Gut Gesagt
Hier gibt es Literatur zum Hören: Kurze Geschichten, Gedichte, Texte, die mich bewegen und die ich mit Euch teilen möchte, weil sie mich berühren und begeistern. Immer persönlich vorgelesen. Für alle, die Sprache lieben, gern neue Autoren und Texte entdecken oder Lust auf ein kleines Hörbuch zwischendurch haben.
Gut Gesagt
Helene
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Das Trennungsgespräch als subtiler Zweikampf
Die junge Schauspielerin Helene und Richard sind auf den ersten Blick ein frisch verliebtes Paar. Aber Helenes Karriere fordert die Trennung. Und die muss jetzt durchgezogen werden.
Schnitzler, der selbst jahrzehntelang unter massiver Bindungsangst und emotionaler Zerrissenheit litt, zeigt uns ein vielschichtiges Rollenspiel im verdeckt geführten Geschlechterkampf. Beide belauern einander im scheinbar vernünftigen Gespräch, attackieren mit verletzenden Andeutungen, verteidigen ihre Eitelkeit und vermeiden unbedingt die Wahrheit.
Mit dem professionellen, tiefblickenden Scharfsinn des Psychiaters und vor dem Hintergrund eigener Erfahrung führt uns Schnitzler durch einen faszinierenden subtilen Zweikampf zweier Menschen, die eigentlich ein Paar werden wollten.
Ich freue mich über Eure Kommentare
Konzept und Sprecher: C. Schulz
Wer mich als Sprecher buchen möchte, erreicht mich unter gut.gesagt@gmx.de.
Herzlich willkommen zurück bei Gut gesagt. Ich hatte euch ja versprochen, dass wir heute wieder einen Text von einem neuen Schriftsteller bekämen und es handelt sich um Arthur Schnitzler. Er lebte von 1862 bis 1931 in Wien, war ein österreichischer Arzt, und zwar Psychiater und Dermatologe, Erzähler und Dramatiker. Er gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der Wiener Moderne. Typisch für Schnitzler sind einerseits das Wiener Milieu der Jahrhundertwende und die Beschäftigung mit inneren Vorgängen, also Gedanken und Gefühlen seiner Figuren. Wer noch nichts von Schnitzler gelesen hat, der ist vielleicht über den Stanley Kubrick-Film Eyes Wide Shut schon mit seinem Werk in Berührung gekommen, denn das Drehbuch basiert auf der Erzählung der Reigen. An der Erzählung, um die es heute geht, gefällt mir besonders das tiefe Verständnis für die Gefühle der Protagonisten. Und obwohl diese Gefühle überwiegend nur ziemlich dezent angedeutet werden, kommen sie trotzdem, finde ich, sehr klar zum Ausdruck. Viel Vergnügen mit Helene von Arthur Schnitzler.
Textbeginn
SPEAKER_00Er ging in seinem Zimmer auf und ab. In dem kleinen Zimmer mit einem Fenster, durch das nicht viel Licht hereinkonnte, weil die dunkelgrünen Vorhänge zu beiden Seiten herunterwalten.
unknownT-K.
SPEAKER_00Und nun war die Dämmerung da.
unknownT-K.
SPEAKER_00Das Zimmer lag fast im Dunkel. Nur der gelbliche Platokopf auf dem Ofen glänzte ein wenig. Und die weißen Wachskerzen, die auf dem Klavier standen. T-dachte darüber nach, ob er alle die Empfindungen, die jetzt in ihm waren, einfach Glück nennen durfte.
unknownT-K.
SPEAKER_00Nein, Glück nicht. Es war zu viel Sehnsucht in ihnen und zu viel Ungewissheit. Aber jene Stunde gestern, das war doch wohl Glück gewesen. Wenn er diesen einzigen langen Kuss, auf den dann kein Wort mehr gefolgt war, mit dem sie ihn allein zurückgelassen hatte, als wäre jeder laut Entweihung, wenn er den mit irgendetwas vergleichen wollte, so musste er an eine Zeit zurückdenken, wo er fast noch ein Knabe war, an stille Spaziergänge mit einem blonden Mädel auf einsamem Waldweg. Und an das Ausruhen auf den Bänken, wo er ihr dann die Wangen und die Haare streichelte. Ja, etwas Keusches und Süßes war das gewesen, und alle Glut, die in ihrem Geständnis lag, und alle Leidenschaft, mit der sie ihn zum Abschied an sich gedrückt, und selbst der dumpfe Rausch in dem sie ihn zurückgelassen, in alledem war etwas, was ihn an jene Stimmung der ersten Liebe erinnerte, mit ihren zitternden Wünschen, die keine Erfüllung kennen. Und dabei, in dem letzten Morgen, das von ihren Lippen gehaucht kam, wie sie schon in der Tür stand, war doch so viel ängstliche Abwehr gewesen und so ein willenloses Versprechen. Dass sie heute kommen würde, wusste er. Es lag keine lange Zeit vor ihnen. In wenigen Tagen musste sie ja weg nach Deutschland, an ein kleines Hoftheater, wo sie ihre künstlerische Laufbahn beginnen sollte. Und er suchte in seinem Innern nach dem tiefen Schmerz, den das eigentlich in ihm hätte erregen müssen. Aber er fand keinen. Vielleicht war das eben das Schöne, dass die ganze Geschichte sich nicht so ins Ferne und Angstvolle verlor, sondern dass das Ende klar und bestimmt vor ihm lag. Dass sie ihn so lange warten ließ, war ihm fast angenehm. Sie musste kommen, wenn es ganz dunkel geworden war und die Kerzen dort am Klavier brannten. Er zündete sie an, er ließ die Rouleau herunter und entfernte auch die stählerne Kette, durch welche die grünen Vorhänge zusammengehalten waren.
unknownTik.
SPEAKER_00Nun rauschten sie in schweren Falten auseinander.
unknownTik.
SPEAKER_00Da öffnete sich die Tür.
unknownTik.
SPEAKER_00In einem glatten, dunklen Kleid stand sie da und sagte mit ihrer ruhigen Stimme Tik. Guten Abend.
unknownTik.
SPEAKER_00Er trat ihr entgegen. Tik. Lächelnd. T, ohne die Erregung zu verspüren, die er selbst erwartet hatte. T- war nur sehr zufrieden. T-Sreichte ihm die Hand und trat ein. Dann strich sie den blassroten Schleier zurück und nahm aus dem hellen, flachen Strohhut die lange Nadel, die mitten durch ihre hohe Frisur gesteckt war. Schleier, Hut und Nadel legte sie aufs Klavier. T- Es kam nur ein mattes Licht von den Kerzen, das aber doch in allen Ecken schimmerte. Sie setzte sich auf den runden Sessel vor dem Klavier und stützte den einen Arm auf den Deckel, während sie die andere Hand über die Augen legte. Er stand vor ihr. Es war unmöglich, jetzt etwas zu sagen. Sie nahm plötzlich die Hand von den Augen und wandte den Kopf noch aufwärts, sodass sie einander voll ansahen. Sie lächelten beide. Er beugte sich ein wenig zu ihr nieder. Wie er aber die Lippen ihren Augen näherte, wehrte sie ab und sagte Nein. Da sank er vor ihr nieder, nahm ihre Hände und küsste sie. Mit einem Mal stand sie auf, so rasch, dass er ihr kaum folgen konnte. Sie trat zum Fenster hin, zwischen die Vorhänge und ließ ihre Fänger mit den Falten spielen. Nun möchte ich doch wieder Ihre Stimme hören, sagte sie. Was soll ich Ihnen jetzt sagen? erwiderte er. Es ist nicht gut, Richard, wenn Sie nicht reden. Ich bitte Sie, erzählen Sie mir doch. Was haben Sie heute den ganzen Tag gemacht? Wo sind Sie gestern Abend noch gewesen? Haben Sie an mich gedacht? Ob ich an Sie gedacht habe? rief er aus. Hätte ich was anderes und er hielt inne. Er hatte eine Scheu vor den Worten, die alle sagen und die man allen sagt. Es war ganz gut, dass sie ihn nach dem gestrigen Abend und nach dem Tag gefragt. Er fing an, ihr zu erzählen, wie er gestern noch allein da in dem Fauteuil vor dem Schreibtisch gesessen und wie er endlich, spät seine Wohnung verlassen und durch die Straßen spaziert sei, in denen der Dunst des schwüllen Augustabends lag. Ich bin auch in die Gasse gekommen, in der Sie wohnen, aber die Fenster waren dunkel. Es war freilich schon spät, elf oder zwölf. Ich musste dorthin. Ja, nach der Luft, in der Sie atmen, Helene, habe ich mich gesehnt. Und denken Sie, sogar die unheimlich heimliche Idee hat mich gefehlt, dass sie fühlen müssen, wenn ich in ihrer Nähe bin. Und dass es sie glücklich macht. Dass es mich glücklich macht, wiederholte sie halblaut und kühl. Er war näher zu ihr getreten. Warum sollte es mich glücklich machen? Ich liebe sie nicht, Richard, sagte sie plötzlich ganz schroff. Er hielt betroffen ein. Sie schüttelte einige Male ganz ruhig den Kopf. Ich liebe sie nicht. Durchaus nicht. Er schaute ihr ins Gesicht. Und gestern Abend? Ich habe sie auch gestern Abend nicht geliebt. Ich habe einfach ein wenig Komödie gespielt. Richard lachte. Ich muss Sie vielleicht um Verzeihung bitten, lieber Freund, aber gerade Sie sind der Mann, der mich begreifen wird. Richard trat zuerst einen Schritt auf sie zu, dann entfernte er sich und ging hin und her. Dann setzte er sich vor den Schreibtisch hin und stützte die Hand darauf. Wollen Sie nicht lieber, dass ich jetzt gehe? fragte Helene. Ich möchte doch Ihre Aufklärung hören, erwiderte Richard, ohne sie anzusehen. Warum diese Komödie? Nur aus Liebe zum Komödienspielen? Gewissermaßen, entgegnete Helene ruhig. So. Nicht wahr, sie verstehen mich. Ich wollte wissen, ob es mir gelingen kann, etwas glaubwürdig darzustellen, wovon ich gar nichts empfinde. Ich wollte. Richard unterbrach sie. Das ist schon manchen Frauen gelungen, ohne dass sie große Künstlerinnen gewesen wären. Das glaube ich nicht. Meine Ahnung von dem, was Sie sagen, empfinden sie doch. Und wenn Sie nicht gerade denjenigen lieben, dem Sie es versichern, so haben sie doch irgendeine Erinnerung oder eine Hoffnung in der Seele, welche sie begeistert. Oder es ist wenigstens Liebessehnsucht in ihnen. Mir fehlt das alles. Sie wissen das ganz bestimmt? Ja, ich bin über 20 Jahre alt. Man hat mir schon oft von Liebe gesprochen und mich darum angefleht. Sie können sich das denken, aber bis heute begreife ich nicht, was das heißt. In Versuchung kommen. Und das soll ich alles glauben? Das steht bei Ihnen. Aber bedenken Sie, dass ich keinen Grund habe, Ihnen die Unwahrheit zu sagen? Vielleicht beliebt es Ihnen wieder Komödie zu spielen. Daraus würde folgen, dass ich gestern die Wahrheit sprach. Dass ich Sie also liebe? Nicht gerade das. Sie haben sich gestern hinreißen lassen und Sie sind darauf gekommen, dass Sie sich selbst getäuscht haben. Ah, und nun schäme ich mich wohl, das einzugestehen. Das wäre wohl möglich, denn ich begreife nicht ganz, was sie veranlasst hätte, gerade mich als Opfer ihres Talents auszuerwählen. Gerade Sie mussten es sein, ja, gerade Sie. Es gibt keinen, der misstrauischer ist als Sie. Dass man geliebt wird, glaubt man doch immer wieder. Wenn das so ist, dann bin ich freilich mit Unrecht auf meine Kunst stolz gewesen. Aber ich erinnere mich an alles, was Sie mir aus Ihrem Leben erzählt haben. Ich wusste, dass Sie sich abgewöhnt hatten, uns Frauen zu glauben. Einmal haben Sie mir sogar gesagt, dass Sie in jedem Worte, das eine Frau zu Ihnen spricht, die Lüge herausspüren. Das habe ich mir eben eingebildet. Aber ich versichere Ihnen, wenn Ihnen eine andere von Liebe sprach, so war es noch immer tausendfach wahrer, als wenn ich es tat. Wenn Sie schon bei der anderen die Lüge gemerkt haben, so hätten Sie bei mir nach dem ersten Worte zusammenschauern oder lachen müssen. Richard stand auf. Und haben Sie keinen Augenblick überlegt, dass Sie mich? Dass dieses Spiel. Haben Sie nicht überlegt, dass Sie. Er konnte nicht weitersprechen. Dass ich Ihnen vielleicht wehtun könnte, meinen Sie? Nun, das konnte ich nicht vermeiden. Und wenn ich aufrichtig sein soll, ich habe kaum daran gedacht. Wie mich einmal der Gedanke erfasst hatte, meine Rolle zu spielen, konnten solche Regungen doch keinen Einfluss mehr haben. Sie stand unbeweglich da, während sie sprach, und spielte noch immer mit den Falten des Vorhangs, den sie zwischen den Händen hin und hergleiten ließ. Zuweilen schaute sie ihn mit einem klaren Blick an, der nur langsam von ihm weg in die Ecke des Zimmers ging. Sie haben also nicht daran gedacht, dass eine solche neue Erfahrung. Nein, man hat sie ja so oft getäuscht. Aber so völlig ohne jede Regung. Ja, rief sie beinahe freudig aus, ohne jede Regung. Und Sie meinen, mein ganzes Wesen sei voll von dieser Liebe zu Ihnen. Warum kamen Sie heute? fiel er heftig ein. Das musste ich doch. Wie hätte ich denn erfahren sollen, ob ich gut gespielt habe? Nun, haben Sie nicht gestern bemerkt, dass ich Ihnen glaubte? Ich war der Meinung, allerdings, aber ich war nicht sicher genug. Dass Sie heute Nacht vor meinen Fenstern auf und abgegangen sind, habe ich nicht gewusst. Ich hätte auch denken können, dass Ihre Zweifel schon begannen, nachdem ich sie verlassen. Das quälte mich sehr. Vielleicht hätten Sie mich mit misstrauischen Fragen verzagt, mit Zweifeln an meiner Liebe empfangen. Und was wäre in diesem Falle gewesen? Sie hätten versucht, mich zu beruhigen, Ihre Rolle womöglich weitergespielt? Ach nein, ich hätte mich eben mit einem Achtungserfolg begnügen müssen und dann? Es wäre keine Zeit mehr dazu gewesen, denn ich reise schon morgen ab. Ma? Ja, ein Telegramm des Direktors beruft mich früher hin, als ich erwartete. Also morgen? Das ist eigentlich erfreulich für mich, dass Ihnen die Möglichkeit genommen wurde, weiterzuspielen. Ich hätte es keineswegs getan. Wer weiß. Das eine darf ich Sie wohl fragen. Wann kam Ihnen eigentlich die Idee zu Ihrer Komödie? War das schon bevor Sie das erste Mal ihren Fuß über meine Schwelle setzten? Nein. Und warum kamen sie überhaupt? Warum kam sie zu mir? Sie wissen es ja. Sie haben mir Schumann und Chopin vorgespielt. Sie haben sehr gescheite Dinge mit mir geredet. Man kommt doch nicht zu einem jungen Mann, um sich Schumann und Chopin vorspielen zu lassen. Warum denn nicht? Was hat es denn für eine Gefahr, da Sie mir stets vollkommen gleichgültig gewesen sind. Aber die Idee muss Ihnen früher gekommen sein. Ihr Liebesgeständnis hat mich durchaus nicht überrascht. Seit Tagen schon drängte alles dazu. Es kam ja nicht plötzlich. Das scheint Ihnen heute so. Gestern hätte es sie durchaus nicht befremdet, wenn ich Ihnen einfach beim Kommen gesagt hätte, lieber Freund, ich will Ihnen nur adieu sagen. Ich reise ab, bleiben Sie mir gewogen. Ist es nicht so? Warum ich mir eine solche Mühe geben muss, Ihnen das auseinanderzusetzen? Sie können es heute gar nicht fassen, dass ich Sie nicht liebe, nachdem Sie vor einigen Tagen noch nicht an Liebe geglaubt haben. Nun also, Sie haben großartig gespielt. Sind Sie nun zufrieden? Noch nicht ganz. Ich muss noch eines von Ihnen hören, dass Sie sich nicht verletzt fühlen. Sie verlangen nicht wenig. Sie müssen mich verstehen, wenn Sie ein Künstler sind. Ich bin nun einmal nicht wie andere. Sie ahnen nicht, wie es mich manchmal selbst schaudert, so einsam durch eine ganz fremde Welt zu gehen. Was habe ich schon alles gesehen? Was hat man mir schon erzählt? Dass alle diese Freuden und Schmerzen existieren, welche das Wesen der Liebe ausmachen, muss ich wohl glauben. Ich sehe es ringsum mich und es scheint auch, dass alle die Komödien, in welchen ich auftreten werde, nicht viel anderes enthalten. Mir ist das alles, alles fremd. Alle Fähigkeit des Empfindens ist in der Leidenschaft für meine Kunst abgeschlossen. Ich muss spielen, Komödie spielen, immer, überall. Ich habe stets dieses Bedürfnis, besonders dort, wo andere ein großes Glück oder ein tiefes Weh empfinden. Ich suche überall Gelegenheit zu einer Rolle. Und sie haben schon oft eine ähnliche gespielt wie gestern Abend bei mir. Unbewusst früher einmal. Ich war kokett, aber meine Koketterie ging eben nicht wie bei anderen jungen Mädchen aus einem unklaren Verlangen nach Liebe hervor. Sondern eben wieder nur aus dem Vergnügen, eine Rolle zu spielen. Die anderen übertreiben doch eigentlich nur ein Gefühl, das sich in ihnen zu regen beginnt. Ich aber musste in solchen Fällen stets aus dem Nichts schaffen. Aber so vollendet wie gestern haben sie noch nie gespielt. Und so weit sind sie noch nie in der Ausgestaltung ihrer Rolle gekommen. Ich frage nur, warum? Ich sagte Ihnen ja schon, gerade einen Menschen wie Sie brauchte ich dazu einen, der nur sehr schwer zu überzeugen ist. Und den ich dann auch wirklich in Ruhe fragen durfte, wie er mit meiner Leistung zufrieden war. Vielleicht irren sie sich. Vielleicht haben Sie nur deshalb besser gespielt und weiter gespielt als sonst, weil sich zu dem, was Sie erfanden, etwas Echtes beigesellte, ohne dass Sie es ahnten? Nichts. Nichts, nichts. Seien Sie doch nicht so eitel. Nun, dann, meine Liebe, bedaure ich nur, dass Sie nicht den Mut hatten, ganz bis zu Ende zu spielen. Helene zuckte unmerklich zusammen. Dann aber lächelte sie und reichte ihm die Hand. Ich bin mit meinem kleinen Triumphe ganz zufrieden. Nun lassen Sie mich gehen. Auf Wiedersehen will ich Ihnen nicht sagen, denn Ihre Sympathie für mich ist nun wohl vorbei. Leben Sie wohl. Sie nahm Hut und Schleier vom Klavier. Und nun bedenken Sie nur, setz sie fort, während sie die Nadel durch den Hut steckte. Wenn Sie mich nun liebten, wenn wir voneinander Abschied nehmen müssten, auf immer vielleicht, wenn Sie ein angebetetes Wesen in die Fremde ziehen ließen, für das Sie zittern müssten. So scheiden wir lächelnd, und das ist doch eigentlich viel schöner. Wenn Sie es wünschen, Helene, so will ich lächeln. Sie reichte ihm nochmals die Hand. Wenn Sie es jetzt nicht tun, so wird es in ein paar Stunden oder morgen geschehen. Dass Sie mich verstehen werden, sobald Ihr erster Zorn dahin ist, daran kann ich nicht zweifeln. Die Liebe soll sehr eigensinnig sein und rücksichtslos. Warum sollte sie' Wunder nehmen, dass auch die Kunst in dieser närrischen Weise geliebt werden kann? Von einer, die andere Liebe nicht kennt, nicht wahr und nun leben Sie wohl. Er antwortete nicht, nickte mit dem Kopf und blieb mitten im Zimmer stehen. Sie war an der Tür. Da wandte sie sich noch einmal um, als hätte sie noch etwas zu sagen. Sie ging aber wortlos und er war allein. Sie eilte rasch die Treppe hinunter und war gleich auf der Straße, ging rasch bis zur Ecke, wo sie in die Nebengasse einbog, sodass sie von seinem Fenster aus nicht mehr gesehen werden konnte. Hier blieb sie eine Weile stehen und atmete tief auf. Dann aber eilte sie weiter, mit schnellen Schritten und mit immer schnelleren, als ob sie fliehen wollte.
Outro
SPEAKER_00Ich hoffe, die Erzählung hat euch so gut gefallen wie mir. Es wird sicher nicht die letzte Schnitzlererzählung gewesen sein. Dazu finde ich ihn zu gut. Überrascht modern für die damalige Zeit, dass die Protagonistin hier ihrer Karriere den Vorzug gegenüber der Liebe gibt, oder? Ich freue mich über eure Kommentare. Bitte den Kanal abonnieren, um nichts zu verpassen. Gerne Daumen nach oben geben, weiterempfehlen und auch hoffentlich die vergangenen Folgen und vor allem die künftigen wieder anhören. Bis bald, bei gut gesagt.