Sabeas Traum
Sabeas Traum ist der dritte Roman in der "Sabea"-Serie des Berner Schriftstellers Markus Stadler. Er ist 2026 erschienen und im regulären Buchhandel erhältlich oder direkt bei amazon bestellbar.
Die Story handelt von der materiellen Armut von Pflegestudierenden, aber auch von Freundschaft sowie der Weiterentwicklung des Anthropomorphismus, des Versuchs, Pflegefachpersonen aus ökonomischen Gründen durch deren digitale Zwillinge zu ersetzen.
Sabeas Traum
Sabeas Traum - 7. Episode - Freigeister
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Lea, Samira, Annie und Jon, vier Pflegestudierende in unterschiedlichen Stadien ihrer Ausbildung, treffen sich mit Flurina in der Goldenen Brezel. Bei ihnen handelt es sich um Frei-Geister, um Studierende, die bei allem Bewusstsein, was gewisse Strukturen während der Ausbildung angeht, gerne auch mal über den Zaun knabbern und ihre Gedanken und Ideen etwas weiter fassen.
Sabeas Traum Der Podcast zum gleichnamigen Buch von Markus Stadler Auch die beiden vorangehenden Romane Sabeas Haus und Sabeas Baby sind im regulären Buchhandel bestellbar. 7. Kapitel Freigeister. Sie hießen Lena, Samira, Annie und John, die vier Studierenden, die derzeit im Pflege- und Alterszentrum Elfenberg ihr Praktikum absolvierten. Sie waren über drei Semester verteilt und arbeiteten auf unterschiedlichen Abteilungen. Eine der anspruchsvollsten Stationen war die Demenzabteilung im obersten Stockwerk. Dort absolvierten Pflegestudierende Vijan ihr letztes Praktikum, das mit dem Diplom abgeschlossen wurde. Er setzte sich mit Bewohnerinnen und Bewohnern auseinander, die sich in einem Stadium der Demenz befanden, in dem sie kaum mehr ansprechbar waren und während der meisten Zeit vor sich hin dämmerten. Samira und Annie im vierten Semester hatten schon bald die Hälfte der Pflegeausbildung hinter sich, und doch gab es da noch einige Berge zu erklimmen, was Prüfungen, Erlebnisse mit Elfenbergbewohnerinnen und Bewohnern und vor allem auch die Existenzsicherung, den ganz persönlichen Lebenshaushalt, anging. Die beiden Studentinnen konnten sich absolut nichts leisten und teilten sich eine kleine Dachkammer in der Nähe der Goldenen Brezel, der beliebten Bühlwiler Dorfbäckerei. Jeden Morgen strich ihnen der Duft von frischen Backwaren, die sie sich nicht leisten konnten, um die Nase. Lena hatte ihre Ausbildung gerade eben erst begonnen. Sie absolvierte ihr allererstes Praktikum im zweiten Semester. Sie arbeitete im Erdgeschoss, auf der Privatabteilung, und sie war gerade im Begriff, zu lernen, auch einmal Nein sagen zu dürfen, wenn ihr die Ansprüche der Bewohnerinnen und Bewohner über den Kopf zu wachsen drohten und sie innerhalb von zehn Minuten dreimal inselbe Zimmer oder in dieselbe Suite gerufen wurde, für Kleinigkeiten wie etwa mehr Wasser für einen Blumenstrauß, der bereits in frischem Wasser stand. Alle vier Studierenden, so unterschiedlich sie auch waren, hatten ein Vorbild. Florina, Sabeas Freundin und diplomierte Pflegefachfrau. Ihre Art, gleichzeitig keck, aber auch liebevoll mit den Bewohnerinnen und Bewohnern umzugehen, hatte etwas an sich. Auch Sabea hatte es den Studierenden angetan, wenngleich sie zu ihr auch seltener in Kontakt kamen, weil Sabea derzeit nur zu einem kleinen Prozentsatz im Elfenberg arbeitete, und wenn, dann niemals in der Nacht, sondern vorwiegend an Spätdiensten, selten im Tagdienst. Jean war der älteste der vier und lebte in Abteißingen, zusammen mit seinem belgischen Partner Matteo, der als Physiotherapeut tätig war. Und obwohl die vier Studierenden einen unterschiedlichen Lebenshintergrund hatten, verband sie etwas. Sie waren Freigeister, Menschen, die sich, bei allem Respekt vor gewissen Grundregeln, nicht sehr gerne einengen ließen. Das Pflege- und Alterszentrum Elfenberg war, was die Infrastruktur anging, in einem ausgesprochen innovativen Bereich angesiedelt. Die Bewohnerinnen und Bewohner bekamen für ihr Geld mehr als nur ein Bett in einem Zimmer, das mit einer fremden Person geteilt werden musste, flankiert von einem schlichten Nachttischmöbel, auf dem meistens ein halb ausgetrocknetes Pflänzchen stand. Weit über 6000 Schweizer Franken im Monat kostet eine derart bescheidene Unterkunft, ein entschweizer Pflegeheimen weit verbreiteter Standard. Man spricht von Vollpension, denn die betagten Bewohnerinnen und Bewohner werden nicht nur jeden Morgen gewaschen und in ihre Hohlstühle oder an ihre Roller Toren mobilisiert, sondern sie bekommen auch drei Mahlzeiten. Die hohen Monatsgebühren kommen aber niemals dem hart arbeitenden Gesundheitspersonal zugute. Hinter einer der luxuriöseren Pflege- und Altersheimketten in der Schweiz steht etwa eine der weltweit erfolgreichsten Immobilienfirmen, mit einer wirtschaftlichen Beteiligung. Denen geht es, so etwa die Hypothese der kritisch Denkenden einnie, niemals um das Wohlbefinden von Seniorinnen und Senioren, sondern ausschließlich um deren Bankkonten, die sich, bei der zumeist sehr hohen Lebenserwartung, über die Jahre gemütlich und komplett unbehelligt plündern oder, etwas bildhafter ausgedrückt, leer saugen lassen. Obwohl Lena, Samira, Annie und John unterschiedlichen Klassen und Ausbildungsstufen zugeteilt waren, hatten sie sich im Elfenberg sofort gefunden und miteinander befreundet. Was sie verbannt, war die anspruchsvolle Ausbildung, die durchzustehen sie im Begriff waren, die anregende Umgebung, in der sich das Pflege- und Alterszentrum Elfenberg befand. Aber da war noch etwas anderes. Ich bin Revolutionärin im Geiste, hatte eine ihren Kollegen einmal an einem Feierabend nach dem dritten Bier anvertraut. Was sie damit meinte, war nicht allen klar, aber Annie, deren kluge grüne Augen hinter ihrer goldgeränderten Brille hervorblitzten, hatte verschwörerisch gezwinkert. Und so kam es, dass Lena, Samira, Annie, Jean und Florina sich an einem warmen Frühlingsabend an einem Bistrottisch im neu eröffneten Brezelgarten trafen. Es war einer der sehr seltenen Momente, an denen alle fünf zugleich ein bisschen Zeit füreinander abzweigen konnten. Lena und John würden sich zwar gegen 21 Uhr verabschieden müssen, weil sie auf einer Spätschicht geplant waren. Aber das war noch eine Weile hin, und die fünf hatten endlich einmal die Gelegenheit, sich miteinander auszutauschen. John ergriff als erster das Wort. Da muss doch irgendetwas zu machen sein, sagte er. Wir sind zwar noch in der Ausbildung, klar, aber ich glaube, wir sind von vielen selbstgefälligen Menschen umzingelt, die wiederum von blinden Flecken umgeben sind. Wie meinst du das? Florina war sofort interessiert. Und da schilderte Jan seinen Arbeitsablauf auf der Station mit den dementten Menschen in weit fortgeschrittenen Phasen, wie trostlos sie ihren Tag verbrachten, zumindest aus der Sicht des lebenshungrigen, fröhlichen Jahn. Sie haben nichts, fuhr er fort. Viele von ihnen wurden, seit ich dort meine Praktikumszeit verbringe, noch nie von jemandem besucht. Die Station ist zwar topmodern und luxuriös eingerichtet, bis hin zu den teuren Bodenbelegen und den massiven Eichenholztischen. Aber wer dort einsitzt, um es mal so auszudrücken, hatte doch mal ein Leben. Bei einigen ist die Sozialanamnese eher dürftig, im Dokumentationssystem lässt sich fast nichts Brauchbares finden. Aber unter den Bewohnerinnen und Bewohnern gibt es auch einen ehemaligen Kapitän, einen Physiklehrer, eine Dachdeckerin und Frau Birrer, die ihr halbes Leben in den Bergen verbracht hat. Irgendwo in diesen Köpfen muss doch noch etwas übrig sein von dieser Vergangenheit, vielleicht nicht gerade auf einer Breitleinwand abrufbar, aber in Fragmenten. Ich würde für sie so gerne eine Umgebung gestalten, die einen Teil ihrer Vergangenheit zu einer Art neuer Gegenwart macht. Eine Zukunft haben sie wohl nicht mehr. Jean räusperte sich. Zum Beispiel würde ich im Zimmer von Herrn Saga, dem Kapitän, gerne ein Segeltuch aufspannen und es mit Ozeanblautönen bemalen, mit ihm zusammen. Jean geriet ins Schwärmen. Seine Kolleginnen wussten schon immer, dass er ein Träumer war, der sich in Zwischenwelten versetzen konnte, aber mit derart leuchtenden Augen hatten sie ihn noch nie gesehen. Aber die Realität sieht leider so aus, fuhr er traurig fort, dass meine Ideen auf der Demenzabteilung niemanden interessieren. Ich muss zusehen, dass ich mit meinen Kompetenznachweisen, mit meinen Zwischenprüfungen klarkomme. Da gibt's keinen Platz für Segeltücher. Und ihr so. Jean nahm einen großen Schluck Bier und schaute neugierig in die Runde. Wenn man das Ganze groß denkt, ich meine, richtig groß, bemerkte Florina, dann müssten wir das gesamte Pflege und Alterszentrum auf den Kopf stellen. Vieles läuft gut, da haben Ambrosius und Sabea Unsummen investiert, wie ich gehört habe. Aber unserem Arbeitsplatz fehlt eine Seele, abgesehen vom Streichelzoo vielleicht, wo sich mittlerweile stillende Mütter aus dem Geburtshaus Elfenberg mit Greisen am Rollator um Sitzplätze streiten, um den Shetland Ponis und den Zwergziegen beim Grasknabbern zuzuschauen, lachte sie. Wir brauchen einen Plan, meldete sich Annie entschlossen. Der Schlüssel zu unserem Plan könnte Sabea sein, warf Florina ein. Sie ist eine sehr besondere Frau, wie wir alle wissen, und sie hat wirklich ein Herz aus reinem Gold. Sabea hat es nicht leicht im Moment, mit ihrer kranken kleinen Tochter, aber ich bin sicher, dass sie uns unterstützen würde. Bei Ambrosius, ihrem Partner, bin ich mir allerdings nicht so sicher. Geben wir dem Pflege- und Alterszentrum Elfenberg doch eine Seele, sagte Samira verträumt. Niemand kann das besser als wir, die wir noch mitten in der Ausbildung stecken und noch nicht durch die Berufsrealität abgestumpft sind. Kann mir jemand von euch noch ein Bierchen und eine Salzbrezel vorschießen? Ich bin für den Rest des Monats fast blank. Samira mit ihrem schulterlangen, gelockten roten Haar und ihrem blassen Gesicht mit den paar Sommersprossen auf der Nase ging Jan mitten durchs Herz, als sie ihn aus wasserklaren Augen anschaute und scheulächelte. Er kam Samiras Bitte ohne zu zögern nach. Ihm ging es, wirtschaftlich betrachtet, von den vier Studierenden am besten, weil sein Partner zu 80% als Physiotherapeut in Abteißingen arbeitete. Danke, Jean, freute sich Samira und senkte verlegen den Blick. Studierendenarmut ist auch so ein Ding, seufzte Lena, die bisher noch nichts gesagt hatte. Wir dürfen Sabea nicht mit zu vielen kühnen Plänen überfallen, gab Florina zu bedenken. Aber wir sollten das Pflege- und Alterszentrum Elfenberg öffnen, Licht hereinlassen, und, so verrückt es auch klingen mag, diese betagten Bewohnerinnen und Bewohner wieder zum Fußballspielen, zum Stricken, zum Tanzen und zum Musizieren bringen. Damit meine ich aber nicht den sinnfreien therapeutischen Dienstagshalbkreis, wo sich die Leute hinsetzen und ein bisschen mit den Pantoffelbewehrten Füßen auf den Boden klopfen, soweit sie es noch können. Meinst du die Aktivierungsgruppe, lachte Samira. Ich rede von echter, riskanter, spannender, lebensbejahender Aktivierung, fuhr Florina fort. Habt ihr gewusst, lachte John, dass eine Gruppe von Pflegehelferinnen vor lauter Langeweile ein neues Spiel erfunden hat? Die haben doch tatsächlich von ihrem eigenen Geld fünf Fliegenklatschen für eine Bewohnerinnengruppe gekauft. Dann haben sich die Frauen um einen Tisch gruppiert. Sobald einer von den Pflegehelferinnen, zum Beispiel Ruth, die ihr ja alle kennt, in die Hände geklatscht hat, mussten die Bewohnerinnen mit ihren Fliegenklatschen auf den Tisch hauen und eine imaginäre Fliege töten. Und, ihr glaubt es nicht, das Spiel hat auf meiner Abteilung Erfolg. Wo es sonst totenstill ist, erklingen krechzende Geräusche, die entfernt an ein Lachen erinnern. Also geht etwas ab in diesen Köpfen, auch wenn die Gehirne sich wohl nicht groß von Vanillepudding unterscheiden. Zumindest stelle ich mir das so vor. Die Kolleginnen kicherten, weil sie sich vorstellten, wie hochgradig demente Menschen mit Fliegenklatschen herumfuchteln, nicht um Fliegen, sondern wohl eher, um die Zeit totzuschlagen. Vielleicht ließen sich derartige Fliegenklatschaktivitäten durch Sinnvolleres ersetzen, und es könnten neue Aktivitätsfelder genutzt werden, sinierte Florina. Dann verabschiedeten Lena und John sich für ihre Spätschicht, die anderen zogen sich ebenfalls zurück, jede in ihr kleines, sorgsam behütetes und nicht immer ganz einfaches Leben als Pflegefachfrauen wie Florina und als Pflegestudierende wie Annie und Samira.