Sabeas Traum
Sabeas Traum ist der dritte Roman in der "Sabea"-Serie des Berner Schriftstellers Markus Stadler. Er ist 2026 erschienen und im regulären Buchhandel erhältlich oder direkt bei amazon bestellbar.
Die Story handelt von der materiellen Armut von Pflegestudierenden, aber auch von Freundschaft sowie der Weiterentwicklung des Anthropomorphismus, des Versuchs, Pflegefachpersonen aus ökonomischen Gründen durch deren digitale Zwillinge zu ersetzen.
Sabeas Traum
Sabeas Traum - 6. Episode - das magische Band
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Flurina verzweifelt ob der politischen Realitäten, die einen fairen und ausgeglichenen Umgang mit Studierenden, was deren Gehälter angeht, bis heute nahezu verunmöglichen. Was Flurina besonders belastet ist die Tatsache, dass das Risiko von Pflegestudierenden davon abhängt, in welchem Kanton sie leben. Und das in der Schweiz!
Sabea bemüht sich, zuzuhören, ist aber in Gedanken bei Grazia, ihrer kleinen Tochter, die soeben wieder einen Anfall erleiden musste.
In der Nacht träumt Sabea von ihrer Freundin Xeneputh, besucht sie in deren Wohnung und spürt ein schon fast körperliches Verlangen nach ihr. Da ist ein magisches Band.
Sabejas Traum Der Podcast zum gleichnamigen Buch von Markus Stadler Auch die beiden vorangehenden Romane Sabejas Haus und Sabeas Baby sind im regulären Buchhandel bestellbar. 6. Kapitel Das magische Band. Da klingelte Sabeas Handy. Sie erschrak jedes Mal, wenn der fröhliche Standard Klingelton loslegte, und sie hatte sich schon lange vorgenommen, einen sanfteren Sound hochzuladen, vielleicht etwas mit einer Harfe. Als hätte sie gespürt, dass Sabea soeben an sie gedacht hatte, war Florina am Apparat, völlig aufgewühlt. Es hat keinen Sinn, Sabea, seufzte sie. Ich habe vor mir eine Übersicht, die die schweizerische GesundheitsdirektorInnen- und Direktorenkonferenz zusammengestellt hat. Auf der Tabelle ist ersichtlich, welcher Kanton die Studierenden der Pfleger auf welche Art unterstützt, sei es mit Anfangsgehältern, die eine Minimal Existenz garantieren, über einen vereinfachten Zugriff zu Stipendien bis hin zu, gar nichts. Dabei ist in der Verfassung verankert, dass den Studierenden ein existenzsicherndes Auskommen gewährt werden soll. In der Verfassung, betonte Florina empört. Das bedeutet doch nichts anderes, als dass sich alle Kantone auf bestimmte Grundsätze einigen sollten. Die Verfassung ist doch das Herz aller politischen Vereinbarungen. Dem ist aber keineswegs so. In einigen Kantonen kommt das Studium der Pflege einem Armutsrisiko gleich, in anderen wiederum nicht. Wobei mir bewusst ist, dass es in anderen Berufen nicht besser aussieht. Die haben aber auch keine 24-Stunden-Bereitschaft, mit Nachtdienst und so, und mit der Verantwortung auf den Abteilungen ist das auch so eine Sache, ergänzte Florina trotzig, dachte einfach mal laut und redete sich ins Feuer. Sind doch nichts als ein Sauhaufen, diese Politikerinnen und Politiker. Beruhige dich erstmal. Sabea war gerade nicht in Stimmung für eine ausgedehnte politische Auseinandersetzung, und für sie stand außer Zweifel, dass Florina ihr, was politisches Wissen und Argumente zum Thema betraf, weit voraus war. Sabea war keineswegs unpolitisch und hatte sich während ihrer Ausbildung sogar einmal, in einem Großspital, an einem Streik beteiligt. Allerdings waren ihre damaligen Teamkolleginnen ratlos gewesen, wie sich ein Pflegestreik gestalten sollte. Nicht mehr auf die Klingen gehen und die Patienten einfach warten lassen? Keinen warmen Tee zubereiten und zum Trinken nur noch Leitungswasser verteilen? Niemand, wirklich niemand, hätte das auf ihrer damaligen Station übers Herz gebracht, und so hatte sich ihr Team, zum Unwillen der Spitalmedienstelle, dazu entschlossen, sich im Korridor auf den Boden zu setzen und den interessierten Medien sitzen dreht und Antwort zu stehen. Ein Symbolstreik. Vereinzelte Besucherinnen und Besucher hatten ungehalten reagiert. Seid froh, habt ihr überhaupt einen Job, war etwa eine der abfälligen Bemerkungen. Weiber, eine weitere. Größtenteils wurde dem Pflegestreik, der vor Jahren stattgefunden hat, aber viel Sympathie, Respekt und Verständnis entgegengebracht. Allerdings hatte die Spitalmedienstelle alles dran gesetzt, dass die Veranstaltung, medial betrachtet, rasch im Sand verlaufen war. Das Management hatte jegliche Interviews abgelehnt und war für Stellungnahmen nicht erreichbar gewesen. Aber Sabea mit ihren bald 30 Jahren, Familienmutter, fühlte sich bereits einer anderen Generation zugehörig als die blutjunge Florina, die noch voller Wut, Elan und Energie steckte. Auch als Familienfrau mit einem schwerkranken Kind hatte Sabea sich mit anderen Prioritäten auseinanderzusetzen, wenngleich sie Florina immer lieber mochte und bestimmt einen Weg finden würde, ihr zur Seite zu stehen, ihrem skeptischen Lebenspartner Ambrosius zum Trotz. Ein letzter Gedanke, eine letzte Erinnerung flackerte in ihr auf, bevor sie Florina mitteilte, sie sei gerade sehr beschäftigt, würde sich aber über einen Besuch der energischen, ideenreichen Freundin freuen. Damals war es so gewesen, dass sämtliche Berufsgruppen im Gesundheitswesen, sogar gewisse Assistenzärztinnen und Ärzte, Ergotherapeutinnen und Therapeuten, die Physiotherapie, Hebarmen, aber auch der Reinigungs- und der Küchendienst sowie die Techniker sich, alle auf ihre Weise, dem Streik hatten anschließen und sich solidarisch zeigen wollen. Mengenmäßig hatten aber die Pflegefachpersonen mit ihren berufsspezifischen Anliegen derart im Vordergrund gestanden, auch mit Unterstützung der damaligen Gewerkschaften, dass berechtigte Anliegen außerhalb des Pflegeberufs gar nicht erst durchdringen konnten und somit nicht wahrgenommen wurden. Beinahe wäre es zu einem Streit unter den beruflichen Disziplinen gekommen, was das Management zur Fisan zur Kenntnis genommen hätte. Viele Spitalangestellte waren sich, aufgrund der Dominanz einer einzigen Berufsgruppe, verschaukelt vorgekommen. Pflegeautismus war noch einer der milderen Ausdrücke, die hinter vorgehaltener Hand ausgetauscht worden waren. Sabea würde sich überlegen müssen, wie sie die ehrgeizige Florina davor würde schützen können, mit ihrer berufspolitischen Energie in dieselbe Falle zu tappen. Das politische Erfolgsgeheimnis bestand wohl eher in einer gewissen Inklusion, in dem auch den Anliegen weiterer Berufsgruppengehör verschafft wird, die wieder et impera, teile und herrsche. Florina stand eine diplomatische und auch rhetorische Herkulesaufgabe bevor. Endlich wurde es Abend. Sabea wollte ihre Familie mit einem neuen Pilzsuppenrezept überraschen und entnahm dem Ofen ihr selbstgebackenes Emmentaler Brot, das vor allem Marion freudig in die Suppe tunken würde. Die Familie as schweigend, der letzte Anfall von Gratia saß allen noch immer in den Knochen. Wir haben heute Holzflugzeuge gebastelt, und Mains fliegt besser als das von Mario, strahlte Marion. Sie schaffte es immer wieder, die Familie mit ihren Kindergartenerlebnissen aufzuheitern. Am nächsten Tag hatte Sabea Frühdienst und freute sich sehr, wieder einmal mit Xene Putt, ihrer liebsten Arbeitskollegin, zusammenzuarbeiten. Alles war organisiert, Ambrosi ging später zur Arbeit, um Aranka, die an diesem Tag zu Gratia schauen und ihre kleine Tochter Ling mitbringen würde, zu empfangen. Ambrosius, der in den Familienanfangsjahren seinen Pflichten nur bedingt nachgekommen war, schien in letzter Zeit etwas wiedergutmachen zu wollen und unterstützte Sabea mit all seinen Möglichkeiten, damit sie, wenn auch nur niederprozentig, ihrem geliebten Beruf als Pflegefachfrau nachgehen konnte. Die Familie ging zu Bett und es hatte sich eingespielt, dass sie zu viert das Schlafzimmer belegten. Gratia musste auch in der Nacht überwacht werden, und Marion kroch, obwohl sie ein eigenes Zimmer hatte, ins Elternbett. Sie wollte einfach mit dazu gehören. Dann träumte Sabea. Im Traum war sie in Kariduft gehöht, obwohl nicht ganz schlüssig bewiesen ist, ob im Traum auch Gerüche wahrgenommen werden können. Sabea hätte aber gewettet, dass dem bei ihr so war. Sie roch im Traumeier schwimme, die strengen Ausdünstungen der Zwergziegen im Elfenberger Streichelzoo, und manchmal auch den Axesprä, mit dem Ambrosius sich erfrischte oder den süßlichen Duft von Felling, dem schwedischen Kraftbrei, den nicht nur Marion, sondern mittlerweile auch Gratia über alles liebte. Sabea saß am Küchentisch in der kleinen Wohnung von Xeneput. Im Korridor lag ein sorgfältig in erfrischenden Farben gearbeiteter Läufer. An der Wand hingen eingerahmte Großaufnahmen der geschichtsträchtigen pakistanischen Städte Lahore und Taxila sowie eine eindrückliche Aufnahme des Himalaya. Xeneput lebte ganz in ihrer Welt, bis hin zur Sitar, die sie hegte und pflegte wie ihre Augäpfel. Xeneput trug eine weinrote Salva-Pluderhose, die mit goldenen Stickarbeiten verziert war, und ein weites, gelbes Hemd. Ihr Haar hatte sie kunstvoll geflochten und sie war in ihre Küchenarbeit vertieft. Die beiden Frauen kannten sich schon sehr lange, hatten vieles gemeinsam erlebt und durchgemacht, auch die Zeit, in der der Bühlwiler See versickert war, sich in unterirdischen Korridoren ausgebreitet und im Dorf großen Schaden angerichtet hatte. In ihrem Traum hatte Sabea nur Augen für Xeneputs grazile Silhouette und ihr schimmerndes schwarzes Haar. Ihr ging durch und durch, wie Xeneput sich bewegte, als sie mit ihrem geheimnisvollen Lächeln eine Schale mit frisch zubereitetem Pakora, kleinen Fleisch und Gemüsestücken, von einem Teig aus Kichererbsen umhüllt, vor Sabea hinstellte. In diesem Moment fühlte sich Sabea Xeneput so eng verbunden, dass sich in ihrem Unterleib wärme ausbreitete. Im Traum liebte sie Xeneput nicht nur freundschaftlich, sondern sie fühlte sich auch körperlich zu ihr hingezogen. Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Dann wurde Sabea von Gracias Quängeln aus den Tiefen der Sinnlichkeit gerissen, und sie wusste wieder, wo sie war und was sie als nächstes zu tun hatte. Aber es bestand ohne Zweifel, das magische Band zwischen ihr und Xeneputt, mit der sie sich am nächsten Morgen durch den Tagdienst arbeiten würde.