Gut Gesagt
Hier gibt es Literatur zum Hören: Kurze Geschichten, Gedichte, Texte, die mich bewegen und die ich mit Euch teilen möchte, weil sie mich berühren und begeistern. Immer persönlich vorgelesen. Für alle, die Sprache lieben, gern neue Autoren und Texte entdecken oder Lust auf ein kleines Hörbuch zwischendurch haben.
Gut Gesagt
Der Schmuck
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Das umgekehrte Aschenputtel
Kennst du das Gefühl, unbedingt dazugehören zu wollen? Einmal im Rampenlicht stehen, den Luxus spüren und von allen bewundert werden – egal, was es kostet.
In dieser Folge hören wir Guy de Maupassants weltberühmte Erzählung „Der Schmuck“. Mathilde führt ein ganz normales, bürgerliches Leben, doch sie sehnt sich nach der High Society. Als endlich die Einladung zu einem glamourösen Ball ins Haus flattert, scheint ihr Traum wahr zu werden. Ihr fehlt nur noch das passende Accessoire: Eine atemberaubende Diamantkette, die sie sich von einer reichen Freundin leiht. Der Abend wird ein voller Erfolg – doch auf dem Heimweg passiert der absolute Albtraum: Die Kette ist weg. Spurlos verschwunden.
Was würdest du tun? Die Wahrheit sagen? Oder alles riskieren, um den Verlust zu vertuschen? Wir sprechen heute über eine Geschichte, die uns Fragen stellt, die uns alle betriffen: Wie weit gehst du für den schönen Schein? Was ist wichtig im Leben?
Ich freue mich über Eure Kommentare
Konzept und Sprecher: C. Schulz
Wer mich als Sprecher buchen möchte, erreicht mich unter gut.gesagt@gmx.de.
Herzlich willkommen zurück bei Gut gesagt. Ich habe euch heute einen neuen Schriftsteller mitgebracht, den wir hier noch gar nicht hatten. Und zwar den großen französischen Erzähler Guy de Maupassant. Er hat gelebt von 1850 bis 1893 und zählt damit zur Epoche des französischen Naturalismus. Bekannt ist er vor allem bis heute für seine über 300 Novellen, die auch relativ oft verfilmt worden sind und denen man einen erheblichen Einfluss auf die American Short Stories zuschreibt. Für mich ist Maupassant auch noch eine relativ neue Entdeckung, aber mir gefällt sein geradliniger, einfacher und sehr konzentrierter Stil sehr, sehr gut. Die Erzählung der heutigen Folge und der darauffolgenden nächsten Folge widmen sich auf sehr unterschiedliche Weise derselben Frage, nämlich, worum geht es eigentlich im Leben? Worauf sollte man Wert legen? Und was ist weniger wichtig? Die Geschichte heißt Der Schmuck und ich wünsche euch damit viel Vergnügen.
Textbeginn
SPEAKER_00Sie war eines jener bildhübschen reizenden Mädchen, die wie durch einen Irrtum des Schicksals in einer kleinen Beamtenfamilie geboren sind. Sie besaß keine Mitgift, keine Hoffnungen, keine Mittel, um in der Gesellschaft bekannt, geliebt und von einem reichen, vornehmen Manne heimgeführt zu werden. Und da ließ sie sich mit einem kleinen Beamten aus dem Unterrichtsministerium verheiraten. Sie war einfach, da sie sich nicht elegant anziehen konnte und fühlte sich unglücklich wie eine deklassierte. Denn die Frauen gehören weder einer Kaste noch Rasse an. Ihre Schönheit, ihre Grazie, ihr Reiz sind für sie Geburtschein und Familie. Ihre natürliche Feinheit, ihre geistige Anschmiegsamkeit geben ihnen die einzige Anwartschaft zum Herrschen und stellen die Tochter aus dem Volk mit der größten Dame gleich. Sie litt unausgesetzt, denn sie fühlte sich für allen Luxus und für alles Schöne des Lebens geboren. Sie litt unter der Armseligkeit ihrer Wohnung, dem Elend in ihren vier Pfählen, unter den abgetragenen Sesseln, der Hässlichkeit der Stoffe. All diese Dinge, die einer anderen Frau ihrer Kaste vielleicht nicht einmal auffielen, quälten sie und empörten sie. Der Anblick ihres kleinen bretonischen Dienstmädchens, die ihre einfache Wirtschaft besorgte, erweckte in ihr verzweifeltes Bedauern und jammervolle Träume. Sie dachte an Vorzimmer mit orientalischen Teppichen behangen, in denen hohe Bronzeleuchter brannten und wo in tiefen Sesseln zwei Diener in Kniehosen warteten bei der Wärme des großen schweren Kamins. Sie dachte an Salons mit Seidebespann und mit zarten Möbeln, mit köstlichen Nippes und Nichtsen, an kleine, reizende duftgeschwängerte Boudoirs, die eigens gemacht schienen für eine kleine Unterhaltung nachmittags zur Teestunde mit den intimsten Freunden, bekannten und bedeutenden Männern, deren Aufmerksamkeit alle Frauen wünschen und neiden. Wenn sie sich zu Tisch setzte, an den runden Tisch, auf dem das Tischtuch schon tagelang lag, ihrem Manne gingen über, der den Deckel von der Terine abnahm und schmunzelnd sagte: Oh, die gute Suppe! Das bleibt doch das Beste! Dann dachte sie an großartige Dines, mit glänzenden Silbersachen, wo die Wände bespannt waren mit Gobelins, auf denen seltsame Vögel mitten in einem Feenwald herumflatterten. Sie dachte an außergewöhnliche, herrliche Speisen in köstlichem Geschirr angerichtet, dachte an die Galanterien, die zugeflüstert und angehört werden, mit sphinxartigem Lächeln, während man das rosige Fleisch einer Forelle kostet oder am Flügel eines Birkhuhns knabbert. Sie hatte keine Toiletten, keinen Schmuck, nichts. Und doch liebte sie nur das. Sie fühlte sich dazu geschaffen. Sie hätte so gern gefallen, beneidet, gesucht und verführerisch sein mögen. Sie besaß eine reiche Freundin, mit der sie im Kloster erzogen wurden. Aber sie mochte sie nicht aufsuchen, denn so schrecklich war es ihr jedes Mal, wenn sie von dort zurückkam. Sie weinte dann tagelang vor lauter Kummer, Verzweiflung und Elend. Da kam eines Abends ihr Mann mit Siegesmiene herein, einen großen Brief in der Hand. Da ist was für dich, sagte er. Sie riss schnell das Couvert auf und fand darin eine gedruckte Einladung folgenden Inhalts. Seine Exzellenz, der Unterrichtsminister, und Frau Georges Romponot geben sich die Ehre, Herrn und Frau Loiselle für Montag, den 18. Januar, zur Soiree ergebst einzuladen. Statt glücklich zu sein, wie ihr Mann es erhofft, warf sie die Einladung mit gerümpfter Nase auf den Tisch und murmelte: Was soll mir das nützen? Aber liebes Kind, ich dachte, du würdest glücklich sein. Du kommst nie heraus, und da hast du nun einmal eine schöne Gelegenheit dazu. Es war schwer genug, die Einladung zu kriegen. Alle Welt will eine haben und nicht alle Beamten kriegen eine. Alle offiziellen Persönlichkeiten werden da sein. Sie sah ihn erregt an und sagte ungeduldig, Was soll ich denn anziehen, um dorthin zu gehen? Daran hatte er nicht gedacht und stammelte. Um Gottes Kleid, das du zum Theater anziehst, das scheint mir doch ganz nett. Er schwieg, auf den Mund geschlagen, ganz verzweifelt, als er sah, dass seine Frau weinte. Zwei große Tränen rollten langsam aus den Augenwinkeln herab, und er stammelte. Was hast du denn? Was hast du denn? Mit aller Gewalt kämpfte sie ihre Verzweiflung nieder und sagte mit ruhiger Stimme, indem sie ihre nassen Wangen abwischte. Gar nichts, aber ich habe kein Kleid und kann also auf das Fest nicht gehen. Gib die Einladung nur irgendeinem Kollegen, dessen Frau besser herausstaffiert ist als ich. Er war traurig. Er antwortete: Aber sei doch vernünftig, Mathilde. Wie viel soll denn eine anständige Toilette kosten, die du vielleicht noch bei anderen Gelegenheiten benutzen könntest? Sie braucht ja nur ganz einfach zu sein. Sie dachte ein paar Sekunden nach, rechnete und überlegte auch, welche Summe sie wohl verlangen könnte, ohne dass der sparsame Beamte sofort Nein gesagt hätte und außer sich gewesen wäre. Endlich antwortete sie zögernd. Ich weiß nicht recht, aber ich denke, mit 400 Franken müsste es gehen. Er war bleich geworden, denn er wollte gerade diese Summe beiseite legen, um sich ein Gewehr zu kaufen und einmal auf die Jagd zu gehen. Den folgenden Sommer in Nanterre, wo er mit ein paar Freunden sonntags sich vernügen konnte. Aber dennoch sagte er: Gut, du sollst 400 Franken bekommen. Und nun sieh zu, dass du ein schönes Kleid kriegst. Der Tag des Festes rückte heran, aber Frau Loiselle schien traurig, unruhig, ängstlich, obgleich ihre Toilette fertig war. Da sagte eines Tages ihr Mann zu ihr, Was hast du denn? Du bist seit einiger Zeit so sonderbar. Und sie antwortete. Ach, mir ist es so unangenehm, dass ich keinen Schmuck habe, keinen Stein, nichts anzutun. Ich werde eine recht traurige Figur machen, ich möchte am liebsten gar nicht hingehen. Er antwortete, Nimm doch natürliche Blumen. Das ist sehr schick jetzt, und für zehn Franken bekommst du zwei oder drei prachtvolle Rosen. Doch sie war nicht davon überzeugt. Nein, es gibt nichts Demütigenderes, als unter all den reichen Frauen so armselig aufzutreten. Aber ihr Mann rief, Sei doch nicht dumm, geh doch mal zu deiner Freundin Forestier und bitte sie, sie soll dir irgendeinen Schmuck borgen. Du kennst sie doch genau genug dazu. Sie stieß einen Freudenschrei aus. Das war eine gute Idee. Daran hatte sie nicht gedacht. Am nächsten Tage ging sie zu ihrer Freundin und teilte ihr den Grund ihrer Niedergeschlagenheit mit. Frau Forestier trat an ihren Spiegelschrank, nahm daraus einen großen Kasten, brachte ihn, öffnete ihn und sagte zu Frau Loiselle, Bitte, such dir etwas aus. Sie sah zuerst Armbänder, dann ein Perlenhalsband, dann ein venezianisches Kreuz aus Gold, eine wundervolle Arbeit, und all den Schmuck probierte sie vor dem Spiegel an. Sie zögerte. Sie konnte sich nicht entschließen, die Sachen aus der Hand zu geben, und sie fragte immer: Hast du noch etwas anderes? Aber gewiss, Wühle nur, ich weiß ja nicht, was dir gefällt. Plötzlich entdeckte sie in einem Etou von schwarzem Satin eine wundervolle Diamantenriviere. Und ihr Herz begann vor Sehnsucht danach zu schlagen. Ihre Hände zitterten, als sie den Schmuck in die Hand nahm, sie legte ihn um den Hals auf dem geschlossenen Kleid. Sie war ganz weg über sich selbst. Dann fragte sie zögernd voller Angst, willst du mir das borgen? Nur das. Aber gewiss sehr gern. Sie fiel ihrer Freundin um den Hals, küsste sie herzlich und lief mit ihrem Schatze davon. Der Tag des Festes kam. Frau Loiselle hatte einen großen Erfolg. Sie war hübscher als alle, elegant, graziös, lächelte und war vor Freude ganz verrückt. Alle Herren blickten sie an, fragten, wer es wäre, ließen sich ihr vorstellen. Alle jungen Beamten wollten mit ihr tanzen. Sogar der Minister ward auf sie aufmerksam. Sie tanzte wie trunken vor Freude und Glück, dachte an nichts mehr im Triumph ihrer Schönheit, in der Wonne ihres Erfolges, wie in eine Art Wolke umhüllt, aus all dieser Bewunderung, aus all diesem Kurmachen gewoben, von all den geheimen Wünschen umgeben, durch diesen vollständigen Sieg, der den Frauenherzen so teuer ist. Gegen vier Uhr morgens ging sie fort. Ihr Mann schlief schon seit Mitternacht in einem kleinen, verlassenen Salon mit drei anderen Herren, deren Frauen sich auch gut unterhielten. Er warf ihr die Überkleider um die Schultern, die ihr vom Eingang geholt, bescheidene Alltagsgegenstände, deren Ärmelkeit gegen die Eleganz der Balltoilette abstach. Sie fühlte es und wollte entfliehen, um von den anderen Frauen, die sich in kostbare Pelze hüllten, nicht gesehen zu sein. Loiselle hielt sie zurück. Warte doch, du wirst dich draußen erkälten. Ich werde einen Wagen rufen. Aber sie hörte nicht auf ihn und lief rasch die Treppe hinunter. Als sie auf der Straße standen, fanden sie keinen Wagen. Sie suchten und riefen die Kutsch an, die sie in der Ferne vorüberfahren sahen. Frierend und verzweifelt gingen sie nach der Seine hinunter. Endlich fanden sie am K eines jener alten Nachtcoupets, die man in Paris nur bemerkt, wenn es dunkel wird, als ob sie tagsüber sich ihrer Armseligkeit geschämt hätten. Das brachte sie bis an ihre Tür, Rue des Martyrs, und traurig stiegen sie zu ihrer Wohnung hinauf. Für sie war es jetzt aus, und er ärgerte sich, dass er um zehn Uhr im Ministerium sein musste. Sie legte vor dem Spiegel die Kleidungsstücke ab, die sie um die Schultern getan, um sich noch einmal in all ihrer Schönheit zu sehen. Aber plötzlich stieß sie einen Schrei aus. Sie trug kein Halsband mehr um den Hals. Ihr Mann, der sich schon halb ausgezogen hatte, fragte: Was hast du denn? Erschrocken wandte sie sich zu ihm. Ich habe den Schmuck der Frau Forestier nicht mehr. Er fuhr erschrocken herum. Was, wie? Das ist nicht möglich. Und sie suchten in den Falten des Kleides, in den Falten des Mantels, überall und fanden nichts. Er fragte, bist du gewiss, dass du ihn noch hattest, dass wir den Ball verließen? Ja, ich habe ihn im Vorsaal im Ministerium noch angefasst. Aber wenn er auf der Straße verloren gegangen wäre, hätten wir ihn doch fallen hören müssen. Es muss im Fia geschehen sein. Sehr wahrscheinlich. Weißt du die Nummer? Nein. Hast du sie dir nicht gemerkt? Nein. Sie blickten sich tödlich erschrocken an. Endlich zog Herr Loiselle sich wieder an. Ich will den ganzen Weg, den wir zu Fuß gegangen sind, noch einmal zurücklegen, um zu sehen, ob ich ihn vielleicht finde. Und er ging fort. Sie blieb in ihrer Toilette sitzen. Sie hatte nicht die Kraft, zu Bette zu gehen. Sie hockte auf einem Stuhl, ohne einen Gedanken fassen zu können. Gegen sieben Uhr kehrte ihr Mann zurück. Er hatte nichts gefunden. Er ging auf die Polizei, zu den Zeitungen, um eine Belohnung auszusetzen, ging zu der Droschkengesellschaft, kurz überall hin, wohin ihn der Schimmer einer Hoffnung trieb. Sie wartete den ganzen Tag in demselben verstörten Zustand angesichts des furchtbaren Unglücks. Loiselle kam am Abend wieder mit eingefallenen Wangen. Bleich. Er hatte nichts gefunden. Er sagte, Du musst deiner Freundin schreiben, du hättest das Schloss kaputt gemacht und müsstest es erst wiederherstellen lassen, damit wir Zeit haben, uns noch einmal umzusehen. Und er diktierte ihr den Brief. Nach einer Woche hatten sie keine Hoffnung mehr, und Loiselle, der um fünf Jahre gealtert war, erklärte, wir müssen sehen, dass wir einen anderen Schmuck schaffen. Am nächsten Tage nahmen sie das Etui, worin der Schmuck gelegen hatte, und gingen zu dem Juwelier, dessen Name sich darin verzeichnet fand. Er schlug in seinen Büchern nach. Gnädige Frau, ich habe diese Reviere nicht verkauft. Von mir ist offenbar nur das Etui. Da liefen sie von Juwelier zu Juwelier und suchten überall einen ähnlichen Schmuck, strengten ihr Gedächtnis an, beide ganz krank vor Kummer und Verzweiflung. In einem kleinen Laden im Palais Royal fanden sie eine Brillantschnur, die ihnen ganz genau so zu sein schien wie die, die sie suchten. Sie sollte 40.000 Franken kosten. Aber man wollte sie ihnen für 36.000 lassen. Sie baten also den Juwelier, ihnen drei Tage lang das Vorkaufsrecht zu lassen, und sie stellten die Bedingung, dass er ihn für 34.000 Franken zurücknehmen müsste, wenn der erste Schmuck sich etwa vor Ende Februar wiederfände. Loiselle besaß 18.000 Franken, die er von seinem Vater geerbt. Den Rest wollte er borgen. Er borgte ihn zusammen. Von diesem 1.000, 500 von jenem, 25 Frankenstücke hier oder drei dort. Er schrieb Wechsel, machte verzweifelte Geldgeschäfte und trat mit Halsabschneidern und Wucherern aller Art in Verbindung. Er kompromittierte seine ganze Existenz und wagte es zu unterschreiben, ohne zu wissen, ob er je würde zahlen können und unausgesetzt in Gedanken an die Entbehrungen, an die Zukunft, an das Elend, das über ihren Hausstand kommen würde, durch die in Aussicht stehenden leiblichen Entbehrungen, durch die moralischen Qualen, holte er endlich den neuen Schmuck und legte 36.000 Franken auf den Ladentisch. Als Frau Loiselle ihrer Freundin den Schmuck brachte, sagte diese etwas pikiert. Du hättest ihn mir auch früher bringen können. Ich hätte ihn doch brauchen können. Sie öffnete gar nicht das Etoy, wovor sich ihre Freundin gefürchtet. Wenn sie den Ersatz entdeckt, was hätte sie wohl gesagt? Hätte sie sie nicht für eine Diebe gehalten? Frau Lauselle lernte das Leben der Bedürftigen kennen. Sie fügte sich übrigens da rein wie eine Heldin. Diese furchtbaren Schuldscheine mussten eben bezahlt werden, und sie würde sie zahlen. Sie schickte das Mädchen fort, sie nahm eine andere Wohnung, eine Mansarde unter dem Dach. Nun lernte sie die groben Hausarbeiten kennen, die entsetzlich groben in der Küche. Sie wusch selber auf und verdarb ihre rosigen Nägel an den fettigen Töpfen und Schüsseln. Sie wusch die schmutzige Wäsche, Hemden und Wischtücher, die sie auf einer Schnur zum Trocknen aufspannte. Gegen Morgen brachte sie den Kehricht auf die Straße, trug das Wasser herauf an jedem Treppenabsatz stehen, um Atem zu schöpfen. Wie ein gewöhnliches Weib gekleidet, ging sie selbst auf den Markt, in die Kolonialwarrenhandlung, zum Fleischer. Den Korb am Arm handelte und ließ sich schimpfen, denn pfennig um pfennig verteidigte sie ihre jammervollen paar Groschen. Jeden Monat mussten Wechsel gezahlt werden und andere ausgestellt, nur um Zeit zu gewinnen. Der Mann arbeitete abends daran, die Geschäftsbücher eines Kaufmannes zu führen und nachts oft fertigte er Abschriften an für fünf Su die Seite. Und dieses Leben dauerte zehn Jahre. Nach zehn Jahren hatten sie alles abgezahlt, mit Wucherzinsen und allem. Jetzt sah Frau Lorcel wie eine alte Frau aus. Sie war stark und hart geworden, grob wie ein armes Weib. Sie war nicht mehr frisiert, ihre Röcke saßen unordentlich, ihre Hände waren rot. Sie sprach laut und scheuerte die Fußböden. Aber manchmal, wenn ihr Mann auf dem Büro war, setzte sie sich ans Fenster und dachte an diesen Abend, damals, an diesen Ball, auf dem sie so schön gewesen und so gefeiert worden. Was wäre wohl geschehen, wenn sie den Schmuck nicht verloren hätte? Wer weiß, wie seltsam veränderlich ist doch das Leben, wie wenig ist nur vonnöten, uns zu stürzen oder zu erheben. Da gewahrte sie eines Sonntags, als sie in den Champs-Élysées, um sich vor den Mühen der Woche zu erholen, spazieren ging, eine Dame mit einem Kinder an der Hand. Es war Frau Forestier, immer noch jung, hübsch, verführerisch. Frau Loiselle war ganz erregt. Sollte sie sie anreden? Ja, gewiss. Und nun, wo sie alles bezahlt hatten, wollte sie ihr die Wahrheit sagen und sie trat an sie heran. Guten Tag, Johanna. Die andere erkannte sie nicht. Sie war erstaunt, von dieser Bürgersfrau so angeredet zu werden, und sie stammelte. Ja, Frau, ich weiß nicht, Sie täuschen sich wohl? Nein, ich bin Mathilde Loiselle. Ihre Freundin stieß einen Schrei aus. Ach, meine arme Mathilde, wie bist du aber verändert? Ja, ich habe schwere Zeiten durchgemacht, seit ich dich nicht gesehen, und viel Elend, und zwar deinetwegen. Meinetwegen, wieso denn? Erinnerst du dich der Diamantschnur, die du mir geborgt hast, um auf den Ball ins Ministerium zu gehen? Gewiss? Und? Nun, ich hatte sie verloren. Aber wie ist denn das möglich? Du hast sie mir doch wiedergebracht. Ich habe dir eine andere, ganz gleiche, wiedergebracht, und seit zehn Jahren zahlen wir daran ab. Du wirst einsehen, dass das für uns eine furchtbare Last gewesen ist. Für uns, die wir nichts hatten. Na, nun ist es vorbei. Und jetzt bin ich glücklich. Frau Forestier war stehen geblieben. Du sagst, du hast eine Diamantschnur gekauft, um meine zu ersetzen? Jawohl, ja, du wirst es nicht gemerkt haben. Sie war ganz gleich. Und sie lächelte in naivem Stolz. Aber Frau Forestier fasste sie ganz erschüttert bei den Händen. Oh Gott! Oh Gott, meine arme Mathilde! Meine Schnur war ja falsch. Sie war höchstens 500 Franken wert.
Textende
SPEAKER_00Wie hat euch dieser Klassiker der französischen Literatur gefallen? Findet ihr auch, dass es eine tragische Geschichte ist oder hatte dieser Verlust des Schmuckes vielleicht auch seine guten Seiten für Mathilde Loiselle? Würde mich interessieren, ob ihr das auch so seht. Ich habe den Eindruck, Maupassant wollte zumindest so etwas andeuten. Wie auch immer, wenn es euch gefallen hat, gebt mir gerne bitte einen Daumen nach oben. Empfehlt den Podcast bitte gern weiter. Und wenn ihr nichts verpassen wollt, dann abonniert ihn doch auch bitte. Über Kommentare freue ich mich auch sehr und beantworte sie auch sehr gern. In der nächsten Folge geht es auch wieder um eine Erzählung von Maupassant, die sich dem Thema, demselben Thema, aber von einer ganz anderen Seite nähert. Da seid schon mal gespannt. Bis bald bei Gut gesagt.