Gut Gesagt
Hier gibt es Literatur zum Hören: Kurze Geschichten, Gedichte, Texte, die mich bewegen und die ich mit Euch teilen möchte, weil sie mich berühren und begeistern. Immer persönlich vorgelesen. Für alle, die Sprache lieben, gern neue Autoren und Texte entdecken oder Lust auf ein kleines Hörbuch zwischendurch haben.
Gut Gesagt
Das Glück
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Ist wahre Liebe auch großes Glück oder vielleicht der größte Fehler des Lebens?
Guy de Maupassants Meistererzählung von 1884 „Das Glück“.
Was würdest du aufgeben für die große Liebe? Deine Familie? Deinen Wohlstand? Dein gesamtes bisheriges Leben?
Eine junge Adlige brennt mit einem einfachen Soldaten durch und verschwindet spurlos. Jahrzehnte später wird sie auf einer abgelegenen Insel wiedergefunden – gealtert, arm, aber angeblich... absolut glücklich.
Der Autor erzählt in "Das Glück" von einer Frau, die ihre ganze Welt hinter sich lässt: Gesellschaft, Familie, Reichtum, Erwartungen. Und sie behauptet, sehr glücklich zu sein. Ist das Naivität – oder liegt das Glück gerade im Verzicht und in der Beschränkung auf das Wesentliche?
Doch Maupassant wäre nicht Maupassant, wenn er uns nicht eine unbequeme Frage stellen würde: Ist das wirklich die romantische Erfüllung – oder die totale Selbstaufgabe? Wir widmen uns - wie in der letzten Folge - der Frage, was Glück bedeutet.
Ich freue mich über Eure Kommentare
Konzept und Sprecher: C. Schulz
Wer mich als Sprecher buchen möchte, erreicht mich unter gut.gesagt@gmx.de.
Herzlich willkommen zurück bei Gut gesagt. Wie versprochen, habe ich heute noch eine Geschichte des großen französischen Erzählers Guy de Maupasson für euch. Sie passt thematisch zu der vorangegangenen Geschichte, weil es auch in dieser Erzählung darum geht, was eigentlich im Leben wichtig sei. Und ich hoffe, ihr seid schon gespannt, wie Maupassant sich dem Thema auf eine ganz andere Art nähert. Die Geschichte ist von 1884 und heißt Das Glück viel Vergnügen.
Textbeginn
SPEAKER_00Es war die T-Stunde, ehe die Lampen gebracht wurden. Die Villa hatte den freien Ausblick auf das Meer. Die Sonne war untergegangen und der Himmel strahlte in ihrem letzten Widerstein rosig wie von goldenem Duft überhaupt. Das Meer lag da, ohne Welle, ohne eine Bewegung. Glatt, glänzend im Abendrot wie eine gewaltige, polierte Metallplatte. In der Ferne rechts zeichneten die Berge auf dem blassen Purpur des Abendhimmels. Zackig ihr schwarz gerendertes Profil ab. Man sprach von der Liebe. Man behandelte dieses alte Thema. Man sagte Dinge, die tausendmal schon gesagt worden sind. Die sanfte Melancholie der Dämmerung ließ die Worte langsamer klingen. Über die Seelen kam etwas wie ein Weichwerden. Und dieses Wort Liebe, das immer wieder tönte, ab und zu von der kräftigen Stimme eines Mannes, dann wieder in leichtem Ton aus Frauenmund, schien den ganzen kleinen Salon zu erfüllen, herumzuflattern wie ein Vogel, umherzuirren wie ein Geist. Kann man jahrelang lieben? Ja, behaupteten die einen. Nein, versetzten die anderen. Man erzählte Fälle, Besonderheiten, führte Beispiele an, und alle Damen wie Herren, erfüllt von heraufsteigenden, verwirrenden Erinnerungen, die sie aber nicht laut werden lassen konnten, schienen bewegt und sprachen von dieser banalen und doch alle beherrschenden Sache, vom zarten, rätselhaften Zusammenklingen zweier Wesen, mit tiefer Erregung und glühendem Interesse. Aber plötzlich rief jemand, der in die Ferne hinaussah: Oh, sehen Sie einmal da drüben! Was ist denn das? Ganz draußen am Horizont tauchte auf dem Meer eine ruhige, unbestimmte graue Masse auf. Die Frauen waren aufgestanden und blickten hin, ohne dieses Wunder zu verstehen, das sie noch nie gesehen hatten. Jemand sagte, Das ist Korsika. So erblickt man es zwei oder dreimal im Jahr, unter ganz bestimmten außergewöhnlichen Zuständen der Atmosphäre, wenn die Luft von vollkommener Reinheit ist und keinen Wasserdunst mehr enthält, der uns die Ferne verhüllt. Man unterschied die Gipfel. Es war, als sähe man den Schnee darauf. Alle waren erstaunt, fast erschrocken durch diese plötzliche Erscheinung einer Welt, durch dieses aus dem Meer gestiegene Phantom. Vielleicht hatten die, die einst wie Kolumbus hinausgefahren in den unerforschten Ozean, ein solches Phantom gesehen. Da sagte ein alter Herr, der bisher noch nicht gesprochen. Hören Sie einmal, auf dieser Insel, die da aufsteigt, als wolle sie selbst uns auf das, was wir sprachen, die Antwort geben und mich an ein sonderbares Vorkommnis erinnern. Auf dieser Insel habe ich ein wunderbares Beispiel dauernder Liebe gefunden. Wirklich seltenen Glücks. Hören Sie zu! Vor fünf Jahren machte ich eine Reise durch Korsika. Diese Insel ist ein unbekanntes Stück Erde, eigentlich uns weiter als Amerika, obgleich man sie manchmal wie heute von Frankreichs Küste aus sieht. Stellen Sie sich eine noch im Chaoszustand befindliche Welt vor. Ein wahres Ungewitter von Bergen, das enge Täler durchschneiden, in denen Waldströme brausen. Keine Flächen, nur riesenhafte Erdwälle mit dichtem Gestrüpp bewachsen oder mit hohen gewaltigen Wäldern von Tannen und Kastanien. Es ist ein jungfräulicher, unkultivierter, steriler Boden, obgleich man ab und zu ein Dorf sieht, wie ein Häufchen Felsblöcke auf einer Bergspitze. Kein Ackerbau, keine Industrie, keine Kunst. Nirgends sieht man ein Stück geschnitztes Holz oder einen behauenen Stein. Eine Erinnerung an den kindlichen oder verfeinerten Geschmack unserer Voreltern für schöne und liebreizende Dinge und was in diesem herrlichen wilden Land ebenso auffällt? Eine ererbte Gleichgültigkeit gegen das Streben nach jenen gewinnenden Formen, die man Kunst heißt. Italien, wo jeder Palast voller Meisterwerke selbst ein Meisterwerk ist, wo Marmor, Holz, Bronze, Eisen, jedes Metall und jeder Stein vom Genius der Menschheit redet, wo die kleinsten Gegenstände, die es in alten Häusern gibt, eine liebliche Form haben, ist für uns alle das heilige Vaterland, das man liebt, weil es uns zeigt und beweist. Die Betätigung, die Größe, die Macht und den Triumph der schöpferischen Intelligenz. Und Korsika ihm gegenüber ist ganz genauso wild geblieben, wie da es eben erschaffen, und seine Bewohner in ihren unschönen Behausungen gleichgültig für alles, was nicht ihre Existenz bedroht oder Familienzwiste betrifft. Und mit ihren Fehlern, ihren Eigenschaften unzibilisierter Rassen, mit ihrem Hass, ihrer Heftigkeit, ihrer zügellosen Leidenschaft sind ihnen geblieben die Gastfreundschaft, Großmut, Naivität, mit der sie dem Vorübergehenden die Tür öffnen und treue Freundschaft bieten für das geringste Zeichen von Sympathie. Also, ich irrte seit einem Monat durch diese wundervolle Insel, mit dem Gefühl, dass ich am Ende der Welt wäre. Keine Wirtshäuser, keine Kneipen, keine Straßen. Auf schmalen Saumpfaden erreicht man diese Dörfer, die an den Bergklippen hängen, über den Abgründen Thronen, aus denen man abends fortwährend den dumpfen Ton des Wildbaches aus der Tiefe brausen hört. Man klopft an die Tür der Häuser, man bittet um ein Unterkommen für die Nacht und etwas zu essen bis zum nächsten Tag. Und man setzt sich an den einfachen Tisch und schläft unter dem bescheidenen Dach. Und morgens drückt man die Hand, die der Wirt einem entgegenstreckt, der einen bis zur Dorfgrenze führt. Da erreichte ich eines Abends nach zehnstündigem Marsch ein kleines Haus, das in der Tiefe eines Tales ganz verlassen lag. Eines Tales, das eine Stunde weiter ins Meer abfiel. Die beiden schroffen Berghänge mit Gestrüpp und Unterholz, mit abgestürzten Felstrümmern und großen Bäumen bedeckt, umschlossen wie zwei finstere Mauern diesen entsetzlichen, traurigen Taleinschnitt. Um das Haus lagen ein paar Weinberge, ein kleiner Garten und weiterhin standen ein paar große Kastanienbäume. Kurz alles, was zum Leben nötig schien. Ein Vermögen in diesem armen Land. Die Frau, die mich empfing, war alt, arm, aber ausnahmsweise reinlich. Der Mann saß auf einem Strohstuhl, er hob sich, mich zu begrüßen, und dann setzte er sich wieder nieder, ohne ein Wort zu sagen. Seine Gefährtin meinte, Entschuldigen Sie ihn, er ist ganz taub. Er ist es vor zwei Jahren geworden. Sie sprach Französisch wie eine Französin. Und ich war erstaunt. Ich fragte, Sie sind doch nicht aus Korsika? Sie antwortete, Nein, wir sind vom Kontinent, aber wir wohnen jetzt schon 50 Jahre hier. Ein bedrückendes, ängstliches Gefühl packte mich bei dem Gedanken, dass diese 50 Jahre in diesem dunklen Loch vorübergegangen seien. So weit von den Städten der Menschen. Ein alter Schäfer kam heim und man setzte sich, um das einzige Gericht zu essen, eine dicke Suppe, in der Kartoffeln Speck und Kohl zusammengekocht waren. Als die kurze Mahlzeit beendet war, setzte ich mich vor die Tür, ganz traurig durch die Melancholie der einsamen Landschaft. Und es überfiel mich eine niedergeschlagene Stimmung, wie manchmal den Reisenden an stillen Abenden. Es ist, als ob alles zu Ende ginge: Das Dasein und das Weltall. Man wird sich plötzlich klar über den furchtbaren Jammer des Lebens, die Einsamkeit, in der wir alle unser Dasein verbringen, die Nichtigkeit der Dinge, über die schwarze Öde unseres Herzens, das sich selbst in trügerische Träume wiegt, bis zum Tode. Die alte Frau kam zu mir und fragte, denn sie quälte jene Neugierde, die im Grunde auch in der resigniertesten Seele lebt. Also Sie kommen aus Frankreich? Ja, ich reise zu meinem Vergnügen. Sind Sie vielleicht aus Paris? Nein, ich bin aus Nancy. Es war mir, als bewegte sie etwas außerordentlich. Wie ich darauf kam, kann ich nichts sagen. Sie antwortete gedehnt, so, Sie sind aus Nancy. Der Mann erschien unter der Tür. Sie sagte, es tut nichts. Er hört es nicht. Dann nach ein paar Sekunden. Da kennen Sie wohl Leute in Nancy? Nun gewiss, beinahe alle. Kennen Sie die Familie von Saint Alèse? Oh ja, sehr gut. Das waren Freunde meines Vaters. Bitte, wie heißen Sie? Ich nannte meinen Namen. Sie sah mich groß an, dann sagte sie mit jener dumpfen Stimme, wie wenn Erinnerungen in uns aufsteigen. Ja, ja, ich weiß. Und was ist denn aus den Briesmares geworden? Die sind alle tot. Ach, und kannten Sie die Sirmont? Gewiss, der letzte General. Da sagte sie zitternd vor Erregung, in irgendeinem unbestimmten, mächtigen, heiligen Gefühl, aus einem, ich weiß nicht welchem, Bedürfnis heraus zu gestehen, alles zu sagen, von Dingen zu sprechen, die sie bisher im Innersten ihres Herzens bewahrt, und von jenen Leuten, deren Namen in ihrer Seele nachzitterte. Ja, Henri von Sermont, ich weiß wohl, das ist mein Bruder. Und ich blickte sie ganz erstarrt vor Staunen an, aber plötzlich kam mir die Erinnerung. Es hatte einmal vor langen Jahren unter dem lothringischen Adel einen riesigen Skandal gegeben. Ein junges Mädchen, schön und reich, Suzanne von Cermont, war von einem Unteroffizier des Husarenregiments, das ihr Vater befehligte, entführt worden. Er war ein schöner Kerl, ein Bauernsohn, dem die blaue Attila gut stand. Dieser Soldat hatte die Tochter des Obersten in Banden geschlagen. Sie hatte ihn gesehen, war auf ihn aufmerksam geworden und hatte sich in ihn verliebt, als sie ihn mit der Eskadron vorüberreiten sah. Aber wie mochte sie mit ihm gesprochen haben? Wie hatte sie sich mit ihm verständigen können? Wie hatte sie gewagt, ihn begreiflich zu machen, dass sie ihn lieb hatte? Das erfuhr man nie. Man hatte nichts geahnt, nichts erraten. Eines abends, als der Soldat mit seiner Dienstzeit fertig war, war sie mit ihm verschwunden. Man suchte sie, man fand sie nicht. Nie wieder hörte man etwas von ihnen. Und man meinte, sie müssten tot sein. Und in diesem entlegenen Tal fand ich sie wieder. Da sagte ich meinerseits, ja, ja, ich erinnere mich sehr wohl. Sie sind Fräulein Susann. Sie nickte. Tränen entströmten ihren Augen. Dann deutete sie auf den unbeweglich an der Schwelle seines Hauses sitzenden Greis und sagte, das ist er. Und ich begriff, dass sie ihn immer noch liebte und immer noch mit treuen Augen ansah. Ich fragte, sind Sie wenigstens glücklich gewesen? Sie antwortete mit einem Ton, der von Herzen kam. Oh, sehr glücklich. Er hat mich zu glücklich gemacht. Ich habe niemals Reue gefühlt. Ich betrachtete sie traurig, erstaunt, ergriffen von der Gewalt der Liebe. Dieses reiche Mädchen war mit diesem Mann, diesem Bauernjungen gegangen. Sie war selbst eine Bäuerin geworden. Sie hatte sich ihr Leben ohne Reiz, ohne Luxus, ohne irgendwelche Feinheiten eingerichtet. Sie hatte die einfachsten Lebensgewohnheiten angenommen. Und sie liebte ihn noch. Sie war eine Bauersfrau geworden, in Mütze und Leinenrock. Sie aß aus irdener Schüssel von einem Holztisch, auf einem Strohstuhl sitzend Kohlsuppe mit Kartoffeln und Speck. Und auf einem Strohsack lag sie an seiner Seite. Sie hatte niemals an etwas anderes gedacht als an ihn. Sie hatte nicht Schmuck, Stoffe, Eleganz, weiche Stühle, mollige, parfümierte, stoffbespannte Zimmer, noch ein weiches Bett, ihren Körper zur Ruhe hineinzulegen. Sie hatte dem Leben Valet gesagt. Ganz jung der Welt und denen, die sie auferzogen und geliebt hatten. Sie war ganz allein mit ihm in dieses wilde Tal gekommen. Er war alles für sie gewesen. Alles, was man ersehnt, was man träumt, was man unausgesetzt erwartet. Alles, was man ewig hofft. Er hatte ihr Leben mit Glück erfüllt, vom ersten Tage bis zum letzten. Glücklicher hätte sie nie sein können. Und die ganze Nacht hindurch, indem ich auf das raue Schnarchen des alten Soldaten hörte, der auf seinem Strohsack neben der ruhte, die ihm so weithin gefolgt war, dachte ich an dieses seltsame und eigentümliche Erlebnis, an dieses große Glück eines so kleinen Daseins. Und als die Sonne aufging, ging ich davon, nachdem ich den beiden alten Ehegatten die Hand gedrückt. Der Erzähler schwieg. Eine Dame sagte: Immerhin, ihr Inneres war zu klein, ihre Bedürfnisse zu primitiv. Sie stellte zu geringe Anforderungen. Sie muss etwas töricht gewesen sein. Ein anderer meinte langsam, was tut das? Sie war glücklich. Und dort in der Ferne, am Horizont, sank Korsika in die Nacht, tauchte langsam wieder in das Meer zurück. Und sein gewaltiger Schatten löschte aus, der aufgetaucht war, als sollte er selbst die Geschichte dieser zwei demütig Liebenden erzählen, die Schutz gefunden an seiner Küste.
Outro
SPEAKER_00Wie hat euch die Geschichte gefallen? Habt ihr vielleicht, so wie ich auch, Maupassant, ein bisschen für euch entdeckt? Bemerkenswert finde ich auch, dass der Erzähler nahezulegen scheint, dass man sich für das wahre Glück besser, möglichst weit von der Zivilisation entfernt? Vielleicht ein Zug der Romantik oder auch der Moderne. Wie seht ihr das? Das würde mich sehr interessieren und wie immer, wenn ihr nichts verpassen wollt, bitte den Podcast abonnieren, an möglichst viele Leute weiterempfehlen, ein Like hinterlassen und hoffentlich auch die nächste Folge anhören. Da wird es wieder einen Text von einem Schriftsteller geben, den wir bisher noch nicht hier hatten. Bis bald, bei gut gesagt!