Gut Gesagt
Hier gibt es Literatur zum Hören: Kurze Geschichten, Gedichte, Texte, die mich bewegen und die ich mit Euch teilen möchte, weil sie mich berühren und begeistern. Immer persönlich vorgelesen. Für alle, die Sprache lieben, gern neue Autoren und Texte entdecken oder Lust auf ein kleines Hörbuch zwischendurch haben.
Gut Gesagt
Novelle von Madonna Filippa - Giovanni Boccaccio
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Beim Ehebruch ertappt und doch im Recht?!
Hat eine Ehefrau vor Gericht das Recht auf einen Liebhaber, wenn sie im Ehebett keine volle Befriedigung erfährt? Diese Frage stellt Boccaccio in seiner sog. Novelle von Madonna Filippa aus dem Decameron (Tag 6, Geschichte 7).
Eine der frühesten literarischen Verteidigungen weiblicher Selbstbestimmung und Lust – geschrieben im 14. Jahrhundert, aber erstaunlich modern in ihrer Aussage. Boccaccio lässt eine Ehebrecherin nicht als ertapptes Opfer, sondern als scharfsinnige Rednerin auftreten, die mit Witz und Logik ein ungerechtes Gesetz zu Fall bringt.
Eine Geschichte über Doppelmoral, weibliche Autonomie und die Kraft der Rhetorik – und darüber, wie man mit Cleverness, Mut und Standfestigkeit sein Leben retten kann, wenn einem die Gesellschaft eigentlich schon das Urteil gesprochen hat. Wie Madonna Filippa das Gericht mit einer einzigen Frage überzeugt – und warum diese Novelle heute noch als feministischer Geniestreich gilt, hört ihr in dieser Folge.
Ich freue mich über Eure Kommentare
Konzept und Sprecher: C. Schulz
Wer mich als Sprecher buchen möchte, erreicht mich unter gut.gesagt@gmx.de.
Herzlich willkommen zurück bei Gut gesagt. Schön, dass ihr auch dieses Mal wieder zuhört. Wie versprochen, habe ich euch heute noch eine Geschichte aus dem Decameron von Giovanni Boccaccio mitgebracht. Wie in der letzten Geschichte auch beeindruckt mich die im positiven Sinne schamlose Unbefangenheit, mit der dieses Mal eine Frau, eine verheiratete Frau, ihren Liebesstandpunkt öffentlich vertritt. Und das mit einer auch für heutige Verhältnisse sehr freizügigen Begründung. Sie legitimiert nämlich ihren fortgesetzten Ehebruch vor Gericht, unter anderem mit einer biologischen Argumentation. In dem Zusammenhang sei nochmal daran erinnert, dass die Geschichte ungefähr aus dem Jahr 1350 stammt, also annähernd 700 Jahre alt ist. So mancher als heutzutage modern empfundener feministischer Standpunkt hat vielleicht tiefere Wurzeln als man denkt. Im Nekameron ist diese Geschichte als die siebte Novelle des sechsten Tages bezeichnet, wird aber allgemein üblich die Novelle von Madonna Philippa genannt. Viel Vergnügen.
Textbeginn
SPEAKER_00Die Königin gebot, dem Filostrato zu erzählen. Diese begann also zu reden. Gut reden zu können, ihr ehrenwerten Damen, ist bei jeder Gelegenheit ein schönes Ding. Am schönsten aber düngt mich diese Redegabe, wenn sie sich da bewährt, wo die Notwendigkeit sie dringend erfordert. Dieses Geschick besaß eine Edelfrau, von der ich euch zu erzählen gedenke, in solchem Maße, dass sie nicht nur in ihren Zuhörern Lachen und Heiterkeit erweckte, sondern, wie ihr vernehmen werdet, sich selbst aus den Schlingen eines schimpflichen Todes befreite. In der Stadt Prato bestand einst das in Wahrheit ebenso grausame wie tadelswerte Gesetz, dass eine Ehefrau, die ihr Gatte im Ehebruch mit einem Geliebten antraf, ohne den geringsten Unterschied genauso verbrannt werden sollte wie diejenige, welche dabei ertappt wurde, dass sie sich dem Ersten Best für Geld preisgab. Während dieses Gesetz noch in Kraft war, geschah es, dass eine adelige und schöne Frau, die Madonna Filippa hieß und verliebter war als irgendeine andere, eines Nachts in ihrem eigenen Schlafgemach von Rinaldo del Pugliesi, ihrem Gatten, in den Armen des Lazzarino de Guazaliotri, eines jungen und schönen Edelmannes aus derselben Stadt, den sie liebte wie ihr eigenes Leben, gefunden wurde. Bei diesem Anblick geriet Rinaldo so außer sich, dass er sich kaum bezwingen konnte, nicht über sie herzufallen und sie zu töten. Und wäre er nicht wegen der Folgen besorgt gewesen, so hätte er dem Ungestüm seines Zornes gehorcht und also getan. So enthielt er sich zwar dieses Verlangens, begehrte aber stattdessen von dem grausamen Prateser Gesetze den Tod seiner Frau, den zu vollstrecken ihm selbst verboten war. Da er nun ein ziemlich ausreichendes Zeugnis hatte, um den Fehltritt seiner Frau zu beweisen, verklagte er sie, ohne besseren Rat anzunehmen, sobald es tag geworden war und ließ sie vor das Gericht fordern. Die Frau, die gar kühnen Mutes war, wie man dies bei allen zu finden pflegt, die in wahrhafter Liebe entbrannt sind, beharrte, so nachdrücklich ihr auch von vielen Freunden und Verwandten abgeraten wurde, auf ihrem Vorsatz zu erscheinen und lieber mit dem Geständnis der Wahrheit starken Geistes zu sterben, als nach feiger Flucht in der Verbannung zu leben und sich dadurch eines so edlen Geliebten unwehr zu erweisen, wie es der war, in dessen Armen sie die vorige Nacht verlebt hatte. Sie erschien also mit einem stattlichen Gefolge von Damen und Männern, die ihr alle zu leugnen rieten, vor dem Podesta und fragte diesen mit furchtlosem Blick und fester Stimme, was er von ihr begehre. Als der Podester sie ins Auge fasste und gewahrte, wie schön sie war, und wie viel edlen Anstand sie besaß, und als er ihren Worten zugleich entnahm, welch hohen Sinn sie hegte, fing er an, Mitleid mit ihr zu empfinden und sich zu sorgen, dass sie Dinge bekennen möchte, um deren Willen er durch seine Ehre genötigt wäre, sie zum Tode zu verurteilen. Deshalb sagte er zu ihr, da er doch nicht umhin konnte, sie über das zu befragen, dessen man sie beschuldigte. Madonna, wie ihr seht, ist Rinaldo, Euer Gatte, hier anwesend und beklagt sich über euch, die er mit einem anderen Manne im Ehebruch betroffen zu haben behauptet. Ihr begehrt nun, dass ich euch, einem bestehenden Gesetze zufolge, dafür mit dem Tode bestrafe. Ich kann dies aber nur dann tun, wenn ihr selbst euch schuldig bekennt. Habt denn also wohl Acht, wie ihr antwortet, und sagt mir, ob das wahr ist, dessen Euer Gatte euch beschuldigt. Hierauf antwortete die Dame, ohne die Fassung im geringsten zu verlieren, mit heiterer Stimme. Messer, es ist vollkommen wahr, dass Rinaldo mein Ehemann ist und mich in der vergangenen Nacht in Lazzarinos Armen gefunden hat, in denen ich, wie ich niemals leugnen werde, aus wahrer und inniger Liebe, die ich für ihn hege, oftmals Gewalt habe. Nun wisst ihr aber auch, dass die Gesetze gemeinsam seien und unter Zustimmung derer beschlossen werden müssen, die sie betreffen. So verhält es sich aber nicht mit diesem Gesetze, dass allein den armen Weibern Zwang auferlegt, obwohl sie doch, weit besser als die Männer, mehreren zugleich zu genügen imstande sind. Außerdem hat, als dieses Gesetz erlassen wurde, weder eine Frau ihre Einwilligung dazu gegeben, noch ist auch nur eine darum befragt worden. Mit Recht kann man es aus diesen Gründen ein arges Gesetz nennen. Wollt ihr indes meinem Leben und eurem Gewissen zum Schaden euch dazu hergeben, dessen vollstrecker zu sein, so steht dies in eurem Belieben. Bevor ihr jedoch weiter vorschreitet und irgendein Urteil fällt, ersuche ich euch, dass ihr mir die kleine Gunst erweist, meinen Gatten zu fragen, ob ich ihm jedes Mal und so oft es ihm beliebte, ohne einmal Nein zu sagen, seine volle Lust an mir gewährt habe oder nicht? Ohne die Frage des Protester abzuwarten, antwortete Rinaldo hierauf, dass die Frau ihm allerdings auf jedes Begehren volle Befriedigung seiner Wünsche gestattet habe. Wohl an denn, fuhr sogleich die Dame fort, so frage ich euch, Herr, was ich, wenn er zu jeder Zeit sich genommen hat, wessen er bedurfte und wonach ihn gelüstete, mit dem machen sollte oder noch soll, dass er übrig lässt? Soll ich's vielleicht den Hunden vorwerfen? Oder ist es nicht besser, es einem Edelmann zu gewähren, der mich mehr liebt als sich selbst, statt es verloren gehen und umkommen zu lassen. Zu diesem Verhör einer so ausgezeichneten und bekannten Dame waren fast sämtliche Bewohner von Prato herbeigekommen. Als sie nun diese ergötzliche Frage vernahmen, riefen sie alle nach vielem Gelächter wie aus einem Munde, dass die Dame Recht habe und wohl spreche. Noch bevor sie auseinandergingen, änderten sie auf Anraten des Protester jenes unbillige Gesetz und bestinnten, dass es in Zukunft nur für die Frauen gelten solle, welche sich für Geld gegen ihre Männer vergingen. So verließ den Rinaldo, beschämt über sein törichtes Unternehmen, das Gericht. Die Dame aber kehrte fröhlich und frei, als wäre sie vom Scheiterhaufen erstanden, siegreich in ihr elterliches Haus zurück.
Outro
SPEAKER_00Wie hat euch diese Geschichte gefallen? Was für eine Frau, oder? Genau betrachtet argumentiert Madonna Philippa ja mit einem leiblichen Recht auf vollständige sexuelle Befriedigung. Und das ist mir so auch in moderner Literatur noch nicht begegnet. Aber hier in dieser Geschichte aus der Renaissance. Wenn euch der Podcast gefällt, dann tut mir doch den Gefallen und gebt ihm einen Daumen nach oben. Ich freue mich über Lob und Kritik und jegliche Kommentare und natürlich auch, wenn ihr den Podcast allgemein weiterempfehlt. Bis bald bei gut gesagt.