Sabeas Traum
Sabeas Traum ist der dritte Roman in der "Sabea"-Serie des Berner Schriftstellers Markus Stadler. Er ist 2026 erschienen und im regulären Buchhandel erhältlich oder direkt bei amazon bestellbar.
Die Story handelt von der materiellen Armut von Pflegestudierenden, aber auch von Freundschaft sowie der Weiterentwicklung des Anthropomorphismus, des Versuchs, Pflegefachpersonen aus ökonomischen Gründen durch deren digitale Zwillinge zu ersetzen.
Sabeas Traum
Sabeas Traum - 16. Episode - mitten im Zimmer
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Nicht nur Jon und dessen Lebenspartner Matteo, sondern auch Dorfbewohnerinnen und Teammitglieder von Annie und Samira unterstützen die beiden jungen Frauen in der unterirdisch angelegten Wohnung.
Derweil schmiedet Sabea einen wahrhaft teuflischen Plan, damit auf dem Landstück an der Bühl das Studierendendorf errichtet werden kann.
Sabejas Traum Der Podcast Autor Markus Stadler Sebejas Traum sowie die beiden vorangehenden Romane Sabeas Haus und Sabeas Baby sind im regulären Buchhandel erhältlich oder bei Amazon bestellbar. 16. Kapitel Mitten im Zimmer. Dann nahm Matteo Maß. John, sein Partner, sortierte das Werkzeug, während Matteo an einem Mai-Sonntag auf den Knien herumrutschte und das Dach, respektive das Bodenfenster zur Rosengartenwohnung von Annie und Samira in Augenschein nahm. Die Lösung sah er bereits vor sich. Er würde drei Metallschienen benötigen, eine oben, zwei seitlich und sie am Holzrahmen des Klappfensters festschrauben. An der oberen Schiene würde er einen Lamellenvorhang befestigen. In den beiden seitlichen Laufschienen würde sich der Vorhang hoch und hinunterschieben lassen. Unten in der Mitte brauchte es nur einen kleinen Haken, an dem der geschlossene Vorhang festgezürt werden konnte. So hätten Annie und Samira endlich die Privatsphäre, die ihnen zustand, mochten die streunenden Hunde draußen heulen, wie sie wollten. Bei einer Tasse Tee, für Keksa hatte das Geld der beiden Studierenden nicht mehr gereicht, blätterten sich Annie, Samira, John und Matteo durch einen Katalog mit Soren, die auf Bestellung individuell angefertigt wurden. Die Soren wurden in allen denkbaren Farbtönen geliefert. Samira und Anni entschieden sich für ein sanftes Grün. Nur damit das klar ist, sagte Matteo freundlich zu den beiden Frauen. Der Lamellenvorhang ist ein Geschenk von Jean und von mir. Schließlich habt ihr uns viel Freude bereitet, als ihr bei uns in Abteißingen gewohnt habt. Ani und Samira trauten ihren Ohren nicht. Obwohl sie beide gegen ihre Armut ankämpften, schien ihnen das Glück schon wieder heul zu sein, nachdem die Gemeinde Bülwill sie doch schon mit einer Gratisunterkunft, wenn auch mit einer etwas seltsamen, unterstützt hatte. Das können wir nicht einfach so annehmen, sagte Annie mit großen Augen. Doch, klar könnt ihr das. John legte seine Hand auf die von Matteo und bekräftigte so dessen Angebot. Es dauerte drei Wochen, dann wurde der Lamellenvorhang angeliefert. Er wurde von Matteo montiert, passte perfekt, und die Wohnqualität in der Rosengartenkellerwohnung war sofort eine ganz andere. Die Idee mit dem geplanten Studierendendorf war auch zu Annie und Samira durchgedrungen. Sie wussten, dass sich der Bau verzögern würde, und ihnen war schon längst klar, dass sie für den Rest des Praktikums, das im September endete, unter dem Rosengarten leben würden. Wo hielt seine Platanenhofmilchlieferung an die beiden Studierenden aufrecht. Statt nach Abteißingen wurde die frische Kuhmilch nun einfach zum Rosengarten geliefert, in einen großen Behälter aus rotem Metall, der sich beim Einstieg in die Rosengartenwohnung befand. Die Bühlwiler Post war hierzu informiert worden. Im Metallbehälter deponierten Mira, die Logopädin und Esther, die Physiotherapeutin Eier und Brot sowie weitere Lebensmittel. Pflegende aus dem Team, in dem Annie und Samira arbeiteten, kümmerten sich um neue Kleider und Schuhe. Den beiden Studierenden war ihre offensichtliche Armut mehr als nur peinlich, und selbst in den Theorieblöcken an der Pflegeberufsschule wurde Armut als Tabuthema behandelt. Darum war es für die beiden Freundinnen mehr als nur okay, wenn sie nicht direkt auf der Abteilung beschenkt wurden, sondern diskret, und immer mal wieder fanden sie in besagtem rotem Metallkasten die eine oder andere kleine Überraschung vor. Nebst der Unterstützung von allen Seiten kam etwas weiteres hinzu, Annie und Samira spürten, dass sie geliebt wurden und dass sie sich in Bühlwil geborgen fühlen dürften. Der Wiederaufbau des abgebrannten Fachwerkhauses im Dorf, wo die beiden vorher gewohnt hatten, nahm viel Zeit in Anspruch. Dies nicht zuletzt auch deshalb, weil der Denkmal und der Heimatschutz sehr hohe Anforderungen stellten und kaum erschwingliche Auflagen machten. Das restaurierte Gebäude würde entweder verkauft oder sehr teuer vermietet werden müssen. Sabea war übernächtigt, weil es Gratia mal wieder überhaupt nicht gut ging. Sie erbrach sich oft, hatte immer wieder Krämpfe und fand kaum Schlaf. Sabea und Ambrosius mochten sich nicht ausmalen, wie es dem kleinen Mädchen ohne das Pulver der Zyania-Heluenses, dass sie ihr täglich zur Symptomlinderung verabreichten, ergangen wäre. Dann, mitten in einer warmen Meihnacht, stupste Ambrosius Sabea an. Ich muss dich etwas fragen, Zarry, entschuldigte er sich. Dann erläuterte er seine Überlegungen zum zerstrittenen Brüderpaar, das den Bau des Studierendendorfs hinauszögerte, und er eröffnete Sabea auch, dass in seiner Klosterblickabteilung eine Kopie von Elisabeth Tiefenthaler, der Mutter von Melchior und Bruno, ihr virtuelles Dasein fristete. Ich will von dieser Abteilung nichts hören, außerdem bin ich müde, antwortete Sabea unwirsch und drehte sich zur Seite. Ambrosius kuschelte sich an sie und atmete den Duft von Sabeas Haar ein. Wie immer, genoss er die Wärme, die von ihr ausging. Gut, okay, ich lass dich schlafen, klar. Ich dachte einfach, dass du, vielleicht, eine Idee haben könntest. Es war die erste Nacht seit langem, in der Gratia durchschlief, und sowohl Sabea als auch Ambrosius hatten am nächsten Tag frei. Sie genossen mal wieder die Zeit als Familie, und noch immer wurde es Ambrosi warm ums Herz, wenn er sah, wie sich Marion über den Felling, einen schwedischen Kraftbrei für Kinder, freute und wie ihre Augen leuchteten, als es ihr gelang, Gratia einen Löffel von der Delikatesse abzugeben. Ich habe nachgedacht, sagte Sabea plötzlich. Aber mein Plan ist, sagen wir mal, ein bisschen teuflisch. Ich habe Elisabeth Tiefenthaler bis kurz vor ihrem Tod gepflegt. Dann habe ich den Mutterschaftsurlaub angetreten und von ihrem Tod erfahren. Während der ganzen Zeit, in der ich für sie zuständig war, wurde sie von keinem der beiden Söhne, weder von Bruno noch von Melchior, besucht. Und jetzt habe ich von dir erfahren, dass die Frau als digitale Kopie auf deiner verdammten Roboterinnenabteilung sozusagen ein Nachleben fristet. So ist es, bestätigte Ambrosius. Sabeas Augen funkelten wütend, aber dann wurde ihr Blick milde, als sie zu ihren beiden Töchtern sah. Ratia Westerchen ist Felling, strahlte Marion. Sie war das liebste Geschöpf auf Erden, und ihr ganzes Herz gehörte der kleinen krankenschwester. Also, setzte Sabea das Gespräch fort. Ich will nichts von deinen Robotermäusen wissen. Aber ich habe eine Idee, und die ist, wie gesagt, teuflisch. Richtig teuflisch. Die beiden tiefentaler Brüder leben auf zwei heruntergekommenen Bauernhöfen in Richtung des Balmiwaldes. Ich kenne die Gegend nicht gut, aber ich weiß, dass die verstorbene Schwester Kathy, wie wir sie alle genannt haben, dort in einer Art Hexenhäuschen gewohnt hat. Ambrosius konnte sich sehr wohl an die resolute Pflegedienstleiterin erinnern, die sich mit Leib und Seele ihrem Beruf gewidmet hatte, auch dann, als das Dorf wegen des versickernden Bühlwilersees schweren Schaden genommen hatte. Davon war auch das Pflege- und Alterszentrum Elfenberg nicht ausgenommen gewesen. Stell dir also vor, sagte Sabea zwischen zwei Bissen Vollkornbrot, stell dir also vor, du wärst so ein Bruder. Ahnungslos geht er seiner Arbeit nach, melkt am Abend die Kür, schaut noch einmal nach den Hühnern und begibt sich dann nach drinnen. So viel ich weiß, leben die Tiefentaler Brüder allein, jeder für sich auf seinem Hof. Ambrosius lauschte gespannt. Beide löffeln ihre Milchbrocken, fuhr Sabea fort, schlürfen einen dünnen Kaffee und gönnen sich anschließend einen Kartoffelschnaps in der Bauernküche mit der Rauchgeschwärzten Decke. Ambrosius staunte immer wieder ob Sabeas illustrativer Sprache. Er hatte in ihr schon lange eine Schriftstellerin gesehen. Dann, lieber Ambrosius, tun beide das, was alle Männer irgendwann tun. Sie schlüpfen in ihren Schlafanzug und legen sich zu Bett. Auf dem Leintuch zeichnet sich der Schatten einer mächtigen Rottanne ab, leise tickt die Wanduhr, und irgendwo knistert eine Maus. Sonst ist es still. Totenstil. Ob dieser Beschreibung durch ihre Mama hielt sogar Marion mit Füttern inne und wandte sich Sabea zu. Was ist eine Knistermaus, wollte sie neugierig wissen. Wir machen später weiter, lachte Sabea, zeichnete auf einem Blatt Papier eine Maus mit riesigen Augen und schob das kleine Werk zu Marion hinüber. O Mama, rief diese begeistert und zeigte die Maus Gratia. Doch diese reagierte nicht. Später, als die beiden Mädchen in ein Spiel vertieft waren, rutschte Sabea zu Ambrosius aufs Sofa. Die Fortsetzung, sagte sie, die Fortsetzung sieht folgendermaßen aus. Es knarrt im Treppenhaus. Das Geräusch ist selbst für einen verwahrlosten Bauernhof ungewöhnlich. Dann wird sagte die Tür zum Schlafzimmer aufgeschoben, zum Schlafraum von Melchior oder zu dem von Bruno. Und jetzt, mein Lieber, jetzt kommt's. Wer den Raum betritt, ist keine geringere als die verstorben geglaubte Mama der beiden, keine geringere als, Tatata, der digitale Zwilling von Elisabeth Tiefenthaler, in ein mystisches bläuliches Licht getaucht. Mitten im Zimmer bleibt sie stehen. Dann liest sie ihrem Sohn, nehmen wir an, es sei Melchior, die Leviten, während der sich in Panik an seine Matratze klammert. Sie wirft ihm vor, wegen eines läppischen Bruderstreits wertvolles Land versteppen zu lassen und sogar den Verkauf zu verhindern, ein Verkauf, durch dessen Erlös er sich ein besseres Leben leisten und vielleicht sogar eine Frau würde finden können, eine, die für ihn da sein würde, denn sie, Elisabeth, könne es ja nicht mehr. Das Einzige, was Melchior tun müsste, wäre, seinen Bruder auf einen Kartoffelschnaps einzuladen. Die Gemeinde Bülwil würde großzügig bezahlen, davon sei sie überzeugt, und sowohl er als auch Bruno auf dem benachbarten Hof könnten nur gewinnen. Sabea ließ die Stille wirken. Du bist genial, aber sowas von die beste Frau, die es je gab. In solchen Momenten hatte Ambrosius etwas von einem kleinen Jungen. Er sprang auf, setzte sich gleich wieder hin und umarmte Sabea innig. Zur Tat, sagte er, heiser vor Begeisterung. Zur Tat!