Sabeas Traum

Sabeas Traum - 10. Episode - der Kapitän

Markus Stadler Season 3 Episode 11

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Jon sucht Artur, den Friedhofsgärtner, auf. Dieser ist über den Tod seiner Freundin Daria noch immer nicht hinweg gekommen. Jon schildert die Situation, dass er das Zimmer von Hannes Lindberg, einem ehemaligen Seefahrer, mit Segeltuch ausstatten möchte. Später gestalten Annie, Samira, Jon und Matteo andächtig eine Meerlandschaft.

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Sabejas Traum Der Podcast Autor Markus Stadler Sebias Traum sowie die beiden vorangehenden Romane Sabeas Haus und Sabeas Baby sind im regulären Buchhandel erhältlich oder bei Emerson bestellbar. 10. Kapitel Der Kapitän. Arthur, der Friedhofsangestellte in Bühlwil, hatte Darias Tod noch längst nicht verarbeitet. Gegen außen war er noch schweigsamer als sonst schon, aber in seinem Innern sah es anders aus. Oft hatte er Albträume, in denen er Darias vor sich sah, mit vorwurfsvollem Gesichtsausdruck und sichtlich enttäuscht. Arthurs Alkoholabhängigkeit hatte ihn schon mehrmals in Schwierigkeiten gebracht, aber Darias Erfrierungstod, während er betrunken in seiner Wohnung gelegen war, erreichte noch einmal eine ganz andere Dimension. Die Dimension eines ständig nagenden schlechten Gewissens, das der Friedhofsangestellte in sich hineinfraß, denn er hatte niemanden, mit dem er sich über Darias tragischen Tod unterhalten und ihn ein bisschen verarbeiten konnte. Arthur lebte sein isoliertes Leben in der Wohnung, die er eine kurze Zeit lang mit Daria geteilt hatte. Es war die glücklichste Zeit seines Lebens gewesen, auch wenn das für Daria nicht spürbar gewesen war. Für eine Wiedergutmachung war es viel zu spät. Arthur saß betrübt am Wohnzimmertisch, und seine Wohnung war in einem noch desolateren Zustand, als Daria bei ihm eingezogen war und immerhin für ein Minimum an Ordnung besorgt war. Dann klingelte es. Arthur bekam fast nie Besuch, und er kam sich manchmal vor, als würde er bereits in einer Gruft ruhen, wie seine Kundinnen und Kunden, die er sachgerecht bereit machte, so, dass der Anblick der Leichen für deren Angehörige einigermaßen erträglich war. Die weiblichen Toten steckte er in deren Lieblingskleider, die männlichen Verstorbenen richtete er so her, dass sie bei den Besucherinnen und Besuchern in der kleinen Leichenhalle des Bühlwiler Friedhofs einen nachhaltig guten Eindruck hinterließen. Oftmals band Arthur ihnen eine Krawatte um, die den Toten etwas Würdiges verlieh, und manchmal legte er ihnen einen Lieblingsgegenstand, etwa eine Schallplatte, auf die starre Brust, die nicht mehr atmete. Auch an jenem Abend war Arthur nicht mehr ganz nüchtern. Schwerfällig erhob er sich und betätigte den elektronischen Türöffner. Kurz darauf stand Jahn, der Pflegestudent im sechsten Semester, in seiner Wohnung und sah sich unsicher um. Was willst du hier, knurrte Arthur unfreundlich. Wenn er unfreundlich war, wirkte er bedrohlich, und er überragte Jan um Kopfeslinge. Ich war ein Kollege von Daria. Können wir reden? Schon nur Darias Name ließ Arthur erstarren, aber er fing sich rasch auf und rückte für John einen Stuhl zurecht. Dieser befand sich zum ersten Mal in Arthus Wohnung und konnte es kaum fassen, dass seine verstorbene Kollegin hier gehaust hatte. Das heillose Durcheinander wollte so gar nicht zu Daria passen, die ihm immer sorgfältig und ordentlich erschienen war. Sie musste diesen Arthur schon sehr geliebt haben, wenn sie über die Teller mit Spaghetti Resten, die zerknüllten Zeitungen am Boden und die zahllosen Birdosen hinweggesehen hatte. Arthur, so schien es Jahn mit seinem geübten Blick eines angehenden Pflegefachmahns, war am Ende. Arthur ließ sich schwerfällig auf einen weiteren Stuhl sinken und sah Jan fragend an. Es geht um Hannes Lindenberg, Darias Lieblingspatienten, nahm Jan das Gespräch auf. Lindenberg war Zeit seines Lebens Kapitän gewesen, und eigentlich ist er es noch immer. Er lebt nun im Pflege- und Alterszentrum Elfenberg. Wobei, Leben etwas viel gesagt ist. Er dämmert vor sich hin, aber mir liegt etwas daran, ihm eine würdevole letzte Zeit zu ermöglichen. Daria hat immer mal wieder von Lindenberg erzählt, entgegnete Arthur sichtlich interessiert. Für Daria kann ich nichts mehr machen, seufzte er. Aber schieß mal los. Interessante Sache, das mit dem Käpt'n, sagte Arthur und beugte sich vor. Was John nicht wusste war, dass Arthur immer gerne zur See gefahren wäre, aber seine Seekrankheit, seine Übelkeit und sein Schwindel, die einsetzten, wenn er auch schon nur von ferner ein Boot oder ein Schiff sah, hatten ihn daran gehindert. Es ist so, ich möchte Hannes Lindenberg, auch um Daria zu ehren, etwas ermöglichen. Ich möchte sein Zimmer mit einem großen, bemalten Segeltuch verschönern. Und ich dachte mir, dass sie Leichentücher aus Baumwolle oder aus Leinen verwenden. Auch Daria wurde doch so eingewickelt, fügte er traurig an und senkte den Blick. Hat die Firma, bei der sie bestellen, eventuell auch Segeltuch? Zu günstigen Konditionen? Wir können Daria nicht mehr lebendig machen. Aber es würde bestimmt Ihrem Wunsch entsprechen, wenn wir die letzten Wochen oder gar Monate eines alten, müden Kapitäns ein bisschen erträglich gestalten würden. Wie schlimm steht es um ihn, fragte Arthur, und seine Neugier war geweckt. Ich darf nicht ins Detail gehen, aber der Mann ist des Lebensmüde. Lebensmüde. Und er sehnt sich nach dem großen weiten Meer und sicher nicht nach einem Zimmer in einem Pflege- und Alterszentrum, mit elektrisch verstellbarem Bett, einem Nachttopf und einem Lehnstuhl am Fenster, das den Blick auf ein Geburtshaus freigibt. Arthur verstand sofort. Ich möchte das Segeltuch bemalen, schwärmte John. Ich möchte es blau bemalen, wie das große weite Meer eben, und Teile eines Netzes daran fixieren, weil Netze mit ein paar getrockneten Seesternen bei Kapitänen tiefe Glücksgefühle auslösen. So stelle ich mir das zumindest vor. Jetzt musste Arthur lachen. Es war das raue, heisere Lachen eines Mannes, der nur selten etwas zu lachen hatte. Getrocknete Seesterne, gluxte er. Aber warum eigentlich nicht? Ich bestelle Leichentücher in einer Leinenweberei in der Innerschweiz, und die haben bestimmt auch Segeltuch, obwohl es in der Gegend dort weit und breit kein mehr gibt. Arthur war ein Mann der Tat und griff nach seinem Smartphone. Er erkundigte sich bei der Leinenweberei Salvisberg nach Segeltuch, das dort tatsächlich in Rollen verkauft wurde. Jean freute sich über den tatkräftigen Mann, der gar nicht einmal so unfreundlich war, wie man ihm gesagt hatte. Ich bekomme bei denen Ermäßigung, sagte Arthur, nachdem er eine Rolle Segeltuch bestellt und das Gespräch beendet hatte. Morgen ist der Stoff da, knurte er zufrieden. Ich habe eine Eilbestellung aufgegeben. Vielleicht ist Darias Seele irgendwo und freut sich über unsere Aktion. Etwas an Arthur rührte John. In seinem ganzen unordentlichen, einsamen Leben schien es etwas gegeben zu haben, das sein Herz zum Leuchten gebracht hatte, Daria. Dabei sah Arthur überhaupt nicht aus wie einer, der sich über Seelengedanken macht. Ein paar Tage später, an einem sommerlich warmen Abend, gruppierten sich Annie und Samira in ihren Regenbogenschneeflockenschlafanzügen sowie John und auch Matteo um ein großflächiges Segeltuch und gestalteten es nach Lust und Laune. Es gibt nur eine Bedingung, sagte John. Das Mehrambiente muss gewahrt bleiben. Aber selbstverständlich, lachte Matteo. Aber selbstverständlich, kicherten die beiden Pflegestudierenden. Vorsorglich hatte John auch Stofffarben beschafft, und die vier ließen ihrer Kreativität freien Lauf. Im Bastelzentrum hatte John auch Teile eines Fischernetzes und Muscheln erwerben können, Matteo steuerte zwei Seesterne bei, die er als kleiner Junge von den Ferien an der Adria mitgebracht hatte. Ich wusste immer, dass ich sie eines Tages sinnvoll verwenden kann, grinste er. An einem einzigen Abend entstand ein Kunstwerk, das seinesgleichen suchte. Verschiedene Blau-Weißtöne, kleine Fische in lebenslustigen Farben, Krebse, eine Seeschlange, mehrere Seeigel und zahllose Wasserpflanzen trugen bei zu einer fröhlichen aquatischen und auch subaquatischen Landschaft, die sorgfältig über dem Wäscheständer zum Trocknen aufgehängt wurde. Eine warme Nacht war angesagt, und schon bald würde Jahn mit ein bisschen Unterstützung das Pflegezimmer von Hannes Lindenberg in eine Mehrgegend verwandeln. Dürfen wir die Schlafanzüge eigentlich behalten, wenn wir bei euch ausziehen? Annis Blick zu Jahn und Matteo war unwiderstehlich. Was für eine Frage, sagten beide wie aus einem Mund. Dafür kommt ihr nächste Woche um Mitternacht auf meine Station, sagte John. Ich habe Nachtdienst mit Brigitte, einer Pflegeassistentin. Die Berufsbildnärin arbeitet einen Stock tiefer unten, weil sie eine verunfeilte Kollegin ersetzen muss. Ich versorge die Bewohnerinnen und Bewohner mit genügend Schlafmedikamenten aus der Reserve. Dann stört uns niemand, und wir haben die ganze Nacht lang Zeit, um das Zimmer von Herrn Lindenberg in eine Mehrlandschaft zu verwandeln. Das wird ein Spaß, lachte Samira, die es über alles liebte, Dinge zu gestalten. Es gibt da eine Geschichte über die Beatles, sagte Matteo, ein großer Kenner der vier Musiker. Jean, Paul, George und Ringo haben sich nach einer durchzichten Nacht zu viert im selben Raum zur Ruhe gelegt. Sie waren wegen der Genussmittel, die sie zu sich genommen hatten, nicht wegbar. Dann haben ein paar Witzbeute den Kronleuchter abmontiert, ihn auf den Boden gestellt und zwei Stühle an der Zimmerdecke montiert. Als die Beatles erwacht sind, dachten sie im ersten Moment, sie seien wohl noch immer nicht ganz ausgenüchtert, die Drogen täten noch immer ihre Wirkung. Sie drehten sich zur Seite und schliefen weiter. Bei der Vorstellung lachten sich Samira, Jahn und Annie halb tot und stellten sich Hannes Lindenberg vor, wie er am Morgen erwachen und sich ungläubig die Augen reiben würde, weil er sich plötzlich mitten in einer Meerlandschaft befand. Ich muss unbedingt ein bisschen abnehmen, sagte Samira später vor dem Einschlafen zu ihrer Kollegin. Mich zwickt dieser Schlafanzug am Hintern, aber ich möchte ihn bis in alle Ewigkeit tragen können. Ich liebe ihn dermaßen. Mir geht's doch genauso, seufzte Annie. Es ist ja schon gut mit dieser Friedhofsgruft im Rosengarten, unsere neue Bleibe, fügte sie an. Aber hier bei John und Matteo habe ich mich so richtig gut eingelebt und wohlgefühlt. Ich möchte eigentlich nicht weg. Dann schliefen beide ein. Annie träumte von Korallen, Samira von einem Kronleuchter und anschließend von dem, wonach sie sich in ihrem Innsten sehnte, solange sie sich erinnern konnte, nicht nur in Irland, sondern ihres Wissens auch in Holland gibt es ein jährliches Redhead-Day-Festival. Samira wollte einmal dahin, mit ihrem ganzen Herzen und mit ihrer ganzen Seele.