In_equality Podcast
In_equality Podcast – der Podcast zur Ungleichheitsforschung
Warum sind Einkommen, Bildung und Chancen so ungleich verteilt? Welche sozialen, politischen und wirtschaftlichen Mechanismen verstärken oder verringern diese Ungleichheiten? Und warum spielt unsere Wahrnehmung von Ungleichheit dabei eine entscheidende Rolle?
Diesen Fragen widmet sich der In_equality Podcast. Einmal im Monat diskutieren die Hosts Gabi Spilker und Marius R. Busemeyer vom Exzellenzcluster „The Politics of Inequality“ an der Universität Konstanz mit führenden Expert*innen über die politischen Dimensionen von Ungleichheit. Sie beleuchten aktuelle wissenschaftliche Studien, sprechen über konkrete Praxisbeispiele und analysieren gesellschaftliche Entwicklungen, die unsere Gegenwart und Zukunft prägen.
Ob Bildungsungleichheit, soziale Mobilität, Vermögensverteilung oder politische Teilhabe – der In_equality Podcast bringt fundierte Erkenntnisse aus Wissenschaft und Praxis zusammen und macht komplexe Zusammenhänge verständlich.
Podcast description:
In_equality Podcast – The Podcast on Inequality Research
Why are income, education, and opportunities so unequally distributed? What social, political, and economic mechanisms reinforce or reduce these inequalities? And why does our perception of inequality play a crucial role?
The In_equality Podcast explores these questions. Once a month, hosts Gabi Spilker and Marius R. Busemeyer from the Cluster of Excellence “The Politics of Inequality” at the University of Konstanz engage in discussions with leading experts on the political dimensions of inequality. They examine current scientific studies, discuss practical examples, and analyze societal developments shaping our present and future.
From educational inequality and social mobility to wealth distribution and political participation – the In_equality Podcast brings together solid academic insights and real-world perspectives, making complex issues accessible.
In_equality Podcast
Wie politisch ist unser Einkaufszettel? mit Sebastian Koos
Use Left/Right to seek, Home/End to jump to start or end. Hold shift to jump forward or backward.
Hosts:
Marius R. Busemeyer – Professor für Vergleichende Politische Ökonomie an der Universität Konstanz und Sprecher des Exzellenzclusters „The Politics of Inequality“.
Gabriele Spilker – Professorin für Globale Ungleichheit an der Universität Konstanz und Co-Sprecherin des Clusters.
Gast:
Sebastian Koos – Professor für Soziologie an der Universität Konstanz und Inhaber der Clusterprofessur „Social Movements“; er forscht u. a. zu sozialen Bewegungen und Nachhaltigkeit.
Episodenüberblick
Wie politisch ist unser Einkaufszettel? Und was unterscheidet „nachhaltigen“ von „politischem“ Konsum? In dieser Live-Folge – aufgenommen im Rahmen der Nachhaltigkeitstage an der Universität Konstanz – sprechen Gabriele Spilker und Marius R. Busemeyer mit dem Soziologen Sebastian Koos über Boykotte, Fair-Trade-Märkte, das Lieferkettengesetz und die Frage, ob Konsumentscheidungen tatsächlich gesellschaftlichen Wandel anstoßen können.
Episoden-Highlights
Politischer vs. nachhaltiger Konsum
· Politischer Konsum: Kaufen oder Nichtkaufen als Mittel, um Unternehmen zu belohnen oder zu bestrafen (instrumentell, strategisch).
· Nachhaltiger Konsum: Konsum so gestalten, dass ökologische und soziale Folgen möglichst gering bleiben.
· Wichtigster Punkt: „Der nachhaltigste Konsum ist der, den man sich spart.“
Ungleichheitsdimension
· Anders als bei Wahlen gilt nicht „one person, one vote“, sondern wer sich beteiligen kann hängt direkt von Kaufkraft, Wissen und Zeit ab.
· Aus einer Gerechtigkeitsperspektive ist politischer Konsum daher ambivalent.
Wer konsumiert politisch oder nachhaltig?
· Politischer/ethischer Konsum ist voraussetzungsvoll: Bildung ist ein zentraler Faktor (Information, Labels, Wissen).
· Einkommen und Klassenlage spielen mit hinein: Nachhaltiger Konsum kann Status ausdrücken – ist aber selten nur Status oder nur Moral.
· Geschlechterunterschiede: Frauen zeigen häufiger „positives Kaufen“, Boykotts sind etwas ausgeglichener verteilt.
· „Ethischer Konsum“ bedeutet je nach sozialer Lage Unterschiedliches – von Zertifikaten bis zu „gesund und sparsam für die Familie sorgen“.
Wirksamkeit und Grenzen
· Forschungslage zu Boykotts: gemischte Effekte – manchmal negativ, manchmal kaum messbar, manchmal sogar positiver PR-Effekt.
· Häufig entscheidend: Reputation (Naming & Shaming) statt reine Umsatzverluste.
Links & Quellen
- Mehr zum Exzellenzcluster „The Politics of Inequality“: www.exc.uni-konstanz.de/inequality
- Weiterführende Literatur:
- Bartley, T., Koos, S., Samel, H., Setrini, G., & Summers, N. (2015). Looking behind the label: Global industries and the conscientious consumer. Indiana University Press.
- Koos, S. (2021). Moralising markets, marketizing morality. The fair trade movement, product labeling and the emergence of ethical consumerism in Europe. Journal of Nonprofit & Public Sector Marketing, 33(2), 168-192.
- Koos, S. (2012). What drives political consumption in Europe? A multi-level analysis on individual characteristics, opportunity structures and globalization. Acta sociologica, 55(1), 37-57.
- Kontakt: cluster.inequality@uni-konstanz.de
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Ine_quality Podcast: Wie politisch ist unser Einkaufszettel? mit Sebastian Koos
Gabriele Spilker
Herzlich willkommen zu einer neuen Folge des In_equality Podcast. Mein Name ist Gabi Spilker und ich bin Professorin für Globale Ungleichheit und Co-Sprecherin des Exzellenzclusters The Politics of Inequality. Neben mir sitzt…
Marius R. Busemeyer
Marius Busemeyer, ich bin Sprecher dieses Exzellenzclusters und Professor für Vergleichende politische Ökonomie.
Gabriele Spilker
Die heutige Folge unseres Podcasts zum Thema nachhaltiger bzw. politischer Konsum ist eine etwas besondere Folge, denn wir nehmen sie als Teil der Nachhaltigkeitstage an der Universität Konstanz auf. Ziel dieser Nachhaltigkeitstage ist ganz allgemein auf das Thema Nachhaltigkeit in unserer Universität aufmerksam zu machen und eine nachhaltigere Lebens- und Arbeitsweise zu fördern.
Um das Thema nachhaltiger bzw. politischer Konsum zu beleuchten, haben Marius und ich einen Experten zu diesem Thema eingeladen. Sebastian Koos, Professor für Soziologie hier an unserer Universität und zudem auch Inhaber einer Clusterprofessur. Sebastian beschäftigt sich unter anderem mit sozialen Bewegungen sowie verschiedenen Aspekten der Nachhaltigkeit. Herzlich willkommen, Sebastian.
Sebastian Koos
Hallo.
Gabriele Spilker
Lass uns doch ganz von vorne beginnen: Was ist denn nachhaltiger oder politischer Konsum? Und unterscheiden sich die Beiden?
Sebastian Koos
Ja, tatsächlich muss man da differenzieren. Politischer Konsum beruht auf der Idee , dass Konsumentinnen und Konsumenten durch ihr Kaufen oder Nichtkaufen Einfluss auf Produzenten oder auch auf Unternehmen nehmen können. Sie können Produzenten und Unternehmen belohnen oder bestrafen für das, was sie machen. Meistens macht man das, weil man ein Unternehmen besonders gut findet oder auch, weil man bestimmte Probleme sieht, wie beispielsweise Menschenrechtsverletzungen in deren Zulieferkette.
Nachhaltiger Konsum hat tatsächlich eine leicht andere Bedeutung. Hier geht es darum, die ökologischen und sozialen Folgen des eigenen Konsums möglichst gering zu halten
Und was hierbei ganz wichtig ist: der nachhaltigste Konsum ist natürlich der Konsum, den man sich spart. Also möglichst wenig zu konsumieren ist häufig sehr nachhaltig, während es beim politischen Konsum tatsächlich mehr um das Bestrafen oder Belohnen geht, deswegen hat das auch ein Stück weit einen instrumentellen Charakter.
Um diese Formen des politischen Konsums etwas stärker in den Blick zu nehmen: Eine der klassischsten Formen ist der Konsum-Boykott. Das geht im Übrigen auf den Captain Charles Cunningham-Boykott zurück, den Namensgeber für diese Form des politischen Konsums. Er war ein britischer Landverwalter in Irland, der während einer Hungersnot den Pachtzins nicht senken wollte. Daraufhin beschlossen die Bauern ihn komplett sozial zu isolieren, nicht mehr für ihn zu arbeiten, nicht mehr von ihm zu kaufen. Das war sehr erfolgreich.
Marius R. Busemeyer
Also er war das Opfer?
Sebastian Koos
Er war das Opfer, aber er war tatsächlich zu Recht das Opfer. Er hat seine Arbeiter nicht gut behandelt, hat diese Pacht nicht gesenkt und die Bauern hatten nicht viel. Diese erste Boykott-Aktion war sehr gut organisiert und daraus entwickelte sich die Idee, dass man Menschen boykottiert.
Eine zweite Form ist das positive Kaufen. Manche nennen das also Buykott in Abgrenzung zu dem Boykott. Manche sagen auch Girlkott dazu, weil das tatsächlich eine Form ist, die besonders unter Frauen verbreitet ist. Beim positivem Kaufen geht es darum, jemanden zu belohnen, also ein Unternehmen, das ich besonders mag zu unterstützen. Ich gehe zum Unverpacktladen oder ich kaufe gesiegelte Produkte, beispielsweise fair gehandelte Produkte, Bioprodukte oder gehe einfach zu einem lokalen Unternehmen, das mir besonders gefällt und wo ich denke, das will ich gerne unterstützen.
Marius R. Busemeyer
Politischer Konsum hat heute aber nicht nur mit Nachhaltigkeit zu tun. In den USA gab es zum Beispiel eine Kampagne gegen eine einzelne Brauerei, und aktuell sehen wir auch in Ländern wie Dänemark oder Kanada, dass amerikanische Produkte teilweise gemieden werden. Auch früher gab es solche Fälle, etwa die „Freedom Fries“, als das Verhältnis zwischen den USA und Frankreich angespannt war. Politischer Konsum kann also auch Motive haben, die nicht unbedingt mit Nachhaltigkeit zu tun haben?
Sebastian Koos
Genau, das wird oft vermischt. Politischer Konsum ist aber keine rein progressive Form politischer Einflussnahme. Wenn wir in die deutsche Geschichte schauen, sehen wir das sehr deutlich – etwa in der Parole „Kauft nicht bei Juden, kauft in deutschen Geschäften“. Auch das war eine Form politischen Konsums mit viel Einfluss. Solche Praktiken finden sich bis heute sowohl am linken als auch am rechten Rand des politischen Spektrums. Deshalb muss man hier sehr genau hinschauen: Politischer Konsum ist nicht automatisch gut oder schlecht.
Marius R. Busemeyer
Aber grundsätzlich geht es doch darum, über Kaufentscheidungen politischen Einfluss zu nehmen, im positiven wie im negativen Sinne? Wobei das natürlich davon abhängt, aus welcher Perspektive man etwas als positiv oder negativ bewertet.
Sebastian Koos
Genau. Es ist eine Möglichkeit, die eigene politische Meinung in den Markt einzubringen und die eigene Kaufkraft politisch zu nutzen. Wenn man über Ungleichheit und Gerechtigkeit nachdenkt, ist das allerdings nicht ganz unproblematisch. Es gilt eben nicht „one person, one vote“, sondern die Wirkung hängt von der jeweiligen Kaufkraft ab. Das kann diese Form politischer Beteiligung aus einer Gerechtigkeitsperspektive durchaus problematisch machen.
Gabriele Spilker
Wissen wir aus der Forschung, wer diese Strategien besonders häufig nutzt? Also welche Personen eher boykottieren oder eher nachhaltig konsumieren? Sind das ähnliche oder unterschiedliche Gruppen, und welche Faktoren spielen dabei eine Rolle?
Sebastian Koos
Politischer und nachhaltiger Konsum sind häufig sehr voraussetzungsvolle Formen des Kaufens, man muss gut informiert sein. Entsprechend sehen wir, dass ein höheres Bildungsniveau einer der wichtigsten Faktoren dafür ist, dass Menschen nachhaltig konsumieren, zertifizierte Produkte kaufen oder sich an Boykotten beteiligen.
Auch die Klassenlage spielt dabei eine Rolle. In der Soziologie spricht man davon, dass Menschen über ihr Konsumverhalten einen bestimmten Habitus ausdrücken, sich von anderen abgrenzen und Status signalisieren. Das zeigt sich auch hier: Wer sich Bio- oder Fair-Trade-Produkte leisten will, braucht oft nicht nur das entsprechende Einkommen, sondern auch das nötige Wissen. Diese Produkte sind nicht immer, aber häufig teurer. Außerdem sehen wir, dass Frauen eher dazu neigen, politisch zu konsumieren, vor allem in Form des positiven Kaufens, also beim Erwerb zertifizierter Produkte. Beim Boykott ist das Geschlechterverhältnis etwas ausgeglichener, aber auch hier gibt es Unterschiede.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist, was Menschen überhaupt unter politischem oder auch ethischem Konsum verstehen. Eine sehr interessante Studie einer Soziologin zeigt, dass Menschen aus höheren sozialen Schichten dabei vor allem an gelabelte, zertifizierte Produkte denken, etwa solche mit einem nachweislich geringeren CO₂-Fußabdruck. Menschen aus niedrigeren Einkommensschichten sprechen ebenfalls von ethischem Konsum, verbinden damit aber oft etwas anderes: für ihre Familien nahrhafte und gesunde Lebensmittel bereitzustellen, Plastik zu vermeiden, indem man eigene Taschen oder Tüten mitbringt, und insgesamt verantwortungsvoll mit knappen Ressourcen umzugehen. Wir sehen also, dass politischer und ethischer Konsum in allen sozialen Gruppen vorkommt, sich seine Bedeutung aber je nach sozialer Schicht deutlich unterscheidet.
Marius R. Busemeyer:
Aber gibt es nicht auch den Fall, dass gerade gut situierte Schichten – ich denke da an die älteren Generationen – sehr stark auf Bio setzen, bei Lebensmitteln wie auch bei Kleidung, was dann fast schon ein Statussymbol ist?
Natürlich ist das sehr unterschiedlich, und ich will niemandem etwas unterstellen. Aber manchmal hat man schon das Gefühl, dass es in diesen Milieus weniger um Nachhaltigkeit an sich geht, sondern auch darum, sich über Konsum zu positionieren. Das scheint sich alles zu vermischen: Man kann oft gar nicht eindeutig trennen, ob jemand aus Überzeugung nachhaltig konsumiert oder ob es auch darum geht zu zeigen: Ich kann mir Bio für mein Kind leisten. Gibt es dazu Forschungsergebnisse?
Sebastian Koos:
Es ist wichtig zu betonen, dass das keine reinen Motivlagen sind. Niemand konsumiert ausschließlich nachhaltig, nur weil er oder sie moralisch vollkommen überzeugt ist. Wenn ich zertifizierte Produkte kaufe, dann hat das natürlich einen Effekt. Ob ich das tue, um meinen Status zu signalisieren oder aus moralischer Überzeugung, ist zunächst zweitrangig. Entscheidend ist vielmehr, wie sich diese Motive miteinander verbinden.
Gabriele Spilker:
Das führt zu meiner nächsten Frage: Sehen wir, dass Menschen, die nachhaltiger konsumieren, auch insgesamt nachhaltiger leben? Oder ist das eher eine Art Alibi – nach dem Motto: Ich kaufe Bioprodukte, fliege aber trotzdem regelmäßig in den Urlaub. Ist nachhaltiger Konsum ein einfacher Einstieg in nachhaltiges Verhalten, oder hängt er tatsächlich mit anderen Formen nachhaltigen Handelns zusammen?
Sebastian Koos:
Wir sehen häufig, dass Menschen, die politisch konsumieren, auch in anderen Bereichen politisch aktiver sind als diejenigen, die das nicht tun. Gleichzeitig ist das selten völlig konsequent durchrationalisiert. In unserem Alltag treffen wir unzählige Konsumentscheidungen – von der Kleidung, die wir tragen, über die Art, wie wir uns fortbewegen, bis hin zu der Frage, ob wir zu Konferenzen fliegen oder digital teilnehmen. Gerade in der Wissenschaft ist das ein großes Thema: Fliegen wir zu Konferenzen, oder nicht? Nehmen wir überhaupt oder digital teil?
In einer so komplexen Welt sind Inkonsistenzen kaum zu vermeiden. Das gilt für nachhaltigen Konsum genauso wie für andere Lebensbereiche. Trotzdem ist es ein wichtiger erster Schritt. Wenn man ihn nicht gehen würde, wäre der ökologische und soziale Einfluss noch deutlich negativer. Natürlich spielt dabei auch Status eine Rolle, und natürlich sind Menschen mit höherem Einkommen und höherer Bildung oft diejenigen mit dem größeren CO₂-Fußabdruck.
Gabriele Spilker:
Ich möchte noch einmal auf einen Punkt zurückkommen, den du vorhin angesprochen hast: die Rolle der Frauen. Gibt es Erklärungen dafür, warum diese Form des nachhaltigen Konsums bei Frauen stärker verbreitet ist als bei Männern?
Sebastian Koos:
Eine klassische Erklärung ist das Male-Breadwinner-Modell: Der Mann arbeitet, die Frau kümmert sich um Haushalt und Familie und trifft die Konsumentscheidungen. Gleichzeitig sind Frauen in solchen Modellen oft stärker von anderen Formen politischer Partizipation ausgeschlossen, sodass Konsum zu einem vergleichsweise leicht zugänglichen Kanal wird, um Einfluss zu nehmen. Dazu kommt möglicherweise die Überzeugung, dass Bio-, Öko- oder Fair-Trade-Produkte besser für Kinder und Umwelt sind. All das könnte eine Rolle spielen – auch wenn sich diese Muster natürlich im Laufe der Zeit verändern.
Gabriele Spilker:
Das ist also nicht unbedingt feministisch oder progressiv.
Sebastian Koos:
Nein, überhaupt nicht.
Marius R. Busemeyer:
Mich würde noch interessieren, wie man so etwas überhaupt erforscht. Gabi hat das vorhin schon angedeutet: In der Umweltforschung spricht man oft vom sogenannten „Attitude-Behaviour-Gap“, also der Lücke zwischen dem, was Menschen in Umfragen angeben, und dem, was sie tatsächlich tun. Ist das bei politischem oder nachhaltigem Konsum auch ein Problem? In Befragungen sagen ja viele, dass sie Bio kaufen und auf Nachhaltigkeit achten. Wenn man sich dann aber reale Verkaufszahlen anschaut, sieht es oft anders aus. Oder es gibt den Fall, dass Menschen zwar Bio-Lebensmittel kaufen, dafür aber an anderer Stelle überkompensieren und insgesamt gar nicht nachhaltiger leben. Gibt es hier unterschiedliche Typen – so etwas wie konsequent Nachhaltige und eher „Schönwetter-Nachhaltige“? Was kann man dazu aus der Forschung sagen?
Sebastian Koos:
Ja, es gibt zum Beispiel die sogenannte Low-Cost-Hypothese: Je geringer die Kosten einer nachhaltigen Entscheidung sind, desto eher wird sie getroffen.
Marius R. Busemeyer:
Also etwa Bio-Produkte aus China?
Sebastian Koos:
Genau, aber das ist dann oft auch eine Frage des Wissens. Ich frage meine Studierenden häufig, ob sie den Unterschied zwischen dem europäischen Bio-Siegel und dem deutschen kennen. Viele denken, das deutsche sei besser – aber die meisten wissen es eigentlich nicht.
Gabriele Spilker:
Und was ist der Unterschied?
Sebastian Koos:
Es gibt keinen. Das deutsche Siegel steht für genau denselben Standard, da muss man also genau hinschauen. Natürlich gibt es diesen Attitude-Behaviour-Gap. Wir arbeiten häufig mit Umfragen, und dort sehen wir diesen sehr deutlich. Es gibt auch Studien mit Registerdaten, also echten Einkaufsdaten aus Supermärkten, wo man genau weiß, was einzelne Personen gekauft haben. In Deutschland ist der Zugang zu solchen Daten allerdings schwierig. In Großbritannien gibt es Forschende, die mit solchen Daten etwa zu Fair-Trade-Produkten arbeiten. Auch dort sieht man diese Inkonsistenzen – man kann sie empirisch einfach nicht vollständig ausräumen.
Gabriele Spilker:
Ich würde jetzt gern zu den Folgen von politischem und nachhaltigem Konsum überleiten. Ganz einfach gefragt: Bringt das überhaupt etwas? Erreicht politischer, nachhaltiger Konsum seine Ziele? Gibt es auch unerwünschte Nebenwirkungen oder sogar Gegenreaktionen? Was wissen wir darüber, wie erfolgreich diese Form politischer Einflussnahme ist?
Sebastian Koos:
Das ist tatsächlich schwer zu messen. Wie will man den Effekt am Ende genau erfassen? Einige Studien haben versucht, das speziell für Boykotte zu untersuchen. Die quantitativen Ergebnisse sind sehr gemischt. Manche Studien finden einen leichten negativen Effekt für Unternehmen, die boykottiert werden. Andere finden gar keinen Effekt, oder sogar einen positiven, weil die Unternehmen mehr mediale Aufmerksamkeit bekommen.
Ein Kollege von mir, Tim Bartley, hat für die Bekleidungsindustrie gezeigt, dass es durchaus negative Effekte gibt, aber nur für einzelne, besonders sichtbaren Unternehmen, die stark von Naming-and-Shaming-Kampagnen betroffen sind. Dabei geht es nicht nur um Umsatzverluste, für Unternehmen ist es oft viel wichtiger, nicht negativ in den Schlagzeilen zu stehen. Dieser Reputationsschaden kann wirkungsvoller sein als der reine Konsumverzicht.
Außerdem ist politischer Konsum nicht immer möglich. Man muss ein Produkt überhaupt erst einmal kaufen, um es boykottieren zu können. Wenn ich keine Windeln brauche, kann ich keinen Windelhersteller boykottieren. Viele Unternehmen sind für Konsumentinnen und Konsumenten gar nicht sichtbar, weil sie irgendwo nachgelagert in der Zulieferkette sitzen.
Es gibt aber durchaus erfolgreiche Beispiele. Eines ist der Boykott des Unterwäscheherstellers Triumph. Triumph hatte eine Produktionsstätte in Burma, heute Myanmar. 2001 entstand eine Kampagne, die Teil einer größeren Divestment-Bewegung war, also dem Versuch, Unternehmen dazu zu bringen, ihr Kapital aus Burma abzuziehen. Es gab eine große Kampagne mit Plakaten, Unterwäsche wurde vor Triumph-Geschäften verbrannt, und der Slogan lautete: „Support breasts, not dictators.“ Diese Kampagne war öffentlich sehr wirksam, 2002 stellte Triumph seine Produktion in Burma ein. Das war nur ein Beispiel von vielen, die zur größeren Divestment-Bewegung beitrugen. Burma öffnete sich später, es gab 2010 Reformen und 2015 Wahlen – auch wenn sich das 2021 leider wieder ins Gegenteil verkehrt hat. Aber zunächst war das eine sehr erfolgreiche Kampagne. Wichtig ist dabei: Dahinter standen organisierte politische Akteure.
Marius R. Busemeyer:
War das eine soziale Bewegung aus Burma oder aus Europa?
Sebastian Koos:
Es war ein Zusammenschluss verschiedener Gruppen. Die Clean-Clothes-Campaign war beteiligt, ebenso eine burmesische Exil-Gewerkschaftsbewegung. Sie waren sehr gut organisiert und sehr sichtbar – etwa durch die Unterwäsche-Verbrennungen vor den Triumph-Geschäften.
Marius R. Busemeyer:
Aber wenn man das nüchtern wissenschaftlich betrachtet, müsste man sich ja auch die vielen gescheiterten Kampagnen anschauen. Für jede halbwegs erfolgreiche gibt es wahrscheinlich zehn, bei denen niemand wirklich reagiert hat – etwa im Bereich Smartphones, Fairphone oder in anderen Branchen, wo soziale Bewegungen immer wieder auf Missstände hinweisen, aber kaum etwas bewirken. Du hast schon gesagt, Allianzen zwischen Bewegungen sind wichtig. Gibt es weitere Faktoren, die darüber entscheiden, ob eine Kampagne erfolgreicher ist als eine andere? Oder ist das am Ende doch ein Stück weit Zufall?
Sebastian Koos
Wir haben vor ein paar Jahren ein Buch veröffentlicht, in dem wir verschiedene Produktbereiche miteinander verglichen haben – Elektronik, Nahrungsmittel, Bekleidung und Holzprodukte. Wir haben uns angeschaut, für welche dieser Produkte Standards entwickelt wurden und ob Konsum Einfluss darauf hatte, dass diese Standards in den Lieferketten tatsächlich angehoben wurden.
Das Ergebnis war eher ernüchternd: Von den vier Produkten konnten wir eigentlich nur bei Nahrungsmitteln einen messbaren Effekt des Konsums auf höhere Standards feststellen.
Marius R. Busemeyer
Weil das natürlich etwas ist, das Menschen direkt essen und trinken – also besonders sensibel.
Gabriele Spilker:
Gleichzeitig hätte ich gedacht, dass zum Beispiel Spielzeug auch eine Rolle spielt, weil Kinder das in den Mund nehmen. Aber da sieht man offenbar nichts.
Sebastian Koos:
Ja, aber man muss sich nur die Werbung anschauen: alles ist bunt, viel Plastik, macht Spaß. Diese Bedürfnisse lassen sich leicht wecken, und es ist sehr schwer zu sagen: Nein, das kaufen wir nicht, das ist ungesund oder problematisch. Jeder, der schon einmal versucht hat, seinen Kindern nur Holzspielzeug zu geben, weiß, wie schwierig das ist, wenn andere Dinge glänzen, Geräusche machen und attraktiver wirken.
Die Studie zeigt, dass es viele Punkte gibt, an denen die Erhöhung von Standards scheitern kann – und wie voraussetzungsvoll es ist, wirklich bis an den Anfang der Lieferkette Einfluss zu nehmen.
Gabriele Spilker:
Das führt direkt zur Frage nach dem Lieferkettengesetz. Ist das nicht die logische politische Konsequenz aus politischem Konsum? Also der nächste Schritt, um Standards verbindlich entlang der gesamten Lieferkette festzulegen, statt alles dem individuellen Konsum zu überlassen? Und ist das nicht vielleicht auch politisch der bessere Weg?
Marius R. Busemeyer:
Vielleicht kannst du noch kurz erklären, was das Lieferkettengesetz genau ist und was aktuell dazu diskutiert wird.
Sebastian Koos:
Seit etwa dem Jahr 2000 gibt es die Bewegung, dass Unternehmen mehr Verantwortung übernehmen sollen – Stichwort Corporate Social Responsibility. Anfangs war all das freiwillig, genauso wie nachhaltiger politischer Konsum freiwillig ist. Es wurden viele Standards und Zertifizierungen entwickelt, aber man hat gemerkt: Das reicht nicht aus, um Menschenrechte und Arbeitsbedingungen in den Lieferketten wirklich zu verbessern.
Deshalb kam der Gedanke auf, regulativ einzugreifen. Daraus ist die Lieferketten-Sorgfaltspflicht entstanden – ein politisch sehr umkämpfter Prozess. In unserem Projekt, in dem wir Deutschland und die Schweiz vergleichen, sehen wir, wie stark darüber gestritten wurde, ob Unternehmen verpflichtet werden sollen, in ihren Lieferketten Mindeststandards einzuhalten.
Gabriele Spilker:
Warum ist das so umstritten? Eigentlich sollte doch jeder dafür sein, dass Menschenrechte und Umweltstandards eingehalten werden. Ist es weil Firmen lobbyiert haben, weil es Produkte teurer macht oder was spricht da dagegen?
Sebastian Koos:
Moderne Zuliefererketten sind extrem komplex. Oft gibt es nicht nur einen direkten Zulieferer, sondern ganze Ketten dahinter. Dadurch wird es für Verbraucher, für den Staat und selbst für Unternehmen sehr schwer zu erkennen, wo genau Menschenrechtsverletzungen stattfinden. Viele Unternehmen hatten Angst, für Dinge haftbar gemacht zu werden, die sie selbst gar nicht überblicken können. Sie fürchteten hohe Kosten durch Zertifizierungen und Kontrollen oder rechtliche Risiken. Deshalb gab es großen Widerstand.
Am Ende einigte man sich auf Berichtspflichten: Unternehmen müssen offenlegen, wie ihre Lieferketten aussehen, welche Risiken es gibt und wo Probleme auftreten. Das gilt in Deutschland und – in ähnlicher Form – auch auf EU-Ebene. Allerdings sehen wir derzeit, dass diese Regelungen politisch wieder ausgehöhlt werden: Berichtspflichten wurden abgeschafft oder abgeschwächt, und die Haftung wird weiter nach hinten verschoben. Aus meiner Sicht ist das der falsche Weg. Interessanterweise sagten viele Unternehmen, mit denen wir gesprochen haben, dass diese Berichtspflichten gar nicht so problematisch seien – sie müssen ohnehin ständig berichten. Aber selbst diese Pflichten reichen bisher nicht aus, um wirkliche rechtliche Konsequenzen zu ermöglichen.
Marius R. Busemeyer:
Liegt das an der Politik oder daran, dass sich die politische Stimmung verändert hat? Fridays for Future war vor ein paar Jahren stärker, heute gibt es mehr wirtschaftliche Unsicherheit. Viele Menschen greifen vielleicht eher zur billigeren Variante. Hat Nachhaltigkeit politisch an Rückhalt verloren?
Gabriele Spilker
Dann stellt sich die Frage: Was bleibt uns? Sind wir wieder bei individuellem nachhaltigem Konsum als wichtigstem Hebel? Oder was können wir sonst tun?
Sebastian Koos:
Zunächst einmal: wählen gehen und Parteien unterstützen, die solche Themen voranbringen wollen. Das ist zentral in einer Demokratie. Darüber hinaus gibt es Naming and Shaming, Öffentlichkeitsarbeit, Kampagnen – all das ist wichtig. Und wir sollten auch unsere Konsummacht weiter nutzen. Sie wirkt nicht sofort und nicht überall, aber sie kann Wirkung entfalten.
Das Beispiel Triumph hat Jahre gedauert, Unternehmen sind extrem mächtig. Ein Aldi-Manager hat einmal gesagt: „Die Moral hört an der Supermarktkasse auf.“ Gleichzeitig hat Aldi durch die Aufnahme von Fairtrade-Produkten enorm dazu beigetragen, dass Fairtrade-Märkte gewachsen sind. Solche Marktdynamiken kann man nutzen – bei allen Risiken. Und es hilft, wenn nachhaltige Produkte nicht nur moralisch richtig sind, sondern auch gut schmecken. Fairtrade-Kaffee war früher oft schlecht – heute ist er in vielen Ländern sehr hochwertig.
Marius R. Busemeyer:
Gerade Studierende wollen oft nachhaltig leben, haben aber wenig Geld. Geht nachhaltiger Konsum auch mit wenig Einkommen?
Sebastian Koos:
Der nachhaltigste Konsum ist immer noch der, der gar nicht stattfindet. Natürlich muss man essen, aber es gibt Spielräume: weniger fliegen, weniger Auto fahren, lokal einkaufen, solidarische Landwirtschaft. Nachhaltigkeit hängt nicht nur am Geld.
Gabriele Spilker:
Aus einer Ungleichheitsperspektive ist das ein Dilemma: Mit höherem Einkommen steigt oft auch der CO₂-Ausstoß. Gleichzeitig wollen wir ja, dass Menschen wirtschaftlich bessergestellt sind. Wie gehen wir mit diesem Widerspruch um?
Sebastian Koos:
Das ist ein echtes Dilemma. Die zentrale Frage ist: Was heißt ein gutes Leben? Muss das immer materieller Konsum sein? Viele Dinge, die wir genießen, haben keinen großen CO₂-Fußabdruck. Mode und Fast Fashion sind ein großes Problem. Auch hier geht es darum, was als erstrebenswert gilt – und das lässt sich nur begrenzt steuern. Am Ende wird man um Regulierung nicht herumkommen. Freiwilligkeit reicht nicht. Gleichzeitig ist Konsum für viele Menschen wichtig, um ein gutes Leben zu führen. Die Frage bleibt: Was brauchen wir wirklich?
Gabriele Spilker:
Und wie kann man das regulieren? Sicher nicht so, dass man Menschen vorschreibt, wie viele Pullover sie kaufen dürfen.
Sebastian Koos:
Nein. Regulieren kann man vor allem Produktionsbedingungen – und über Preise, etwa über CO₂-Abgaben.
Gabriele Spilker:
Also über CO₂-Steuern.
Sebastian Koos:
Ja, genau. Da steckt wieder eine Ungleichheitsdimension drin, die immer eine Rolle spielt. Trotzdem ist das wahrscheinlich ein Weg, über den man etwas erreichen kann – auch wenn es nicht ganz leicht ist. Ein weiterer wichtiger Punkt ist Bildung für nachhaltige Entwicklung: Was bedeutet das eigentlich? Ich glaube, da wird heute schon deutlich mehr gemacht als früher. Das ist vermutlich auch ein Grund, warum Fridays for Future so erfolgreich war. In der Schule lernen Kinder über nachhaltige Entwicklung. Wenn sie dann dafür aufstehen, ist es für Schulen schwer, ihnen das Engagement zu verbieten – denn genau das steht ja im Curriculum. Dadurch konnten sie, glaube ich, auch so gut wachsen und waren so überzeugend.
Gabriele Spilker:
Hoffen wir, dass es wieder ein Aufleben gibt. Und an dieser Stelle schon einmal ein großes Dankeschön an dich, dass du unsere Fragen so ausführlich und bereitwillig beantwortet hast. Ich würde jetzt gerne in die Runde schauen: Gibt es weitere Fragen aus dem Publikum?
Frage aus dem Publikum:
Ich habe mich gefragt: Selbst beim Essen kann man ja nicht nur nachhaltig konsumieren – das geht einfach nicht. Was macht das mit einem Menschen, wenn man ständig gegen die eigenen moralischen Vorstellungen einkauft, weil man eben kaufen muss?
Sebastian Koos:
Ich kann nicht genau sagen, was das mit einem Menschen macht. Aber natürlich ist das ein Zwiespalt, mit dem man leben muss. Gleichzeitig bin ich mir nicht sicher, ob das immer so viel Druck erzeugt, wie man manchmal denkt. Es gibt unterschiedliche Arten, für sich Nachhaltigkeit und auch so etwas wie ethischen Konsum zu definieren. Viele finden da ihre eigenen, kreativen Wege – zum Beispiel Dinge zu reparieren. Es gibt dafür auch viele spannende Initiativen.
Und am Ende kommt es nicht nur auf den Einzelnen oder die Einzelne an. Es geht auch um Initiativen, Angebote und Wissen. Diese kollektive Dimension darf man nicht vergessen. Es gibt Vereine und Organisationen. Hier an der Uni kann man zum Beispiel sein Fahrrad selbst reparieren und bekommt Hilfe. Man kann ein Fahrrad für wenig Geld mieten. Entscheidend ist, dass man davon weiß – und dass Menschen Zeit investieren, um solche Angebote zu ermöglichen. Und wenn man sich manches finanziell nicht leisten kann, ist vielleicht eine Möglichkeit, einen Teil der eigenen Zeit einzubringen – also freiwillig mitzuhelfen. Das ist eine wichtige Form von Einfluss. Nachhaltigkeit hängt nicht nur am Geldbeutel und nicht nur an der Supermarktkasse. Das ist ein Lebensstil, der darüber hinausgeht.
Gabriele Spilker:
Danke dir. Gibt es noch weitere Fragen? Ja.
Frage aus dem Publikum:
Was ich bei mir selbst und auch bei Freundinnen und Freunden oft feststelle: Man hat den Anspruch, nachhaltig oder sogar politisch zu konsumieren. Gleichzeitig kommt ständig diese Flut an Krisen und negativen Nachrichten: Ziele für 2030 werden nicht erreicht, wieder schlechte Entwicklungen – und irgendwann kommt man an den Punkt, an dem man sich fragt: Was bringt es eigentlich noch?
Ich will gute Produkte kaufen, bei Kleidung keine Kinderarbeit unterstützen – und dann denke ich: so what? Ich habe das Gefühl, das geht vielen so. Gibt es dazu Forschung?
Sebastian Koos:
Direkt dazu nicht, aber das Problem ist klar: Die Krisen, die wir sehen und die uns bedrohen, sind sehr präsent. Es passiert viel in der Welt, und man nimmt sehr viel Negatives wahr. Das ist nicht gerade ermutigend, weiterzumachen. Gleichzeitig muss man sich ab und zu bewusst machen, wie viel wir erreicht haben. In meiner Vorlesung ging es heute um das „Optimism-Gap“: Uns selbst geht es oft eigentlich ganz gut, aber wenn wir auf die Welt schauen, haben wir schnell das Gefühl, alles werde schlechter. Wenn man sich die langfristige Entwicklung ansieht, erkennt man, dass sich viele Dinge positiv entwickelt haben – bei globaler Armut, Gesundheit, erneuerbaren Energien. Es gibt in vielen Bereichen Fortschritt, und das sollte man sich auch vor Augen halten.
Nachrichten berichten zudem tendenziell stärker über negative Ereignisse. Es gibt eine Studie zur New York Times, die zeigt, dass die Berichterstattung seit 1950 negativer geworden ist. Dieses ständige Abwärtsnarrativ – dieser „Deklinismus“ – ist ein Problem. Es kann sogar dazu beitragen, dass Menschen eher rechtsextreme oder rechtspopulistische Parteien wählen, wenn sie die Welt nur noch als Abwärtsspirale wahrnehmen.
Marius R. Busemeyer:
Was wir übrigens auch mit Daten aus dem Konstanzer Ungleichheitsbarometer nachweisen konnten.
Sebastian Koos:
Ja, genau. Manchmal wirkt es aus der Zeit gefallen, weil gerade vieles so schlimm erscheint. Aber es gibt auch Hoffnung, und ich glaube, man muss hoffen. Der eigene Beitrag zählt, auch wenn er nicht immer sofort sichtbar ist. Und wir könnten wahrscheinlich alle daran arbeiten, uns gegenseitig mehr zu ermutigen und nicht entmutigen zu lassen.
Gabriele Spilker:
Das ist ein sehr schönes Fazit. Ich möchte noch einen Punkt aufgreifen, den du vorher genannt hast: Im besten Fall ist nachhaltiger Konsum auch etwas, das einem selbst gut tut. Wenn ich lokal einkaufe, kaufe ich vielleicht weniger, aber dafür bessere Dinge – zum Beispiel wirklich gute Äpfel vom Bodensee.
So kann man zwei Dinge gleichzeitig erreichen: nachhaltiger leben und Dinge konsumieren, die besser schmecken. Dann brauche ich vielleicht nicht den dritten neuen Pulli, sondern kaufe mir einen wirklich guten nachhaltigen Pulli – und bin damit am Ende sogar zufriedener. Vielleicht geht es also auch darum, das Mindset zu verändern: so zu konsumieren, dass es mir selbst besser geht und ich gleichzeitig mit meinen Kaufentscheidungen etwas Gutes für Umwelt und Mitmenschen tue. Das wäre natürlich das Optimum.
Sebastian Koos:
Dem kann man nichts mehr hinzufügen.
Marius R. Busemeyer:
Wunderbar, dann haben wir ein schönes Fazit gefunden.
Gabriele Spilker:
Dann danke ich dir nochmal, Sebastian, dass du heute bei uns warst. Danke an alle Zuhörerinnen und Zuhörer hier vor Ort – und auch an alle, die uns zu einem anderen Zeitpunkt hören. Zur Erinnerung: Der In_equality Podcast erscheint immer am ersten Mittwoch im Monat. Wir freuen uns aufs nächste Mal. Dankeschön.
Sebastian Koos:
Herzlichen Dank für die spannenden Fragen. Tschüss.
(Dieses Transkript wurde mithilfe künstlicher Intelligenz erstellt.)