Sabeas Traum
Sabeas Traum ist der dritte Roman in der "Sabea"-Serie des Berner Schriftstellers Markus Stadler. Er ist 2026 erschienen und im regulären Buchhandel erhältlich oder direkt bei amazon bestellbar.
Die Story handelt von der materiellen Armut von Pflegestudierenden, aber auch von Freundschaft sowie der Weiterentwicklung des Anthropomorphismus, des Versuchs, Pflegefachpersonen aus ökonomischen Gründen durch deren digitale Zwillinge zu ersetzen.
Sabeas Traum
Sabeas Traum - 8. Episode - die letzte Katakombe
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Die Wohnung von Samira und Annie, die sich mitten in Bühlwil befindet, wird von einem Brand heimgesucht, der das ganze Dorf erschüttert. Samira und Annie verlieren alles. Doch es gibt Hilfe von unerwarteter Seite: Vom Pflegestudierenden Jon und dessen Partner Matteo, aber auch von Schneider und Wäckerli, den beiden Dorfpolizisten.
Sabejas Traum Der Podcast zum gleichnamigen Buch von Markus Stadler Auch die beiden vorangehenden Romane Sabeas Haus und Sabeas Baby sind im regulären Buchhandel bestellbar. 8. Kapitel Die letzte Katakombe. Dann geschah etwas, das Samira und Annie aus ihrem gewohnten Alltag riss. Bereits als sie sich nach einem erschöpfenden Tagdienst ahnungslos in der Garderobe erzogen, waren Feuerwehr Sirenen zu hören. Alle Menschen tun in solchen Augenblicken dasselbe, sie werden zu Meisterinnen und Meistern des Verdrängens. Sicher ein Fehlalarm. Bestimmt nur eine Übung. Bestimmt ein Brand in einer Scheune außerhalb des Dorfs, aber doch sicher nicht mein Haus, nicht meine Wohnung. Aber dem war nicht so. Der Brand traf Bühlwil völlig unerwartet und mitten ins Herz. Eines der Gebäude, die nach dem damaligen Versickern des Bühlwilersees vollständig unbehelligt geblieben war, stand in der Nähe der Goldenen Brezel, wo sich Samira, Annie, ihre beiden Mitstudierenden und Florina vor kurzem getroffen und Pläne für die Zukunft geschmiedet hatten. Das Gebäude hatte eine schmucke Fassade in einem zarten Blauton, und es war eine glückliche Fügung gewesen, dass Samira und Annie im Dachstock eine für sie bezahlbare Bleibe gefunden hatten. Mit dem wenigen Geld, das ihnen zur Verfügung stand, hatten sie den Raum mit der kleinen Einbauküche liebevoll eingerichtet, und weil beide Studentinnen Aprilglocken über alles liebten, hatten sie mehrere Streuser auf dem klapprigen Esstisch, auf einem der Fenstersemse und sogar auf dem Toilettenspült in bunten Vasen verteilt. Die Toilette befand sich im Treppenhaus, was den beiden Studentinnen nicht ganz geheuer war. Sie vermieden es, wenn es irgendwie ging, in der Nacht mit nackten Füßen über den kalten Fliesenboden zu huschen und besagte Toilette aufzusuchen. Einmal war Samira von einem durchdringenden Schrei aus dem Schlaf gerissen worden. Anni war von einer großen Fledermaus überrascht worden, die über ihren Kopf hinwegsauste, als sie im Zwischenstock die Toilettentür öffnete. Und nun stand das alte Haus, dessen frisch gestrichene Fassade darüber hinwegtäuschte, dass sich dahinter ärmliche Wohnungen verbargen, in lodernden Flammen. Obwohl die Feuerwehr blitzschnell zur Stelle gewesen war, konnte nichts mehr gerettet werden. Drei verkohlte Leichen wurden geborgen, und die schwarzen Überreste des Dachgerüsts zeigten, wie drohende Finger in den Wolken verhangenen Spätnachmittagshimmel. Nach der Ursache wurde nicht lange geforscht, Herr Weckerli, der Dorfpolizist und seine Kollegen vermuteten einen Kurzschluss, wie er in vielen älteren Häusern droht, wo aus den Sicherungskästen zum Teil blanke Kabelenden ragen. Schreckensstarr standen Samira und Annie Hand in Hand vor den rauchenden Trümmern. Weil noch immer die Gefahr bestand, dass Trümmerteile hinunterstürzen und jemanden treffen konnten, war das verkohlte Haus weitläufig abgesperrt, aber die beiden Studentinnen hatten auch ohne den dunklen Korridor zu betreten registriert, dass ihre kleine Dachwohnung ausgebrannt war. Sie besaßen nur noch die Kleider, die sie am Leib trugen. Samira war die erste, die ein paar Worte fand. Die Fotos, sagte sie. Über ihrem Teil der breiten Matratze, die sich die beiden Studentinnen geteilt hatten, waren mehrere Rahmen mit Fotos von Samiras Familie angebracht gewesen, insbesondere Bilder von ihren zwei kleinen Brüdern, die sie über alles liebte. Annie liefen die Tränen über die Wangen. Alle Menschen um sie wuselten herum. Da gab es die Neugierigen, die darauf hofften, Zeuge davon sein zu dürfen, wie weitere verkohlte Leichen entsorgt wurden, wie das bei allen Katastrophengang und gäbe ist. Da gab es Angehörige, die sich die Hände vors Gesicht schlugen. Besonders rührend war ein kleines Mädchen mit verschmiertem Mund, das immer wieder Großmutti, Großmutti, rief. Ani und Samira hätten nicht zu sagen vermocht, wie lange sie sprachlos vor ihrer ehemaligen Bleibe gestanden hatten. Der Brandgestank war unerträglich. Beide Freundinnen waren mitten in ihr Herz getroffen, denn da war nicht nur ihr gesamter materieller Besitz, so bescheiden er auch gewesen war, den Flammen zum Opfer gefallen, sondern auch ein Ort, an dem sie glücklich gewesen waren. Dann stand, wie aus dem Boden geschossen, ihr Studienkollege Jahn vor den beiden. Wir haben in Abteißingen ein kleines Kellerzimmer. Nichts Luxuriöses, aber dort stehen zwei Betten, und wir nutzen den Raum, um Gäste unterzubringen. Wenn ihr also wollt, könnt ihr vorerst dort übernachten. Nur ganz langsam dämmerte es den beiden Frauen, dass sie ja irgendwo schlafen mussten und von Glück reden konnten, dass John ihnen im benachbarten Dorf eine Möglichkeit dazu anbot. Wir haben nicht einmal Geld, um nach Abteißingen zu kommen, seufzte Annie. Gar nichts, ergänzte Samira verbittert. Das kleine Mädchen, das eben noch nach seiner Großmutter gerufen hatte, lag nun leise weinend in den Armen seiner Mutter. Die Polizei löste einzelne Gruppen von Gafferinnen und Gaffern auf, dann löste sich ein uniformierter aus der Menge. Es war Herr Schneider, ein junger Bühlwiler Polizist. Ich kenne euch beide, sagte er zu Samira und Annie. Ihr arbeitet doch im zweiten Stock im Elfenberg, oder? Meine Tante lebt dort, ich besuche sie ab und zu. Anni erinnerte sich an den freundlichen Polizisten, der seine Tante sehr häufig besuchte und fast immer sein Baby in einem Tragetuch mit dabei hatte. Sie wusste, dass er Polizist war und hatte zu Samira immer mal wieder scherzhaft gesagt, dieser Mann sei wohl der einzige Polizist weltweit, der mit einem Baby im Tagetuch herumspazierte. Dann erkannte auch Samira Herrn Schneider, und nun füllten sich auch ihre Augen mit Tränen. Wir haben nichts mehr, hörte Annie sich sagen. Samira stieß sie sanft in die Rippen. Ihr war die Situation peinlich, sie wollte keineswegs als Bittstellerin wahrgenommen werden. Ihr habt hier gewohnt, erkundigte sich Herr Schneider besorgt. Beide Studentinnen nickten wortlos. Herr Schneider erfasste die Situation sofort. Wir gehen alle in dieselbe Pflegeberufsschule, schaltete sich John ein. Die beiden können vorübergehend bei uns in Abteißingen übernachten. Herr Schneider blickte Samira und Annie fragend an, diese nickten stumm. Aber ihr müsst doch, irgendwann mal wieder ein eigenes Dach über dem Kopf haben, bemerkte Herr Schneider. Dann überreichte er beiden Studentinnen eine Visitenkarte mit dem Logo der Bühlwiler Gemeinde, seinem Namen mit Funktion und Telefonnummer. Wir müssen reden. Ich bin für euch erreichbar, sagte er noch knapp und gesellte sich dann zu einer Gruppe der freiwilligen Bühlwiler Feuerwehr, um weitere Maßnahmen zu besprechen. Üblicherweise kam Jean mit dem Rad zur Arbeit, so tat er etwas für seinen ohnehin sehr sportlichen Körper. Dieses Mal hatte er aber das kleine Elektroauto seines Partners Matteo dabei, weil er in Bülwil noch Katzen- und Schildkrötenfutter kaufen wollte. Einsteigen, die Damen, sagte er mit einer einladenden Geste, und Samira und Annie zwängten sich auf den engen Rücksitz. Wenn wir dich nicht hätten, seufzte Samira und rieb sich die Augen. Alles kam ihr vor wie ein böser Traum, aus dem sie möglichst bald zu erwachen hoffte. Matteo freut sich bestimmt ebenfalls über Besuch, versuchte John das Gespräch ein wenig anzukurbeln, genauso wie Mamelin, unsere Angora-Katze, sowie Elvira und Kalle, unsere beiden griechischen Landschildkröten. Mich würde nun doch interessieren, wie griechische Landschildkröten Freude äußern können. Funkelt ihr Panzer? Annie hatte bereits wieder ein wenig zu ihrem Humor zurückgefunden, und damit gelang es ihr sogar, Samira ein Lachen zu entlocken. Das Reihenhaus von Matteo und John befand sich ganz in der Nähe der Abteißinger Notfallstation, dem Ort von Jonst träumen. Er wollte sein künftiges Berufsleben keinesfalls mit dementen Bewohnerinnen und Bewohnern verbringen, wie ihm während seines aktuellen Praktikums klar wurde. Er würde sich zum Notfallpfleger weiterbilden und dann, mit sehr kurzem Arbeitsweg, auf der Abteißinger Notfallstation arbeiten, so sein Plan. Die Notfallversorgung war gleichermaßen eines der Herzstücke in der Gegend, die über ein hochmodernes Tunnelsystem sogar mit Bühlwil verbunden war. So hatte auch das dortige Geburtshaus Elfenberg kein Problem, die Auflagen, die an ein Geburtshaus gestellt werden, nämlich eine in kürzester Zeit erreichbare Bereitschaftsanästhesie, zu erfüllen. Tatsächlich war Matteo ein offener, interessierter, lustiger Kerl. Er sah blindend aus in seinem Trainingsanzug, den braunen Locken und seinem offenen Blick, war aber für Frauen nicht erreichbar. Er lebte mit John in einer sehr glücklichen Beziehung. Mal sehen, was die Tiefkühltruhe hergibt, lachte er und schob kurz darauf acht Mini-Pizzas in den Ofen. Ihr seht aus, als hättet ihr eine Dusche nötig. Matteo ist manchmal etwas direkt, entschuldigte sich John für seinen Partner, aber Matteo hatte ins Schwarze getroffen. Die Kleider von Annie und Samira rochen intensiv nach Rauch und verbranntem, zudem hatte Annie Rußstriemen im Gesicht. Wir haben nur diese Klamotten. Annie senkte verlegen den Blick. Hi, John. Wir haben doch zu Weihnachten je einen Schneeflocken-Vanisie geschenkt bekommen. Die passen perfekt zu den beiden Ladies, lachte er. John ging zum Wäscheschrank und förderte zwei Hausanzüge zu Tage, aus zartblauem Vlies, auf dem Schneeflocken in Regenbogenfarben schimmerten. Während ihr duscht, schmeißen wir eure Wäsche in die Maschine, und alles ist gut, schlug Matteo vor. Dann zeigten sie den beiden Studentinnen ihr Kellerzimmer, das sie in nächster Zeit bewohnen dürften. Wenn wir lüften, ist der mufflige Geruch weg, sagte der anscheinend sehr praktisch veranlagte Matteo. Der Raum war schmuckeingerichtet, mit Eierschalenfarbenen Wänden, zwei orangefarben und gelb bemalten Einzelbetten, einem Bistrottisch sowie Großaufnahmen von Rarotonga, einer Südseeinsel. Unser Ziel, wenn wir Rentner sind, in 50 Jahren oder so, lachte John. Zu ihrer Freude sahen Samira und Anni eine Vase mit frisch geschnittenen Aprilglocken auf dem Bistrottisch. Anni und Samira bekamen zwei Zahnbürsten, dann entledigten sie sich ihrer Kleider, legten sie auf einen Stuhl, schnappten sich die geborgten Anzüge, gingen ins angrenzende Bad und duschten gemeinsam. In der Zwischenzeit richteten die beiden Männer das Abendessen hier, holten die verrauchten Kleider und schoben sie in die Waschmaschine. Schneefhen, schwärmte Matteo. Mein Mann liebt Feen über alles, scherzte John. Die Laune von Annie und Samira in ihren Glitzeranzügen steigerte sich spürbar, vor allem nach dem ersten Glas Barolo, das perfekt zur Pizza passte. Die zartblaue Farbe der Hausanzüge stand sowohl der rothaarigen Samira als auch der dunkelhaarigen Annie mit ihren wilden Locken perfekt ins Gesicht. Dann erst kam es beiden in den Sinn, dass sie ihrer Angehörigen, Lena, ihre Kollegin im zweiten Semester und auch Florina sowie ihre Praktikumsbegleiterin über ihr Schicksal informieren sollten. In der Zwischenzeit brüteten die beiden Dorfpolizisten Schneider und sein Kollege Weckerli über den Bühlwiler Grundbuchakten. Nachdem der Bühlwiler sie versickert war, hatte man sämtliche ehemaligen Katakomben zugeschüttet, um die Bodenstabilität zu verbessern. Eine Ausnahme war der Tunnel, der Bühlwil mit Abteißingen verbannt und für eine Schnellbahn genutzt wurde. Aber da gab es, ganz in der Nähe des Nonnenklusters, direkt unter dem dortigen Rosengarten, noch eine Unterhöhlung. Sie war nur schlecht beheizbar und hatte kein Fenster, aber vielleicht ließ sich über eine Baubewilligung etwas erwirken. Die beiden Studentinnen haben absolut kein Geld, keinen Rappen, fügte Herr Schneider an. Aber weil uns das Pflegepersonal in nächster Zeit ausgeht, muss die Gemeinde etwas für die beiden Frauen tun. Ein fensterloser Raum ohne Heizung, ja ja, knurrte Polizist Weckerli, der zwar ein weiches Herz hatte, aber zugleich über einen guten Sinn für Tatsachen verfügte.