Sabeas Traum
Sabeas Traum ist der dritte Roman in der "Sabea"-Serie des Berner Schriftstellers Markus Stadler. Er ist 2026 erschienen und im regulären Buchhandel erhältlich oder direkt bei amazon bestellbar.
Die Story handelt von der materiellen Armut von Pflegestudierenden, aber auch von Freundschaft sowie der Weiterentwicklung des Anthropomorphismus, des Versuchs, Pflegefachpersonen aus ökonomischen Gründen durch deren digitale Zwillinge zu ersetzen.
Sabeas Traum
Sabeas Traum - 3. Episode - Flurina
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Flurina, Darias beste Freundin, stattet Sabea mit ihrem Riesenschnauzer Nala einen Überraschungsbesuch ab. Während sich Sabeas kleine Töchter mit Duplo-Steinen vergnügen, teilen die beiden Frauen ihre Betroffenheit wegen Darias Tod.
Flurina, nebst ihrem Job als Pflegefachfrau eine engagierte Berufspolitikerin, vor allem, wenn es um Studierende geht, versucht, Sabea zu sensibilisieren.
Sabejas Traum Der Podcast zum gleichnamigen Buch Autor Markus Stadler Sebejas Traum sowie die beiden vorangehenden Romane Sabejas Haus und Sabeas Baby sind bei Emerson bestellbar. Drittes Kapitel Florina Als Sabea im Türspion Florina erkannte, strahlte sie. Derzeit war ihr Leben alles andere als einfach, die intensive Betreuung der kleinen Gratia raubte ihr sämtliche Energien. Die Symptome der Gamma-Propeller-Proteinassoziierten Neurodegeneration äußerten sich bei Gratia zwar sehr moderat, was wohl nicht zuletzt auf den geheimnisvollen Wirkstoff der Cyania heluensis zurückzuführen war, die Ambrosius nun doch schon seit einiger Zeit in einem kleinen Treibhaus in Sabeas Garten züchtete. Die Extraktion im Labor war sehr kostenintensiv. Ambrosius hatte zwar eine Lizenz unterzeichnet, die es der Pharmaindustrie ermöglicht hätte, den Wirkstoff zu synthetisieren, was mit der Zeit wohl auch die Kosten gesenkt hätte. Bis die Zulassung eines neuen Medikaments durch die staatliche Prüfstelle erfolgte, konnten aber Jahre vergehen. Zudem hielt sich das Interesse der Pharmaindustrie in Grenzen, weil es sich bei Gracias Stoffwechselerkrankung um ein sehr seltenes Krankheitsbild handelte, in das zu investieren es sich kaum lohnte. Florina war noch nie bei Sabea zu Hause gewesen und sofort angetan vom gemütlichen Haus. Schon nur im Eingangsbereich gab es drei Holzschienen an einer Wand, auf denen Sabea Fundstücke ausstellte, die sie auf ihren Waldspazär gingen, meistens mit Marion und Gratia, sammelte. Tannenzapfen, interessant geformte Steine, Baumrinden und getrocknete Fahne. Dein Hund ist selbstverständlich auch willkommen, lachte Sabea. Wie heißt er übrigens? Nala. Es ist eine sie. Florina war eine Waldgängerin, einer Frau, die einen Teil ihrer Lebensenergie aus ausgedehnten Waldspazergän mit ihrem Hund, einem aufgeweckten, hellhaarigen Riesenschnürzer, schöpfte. Und das war schon die erste von Florinas Besonderheiten. Eine nahezu unerschöpfliche Energie ging von ihr aus, wenn es sich darum handelte, andere, insbesondere ihre geliebten Studentinnen und Studenten der Pflege, soweit es in ihren Möglichkeiten lag, zu unterstützen. Florina entledigte sich ihres grünen Anorax, der auch schon bessere Tage gesehen hatte, hängte ihn über den Bügel, den Sabea ihr reichte und senkte den Blick. Entschuldige, Sabea, dass ich hier einfach so reinplatze und mich derart neugierig umsehe, aber dein Haus nimmt mich irgendwie gefangen. Das geht fast allen so, lachte Sabea. Das Haus hat aber auch eine sehr besondere Geschichte, die es wohl allen erzählen würde, die sie hören wollen, führte sie nachdenklich und nun etwas ernster an. Dann bat sie Florina ins Wohnzimmer, dessen Boden mit Duplusteinen übersät war. Eigentlich ist Marion längst in einem Alter, in dem sie Lego spielen könnte, sagte Sabea. Aber das Risiko, dass sich Gratia den einen oder anderen kleinen Lego-Block in den Mund schiebt und sich daran verschluckt, ist einfach zu groß. Erst jetzt entdeckte Florina die beiden Mädchen, die beim Sofa kauerten und Duplusteine hin und her schoben. Ohne die Kinder zu kennen, fiel ihr sofort ins Auge, wie sehr sie einander zugetan waren und wie geduldig sich Marion verhielt, als Kleingratia immer wieder versuchte, Steine wegzuschieben, aus denen Marion ein kleines Haus bauen wollte. Wie geht es Gratia eigentlich? fragte Florina. Alle hatten die Geschichte um Gratia mitbekommen, die im Geburtshaus Elfenberg zur Welt gekommen und von einer seltenen, lebensverkürzenden Stoffwechselerkrankung betroffen war. Sie gedeiht, seufzte Sabiya, aber nichts ist sicher. Wir sind immerhin, wie du vielleicht auch weißt, im glücklichen Besitz der Cyania Heluensis, die es bislang nur ein einziges Mal auf der Welt gibt, nämlich auf Maui. Wir züchten sie nun im Garten und können ihr einen Wirkstoff entnehmen, der Gracias Symptome lindert. An Sabeas Tonfall merkte die sensible Florina sofort, dass sie die Geschichte schon oft erzählt hatte und ihr vermutlich daran gelegen war, das Thema zu wechseln. Der Wasserkocher begann zu summen, und Sabea offerierte Florina selbstgebackene Kekse. Als sie sich zu ihr an den Tisch setzte, fielen ihr einmal mehr Florinas dunkelbraune, klug und aufmerksam in die Welt blickenden Augen auf, mit denen sie die Menschen um sich herum immer wieder gefangen nahm. Ausnahmsweise trug Florina ihr gelocktes, schwarzes Haar offen. Sonst hatte sie es meist zu einem Pferdeschwanz gebändigt, aber ihr aktuelles Aussehen verlieh ihr etwas Naturnahes, das Aussehen einer Waldgängerin eben. Florina trug eine feine Halskette mit einem goldenen Herzchen, was ihr hübsches, liebenswertes Äußeres zusätzlich unterstrich. Du kommst wegen Daria zu mir, richtig, nahm Sabea das Gespräch auf. Sofort füllten sich Florinas Augen mit Tränen. Ihr seid sehr gute Freundinnen gewesen, richtig, setzte Sabea das Gespräch fort. Dann legte sich eine Zeit lang Stille über das Wohnzimmer. Zu hören war nur Marions Lachen und das leise, zufriedene Brabbeln ihrer kleinen Schwester. Nala hatte sich unter den Tisch verzogen, nachdem Sabea ihr eine Schale mit Wasser hingestellt hatte. Daria war keine gewöhnliche Studentin, sagte Florina in die Stille hinein. Sie hatte etwas, irgendwie wie aus einer anderen Welt. Ihre Augen blickten ins Leere. Sabea, die Florina als rational denkende, gut strukturierte und sich an Tatsachen orientierende Berufskollegin kannte, wirkte überrascht, als sie Florina so reden hörte. Ich will damit sagen, dass Dariya den Menschen um sich herum unendlich viel Liebe gegeben hat, so, als hätte sie geahnt, dass sie derart jung sterben würde. Dann weinte Florina haltlos, entschuldigte sich aber sofort bei Sabea. Dann erzählte sie ihr alles, was sie von Darias Leben wusste, alles über deren Armut, ihren Lebenswillen und ihre Suche nach einer Möglichkeit, die Pflegeausbildung abzuschließen, mit genügend Nahrung, warmen Kleidern und einem Dach über dem Kopf. Als sie Sabea von Darias Liebesbeziehung mit Arthur, dem Mitarbeiter des Bühlwiler Friedhofs, erzählte, stockte sie wieder. Er ist vielleicht nicht mal ein schlechter Kerl, sagte sie, aber Dari und er sind sich einfach zur falschen Zeit am falschen Ort begegnet. Dann schilderte Florina farbenreich ihren Besuch mit Dariya in Arthus Wohnung, berichtete von deren desolatem Zustand und von Arthur's massivem Alkoholproblem. Arthur war nach Darias Tod verhört worden, und es war an den Tag gekommen, dass er in der fraglichen Nacht, als Daria nach dem Spätdienst nach Hause zurückgekehrt war, schwer betrunken in der Wohnung lag und Dari selbst da nicht hätte öffnen können, wenn er die Türklinge gehört hätte. Es konnte kein Straftatbestand gegen Arthur erhoben werden, und so blieb ihm lediglich die moralische Last, die er wohl ein Leben lang mit sich würde, herumtragen müssen. Ich hoffe nur, dass Darias Eltern von diesem Teil der Geschichte nicht zu viel mitbekommen haben, unterbrach Sabia ihre Besucherin. Die Trauer von Ernesto und Maria Fulvia, die zu Darias Beisetzung von Milazzo angereist waren, hatte sie noch immer in lebhafter Erinnerung, vor allem die kurze, berührende Rede von Darias Vater in der Kapelle des Bühlwiler Nonnenklosters. Kennst du viele Pflegestudentinnen oder Studenten, die während der Ausbildung von Armut betroffen waren? Sabea legte ihre Hand auf die von Florina und suchte ihren Blick. Ich selbst war auch nicht gerade auf Rosen gebettet, sagte Florina leise. Aber ich komme aus einer Arztfamilie und wusste immer, dass ich bei meinen Eltern auf ein Bett und ein warmes Essen zählen konnte. Meine eigene Ausbildung nahm einige unerwartete Wendungen, und ab einem gewissen Punkt war es vor allem meinem Vater wichtig, dass ich auf eigenen Füßen stehe. Aber eben, ich hatte jemanden im Hintergrund. Sabea erinnerte sich an ihre Großmutter, von der sie das Haus geerbt hatte, und ihr wurde bewusst, dass auch sie immer jemanden gehabt hatte, auf den sie zählen konnte. Bei Daria, deren Eltern nach Italien zurückgereist waren, verhielt es sich anders. Viele Studentinnen und Studenten sind knapp bei Kasse, das war wohl schon zu Goetheszeiten so. Florina lachte wieder zwischen ihren Tränen. Bei den Ausbildungen im Gesundheitswesen handelt es sich aber, wie du weißt, nicht um ein klassisches Studium. In den Praktika muss sehr viel geleistet werden, auf den Schultern der Studentinnen und, Studentenlastet von Anfang an Verantwortung. Eigentlich braucht es gar nicht immer groß angelegte Studien rund um Arbeitsbedingungen, fuhr Florina fort. Viele Organisationen würden bereits mit dem Einhalten der gesetzlich festgelegten Pausen und Ruhezeiten viel gewinnen. Fühlt man sich als Studentin oder als Student ausgenutzt oder gar versklavt, wiegt es noch schwerer, wenn einem am Praxisort, an dem man arbeitet, zusätzliche Sparmaßnahmen das Leben schwer machen. Florina war jetzt ganz die Berufspolitikerin, und Darias Tod, der Tod ihrer geliebten Freundin, spornte sie erst recht zu konkreten Ideen und darauf folgenden Taten an. Wie kann ich helfen, fragte Sabea. Ich erwarte nichts von dir. Ich vertraue dir einfach. Ich weiß, dass du und dein Partner aus dem Pflege- und Alterszentrum Elfenberg das Bestmögliche herausholen. Ihr tut viel für die Bewohnerinnen und Bewohner, ihr gönnt dem Personal feudale Kasachs aus chinesischer Seide, in denen man nicht schwitzt. Ihr habt uns allen sogar eine eigene Schwimmhalle ermöglicht. So steht der Elfenberg auch in den Medien als Leuchtturm da. Auch das Geburtshaus Elfenberg scheint sich zu einem Erfolgsmodell zu entwickeln. Aber, Sabea, mir scheint, ihr habt bei allem Ehrgeiz rund um Innovationen uns, die Pflegestudentinnen und Studenten vergessen. Nicht nur uns, fügte sie rasch an. Ich denke natürlich auch an Hebammenstudierende, an Studierende der Physiotherapie, der Ernährung und Diätetik sowie weiterer Berufe, etwa der Dentalhygiene, die ebenfalls am Pflege- und Alterszentrum Elfenberg ausgebildet werden. Aber was Daria angeht, sie war halt eine Studentin der Pflege und lag mir auch deshalb ganz besonders am Herzen, weil sie denselben Beruf ausüben wollte wie ich. Sabea nickte verständnisvoll. Florinas Stimmung ging auf sie über, denn auch Sabea hatte ein ausgesprochen großes Herz für Auszubildende, wenn sie auch, als Teilzeitmutter, weniger mit ihnen zu tun hatte, als ihr lieb gewesen wäre. Aber sie beschloss, mit Florina die Köpfe zusammen zu stecken und sich zu überlegen, wie nicht nur die Arbeitsbedingungen, sondern das Leben von Studentinnen und Studenten ganz grundsätzlich in bessere Bahnen gelenkt werden könnte. Weder der Berufsverband noch die Politikerinnen und Politiker und schon gar nicht die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber schienen dazu imstande zu sein. Sie ergingen sich lediglich in Diskussionen rund um die gegenwärtige Arbeitswelt, deren Realität brüchig war, Ängste auslöste und für viele nicht zu fassen war. Daraus ergaben sich wiederum zahllose Schlagworte, auf denen Berufsverbände ihre Existenz aufbauten und Politikerinnen und Politiker sich ihre nächste Wahl sicherten. Noch in derselben Nacht, wenn Marion und Gratia friedlich schliefen, würde Sabia Ambrosius in ihre Gedanken mit einbeziehen und das Thema mit ihm erörtern. Ich werde sehen, ob ich etwas tun kann, seufzte Sabea. Danke, dass du mich aufgesucht hast. Du bist hier zu jeder Tages- und Nachtzeit willkommen. Damit signalierte Sabea, wie sehr sie die kluge, sensible und willensstarke Florina ins Herz geschlossen hatte. Sie würde alles daransetzen, um Florina in ihren Ideen und Plänen zu bestärken. Florina stand auf und schaute Marion und der kleinen Grazia noch eine Weile beim Spielen zu. Dann schlüpfte sie in ihren grünen Anorak, nahm Nala an die Leine und verabschiedete sich von Sabea. Der Grundstein zu einer langen und auch produktiven Freundschaft zwischen den beiden Frauen war gelegt.