Sabeas Traum

Sabeas Traum - 5. Episode - Sina und die Abteilung Klosterblick

Markus Stadler Season 3 Episode 5

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Es bahnen sich weitere Spannungen an. Ambrosius erfüllt seine Vaterpflichten bei weitem nicht und widmet sich viel lieber der Forschung, gemeinsam mit seinem chinesischen Freund Wu. Unterdessen unternimmt Sabea alles, um Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen.

Nicht nur Ambrosius, sondern auch Wu sind insbesondere von einem digitalen Zwilling hingerissen. Das neuronale Netzwerk von Sina, einer Pflegeroboterin, ist leistungsfähiger als andere.

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Sabeas Traum Der Podcast zum gleichnamigen Buch von Markus Stadler. Auch die beiden vorangehenden Romane Sabejas Haus und Sabeas Baby sind im regulären Buchhandel bestellbar. 5. Kapitel Sina und die Abteilung Klosterbleck. Sie schläft. Sanft legte Sabea die kleine Grazia in ihr Bettchen, nahm Marion zu sich, schlüpfte zu Ambrosius und das Leintuch und kuschelte sich an beide. Schon seit längerem befand sich das Paar auf einer emotionalen Achterbahnfahrt. Das hatte damit zu tun, dass Ambrosius sich seit Marions Geburt nicht an die Abmachung hielt, einen Tag pro Woche zu Hause zu verbringen. Seit Gratia mit ihrer neurodegenerativen Erkrankung auf der Welt war, schien es Sabea, ihr Partner verbringe noch mehr Zeit an seinem Arbeitsplatz, dem Pflege- und Alterszentrum Elfenberg, an dem Sabea mittlerweile eine niederprozentige Anstellung im vierten Stock angetreten hatte, um flexibel für ihre Kinder da sein zu können. Allerdings hatten mittlerweile alle Stationen einen Gruppenchat eingerichtet, bei dem es nicht etwa darum ging, soziale Kontakte innerhalb der Pflegeteams zu fördern, sondern darum, das Personal bei Krankheitsausfällen erreichen und Tag, Spät und Nachtdienste abdecken zu können. Das funktionierte fast immer. Gerade bei Pflegefachpersonen stellt sich naturgemäß rasch ein schlechtes Gewissen ein, wenn sie sich etwa im Schwimmbad aufhalten, ihre Freizeit genießen und sich die Stationsleitung via besagtem Gruppenchat meldet, weil eine Mitarbeiterin krank ist und ersetzt werden muss. Darum gestaltete sich auch die Lebens- und die Dienstplanung von Sabea besonders anspruchsvoll, verlangte doch ihre jüngere Tochter viel Aufmerksamkeit, und auch Marion hatte ein Recht, beachtet zu werden und Liebe geschenkt zu bekommen, etwa auf ausgedehnten Waldspazärgängen mit ihrer Mutter. Sabeas Freundinnen, besonders Priska mit ihrem Sohn Mario, der dasselbe Alter hatte wie Marion und praktisch mit ihr aufwuchs, und auch Aranka vom Platanenhof, die Ehefrau von Wu, unterstützten Sabea auf jede nur erdenkliche Weise, aber die Gesamtplanung war ausgesprochen strapazius. Sabea mochte sich nicht vorstellen, wie Gratias Leben ohne das Extrakt aus der Cyania Heluensis verlaufen wäre. Die erfolgreiche Treibhauszucht in Sabeas Garten war in erster Linie Ambrosius und dessen Gewissenhaftigkeit zu verdanken. Genau darum liebte sie ihren Partner. Ambrosius war seine Familie keineswegs egal. Wenn er zu Hause war, kümmerte er sich rührend um die beiden Töchter. Sein Beruf und vor allem die Verantwortung, die auf ihm lastete, machten es ihm allerdings schwer, genügend Zeit für die kleine Familie einzuplanen. Viele von Ambrosius' Einsätzen waren zudem unvorhersehbar und spontan. Und nun war da diese Achillesferse, die Abteilung Klosterbleck, auf der nicht nur digitale Zwillinge verstorbener Patientinnen und Patienten betreut wurden. Nein, auch der größte Teil des Pflegeteams bestand aus Avataren, täuschend echten Nachahmungen real existierender Gesundheitsfachpersonen, die auf den Elfenbergstationen ihrer Arbeit nachgingen oder nachgegangen waren. Selbst die inneren Organe der digitalen Zwillinge entsprachen mit jedem Entwicklungsschritt mehr und mehr denen der Originale. Stand bei diesen ein chirurgischer Eingriff an, würde zuerst am digitalen Zwilling geübt werden können, etwa mit Operationsrobotern, so die Vision. Ambrosius redete nicht gerne über die Abteilung Klosterblick, wusste er doch, dass deren Existenz auch aus ethischer Sicht und aus Gründen der Patientinnen- und Patientensicherheit nicht unumstritten war. Die Abteilung war aber unverzichtbar, wenn die Finanzen des Alters und Pflegezentrums Elfenberg im Lot bleiben sollten. Die Betriebskosten der Pflegeroboterinnen und Roboter, die auf dem Klosterblick ihren Dienst verrichteten, beliefen sich auf 4 Franken 45 pro Stunde und lagen somit um ein Mehrfaches unter den ohnehin schon sehr knapp berechneten Monatsgehältern der Studierenden, ganz zu schweigen von den Gehältern des restlichen Gesundheitspersonals. Der Kanton, der dem Pflege- und Alterszentrum Elfenberg eine unbefristete Betriebsbewilligung erteilt hatte, gehörte zu den Schlusslichtern im Land, verglichen mit anderen Kantonen, die ihre Studentinnen und Studenten der Pflege zwar auch nicht fürstlich, aber doch einigermaßen gerecht entlöhnten und ihnen am Monatsende nicht bloß ein Taschengeld überwiesen. Die Firma, welche die digitalen Zwillinge in den letzten Jahren in einem Maß weiterentwickelt hatte, das selbst Wu, den Wissenschaftler, an den Rand der Überforderung brachte, war äußerst erfolgreich. Eine Zeit lang hatte er der Forschung entsagt und sich mit Leidenschaft zusammen mit seiner Frau Aranka der Landwirtschaft gewidmet. Außerdem war Wu Stolzer Vater der Kleinen Ling, die unverkennbar seine Gesichtszüge trug. Ambrosius hatte ihn in früheren Jahren als kühl kalkulierenden, innovativen und hochintelligenten Menschen kennengelernt und ihn davon überzeugen können, als wissenschaftlicher Berater auf der Abteilung Klosterblick den Dienst wieder aufzunehmen. Besonders Sina mit ihrem wittenden Pferdeschwanz, ein digitaler Zwilling, der sehr schnell dazu lernte, hatte es nicht nur Ambrosius, sondern auch Wu, seinem chinesischen Freund, angetan. Sina war die exakte Kopie von Amalia, einer der ehemaligen Stationsleiterinnen. Ambrosius war beim von einem blauen Leser unterstützten Transfer zu einer Pflegeroboterin anwesend gewesen, wie seinerzeit auch bei Sabea, von der ebenfalls eine digitale Kopie existierte. Diese war auf Antrag der echten Sabea allerdings schon vor längerer Zeit vom Dienst abgezogen und im Untergeschoss des Pflege- und Alterszentrums Elfenberg eingelagert worden. Sina und die weiteren digitalen Zwillinge, somit auch die Patientinnen und Patienten auf der Abteilung Klosterblick, waren nichts weiter als künstliche neuronale Netzwerke und somit Algorithmen, die der Funktionsweise des menschlichen Gehirns nachempfunden sind. Man hatte ihnen lediglich die Gestalt von Pflegefachpersonen verliehen. Die erwähnten Netzwerke sind im Grunde sehr schlicht aufgebaut. Sie bestehen aus einer Eingabeschicht, einer verborgenen, verarbeitenden Schicht und einer Ausgabeschicht. Den Entwicklerinnen und Entwicklern war es über die Jahre gelungen, die Algorithmen so weit zu optimieren, dass, mit entsprechenden körperlichen Anpassungen und einer differenzierten Mimik, archetypische Pflegefachfrauen, aber auch vereinzelte Pflegefachmänner erschaffen wurden, die ihren Dienst sehr gewissenhaft versahen. Dies nicht nur, was manuelles Geschick angeht, sondern auch, was Emotionalität betrifft. Im Gegensatz zu zahlreichen Menschen, seien es Therapeutinnen und Therapeuten, Verkäuferinnen und Verkäufer, Psychologinnen und Psychologen, hören digitale Zwillinge nämlich genau zu. Darin besteht ihr Heimvorteil gegenüber real existierenden Menschen. Diese haben, womöglich aus Gründen des Zeitdrucks, das Zuhören oft verlernt. Und mit jedem Satz, den die Pflegeroboterinnen und Roboter auf der Abteilung Klosterblick zu hören bekommen, lernen sie dazu und verfeinern ihre Netzwerke, bilden zusätzliche Neuronen und digitale Synapsen. Sina, der Lieblingsroboterin von Ambrosius, schien dies besonders gut zu gelingen. Bei ihr waren die Netzstrukturen besonders tief ausgeprägt, und Sina schien keine Grenzen zu kennen, wenn es darum ging, noch differenzierteres Lernen zu entwickeln. Derzeit war sie ausschließlich auf der Abteilung Klosterblick eingeteilt und betreute somit ihresgleichen, digitale Zwillinge verstorbener Bewohnerinnen und Bewohner. Ambrosius plante, vor allem auf Druck eines Geschäftsleitungsmitglieds hin, Sina und ihresgleichen vermehrt auf regulären Stationen arbeiten zu lassen, um menschliches Personal, insbesondere die zum Teil betreuungsaufwendigen Pflegestudentinnen und Studenten, zu ersetzen. Erste Versuche, etwa bei der Mobilisation von Bewohnerinnen und Bewohnern und bei der Essensausgabe, waren bereits auf dem Weg zum Erfolg, wenn auch nicht immer. Manchmal reagierten die Bewohnerinnen und Bewohner noch irritiert, wenn ihnen ein digitaler Zwilling die Strümpfe hochzog, beim Mittagessen Fleisch und Gemüse zerkleinerte oder sie auf ihren Rohlstühlen von Rösti und Rivella wegholte und sie in ihre Zimmer oder Suiten schob, bevor sie fertig gegessen hatten. Die Neuronen der Zukunft wurden von der Firma, an der Ambrosius finanziell beteiligt war, entwickelt und würden demnächst nicht nur die Gesundheits-, sondern beinahe alle Berufe revolutionieren, die bis dahin von Menschen aus Fleisch und Blut ausgeführt worden sind. Es traten zwar immer wieder Fehler auf, aber die neuronalen Netze lernten dazu, und bei jedem Lerndurchgang würden entsprechende Neuronen so verändert, dass Fehler und Irrtümer so lange minimiert wurden, bis sie gänzlich verschwanden oder zumindest nicht mehr messbar waren. Neben der wissenschaftlichen Faszination, die Ambrosius einnahm, stand der Oberarzt auch unter betriebswirtschaftlichem Druck und unter strengem Geheimhaltungszwang. Die Zeiten, in denen Lobo, ein Pflegeroboter-Prototyp, der Tochter von Herrn Rothenbühler, einem Bewohner, sämtliche Knochen gebrochen hatte, lagen nun um Jahre zurück. Der Zwischenfall war nie gänzlich aufgearbeitet worden und nie an die Medien gelangt. Spracherkennung, Mustererkennung, Gesichtserkennung, Bilderkennung, Verstehen und Deuten natürlicher Sprache. Schritt für Schritt würden digitale Zwillinge ihre Denkmuster denen von Menschen angleichen, und diese Schritte wurden immer größer. Sabea bekam von derartigen Entwicklungen nur punktuell etwas mit, zudem hielt sich ihr Interesse in Grenzen. Die Entwicklungen auf der Klosterblickabteilung wurden nach wie vor so gut wie möglich unter Verschluss gehalten. Und Sabea widmete sich lieber ihren menschlichen Bewohnerinnen und Bewohnern, verfeinerte ihre Pilzsuppenrezepte, erweiterte ihre Botanikkenntnisse, und der Pflanzenreichtum des Waldes, in dem ihre Familie lebte, überwältigte sie immer wieder aufs Neue. Zudem hatte sie sich um ihre zwei kleinen Mädchen zu kümmern. Sie pflegte ihre Freundschaften, insbesondere auch die zu Bettina, der Wanderhebamme, die bei der Geburt beider Töchter mit dabei gewesen war. Und Sabea war fest entschlossen, Florina, die engagierte Pflegefachfrau, die sich für Studentinnen und Studenten der Pflege einsetzte, mit all ihren Möglichkeiten zu unterstützen, egal was ihr Partner Ambrosius dazu sagte.