Sabeas Traum

Sabeas Traum - 11. Episode - Hannes Lindenberg erwacht

Markus Stadler Season 3 Episode 12

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Die Studierenden Jon, Samira und Annie entfalten ihre volle Kreativität und verwandeln das Zimmer des schlafenden Hannes Lindenberg, des ehemaligen Kapitäns, mitten in der Nacht in eine Meerlandschaft.

Während Annie und Samira später ahnungslos zu ihrer unterirdischen Bleibe radeln, wird Jon von Ronika, der Stationsleiterin, zur Rechenschaft gezogen. Mit Studierenden-Kreativität tut sie sich schwer.

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Sabejas Traum Der Podcast Autor Markus Stadler Sebias Traum sowie die beiden vorangehenden Romane Sabeas Haus und Sabeas Baby sind im regulären Buchhandel erhältlich oder bei Emerson bestellbar. 11. Kapitel Hannes Lindenberg erwacht In den kommenden Tagen überstürzten sich die Ereignisse. Die Überraschung für Hannes Lindenberg wollte sorgfältig geplant sein. Jean hinterließ auf der Demenzabteilung zwar einen sehr guten Eindruck als Studierender der Pflege und hatte vor allem die Begabung, in den zum Teil wie weggetreten wirkenden Bewohnerinnen und Bewohnern immer den ganzen Menschen zu sehen. Er sah in diesen Dementen mehr als nur Gemüse, das schlaff oder spastisch in Rollstühlen hing, verwelkt durch das zurückliegende Leben und auf den Tod wartend. In Persönlichkeiten wie Hannes Lindenberg oder einem betagten ehemaligen Professor für italienische Literatur in einem benachbarten Zimmer, das bis zur Decke von Bücherwäniert war, erkannte John vor allem ein nie erlöschendes Glimmen in den Augen. Da war ein Leuchten, das zwar seltener zu werden schien, sich aber in bestimmten Lebenssituationen immer wieder einen Durchbruch verschaffte, wie hinter einer düsteren Wolke verborgene Sonnenstrahlen. Lucio D'Amato, wie der Professor hieß, saß beim Frühstück immer neben dem Sebia, wie Hannes Lindenberg auch noch genannt wurde, und die beiden älteren Herren steckten sich gegenseitig Leckerbissen zu, etwa Marmeladekonfitüre, Aufschnitt oder Salami. Auch für den Literaturprofessor würde sich der fantasievolle Jean etwas einfallen lassen, um ihn am Lebensabend noch ein bisschen zu erheitern, bevor die ewige Nacht kam. Jetzt hatte er mit Hilfe von Samira und Annie die Segeltuchrolle in seine Garderobe geschmuggelt. In der Hausordnung war es nicht vorgesehen, dass Pflegepersonal oder auch Ergotherapeutinnen und Therapeuten von sich aus die Zimmer der Bewohnerinnen und Bewohner verschönerten. Es sei denn, die Betagten selbst gaben ihr Einverständnis oder äußerten einen speziellen Wunsch. Aber genau solche Dialoge fehlten auf der Abteilung von John vollkommen. Ein Großteil der Kommunikation basierte auf Annahmen, was Biografiearbeit so wesentlich machte, wie während des vorangehenden Schulsemesters immer wieder betont worden war. Jons Patientinnen, Frau Mösli, die ehemalige Dachdeckerin und Frau Behrer, die sich in ihren lichten Momenten immer in einer Berghütte wähnte, teilten sich ein großräumiges Zimmer. In der Mitte befand sich eine mit Fotos übersäte Trennwand, die den beiden Frauen ein Minimum an Privatsphäre ermöglichte. Dr. Bürgisser wiederum, seines Zeichens ehemaliger Physiklehrer, beanspruchte ein Zimmer für sich allein. Bis zu seinem 85. Lebensjahr hatte er Nachhilfeunterricht in Mathe und Physik erteilt und nie genug betonen können, was für ein Kinderspiel das für ihn sei, auch in fortgeschrittenem Alter. Der Energieerhaltungssatz etwa habe sich seit seiner Gymnasialzeit nie verändert, und dasselbe betraf auch die physikalischen Definitionen von Leistung, Zeit, Gewicht und Kraft. Auf einem Tisch, der die ganze Fensterlänge einnahm, waren physikalische Gerätschaften wie etwa ein Oszilloskop angeordnet sowie Experimente, mit denen der freie Fall erklärt werden konnte. Ehemalige Schülerinnen und Schüler, mit denen Herr Bürgisser Kontakt gepflegt hatte, bis ihm die dementiellen Veränderungen jegliche verbale Kommunikation verunmöglichten, hatten für ihn all die Gerätschaften angeordnet. Herr Bürgisser hatte zwar über Frau und Kinder und somit über eine Familie verfügt, die Zeit aber lieber im gymnasialen Physiklabor verbracht. So war es eine logische Konsequenz davon, dass ihn das schöne alte Oszilloskop und ein buntes Periodensystem der chemischen Elemente begleiten sollte, bis er seinen letzten Atemzug tat. Annie und Samira konnten es kaum erwarten, Jean, ihrem Kollegen, bei dem sie bis vor ein paar Tagen gewohnt hatten, bei seinem Plan zu unterstützen. Hinzu kam der Reiz des Verbotenen respektive des nicht offiziell erlaubten. Jean wollte die Segeltuchozeanlandschaft in einer Nachtdienstaktion aufspannen, sodass sich Hannes Lindenberg am kommenden Morgen ob all der Pracht kaum würde fassen können. Interessanterweise konnte man sich mit Hannes Lindenberg in den frühen Morgenstunden beinahe normal unterhalten, wenn auch in einem verlangsamten Redefluss. Ging es gegen den Mittag, zuckte man sich in sich selbst zurück und war bis am kommenden Morgen nicht mehr ansprechbar. Eine Demenzform mit einem zirkadianen Rhythmus? Die Neurologen rätselten. Was niemand je würde erfahren dürfen, war, dass dem Pflegepersonal auf der Elfenberger Demenzstation ein ziemlich großzügiges Schlafreservenkontingent zur Verfügung stand. Einer Pflegefachfrau, die diese Reserven ausgeschöpft hatte, um ruhige Nachtdienste verbringen und auf ihrem Smartphone ungestört Candy Curs spielen zu können, war ertappt und fristlos entlassen worden. Die anderen Teammitglieder, so auch Jahn, gingen verantwortungsvoller mit der Medikation um und beachteten den Ermessensspielraum. In diesem einen Nachtdienst, in dem Jean geplant hatte, das Zimmer von Hannes Lindenberg neu zu gestalten und in eine Ozeanlandschaft zu verwandeln, schöpfte er die Schlafreserven der Bewohnerinnen und Bewohner ein bisschen großzügiger aus als auch schon. Er schickte sie in Morpheus, Arme, ins Land der Träume oder auch in traumlose Wüsten, je nach den Launen und dem Zustand der Synapsen in den jeweiligen Bewohnerinnen und Bewohnergehirnen. Weil Jean die Station nicht verlassen dürfte, schlichen Samira und Annie sich gegen Mitternacht in die gemischte Garderobe. Vor Jahren war sie nach Geschlechtern getrennt gewesen, aber viele hielten das Konzept für veraltet, nicht zuletzt wegen der Diskussionen rund um Transsexualität. Darum waren alle Umkleiden im Elfenberg gemischt, und niemand störte sich daran. Das aufgerollte Segeltuchkunstwerk war schwerer, als die beiden Freundinnen sich das gedacht hatten. Endlich standen sie vor dem Aufzug und hieften den Ozean mit seinen Muscheln, Meertieren und Pflanzen hinein. Ja hatte Brigitte, die Pflegeassistentin, die zusammen mit ihm dem Nachtdienst zugeteilt war, informiert. Wie eine verschworene Gemeinschaft von Kleinkriminellen schlichen sich die vier in Hannes Lindenbergs Zimmer. Er schnarchte dröhnend. John hatte vorgesorgt, zwei Tische zur Seite geschoben und eine Malerleiter hingestellt. Auch wenn die anderen Bewohnerinnen und Bewohner tief schliefen, musste die Arbeit zügig vorangehen. Anstelle eines Hammers hatte sich der praktisch veranlagte John bei Matteo ein Naglergerät ausgeliehen, mit dem man mit einem einzigen Schlag mit der flachen Hand nahezu Geräuschlosnägel in eine Wand rammen kann. Es ging nicht lange, und Hannes Lindenbergs Zimmer atmete tatsächlich die beruhigende Atmosphäre einer Meerlandschaft. In einer Kartonkiste befanden sich weitere Seesterne, Muscheln und bunte Steine, die von den vier Künstlerinnen und Künstlern im Raum verteilt wurden. Um den Reinigungsdienst am nächsten Tag nicht zu verärgern, gingen Annie, Samira, Brigitte und John gezielt vor und hielten die meisten Flächen frei. Aber der Effekt war berauschend. Annie und Samira bedauerten es, am Morgen nicht miterleben zu können, wie Hannes Lindenberg erwachte. Umso mehr freuten sich John und Brigitte auf dessen Reaktion. Die vier gönnten sich noch einen Tee in der Stationsküche, dann machten sich Annie und Samira mit ihren Rädern auf den Weg zum Rosengarten des Nonnenklosters, wo sie ihre neue Bleibe bezogen hatten. Bereits zum dritten Mal schliefen sie dort, aber dennoch überkam sie ein leises Schaudern. Dem Garten haftete etwas Unheimliches an. Samira und Annie wussten, dass hier in früheren Jahren zwei Morde an einem Neugeborenen und an einer Äbtissin stattgefunden hatten, über die sie gar nicht erst alle Details in Erfahrung bringen wollten. Es war zwei Uhr morgens, als Samira und Annie endlich in ihren Betten lagen. Der Mond schien durchs Oberfenster, und obwohl es ein erhebendes Gefühl ist, vom Bett aus den Sternenhimmel zu bewundern, hätten Anni und Samira sich ein Schlafzimmer gewünscht, das sich mit Vorhängen abdunkeln ließ. Dies war mit einem in die Decke eingelassenen Fenster nicht gut möglich. Dann sahen es beide gleichzeitig. Die Schatten, die sich auf und ab bewegten und gespenstische Muster an die eine Wand zeichneten. Die etwas furchtsamere Annie schlüpfte zu Samira unter die Decke. Diese stand beherzt auf, stellte sich direkt unters Dachfenster, kletterte über die Raumspartreppe nach oben und klopfte an die Scheibe. Zwei streunende Hunde jaulten auf und huschten davon. Was habt ihr euch dabei gedacht? Ja und Brigitte saßen verdattert im Büro der Stationsleiterin. Derartige Eigeninitiativen von Studierenden schätzen wir hier nicht, sagte Ronika entschieden und fixierte Jahn. Gerade du, im sechsten Semester, müsstest das eigentlich wissen. Geht jetzt schlafen. Wir sehen uns um 4 Uhr. Dann wird der Wandschmuck im Zimmer von Hannes Lindenberg entfernt. Gleichzeitig saß ein strahlender und um Jahre jünger wirkender Hannes Lindenberg beim Frühstück vor einer Ozeanlandschaft, die ihm geschenkt worden war und die ihn bis ins Innerste seiner Seele wärmte.