Gut Gesagt
Hier gibt es Literatur zum Hören: Kurze Geschichten, Gedichte, Texte, die mich bewegen und die ich mit Euch teilen möchte, weil sie mich berühren und begeistern. Immer persönlich vorgelesen. Für alle, die Sprache lieben, gern neue Autoren und Texte entdecken oder Lust auf ein kleines Hörbuch zwischendurch haben.
Gut Gesagt
Chef-Erotik
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Begehren aus Gewöhnung, Verliebtsein aus bloßer Neugier, Erotik der Macht und das Balzverhalten in der Chefetage. Und warum Frauen solche Chefs trotzdem attraktiv finden.
Der Chef hat seine Sekretärin geheiratet. Wie war das möglich..?!
Kurt Tucholskys satirischer Text "Chef-Erotik". Knapp 100 Jahre alt und immer noch aktuell.
Intro
SPEAKER_00Herzlich willkommen zurück bei Gut gesagt. Wir haben heute wieder einen Tucholski-Text. Wir bekommen da einen Chef präsentiert, der seine Sekretärin heiratet, weil er sich an sie gewöhnt hat. Und dann wird aus der Ehe eine nüchterne Arbeitsgemeinschaft. Alles folgerichtig und alles ernüchternd, wie uns das Tucholski vorführt. 1927 erschienen und seither nicht veraltet. Was gefällt mir daran? Die psychologische Treffsicherheit, die für Tucholski typische bissige Scharfzüngigkeit und das Ganze gepaart mit einem toleranten Schmunzeln über menschliche Schwäche. Viel Vergnügen mit Cheferotik von Kurt Tucholski. Und dann hat er seine Sekretärin geheiratet. Wie war das möglich? Als sie eintrat, war da gar nicht viel. Er hat das Mädchen kaum beachtet. Die Diktatprobe hatte genügt, die Referenzen waren gut, das Äußere soweit in Ordnung. Auch spielte damals die Geschichte mit Luchs. Und er hatte, weiß Gott, den Kopf viel zu voll. Überhaupt im eigenen Betrieb. Nicht rühr an. Lieber Freund, wenn ich das will, kündige ich und fange mit dir später was an. Monatelang war gar nichts. Sie tat ihre Arbeit und er ließ sie tun. Die Gewöhnung kam leise und langsam. Ganz langsam. Sie war eben immer da, gehörte zum Mobiliar. Er merkte das erst, als sie einmal krank wurde. Da fehlte etwas im Büro. Er konnte gar nicht arbeiten in diesen Tagen. Das fremde Gesicht der Aushilfe. Er atmete auf, als sie wieder da war. Er genierte sich gar nicht vor ihr. Er telefonierte in ihrer Gegenwart mit Hannah und auch einmal mit dem dänischen Fratz, der sich damals in Berlin herumtrieb. Sie hörte des unbewegten Angesichts mit an. Das war kein Stenogramm, das ging sie nichts an. Aber auf dem Schreibtisch war noch ihre Hand spürbar. Die Art, wie sie die Bleistifte hinlegte, die sanfte Ruhe, mit der sie ihn betreute. Und dann wuchsen die Leiber zusammen. Es lag einfach daran, dass er eines Tages Sachte zu fühlen begann, wie auch dies eine Frau sei, mit Beinen, Schenkeln, Oberarmen. Es war nichts, aber auch nichts, als die Nähe, die ihn dahin trieb. Man kann doch nicht dauernd neben einer Quelle liegen, ohne zumindest einmal spielerisch die Hand ins Wasser zu stecken. Durst? Nein. Es war nur eine Quelle da. Befehlen können und hier nicht befehlen können. Chef sein und Mann zugleich wie jeder andere. Und eben diese leise Gewöhnung. Der spielerische Drang vergessener Knabenjahre war wieder da, den anderen einmal genau anzusehen. Aus Neugier. Aus Langeweile aus tastendem Grauen. Einmal, einmal muss man hinter jedem geschlossenen Vorhang sehen. Das ist so. Und dann hat sie nicht mehr losgelassen. Übrigens hat er es nicht bereut. Sie ist ihm eine gute Hausfrau und brave Mutter der Kinder geworden. Und in der großen Stadt im Rheinland weiß niemand von der Vergangenheit der Frau, die ja nicht schändet. Nein, gewiss nicht, aber es ist ja nicht nötig, nicht wahr? Die Ehe blieb, was sie war: eine Arbeitsgemeinschaft. Ohne die bunten Stunden, aber mit viel Erinnerungen an gemeinsame Kampagnen, Geschäftsfreunde, Betriebskollegen. Er hat jetzt einen Sekretär. Oder eine kleine käsige Tipse. Zur Zeit ist er sterblich verliebt in die Inhaberin eines Modesalons. Ein strammes Prachtweib mit weißen, blitzenden Zähnen und schwarz angelackem Haar. Im Allgemeinen ist er seiner Frau treu, ein anständiger Familienvater. Aber er ist so neugierig. Er möchte nur ein einziges Mal den Vorhang jenes Kleides heben. Und das wird er wohl auch tun. Hat euch die Geschichte gefallen? Ich habe mich ja gefragt, warum die Frau sich auf diesen Mann eingelassen hat. Vielleicht habt ihr eine Antwort. Würde mich interessieren, schreibt sie mir doch gerne in die Kommentare. Und wenn euch Tucholski generell gefällt, dann schaut doch mal die anderen Folgen an, in denen auch Tucholski vorgekommen ist. Oder schreibt mir, was ihr sonst gerne hören wollt. Auf jeden Fall bis bald bei gut gesagt.