Grätzlgeschichten
Im Geschichte-Podcast der Stadt Wien erzählen die Zeithistoriker und Geschichtsgreisslerei-Podcaster Andreas Filipovic und Walter Szevera "Grätzlgeschichten" aus der Wiener Historie. In Staffel 1 (2024/25) werden die Bezirks-Geschichten anhand eines zentralen Ortes in den 23 Bezirken erzählt , an denen sich wichtige Ereignisse für die politische oder gesellschaftliche Entwicklung unserer Stadt abgespielt haben. Staffel 2 (ab 2026) nimmt Denkmäler in der Stadt als Ausgangspunkt für Spaziergänge durch die Wiener Geschichte.
Grätzlgeschichten
34 | Karl Lueger: Wiens umstrittenstes Denkmal und die Frage der Erinnerung
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Vor der Sommerpause widmen sich Andreas und Walter dem wohl umstrittensten Denkmal Wiens: dem für Karl Lueger. Der ehemalige Bürgermeister der Stadt gilt als einer der einflussreichsten und problematischsten Politiker der Stadt. Sein populistischer Antisemitismus war kein bloßes politisches Kalkül, sondern prägte das gesellschaftliche Klima einer ganzen Ära – und inspirierte unter anderem den jungen Adolf Hitler. Das Denkmal im ersten Bezirk wird dieser Tage neu kontextualisiert. Andreas und Walter fragen zu diesem Anlass: Wer war Karl Lueger wirklich – und was sagt es über uns aus, wie wir mit seinem Erbe umgehen?
Mehr Wiener Geschichte findet ihr im Wien Geschichte Wiki. Andreas und Walter könnt ihr außerdem in der Geschichtsgreißlerei hören.
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-Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge der Grätzlgeschichten. Es begrüßen euch Andreas und-Walter. -Ja, Walter, in dieser zweiten Staffel der Grätzlgeschichten behandeln wir ja Denkmäler in Wien und die Geschichten, die sie uns erzählen. Und vielleicht wird sich jetzt der eine oder die andere auch schon gefragt haben, wann wir jetzt eigentlich das aktuell heißeste Eisen angreifen. Und die Antwort ist ganz einfach: jetzt. Es geht heute, wie unschwer zu erraten, um ein Denkmal für Karl Lueger, ehemaliger Wiener Bürgermeister, im ersten Bezirk. Es ist das bekannteste, aber nicht das einzige Denkmal für Karl Lueger in Wien. Auf jeden Fall ist es zurzeit wohl das am meisten diskutierte Denkmal der Stadt, und genau darüber wollen wir heute sprechen.-Ja, und wer in der letzten Zeit eigentlich beim Karl-Lueger-Denkmal vorbeigegangen ist, also im ersten Wiener Gemeindebezirk, wie erwähnt, da wird es erst einmal gemerkt haben: Hallo, da fehlt ja was. Also es gab ja, wo vorher diese monumentale Bronzestatue gestanden ist, war ja umzäunt von einem Bauzaun. Das Denkmal wurde abgebaut und nicht, um es aber irgendwie verschwinden zu lassen, sondern um ein Projekt umzusetzen, das ja lange schon diskutiert wurde und das die Gemüter seit, kann man schon sagen, einige Jahre schon erhitzt hat. Und die Statue wurde im Endresultat, um ganze 3,5 Grad gekippt.-Genau, und dieser Umbau ist jetzt seit kurzem auch abgeschlossen, und nun steht da jetzt diese neue Umsetzung. Und ich muss persönlich sagen, das schaut überraschend spannend aus. Also 3,5 Grad ist jetzt tatsächlich mehr, als ich gedacht habe. Eine für mich spürbare Irritation und eigentlich auch schon ein spannender Ansatz. Also dieser Lueger ist, wie die Tageszeitung"Die Presse" vor kurzem geschrieben hat, eingefroren im Moment des Fallens.-Ja, das Projekt wurde auch von dem Künstler Klemens Wihlidal umgesetzt, also mit dem passenden Namen, wie du es ja auch erwähnt hast, „3,5 Grad Schieflage“, finde ich eigentlich sehr gelungen. Und ist auch der vorläufige Höhepunkt einer Debatte, die ja sehr lange gedauert hat und die wahrscheinlich noch länger andauern wird und die uns als Historikerinnen, Historiker und auch die Wiener Stadtöffentlichkeit, muss man ja auch sagen, das ist ja eigentlich ein Hin und Her gegangen, schon seit Jahrzehnten beschäftigt, also wirklich viele, viele Jahre. Und das hängt natürlich mit der Person Karl Lueger zusammen. Also für die einen war er ein Visionär, ein Modernisierer der Stadt um die Jahrhundertwende, also vom 19. aufs 20. Jahrhundert. Für die anderen war er wirklich einer der rabiatesten und wirkungsmächtigsten Antisemiten der europäischen Moderne.-Genau, und diesen Spagat oder besser gesagt diesen tiefen historischen Graben, den wollen wir uns heute mal genauer anschauen. Also wer war dieser Mann wirklich, wie funktionierte sein politisches System und warum tun wir uns heute im Jahr 2026, so lange Zeit danach, immer noch so unendlich schwer mit diesem steinernen Erbe? Aber zuvor zwei Minuten Heimatkunde.-In Wien gibt es eine Menge an sehr alten, guten und begrüßenswerten Gewohnheiten, leider aber auch eine Reihe von Traditionslinien, die lange zurückreichen und zu den hässlichsten Seiten der Stadt gehören. Und in dieser Liste nimmt der Antijudaismus definitiv einen Spitzenplatz ein. Zum Glück gibt es gerade in den letzten Jahren zahlreiche Initiativen, die den Antisemitismus der Gegenwart und des zurückliegenden Jahrhunderts zur Sprache bringen, wie notwendig und gleichzeitig wie schwierig der richtige Umgang mit herausragenden Denkmälern sich gestaltet. Es stellt sich die Frage immer
wieder aufs Neue:Wie geht man mit den Opfern von religiös und rassistisch motiviertem Judenhass um? Beispiele gäbe es genug. Der Habsburger Herzog Albrecht V. wäre so eines. Dieser führt Beginn des 15. Jahrhunderts Krieg gegen die protestantischen Hussiten in Böhmen. Und er will im europäischen Machtspiel mitmischen und die Tochter des Kaisers Siegmund heiraten. Beides kostet viel, viel Geld. Die Lösung? Er initiiert 1420 ein Pogrom gegen die jüdische Gemeinde in Wien, deportiert ungefähr 800 arme Bürger*innen, indem er sie aufs Boot setzt und die Donau runtertreiben lässt. Die übriggebliebenen 200 Wohlhabenden werden inhaftiert, gefoltert, beraubt. Bei einem grauenhaften Massaker werden 120 Frauen und 92 Männer auf dem heutigen Gebiet des dritten Bezirks im Jahr 1421 lebendig verbrannt. Die mit dem Geld der Ermordeten finanzierte Hochzeit legt einen der wichtigsten Grundsteine für die Machtentfaltung der Habsburgischen Dynastie. Mahnmal sucht man umsonst. Ein anderer österreichischer Monarch nimmt sich 1670 an seinem Vorfahren auch mal ein Beispiel. Um seine katholische Festigkeit zu demonstrieren, lässt Kaiser Leopold I. die gesamte jüdische Bevölkerung aus dem heutigen Werdgrätzl im zweiten Bezirk vertreiben, natürlich inklusive Konfiszierung des Großteils des Eigentums. Und hat dann auch noch die Chuzpe, den ethnisch gesäuberten Stadtteil in Leopoldstadt, umzubenennen. Übrigens Nutznießer: Das war nicht nur immer der streng katholische Hof. Auch die Wiener Universität spielte über Jahrhunderte eine toxische Rolle, denn so bedient sich die Uni Wien gleich mal am Bauschutt der 1670 zerstörten Synagogen zum Bau neuer Fakultätsgebäude. Eingerichtete Hebräischstudien werden nicht nur aus Interesse für Bibelinterpretationen eingerichtet. Die unterfüttern vor allem antijüdische Vorurteile und Ressentiments. So liefern auch Theologen die konstruierten Grundlagen für das 1420 begangene Massaker, indem man einen unbewiesenen Zusammenhang zwischen jüdischer Gemeinde und Hussitenaufständen erfindet und noch eine angebliche Hostienschändung drauflegt. Ein klassischer Fall von Fake News und Schwurblerei! Und diese Tradition setzt die Uni Wien in vielen Bereichen bis 1945 fort. Wie in einem Katalysator trägt sie maßgeblich dazu bei, dass aus dem primitiven und abergläubischen Antijudaismus ein pseudowissenschaftlich fundierter Antisemitismus wird. So werden angebliche Erkenntnisse aus Rassenbiologie und Ethnologie immer mit praktischen politischen Anliegen verbunden: gegen Demokratie, Liberalismus, Frauen- und Arbeiter:innenrechte. Dass sich dann doch in den letzten 30 Jahren einiges getan hat, ist vor allem vielen Einzelinitiativen, NGOs und gewissenhaften Politiker*innen zu verdanken. Einen Wendepunkt stellt sicher das 1988 errichtete Mahnmal gegen Krieg und Faschismus vor der Albertina dar. Der Karl-Lueger-Ring wurde in Universitätsring umbenannt, der Pfarrer-Deckard-Platz, benannt nach einem Priester und ehemals gefeierten Autor von Verschwörungsmachwerken zum Thema jüdische Ritualmorde, heißt jetzt Weinhauserplatz. Und Stolpersteine erinnern uns tagtäglich an unsere ermordeten ehemaligen Nachbar*innen. Trotzdem gibt es viel zu tun. Eine Diskussion zum Thema Leopold-Kunschack-Platz, einer der wichtigsten Nachkriegspolitiker Wiens und rabiatesten Antisemiten, der schon 1920 die Einweisung von jüdischen Menschen in Konzentrationslager forderte und nach 1945 keine Distanzierung zum Antisemitismus vornahm, steht noch an. Dass Diskussionen zu Namensänderungen, Kontextualisierung und Umbauten immer noch solchen Staub in manchen politischen Sphären und Medien aufwirbelt, verwundert einen nach wie vor. Aber entstauben schadet nie und verhindert möglicherweise die Rückkehr der Schatten, die nie wirklich verschwunden sind. Und ebenso wichtig: Man ist es den Opfern einfach schuldig.-Danke, Walter, für diese engagierte Heimatkunde. Kommen wir jetzt vielleicht zur Frage. Also wer war dieser Karl Lueger eigentlich und was ist der historische Kontext, der bis heute in dieser Denkmaldebatte nachwirkt? Karl Lueger, 1897 bis 1910 Wiener Bürgermeister, ein sozialer Aufsteiger, kommt aus dem Kleinbürgertum. Und ich glaube, es gibt kaum einen Wiener Bürgermeister, dessen Anhänger und Gegner so ein unterschiedliches Bild von seiner Persönlichkeit entwerfen, wie das beim Lueger der Fall ist. Also Glorifizierung auf der einen Seite, schöner Karl, Herrgott von Wien, bei manchen seiner Anhänger*innen, volkstümlich und in weiten Kreisen der Bevölkerung außerordentlich populär. Also er war, wie die Arbeiterzeitung mal schrieb, der erste bürgerliche Politiker, der mit Massen rechnete, Massen bewegte, der die Wurzeln seiner Macht tief ins Erdreich senkte. Leider ja nicht der letzte bürgerliche Politiker, der so agiert hat. Ich meine, wir kennen die Beispiele bis in die Jetztzeit hinein, der jungen Aufsteiger. Und eine Parallele sehe ich da auch noch, nämlich eine gewisse ideologische Flexibilität. Also eigentlich geht es vor allem auch um die persönliche Karriere, und der wird vieles andere untergejubelt. Also durchaus liberaler Beginn und dann aber tief hinein ins christlich-soziale und ins antisemitische. Lueger hat sich konzentriert, vor allem in seinem politischen Tun, auf das Kleinbürgertum, das gerade in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch durchaus als Modernisierungsverlierer oft dagestanden ist. Und mit einer gewissen Demagogie hat er es halt verstanden, in dieser Zeit der entstehenden Massenparteien große Teile der öffentlichen Meinung zu gewinnen. Und um Lueger zu verstehen, müssen wir zurück in das Wien des 19. Jahrhunderts. Wien platzt eben aus allen Nähten. Die Industrialisierung zieht Hunderttausende in die Stadt, und politisch herrscht noch das liberale Großbürgertum. Das hat natürlich auch mit dem Wahlrecht zu tun. Das Problem der Liberalen war dann allerdings, sie hatten völlig die soziale Frage verloren. Und das Wahlrecht war an den Besitz gekoppelt, und die breite Masse hatte zunächst noch nichts zu sagen. Und in diese Lücke stößt dann Lueger mit seiner christlich-sozialen Partei. Wie gesagt, ein begnadeter Rhetoriker, gilt als Mann des Volkes, oder zumindest inszeniert er sich eben so.-Aber genau hier ist eigentlich der Punkt, wo man diesen Mythos entzaubern muss. Also diese Inszenierung als Anwalt der kleinen Leute, also der Handwerker, der kleinen Beamten, der Ladenbesitzer. Ich meine, er kam ja selbst auch aus kleinstbürgerlichen Verhältnissen. Das hatte von Anfang an so ein exklusives und sehr aggressives Element und Fundament, kann man sagen. Also Lueger kannte ja vor allen anderen, wie man also die Ängste dieses Kleinbürgertums vor dem wirtschaftlichen Ruin und dem sozialen Abstieg instrumentalisieren kann und kanalisieren kann. Also er nützt die ganze Zeit eigentlich diese Missstimmung gegen das angebliche Großkapital. Man darf das ja nicht vergessen, dass gerade diese Phase zwischen 1840 bis 1870 einen totalen Strukturwandel in der österreichischen Gesellschaft mit sich gebracht hat. Also die ganzen kleinen Handwerkbetriebe waren pleite oder sind verschwunden, und das ist eigentlich wirklich die Entstehung des Großkapitals. Die Banken spielen eine wichtige Rolle. Ringstraßenbau ist so ein Beispiel dafür. Sehr viel Kapital fließt ein. Die große Industrie fängt an zu wirken und sich auszubreiten und verdrängt eben diese ganzen kleineren Betriebe und eben diese Kleinstrukturen. Sein zentrales Argument und sein zentrales Werkzeug aber, um zur Macht zu gelangen, und er war natürlich sehr machtorientiert, also war der Antisemitismus. Das war also kein Nebenprodukt seiner Politik, sondern wirklich auch der Treibstoff. In 1897, also nach jahrelangem Kampf und gegen den massiven Widerstand von Kaiser Franz Joseph, der mochte ihn ja gar nicht so besonders, also eben sein Antisemitismus war ihm eigentlich zuwider, wirklich auf den Sessel des Bürgermeisters hievte er.-Ja, absolut. Und hier stoßen wir auch auf dieses klassische Argument, das ja bis heute manchmal in Debatten noch vorgebracht wird, das Argument des Kommunalpolitikers. Also man sagt, ja, das mit dem Antisemitismus, das war natürlich unschön, aber schauen wir uns doch an, was er für Wien getan hat. Er hat die Gas- und Elektrizitätswerke kommunalisiert, also in die Hand der Stadt überführt. Er hat die zweite Wiener Hochquellwasserleitung gebaut, die Straßenbahn elektrifiziert, das Wohlfahrtswesen ausgebaut, den Wiener Grüngürtel geschaffen. Und das sind unbestreitbare infrastrukturelle Leistungen der Zeit, die Wien bis heute prägen.-Ja, du hast es eben erwähnt, das ist eigentlich die klassische Trennung, die man so mal vorgenommen hat, vor allem in der historischen Forschung, also zumindest über viele Jahre, ist es aber heutzutage nicht mehr haltbar.
Immer so dieser Spruch:"Na ja, er war schlimm, aber es gibt sehr viel Schlimmere oder es gab sehr viel Schlimmere." Das ist halt irgendwie geht ins Leere, weil es immer so jemanden gibt, der noch schlimmer ist als diejenige Person. Diese vermeintliche Modernisierung war aber tief wirklich also eben mit diesem antisemitischen Weltbild verflochten. Also nehmen wir zum Beispiel die Kommunalisierung der Gaswerke. Also ein Gaswerk war natürlich am Anfang in der liberalen Phase privat, und es wurde von Lueger als so eine Art Befreiungsschlag gegen das internationale jüdische Großkapital inszeniert. Also eigentlich war die Gasversorgung, die Gasproduktion in der Stadt von einer britischen, englischen Firma geleitet, der Imperial Continental Gas Association. Und diese Infrastrukturpolitik war für ihn, wie schon gesagt, ein Instrument des Wirtschaftsantisemitismus. Er hat also jüdische Unternehmen systematisch von städtischen Aufträgen ausgeschlossen und jüdische Beamte aus dem Rathaus gedrängt. Also seine Modernisierung war immer ein exklusiver Modell, also immer nur für einen Teil der Bevölkerung vorteilhaft, also eigentlich nur für seine christlichen Wiener und Wienerinnen.-Ja, und das war der entscheidende Punkt. Also sein Antisemitismus war halt hochgradig opportunistisch, wie ich schon gemeint habe. Also gerade aber deswegen so gefährlich. Es gibt dieses berühmte Zitat, das ihm ja zugeschrieben wird: "Wer ein Jude ist, bestimme ich." Zeigt es sehr schön auf. Diese zynische Flexibilität. Wie gesagt, er sollte dann in der Geschichte nicht der Letzte sein, der so handelt. Wenn es ihm politisch oder halt im persönlichen Umgang nützte, dann hat er ja kein persönliches Problem wahrscheinlich mit jüdischen Bürgern und Bürgerinnen gehabt.-Hat er sogar Freunde angeblich.-Genau, genau. Aber auf den Marktplätzen, in den Bierzelten, im Gemeinderat, da hat er den Mob angepeitscht. Und das alles fürs persönliche Weiterkommen. Also er hat den Antisemitismus dadurch aber auch salonfähig gemacht. Und er hat es quasi aus der Schmuddelecke des rassistischen Randphänomens mitten in das bürgerliche Zentrum der Macht geholt.-Ja, und genau diese Salonfähigkeit hatte ja dann wirklich fatale historische Konsequenzen. Also Lueger fungierte wirklich so eine Art Katalysator für das, was dann später im 20. Jahrhundert ja folgen sollte. Also wir wissen ja ganz konkret, wer in diesen Jahren als junger Mann durch Wien lief und Luegers Rhetorik wirklich wie einen Schwamm aufgesogen hat. Und dieser Mann war Adolf Hitler.-Ja, und Hitler schreibt ja in "Mein Kampf" erstaunlich detailliert über den Lueger. Also er bewundert ihn explizit, nicht wegen seiner religiösen Ansichten, weil der Hitler war ja der christlich-sozialen Bewegung gegenüber eher, na ja, sagen wir mal, skeptisch, sondern er bewundert den Lueger als Taktiker. Also der Hitler lernte vom Lueger, wie man die Massen mobilisiert, wie man die soziale Frage mit dem Antisemitismus verknüpft. Also kompletter Wahnsinn. Und vor allem, wie wichtig es ist, die bestehenden Machtstrukturen wie die Kirche oder die Monarchie nicht frontal anzugreifen, sondern für die eigenen Zwecke zu nutzen.-Ja, eben, und da muss man halt natürlich, kann man schon sagen, methodisch aufpassen. Also Lueger war kein Nationalsozialist vor seiner Zeit, also so schlimm war es dann wirklich nicht. Er war eher so ein großösterreichischer Patriot. Er war zum Teil antideutsch, loyal zum Habsburger Thron, also extremer Monarchist, obwohl er die Probleme hatte, eben mit Kaiser Franz Joseph. Und es war immer sehr katholisch ausgerichtet und fundiert, seine Herangehensweise. Er wollte also die Juden nicht physisch vernichten, sondern wirtschaftlich und sozial marginalisieren. Aber, und das ist das schwere historische Versagen, er hat eben die sprachlichen und mentalen Dämme eingerissen. Also wirklich, nach ihm war es einfach ganz hochoffiziell möglich, über Juden zu schimpfen. Wenn man also Luegers Reden liest, in denen er davon spricht, dass die jüdische Bevölkerung, Zitat,"die Herrschaft über die Christen anstrebe" oder wenn er metaphorisch von Parasiten spricht, dann ist das die exakte sprachliche Munitionierung eigentlich, auf der der spätere Rassenantisemitismus der NSDAP aufbauen konnte. Also er hat das Fundament gelegt, auf dem Hitler später die Vernichtungsmaschinerie errichtete. -Ja, er war eine Art Scharnierfigur, kann man sagen. Also er verbindet den alten, religiös-ökonomisch motivierten Antijudaismus des 19. Jahrhunderts mit dem modernen populistischen Massenantisemitismus des 20. Jahrhunderts. Und ihn heute einfach nur als tüchtigen Bürgermeister abzufeiern, was zum Glück immer weniger Menschen tun, blendet halt diese fatale historische Verantwortung komplett aus.-Ja, und man muss immer auch vorsichtig sein. Er ist ja nicht immer so alleine gewesen. Es war nicht immer so, das waren ja Diskussionen in der Stadt. Also auch hier nicht der einzige Initiator dieser Initiativen gewesen. Aber damit sind wir aber auch mitten in der Gegenwart und bei der Frage, also wie gehen wir mit solchen Erinnerungen eigentlich um? Also das Karl-Lueger-Denkmal am Stubenring wurde 1926 enthüllt, also genau vor 100 Jahren interessanterweise. Also mitten in der ersten Republik. Es gab auch schon das Rote Wien, es gab einen roten Bürgermeister. Und in einer Zeit massiver politischer Polarisierung. Entworfen wurde es also vom Bildhauer Josef Müllner, der später selbst eine Nähe zum Nationalsozialismus entwickelte. Und ja, hat es eigentlich sehr heroisch dargestellt, die Figur vom Lueger. Vielleicht magst du kurz beschreiben, wie das Denkmal überhaupt eigentlich so aussieht?-Ja, also das ursprüngliche Denkmal ist schon eine absolute Verherrlichung, kann man sagen. Also es ist monumental, über 20 Meter hoch. Ganz oben steht der Lueger in Bronze, 4,5 Meter groß, also ich glaube, so groß war er gar nicht. Die Hand pathetisch auf der Brust, der Blick entschlossen in die Ferne gerichtet. Und rund um den Sockel sieht man halt Reliefs, die seine vermeintlichen Großtaten preisen. Da ist der treue Arbeiter, der dankbare Bürger, der Lueger huldigt. Es ist ein klassisches Personenkultmonument, muss man sagen. Ein völlig unkritisches, heroisierendes Bild. Und es war halt schon als klares politisches Statement des konservativen Lagers quasi gedacht.-Ja, also wie sich eigentlich schon die Austrofaschisten so auch den Ständestaat sich vorgestellt haben. Also die verschiedenen Klassen, Schichten, Gruppen, friedlich nebeneinander, gemeinsam für eine gemeinsame Zukunft wirkend. Und genau aber diese unkritische Heroisierung funktioniert ja im demokratischen Österreich ja nach 45 Jahrzehnte lang einfach so weiter. Also der Platz hieß so, dass das Denkmal stand. Es gab kaum Widersprüche. Die Wende kam erst sehr viel später, vor allem getrieben von zivilgesellschaftlichen Initiativen, jüdischen Studierendenverbänden und Künstler*innengruppen ab. In den 2000er Jahren wurde das Denkmal also immer wieder zum Schauplatz von Interventionen. Wurde mit Farbe besprüht. Es gab Kunstprojekte, also richtige Happenings fanden da statt. Und ab 2020, eben so im Zuge der Global Black Lives Matter Bewegung und den Diskussionen um koloniale und rassistische Denkmäler, also ausgehend auch von Großbritannien, explodierte die Debatte vor Ort, kann man sagen. Der Sockel wurde monatelang mit dem rot aufgesprühten Schriftzug "Schande" markiert.-Ja, und das Spannende war ja auch die Reaktion der Stadt Wien. Also früher hätte man das vielleicht sofort sandgestrahlt und gereinigt, aber man könnte vermuten, dass die Graffitis halt auch bewusst belassen wurden. Also es war dann quasi so eine Art Schandwache. Also das Denkmal hat seine makellose Würde verloren. Und das konnte aber wahrscheinlich irgendwie auch kein Dauerzustand sein. Also schwierig zu argumentieren, wahrscheinlich im Hinblick auf unterschiedliche Reaktionen. Beschmiertes Denkmal ist zwar ein deutliches Zeichen des Protests und oft sehr wirkungsvoll, aber vielleicht halt auch irgendwie keine dauerhafte, reflektierte künstlerisch-historische Kontextualisierung.-Ja, aber das Spannende daraus entstand ja ein jahrelanger, extrem zäher Prozess. Es gab Expert*innenkommissionen, runde Tische, heftige Debatten in den Medien. Und die Positionen waren im Grunde dreigeteilt. Die eine Seite ist aufgetragen von konservativen und rechten Kreisen und forderte die Reinigung und den Erhalt des Denkmals im Originalzustand. Also die radikal entgegengesetzte Seite, darunter viele Historiker*innen und jüdische Aktivist*innen, forderten also überhaupt den kompletten Abbruch. Die Statue sollte in ein Museum wandern, weil es ein Denkmal im öffentlichen Raum immer eine Ehrung darstellt, was eigentlich irgendwie auch verständlich ist und man einen Antisemiten im 21. Jahrhundert eigentlich nicht öffentlich ehren wollte. Und die dritte Position war die der künstlerischen Kontextualisierung, also für die sich eigentlich die Stadt Wien letztlich entschieden hat.-Mhm, mhm. Ja, also diese Entscheidung hat ja dann zum Wettbewerb geführt. Den hat eben Klemens Wihlidal gewonnen. Und ja, wie eingangs erwähnt, also das Denkmal wurde jetzt um 3,5 Grad geneigt. Visuell deutlich präsenter, als ich mir das ursprünglich vorgestellt habe. Also es ist wirklich eine sehr schöne Irritation. Die Jury hat damals die Entscheidung halt auch damit begründet, dass die Schrägstellung irgendwie so diesen Anspruch auf Monumentalität visuell bricht. Und ich kann das durchaus nachvollziehen. Also es ist eine Störung im öffentlichen Raum. Der Lueger verliert das Gleichgewicht, er gerät ins Stolpern, er stürzt quasi symbolisch über seine eigene Schuld.-Ja, da hast du sicher recht. Also es bleibt auf jeden Fall immer ein Experiment auf offenem Herzen der Stadt. Also was uns Lueger auf jeden Fall lehrt, und das ist vielleicht die wichtigste Lehre, denke ich mir für die Gegenwart, ist, wie fragil eigentlich und demokratische und humane Werte sind. Also wenn Populisten die Mechanismen der Demokratie nutzen, um sie von innen heraus auszuhöhlen, dann ist das schon ein bedenkliches Zeichen. Da kann man am Lueger durchaus einmal Maß nehmen und sich das als Beispiel herannehmen. Also Lueger war kein Betriebsunfall der Geschichte. Das, glaube ich, muss man mal wirklich einmal festhalten. Er war einfach eine logische Konsequenz einer Gesellschaft, die wegschaut, als die Ressentiments mehrheitsfähig wurden.-Ja, und perfektes Schlusswort, Walter. Die Debatte um einen Karl Lueger ist nicht nur eine Debatte über das Jahr 1900 oder das Jahr 1926. Es ist eine Debatte darüber, wer wir heute sein wollen und welche Werte wir im öffentlichen Raum unserer Städte sichtbar machen wollen oder nicht. Und als solche ist sie ja sehr wertvoll.-Ja, und damit sind wir eigentlich am Ende der heutigen Folge. Also würde mich auch interessieren, was unsere Hörerinnen und Hörer dazu denken. Also ist die Schrägstellung von 3,5 Grad wirklich so ein starkes Zeichen gegen den Antisemitismus oder einfach vielleicht auch doch ein fauler Kompromiss, dass man eigentlich die Statue lieber im Museum gesehen hätte?-Schreibt uns eure Meinung, am besten an podcast@ma53.wien.gv.at oder in Social Media. Lasst uns auch gerne ein Like da, empfehlt uns weiter, erzählt einem Freund oder einer Freundin von diesem Podcast. Und zu guter Letzt, schaut euch einfach das neue Denkmal mal selbst an. Und bis zum nächsten Mal verabschieden sich Andreas und Walter.-Biografien zu Karl Lueger gibt es zahlreich. Wir empfehlen eine aus der Edition Wiener Bürgermeister, nämlich die Nummer 5, die sich mit Karl Lueger beschäftigt. Der Autor Andreas Pittler erzählt kurz und prägnant die Geschichte des wohl berühmtesten Wiener Bürgermeisters und bettet seine Biografie in die gesellschaftlichen und sozialen Geschehnisse seiner Zeit ein, erschienen 2012 bei Karl Gerold Söhne. Wen vor allem die Rezeptionsgeschichte von Karl Lueger und die Interpretation seines Erbes interessiert, dem sei das Buch von Elisabeth Heimann,"Die Selbstinszenierung Karl Luegers und die Rezeption nach 1910", ans Herz gelegt, erschienen 2015 in der Edition Seidengasse. Der Arbeitskreis zur Umgestaltung des Lueger-Denkmals hat 2011 ein Handbuch zur Umgestaltung des umstrittenen Denkmals herausgebracht. Hier finden sich die unterschiedlichsten Positionen und Vorschläge, wie man mit dem Denkmal umgehen soll. Das Buch ist das Resultat eines allgemeinen Aufrufs zum Einsenden von Beiträgen. Das Handbuch ist selbst gratis im Netz downloadbar, unter anderem unter der Adresse luegerplatz.com. Wer sich selbst engagieren und zumindest informieren möchte, nach welchen fragwürdigen Personen in Wien Straßen oder Plätze benannt sind, so kann er das vom Peter Autengruber herausgebrachte Buch "Umstrittene Wiener Straßennamen - ein kritisches Lesebuch" heranziehen, erschienen 2014. In vielen Punkten leider immer noch aktuell. Den aktuellen Stand für Zusatztafeln zu historisch bedenklich eingestuften Straßennamen findet man auf der Homepage der Stadt Wien. Stichwort zum Suchen: Zusatztafeln.
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