Grätzlgeschichten

33 | Wilhelmine von Montléart: Adel, Wohltätigkeit und Stadtentwicklung

Stadt Wien

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Wilhelmine von Montléart ist vielen Wienerinnen und Wienern vor allem durch den Wilhelminenberg oder das ehemalige Wilhelminenspital ein Begriff – doch wer war die Frau hinter diesem Namen? In dieser Folge der Grätzlgeschichten begeben sich Andreas und Walter ins Wien des 19. Jahrhunderts und erzählen die Geschichte einer außergewöhnlichen Adligen, die mit ihren Stiftungen, ihrem Grundbesitz und ihrem sozialen Engagement das Stadtbild nachhaltig prägte. Eine spannende Reise zwischen Adel, Wohltätigkeit, Stadtentwicklung und den Anfängen moderner Sozialpolitik in Wien.

Mehr Wiener Geschichte findet ihr im Wien Geschichte Wiki. Andreas und Walter könnt ihr außerdem in der Geschichtsgreißlerei hören.

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-Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge der Grätzelgeschichten. Es begrüßen euch Andreas und...-Walter. -Walter, heute begeben wir uns in das Wien des 19. Jahrhunderts und sprechen über eine Frau, die im Stadtbild bis heute deutliche Spuren hinterlassen hat, aber wahrscheinlich vielen gar nicht oder kaum bekannt ist. Nämlich, und pardon my French, Wilhelmine von Montleart. -Ausgezeichnetes Französisch, würde ich einmal sagen, aber ein Name, der klingt schon irgendwie auch vertraut, also zumindest so von Straßennamen oder so. Also wenn man sich in Wien ein bisschen auskennt und umhört, aber gleichzeitig weiß man eigentlich, glaube ich, sehr wenig über die Dame, oder?-Ja, genau, das macht sie aber gleichzeitig so spannend, denn diese Wilhelmine von Montlheur gehört zu jenen Persönlichkeiten, deren Einfluss weniger über politische Ämter, sondern halt viel mehr über Besitz, Stiftung und Stadtentwicklung sichtbar wird.-Also keine historische Figur wie Kaiserinnen oder Erzherzoginnen, sondern wirklich so eine weniger klassisch historische Figur, sondern eher eine gestille Gestalterin, die im Hintergrund gewirkt hat.-Ja, genau, aber eine mit nachhaltiger Wirkung. Und das drückt sie jetzt vor allem in Wiener Orten aus. Und wo wir schon bei Orten sind, stelle ich jetzt mal unser heutiges Denkmal vor, das ich dazu ausgesucht habe. Es handelt sich um ein neugotisches Bauwerk auf dem Wilhelminenberg oder Galitzenberg, direkt an der Savoyenstraße und damit in unmittelbarer Nähe des Parks des Schlosses Wilhelminenberg. Das ist so ganz schmuck und romantisch, inmitten von Bäumen, mit einem kleinen Zaun umgeben und einer schlichten schwarzen Tafel. Und das nennt sich Mausoleum Montleart. Im Park des Schlosses, direkt neben so einem kleinen Weger. Und wie so eine Mini-Kirche oder Kapelle wirkt es, so eine sakophagförmige Anlage, eben so gotische Spitzbögen, neogotische, auf geböschten Sockeln mit Satteldach und Steinkreuzaufsatz, nennt man das. Und bestattet sind dort eben Moritz oder Moritz Montleart, also alle Französisch-Puristinnen mögen mir jetzt wirklich meine Aussprache verzeihen und in Zukunft auch. Und dann nach dem Tod 1895 eben auch die Wilhelmine von Montlheur, die dieses Mausoleum aber schon nach dem Tod ihres Mannes, also 1887, hat errichten lassen.-Ich muss ja da eingestehen, ich war ja noch nie dort. Also ich kenne das Denkmal überhaupt nicht, aber ich glaube, es klingt total interessant und das schaue ich mir auf jeden Fall mal an. Aber bevor wir jetzt zur Wohltätigkeit oder zum guten Tun der Wilhelmine von Montleart kommen, zwei Minuten Heimatkunde.-Sprechen wir über Armut, Wohltätigkeit und den Sozialstaat in der Geschichte unserer Stadt. Und gehen wir dafür einmal weit zurück in das Mittelalter. Wenn Sie damals in Wien arm waren, waren Sie kein Fall fürs Amt, sondern eine Chance für das Seelenheil der Reichen. Wer den Bettlern vor dem Stephansdom einen Kreuzer hinwarf, kaufte sich quasi die Abkürzung durchs Fegefeuer. Das Bürgerspital war kein Krankenhaus im modernen Sinn, es war ein Depot, ein Ort für die würdigen Armen. Man musste brav sein, beten und vor allem dankbar sein. Wohltätigkeit war eine Gnade, kein Recht. Der Staat, den gab es in unseren Köpfen noch gar nicht. Es gab den Kaiser, die Kirche und das schlechte Gewissen der Zunftmeister. Bis in das Barock war Wohltätigkeit also keine Sozialpolitik, sondern eine Art spirituelle Feuerversicherung. Man spendete dem Bettler vor dem Stephansdom und der betete dafür, dass man selbst nicht allzu lange im Fegefeuer schmoren musste. Ein klassisches Win-Win-Geschäft. Der Arme bekam eine Suppe, der Reiche ein reines Gewissen. Wien war damals eine Stadt der Stiftungen. Überall gab es Spitäler und Klöster, die Gottesgaben verteilten. Aber, und das ist das große Aber, man musste würdig sein. Wer brav betete und den Hut tief zog, bekam Brot. Wer aufmüpfig war oder, Gott bewahre, gesund, aber arbeitslos, der lernte die weniger charmante Seite der Stadt kennen, das Zuchthaus. Dann kam Joseph II., der Hutreißer. Ein Mann, der die Nächstenliebe in Paragraphen gießen wollte. Er hat das Allgemeine Krankenhaus gebaut. Ein Wahnsinnsprojekt für die damalige Zeit, 1784. Er sagte, es ist die Pflicht des Staates. Plötzlich war Armut nicht mehr nur ein spirituelles Problem, sondern ein administratives. Man half, aber man wollte Kontrolle. Der Staat begann zu begreifen, dass ein hungernder Pöbel gefährlich ist für den Thron. Also fütterte man ihn. Gerade so viel, dass er nicht rebelliert, aber zu wenig, um aufmüpfig zu werden. Das war die Geburtsstunde des Versorgungshauses. Springen wir ins 19. Jahrhundert. Die Ringstraße wird gebaut. Wien glänzt, die Walzerkönige spielen auf. Aber hinter den prächtigen Fassaden? Das Elend der Vorstädte. Wir sprechen von den Bettgehern. Menschen, die sich für nur ein paar Stunden ein Bett mieteten. Die staatliche Hilfe? Ein Tropfen auf den heißen Stein. Hier schlug die Stunde der karitativen Ladies. Die Wiener High Society entdeckte das Wohltätigkeitsfest. Man tanzte für die Waisenkinder, man trank Champagner für die Tuberkulosekranken. Es war die Ära des Barmherzigkeitspaternalismus.

Die Botschaft war:

Wir geben dir was, weil wir so gütig sind, aber bilde dir bloß nicht ein, dass du ein Recht darauf hast. Der Staat hielt sich vornehm zurück, während die private Wohltätigkeit zur Bühne für den sozialen Status wurde. Wer am meisten spendete, bekam den glänzendsten Orden vom Kaiser. Es gab diesen Satz in den Salons: Man muss den Armen etwas geben, damit sie uns nichts nehmen. Das ist das Fundament der Philanthropie vor dem Sozialstaat. Angstbewältigung durch Almosen. Und dann, 1918, das Kaiserreich liegt in Scherben. Der Hunger ist kein Gast mehr, er ist der Hausherr. Und plötzlich passiert etwas Unerhörtes. Plötzlich war es vorbei mit dem Gnadenbrot. Das rote Wien erfand den modernen Sozialstaat auf städtischem Boden. Julius Tandler sagte den Satz, der alles veränderte: Wer Kindern Paläste baut, reißt Kerkermauern nieder. Es war die Geburtsstunde der Fürsorge als Rechtsanspruch. Die Steuern, die Hugo Breitner den Reichen abnahm, die Lustbarkeitsabgabe, die Villensteuer, flossen nicht in Almosen, sondern in den Karl-Marx-Hof, in den Räumannhof. Wohnen wurde ein Recht. Gesundheit wurde ein Recht. Die Mütterberatung war kein Gnadenakt des Pfarrers mehr, sondern eine städtische Institution. Die Menschen lernten, aufrecht zu gehen. Nicht mehr bitte, bitte, sondern das steht mir zu. Das ist der Moment, in dem aus der Untertanin eine Bürgerin wurde. Wir wissen alle, wie das endete. 1934, 1938. Der Sozialstaat wurde zertrümmert. Die Wohltätigkeit wurde ideologisiert. Winterhilfswerk, aber nur für die, die reinrassig waren. Ein Grauen. Nach 1945 musste man neu anfangen. Und da entstand dieser typisch österreichische Kompromiss, den wir bis heute leben. Das Wiener Modell. Wir haben einen starken Sozialstaat. Die Stadt Wien ist die größte Hausherrin Europas. Aber wir haben auch große Player wie die Caritas, die Diakonie, die Volkshilfe. Wir haben begriffen: Der Staat ist für die Struktur da, für die Mindestsicherung, für die Gemeindebauten, für das Gesundheitssystem. Das ist das Skelett. Ohne das bricht alles zusammen. Aber die Wohltätigkeit, das, was wir heute NGOs oder Zivilgesellschaft nennen, das ist das Fleisch, das Herzschlaggewebe. Denn ein Amt kann Ihnen finanziell unter die Arme greifen, aber es kann Sie nicht in den Arm nehmen. Ein Gesetz kann Ihnen ein Dach über den Kopf garantieren, aber es kann Ihnen nicht das Gefühl geben, dass Sie als Mensch zählen, wenn Sie ganz unten sind. Der Sozialstaat ist der Sieg der Vernunft über das Elend. Aber die Menschlichkeit, die bleibt Privatsache, die wir uns gegenseitig schulden. Wir sind weg von den Almosen, hin zum Recht. Und trotzdem, wenn jemand Wohltätigkeit lebt, dann ist das kein Rückfall ins Mittelalter. Es ist der kleine Funke Wienerherz, der weiß, dass kein Paragraph der Welt die Einsamkeit besiegen kann.-Danke, Andreas. Das war wirklich wie immer eine sehr interessante Heimatkunde. Und insbesondere, wenn man sich so anschaut, die historischen Veränderungen mit Umgang mit Armut. Fangen wir aber vielleicht ganz von Anfang an. Also wer war eigentlich die Wilhelmine von Montleart? Was wissen wir eigentlich von ihr? Also wir haben ja schon davon gesprochen, dass sie auf ihre eigene Art und Weise gewirkt hat und eine Wirkung in der Stadt hinterlassen hat. Aber zuerst einmal, um überhaupt so ihren Zugang zu verstehen, schauen wir uns doch mal ihre Herkunft an.-Die Wilhelmine entstammte einer adligen Familie, die eng mit der europäischen Hocharistokratie verbunden war. Und besonders wichtig ist dabei eben diese Familie Montleart, eine Linie, die stark in die Habsburgermonarchie auch eingebunden war.-Also eigentlich das Powernetzwerk des 19. Jahrhunderts, die Habsburger. Es ist ein Teil wirklich von jenem Netzwerk, das im 19. Jahrhundert, kann man durchaus sagen, sehr potent war, Macht und Einfluss hatte, das sich eigentlich diese Macht auch aufgeteilt hat. -Ganz genau. Und in diesem Kontext spielt dann Heirat eine wichtige Rolle. Also Wilhelmine heiratet in diese Familie ein und die besitzt umfangreiche Landgüter, vor allem in und um Wien.

Und vielleicht auch noch zur Info:

Die Montlearts, die kamen ursprünglich aus Frankreich, sind wahrscheinlich so in den 1820er Jahren, jedenfalls in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, nach Wien ausgewandert. Die erste wichtige Figur ist hier Jules Max Thibault Graf Montleart, 1787 bis 1865, wen es interessiert. Der erwarb nämlich im Jahr 1824 das Schloss auf dem Galitzenberg. Und sein Sohn aus erster Ehe, eben dieser Moritz Montleart, heiratete im Jahr 1855 die gebürtige Irin, Wilhelmine Fitzgerald. Im Jahr 1866 schenkt Moritz seiner Ehefrau das Schloss auf dem Galitzenberg, das er davor nach dem Tod seines Vaters geerbt hat. Und so kam er auch auf den Namen Wilhelminenberg beziehungsweise Schloss Wilhelminenberg. Also es ist tatsächlich nach unserer Wilhelmine benannt. Die amtliche Namensänderung von Galitzenberg auf Wilhelminenberg, dem wird aber interessanterweise nicht zugestimmt. Also lässt der Moritz auf allen Zugängen zum Schloss die Tafel mit der Aufschrift Wilhelminenberg anbringen und so gibt es eine indirekte Umbenennung dieses Anwesens. Der offizielle Name Galitzenberg geht aber auch schon auf einen früheren Besitzer, der war auch ein Adliger, zurück. Also das ist jetzt nicht ungewöhnlich.-Oder russische Botschafter auch.-Genau, genau. Aber das ist ja auch nicht die einzige Namensspur, die uns begegnen wird. So viel sei verraten. Jetzt komme ich aber noch einmal auf einen anderen Umstand zu sprechen, warum diese Wilhelmine von Montleart, die geborene Wilhelmine Fitzgerald wahrscheinlich aus Dublin, so spannend ist, weil man scheint eigentlich gar nicht so viel von ihr zu wissen. Beziehungsweise das, was man weiß, erscheint zum Teil auch ein bisschen widersprüchlich. Und das ist nicht nur heute so, sondern damals auch schon ein wenig, ist ist das aufgefallen. Ich muss sagen, also so aus der Recherche raus, es liest sich irgendwie auch alles ein wenig wie so ein naturalistischer Roman oder so klassische Mädchenliteratur des 19. Jahrhunderts. Also das ist alles so ein bisschen eine sonderliche Geschichte. Also die Wilhelmine wird, und da habe ich drei unterschiedliche Jahreszahlen gefunden, 1820, 1827 oder 1828, aber wahrscheinlich ist es 1820, in Dublin geboren. Und beim Namen habe ich gefunden, sowohl eine von Arnold als auch Fitzgerald. Und über ihre ersten Lebensjahre ist uns auch kaum etwas bekannt. Ich muss jetzt aber auch sagen, dass adlige Stammbäume nicht unbedingt meine Expertise als Historiker sind, aber jedenfalls taucht sie für uns dann wieder im Alter von zehn Jahren auf, und zwar als Vollwaise bei ihrer Erzieherin und auch später lebenslangen Freundin, der Pauline Baronin von Effinger Wildeck, eine geborene Ferrons von Rotenkreuz. Also wunderschöne Namen. Und nach dieser Pauline, ihrer Erzieherin und späteren Freundin, sind übrigens auch als Fun Fact jetzt ein paar Straßen in Wien benannt. Also der Paulinensteig, die Effingergasse in Ottakring sowie die Paulinengasse in Währing. Also es ist ganz spannend. Wilhelmine selber macht jedenfalls den nächsten bedeutenden Schritt, der sie noch stärker im europäischen und Wiener Hochadel vernetzt. 1855, wo sie eben, wie schon gesagt, den Moritz, Fürst von Montleart, Sachsen-Kurland, heiratet. Und der wurde ja 1812 noch in Avignon geboren, setzt sich aber eben mit der ganzen Familie nach Wien um. 1822 ist sein Vater, der damalige Graf Montlheur, in den erblichen österreichischen Fürstenstand erhoben worden und hat eben 1824 den ganzen Grundbesitz auf dem Galitzenberg erworben, der dann nach dem Tod des Fürsten Galitzin zuerst 30 Jahre durch verschiedene Hände gegangen ist und schließlich bei den Montlearts gelandet ist. Wilhelmine hat es aber damit geschafft. Sie ist jetzt eine wirklich reiche Fürstin, verkehrt am Hof und ist quasi mit allen wichtigen europäischen Adelsfamilien verwandt bis hin zum Kaiserhaus.-Also der Anfang klingt ja fast ein bisschen nach einem Jane-Austen-Roman. Mit Aufstieg, Waisenhaus, Erzieherin. Eigentlich spannende Biografie. Und gleichzeitig wird sie aber hineingeboren in sein wirkliches Netzwerk. Also ihr Einfluss auf die Stadt, der gibt sich ja nicht zuletzt einfach wirklich mit dieser engen Vernetzung von Adel, Vermögen und Grundbesitz.-Genau, und das ist ein entscheidender Punkt. Viele städtische Entwicklungen im 19. Jahrhundert, besonders in den Außenbezirken, hängen mit solchen privaten Besitzverhältnissen zusammen.-Und da war ja auch viel im Umbruch im 19. Jahrhundert. Also kurz, um auf den Kontext einzugehen. Also Wien im 19. Jahrhundert, eine boomende Stadt, und sie birgt viele Chancen und auch Möglichkeiten.-Absolut. Die Stadt wächst rasant, vor allem nach der Schleifung der Stadtmauern und der Anlage der Ringstraße. Und gleichzeitig werden eben die Vororte eingemeindet. Wir haben das ja schon das eine oder andere Mal in Folgen erwähnt. Und die neuen Wohngebiete entstehen. Aus landwirtschaftlichen Flächen wird Bauland. -Ja, und wie kommt jetzt die Wilhelmine von Montleart eigentlich ins Spiel?-Ja, die kommt deswegen ins Spiel, weil eben große Teile dieser Flächen adligen Familien gehören. Und diese adligen Familien entscheiden im Grunde, ob und wie Grundstücke parzelliert werden, verkauft werden oder bebaut werden.-Eigentlich Stadtentwicklung eher so als privater Faktor und als Privatinitiative.-Stadtentwicklung in jener Zeit war zu einem guten Teil privat organisiert. Und die Wilhelmine von Montlaert war eine jener Akteurinnen, die diesen Prozess mitgestaltet haben, ganz aktiv.-Aber was hat sie jetzt genau gemacht?-Ja, die Wilhelmine trat als Grundbesitzerin und vor allem auch als Stifterin in Erscheinung. Also sie verwaltet umfangreiche Ländereien, ist an deren Entwicklung beteiligt, gibt aber auch den Anstoß zum Bau von Institutionen.-Also setzt sie durchaus Initiative als Frau. Das ist ja nicht ganz gewöhnlich gewesen, wahrscheinlich für ihre gesellschaftliche Position, also von ihrem Geschlecht her. Aber zuerst klingt das ja mal relativ technisch. Im Grunde bedeutet das, wenn ich so richtig verstanden habe, sie hat darüber entschieden, wie Teile von Wien eigentlich aussehen sollen.-Und zusätzlich eben engagiert sie sich im sozialen Bereich durch ihre Stiftungen.-Ein klassisches Muster vor moderner Zeit. Adel verpflichtet sich zu wohltätigem Handeln.-Wobei man das natürlich nicht nur idealistisch sehen darf. Also wie auch schon ein bisschen in der Heimatkunde angesprochen, Stiftungen waren auch ein Mittel zur Repräsentation und zur Sicherung des eigenen Andenkens.-Mischung, kann man durchaus sagen, von sozialem Engagement und symbolischem Kapital. Wobei man natürlich schon auch in Rechnung stellen muss, sie als Frau hat ja auch ein bestimmtes geschlechtsspezifisches und zugeschriebenes Korsett. Also dass sie aus dem herausgebrochen ist, ist ja auch eine spannende Angelegenheit. Sie hätte ja genauso gut Champagner trinken können und ausreiten den ganzen Tag.-Ganz richtig formuliert.-So, aber was waren jetzt die konkreten Projekte von ihr, die Stiftungen von der Wilhelmine von Montleart?-Gut, dass du fragst. Also da ist schon so einiges dabei. Am wichtigsten und prominentesten, das Wilhelminen-Spital, die heutige Klinik Ottakring. Also das hat sie 1888 für die Gemeinde Ottakring initialisiert und ist dann auch 1891, wir hören es alle, nach ihr benannt worden. Auch ganz spannend, da gibt es wenig Verwirrung in der Literatur beziehungsweise was da so an Informationen im Netz kursiert. Oft werden 300.000 Kronen als grundlegende Stiftung angegeben. Jetzt bin ich natürlich ein Geschichtenerd und habe mir gedacht, hm, 1888, da gab es doch überhaupt noch keine Kronen, waren das nicht Gulden, und wollte außerdem nachrechnen. Und da kann ich einen großen Tipp geben, also der historische Währungsrechner der Nationalbank. Da kann man sozusagen sehen, was historische Geldsummen im heutigen Geld sozusagen wert wären. Siehe da, es waren eigentlich 150.000 Gulden, und da wurde dann in der Literatur später, nachdem von Gulden auf Kronen umgestellt worden ist, da einfach umgerechnet. Was man sich mitnehmen kann, ist, der heutige ungefähre Wert dieser Stiftung, mit der die Grundlage des Wilhelminen-Spitals geschaffen wurde, wären heute ca. 2,7 Millionen Euro. Also das hat sie gestiftet, und damit wurde das Krankenhaus zuerst gebaut und dann von der Stadt Wien aber immer wieder erweitert.-Da warst du sehr aufmerksam, da kriegst du auch ein Sternchen.-Ah, danke sehr. Ja, nein, ich habe mich wirklich reingehauen. Ich fand diese Wilhelmine auch wirklich spannend, muss ich sagen. Also mir hat das schon gut gefallen, mir das anzuschauen. Eine andere größere Stiftung war ein Wilhelminenheim, so wurde das genannt, wo es um die Versorgung arbeitsunfähiger Menschen ging. Dazu spendete sie auch der Gemeinde Hernals für die Errichtung eines Spitals. Und die Gemeinde Dornbach hat von ihr auch 10.000 Gulden für ein Asylheim bekommen. Also es ist wirklich so, in der ganzen Umgebung war sie sehr wohltätig. Ansonsten hat sie aber in dieser Zeit, also wir reden von den 1880er, 1890er Jahren, schon sehr zurückgezogen, als kinderlos, als Witwe gelebt und starb dann 1895 selbst an einer Influenza-Infektion. Die Fürstin Wilhelmine von Montleart hat dann ihre langjährige Freundin und Gesellschafterin, eben die Baronin Effinger Wildeck, zur Universalerbin eingesetzt. Und die hat wiederum den Besitz dem Neffen der Fürstin, dem Erzherzog Rainer, also auch eine bekannte Figur eigentlich, überlassen. Und seit dem Tod der Fürstin war das Schloss Wilhelminenberg eigentlich unbewohnt. Also später sollte dort dann ein Kinderheim hinkommen, zu dem es ja nochmal eine ganz eigene, auch zum Teil sehr traurige Geschichte zu erzählen gäbe. Und heute steht dort aber ein Hotel.-Ja, tolle Geschichte. Da sieht man auch, wenn man Geld hat, kann man ja auch damit was Nützliches machen. Also ein Aufruf auch an die Gegenwart. Aber kommen wir nochmal zurück, was vielleicht viele Hörerinnen und Hörer noch interessieren würde. Wo begegnet man der Wilhelmine von Montlheur heute noch in Wien?-Ja, das ist spannend. Also zur Erinnerung an die Fürstin wurden neben dem Wilhelminenberg und dem nach ihr benannten Schloss Wilhelminenberg 1872 die Wilhelminenstraße in den heutigen Bezirken Ottakring und Hernals, 1889 die Montleartstraße in heutigen Bezirken Ottakring und Penzing, 1891 eben das Wilhelminen-Spital in Ottakring, das ist inzwischen auch wieder umbenannt worden, und 1892 die Kurlandgasse im 17. Wiener Gemeindebezirk, also in Hernals benannt. Nach ihrer Schwiegermutter, der Maria Christina von Sachsen, ist die Savoyenstraße in Hernals benannt. Und nach ihrer Erzieherin, ich habe es ganz am Anfang schon erwähnt, Pauline von Effinger Wildeck, der Paulinensteig, die Effingergasse und die Paulinengasse. Also es ist eigentlich spannend, wie sehr auch diese Frauen aus diesem Milieu eigentlich so ihre Spuren hinterlassen haben. Und ich finde es ja faszinierend, wie sich so Personen und Ereignisse allein durch die Orte und ihre Namen in die Stadtgeschichte einschreiben, auch wenn die Personen dahinter in Wirklichkeit teils schon wieder vergessen sind. Und ich meine, wer hätte gedacht, dass so etwas wie der Paulinensteig zum Beispiel auf so eine reale historische Person zurückgeht, die gleichzeitig wiederum irgendwie wie aus so einem Trotzkopf-Roman entsprungen scheint. Also mir macht es Spaß, im Zuge dieser Recherche solche Dinge zu erkunden und wie hinter so einem kleinen schmucken Mausoleum eigentlich so eine interessante Geschichte steht. Und wir freuen uns auch, wenn Zuseherinnen uns den einen oder anderen Ort zuschicken. Wir nennen ja immer wieder normalerweise am Ende, aber wir können es jetzt auch gleich machen, die E-Mail-Adresse podcast@ma53.wien.gv.at als Möglichkeit, uns Vorschläge zu machen. Und wir schauen uns mal an, lässt sich zu dem Ort was Interessantes finden und machen das auch.-Da hätte ich aber schon noch einmal eine letzte Frage. Warum ist die Wilhelmine von Montlheur heute eigentlich doch so relativ unbekannt?-Ja, das ist eine spannende Frage. Also ich denke, ein wichtiger Grund ist sicherlich ihr Wirkungsbereich. Sie war halt keine politische Führungsfigur, sondern wirkte halt eher im Hintergrund über Besitz und Stiftung. Aber auf der anderen Seite denke ich mir, spielt auch Geschlecht natürlich eine Rolle. Also viele Frauen des Adels wurden einfach historisch weniger sichtbar gemacht, selbst wenn sie erheblichen Einfluss hatten.-Da gibt es ja noch vieles aufzuarbeiten. Das finde ich auch sehr spannend. Also eine Frau, die so wirkt und gleichzeitig aber so im Hintergrund verschwindet und verblasst, was eigentlich eine ziemliche Schande ist.-Man kennt vielleicht den Wilhelminenberg, aber nicht unbedingt die Geschichte dahinter. Ich hoffe, wir haben heute ein bisschen was dazu beigetragen, so interessante Geschichten wieder hervorzubringen. Wir freuen uns, wenn ihr unseren Podcast weiterempfehlt und uns ein Like da lasst. Aber für heute verabschieden sich Andreas und-Walter.

-An Tipps zum Thema zunächst ein Standardwerk:

Felix Buczek, Österreichs Wirtschaftsgeschichte von der Antike bis zur Gegenwart, Wien 2011. Des Weiteren den Artikel von Sarah Pichelkastner, Spitäler und Krankenhäuser im Mittelalter und in der frühen Neuzeit, zu finden im Magazin des Wien Museums. Da es kaum aktuelle Publikationen zur Wilhelmine von Montleart gibt, sei an dieser Stelle einmal auf ein ganz wichtiges und tolles Projekt der Citizen Science in dieser Stadt verwiesen: das Wien Geschichte Wiki. Das ist eine Online-Enzyklopädie, die Informationen über Wien und seine Geschichte sammelt und online zur Verfügung stellt. Auf Initiative des Wiener Stadt- und Landesarchivs und der Wien Bibliothek entstanden und seit 2014 online, ist es mit über 50.000 Artikeln das derzeit größte Regio-Wiki der Welt. Dort findet sich eine schier unendliche Fülle an Informationen zu historischen Personen, Gebäuden, Straßen, Plätzen, Organisationen, Ereignissen oder sonstigen spannenden Themen. Zu erreichen unter geschichtewiki.wien.gv.at. Ebenso möchten wir zu guter Letzt zu einem Besuch des Mausoleums der Montlheurs anregen. Zu finden in der Savoyenstraße 2 im Park des Schlosses Wilhelminenberg. Wir wünschen einen schönen Ausflug.

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