKER_01Wenn ich jetzt als Patient da Beschwerden habe und es hat bisher auch ganz gut angeschlagen, die Therapie, und ich möchte das weiter nachverfolgen, wie kann ich denn einen gut Manualtherapeuten finden? Also was zeichnet denen aus? Gibt es da irgendwelche Kriterien? Taucht der auf Google sofort auf? Oder wenn ich überlege, dass das für mich eine Option ist der Therapie, wie finde ich denn Manualmediziner?
SPEAKER_02Also in Deutschland ist das so geregelt, dass die Manualmedizin in Händen spezieller wissenschaftlicher Ausbildungsgesellschaften liegt und dass man eine spezielle Weiterbildung macht, die auch über mehrere Jahre gehen kann, um dann ein entsprechendes Zertifikat zu erhalten. Und das ist für Ärzte so geregelt. Das heißt, man darf sich die manuelle Medizin auch nur aufs Praxisschild schreiben, wenn man dieses Zertifikat erworben hat und auch vor der Ärztekammer eine Prüfung gemacht hat. Ganz ähnlich ist das bei den Physiotherapeuten.
SPEAKER_00Ich weiß ja, dass auch viele Patienten gerne zu Osteopathen gehen. Davon verstehe ich leider auch viel zu wenig. Also manuelle Medizin, Osteopathie, wie unterscheiden die sich eigentlich voneinander?
SPEAKER_02Ja, das ist eine ganz spannende und vor allen Dingen sehr wichtige Frage, finde ich, weil manuelle Medizin und Osteopathie ganz unterschiedliche Ansätze und Begründungen haben. Die manuelle Medizin ist fest in der Schulmedizin verankert und stützt sich auf anatomisch, neurophysiologisch und biochemisch erklärbare Prinzipien. Und bei der Osteopathie handelt es sich um einen komplementärmedizinischen Ansatz. Und die Osteopathie ist eine eigene medizinische Philosophie und das bildet sich auch in unserem Gesundheitssystem ab. Während die manuelle Medizin von den Krankenkassen anerkannt ist und auch vergütet wird, sind osteopathische Behandlungen zumeist Selbstzahlerleistungen. Jetzt ist es aber so, auch in der Osteopathie wird wie in der manuellen Medizin ganzheitlich und nur mit den Händen vorgegangen, sodass es auf jeden Fall ganz viele Überschneidungen gibt. Auch in der Ausbildung von Manualmedizinern spielen osteopathische Techniken eine Rolle. Und in den Fachgesellschaften findet ein reger Austausch statt. Wir lernen voneinander und wir akzeptieren auch die unterschiedliche Sichtweise. Aber man muss schon sagen, einige der osteopathischen Erklärungsansätze sind bisher einfach nicht mit naturwissenschaftlichen Methoden nachweisbar und somit auch nicht immer mit naturwissenschaftlicher Ausbildung und Denkweise in Einklang zu bringen.
SPEAKER_00Vielleicht eine bisschen ketzerische Frage. Ist es dir eigentlich schon mal vorgekommen, dass du einen Patienten oder Patientin hattest und hast das dann untersucht und dann hast die Punkte gesucht und dann auch gedrückt und es ist dann schlimmer geworden dadurch?
Lernmoment: Wenn Es Doch Schlimmer Wird
Rückfallprophylaxe: Bewegung Und Rumpfkraft
SPEAKER_02Das kann durchaus mal passieren, weil es ist halt doch nicht alles immer so schwarz-weiß, wie man so denkt. Und ich erinnere mich tatsächlich an eine Patientin, die für mich ganz. gerade so in meinen ersten Berufsjahren das klare Bild einer Blockierung mitgebracht hat, der auch eine ganz junge Patientin und interessanterweise dann auch noch eine Medizinstudentin, die kam und mir erzählt hat, sie glaubt, sie hat einen Wandscheibenvorfall und ob ich nicht mal gucken könnte. Und ja, wie ich ihr dann so erklärt habe, nein, das hat keine Ausstrahlung und das ist kein neurologisches Problem und ich glaube, du hast keinen Wandscheibenvorfall. Und dann habe ich sie untersucht und behandelt und es wurde im Verlauf ging es ihr nicht besser und es wurde sogar eher schlimmer. Und irgendwann haben wir dann weitergeschaut, natürlich Bilder gemacht und es stellte sich dann doch aus, sie hat einen Bandscheibenvorfall. Das hat sich mir sehr eingeprägt, das Ganze. Und das hat mich auch so ein bisschen Demut gelehrt. Gerade dazu, dass es halt doch nicht alles schwarz-weiß ist und nicht so ist, wie im Lehrbuch steht. Und das Schöne an der manuellen Medizin oder überhaupt auch an Medizin ist ja, man kann mit seinem Patienten zusammenbleiben und man bleibt in Kontakt. Und ein wichtiger Bestandteil bei uns ist es auch, dass wir den Patienten wieder einbestellen. Das heißt, wir behandeln ihn und schicken ihn dann nicht nach Hause und sagen, ja, guck, wie du klarkommst, sondern wir möchten gerne wissen, wie es ihm geht. Wir sehen das irgendwie als Herausforderung, auch zu schauen, was haben wir angerichtet sozusagen. Und können dann anhand unseres Therapieerfolges oder eben auch sich nicht einstellenden Therapieerfolges sehen, ob wir auf dem richtigen Weg sind. Und das spürt der Patient auch und kann somit auch selber mitsteuern. Und wenn dieses Mädchen nicht gesagt hätte, nee, es wird einfach nicht besser, du musst nochmal gucken, ja, hätten wir es wahrscheinlich nicht so weit rausbekommen dann auch, gell.
SPEAKER_00Wenn ich jetzt so eine Blockade habe und dann gehe ich zu dir und ich spüre sofort, ich bin bei dir in den richtigen Händen, Ricarda, dann findest du den Punkt und machst das gut und ich gehe glücklich aus deiner Praxis wieder raus. Was kann ich denn tun, um das zu halten? Also ich meine, so eine Blockade oder das hat sich ja auch irgendwie entwickelt. Gibt es da eine Leitlinien, die ich jetzt als Patient nachvollziehen kann, damit das nicht wiederkommt?
Selbsthilfe: Aushängen, Petsiball, Faszien
SPEAKER_02Wir wissen heute, dass es extrem wichtig ist, unsere Muskeln zu benutzen. Das ist schon ein allgemein Platz geworden. Dass man sagt, ja, use it or lose und unsere Muskulatur rennt durch den Alltag und bleibt in Zwangshaltungen und lehnt sich nach vorne und die eine Seite verkümmert und die andere verkrümmt sich und unsere Muskulatur ist der Schlüssel eigentlich dazu. Deswegen empfehlen wir Bewegung, regelmäßige Bewegung. Das muss kein Leistungssport sein, das muss auch nicht immer irgendwie ein spezieller Sport sein, sondern schon das ganz bewusste Spazierengehen, eine halbe Stunde am Tag in aufrechter Haltung, mit guter Atmung, so dieses, ohne was auf den Ohren zu haben, vielleicht auch ohne sich zu unterhalten, das ist schon sehr, sehr gut für die Muskulatur. Weil die Muskulatur wird dann, gerade vom Halteapparat, also die Muskulatur des Halteapparats, die meine ich jetzt, also die in der Nähe der Wirbelsäule, die dafür da ist, dass wir aufrecht gehen und stehen und sitzen und nicht in uns zusammensacken. Und gerade diese Muskulatur wird anfälliger für diese Dysfunktionen, also für diese festgefahrenen Schutzreflexe, die wir Blockierung nennen, wenn sie nicht gut trainiert ist und wenn sie quasi ein Ungleichgewicht entwickelt zwischen zum Beispiel Ziehen, also zwischen Muskulatur, die in die eine oder in die andere Richtung arbeiten soll. Dann wird man anfälliger für Dysfunktionen und dann stellen die sich schneller ein. Das heißt, je mehr ich mich um meine Rumpfmuskulatur kümmere, umso besser, würde ich mal sagen, ist es auch. Und letztlich kann man das auch für Arm- und Beinmuskulatur sagen. Wir haben jetzt sehr, sehr viel über die Wirbelsäule gesprochen. Aber auch alle anderen Gelenke, also Schulter, Knie, Ellenbogen, sind durchaus zugänglich für manualtherapeutische Diagnostik und Therapie.
Schlusswort Und Ausblick
SPEAKER_01Jetzt hat der Patient oder haben die Patienten super viel Sport gemacht, ist alles gut und trotzdem ist eine Blockade entstanden. Verflixt. Und jetzt ist die Frage, kann man schon selber was machen? Also manchmal hört man ja so den Tipp, Mensch, häng dich irgendwie an die Recksstange aus und am Türrahmen. Was gibt es denn da noch so für Tipps und Tricks, bevor man dann einen Termin bei dir macht oder bei irgendeinem anderen manualen Mediziner oder Medizinerin? Aber was kann man vielleicht schon zu Hause mal probieren und gucken, ob man sich vielleicht sogar selber helfen kann?
SPEAKER_02Ja, also ganz viele Patienten kennen schon dieses Aushängen. Häng dich mal an den Türrahmen. Ich versuche dich mal ganz locker auszuhängen. Sagen wir so, das ist für viele Patienten sehr hilfreich. Eine Sache, die ich auch ganz gerne mache, ist, einen Petsiball zu nehmen und mich so einmal mit dem Bauch über den Petsibal zu rollen, mit dem Rücken über den Petsibal zu rollen, einfach so ein bisschen zu versuchen, Bewegung in die Sache reinzubekommen. Und wenn es ganz schlimm ist und man sagt, oh, was mache ich denn jetzt, dann würde ich immer empfehlen, versucht die freie Richtung zu finden und in diese Richtung zu bewegen. Also wenn der Hals nach links gar nicht geht und nach rechts aber schon, dann dehnt und bewegt man erstmal nach rechts. Und oft kann das dann auch schon helfen, auf die linke Seite was in die schmerzfreie Richtung versuchen, sich zu bewegen und zu mobilisieren. Und was auch einige Patienten machen, ist quasi, dass man so eine Art Selbstmassage versucht mit einem Igelball oder Faszienrollen sind mittlerweile sehr weit verbreitet, dass man die Muskulatur so ein bisschen anregt, indem man sie massiert. Und das kennt ja auch jeder, wenn man so einen verspannten Nacken hat, lässt man sich doch sehr, sehr gerne abends mal vom Partner massieren. Das ist eine sehr gute Möglichkeit, das Ganze wieder loszuwerden.
SPEAKER_00Also ich habe das Ticket nach Tettnang fast schon gelöst. Es ist wirklich, wirklich schön. Und ich glaube, ich werde, ich habe das vorhin nämlich auch schon gesagt, Ricarda, ich glaube, ich als Chirurg, der einfach immer im OP steht, ich glaube, ich werde jetzt auch mal so eine Weiterbildung für manuelle Medizin machen, denn ich finde, das ist absolut schlüssig. Vielen Dank, dass du heute dabei warst und uns und unseren Zuhörern spannende Dinge über manuelle Medizin erklärt hast. Privatdozentin Dr. Ricarda Seemann heute aus dem Zentrum für Orthopädie und Schmerztherapie aus Tettlang am Bodensee vielen herzlichen Dank für die tollen Auskünfte.