Grätzlgeschichten

28 | Weißer Maulbeerbaum: Wien und die Textilindustrie

Stadt Wien

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Ein Weißer Maulbeerbaum in der Landstraßer Hauptstraße 4a ist der Ausgangspunkt dieser Grätzlgeschichte. Andreas und Walter widmen sich am Beispiel dieses Naturdenkmals dem Thema Textilindustrie in Wien. Außerdem gibt's eine kleine Geschichte der Naturdenkmäler: Wie sie in den 1930ern Bedeutung gewannen und wie sich der Blick auf schützenswerte Natur in den letzten Jahrzehnten verändert hat.

Die Wiener Naturdenkmäler findet ihr hier: https://www.wien.gv.at/umwelt/naturdenkmaeler


Mehr Wiener Geschichte findet ihr im Wien Geschichte Wiki. Andreas und Walter könnt ihr außerdem in der Geschichtsgreißlerei hören.

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-Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge der Grätzlgeschichten. Es begrüßen euch, Andreas und -Walter.-Ja, wie immer in dieser Staffel sprechen wir wieder über Denkmäler in den unterschiedlichsten Grätzln Wiens und heute sprechen wir über ein Denkmal, das nicht aus Marmor oder Bronze gemacht ist, sondern ein lebendiger Organismus ist. Nämlich eine Pflanze.-Ja, es handelt sich dabei um ein sogenanntes Naturdenkmal, also im speziellen Fall eines Laubaumes, der Gattung der Maulbeere, und dieses Denkmal gedeiht recht zentral auf dem Areal des Franziskusspital im dritten Wiener Gemeindebezirks, also auf der Landstraße, Hauptstraße 4a.-Gut, das ist mal ein neuer Ansatz, aber eben auch ein Denkmal. Bevor wir jetzt aber ins Detail gehen, zwei Minuten Heimatkunde.-Ist halt typisch Wien. Zuerst wird man von weit hergeholt, muss sich gegen Vorurteile und Anfeindungen behaupten und nachdem man bewiesen hat, dass man hervorragend hierher passt, wird so getan, als wäre man ja eh immer schon dagewesen. Was für Menschen gilt, gilt in dieser Stadt auch oft für Pflanzen, wie zum Beispiel im Falle des Morus Alba oder auch weißer Maulbeerbaum, der als Wiener Naturdenkmal im Franziskusspital im dritten Bezirk steht. Aber bevor man akzeptiert wird, muss man seine Nützlichkeit beweisen und das hat der Maulbeerbaum mehr als ausreichend, denn ohne seine Blätter keine Seidenproduktion. Und die war für die Entwicklung der Textilindustrie von maßgeblicher Bedeutung historisch spielte Seide im globalen Textilhandel eine besondere Rolle. Sie ist ein extrem knappes Luxusgut und formt früh den Fernhandel, Finanzinnovation und Konsumkultur Seide entsteht aus hoch spezialisierte Produktion im alten China, wo sie schon in der Antike zu den wichtigsten Handelswaren gehört und im römischen Reich geschätzt wird. Dieser Stoff ist zeitweise so teuer, dass ein Kilogramm Seide mit einem Kilogramm Gold getauscht wird. Mit der sogenannten Seidenstraße formiert sich ab dem zweiten Jahrhundert ein dauerhaftes Netz von Karawanen und Seewegen, das China mit Vorderasien, die Mittelmeerraum und später Europa verbindet. Entlang dieser Routen entsteht eine für damalige Zeiten umfassende Infrastruktur von Zwischenhändlern, Karawanenstädten und Häfen. Nicht umsonst nimmt die chinesische Volkswirtschaft das Bild einer neuen Seidenstraße für ihre globalen Wirtschaftsvisionen wieder dankbar auf. In Europa ist Seide zunächst Eliten vorbehalten. Kaiserhöfe, Hochadel und Kirchen kaufen kostbare chinesische und persische Stoffe zu horrenden Summen. Kleidung aus Seide fungiert als sichtbares Zeichen von Rang, politischer Macht und religiöser Autorität, etwa in liturgischen Gewändern und höfischer Repräsentation. Ein Beispiel ist das Grabtuch von Herzog Rudolf IV. So lässt sich der Gründer der Universität und es Bistums Wiens 1365 mit einem seidenen Grabtuch begraben, das wahrscheinlich aus Persien stammt, und dieses weist bekannterweise Segensprüche für einen persischen Sultan arabischen Schriftzeichen auf. Scheinbar kein Problem für den christlichen Fürsten, aber Rudolf IV. Den kann man durchaus als Modernisierer sehen und war auch einer der wenigen Fürsten zu seiner Zeit, die schreiben und lesen konnten. Diese Begehrlichkeiten nach dem Luxusstoff kosten Geld, und ab dem 18. Jahrhundert machen sich die Herrscherhäuser Europas Gedanken, die Produktion von Luxusgütern in ihren eigenen abgeschirmten Wirtschaftsräumen zu etablieren. Und so werden auch in Wien ab Mitte des 18. Jahrhunderts die für die Seidenproduktion notwendigen Maulbeerbäume gepflanzt diese befeuern die Entstehung eines der wichtigsten Gewerbe Wiens, das bis in 1900, 60er-Jahre viele Menschen in Brot und Arbeit brachte, nämlich die Textilindustrie. In den späteren Bezirken sechs, sieben und acht entsteht in Folge ein regelrechtes Textilcluster, der sich am Anfang vor allem auf die Produktion des Luxusgutes Seide spezialisiert. Die enormen Gewinne hinterlassen Spuren in der Wiener Geschichte, denn nicht umsonst heißt ein Stadtteil im siebten Wiener Gemeindebezirk Brillantengrund und das berühmte Wienerlied„Mei Vater ist er Hausherr und a Seidenfabrikant“ dokumentiert das nichtsnutzige Leben junger Unternehmersöhne, die nichts Gescheites mit ihrem Leben anzufangen Wissen. Die Seidenproduktion verschwindet in der Krise der achtzehnhundertvierziger Jahre, die Textilindustrie folgt ihr 100 Jahre später. Was aber bleibt, ist ein einsamer Chinesischer Baum in einem katholischen Ordensspital, dessen Geschwisterpflanzen für Wohlstand und kulturelle Bereicherung dieser Stadt gesorgt haben. Dem weltoffenen und schlitzäugigen Rudolf IV. hätte das sicher getaugt.-Ja, danke. Walter. Also ein einsames Naturdenkmal mitten im dritten Wiener Gemeindebezirk. Ist er leicht aus China? Na des is a Wiener. Klingt spannend, aber was genau versteht man jetzt eigentlich unter einem Naturdenkmal?-Ja, Naturdenkmäler sind einzelne oder kleinräumige Naturgebilde, kann man sagen, die wegen ihrer Eigenart, Schönheit, Seltenheit oder auch wissenschaftlicher Bedeutung unter besonderen Schutz gestellt werden, das können also durchaus alte Bäume sein. Markante Felsformationen, Reste ursprünglicher Vegetation oder auch kleine Biotope in der Stadt, also in Wien, werden seit den 1930er Jahren als eigene Schutzkategorie geführt. Und deswegen ziemlich konsequent.-Echt seit den 1930ern schon?-Es beginnt eigentlich schon 35 oder 36. Damals hat die Stadt erstmals die sogenannten Naturdenkmäler der Stadt Wien erfasst und ihnen durch das Stadtgesetz über den Schutz der Natur von 1935 so eine Art rechtlichen Rahmen gegeben. Also diese Zeit war wirklich auch geprägt vom klassischen, aber auch sehr konservativen Verständnissen von Naturschutz, man wollte also einzelne, besonders markante Exemplare der Natur bewahren-Und das heißt dann konkret, man hat die Bäume geschützt.-Genau. In der Anfangszeit standen also eindeutig Bäume im Mittelpunkt und vor allem sehr alte, sehr beeindruckende Exemplare, so solitäre Erscheinungen, so markante Baumgruppen, sie wurden als etwas sehr ehrwürdiges gesehen, so als Zeugnisse der Naturgeschichte mitten in der Stadt. Und das hatte in den ästhetischen aber auch ideologische Gründe in der Zeit des Austrofaschismus und auch im allgemeinen Geist der 1930er Jahre gab es eine starke romantische und, sagen wir sehr symbolische Aufladung des Baumes. Der Baum gilt das Sinnbild des Lebens, der Verwurzelung und der Beständigkeit, also Eigenschaften, die man damals politisch sehr schätzte.-Also der Naturschutz war damals auch quasi von Ideologie beeinflusst?-Ja durchaus, man kann nämlich sagen, dass der Schutz alter Bäume auch so eben kulturell, ideologisch motiviert war. Es ging also weniger um Artenvielfalt oder ökologische Systeme, so wie man das heute ein bisschen diskutiert, sondern eher um diesen ehrfurchtigen Umgang mit Naturdenkmalen, so im wortwörtlichen Sinne, also Natur, wie man Denkmal der Geschichte so erscheinen mag, in der Romantik, war diese Idee auch schon angelegt. Man denke nur, sondern die Schubertlinde oder an vergleichbare Baummythen.-Okay, und was weiß man jetzt eigentlich konkret von unserem Naturdenkmal, also von diesem Maulbeerbaum? Ich meine, er ist Wiener, aber sonst?-Ja leider nicht allzu viel, er ist auf jeden Fall schon sehr alt, denn da wurde schon bei der Errichtung des Klosters 1710 urkundlich erwähnt, also scheinbar also schon vor diesem Plantagengründungen unter Maria Theresia als Naturdenkmal trägt der Baum übrigens die Nummer vier, also wurde schon 1936 eingetragen, gehört zu den ältesten Bäumen im dritten Bezirk.-Was ist mit den Nummern eins bis drei?-Ja, also auch hier, die sind wieder auch Bäume, die kann man auch sehr gut nachlesen, also da gibt es ja auch eine gute Liste, die dokumentiert ist auf der Webseite der Stadt Wien, ja und jetzt glaube ich, beim Nummer 460 oder fast schon bei 500. Also es variiert ein bisschen natürlich auch, es sind ja auch lebendig Organismen, manche kommen, manche verschwinden, aber es ist eine Liste, die permanent erweitert wird.-Und wie ist man jetzt auf diesen Begriff Naturdenkmal gekommen? Wo kommt er her?-Ja, der ist schon auf jeden Fall älter. Also so 1800 werden Bäume in Wien so als außerordentlich beschrieben, zuerst steht ja Wald und der Baum eher so im wirtschaftlichen Fokus, also wird ja nicht so richtig als Denkmal gesehen und die Bezeichnung des Naturdenkmal stammt eigentlich von dem Naturforscher Alexander von Humboldt, also er hat auf einer seiner Südamerikareisen ein riesigen, Mimosenbaum, ein sehr beeindruckender, schöner Baum, also ehrfürchtig als Naturdenkmal benannt.-Das war die Reise, wo der von Kotzebue auch dabei war.-Ja, also das war diese ganz weltberühmte Entdeckergeschichte, die auch oft verfilmt und auch sehr viel in der Literatur vorkommt. Jedenfalls, dieser Ausdruck hat sich relativ rasch verbreitet und fand auch dann im deutschsprachigen Raum Anklagen. Also juristisch verbindlich wurde aber dieser Begriff erst mit dieser Regelung in den 1930er Jahren, dass man also begann, Kostbarkeiten Natur in amtliche Listen zu erfassen und per Verordnung zu schützen.-Gut, das heißt also, es ist eine Wiener Geschichte eigentlich, dass dieser Begriff jetzt so formalisiert worden.-Und das ist wirklich bemerkenswert, also eben seit den 30er Jahren gibt es eben diese Möglichkeiten, Naturdenkmäler durch eigene Verordnungen zu schützen, also diese Struktur hat sich dann in allen späteren Wiener Naturgesetzen auch durchgesetzt, also auch nach dem Zweiten Weltkrieg blieb diese Kategorie als Bestandteil des städtlichen Rechts erhalten, also hat sich das im Laufe der Jahrzehnte ein fortlaufendes Register entwickelt, dass also als ständig erweitert wird.-Aber der Naturschutz selber, der hat sich ja verändert, oder?-Ja, also natürlich, hat sich auch mit der Zeit verändert. Eben einen großen Schritt nach vorne brachte als Wiener Naturschutzgesetz von 1998. Also es hat also diesen Fokus erweitert, also weit weg von diesen rein bewahrenden, hin zu einem wirklich aktiven als haben wir einmal vorsorgenden Naturschutz, das bedeutet, man betrachtet die naturdenkmäler heute nicht mehr so als abgeschlossene Objekte, sondern sind wirklich Teil eines städtischen Ökosystems. Pflege, ökologische Funktion und auch die Integration in die Stadtplanung spielen dabei eine wirklich zentrale Rolle.-Das heißt, jetzt geht es auch sehr um das Zusammenspiel von Natur und Stadtentwicklung. Kann ich das so sagen?-Genau, also in 90ern und 2000er Jahren hat sich also der Blick wirklich so stark geöffnet, also eben neben diesen Einzelbäumen werden also auch nun kleinräumige Landschaftselemente, Gewässer, Felsbildungen oder Reste ursprünglicher Vegetation geschützt. Also Wien hat mittlerweile über 400 Naturdenkmäler, also vor allem also alte Stadtbäume und Alleen über Obstteile, also bis hin zu Auwaldfragmenten.-Über 400? Das ist aber ganze Menge, du hast gesagt, man kann das nachlesen oder gibt es eine Liste?-Da gibt es eine Liste, die kann man auch Abrufe über die Webseite der Stadt Wien. Die ist nach Bezirken gegliedert und wird also regelmäßig aktualisiert. Also man findet dort genau, also bekannte Solitärbäume, aber auch eben auch sehr unerwartete Objekte, also zum Beispiel Abbauwände ehemaliger Ziegelhöfe, Teiche samt Uferzone oder kleine Feuchtgebiete, also das wird also eben durch ökologisch und jetzt zunehmend mit kulturhistorischen Aspekten aufgereichert.-Und hast ein Paar Beispiele für mich.-Ja, also einer der ältesten noch bestehenden Naturdenkmäler in Wien. Das ist die sogenannte tausendjährige Eibe in der Nähe des Rennwegs 12 im dritten Bezirk.-Auch im Dritten?-Ja, also der dritte Bezirk ist recht reich an Naturdenkmälern. Diese steht seit 1936 unter Schutz und gilt das als eines reste des restlichen römischen Eibenheizs wirklich? Ja, also das ist wirklich ganz, eine ganz eine alte Baumgruppe, es gibt aber auch die alten Maulbeerbäume, die auf Maria Theresias Initiative zurückgeben, also damals angepflanzt wurden, und die erzählen, wie schon erwähnt, etwas über die Seidenproduktion in Wien, aber es gibt auch sehr viele historische Plantanen, Eichenhaine oder auch einzelne Obstbäume in alten Gartenanlagen. Ja und natürlich gibt es auch so großflächige Naturdenkmäle wie das Mautnerwasser im Prater, da ist ein kleines Aubiotop mit Teich und Sumpf. Ja, und es zeigt also wirklich auch zu diesem Weg hin zu diesen erweiterten Naturbegriff, also weit weg von Einzelbaum hin zu Lebensgemeinschaften und ökologischen Systemen.-Jetzt noch einmal ganz kurz zurück zu diesem Eibenhein. Das heißt, wenn ich mit einem Rennweg zwölf hinbegebe und mit einmal kurz ruhig lagere unter diesem Eibenbaum, dann kann ich davon ausgehen, dass eventuell irgendwann einmal, so Römer, sie da auch hingesetzt hat und kontempliert hat.-Ja, also es ist die Frage bei einer tausendjährigen Eibe, ich meine römische Reich ist schon länger eben verschwunden, das ist immer so eine Frage, wie man die genau historisch zuordnet, man kann schon davon ausgehen, dass diese Bäume sehr, sehr alt sind und wirklich so sehr viel mitgemacht haben und sehr viel gesehen haben an Stadtentwicklung, also wie schon gesagt, damals war das wahrscheinlich noch einfach wirklich Brache und tiefer, dunkler Wald, was man sich heute ja schwer vorstellen kann.-Okay, aber jetzt, du hast ja auch gesagt, es sind nicht nur diese Einzelbäume, die du ja Solitärbäume genannt hast, sondern es sind ja kleinen Naturlandschaften, das heißt, kann man sagen, dass im Naturschutz die Entwicklung ein bisschen vom Einzelobjekt zur vernetzten Stadtnatur geht?-Ja, exakt, eigentlich, gerade in Wien bietet es ja mit seiner langen Geschichte und seiner dichten Bebauung und in vielen Grünräumen so ein ideales Beispiel dafür, wie Naturdenkmäler eigentlich zu lebendigen Zeugen der Stadtentwicklung geworden sind.-Das zeigt ja wahrscheinlich dann auch, wie sie die Erhaltung zur Natur insgesamt verändert hat. Also wir haben jetzt nicht mehr so diese Ehrfurcht vor der einen römischen Eibe, die da nimmer irgendwie die Geschichte repräsentiert, sondern es geht ja um Verantwortung und Integration ins Hier und Heute habe ich das richtig verstanden.-Natur und Stadtentwicklung gehen eine Interaktion ein. Es wird zunehmend auch eben betrachtet, wie wichtig eigentlich diese kleineren ökologischen Systeme auch für Bezirke sein können, also Frage von Klima, Fragen von Feuchtigkeit, auch natürlich von Artenschutzdiversität. Und einer der wichtigsten Anliegen momentan vom Umweltschutz ist ja, nicht nur einzelne Pflanzen zu schützen, sondern auch die Biodiversität zu erhalten, das ist eine der größten Bedrohungen auch nach der Klimakatastrophe, die eigentlich ja, also unsere Entwicklung auch bedroht.-Und gehen wir jetzt nochmal zurück von unserer tausendjährigen Eibe hin zu unserem mehrere 100 Jahre alten Maulbeerbaum der vorm Aussterben der Habsburger in ihrer männlichen Linie vor der Maria Theresia, da war die Maulbeerbaumblätter szeniert. Du hast es schon angedeutet oder mehr als angedeutet in der Heimatkunde. Entscheidend für die Seidenproduktion, also ohne die Blätter keine Seide?-Ja, also die Raupe, die für die Seidenproduktion ja auch verantwortlich ist, die braucht die Maulbeerbaum, vor allem die Blätter, das ist eigentlich das Hauptnahrungsmittel und wie schon gesagt, ohne Maulbeerbaum keine Seidenbeute.-Die ist ganz speziell in ihrer Nahrungswahl.-Die Raupe frisst die Blätter dieses Baumes, verpuppt sich und mit diesen Kokon, der dadurch entsteht, den kann man ja dann dieses wickelt sich praktisch diese Raupe so fast bis zu 1000 Mal in diesen Seidenspuren ein, also sie produziert es über zwei Drüsen und mit diesen, mit diesem Kokon, der wird praktisch abgeerntet, nicht sehr tierfreundlich, also in einer Art Weise wird das auch so abgekocht. Die Raupe stirbt im Inneren, arme Raupe. Ja, also das ist natürlich nicht sehr freundlich, auf der anderen Seite, ja, war das natürlich ein Produkt, das ist natürlich.-Die schöne Seide.-So hohe Gewinne abgeworfen hat, dass man dann nicht auf die Raupenetze für Rücksicht genommen hat, ja, aber diese, wie eben die Voraussetzung eben für diese Seidenproduktion, und aus diesem Kokon wird dann halt Seide gespannt.-Wie muss man das vorstellen? Also wie schaut diese Blätter aus und findet man die jetzt nur im dritten Bezirk oder wo gibt es diese Blätter überall? Kann ich irgendwie in meinen Innenhof schauen und eine kleine Seidenproduktion aufmachen?-Ja, da braucht man schon Unmenge vom Blättern für eine Seidenproduktion, also das sind so, also große Mengen von Blättern notwendig, weil die Raupe ist sehr gefräßig. So praktisch eine Raupe Nimmersatt und die frisst sich wirklich schön durch und da braucht man große Mengen, also das, Drum wurden auch ganze Plantagen angelegt, es geht auch vor allem Primäre um diesen Morus Alba, also um diesen Weißen Maulbeerbaum, also es gibt ja verschiedene Maulbeerbäume und der wurde vor allem eben aus China und aus Persien importiert und angepflanzt. Ein Transport von Technologie und Wissen aus dem Orient. Ja, und ab dem 18. Jahrhundert wird dort der weiße Maugerbaum hier vor allem in Österreich und vor allem in Wiener Bereich stark angepflanzt.-Und wo findet man die jetzt?-Ja oft in vielen Hinterhöfen, das ist wichtig, also in sehr vielen Bezirken, auch in, zum Beispiel im fünften Bezirk, da gibt es auch Naturdenkmäler, kann das sein, dass man im Hinterhof eigentlich einen alten Maulbauerbaum vorfindet, der zu Zeiten Maria Theresias angepflanzt wurde, die Plantagen sind verschwunden, aber einzelne Bäume sind übergeblieben, und dann hat man oft die Häuser rund um diese sehr schönen Bäume gebaut, die auch sehr gut Schattenspenden, weil die ja die Blätter sehr großflächig sind und sehr, ja ausladend.-Woran erkenne das das jetzt ein Maulbeerbaum ist, also bei den Blättern, wie schauen die aus?-Ja, also die Blätter sind also herzförmig, der Baum ist nicht allzu groß und nicht zu hoch. Ja, am besten, man nimmt sie da eine App, da gibt es schon sehr, sehr brauchbare, legt das einmal an und analysiert ist, ob man da wirklich einen alten Maulbeerbaum im Hinterhof stehen hat.-Und wie es noch diese Plantagen gab, also wie diese Bäume industriell abgeerntet worden sind, wo sind diese Plantagen gestanden?-Ja, die standen im dritten, vierten, fünften Bezirk, aber auch im 15. Bezirk gab es große Plantagen, also gerade auch in der Nähe von Schloss Schönbrunn, ja, und die waren eigentlich recht großflächig angelegt und noch riesige Haine eigentlich eben, wie schon gesagt, wenn man wahnsinnig viel Blätter eben braucht für die Seidenproduktion.-Okay, wie viel, so in Badewannen oder Kilogramm, je nachdem.-Man redet ungefähr von 50 bis 60 Kilogramm pro Fadenmenge, also für einen einzigen Seidenstrumpf braucht man den Koko von Raupen, die zuvor ungefähr Dutzende Kilo Maulbeerbaum Blätter gefressen haben, also das sind wirklich große Mengen, 50 bis 60 Kilo an Maulbeerblättern, die für einen Seidenstrumpf herangezogen werden.-Gut, du hast schon den Hauptakteur neben dem Maulbeerbaum erwähnt, die Seidenraupe, was ist das für ein Tier?-Ja, die Seidenraupe ist eine Larve, eben des Maulbeerseidenspinners kommt das lateinische brombeeks moi, es ist ein Insekt mit einer vollständigen Metamorphose, das heißt also, der Lebenszyklus besteht aus vier Stadien Ei, Larve, Puppe im Kokon, danach kommt eben der Falter, eben das imagon. Und diese Raupe durchgeht mehrere Zyklen und je nach Zuchtrasse und Temperatur dauert es ein Zyklus ungefähr sechs bis acht Wochen und aus dem Ei schlüpft eben nach neun bis zwölf Tagen eine kleine Raupe und die häutet sich mehrmals, und nach dieser Häutung hüllt er sich dort einen Kokon, dieser Kokon wird eben erzeugt durch Drüsen und dieser ganz feine Faden, der aus diesem Drüsen rauskommt in den Kokon. Das ist die Grundlage dann für die Seidenproduktion.-Und die Produktion der Seide hat jetzt auch in Wien selber stattgefunden und enorme Gewinne gebracht.-Die Seidenproduktion steht wirklich, kann man sagen, am Anfang der Wiener Textilproduktion, es war wirklich ernstzunehmender Wirtschaftsfaktor in Wien, also es war richtig, so protokapitalistisch. Die textilwerkstätten standen vor allem 6., 7. und 8. Bezirk, also die Maulbeerbäume wurden angepflanzt, kurzer Weg in den 6., 7. Bezirk wurden dort verarbeitet.-Ja, wie sah die Seidenproduktion konkret im sechsten und siebten Bezirk aus?-Ja, die war relativ kleinteilig, also man musste eigentlich aus diesen Kokons diese Fäden ziehen, die wurden dann in Garn verarbeitet und konnte man dann eben durch Spinnarbeiten und eben durch Walten konnte man dann diese sehr kostbaren Stoffe herstellen. Also es war kein großer Kapitalbedarf notwendig, die Technologie war relativ einfach und man sich auch besonders gut geeignet, als praktisch, um mehr so einen Grundstein für Textilproduktion zu legen und eben die Gewinne waren extrem hoch, weil es eben so ein teures Luxusgut war.-Aber irgendwie Seidenindustrie auch heute gibt es halt nicht mehr in dem Sinn, also wo kippt das ganze?-Also jetzt wird es natürlich ersetzt natürlich einfach durch Kunstprodukte, also Viskose etc. Das ist also richtiges Seidenprodukt.-Ist besser für die Raupe.-Wie es auch besser für die Raupe, obwohl natürlich die Raupeideale Bedingungen vorfindet auf gezüchtete Art und Weise. Es gäbe sie auch eigentlich gar nicht, wie man sie nicht so in dieser großen Anzahl züchten würde, aber heute ist natürlich diese Produktion vor allem in den Schwellenländern angelegt, weil es natürlich die Produktion sehr viel billiger ist und eben der Stoff, diese kostbare Seide, wurde ersetzt durch Substitute und durch moderne Chemie und Textilien.-Was aber übrig ist? Natürlich. In Neubau und Mariahilf sind die alten Namen, also Seidengasse, Bandgasse, Laimgrubengasse et cetera. Also das ist geblieben.-Ja, also die Seidenproduktion gegen Grundstein für diese florierende Textilindustrie gelegt. Im 19. Jahrhundert verschwindet 1840. Da gibt es die große Krise, wird aber ersetzt durch vor allem durch Baumwoll und Voltextilindustrie. Ja, diese Art von Industrie besteht bis in die 1900 Sechzigerjahre in Wien, ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, wandert dann aber natürlich auch ab, entweder in die Außenbezirke oder verschwindet dann überhaupt grundsätzlich aus dem mitteleuropäischen Raum und wird verlegt in die Schwellenländern, wo die Produktion natürlich sehr viel günstiger ist.-Ja und dafür steht aber noch immer der Maulbeerbaum in Wien, also der erinnert auch in gewisser Weise an diese Episode, was können wir eigentlich von solchen Naturdenkmälern lernen?-Eigentlich sollten solche tollen Denkmäler also wie keiner weiteren Kontextualisierung unterzogen werden. Ist. Ich denke, dass man hier auf einem engen Verhältnis von Natur, Gesellschaft und Globalisierung Hinweisen kann. Also es öffnet einen gesamtheitlichen Blick. Und sie zeigt, wie sehr auch diese Stadtentwicklung von so unsichtbaren Rohstoffen abhängt, also seien es also Maulbeerblätter, billige Arbeitskräfte natürlich aus der Textilindustrie oder später eben der symbolische Kapital und Lifestyle, das natürlich auch eine ganz eine wichtige Rolle bei Textil und Modeproduktion darstellt.-Und die kleine Seidenraupe?-Ja, das Seidenraupe erinnert uns auch daran, dass also Wertschöpfung oft auf sehr, extrem einseitigen Abhängigkeiten passiert. Also ein Tier, das sich also von einer Pflanze eben ernährt, also wird komplett domistiziert, um einen Luxusstoff zu erzeugen. Also der politische Zentren, Handelswege und wirklich auch Stadtviertel prägt. Also wenn wir heute über faire Arbeit, Stadtentwicklung und Spekulation diskutieren, lohnt es sich eben auch, diesen Faden der Geschichte mitzudenken.-Ein schönes Bild vom Maulbeerblatt zur Weltwirtschaft? Ja, lieber Walter. Ich würde sagen, damit zu mal an ein Ende gekommen. Wir hoffen, es hat euch gut gefallen. Empfehlt uns weiter, schickt am besten die Sendung gleich weiter an Freunde und Freundinnen. Wenn ihr Anregungen, Wünsche, Beschwerden habt, dann schreibt uns an Podcast@ma53.wien.gv. at für heute verabschieden sich Andreas und.-Walter. Wie sehr dieselben Produktion Auswirkungen auf die Gesellschaft und den globalisierten Handel seit vielen Jahrhunderten hat, dokumentiert das Buch von Thomas O. Höllmann China und die Seidenstraße, Kultur und Geschichte von der frühen Kaiserzeit bis zur Gegenwart, erschienen bei Beck 2022. Um an diesen Luxusartikel zu kommen, wurden Netzwerke über tausende Kilometer gespannt und keine Mühen und Kosten gescheut, sich in bestes Tuch zu Hüllen. Dass Bäume einfach nicht nur Bäume sind, von dem sprechen zwei Bücher, die wir ebenfalls empfehlen. David G. Haskell beschreibt in Der Gesang der Bäume, wie sehr Bäume auch akustisch erfahrbar sind und welchen ungeheuen Beitrag sie für ökologische Systeme wie Großstädte leisten. Peter Ludwig hingegen geht ihn das geheime Leben der Bäume der Frage nach, inwieweit Bäume miteinander kommunizieren und eine Art von Sozialleben aufweisen. Letztgenanntes Buch gibt es übrigens auch als hervorragend illustrierte Graphic Novel. Nähere Information zum Thema Naturdenkmäler findet man auf der Webseite der Stadt Wien auf dieser sind sämtliche Naturdenkmäler zu finden und auch kartografisch nach Bezirken verzeichnet, ebenfalls existiert dort eine downloadbare Broschüre der MA 22 mit dem Titel Natur Denk Mal von Trauerschnurbaum bis zu Steinzeitbergwerken im Maurerwald wird hier der Bogen gespannt und macht Lust, sich im Frühjahr mal auf die Suche nach außergewöhnlichen Naturschönheiten zu machen. Und wer weiß, vielleicht steht auch in ihrem Hinterhof die Lieblingsplatane von Wolfgang Amateus Mozart. Schauen Sie einfach mal nach.

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