Sabeas Traum
Sabeas Traum ist der dritte Roman in der "Sabea"-Serie des Berner Schriftstellers Markus Stadler. Er ist 2026 erschienen und im regulären Buchhandel erhältlich oder direkt bei amazon bestellbar.
Die Story handelt von der materiellen Armut von Pflegestudierenden, aber auch von Freundschaft sowie der Weiterentwicklung des Anthropomorphismus, des Versuchs, Pflegefachpersonen aus ökonomischen Gründen durch deren digitale Zwillinge zu ersetzen.
Sabeas Traum
Sabeas Traum - 15. Episode - arm
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Annie, Samira und Lena machen sich Gedanken, wie sie ihr sehr knapp bemessenes Monatsgehalt aufbessern könnten. Ein paar Ideen verwerfen sie sofort. Aber tatsächlich wissen sie Mitte Monat oft nicht, wo sie bis zum Monatsende Geld hernehmen sollen.
Zugleich, an einem andern Ort in Bühlwil, wird das Studierendendorf weiter konkretisiert, während sich zwei verbrüderte Landbesitzer in den Haaren liegen.
Sabejas Traum Der Podcast Autor Markus Stadler Sebias Traum sowie die beiden vorangehenden Romane Sabeas Haus und Sabeas Baby sind im regulären Buchhandel erhältlich oder bei Emerson bestellbar. 15. Kapitel Arm. Wir haben noch eine Bauernbrotmehl-Fertigmischung im Vorratsschrank. Hefe ist auch schon drin. Bei Ani, Samira und Lena, welche die beiden des Öfteren besuchte, war es mal wieder so weit. Bis zur nächsten Auszahlung des bescheidenen Studierendengehalts dauerte es noch zehn Tage. Ani verfügte bis dahin noch über drei Franken, Samira über deren zwei, Lena war blank. Alle drei hatten keine Ahnung, wo das ganze Geld abgeblieben war, denn die drei Studierenden lebten ausgesprochen sparsam. Samira hatte von ihren Großeltern noch immer keinen Bescheid erhalten. Sie hatte sich überwinden können, in einem langen Brief um eine kleine finanzielle Unterstützung zu bitten. Anni fragte ihre Mutter gar nicht erst, denn ihr war klar, dass diese sich mit den beiden elfjährigen Zwillingen nur mit Mühe über Wasser halten konnte. Bei den drei Studierenden machte sich Verzweiflung breit. Anni saß mit aufgestütztem Kopf am Küchentisch in der unterirdischen Rosengartenwohnung, die trotz aufwändiger Instandstellung eigentlich nicht als Wohnung bezeichnet werden konnte. Zu eng waren die Raumverhältnisse und das Dachfenster, durch das die Frauen womöglich beobachtet werden konnten, irritierte beide in vermehrtem Mess. Ich habe Hunger. Samira schüttete die Mehlmischung wortlos in eine Schüssel, gab Wasser dazu und knetete die Masse zu einem homogenen Teig. Wenigstens riecht es gut, wenn das Brot erstmal im Ofen ist, seufzte sie. Das wird aber nicht reichen, bis wir in zehn Tagen unser Studierendentaschengeld erhalten, entgegnete Annie. Sie war den Tränen nahe. Wir könnten uns bei www.onlyfans.com registrieren, das machen viele Studentinnen, fiel es Lena ein. Man zieht sich einfach aus, lässt sich fotografieren oder filmen, und schon hat man zahlende Fans. Ich habe mir das auch schon überlegt, antwortete Annie und errötete. Mittlerweile gibt es im Internet so viele Millionen Nacktbilder, dass wir vielleicht gar nicht auffallen würden und so unser Monatsgehalt aufbessern könnten. Mir wäre trotzdem nicht wohl dabei, entgegnete Lena. Ein Körper ist ein Körper, klar, und ich sehe das Ganze nicht so eng, mit Entblößten, im Schultern und so. Zudem sehen wir Frauen alle ähnlich aus. Aber ich stelle mir vor, dass irgendein Bekannter auf Onlyfans herumsurft und mich erkennt. Ich würde mich in den Boden verkriechen und nie wieder auftauchen. Im Boden sind wir ja bereits, lachte Annie, in Anspielung auf die gewöhnungsbedürftige Bleibe unter dem Rosengarten. Aber trotzdem. Ich will das nicht. Samira nickte zustimmend. Wie wär's, wenn wir im Nonnenpförtchen anklopfen würden? Die brauchen doch bestimmt jemanden, der im Hinterzimmermehl abfüllt, Teebeutel sortiert und so. Willst du dort in deiner ganzen Freizeit Mehl abfüllen und Teebeutel sortieren? So diskutierten die drei Kolleginnen, bis das Brot im Ofen aufging und der Raum sich mit herrlichem Duft füllte. Brot und Wasser, wie im Gefängnis, beendete Samira das Gespräch. Die Studierenden würden sich, wie schon so oft, von den Resten verpflegen, die sie im Kühlschrank in der Stationsküche vorfanden. Während Ernie, Samira und Lena gerade nicht wussten, wovon sie sich bis zum Ende des Monats ernähren sollten, verhandelte Isabel mit der Gemeinde Bühlwil über die beiden Bunker beim Bühlgraben. Sie lagen an einem perfekten Ort, sodass rundherum problemlos holzbungalos in Fertigbauweise würden aufgestellt werden können. In deren unmittelbarer Nähe sollten sich die Bunker befinden, die sich vorzüglich als Vorratslager eigneten. Kühl und gleichzeitig trocken, geräumig und gleichzeitig raumsparend. Auch Sebastian Wittlinger, der Architekt, umkreiste das Areal bereits wie ein hungriger Wolf, denn ein Teil des Auftrags würde bestimmt an ihn fallen, und zwar auch dann, wenn die Holzbungerlos in Fertigbauteilen angeliefert würden. Die Verhandlungen zwischen der Geschäftsleitung des Pflege- und Alterszentrums Elfenberg, dem Gemeinderat von Bühlwil, dem Regierungsstattalteramt und dem Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport nahmen mehrere Wochen in Anspruch. Das Pflege- und Alterszentrum sah im Bauprojekt eine weitere Innovation, die dem Elfenberg zugute käme und womöglich sogar neues Personal anziehen würde. Einzig Dr. Hufnagel, seines Zeichens gelernter Treuhänder und Geschäftsleitungsmitglied, konnte dem Studierendendorf nichts abgewinnen. Für ihn stellte die Ausbildung im Elfenberg und die Betreuung Studierender nichts als einen lästigen Kostenblock dar. Und Hufnagel war einflussreich. Die Gemeinde konnte mit dem Studierendendorf einen Beitrag an die kantonale Raumplanung leisten und die Wohnungsnot lindern, so dass Bühlwil vom Gesetzgeber nicht unter Druck gesetzt werden konnte, saftiges Agrar- und Weideland in Bauland umzuzonen. Das Regierungsstadtalte Amt konnte unter Beweis stellen, dass es um mehr ging als um seelenlose Bürokratie. Das Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport erkannte in der Anlage schon lange keinen militärischen Zweck mehr und stufte den Verkauf der beiden Bunker an die Gemeinde Bühlwil als positiv und gewinnbringend ein. Allerdings hatten alle die Rechnung ohne die beiden Wirte gemacht. Die Brüder Melchior und Bruno Tiefenthaler gingen sich wegen des Grundstücks seit Jahren an die Gurgel, und zwar dermaßen aggressiv, dass über ihnen in den beiden Bühlwiler Bier schenken ein Rayonverbot verhängt worden war. Lie sich der eine oder andere von ihnen trotzdem blicken, wurden sofort die Dorfpolizisten Weckerli, Schneider und ihre Kollegen ins Bild gesetzt. Mittlerweile wollte es fast scheinen, dem Brüderpaar sei der Streit wichtiger als ein allfälliger Verkauf des Landstücks, das von Jahr zu Jahr verwahrloster wirkte und einer Steppe immer näher kam. Eine Mediation lehnten beide Bauern kategorisch ab, allerdings ohne zu wissen, was eine Mediation überhaupt ist, wie man munkelte. Ohne Einwilligung von Melchior und Bruno Tiefenthaler stand das Studierendendorf auf der Kippe. Das realisierte Ambrosius als erster. Da ging ihm durch den Kopf, dass Elisabeth Tiefenthaler, die Mutter der beiden zerstrittenen Brüder, im Elfenberg verstorben und zu einem digitalen Zwilling kopiert worden war. Seither fristete Elisabeth Tiefenthaler eine virtuelle Existenz in der Abteilung Klosterblick, die unter der Ägide von Ambrosius Lämmer stand. Es wurde sehr sorgsam darauf geachtet, dass nur Bewohnerinnen und Bewohner, die über keine Angehörigen verfügten, als digitale Zwillinge weiterexistierten. Dies, um juristischen Ärger zu vermeiden und so die Krankenversicherungen gezielt zu hintergehen. Elisabeth Tiefenthaler war die einzige Ausnahme gewesen. Ambrosius und sein Forscherteam waren davon ausgegangen, dass die beiden Brüder, die ihre Mutter über Jahre nie besucht hatten, derart im Streit lagen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass sie auf den digitalen Zwilling ihrer Mutter aufmerksam wurden, gegen Null tendierte. Nun würde sich die Situation vielleicht nutzen lassen, im Dienst der künftigen Studierenden, aber auch, damit Ambrosius seine geliebte Sabea und Isabel, die Historikerin, zufriedenstellen konnte. Wie Ambrosius es anstellen sollte, die beiden zerstrittenen Brüder mit deren virtueller Mutter in Verbindung zu bringen und sie erst noch dazu zu bewegen, das Landstück endlich zu verkaufen, war ihm noch schleierhaft. Aber der scharfsinnigen Isabel und der klugen Sabea würde bestimmt etwas einfallen. Bis es so weit war, musste das Studierendendorfprojekt, zum Bedauern aller Interessierten, vertagt werden.