Sabeas Traum
Sabeas Traum ist der dritte Roman in der "Sabea"-Serie des Berner Schriftstellers Markus Stadler. Er ist 2026 erschienen und im regulären Buchhandel erhältlich oder direkt bei amazon bestellbar.
Die Story handelt von der materiellen Armut von Pflegestudierenden, aber auch von Freundschaft sowie der Weiterentwicklung des Anthropomorphismus, des Versuchs, Pflegefachpersonen aus ökonomischen Gründen durch deren digitale Zwillinge zu ersetzen.
Sabeas Traum
Sabeas Traum - 9. Episode - in der Erde
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Annie und Samira werden offenherzig im Abteißinger Haus von Jon, ihrem Schulkollegen und dessen Freund Matteo vorübergehend aufgenommen.
Das Schicksal der beiden jungen Frauen macht rasch die Runde. Schneider und Wäckerli, die beiden Dorfpolizisten, setzen Himmel und Hölle in Bewegung, um den beiden Studierenden zu einer neuen, dauerhaften Bleibe zu verhelfen. Auch die Teams im Pflege- und Alterszentrum Elfenberg kümmern sich rührend um die beiden.
Sabejas Traum Der Podcast zum gleichnamigen Buch von Markus Stadler Auch die beiden vorangehenden Romane Sabeas Haus und Sabeas Baby sind im regulären Buchhandel bestellbar. 9. Kapitel In der Erde Es dauerte nicht lange, bis Annie und Samira sich bei John, ihrem Schulkollegen und dessen Partner Matteo eingelebt hatten. Die beiden Männer waren ausgesprochen unkompliziert, was den Haushalt anging. Die vier einigten sich rasch auf eine Art Wohngemeinschaft, zu der jede und jeder etwas beitrug, sei es Kochen, Staubsaugen, Gartenarbeit verrichten oder Wäsche zum Trocknen aufhängen. Klar gab es in der Nachbarschaft eine Zeit lang ein Gerede. Schon nur, dass John und Matteo ein Männerpaar waren, raubte Frau Winkler, die im selben Reihenhausquartier lebte, den Schlaf. Sie tat nichts lieber, als sich etwa in der Dorfmetgerei darüber auszutauschen. Und nun waren noch zwei Frauen hinzugekommen, Annie und Samira. Das gab Gesprächsstoff, aber weiter ging es nicht, weil das bescheidene Haus, in dem Matteo und John lebten, deren Wohneigentum war. Klar mussten sich Annie und Samira zuerst an die neuen Umstände gewöhnen. Ihre frühere Bleibe mitten in Bühlwil lag in einem idealen Abstand zum Pflege- und Alterszentrum Elfenberg. Standen die beiden um 6 Uhr auf, hatten sie bei weitem genügend Zeit, um pünktlich um 7 Uhr auf der Abteilung zu erscheinen. Mit der Unterkunft in Abteissingen verhielt es sich ein bisschen anders. Anni und Samira waren nahezu mittellos und konnten sich die Schnellbahn, die das Pflege- und Alterszentrum Elfenberg mit der Notfalleinrichtung in Abteissingen verband, keinesfalls leisten. Sie war in erster Linie medizinischen Notfällen vorbehalten, aber viermal pro Tag, um 6 Uhr, um 12 Uhr, um 18 Uhr und um 22 Uhr galt sie als öffentliches Verkehrsmittel. Dies nicht zuletzt deshalb, um Menschen zu besänftigen, die der Meinung waren, mit der Schnellbahn vom Pflege- und Alterszentrum Elfenberg zur Abteißinger Notfallstation würden Steuergelder in den Sand gesetzt. Annie und Samira blieb somit nichts anderes, als sich von John und Matteo fürs Erste ein bisschen Geld zu leihen. Annis Vater war bei einem Autounfall ums Leben gekommen und ihre Mutter hatte Zwillinge zu versorgen, die erst elf Jahre alt waren, neun Jahre jünger als Annie. Samira hatte ihre Großeltern um ein bisschen Unterstützung angeschrieben, aber bis dahin keine Antwort erhalten. In der Zwischenzeit waren die beiden Dorfpolizisten Weckerli und Schneider nicht untätig geblieben. Sie hatten gute Beziehungen zum Gemeinderat und waren in Bühlwil ausgesprochen beliebt. So trafen sich die beiden im Innenhof der Goldenen Brezel zu einem Frühlingsbär und beratschlagten, wie sie Any und Samira eine dauerhafte Bleibe ermöglichen konnten. Sebastian Wittlinger war ein schwerreicher Architekt, dem halb Bühlwil gehörte, wie man munkelte. Seine Vorfahren hatten eine Baubewilligung erwirkt, damit Sabeas Haus mitten im Wald überhaupt errichtet werden durfte. In den letzten Jahren war Wittlinger der Auftrag zugefallen, Sabeas Haus, das nach dem Versickern des Bühlwilersees massive Schäden erlitten hatte, zu sanieren und in den Originalzustand zurückzuversetzen. Das Bauprojekt hatte Unsummen verschlungen. Sabea und auch Ambrosius war aber kein Preis zu hoch gewesen, um Sabeas Haus zu ihrer Familienheimat zu machen, am liebsten für immer. Es war auch das Architekturbüro Wittlinger gewesen, das in mehrfacher Hinsicht hatte Verantwortung übernehmen müssen. Verantwortung für einen geheimen Korridor, der bis unter Sabeas Haus gebaut worden war, mit dem Ziel, einen Schatz zu finden, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Sabeas Keller verborgen worden war. Samuel Brunschwig, Sabeas Urgroßvater und dessen polnischer Freund Philipp hatten damals möglichst viel Gold und weitere Präziosen für ihre Nachkommen vor den Nazis sicherstellen wollen und im Keller von Sabeas Haus ein raffiniertes Versteck gefunden. Dieses war später allerdings verraten worden, weshalb der Korridor unter Sabeas Haus ohne deren Wissen ausgehoben worden war. Dies immer zu Zeiten, in denen Sabea im Pflege- und Alterszentrum Elfenberg ahnungslos ihrer Arbeit nachgegangen war. Sebastian Wittlinger war in die Baupläne des Korridors involviert gewesen und später einer Strafanzeige nur entgangen, weil er sich bereit erklärt hatte, Ambrosius und Sabea beim Wiederaufbau von deren Haus preislich entgegenzukommen. Auch unterirdische Verbrennungsanlagen gingen auf das Konto von Sebastian Wittlinger und dessen Architekturbüro. Sie waren dazu genutzt worden, verstorbene Elfenbergbewohnerinnen und Bewohner ohne Nachkommen zu entsorgen, nachdem man sie zu digitalen Zwillingen kopiert hatte, an denen das Pflege- und Alterszentrum Geld verdiente, die Krankenversicherungen, die nur noch Online-Leistungsüberprüfungen vornahmen und aus Kostengründen keine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vorbeischickten, erfuhren nicht, dass die Bewohnerinnen und Bewohner Originale längst tot waren und nun als Avatare auf der Abteilung Klosterblick betreut wurden, durch Pflegeroboterinnen wie etwa Sina, von der vor allem Ambrosius sehr fasziniert war. Somit war Sebastian Wittlinger in mehrfacher Hinsicht erpressbar. Eine direkte Erpressung durch die Dorfpolizisten kam aber nicht in Frage, darin waren sich Weckerli und Schneider sofort einig. Aber wenn sie mit Sebastian Wittlinger Kontakt aufnahmen, war dieser womöglich sehr schnell bereit, den Raum unter dem Rosengarten des Nonnenklosters in einen bewohnbaren Zustand zu versetzen. Elektrisches Licht und Wasserleitungen waren vorhanden. Somit bestand sogar eine Chance für eine Küchennische und eine Einbaudusche für die beiden mittellosen Pflegestudierenden. Eine Baubewilligung würde sich über Professor Lüthard, mittlerweile Verwaltungsratsmitglied im Elfenberg und ein langjähriger Freund von Ambrosius Lämmer, erwirken lassen. Lüthard war politisch ausgesprochen einflussreich, sehr eloquent und ehrgeizig. Bestimmt würde er auf den Bühlwiler Gemeinderat den nötigen Einfluss nehmen können, denn es ging nicht darum, das Bühlwiler Gemeindebudget über Gebühr zu strapazieren, sondern nur um ein Ausnahmegesuch, was den Kellerraum unter dem Rosengarten des Nonnenklosters betraf. Womöglich war mit etwas Widerstand durch Ursula, Oberin im Nonnenkloster, zu rechnen. Weil aber zwei jungen Frauen Obdach geboten werden sollte, würde sie sich bestimmt erweichen lassen. Keine Nonne dieser Welt kann Frauen eine Unterkunft verweigern. Die Wochen nahmen ihren Lauf, Annie und Samira erwarben zwei Fahrräder. Sie gewöhnten sich rasch daran, dass sie von nun an eine Stunde früher aus den Federn steigen mussten, um pünktlich auf dem Tagdienst zu erscheinen. Die Empathie der Teamkolleginnen war den beiden Studierenden sicher. Alle hatten mitbekommen, dass Annie und Samira inertkürze alles verloren hatten, das je in ihrem Besitz gewesen war. Die Anteilnahme war rührend. Mira, die Logopädin und Esther, die Physiotherapeutin, brachten den beiden Studierenden Eier und selbstgebackenes Brot auf die Abteilung. Wo richtete eine regelmäßige Lieferung von Milch seiner Platanenhofkühe nach Abteißingen ein, wo Annie und Samira nun wohnten? Patricia, Manuela und Rahel, diplomierte Pflegefachfrauen, kümmerten sich um Kleider für die beiden Studierenden. Im Grunde war es Annie und Samira peinlich, als unfreiwillige Bittstellerinnen wahrgenommen zu werden, denn nichts lag den beiden ferner, als um etwas nachzufragen. Armut waren sie sich gewohnt, und wer arm ist, verfügt immer über einen gewissen Improvisationsgeist, um das Leben dann doch, bei allen Entbehrungen, erträglich einzurichten. Das Praktikum im Pflege- und Alterszentrum Elfenberg dauerte noch mehrere Monate. Ami und Samira waren froh, ihre Existenz in der anstehenden Zeit gesichert zu sehen. Klar verfügte die Pflegeberufsschule über ein Budget zur Unterstützung von unverschuldet in finanzieller Not geratener Studierende. Dieses Budget wurde aber bloß sehr spärlich gespiesen und schmolz dahin wie eine Schneefrau in der Sonne. Beim vorhandenen Geld handelte es sich um einmalige Zuschüsse bestimmter Spitäler und Spitalgruppen, die Teil einer Stiftung waren. Dann ging alles sehr schnell. Sebastian Wittlinger, genau wie Ambrosius ein Mitwisser rund um die dubiosen Entwicklungen auf der Abteilung Klosterblick, ließ sich von Polizist Weckerli und dessen Kollegen Schneider sehr rasch davon überzeugen, über den Bühlwiler Gemeinderat eine Baubewilligung im Rosengarten zu erwirken. Das Regierungsstattalteamt wurde für dieses kleine Bauprojekt gar nicht erst einbezogen, um die Dinge nicht unnötig kompliziert werden zu lassen. Die Gemeinde Bühlwil drückte ganz einfach ein Auge zu und genehmigte den Auftrag, eine den Umständen entsprechend würdige Unterbringung zweier unverschuldet in Not geratener Studierender zu errichten. Bauherrin war keine geringere als Sabea, die im Dorf einen sehr guten Ruf genoss, insbesondere auch seit dem erfolgreichen Geburtshausprojekt ihres Lebenspartners Ambrosius Lämmer und weil sie sich, trotz ihrer kranken kleinen Tochter Gratia, noch immer sehr stark in ihrem Beruf als Pflegefachfrau engagierte. Dann kam der Tag, an dem Sabea mit Annie, Samira, Florina und Xeneput die Baustelle besichtigte. Es war ein strahlender Sommermorgen, an dem Sabea die vier Frauen im Innenhof der Goldenen Brezel zu einem Frühstück einlud. Worum es genau ging, hatte sie in den letzten Wochen nur mit Mühe für sich behalten können und lediglich Florina und Xeneput eingeweiht. Für Anni und Samira sollte es eine Überraschung werden. Florina war begeistert. Wenn es sich nun auch nicht gleich um das Studierendendorf handelte, das sie ersonnen hatte und von dem sie immer öfter träumte, war ein Meilenstein erreicht. Bühlwil mit seinem erfolgreichen Pflege- und Alterszentrum unterstützte zwei junge Studierende in deren Lebenssituation, im Wissen, dass Menschen, die sich für den Pflegeberuf engagieren, immer seltener werden. Wenig später, mit einem vielseitigen Frühstück im Bauch, standen die fünf Frauen ehrfurchtsvoll im Rosengarten des Bühlwiler Nonnenklosters. Auch Ursula war mit ein paar betagten Nonnen vor Ort. Der Rosengarten hatte eine Geschichte, die nur in Bruchstücken bekannt war. Konnte es sein, dass in früheren Jahren eine Äbtissin in eben diesem Garten einem neugeborenen Mädchen das Genick gebrochen hatte und deswegen ihrerseits von einem Mönch mit einer Hacke erschlagen worden war? Hatte man die kleine und die große Leiche tatsächlich im Rosengarten vergraben? Zudem erinnerte sich Sabia mit Schaudern daran, dass sie einst von Martinus, einem bösartigen Bauern und damaligem Mitbesitzer des Platanenhofs, genau hier festgehalten worden war. Im Geräteraum unter dem Rosengarten. Die Details ihrer Gefangennahme und was Martinus mit ihr beabsichtigt hatte, verdrängte sie geflissentlich, nicht aber die Erinnerung an die damals 95-jährige Frau Hull, ihre mittlerweile verstorbene Lieblingsbewohnerin, die sie aus dem Keller verließ, gerettet hatte. Was sich den fünf Frauen präsentierte, hatte mit einem Geräteraum nichts mehr gemeinsam, mit einem verließ schon gar nicht. In den Boden war eine massive Eichenholztür eingelassen, hinter der eine raffinierte Raumspartreppe in die Tiefe führte. Direkt neben der Tür befand sich ein riesiges Fenster für den Tageslichteinfall. Der Raum selbst war aufwendig isoliert und mit einer luxuriösen Holzvertäfelung ausgestattet worden. Kochnische und Einbaudusche entsprachen dem zeitgemäßen Standard, und auch Einbauschränke, heutzutage eine Seltenheit, waren nicht vergessen worden. Der Raum war nur spärlich möbliert, aber es gab eine großzügige Tischfläche, zwei Bücherregale und zwei Betten mit geschwungenen Beinen. Auf den Matratzen lag je eine bunte Tagesdecke. Samira und Annie waren sprachlos. Sabea, Xeneput und Florina hatten die Studierendenwohnung bereits gesehen und freuten sich über die staunenden Ausrufe von Samira und Anni. Eine Viertelstunde später kletterten die beiden Benommen wieder nach oben und fielen Sabea, Florina und Xeneput um den Hals. Aber, leisten können wir uns das leider nicht, seufzte Samira. Bühlwill leistet sich euch, lachte Sabea. Ihr bezahlt keinen Rappen. Die Tagesdicken sind von uns, sagte Ursula, die Oberin, und senkte verlegen den Blick. Ani und Samira hatten keinerlei Erfahrung im Umgang mit Oberinnen und verneigten sich schweigend vor Ursula und den anwesenden Nonnen. Einziehen könnt ihr sofort, sagte die praktisch veranlagte Sabea. Samira und Anni gaben sich die Hand und trauten ihren Ohren kaum.