Grätzlgeschichten
Im Geschichte-Podcast der Stadt Wien erzählen die Zeithistoriker und Geschichtsgreisslerei-Podcaster Andreas Filipovic und Walter Szevera "Grätzlgeschichten" aus der Wiener Historie. In Staffel 1 (2024/25) werden die Bezirks-Geschichten anhand eines zentralen Ortes in den 23 Bezirken erzählt , an denen sich wichtige Ereignisse für die politische oder gesellschaftliche Entwicklung unserer Stadt abgespielt haben. Staffel 2 (ab 2026) nimmt Denkmäler in der Stadt als Ausgangspunkt für Spaziergänge durch die Wiener Geschichte.
Grätzlgeschichten
27 | Marco d'Aviano: Wien und die Instrumentalisierung der Erinnerung
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In dieser Folge von Grätzlgeschichten stehen Marco d’Aviano und das Denkmal vor der Kapuzinerkirche am Neuen Markt im Mittelpunkt. Andreas und Walter erzählen, wer dieser Kapuzinermönch eigentlich war: vom jungen Prediger aus Friaul über seinen Aufstieg zum Berater Kaiser Leopolds I. bis zu seiner Rolle in den Türkenkriegen und seinem Ruf als Wundertäter.
Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf der Entstehungsgeschichte des Denkmals aus dem Jahr 1935. Die beiden sprechen über den künstlerischen Wettbewerb, den kämpferischen Entwurf von Hans Mauer und darüber, warum Marco d’Aviano hier als entschlossen voranschreitende Figur mit erhobenem Kreuz inszeniert wird. Vor allem aber zeigen sie, wie stark Engelbert Dollfuß und der austrofaschistische Ständestaat diese historische Figur für ihre Zwecke vereinnahmten – als Symbol eines „katholischen Österreich“ im Kampf gegen innere und äußere Feinde.
Mehr Wiener Geschichte findet ihr im Wien Geschichte Wiki. Andreas und Walter könnt ihr außerdem in der Geschichtsgreißlerei hören.
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//www.uniscribe.co). Upgrade to remove this message.) Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge der Grätzelgeschichten. Es begrüßen euch Andreas und Walter. Walter, unser heutiges Denkmal steht ja am Neuen Markt in Wien, direkt vor bzw. in der Kapuzinerkirche. Irgendwo zwischen Straßenlärm, Touristengruppen natürlich in der inneren Stadt, dem Portal zur Kaisergruft, die alle sehen wollen, ist das ja eine gewaltige Bronzestatue. Und sie ist eigentlich recht wütend und da steht agitierend ein Kapuzinerpater, und zwar der Marco Daviano mit einem Kreuz in der Hand. Das Denkmal hat aber auch eine erstaunliche politische Geschichte, oder? Ja, absolut. Das Marco Daviano-Denkmal, das wir hier heute sehen, wurde 1935 enthüllt, also mitten in der Zeit des autoritären Ständestaates. Und es ist nicht einfach nur ein religiöses Monument, sondern auch ein politisches Symbol, das wirklich den Schulterschluss zwischen Kirche und Staat demonstrieren sollte. Gut, und bevor wir zum Marco Daviano gehen und zu dem wilden Denkmal, zuvor noch zwei Minuten Heimatkunde. Der Kapuzinerorden, ein Reformzweig der Franziskaner, ist seit dem frühen 17. Jahrhundert eng mit Wien und dem Hause Habsburg verbunden. Obwohl eigentlich eine späte Gründung im 16. Jahrhundert, kann der Orden rasch weitreichenden Einfluss gewinnen. Eigentlich eine Teilorganisation des Bettelordens der Franziskaner will dieser wieder an die Wurzel des Ordensgründers Franz von Assisi anknüpfen. Und das heißt ein Leben in Dienste der Armen und Kranken, in Demut und Bescheidenheit. Wichtig ist auch die aktive Zuwendung zu den Gläubigen, was eine intensive Reisetätigkeit mit sich brachte. Als Zeichen für ihre Rückorientierung in das bewusste Leben in Armut tragen die Mönche die klassische braune Kutte von Franz von Assisi mit einer Kapuze, um sich bei den Wanderungen zu schützen. In der Zurückdrängung des aufkommenden Protestantismus spielen in Folge die Kapuziner eine wichtige Rolle, denn zu diesem Zeitpunkt haben die katholische Kirche und die mit ihr verbundenen Herrscherhäuser massive Legitimationsprobleme, Verschwendungssucht, Hinwendung zu allzu weltlichen Laster Und ein desolater Organisationszustand machen Reformen unbedingt notwendig. Und so kommen die neuen Role Models gerade recht. Sie predigen nicht nur Armut und Selbstlosigkeit, sie leben sie auch. Und im Gegensatz zu anderen Abspaltungen fordern sie Demut und Unterordnung unter der weltlichen Macht. Somit spiegelt die Geschichte des Ordens nicht nur die katholische Reform wider, sondern auch die religiöse und politische Entwicklung der Habsburger Zeit. Unter Kaiser Rudolf II. etablieren sich die Kapuziner in den habsburgischen Ländern. In Wien gründet man 1600 das erste Kapuzinerkloster in St. Ulrich, dem heutigen 7. Bezirk. Diese frühe Niederlassung wird zwar unter Josef II. wieder aufgehoben, doch legt sie den Grundstein für die späte, dauerhafte Präsenz der Kapuziner in der Stadt. Eine entscheidende Rolle spielt dabei die Kaiserin Anna von Tirol. Sie vermacht testamentarisch die Mittel für ein Kapuzinerkloster mit Kirche und Gruft am damaligen Mehlmarkt, dem heutigen Neuenmarkt. Ihr Gatte, Kaiser Matthias, erwirbt dafür einen Gebäudekomplex. Doch erst sein Nachfolger, Kaiser Ferdinand II., legt 1622 den Grundstein zur Kapuzinerkirche. Durch den Dreißigjährigen Krieg verzögert, wird sie 1632 geweiht. Mit der Überführung der Särge von Kaiser Matthias und Kaiserin Anna im Jahr später beginnt die Geschichte der berühmten Kaiserkruft, der Grabstätte der Habsburger bis heute. Die Kapuziner übernehmen in Wien eine wichtige Stellung in der Seelsorge. Ihre volksnahe einfache Predigt macht sie zu zentralen Trägern der katholischen Reform. Bekannte Gestalt dieser Zeit ist Marco Daviano, der als Hofprediger und geistlicher Berater eine bedeutende Rolle während der Türkenbelagerung von 1683 spielt. Seine Grabstätte befindet sich ebenfalls in der Kapuzinerkirche. Trotz Kriegs- und Brandschäden bleibt der Orden präsent. Unter Josef II. wird zwar der Klosterbesitz eingeschränkt, doch die seelsorgliche und symbolische Bedeutung bleibt bestehen. Das heutige Kloster am Neuen Markt wird 1840 bis 1842 neu errichtet. Bis heute betreuen die Kapuziner die Kaiserkruft und wirken seelsorglich in Wien. Ihre spirituelle Haltung, Einfachheit, Armut und Nähe zum Volk hebt sie von den Jesuiten ab, die stärker auf Bildung und Eliten konzentriert sind. Gemeinsam aber prägen beide Orden die Gegenreformation in Österreich entscheidend. So steht die Wiener Kapuzinerkruft bis heute als sichtbares Denkmal der Pietas Austriaca, der habsburgischen Frömmigkeit und erinnert an die Verschränkung von Glaube, Macht und Geschichte in der Mitte Wiens. Aber für einen kleinen weltlichen Genuss sorgen die Cappuccino trotzdem, denn der auch in unserem Breiten beliebte Cappuccino leitet sich vom braunen der Cappuccino-Kutten ab und wer es noch wienerischer haben will, der bestellt sich im Café einen Cappuccino. Einen kleinen starken Mokka mit wenig Tropfen Schlagobers drauf. Passend zum Orden, bescheiden, maßvoll, aber in der Sache höchst agil. Ja, danke lieber Walter für diese wundervolle Heimatkunde, für die Insights in die Kaffeehauskultur und vor allem natürlich zur Geschichte des Kapuzinerwands. Gehen wir jetzt nochmal zu dem Denkmal. Also könntest du es vielleicht kurz beschreiben, warum schaut es so wütend aus, auch für alle, die es sich jetzt anschauen wollen, weil es zahlt sich wirklich aus. Ja, das Wilde, du triffst das ganz genau. Also bei dem Denkmal handelt es sich ungefähr mit drei Meter große Prostestatue, die auf einem Sockel aus Lindner-Brunner-Konglomerat, also das war der bevorzugte Baustoff der Zwischenkriegszeit, steht. Diese freistehende Statue wurde in einer Art Freiluftkapelle in unmittelbarer Nähe zur Kapuzinergruft errichtet. An beiden Seiten von diesem Denkmal sieht man also Friese, die sind dort montiert und die zeigen die befestigte Stadt von 1683, also während der zweiten osmanischen Belagerung und den Abstieg des Entsatzheeres von Kahlenberg. Also das ganze Ensemble nimmt ausschließlich Bezug auf die zweite Belagerung des Wiens durch die Osmanen 1683. Der Mönch selbst wird ja relativ forsch, nach vorne schreitend dargestellt. Also dieser Daviano, das ist der Mönch. In der bescheidenen Kutte der Kapuziner, also mit Sandalen und dem Kreuz in der rechten Hand, sehr demonstrativ nach oben weisend. Und da sind die Attribute wirklich sehr eindeutig. Ein Mann des einfachen Volkes, gleichsam bitter entschlossen, gegen die Gefahren der Christenheit ankämpfend. Das erhobene Kreuz in der rechten steht übrigens sehr symbolhaft für das geweihte Leben. Und wer war jetzt eigentlich dieser Daviano, also über dessen Denkmal wir sprechen heute? Also die Quellenlage ist bei solchen Personen immer recht verzwickt. Die sind ja sehr spät, erst so, auch dieser Mönch Daviano, ins öffentliche Interesse gerückt. Was wir wissen ist, dass er 1631 in Friaul geboren wurde und mit 17 Jahren in den Kapuzinerorden eintrat. Er wurde zum Priester geweiht, ging auf Wanderschaft, was wichtig war für die Kapuziner. Wo er also die Predigten in Latein und Italienisch abhielt. Dass er Italienisch predigte, das ist ganz wichtig, zeigte auch seine Volksnähe und den konkurrierenden Einfluss immer auch des Protestantismus. Genau, weil die vom Latein abgegangen sind zu den Volkssprachen. Also Deutsch, Italienisch, Französisch. Und diese Inhalte der Predigten waren immer Buße, innere Einkehr und bescheidenes Leben. Also angeblich hat er auch Wunder bewirkt, sogar eine Fernheilung, um nicht mehr schwierig nachzuweisen, also insbesondere wenn es im 17. Jahrhundert passiert ist. Gut, jetzt man kann nicht zum Denkmal herantreten direkt, eben keine Ahnung, die kleine Zehe rubbeln und dann auf ein Wunder hoffen. Nein, das ist also nicht, man kann also auch keine Spenden dort hinterlegen, man kann ihn auch nicht küssen, es ist schon abgesperrt. Aber wie gesagt, er soll auch eben wunderheilsam tätig gewesen sein. Also was mich auch besonders interessant macht, war eben der Umstand, dass er 1680 eben mit Kaiser Leopold I. zusammengetroffen ist und dessen Berater und Seelsorger wurde. Also wurde er 1683 auch päpstlicher Legat. und mischte sich selbst in militärische Angelegenheiten ein. Also welche Rolle er wirklich beim Entsatz von Wien gespielt hat, ist nicht klar. Was aber belegt ist, dass er bei der Eroberung von Oven und Belgrad 1686-87 dabei war. Also Budapest und Belgrad quasi aus heutiger Sicht gesprochen. Ja. Er dürfte auch wirklich einen sehr starken und eigensinnigen Charakter gehabt haben. Er warnte sich gegen antisemitische Ausschreitungen auch in Padua, also auch gegen die schlechte Behandlung türkischer Kriegsgefangener und gegen das luxuriöse Leben der Offiziere, während also die Gemeindesoldaten darben. Also musste er unter sehr bescheidenen Verhältnissen auch agieren und kämpfen. Also er war so ein typischer katholischer Gegenreformator, dessen Hauptziel eigentlich die Rekatholisierung war. Also wenn man dem katholischen Glauben beitrat oder wenn man verloren hat, oder wieder eintrat und Buße tat, dann war alles eigentlich wieder gut. Also es war nicht auf Vernichtung des Gegenübers getrimmt. Und übrigens hat der Prozess seiner Seligsprechung relativ lange gedauert. Er wurde erst 1912 eingeleitet und die Seligsprechung erfolgte 2003. Also für eine Seligsprechung ein ziemlich langer Prozess. Also scheinbar waren seine wundertätigen Aktivitäten doch etwas umstritten. Also nichts mit Santo Subito, aber auf der anderen Seite doch ein Denkmal. das Denkmal jetzt selbst so beeindruckend es ist, aber eigentlich geht es zurück auf Engelbert Dollfuß, oder? Ja, also er hatte eine eindeutig politische Konnotation. Also Dollfuß wollte, Zitat,»Wie in seinem Retter ein würdiges Denkmal setzen«, wie er es so schön formuliert hat. Er meinte damit eben diesen Mönch, der 1683 während der Zweiten Osmanischen Belagerung als geistiger Beistand und Prediger des christlichen Heeres fungierte. Also es gibt auch Überlieferungen, dass er mit dem Kreuz in der Hand die Soldaten zum Kampf gegen die Osmanen anfeierte. Ob das bewiesen ist oder ob das wirklich stimmt, weiß man natürlich jetzt nicht. Ja, das haben wir wahrscheinlich dann perfekt im Selbstbild des Ständestaates oder auch vieler anderer Rechter, aber im Ständestaat halt christlich, vergeistigt, antikommunistisch, moralisch gefestigt, vielleicht auch ein bisschen xenophob. Ja, all diese Eigenschaften treffen zu. Also nach Dollfußermordung im Juli 1934 wurde auch das Projekt weiterverfolgt. Es wurde fast schon eine Art Erteiligen- und Märtyrerkult geschaffen, also der richtige Daviano-Dollfußkult, also in Kombination. Und vor allem vorangetrieben wurde es vom Kardinal Theodor Initzer. Und der betonte besonders, dass Dollfuß die vergessene Bedeutung Davianos erkannt hat. Also die Verbindung war völlig klar. Daviano als Retter Wiens von der Bedrohung von außen und Dollfuß als Retter der Nation von der Bedrohung von innen. Und wer hat die Statue jetzt eigentlich produziert? Also gibt es da einen Künstler dahinter? Ja, da gab es sogar einen Wettbewerb. Also gewonnen hat ihn der Bildhauer Hans Mauer. Es war eine lange Phase der Ausschreibung und Würfe und Streit um die künstlerische Ausgestaltung. Und schließlich setzte sich eben Mauers Version durch. Also gegen den ursprünglichen Favoriten. Es war nämlich der Tiroler Künstler Santifala. Mauer stellte sich in Daviano nicht bescheiden oder betend da, sondern als entschlossene, voranschreitende, kämpferische Figur mit erhobenem Kreuz und konzentriertem, emporgerichteten Blick. Der Entwurf von Santifala hätte eigentlich einen anderen Mönch gezeigt, also eher einen nachdenklichen Mann mit gesenktem Kreuz und sinnierend nach vollbrachter Mission. Aber Kardinal Iniza wollte unbedingt diese kämpferische Pose und so wurde eben der... Daviano in ekstatischer Stellung präsentiert. Der Bildhauer Maurer war aber auch ganz Vertreter eines maßvollen Neubarocks, also eine wirklich enge Anlehnung an den favorizierten Baustil der absolutistischen katholischen Habsburger. Ja, also wenn man davor steht, ich meine, ich habe es ja schon mal gesagt, es schaut recht wütend aus, also fast schon martialisch. Ja, also richtig militärische Pose und es war genau intendiert. Also am Sockel steht ja auch die Seele der Befreiung Wiens, 12. September 1683. Und damit wird der Legende des Retter des Abendlandes wirklicher Denkmalkarakter verliehen. Und die beiden Reliefs an den Seiten verstärken auch diesen heroischen Ton. Und wie gesagt, die politische Stoßrichtung war ganz eindeutig. Man sah sich also in einem wieder aufgeflammten Kampf. des, sagen wir mal, mitteleuropäischen Christentums katholischer Prägung gegen die ungläubigen Völker des Ostens. Und statt den Islam bekämpft man halt jetzt vor allem den atheistischen Liberalismus und den Marxismus in all seinen politischen Ausprägungen. Und wie wurde das Denkmal finanziert? Also ich nehme an, das ist ja recht für Bronze, oder? Ja, das war auch recht teuer. Also das war wirklich ein teures Denkmal. Es gab so landesweite Spendenaufrufe, sogar Schulkinder und Arbeitslose wurden gebeten, für das Denkmal zu sammeln, also was recht infam war, die war vor allem die Arbeitslosen zu bitten, auf die man zuvor im 34er mit Kanonen geschossen hat. Religionslehrer sollten auch im Unterricht über Daviano sprechen. Unterstützung kam wirklich von allen an höchster Stelle. Also Papst Pius XI., der Bundespräsident Miklas, sogar der italienische König Viktor Immanuel III., der polnische Präsident Muschitzki und sogar der Kardinal Primaeus von Ungarn haben gespendet. Also irgendwie ein internationales, reaktionär-katholisches Prestigeprojekt? Genau, und der Ehrenschutz lag auch bei den damaligen Staatseliten. Also noch einmal bei dem Bundespräsidenten Miklas, Kanzler Schuschnigg war dabei, der Kardinal Initzer und sogar eben der Fürst Steinberg, also der Chef der faschistischen paramilitärischen Heimwehren. Also das zeigt, wie stark eigentlich damals Staat, Kirche und konservative Eliten hier zusammengewirkt haben. Gut, der letzte, der Fürst Stahlenberg, der hat ja familiäre Bande zu dieser besagten Türkenbelagerung. Ja, also sein Vorfahr war ja auch militärisch Kommandeur. Also die Stahlenbergs haben sich da immer sehr herausgetan in der Verteidigung von Wien oder wie es auch immer sich selbst interpretiert. Der war wahrscheinlich stolz wie Oskar quasi. Was gibt es zur Enthüllung selber zu sagen? Das war Festakt, nehme ich an. Ja, also mit großem Bramborium wurde das wirklich enthüllt in einem Festakt. Die Enthüllung fand also am 9. Juni 1935 statt, also während der Wiener Festwochen, also das gab es schon damals. Es gab sozusagen einen riesigen Feldaltar, eine eigens komponierte Markus-Hymne und der Bundespräsident hielt sogar eine sehr eindrucksvolle Rede. Er warnte vor der, Zitat, heidnischen Bewegung vom Norden, die das Kreuz verträgen wollte. Das war schon so ein Sticheln. und ein Hinweis auf den erstarkenden Nationalsozialismus. Also in seinem Satz, wir lassen nicht vom Kreuze Christi, wurde er damals sehr oft und viel zitiert. Und man versuchte zumindest damals schon, zumindest aus Sicht der katholischen Vertreter, diese herantreuende Gefahr des Neopaganismus der Nazis hinzuweisen, die das Kreuz Christi mit Ekel betrachteten. Für die Enthüllung selbst betrieb man einen ziemlichen Aufwand für die Zeit, vor allem wenn man weiß, dass da eigentlich nicht sehr viel Geld vorhanden war. Man borgte sich also extra dafür das angebliche Originalkreuz aus Katarau aus, schaffte es mit dem Schiff nach Korneuburg und nach Klosterneuburg. Und in Begleitung großer militärischer Präsenz wird es dann auch im Stephansdom gebracht, dort eine Messe gelesen und abends noch ein Weihespiel in der Vino Arane abgehalten. Also wirklich der ganze religiöse Pomp wurde in Anschlag gebracht. Und irgendwie wie wenn ein säkularer Staat nie entstanden wäre, oder? Also heute undenkbar, dass man solche Feierlichkeiten für einen selig gesprochenen Würdenträger veranstaltet. Ja, also Österreich quasi als das letzte, vorletzte Bollwerk des wahren Christentums. Klingt irgendwie alles nach einem Drehbuch aus der Propagandaabteilung, oder? Das war es auch. Also die Denkmalsenthüllung war wirklich hoch inszeniert. Festmesse, Hymne, Kranzniederlegung, Bundeshymne und die Botschaft war eben ganz eindeutig. Österreich wie die letzte christliche Passion in Abgrenzung zu den heidnischen Ideologien der Zeit. Der Kult um den Mönchen stand aber schon eigentlich im Reale der einige Jahre zuvor. Also beim Katholikentag 33 findet schon eine Prozession zu Ehren Tavianus von dem Stephansdom zur Kapuzinerkirche statt. Der Mönch, er verstarb ja im Beisein des kaiserlichen Paares, wurde in unmittelbarer Nähe zur Kapuzinerkopf begraben. Also immer die Nähe zu den Habsburgern. Und dieser Ort wurde für die darauf folgende Messe nicht zufällig gewählt. Immer die Verbindung Kapuziner gegen Reformation und natürlich in Verbindung mit dem Versuch, die katholische Herrschaft zu restituieren. Ja, und dieser Figur des Marco Daviano, also der Mönch, dem dieses Denkmal gewidmet worden ist, ich meine, das ist ja wahrscheinlich nicht zufälliger Kapuzin, aber vor allem ist der ja im Laufe der Zeit immer wieder ein bisschen anders interpretiert worden. Also richtig modern ist er erst im 19. Jahrhundert geworden. Also vorher war er eigentlich eine recht unbekannte Figur und hat nicht diese Rolle in der Geschichtsschreibung gehabt. Auftauchen tut er eigentlich wirklich so als Zeichen konservativer katholischer Identität so in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts. Und da zeichnet sich besonders ein Historiker herauf vor, nämlich Onno Klopp. Auch eine sehr interessante Geschichte. Sind immer die Historiker schuld? Ja, immer die Historiker, immer aufpassen, niemals Historikern so wortwörtlich glauben. Ein recht junges Phänomen eigentlich. Und die Geschichte von Klopp ist ja auch ein interessantes. Dieser flüchtet nach der Niederlage vom Fürstentum Hannover 1866, Königskreuz, Österreich. Hannover war verbündet. Nach Wien konvertiert zum Katholizismus und wird wirklich zum Vertreter einer sehr überholten Vorstellung eines von der Habsburgern dominierten deutschen Kaiserreichs. Also man kann so richtig von einem Haus- und Hofhistoriker... des Kaiserhauses sprechen und der setzt eben diesen Daviano wieder ein, so als Retter und Verbündeter der Habsburger ein. Aber es ist eigentlich eh ganz logisch, dass Sie anknüpfend an diesen mit den erzreaktionären katholischen Habsburgern verbündeten Klopp quasi auch der Dollfuß auch wiederum in Abwehr eines anderen Deutschland anknüpft. Das Denkmal wurde ja aber trotzdem dann auch gar nicht so weit entfernt zeitlich renoviert, oder? Ja. Ja, 1983, eben zum 300-jährigen Jubiläum der Abwehr der osmanischen Bedrohung. Ja, und da rückt man in stärkeres historische Figur in den Vordergrund, in Daviano, und weniger so als heroisiertes Symbol, aber diese ursprüngliche, fast kämpferische Aura bleibt. Also, und heute kann man das wirklich so als Denkmal interpretieren, also für eine Zeit, in der Religion, Politik, Geschichtsbilder wirklich so ein bisschen der Verflochten waren. Ja, was man so hört, also eigentlich eine Bronzestatue, weil man glaubt ja, okay, das erinnert an einen überwurzelten, vor langer Zeit wirkenden Mönch, aber in Wirklichkeit total viel verdichtete Zeitgeschichte, was auch vielleicht spannend ist. Wir haben ja an anderer Stelle schon das ein oder andere Mal darüber geredet, auch ein bisschen ein Symbol faschistischer Integrationspolitik. Also es ist kein Jesuit, es ist kein Abgehobener, sondern es ist halt nach 1934 auch Angebot an die Arbeiter und es geht halt um politische Mythenbildung in der Zwischenkriegszeit. Ja, es spricht eigentlich viel mehr für 1935 als über 1683. Es ist wirklich dieser religiöse Pathos, dieses nationale Selbstverständnis und diese Suche nach einer Identität, es war ja nicht völlig klar, ob Österreich überhaupt bestehen kann und soll, in einer wirklich zutiefst gespaltenen Gesellschaft noch einmal eine Identifikationsfigur zu schaffen. Und deswegen nehmen wir ja auch in dieser Staffel gerne diese Denkmäler her, um ein bisschen über Geschichte zu sprechen, weil es sind Orte der Erinnerung, aber diese Orte sind halt auch nie neutral. Also die sprechen über das, worüber sie erinnern, aber natürlich über diese andere Zeitebene, in der sie entstanden sind, genauso. Und in Wirklichkeit auch über alles, was danach kommt, bis ins Heute. Ja, und man sollte sich auf jeden Fall ein Bild von diesem Denkmal machen und mal hingehen. Es ist ja nur ein paar Schritte von der Kärnterstraße entfernt und es ist genau das, was eigentlich der Kardinal Inizer wollte. Also ein sehr prominenter Platz und man sollte vorbeigehen und sich immer an ihre Interpretation der Geschichte erinnern. Also wer demnächst auf der Kärntnerstraße ist, kurz mal abbiegen in Richtung Hohenmarkt, sich dieses wirklich beeindruckende Denkmal ansehen. Darüber hinaus natürlich uns abonnieren, fünf Sterne geben, an Freunde weiterempfehlen. Und wenn ihr Wünsche, Anregungen, Beschwerden oder Hinweise auf spannende Orte habt, schreibt uns an podcast.ma53.wien.gv.at. Für heute verabschieden sich Andreas und Walter. Wie sehr das Dollfuß-Regime versuchte, die historische Figur des Kapuzinermönchs für sich zu vereinnahmen, schildert das Buch von Martin Luxan, Hermann Schlösser und Anton Sanja. Heilige Scheine. Marco Daviano, Engelbert Dollfuß und der österreichische Katholizismus. Erschienen 2007. Ebenfalls ein Kapitel zum Denkmal findet man in der Publikation Unsichtbare Architektur. Bauten im Ostrofaschismus wie 1933, 34 bis 38 von Inge Protetzky. Interessant sind auch der eine oder andere kunsthistorische Hinweis, der die Geschichte dieses Denkmals noch um einige Aspekte interessanter macht, erschienen 2020 beim Studienverlag in Innsbruck. Diesmal wollen wir auch mal eine Warnung aussprechen. In dem filmischen Machwerk »Die Belagerung« aus dem Jahre 2012 wird unter anderem der Versuch unternommen, Marco Davianos Rolle bei der zweiten osmanischen Belagerung von 1683 darzustellen. Aber der Film ist in jeglicher Hinsicht ein Desaster. Da nützt auch nichts, dass die Hollywood-Größe Farid Murray Abraham die Figur des Kapuzines darstellt. Nicht einmal der Star aus »Der Name der Rose« und geniale Salieri-Darsteller aus dem Film »Mozart« kann hier noch was bewirken. Interessant ist das Streifen aber auch aus einer anderen Sicht. Denn nach wie vor wird das Ereignis der Belagerung und des Entsatzes für aktuelle politische Debatten missbraucht. Aber der Film ist so grausam schlecht, dass die renommierte polnische Zeitung Politiker Treffen formulierte, Zitat, wenn König Jan Subieski gewusst hätte, wie er in diesem Film dargestellt wird, wäre er bestimmt zu Hause bei seiner Maria geblieben. Na, Glück für uns, dass er den Streifen nie zu Gesicht bekam.//www.uniscribe.co). Upgrade to remove this message.)
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