Sabeas Traum

Sabeas Traum - 17. Episode - Zöpfe flechten

Kevin MacLeod Season 3 Episode 24

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Sina, die Pflegeroboterin mit nahezu menschlichen Eigenschaften, ist zum grenzenlosen Erstaunen von allen sogar fähig, sich selber einen Zopf zu flechten, was höchste neuronale Fähigkeiten erfordert. Was Sina, der digitale Zwilling, wohl sonst noch so alles zustande bringt?

Die Gespräche drehen sich um den Einsatz des Avatars von Elisabeth Tiefenthaler, der verstorbenen Mutter der beiden zerstrittenen Tiefenthaler-Brüder.

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Sabejas Traum Der Podcast Autor Markus Stadler Sebeas Traum sowie die beiden vorangehenden Romane Sabeas Haus und Sabeas Baby sind im regulären Buchhandel erhältlich oder bei Amazon bestellbar. 17. Kapitel Zapferflechten Sina, der digitale Zwilling, die Kopie der früheren Stationsleiterin Amalia, war nichts anderes als ein neuronales Netzwerk, versteckt in einem weiblichen Körper. Ambrosius und sein Forscherkollege Wu, der sich zwar mittlerweile als Bewirtschafter des Platanenhofs eine Existenz aufgebaut hatte, waren von der Avatar-Pflegefachfrau hingerissen. Sinas neuronales Netzwerk schien zunehmend autonom zu agieren. Es machte den Anschein, dass in ihrem Kopf immer mehr künstliche Synapsen entstanden, die Sinas Fähigkeiten vermehrten und vertieften. Dann saß sie eines Morgens vor dem Wandspiegel im Pikettzimmer und flocht sich selbst einen Zopf. Sie bürstete zuerst gründlich ihr dunkelbraunes, glänzendes Haar, das ihr wie fließender Honig über die Schultern fiel. Dann trennte sie die gewünschte Haarpartie, die sie flechten wollte, ab und teilte sie in drei gleich große Strähnen. Die Strähne rechts legte sie sorgfältig über die mittlere und legte darüber die Strähne, die sich links befand. Den Vorgang wiederholte sie so lange, bis sie einen prachtvollen Zopf hatte, den sie am Ende mit einem blaugrün glitzernden Haargummi sicherte. Was sich so einfach liest, ist ein aus neurologischer Sicht hochkomplexer Vorgang, der fast ausschließlich von Frauen in perfekter Vollendung praktiziert wird. Dass aber ein digitaler Zwilling wie Sina sich das Flechten selbst beigebracht hatte, verdiente höchste Beachtung. Sina war bestimmt noch zu ganz anderen Dingen fähig. Mit Unterstützung von Wu war sie technisch vor ein paar Wochen rundumerneuert worden. Sina war der erste Avatar auf der Abteilung Klosterbleck, der sich mit Induktionsstrom berührungsfrei selbst aufladen konnte. Die nötigen von Magnetspulen umschlossenen elektrischen Leiter waren für viel Geld installiert worden, um so elektrische Spannung und einen Stromfluss zu erzeugen. Als Prototyp, an dem das berührungsfreie Laden getestet wurde, hatte Ambrosius höchstpersönlich Sina ausgewählt. Hierzu hatte er sie vom Netz nehmen und vorübergehend ausschalten müssen. Der Ausschaltpunkt war ein kleiner Druckknopf hinter dem Sternum. Während alle anderen digitalen Zwillinge bei sanftem Druck auf ihr Brustbein eine neutrale Stellung einnahmen und vom Stromnetz abgehängt waren, verhielt es sich bei Sina anders. Als Ambrosius auf ihr Sternum drückte, holte sie Luft, fixierte ihn böse mit ihren großen, grünen Augen und bezichtigte ihn der Belästigung. Ambrosius erstarrte und konnte von Glück reden, dass ein paar ausgewählte Forschungsteammitglieder aus Fleisch und Blut anwesend waren, die Ambrosius beruhigend auf die Schulter klopften und ihn des Verdachts enthoben. Sina aber wandte sich um, schnaufte empört und verschwand am Ende des Korridors in einem Zimmer. Wie können wir sie ausschalten? fragte Ambrosius hilflos in die Runde. Ausschalten für ein technisches Update? Xeneputt, Pflegefachfrau und einer von Sabeas besten Freundinnen, war ebenfalls anwesend. Sie war eine der ganz wenigen Personen, die sowohl auf den regulären Pflegeabteilungen als auch auf der Abteilung Klosterblick ein- und ausgingen. Ambrosius vertraute ihr blind. Xeneputt hatte zu den Frauen gehört, die, als der Bühlwiler See versickert war und weite Teile des Dorfes und dessen Umgebung im Morast versunken waren, mit ihrer beständigen, ruhigen Art den Betrieb im Pflege- und Alterszentrum aufrechterhalten hatte. Lasst es mich versuchen, sagte sie ruhig, folgte Sina und brachte sie dazu, das Zimmer, in dem sie sich verschanzt hatte, zu verlassen. Alles wird gut, Sina, sagte Xeneput mit ihrer warmen Stimme und legte ihre Hand sanft auf das Sternum der digitalen Pflegefachfrau. Auf Sina musste das wirken wie eine leichte, warme Sommerbrise. Eine Sekunde später ließ sie die Arme hängen, nahm die Neutralstellung ein und war bereit für die technische Weiterentwicklung, die nun an ihr vollzogen würde. Eine Zauberin, sagte Wu begeistert, du bist eine Zauberin. Die junge pakistanische Frau stand nicht gerne im Mittelpunkt und senkte den Blick. Sina wurde auf einen Untersuchungstisch auf Rädern gelegt und ins technische Labor gefahren. Dann ging alles sehr schnell. Sina wirkte einen Tag später äußerlich unverändert und flocht sich wieder, unter den faszinierten Blicken des Entwicklerinnen und Entwicklerteams, einen Zopf. Dann begab sie sich ins Zimmer von Elisabeth Tiefenthaler und versah das Silberhaar der virtuellen alten Dame ebenfalls mit zwei Zöpfen. Mittlerweile liefen die administrativen Vorbereitungen fürs Studierendendorf auf Hochtouren. Allerdings wusste niemand von Sabeas Plan Bescheid, niemand hatte auch nur die leiseste Ahnung, wie die beiden Tiefenthaler Brüder vom Verkauf ihres Landstücks überzeugt werden konnten. Aber in Bühlwil war man optimistisch und sah positiv in die Zukunft. Einen Tag später beschlossen Sabea und Ambrosius, Xeneput, aber auch Florina und Isabel ins Vertrauen zu ziehen. Sie luden die drei Frauen zum Abendessen in Sabejas Haus ein, und diese zauberte einmal mehr eine unwiderstehliche Pilzsuppe auf die Teller und hatte eines ihrer Brote gebacken, die auf der Zunge dahin schmolzen. Als Hauptgang servierte Sabea Rinz-Schmorbraten, einen Kartoffelgratin und Salat aus dem eigenen Garten. Dazu gab es frisch gekälterten Riesling aus dem Nonnenpförtchen. Marion übernachtete auswärts, in der Wohnung über der Goldenen Brezel, bei der Familie von Sabeas Freundin Priska. Sie konnte es kaum erwarten, sich mit ihrem kleinen Freund Mario in dessen Spielzimmer auszutoben, und Sabea war Priska einmal mehr dankbar für deren unermüdliche Unterstützung. Gratia schlief neben dem Sofa im Wohnzimmer auf einem Lammfell. Wenn sie schläft, dann schläft sie, sagte Sabea zu ihren Besucherinnen. Wir können normal miteinander reden, und zu besprechen gibt es heute Abend einiges, fügte sie bedeutungsvoll an. Dann, nach dem vorzüglichen Abendessen, eröffnete Sabea Xeneputt, Florina und Isabel ihren Plan, den sie mit Ambrosius ein weiteres Mal bis ins Detail besprochen hatte. Dieser kümmerte sich um die Nachspeise, eine Himbeerquarcreme. Zuerst schnappten die drei Freundinnen nach Luft. Raffiniert, klar, sagte Florina, die als erste ihre Worte wiederfand. Aber was ist, wenn etwas schief geht? Was ist, wenn das Ding mit den digitalen Zwillingen auffliegt? Und überhaupt, ist es nicht vielleicht sogar strafbar, die beiden Bauernbrüder dermaßen, ihm, zu verarschen. In diesem Moment schaltete sich Ambrosius ein und wischte die Bedenken von Florina beiseite. Alle gewinnen, sagte er bestimmt. Die beiden Brüder werden sich wieder vertragen. Sie können ihr Land beim Bühlgraben zu einem namhaften Preis verkaufen. Und künftige Studierende treffen auf ein Dorf, das an Schönheit und Ausstrahlung durch nichts zu überbieten ist. Ohne Zweifel war das Feuer, die Begeisterung, die Isabel mitbrachte, ein weiteres Mal auf ihn übergegangen. Die Idee ist eigentlich von mir. Sabea errötete. Also, worauf warten wir, lachte Isabel, die von allen Anwesenden am wenigsten über die Avatar-Abteilung wusste. Aber kann mir bitte jemand erklären, was es mit diesen digitalen Zwillingen auf sich hat? Ich erkläre dir das einmal in aller Ruhe, ergriff Ambrosius die Gelegenheit und konnte es kaum erwarten, die für ihn so faszinierende Isabelle einmal allein in der goldenen Brezel bei einem Kaffee oder sogar bei einem Bier zu treffen. Gratia brab bellte leise vor sich hin. Sie möchte vielleicht auch mitmachen, scherzte Ambrosius. Im Zusammenhang mit Gratia war es ihm sonst nie zum Scherzen zumute, aber er war in bester Stimmung. Die anwesenden Frauen betörten ihn, und selbst Florina mit ihrer dunklen Lockenfrisur und den klug blitzenden Augen hinter der fein gerenderten Brille wurde ihm zunehmend sympathisch. Wir vergessen manchmal, sagte er wieder ernst, dass digitale Zwillinge keinen 24-Stunden-Rhythmus kennen. Sie essen nicht und sie schlafen nicht, sie kennen keine Freizeitbeschäftigung und sie gehen keine Beziehungen ein. So betrachtet, können wir unseren Plan jederzeit umsetzen. Wenn wir Elisabeth Tiefenthaler von der Abteilung holen, gibt es allerdings einiges zu bedenken, fügte Ambrosius an. Erstens ist da unser digitaler Wachhund, Sina. Ihr entgeht nichts, und sie wird sich quer stellen, wenn wir ihr eine ihrer Bewohnerinnen wegnehmen. Außerdem müssen wir zwei Texte produzieren. Von jedem digitalen Zwilling existiert ein Stimmabdruck, den wir noch zu deren oder dessen Lebzeiten angefertigt haben. Manchmal ist es nur ein Wispern oder ein Röcheln. Die Bewohnerinnen und Bewohner werden mittlerweile bekanntlich sehr alt. Aber auch aus einem Wispern können wir mit Hilfe der Klaviatur unseres Alphabets sinnvolle Texte kreieren und sie den digitalen Zwillingen in den Mund legen. Sabea schauderte. Keine weiteren Details für mich, bat sie ihren Partner. Mir ist die Abteilung Klosterblick unheimlich. Aber sowas von. Nur noch eine Kleinigkeit, ergänzte Ambrosius. Wir installieren im Kehlkopf von Elisabeth Tiefenthaler einen winzigen MP3-Prayer und zwei Lautsprecher. Durch die natürliche Resonanz im Nasenhalsrachenbereich klingt das dann, als würde sie den Text, den wir ihr mitgeben, tatsächlich sprechen. Einzig die Lippensynchronisation ist ein Problem. Aber die beiden Brüder werden dermaßen schockiert sein, dass ihre totgeglaubte Mama mitten in der Nacht in ihren Schlafzimmern auftaucht, dass ihnen das nicht auffallen wird. Er lachte verschmitzt. Hör sofort auf zu lachen, fuhr in Sabea an. Ganz so lustig finde ich das nicht. Die Idee stammt zwar von mir, klar, aber nur, weil in diesem Fall der Zweck, nämlich ein Studierendendorf, die Mittel, nämlich ein Verbrechen, heiligt. Alle Anwesenden schwiegen andächtig, und Sabeas Freundinnen konnten sehr gut spüren, was für ein moralischer Kampf in Sabeas Inneren tobte. Aber das würde sich wieder geben, so hofften die Anwesenden.