Gut Gesagt
Hier gibt es Literatur zum Hören: Kurze Geschichten, Gedichte, Texte, die mich bewegen und die ich mit Euch teilen möchte, weil sie mich berühren und begeistern. Immer persönlich vorgelesen. Für alle, die Sprache lieben, gern neue Autoren und Texte entdecken oder Lust auf ein kleines Hörbuch zwischendurch haben.
Gut Gesagt
Des Sängers Fluch
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Künstler versuchen, einem Tyrannen Schönheit und Menschlichkeit nahezubringen. Dabei scheitern sie tragisch. Aber am Ende triumphiert die Kunst über Gewalt und Selbstherrlichkeit, erweist sich als dauerhafter als Ruhmsucht und Brutalität.
Konzept und Sprecher: C. Schulz
Wer mich als Sprecher buchen möchte, erreicht mich unter gut.gesagt@gmx.de.
Textbeginn
Outro
SPEAKER_00Herzlich willkommen zurück bei Gut gesagt. Ich habe euch heute einen Text von Ludwig Uhland mitgebracht. Ein Dichter, der leider fast ganz vergessen ist, geboren 1787 in Tübingen und gestorben dort 1862. Ein paar Leute kennen ihn vielleicht noch von seinem Gedicht Frühlingsglaube, das sehr bekannt von Schubert vertont ist. Aber darüber hinaus kennt man ihn fast gar nicht. Und das ist auch schon ein wesentlicher Grund, weswegen ich euch den Text mitbringe. Denn ich finde ihn völlig zu Unrecht vergessen. Und es ist eine großartige Ballade nach meinem Geschmack. Und es macht mir natürlich Spaß, euch das zu präsentieren, was ihr wahrscheinlich noch nicht kennt. Interessant an Ludwig Uhland ist auch, wie vielseitig er in seinem Leben war. Er war nämlich nicht nur Dichter, sondern auch Literaturwissenschaftler, Jurist und Politiker, unter anderem Abgeordneter in der Frankfurter Nationalversammlung. Wie versprochen, handelt der Text auch wieder von einem Machtmensch, dessen Selbstherrlichkeit ihn letztlich zu Fall bringt. Allerdings ganz anders als den Belsazar von der letzten Folge. Das zentrale Thema der Ballade ist allerdings das Verhältnis zwischen exekutiver Herrschaftsmacht und der Macht der Kunst. Insgesamt ein vermutlich ziemlich selten behandeltes Thema. Mir gefällt auch an der Ballade, dass sie einerseits kompakt und trotzdem ausgesprochen dramatisch ist. Genug der Vorrede, viel Vergnügen, mit Des Sängers Fluch von Ludwig Uhland. Es stand in alten Zeiten ein Schloss, so hoch und her, weit glänzt es über die Lande bis an das blaue Meer. Und rings von Duftgen Gärten ein blütenreicher Kranz. Drin sprangen frische Brunnen in Regenbogenglanz. Dort saß ein stolzer König an Land und Siegenreich. Er saß auf seinem Throne, so finster und so bleich. Denn was er singt, ist Schrecken und was er blickt, ist Wut und was er spricht, ist Geißel, und was er schreibt, ist Blut. Einst zog nach diesem Schlosse ein edles Sängerpaar, der ein in goldenen Locken, der andere grau von Haar. Der Alte mit der Harfe, der saß auf Schmuckem Ross. Es schritt ihm frisch zur Seite der blühende Genoss. Der Alte sprach zum Jungen: Nun sei bereit, mein Sohn. Denk unserer tiefsten Lieder, stimm an den vollsten Ton. Nimm alle Kraft zusammen, die Lust und auch den Schmerz. Es gilt uns heute zu rühren des Königs Steinern Herz. Schon stehen die beiden Sänger im hohen Säulensaal, und auf dem Throne sitzen der König und sein Gemahl. Der König furchtbar prächtig, wie blutger Nordlichtschein. Die Königin süß und milde, als blickte Vollmond rein. Da schlug der Greis die Saiten. Er schlug sie wundervoll, das Reicher, immer reicher der Klang zum Ohrschwoll. Dann strömte himmlisch helle Des Jünglingss Stimme vor, des Alten sang dazwischen wie dumpfer Geisterchor. Sie singen von Lenz und Liebe, von Seel goldener Zeit, von Freiheit, Männerwürde, von Treu und Heiligkeit. Sie singen von allem Süßen, was Menschenbrust durchbebt. Sie singen von allem Hohen, was Menschenherz erhebt. Die Höflingsschar im Kreise verlernet jeden Spott, des Königs trotz Gekrieger, sie beugen sich vor Gott. Die Königin zerflossen in Wehmut und in Lust, sie wirft den Sängern nieder die Rose von ihrer Brust. Ihr habt mein Volk verführt! Verlockt ihr nun mein Weib! Der König schreit es wütend. Er bebt am ganzen Leib, er wirft sein Schwert, das blitzend des Jünglings Brust durchdringt. Drauß, statt der goldenen Lieder, ein Blutstrahl hoch aufsprengt. Und wie vom Sturm zerstoben, ist all der Hörer schwarm. Der Jüngling hat verröchelt in seines Meisters arm. Der schlägt um ihn den Mantel und setzt ihn auf das Ross. Er bindt ihn aufrecht feste, verlässt mit ihm das Schloss. Doch vor dem hohen Tor, da hält der Sängerkreis, da fasst er seine Harfe, sie alle Harfen preis. An einer Marmorsäule, da hat er sie zerschellt. Dann ruft er, dass es schaurig durch Schloss und Gärtengält. Weh euch, ihr stolzen Hallen, nie Töne süßer Klang durch eure Räume wieder, nie Seite noch Gesang. Nein, Seufzer nur und Stöhnen und scheuer Sklavenschritt! Bis euch zu Schutt und Moder der Rache Geist zertritt. Weh euch, ihr duftgen Gärten im Holden Meinlicht! Euch zeig ich dieses Toten entstelltes Angesicht, dass ihr darauf verdorrt, dass jeder Quell versiegt, dass ihr in künftigen Tagen Versteint verödet liegt. Weh dir verruchter Mörder, du Fluch des Sängertums! Umsonst sei all dein Ringen nach Grenzen blut genruhms. Dein Name sei vergessen. In ewige Nacht getaucht sei wie ein letztes Röcheln in leere Luft verhaucht. Der Alte hat's gerufen, der Himmel hat's gehört. Die Mauern liegen nieder, die Hallen sind zerstört. Noch eine hohe Säule zeugt von verschontener Pracht. Auch diese, schon geborsten, kann stürzen über Nacht. Und rings statt Duftger Gärten ein ödes Heideland. Kein Baum verstreut Schatten, kein Quell durchdringt den Sand. Des Königs Namen meldet kein Lied, kein Heldenbuch. Versunken und vergessen. Das ist des Sängers Fluch. Und? Findet ihr auch, dass diese Ballade zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist? Das würde mich sehr freuen. Nachtragen möchte ich noch, dass es mehrere Vertonungen von dieser Ballade gibt. Die wahrscheinlich bekannteste von Robert Schumann. Es ist eine der späten Kompositionen in seinem Leben für Soli und Orchester in einer erweiterten Textfassung. Als nächstes wird es hier wieder eine Prosageschichte geben. Und bitte nicht vergessen, den Podcast abonnieren, weiterempfehlen und auch sehr gern kommentieren. Bis bald bei gut gesagt.